Skip to main content
Internet Archive's 25th Anniversary Logo

Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

See other formats


0m 







i,>%.4 







/^' 



^cr. 



■i dfis Waisenhauses iu Halk' '*-S 



ZEITSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



BEGRÜNDET 



VON 



JULIUS ZACHER 



ZWANZIGSTER BAND 



HALL E, 

VERLAG DEE BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES. 

18 8 8. 



Pf 

■3o63 
'Z3S- 

Sc/. Jo 



INHALT. 



Seite 

Die Waldenser uud die deutsche bibelübersetzung. Von G. Ellinger 1 

Bestrebungen auf dem gebiete der Luthergrammatik im 19. Jahrhundert. Von 

J. Luther 37 

Eine quelle zu Schillers Braut vou Messina. Von G. Kettner 49 

Quellenstudien zur littcvaturgcschiclite des 18. Jahrhunderts. Von J. Minor: 

1. Zur Hamburgischen preisausschrcibung 55 

2. Schiller und Leisewitz 65 

3. Die räuber und Goethes Götz von Berlichiugen 66 

4. Schiller und Shakespeare 71 

5. Zu Schillers „Spaziergang" und Tiecks „gestiefeltem kater" 75 

6. Zum „Venuswagen" 75 

7. Zu Goethe 77 

8. Zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften 79 

Aus der Wittenberger universitätsmatrikcl. 1560 — 1660. Von J. Bolte 80 

Quelle und schluss des Vorauer Alexander. Von K. Kinzel 88 

Zur litteratur des lateinischen Schauspiels des 16. Jahrhunderts. Von H.Hol- 
stein 97 

Verbum und nomen in Notkers de syllogismis, de partibus logicae, de rhotorica 

arte, de musica. Von J. Kelle 129 

Ein pasquill aus der zeit des schmalkaldischen krieges. Von E. Matthias.... 151 
Über aneinanderreihung der strophen in der mittelhochdeutschen lyrik. Von 

H. Giske 189 

Zur kritik des Nibelungenliedes, Von E. Kettner: VIIL Die texte A und B 202 
Particip des praeteritums in passivischer bcdeutung mit haben statt mit sein 

verbunden. Von 0. Erdmann 226 

Der teufel in deutschen gcschlechtsnamen. Von K. G. Andresen 227 

Zur domscene des Goethischen Faust. Von G. Kettner 230 

Der „dramatiker" Marcus Pfeffer. Von H, Holstein 232 

Nachtrag zu XIX, 197 fgg. (Steinhöwels Aesop). Von H. Knust 237 

Das gedieht von Joseph nach der Wiener und der Vorauer handschrift nebst 
einigen angaben über die Überlieferung der übrigen alttestamcntlichcn 

deutschen texte des 11. Jahrhunderts. Von P. Piper 258. 430 

Christian Reuter und seine komödien. Von G. Ellinger 290 

Das märchen von Hans Pfriem. Von J. Bulte 325 

Schillerstudien, Von G. Kettner: 

1. Das berglied 336 

2. Thekla, Eine geisterstimme 340 

3. Talbots Sterbemonolog 344 



IV INHALT 

Seite 

Eiu uubekaiites drauia von Leonhard Culnianu. Von H. Holstein 346 

Julius Zacher. Beitrag zur gesebichte der deutscbeu pliilologie. Von K. Wcin- 

hold 385 

Simon Lciuiiius. Von H. Holstein 481 

Vermischtes. 

Erklärungen (von H. Gering, K. Zacher und E. Ilöpfncr) III 

Ein jugondbrief v. Mcusebaclis. Mitgeteilt von C. Schiiddekopf 109 

Nachtrag zu s. 56. Von J. Minor 128 

Lexikographisches. Schlcsisch. Von A. Birlinger 238. 349. 487 

Bericht über die Verhandlungen der deutsch -romanischen section der Zürcher 

philologenversamlung 1887. Von A. Bachmann 495 

Aufruf zur errichtung eines grabdcnkmals für G. K. Frommann 256 

Nachrichten 515 

Berichtigung 515 

Aufruf zur errichtung eines grabdcnkmals für J. Zacher 516 

Litte ratur. 
Geschichte der altdeutschen dichtung von Ferd. Khull; angez. von K. Kinzel 112 
Göttinger beitrage zur deutschen philologic, hcrausg. von M. Heyne und 

W. Müller. 1. Bertold Steinmar von Klingnau und seine lieder, von 

R. Meissner; angez. von A. E. Borger 116 

Ottomar Lorenz, Heinrich von Melk, der Juvcual der rittcrzeit; angez. von 

J. Soemüller 123 

Seifriod Helbling, licrausgegeben und erklärt von J. Scomüller; angez. von 

K. Kinzel 126 

Althochdeutsche grammatik von W. Braune; angez. von H. Gering 247 

Bild- och runsteneu i Ockelbo, af K. IIj. Kemp'ff; angez. von Th, Möbius 251 
Germanische eigennamen der stadt Rawitsch , erklärt von A. Kadi er; angez. 

von K. G. Andresen 252 

Die sicilianische vesper. Trauerspiel von J, M. R. Lenz , herausg. von K. Wein- 
hold; angez. von 0. Erdmanu 255 

Algemeine geschichte der litteratur im abendlande von Ad. Ebert. Dritter 

band; angez. von E.Voigt 361 

Gotthard Ludwig Kosegarten. Ein lebensbild von H. Franck; angez. von 

H. Gering 365 

Ludwig Uhland. Eine studio zu seiner säcularfeier von Herm. Fischer; 

angez. von G. Kettner 374 

E. Schwan, die altfranzösischen licdcrhaudschriften , ihr Verhältnis, ihre ent- 

steliuiig und ihre bcstimmung; angez. von H. Suchicr 376 

J. E. Wackernell, die ältesten passionsspiele in Tirol; angez. von K. Kinzel 378 
Ilelmbrecht und seine hoimat von Fr. Keinz. Zweite aufläge; angez. von 

K. Kinzel 379 

Paul Schütze, beitrüge zur poetik Otfrids ; angez. von 0. Erdmann 380 

Max Ortner, Reimar der alte. Die Nibelungen. Österreichs anteil au der 

deutschen nationallitteratur; angez. von R. M.Meyer 382 

Verzeichnis der mitarbciter und ihrer beitrage zu band XI — XX 501 

Register von E. Matthias 512 



DIE WALDENSER UND DIE DEUTSCHE BIBEL- 
ÜBERSETZUNG. 

Hermann Haupt, Die deutsche Bibelübersetzung der niittelalterliclien Wal- 
denser in dem Codex Teplensis und der ersten gedruckten deutschen Bibel nach- 
gewiesen. Mit Beiträgen zur Kentuis der romanischen Bibelübersetzung und Dog- 
mengeschichte der Waldenser. Würzburg. Druck und Verlag der Stahelschen Uni- 
versitäts- Buch- und Kunsthandlung. 1885. VIII und 64 s. 8". M, 1,60. 

Franz Jostes, Die Waldenser und die vorlutherische deutsche Bibelüber- 
setzung. Eine Kritik der neuesten Hyiiothese. Münster i. W. 1885. Verlag von 
Heinrich Schöningh. 44 s. 8". M. 1. 

Hermann Haupt, Der waldensische Ursprung des Codex Teplensis und 
der vorlutherischen deutschen Bibeldrucke gegen die Angriffe von Dr. Franz Jostes 
verteidigt. Würzburg. Stahel. 1886. 45 s. 8». M. 1,20. 

Franz Jostes, Die Tepler Bibelübersetzung. Eine zweite Kritik. Mün- 
ster i. W. 1886. H. Schöningh. 43 s. 8». M. 1. 

M. Rachel, Über die Freiberger Bibelhandschrift nebst Beiträgen zur Ge- 
schichte der vorlutherischen Bibelübersetzung. (Programm des Freiberger Gymna- 
siums, Nr. 495.) Freiberg. Gerlachsche Buchdruckerei. 1886. 22 s. 4°. M. 1. 

Ludwig Keller, Die Waldenser und die deutschen Bibelübersetzungen. 
Nebst Beiträgen zur Geschichte der Reformation. Leipzig. Hirzel. 1886. VIII und 
189 s. 8». M. 2,80. ^ 

1) Der codex Teplensis enthaltend „Die schrift des newen gezeuges." 
Augsburg. München 1884. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. 
Max Huttier. XIV, 171 s. 4°. m. 18. 

Die hs. ist in kleinem duodezformate (schriftraum der seite 83 : 54 mm.) mit 
kleiner, sehr gedrängter schrift und vielen abkürzungen geschrieben, so dass sie 
sich nicht bequem lesen lässt. Um so dankenswerter ist, dass der bibliothekar des 
Prämonstratenserstiftes Tepl, herr P. Philipp Klimesch, sich der mühe unterzogen 
hat, sie für den druck abzuschreiben. Leider nur ist er weder in der kentnis der 
älteren deutschen spräche bewandert, noch in der kunst, schwierigere handschrif- 
ten zu lesen und ihre abkürzungen richtig aufzulösen. Daher sind ihm denn zahl- 
reiche üble lesefehler mit untergelaufen. Derselbe hatte auch bereits die Überein- 
stimmung dieses textes mit dem der ersten gedruckten deutschen bibeln richtig 
erkannt, und hatte auch diesen text mit dem der ersten „niederländischen" bibel 
verglichen, und ein Verzeichnis der dabei gefundenen abweichungen angefertigt, 
welches aber leider in der ausgäbe mitzuteilen verabsäumt worden ist, „um das ganze 
nicht zu sehr zu vergrössern und zu verteuern" ; so sagt der am Schlüsse des Vor- 
wortes unterzeichnete herausgeber : „Das literarische Institut von Dr. M. Huttier", 
dem also auch die Verantwortung für die gestaltung der ausgäbe zufält. Die aus- 
gäbe ist, wie man jezt zu sagen beliebt, ..splendide gedruckt", aber recht unprak- 

ZBITBCHK. F. DEUTSCHE PHIiOLOüIE. läU. XX. 1 



ELLINGER 



Die frage nach der herkuüft des Codex Teplensis hat bereits 
eine ganze reihe von Schriften hervorgerufen und ist so vielfach erör- 
tert worden, dass es wol an der zeit zu sein scheint, einmal festzu- 
stellen, welche positiven resultate der Wissenschaft aus dieser diskus- 
sion erwachsen sind. Eine solche zusammenfassende betrachtung soll 
in den folgenden Zeilen versucht werden. Leider ist mir hier ein gros- 
ser teil des zu einer solchen Untersuchung nötigen materials nicht zu- 
gänglich gewesen. Ein kurzer aufenthalt in Berlin sezte mich zwar 
in stand, die wichtigsten tatsachen nachzuprüfen; aber alle meine 
bemühungeu , die erste gedruckte hochdeutsche Bibel sowie die zwischen 
1473 und 1475 durch Günther Zeiuer in Augsburg gedruckte ausgäbe, 
zu beständiger vergleichung hierher zu bekommen , hatten keinen erfolg, 
so dass ich mich für die erstere im wesentlichen auf die vergleichung 
in Klimeschs ausgäbe des Codex Teplensis s. 129 — 172, für die 
zweite auf einige excerpte beschränken muste. 

Wie bekant hatte zuerst L. Keller in seinem buch : „Die Refor- 
mation und die älteren Eeformparteien" darauf hingewiesen, dass die 
am schluss des Codex Teplensis stehenden VII. stucke des heiligen 
cristliclien gelavhen ^ eine auffallende Übereinstimmung mit einem wal- 
densischeu glaubeusbekentnis aufweisen. Hauptsächlich dieses argument 
war es , auf welches Keller sich bei der behauptuug stüzte , dass die 
im Codex Teplensis enthaltene bibelübersetzung , die mit den drei ersten 
gedruckten deutschen Bibeln bis auf geringe abweichungen überein- 
stimt, auf waldensischen Ursprung zurückgehe. Yon demselben Stand- 
punkt aus hat H. Haupt in seiner oben erwähnten schrift diese frage 
einer nochmaligen erörterung unterzogen. Er untersucht zu diesem 
zweck s. 2 — 17 zunächst die ausser der bibelübersetzung noch im Co- 
dex Teplensis befindlichen stücke. Für die oben erwähnten sieben 
stücke des heiligen glaubens bestätigt er aufs entschiedenste Kellers 
ansieht, dass diese stücke im wesentlichen eine Übersetzung der 7 arti- 
culi fidei seien, auf welche die geistlichen der mittelalterlichen Wal- 
denser vor ihrer weihe verpflichtet wurden. Haupt führt, während 
Keller sich nur auf eine kurze lateinische fassung dieser giaubensarti- 
kel stüzt, eine ausführlichere romanische version derselben an, und 
stelt die drei fassungen vergleichend nebeneinander. Bei einer genauen 

tisch und unübersichtlich, in den geschmacklosen sogenanten „gotischen" lettern 
des 15. Jahrhunderts, statt in gefälliger und bequemer lateinischer corpusschrift, 
welche es ermöglicht hätte, die sätze leicht mit einem blicke zu überschauen, und 
ohne lästige, zeitraubende, die äugen sehr angreifende mühe sogleich richtig zu 
erfassen. J. Z. 

1) In Klimeschs ausgäbe, teil III s. 101 fg. 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 3 

vergleichung devselbeu wird mau sich Haupts folgerung nicht entziehen 
können, dass alle drei Fassungen auf eine gemeinsame vorläge zurück- 
gehen. — Dafür, dass auch die in dem Tepler codex an diese stücke 
des heiligen glaubeus unmittelbar sich anschliessende abhandluug von 
den sieben heiligkeiten ^ waldeusischen Ursprungs ist, spricht nament- 
lich folgender umstand: die von C. Schmidt beuuzte, später aber ver- 
lorne handschrift, aus welcher wir erfahren, dass die waldeusischen 
geistlichen vor der weihe auf die sieben glaubensartikel verpflichtet 
wurden , berichtet uns noch die tatsache , dass diese waldeusischen pre- 
digtamtskandidaten auch über die sieben Sakramente befragt wurden. 
Dagegen ist das zweite argument Haupts (s. 6), welches sich auf die 
reihenfolge der Sakramente in dieser abhandluug gründet, nicht stich- 
haltig. Denn auch in der katholischen litteratur des mittelalters finden 
wir bei der aufzählung der Sakramente die mannigfachsten Versionen, 
so dass man auf diesen punkt irgend welche haltbare Vermutung nicht 
gründen kann. 

Ausser diesen beiden stücken finden sich in dem Tepler codex 
vor dem evangelium Matthäi die Übersetzung einer stelle aus Hugo 
V. St. Viktor, ferner ein perikopenregister und auszüge aus homilien 
des Johannes Chrjsostomus und Augustins. Dass auch das citat aus 
Hugo V. St, Viktor auf die waldensische herkuuft des codex hinweise, 
will Haupt (s. 9) damit beweisen , dass grade Hugo v. St. Viktor zu 
den in den waldeusischen Schriften häufig citierten mittelalterlichen 
kirchenlehrern zähle und speciell seine schrift über die Sakramente in 
dem waldeusischen traktat: Purgatori angeführt werde. — Auch eine 
waldensische abfassung des perikopeuregisters möchte H. Haupt im 
anschluss an Keller annehmen. Kann er auch, zumal das register gar 
nicht die sämtlichen festtage und heiligentage des kirchenjahres umfasst, 
sondern auf die angäbe der auf die sonutage, auf die auch für laien 



1) Klimeschs ausgäbe , teil III s. 102 fg. By siben heiUkheyte \ die sei 
des newen gezeugz \ i'nd allermeist di vier eioangelisten \ vnd di schrift der iveissa- 
geti beczeugen mit manchen vrkunden ezu sein VlI lieilikheit der kirchen j mit den 
di kirche loirt derhaben alz mit VII. geistlichen sevlen. Haupt macht darauf 
aufuierksaui , dass die siebenzahl der Sakramente als solche noch nicht gegen die 
waldensische abfassung spräche; er bekämpft die ansieht der älteren waldensischen 
geschichtsschreibung , dass die Waldenser schon im jähre 1120 nur taufe und abend- 
mahl als Sakramente anerkant hätten und weist mit recht auf die tatsache hin, 
(s. 5) „dass jene angeblich altwaldensische sakramentslehre erst unter dem einflusse 
des Verkehrs der Waideuser mit den böhmischen brüdern sich ausgebildet, ja dass 
es erst der ret'ormation und der synode von Agrogne im jähre 1532 bedurft hat, 
um die lehre von der siebenzahl der Sakramente aus dem waldensischen lehrsystem 
zu verdrängen." 

1* 



al^omeiu gebottMien eigentlichen feiertage , sowie auf die zeit der vier- 
zigtägigen lasten treffenden lesestücke sich beschränkt, die behauptung 
Kellers nicht mehr aufrecht erhalten , dass die zahl der heiligentage eine 
auffallend geringe sei, so sucht er dennoch den waldonsischen Ursprung 
des registcrs darzutun, indem er darauf hinweist, dass die Waldenser 
den dogmen und den kirchlichen Ordnungen des katholicismus durchaus 
nicht so feindlich gegenüberstanden, als man gemeinhin anzunehmen 
pflegt. Haupt zeigt vielmehr, dass wir in der frühsten eutwicklungs- 
periode des romanischen Waldensertums der anrufung der gottesmutter 
und der katholischen heiligen noch begegnen, dass eine solche anru- 
fung in dem späteren Waldensertum zwar nicht nachweisbar ist, dass 
sie aber auch nirgends direkt bekämpft wird. Während aber hieraus 
im günstigsten falle gefolgert werden darf, dass das register allenfals 
waldensisch sein könte, nicht aber, dass es dies unter allen umstän- 
den ist, glaubt Haupt diesen waldensischen Ursprung des registers aus 
den spärlichen nachrichten , die wir über den gottesdienst und die häus- 
lichen andachten der mittelalterlichen Waldenser besitzen, „äusserst 
wahrscheinlich" macheu zu können. Diese nachrichten geben im we- 
sentlichen darüber auskunft, dass die Waldenser die heiligen Schriften 
in ihren landessprachen lasen, dass sie sich auch von dem katholischen 
gottesdienst fernhielten und statt dessen hausgottesdienste feierten. Für 
solche hausgottesdienste, vermutet Haupt, möge das register bestirnt 
gewesen sein. 

Diese beweisführung steht auf sehr schwachen füssen. Der wal- 
densische Ursprung des registers wird durchaus nicht bewiesen , ja 
nicht einmal wahrscheinlich gemacht. Das höchste, was sich allenfals 
sagen Hesse, wäre dies: dass man, fals das register unter lauter 
unzweifelhaft waldensischen stücken stände, vielleicht eine waidensische 
abfassung desselben würde annehmen können. Aber auch zu dieser 
schwachen behauptung würde mau nur dann veranlassung haben, wenn 
der waidensische Ursprung der übrigen stücke durchaus gesichert wäre. 
Wie verhält es sich nun in dieser beziehung mit den auszügen aus den 
homilien des Johannes Chrysostomus und des Augustin? Haupt glaubt, 
den waldensischen Charakter dieser stücke damit zu beweisen, dass er 
auf das hohe ansehen hinweist, in welchem grade diese beiden kirchen- 
väter bei den Waldensern standen; er bringt ferner Zeugnisse für die 
tatsache bei, dass die Waldenser auch sonst auszüge aus den kirchen- 
vätern veranstalteten. Schliesslich soll nach Haupt aus dem Inhalt der 
citate ^ mit der grösten Wahrscheinlichkeit hervorgehen, dass dieselben 

]) A. a. 0. 8. 16. „Sie alle empfehlen in der nachdrücklichsten weise das lesen 
der heiligen sclu-ift, ujid zwar niclit nur lür die geistlichen, sondern speciell für 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 5 

aus einer von jenen angeführten waldensischeu sentenzensamlungen 
stammen. — Bei dieser argumentation Haupts können wir wider den- 
selben fehler beobachten, wie bei der erörterung über das perikopen- 
register. Bewiesen wird immer weiter nichts, als dies: dass es näm- 
lich nicht völlig ausgeschlossen ist, dass ein Waldenser diese stücke 
aufgeschrieben haben könte. Aber kein grund wird dafür angeführt, 
welcher uns nötigte, einen waldensischeu Ursprung in diesem falle anzu- 
nehmen. Dass Joh. Chiysostomus und Augustin bei den Waldensern in 
hohem ansehen standen, beweist natürlich gar nichts , da beide kirchen- 
väter, wie bekant, auch in katholisclien Schriften (ebenso wie Hugo 
V. St. Viktor) unendlich oft citiert werden. Aus demselben gründe ist 
der hinweis auf die nachweislich von den Waldensern oft veranstalteten 
auszüge aus den kirchenvätern ohne die geringste beweiskraft. Was 
schliesslich den Inhalt der stücke betrift, so kommen hauptsächlich die 
stellen aus Augustin und Chrisostomus super Joannis cap. 2" in betracht. 
In der stelle aus Augustin kann ich zunächst mit dem besten willen 
nichts entdecken, was mich veranlassen könte, zu bestreiten, dass die- 
ses citat nicht auch von einem gläubigen katholiken niedergeschrieben 
sein könte. Warum solte nicht ein katholischer prediger sich auch 
diese stelle ausgezogen haben, um gelegentlich seiner gemeinde zuzu- 
rufen: „Nolite tantum bonos episcopos vel clericos cogitare; etiam vos 
pro modo vestro ministrate Christo benevivendo , elemosinas faciendo 
. . . doctrinamque eins quibus potueritis praedicando, ut unusquisque 
etiam paterfamilias hoc nomine agnoscat paternum aflfectum suae fami- 
liae se debere pro Christo, et pro vita aeterna suos omnes moneat, 
doceat, hortetur, corripiat, impendat benevolenciam, exerceat discipli- 
plinam, ita ut in domo sua ecclesiasticum et quasimodo episcopale 
implebit officium ministrans Christo, ut in eternum sit cum Christo." — 
Das gleiche gilt von der stelle des Chrjsostomus.^ Dieselbe bekämpft 

die laien, für die es nach Johannes Chrysostomus noch weit notwendiger ist, als 
für die geistlichen, in der lektüre der heiligen Schriften eine stütze und einen festen 
anhält inmitten der anfechtungen des täglichen lebens zu suchen. Die aus Augusti- 
nus geschöpfte stelle dagegen widerspricht der auffassung, als ob nur die cleriker 
und bischöfe repräsentanten der christlichen volkommeuheit seien: „jeder laie habe 
die pflicht, durch sitliche lebensführung, durch almosengeben und durch predigen 
der christlichen lehren, soweit immer es ihm möglich sei, gott zu dienen; der fami- 
lieuvater, der sich mit hingebung der sorge für das Seelenheil der seinen widme, 
werde in seinem hause die stelle eines geistlichen , ja gewissermassen eines bischofs 
einnehmen." 

1) Klimeschs ausgäbe III, s. 100. Si vellet aliquis vos cantica perscrutari 
dyabolica et meretricales melodias, multos inveniet cum certitudine hacc scientes, 
et cum multa voluptate annunciantes , sed quid est ipsis accusationi? Non sum, 



6 ELLINGF.R 

aufs entschiedenste die cantica diabolica und die meretricales melodiae 
und verweist denselben geyi-nüber auch die divinae scripturae — eine 
mahnung, die bekantlieh auch iu der litleratur des späteren mittel- 
alters in den mannigfachsten Variationen Aviderliolt wird. Dass auch 
den hiieu die lektüre dieser divinae scripturae empfohlen wird, hat im 
Zusammenhang der stelle durchaus nicht die bedeutung, welche Haupt 
annimt. 

Das resultat unsrer bisherigen Untersuchung ist: von allen den 
stücken, welche Haupt auf waldensischen Ursprung zurückführen will, 
lässt sich ein solcher nur für die sieben stücke des heiligen glaubens 
und die sich ihnen anschliessende abhandluug von den Sakramenten als 
sicher behaupten. Dagegen fehlt für die übrigen stücke jeder grund 
zur annähme einer waldensischen herkuuft. 

Indessen, wenn auch der waldensische Ursprung aller dieser 
stücke festgestelt wäre, so würde damit noch nicht der waldensische 
Charakter der im Codex Teplensis enthaltenen Übersetzung des neuen 
testaments dargetan sein. Diesen nachzuweisen uuternimt Haupt s. 17 
— 35. Dass der text des Cod. Tepl. an vielen stellen nicht mit der 
Yulgata tibereinstimme, hatte man sofort bemerkt; Haupt erklärt (s. 19), 
„diesen abw^eichungen von der Vulgata eine bestirnte beweiskraft nur 
dann beimessen zu können , wenn dieselben nicht den unzähligen Varian- 
ten der Vulgatahaudschriften des mittelalters gleich sind , sondern wenn 
in ihnen ein bestirntes princip, das bei der Veränderung der Vulgata 
eingehalten wurde , und deutliche beziehungen zu der romanischen Bibel- 
übersetzung der Waldenser sich erkennen lassen." Ein solcbes princip 
glaubt Haupt in zw^ei fällen nachweisen zu können. In der romanischen 
Übersetzung des neuen testaments in der Dubliner Waldenserhandschrift 
wird die bezeichnung Jesu in der Vulgata: jfilius hominis regelmässig 
mit „Sohn der Jungfrau, filh de la vergena" widergegeben. Ebenso 
linden wir in dem Tepler codex in den meisten fällen das filius homi- 
nis mit sun der maid übersezt. Weniger einleuchtend ist die zweite 
änderung, an welcher Haupt die waldensische herkuuft der Übersetzung 
dartun will. In dem Tepler codex wird das w^ort gelienna mit einer 
einzigen ausnähme , wo es mit „pein" übersezt wird (Marc. IX , 42) 
durch „angst" oder „angst des feuers" widergegeben, was der über- 

ait, nionachus; scd uxorem habeö, et pueros et sollicitudinera domus quod idem est, 
qiiod Omnibus oLfuit (juia illos solos estimatis discere legem divinas scripturas; 
multo amidius illis vos indigentes, Ulis eiiim qui in medio vertuntiir et per singulos 
dies wulnera suscipiimt maxime iudigerc est farmacorum quorum estimare super- 
fiuum oa legere multo deterius est, quam non legere; haec enim verba dyabolicae 
meditacionis sunt, haec est esca animae, hie ornatus, haec stabilitas quarc non 
andirc fames et corruptio. 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 7 

Setzung des ausdrucks in der romanischen WaldenseriibersetzAing : pena 
entspricht. Ausser diesen beiden durchgreifenden eigentümlichkeiten, 
welche die deutsche und die romanische Bibelübersetzung der Vulgata 
gegenüber gemein haben, weist Haupt noch eine reihe von ver-^ionen 
auf, in welcher die Tepler und die Dubliner handschrift übereinstim- 
men und gleichzeitig von der Vulgata abweichen. Aber während er es 
s. 19 an Keller getadelt hat, dass er zu einer solchen vergleichung die 
revidierte Vulgata von 1592 herbeigezogen, verfält er hier in densel- 
ben fehler. Es versteht sich nun von selbst, dass der revidierten Vul- 
gata gegenüber Tepler und Dubliner handschrift viele gemeinsame, von 
der Vulgata abweichende züge haben werden , welche sie eben iu ihren 
texten fanden, ebenso wie, was Haupt auch selbst eingesteht (s. 30), 
an zahlreichen stellen , an denen die Dubliner handschrift von der Vul- 
gata abweicht, sich die Tepler handschrift an die leztere getreu an- 
schliesst, während umgekehrt sich in der Tepler handschrift eine menge 
von höchst charakteristischen Zusätzen und interpolationen zum texte 
der Vulgata findet, nach welchen man in der Dubliner handschrift ver- 
gebens sucht. Demgemäss beweisen die verglichenen citate s. 25 — 29 
für eine verwantschaft der romanischen uud der deutschen Übersetzung 
in diesem zusammenhange wenigstens nichts. 

So kann man von den argumenten Haupts für den waldensischen 
Ursprung unsrer Übersetzung nur die Übersetzung des filius hominis 
und allenfals noch die des wortes gehenna gelten lassen. Es liegt aber 
auf der band, dass diese beiden argumente, vrenn sie auch eine v^^al- 
densische abfassung der Tepler Bibelübersetzung wahrscheinlich machen, 
doch nicht ausreichen, diese annähme zur zweifellosen gewissheit zu 
erheben. ^ 

S. 35 — 41 handelt Haupt über den waldensischen charakter der 
ersten gedruckten deutschen Bibeln. Wie bekaut stimt die erste ge- 
druckte deutsche Bibel (1466) mit geringen abweichuugen mit dem 
Codex Teplensis überein. Haupt legt darauf gewicht, dass die Über- 
setzungen von filius hominis mit sim der maid und von gehetma mit 

1) Haupt trägt noch einige weitere Vermutungen über die Tepler Übersetzung 
vor. S. 33. „Der waldensische charakter der Tcpler bibelübersetzung .... gibt 
uns auch die erklärung für das ausserordentlich Ideine forniat der Tepler hand- 
schrift (ohne den schmalen rand SS mm. hoch und 54 mm. breit) , die sich ohne 
Schwierigkeit mit der handfljiche bedecken lässt. Die handschrift ist höchst wahr- 
scheinlich im besitze eines der meistcr der Waldenser gewesen, der unter dem vor- 
geben , hausirgeschäfte zu betreiben , wie wir es von dem Waldenserbischof Friedrich 
Eeiser wissen , seine in allen landschaften Deutschlands , in städtcn , dörfern uud 
einsamen höfen zerstreuten glaubensgenossen aufsuchte, ihre beichte hörte und 
ihnen über die biblischen texte predigte." 



angst auch in die gedruckte Bibel übergegangen sind und er zieht hier- 
aus den schluss, dass die erste gedruckte Bibel eine Veranstaltung der 
Waideuser gewesen, und dass es den druckern im wesentlichen um die 
Verbreitung des waldensischen textes zu tun gewesen sei. Allerdings 
fehlt uns dabei für das Alte testament jeder beweis. — Dass die spräche 
der ersten Bibel zu der zeit, in welcher sie gedruckt wurde (1466), 
nicht völlig stimt und im wesentlichen den Charakter des ausgehenden 
14. Jahrhunderts trägt, so dass sie bald darauf in der 4. Bibel eine 
völlige modernisierung erfuhr, deutet Haupt dahin, „dass man bei der 
veröftentlichung der deutschen Bibel zunächst den wünschen der anhä^- 
ger der waldensischen sekte in Deutschland entgegenkam , bei welchen 
jene Übersetzung sozusagen kanonische geltung hatte und welche daher 
an deren veralteten spräche keinen anstoss nahm." Indess lässt sich 
die tatsache auch anders erklären. Jene modernisierung, welche die 
gedruckte Bibel von dem Veranstalter der vierten ausgäbe erfuhr, fasst 
Haupt ^ nun zugleich als eine gänzliche Umarbeitung derselben im 
katholischen sinne, da der bearbeiter die Übersetzung nach der Yul- 
gata völlig durchkorrigierte und nicht allein das sun der maid regel- 
mässig — nur einmal hat er es, wol aus versehen, stehen gelassen — 
in sun des menschen umschrieb , sondern auch die (nach Haupt) walden- 
sischen lesarten durchaus fortschafte. Schliesslich erörtert Haupt die Stel- 
lung, welche die hierarchie den Bibelübersetzungen gegenüber einnahm 
(s. 45 — 50), und zieht aus dem edikt des erzbischofs Bertold von 
Mainz , in welchem sich dieser in scharfer weise gegen alle Übersetzun- 
gen heiliger Schriften und besonders gegen die der Bibel wendet, den 
schluss, dass wenigstens ein teil der deutschen hierarchie von anfang 
an eine feindselige Stellung gegenüber der deutschen bibelübersetzung 
eingenommen und auch dann noch, als die deutsche bibel schon einer 
sorgsamen revision auf grund der Vulgata unterzogen worden war, au 
jener schroff ablehnenden Stellung festgehalten habe. — 

Die unleugbaren schwächen in Haupts beweisführungen veran- 
lassten Franz Jostes , in einer besondern schrift gegen die ganze hypo- 
these zu polemisieren. Er kritisiert zunächst richtig Haupts beweis- 
gründe für eine waldeusische herkunft der excerpte aus Hugo v. St. Vik- 
tor, Chrysostomus und Augustin. Neben dem selbstverständlichen ein- 
wurf, dass der hinweis auf das hohe ansehen, welches gerade diese 
kirchenväter bei den Waldensern genossen, für unsre frage gar nichts 
beweise, macht er darauf aufmerksam, dass es doch sehr auffallend 
sei, wenn diese lateinischen stücke in einer waldensischen Bibel sich 

1) S. 41— 45. 



DIE WALDENSRR U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 9 

fänden.^ Auch Haupts gründe für einen waldensischen Ursprung des 
perikopenregisters werden von ihm (s. 17 — 21) gut kritisiert. Schwach 
ist dagegen , was er gegen die waldensische herkunft der sieben artikel 
und der abhandlung über die Sakramente anführt. Er betont zAmächst 
richtig, dass der zweite teil die volständig orthodoxe lehre von den 
Sakramenten enthalte, dass die reihenfolge der einzelnen Sakramente 
nicht als beweisgrund dienen könne und fährt dann fort : „Also an dem 
zweiten teile ist auch nicht die spur von waLlensischem einfluss zu 
erblicken; wie steht es mit dem ersten? Auffällig ist zunächst, dass 
diese sieben glaubensartikel mit den sieben Sakramenten drei- oder 
viermal in waldensischen, bez. hussitischeu handschriften vorkommen, 
hinffeoen aus der orthodoxen litteratur nicht bekant sind. Wenn man 
freilich bedenkt, dass die mittelalterliche ketzergeschichte ein eifrigst 
bebautes feld ist, die theologische litterärgeschichte hingegen noch sehr 
im argen liegt, so darf das doch , auch wenn sie römischen Ursprungs 
sind, nicht sehr überraschen. Haupt selbst liat aus der konstruktion 
der romanischen und unserer fassung auf eine lateinische — und das 
heisst doch nichts anderes als unwaldensische — vorläge geschlossen. 
Dass ich, der ich weder theologe noch kirchenhistoriker bin, diese nicht 
nachweisen kann, besagt nichts; icli bin aber überzeugt, dass ein in 
der mittelalterlichen theologie bewanderter sie bald auffinden wird." 
(S. 13.) Jostes konte wol selbst kaum glauben, mit diesen dürftigen 
arguraenten die unbestreitbare tatsache aus der weit geschaft zu haben, 
dass die sieben artikel wörtlich mit den waldensischen artikeln über- 

1) S. 9. „Die lateinischen stücke müssen zunächst in einer waldensischen 
bibcl sehr überraschen: die aufsteigenden bedenken verlieren sich auch bei näherer 
erwägung nicht, und die annähme, dass sich der codex in der liand eines „mei- 
sters" befunden habe, hilft uns über dieselben keineswegs hinweg. Haupt sagt 
selbst (s. 40), dass diese Übersetzungen unfraglich auch dem grösten teile der Wal- 
densischen „meister", „deren theologische bildnng und sprachkentnisse wir nicht 
alzu hoch anschlagen dürfen, den lateinischen bibeltext habe ersetzen müssen." 
Ganz richtig! aber was solten denn diese „meister" mit den lateinischen auszügen 
aus den kirchenvätern anfangen? Wie hoch wir die ,, theologische bildung und 
sprachkentnisse" der deutschen meister anzuschlagen haben, das kann sich jeder 
selbst sagen , der sich die liste der aus aller herren länder stammenden „meister" 
ansieht, welche im jähre 1392 den Waldensern in Österreich vorstanden. Es waren 
ihrer damals zwölf und unter diesen drei rusticonim filii , zwei fabri , zwei sutores, 
ja ein sartor, molendinator, carnifex, rasor pannorum. Alle achtung vor der gcsin- 
nung und dem reinen streben dieser männer, dass aber von ihnen auch nur ein 
einziger im stände gewesen sei, diese nicht einmal leichten lateinischen stellen zu 
verstehen, gebe ich nicht zu. Das Waldensertum in Deutschland war eine rein 
populäre bewegung, die im eigentlichen volke ihren sitz hatte; gerade der mangel 
an wissenschaftlicher bildung wird meistern und anliängern stets von den gegnern 
vorgeworfen," 



10 ELLINfiF.fl 

einstimmen. Deshalb will er nachweisen, dass die Urkunden, welche 
über diese stücke sprechen, gar keinen zweifei an dem katholischen 
Charakter dieser artikel aufkommen lassen. Wenn die Strassburger 
und die österreichische han'dschrift, welche uns über das examen , das die 
waMensischen predigtamtskandidaten vor ihrer Ordination zu bestehen 
hatten, auskunft geben, berichten, dass die kandidaten über Sakramente 
und de VII. articulis befragt wurden, so folgert Jostes daraus, dass 
diese artikel nun nicht einzeln aufgezählt werden , der katholische refe- 
reut müsse sie für etwas (unter den katholiken) algemein bekantes und 
für nichts s])ecifisch Waldensisches gehalten haben. Es liegt doch aber 
auf der band, dass es zum mindesten sehr übereilt ist, aus dieser 
nachricht eine solche folgeruug ziehen zu wollen. — Auf grund dieser 
seiner Untersuchungen glaubt sich Jostes berechtigt, Haupt den satz 
entgegenstellen zu können, dass die Tepler handschrift allerdings einem 
Prediger gehört habe, aber keinem waldensischen, sondern einem katho- 
lischen. Die hier zunächst sich erhebende frage, ob ein katholischer 
prediger sich der Bibel habe bedienen können, bejaht Jostes für Deutsch- 
land ganz entschieden. Er behauptet , dass sich ein Bibelverbot für 
Deutschland im 14. Jahrhundert nicht nachweisen lasse. Das von Haupt 
angeführte Bibelverbot Bertholds von Mainz (das natürlich nicht das 
14., sondern das 15. Jahrhundert angeht; s.o. s. 6) erklärt er für eine 
Verordnung, welche die einsetzung einer präventivcensur verkünde, wie 
sie auch anderwärts (in Köln seit 1479) bestanden, „Wenn Haupt 
nachweisen will, sagt Jostes s. 24, dass die lektüre der deutschen 
Bibel der römischen lehre widerspricht, dass die bischöfe usw. , die den 
druck nicht behindert, sich des Ungehorsams gegen Kom schuldig ge- 
macht, dass die geistlichen und laien, welche sie benuzt, inkorrekte 
katholiken gewesen seien, so mag er das tun, ich werde ihm nicht 
widersprechen. Aber dass die römischen geistlichen sich im mittelalter 
der Bibelübersetzung nicht in ausgedehnter weise bedient hätten, wo- 
rauf es allein ankörnt, dieser behauptung widerspreche ich entschieden 
und will hier meinen Widerspruch begründen." Um dies zu tun, gibt 
Jostes ' sehr dankenswerte auskunft über die handschrift einer Über- 
setzung des Neuen Testaments, welche auf der bibliothek des Ver- 
eins für geschichte und altertumskunde Westfalens zu Münster sich 
befindet. Die Übersetzung weicht, wie uns Jostes bericiitct, von den 
bis jezt bekaut gewordenen durchaus ab. Durch eine auf dem zweiten 
leeren pergaraentblatt befindliche notiz von gleichzeitiger band, ist man 
in den stand gesezt, den Ursprung dieser Übersetzung genau zu bestim- 

1) S. 25 fg. 



DIE WÄLDENSER ü. DIE DEUTSCHE BIHKI.CBERRETZUNG 11 

raen; diese notiz lautet: Bit boeck hoert in der clerchehuus hynnen 
swoüe. Uad am scbluss der evaugelien steht die bemerkuug: Hier 
eynden die vier ewangelisten in diujtsclie. Ghescreven vermids mi Jo- 
han henrics soen die ivachter een onnutte iiriester. Int iaer ons lieren 
dusent vierhondert ende vijftich des donredaghes voir onser vrouiven 
dach nativitas. Bid voir mi. — Es lässt sich also nicht bestreiten, 
dass wir hier eine von priestern beuuzte und zum teil wenigstens auch 
von priestern geschriebene Übersetzung des Neuen Testamentes haben 
und Jostes macht es s. 26 fg. allerdings wahrscheinlich , dass dieselbe in 
erster linie wenigstens den predigern gedient hat. 

Bei der bekämpfung der inneren gründe , welche Haupt für seine 
hypothese anfülirt, machen Jostes natürlich die von Haupt beigebrach- 
ten einzelnen abweichungen von der Vulgata die geringsten Schwierig- 
keiten.^ Es war leicht, nachzuweisen, dass bei dem zustand der Yul- 
gata im mittelalter solclie gemeinsamen abweichungen zweier Über- 
setzungen von der Vulgata sich finden müssen, wenn man der verglei- 
chung dia revidierte Vulgata von 1592 zu gründe legt (s. oben s. 4). 
Etwas mehr mühe kostet es Jostes schon, durchschlagende gründe 
gegen die auffällige Übereinstimmung des sun der maid in der deut- 
schen und des filh de vergena in der romanischen übeisetzung beizu- 
bringen. ^ Er weist darauf hin, dass in der litteratur des deutschen 
mittelalters die bezeichnung für Christus: der megde hint^ der meide 
sun sehr häufig gewesen sei, die beneunung; des menschen sun dage- 
gen durchaus ungebräuchlich. Das leztere ist nicht richtig und das 
erstere in diesem fall nicht beweisend. Weit eher als auf diese bei- 
den gründe hätte sich Jostes darauf berufen können,^ dass das citat 
einer bekanten stelle aus Matthäus , welche am schluss der sieben arti- 
kel steht: son des menschen hat. Allein auch diese abweichung ist 
nicht beweisend, da auch in der Bibelübersetzung vereinzelt: sun des 
menschen sich findet. — Desgleichen will das , was Jostes gegen Haupts 
zweiten beweisgrund (widergabe von gehenna durch angest [bzw. pein] 
in der deutschen, pena in der romanischen Übersetzung) ins feld führt,^ 
nicht grade viel sagen. 

1) S. 28— 36. 2) S. 37fg. 

3) was er, wie ich sehe, in seiner zweiten schrift auch tut, s. 13. 

4) S. 39. „Dem worte gegenüber, namentlich in der Verbindung gehenna 
ignis, haben sich die Übersetzer aller sprachen in Schwierigkeiten befunden. Wer 
die mittelalterlichen exegeten kent, wird auch wol die glossen nachweisen können, 
auf welchen die widergabe durch „angst" oder „pein" beruht. Die ZwoUer Über- 
setzung gibt Jacobi III, 6 inflammata a gehenna wider durch „van den vyande 
onfuncket." Auch das wird auf eine glosse zurückgehen. Der herausgeber der vier- 



Natürlich leugnet Jostes entschieden den waldensischen Charak- 
ter der Tepler Übersetzung und der drei ersten drucke, den Charakter 
der vierten hihcl aber bezeichnet er nicht als eine katholische expurga- 
tion, sondern als eine modernisierung und eine genauere anpassung an 
den lateinischen text. Indessen erwachsen bei einer solchen annähme 
wider mannigfache Schwierigkeiten. War es dem bearbeiter wirklich 
nur darum, zu tun, durch wegschaffung veralteter ausdrücke und durch 
genauere widergabe des textes die iiiudernisse , welche der Verbreitung 
der Übersetzung im wege standen , zu beseitigen , so ist er mit einer 
merkwürdigen Inkonsequenz vorgegangen. Ich will nur ein beispiel 
anführen: Job. XII, 38 wird die bekante Jesaia - stelle im Cod. Teplen- 
sis folgendermassen widergegeben: vnd wem wirt deroffent der arm 
äez Herren (Klimeschs ausg. I, s. 143); ebenso in der ersten Bibel. 
Während nun der bearbeiter der 4. Bibel das deroffent (mhd. eroffenen 
= kundtun) in verkündet umschreibt, lässt er in der entsprechenden 
stelle des Alten testaments das eroffent unbeanstandet stehen (Jesaia 
53, 1: vnd ivcm wirt eroffent der arm des herrn), ein deutlicher 
beweis, dass jene revision mehr beiläufig von dem bearbeiter geübt 
wurde. ^ 

Dagegen hat Jostes s. 41 treffend auf einige andre Schwierig- 
keiten hingewiesen, die man, wofern man sich in der hauptsache der 
ansieht von dem waldensischen Ursprung der Tepler Übersetzung an- 
schliesst, zu erklären suchen muss. „Ich glaube, sagt Jostes, wer ein- 
mal seine (Haupts) Voraussetzungen als richtig anerkent , in der Tepler 

ten bibel hat hier aus dem nämlichen gründe (weil ihm die Übersetzung nicht genau 
schien) geändert. Irgend ein religiöses motiv kann ich nicht entdecken." 

1) Wenn Jostes behauptet, der bearbeiter der vierten Bibel habe ferner nur 
die absieht gehabt, eine genauere Übersetzung herzustellen und sei dabei von dogma- 
tischen riicksichten durchaus nicht beeinflusst worden, so ergibt sich die Unrichtig- 
keit der ansieht schon aus dem umstände, dass der bearbeiter die auffallendsten 
versehen der Übersetzung unbeanstandet Hess , wenn sie nur dogmatisch nicht anstös- 
sig waren. Ich entnehme ein besonders charakteristisches beispiel dafür der schrift 
von Rachel, a. a. o. s. 12 anm. 1. Es handelt sich um die Übersetzung von Römer 
XV, 25. „Der lateinische text lautet: Nunc igitur proficiscar in Jerusalem mini- 
straro sanctis. Das hcisst in der X.Bibel: Barumb neyg ich zu ieriisalem zu die- 
nen den heiligen und schon in der I. bibel heisst es: Borumh naige ich. Woher 
diese seltsame Übersetzung? Sabatier gibt als Variante aus Augustinus nur per- 
gam für proficiscar, das doch die Übersetzung naige auch nicht erklärt. Das rät- 
sei löst sich durch die handschrifteu T(epl) und F(reiberg); dort steht: Darum nu 
ge ich zu Jerusalem, zu ambechten den heiligen. Daraus hat der erste druck 
(man kann hinzufügen: oder bereits die dem ersten druck zugrunde liegende hand- 
schrift): naige ich gemacht; und das ist auch in den „nach dem latei- 
nischen text gerechtfertigten" drucken stehen geblieben." 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBEL tJBERSETZtJNG 13 

Übersetzung eine bibel „mit ganz signifikant waldensischen" lesarten 
sieht, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als die annähme, dass die 
drei ersten ausgaben geheim in den kreisen der Waldenser vertrieben 
worden sind. Denn wer behaupten wolte, die orthodoxen jener zeit 
hätten den waldensischen charakter der Bibel übersehen, den wir jezt 
noch zu erkennen glauben , oder hätten gar ihrer Verbreitung stumm 
zugesehen, der kent doch die Inquisitores haereticae pravitatis schlecht 
und mutet dem gesunden menschenverstande etwas zu viel zu. Wie 
findet Haupt nun den Übergang von der dritten waldensischen zu der 
vierten katholischen ausgäbe? Sehr leicht, denn bei den katholiken 
wurde almählich auch der wünsch nach einer deutschen Übersetzung 
rege und um denselben befriedigen zu können, bemächtigten sie sich 
kurzer band des waldensischen Bibelwerkes. Leider trägt diese antvvort 
wider eine ganze reihe anderer fragen in ihrem schoosse. Zunächst 
muss es doch sehr befremden, dass die Waldenser von dem jähr des 
vierten druckes ab ihre rührigkeit plötzlich mit der schlafmützigkeit 
der orthodoxen vertauschen. Denn nicht nur sehen sie dem raube ihres 
litterarischen eigentums stilschweigend zu, neiu, bei all ihrem (von 
Haupt und Keller angenommenen) einfiuss in den reichsstädteu und in 
den kreisen der drucker veranstalten sie auch nicht ein einziges mal 
eine unverfälschte angäbe ihrer altehrwürdigen ausgäbe mit all den 
signifikant waldensischen lesarten." — Auf alle diese sehr berechtigten 
fragen werde ich unten zurückkommen. 

In seiner zweiten schritt sucht Haupt s. 5 — 8 den walden- 
sischen Ursprung der lateinischen excerpte zu retten. Hatte Jostes auf 
die geringe bildung der Waldenser sowie auf die tatsache hingewiesen, 
dass die meister der Waldenser meist handwerker waren und deshalb 
ihnen wol kaum grössere kentnisse zuzutrauen sind, so will Haupt dar- 
tun, dass die Waldenser auch in den höheren kreisen der geselschaft 
vielfache anhänger gefunden haben, dass ferner die in einem Genfer 
manuscript erhaltene waldensische erklärung der Cantica canticorum 
ein hohes mass von gelebrsamkeit und eine ausgebreitete keutuis der 
mittelalterlichen exegeten erkennen lasse, ja dass in den romanisch - 
waldensischen handschrifteu sich eine ganze anzahl von lateinischen 
stücken fänden. Dieser beweis ist Haupt, soweit ich beurteilen kann, 
gelungen, aber bewiesen wird damit für die waldensische herkuuft der 
excerpte nichts. Ebensowenig wird s. 15 — 22 ein irgendwie schlagen- 
der beweis für den waldensischen Ursprung des perikopenregisters 
erbracht. Jostes hatte (a. a. o. s. 19) bestritten, dass die Waldenser 
die messe beibehalten ; diese ansieht widerlegt Haupt. Allein was wird 
damit erreicht? Weiter nichts als die gewisdheit, dass das stück sei- 



14 ELLINOEE 

nem inhalt nach ebensowol von einem Waldenser wie von einem katlio- 
likcn abgefiisst sein kann. Aber Hanpt führt keinen grund dafür an, 
welcher es auch nur wahrscheinlich machte, dass dieses register wirk- 
lich von einem Waldenser abgefasst ist.^ So kann ich nur bei meinem 
schon olien goüusserten satz bleiben : eine waldeusische abfassung des 
registers würde nur dann wahrscheinlich sein, wenn dasselbe unter 
lauter stücken von unzweifelhaft waldensischem Ursprung stünde. Ebenso 
aber niuss man von den excerpten sagen: für die AValdenser dürfte man 
sie nur dann in anspruch nehmen, wenn sie miter lauter stücken von 
unzweifelhaft waldensischem Ursprung ständen. So bewegt man sich 
in einem ewigen cirkel ; haltbare gründe für den waldeusischen Ursprung 
des registers und der excerpte hat Haupt auch in dieser zweiten schrift 
nicht erbracht. 

Dagegen wird es Haupt leicht, die von Jostes vorgebrachten 
einwürfe gegen die waldeusische herkuuft der 7 stücke des heiligen 
glaubens zu entkräften. (S. 8 — 11.) Ebenso werden Jostes bemerkun- 
gen über die abhandluug von den 7 Sakramenten durch eine verglei- 
chuug derselben mit dem romanisch - waldensischen traktat : „li sept 
sacrament" entschieden widerlegt. Dagegen kann ich nicht zugestehen, 
dass die reihenfolge der Sakramente irgend etwas bewiese ; auch Kawe- 
raus argumentation (Theologisches Litteraturblatt, 1885, nr. 38) hat 
mich davon nicht überzeugt. 

Was nun die inneren gründe, welche Haupt für die h3-pothese 
beigebracht, angeht, so hatte Jostes behauptet, dass die bezeichuung: 
sun der niaid auch sonst im mittelalter vorkomme, sun des menschen 
aber im mittelalter eine durchaus ungebräuchliche benennuug Christi 
gewesen sei. Es liegt nun auf der haud, dass die leztere behauptung 
gänzlich unrichtig ist. Haupt hat s. 25 — 27 aus der gedruckten und 
ungedruckten litteratur zahlreiche beispiele zusammengestelt , die sich 
unschwer vermehren Hessen. Was das vorkommen des ausdrucks : sun 
der maid betriff, so könte dasselbe eine beweiskraft doch nur dann 
haben, wenn nachgewiesen würde, dass die bezeichnung in den lezten 
Jahrhunderten des mittelalters als Übersetzung von filius hominis sich 
findet. Dafür sind aber bis jezt nur sehr wenige beispiele angeführt, 
die zu dem häufigen vorkommen des ausdrucks im Cod. Teplensis und 
der entsprechenden bezeichnung in den romanisch -waldensischen Schrif- 
ten in gar keinem Verhältnis stehen. Schwieriger als bei diesem und 
dem zweiten beweisgrund Haupts (widergabe des gehcnna der Vulgata 

1) Der von Kawerau angeführte beweisgrund, dass Luther dem Neuen testa- 
ment von 1524 eiu nach dem römischen messhuch angelegtes lektionenverzeichnis 
beigefügt hat, reicht jedenfals dazu nicht aus. 



DIE W'ALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 15 

durch angesf oder ^;em) war es, die einwürfe Jostes bezüglich der von 
der Vulgata abweichenden lesarten des Tepler und Dubliner codex zu 
widerlegen. Da Haupt dieser vergleichuug die revidierte Vulgata von 
1592 zu gründe gelegt hatte, so war es Jostes leicht, von den vierzig 
gemeinsamen abweichungen des Tepler und Dubliner codex von der 
revidierten Vulgata siebzehn in einer Vulgatahandschrift des klosters 
Werden aufzufinden. Es scheint nun wol nicht zweifelhaft, dass in 
andern Vulgatahandschiiften sich noch weitere stellen finden werden, 
die von der revidierten Vulgata abweichen und mit dem Tepler und 
Dubliner codex übereinstimmen. Haupt bestreitet dies freilich. „Durch 
die Jostesschen einwürfe veranlasst, sagt er s. 30 , hatte ich in 
einer auzahl von Vulgatahandschrifteu und mittelalterlichen deutschen 
Bibelübersetzungen die von mir ausgewählten vierzig Varianten der 
Tepler und Dubliner haudschrift nachgeschlagen und dabei die erfah- 
rung gemacht, dass jene mittelalterlichen Vulgatahandschrifteu und 
Übersetzungen zum grösten teile mit der Wevdeuer Vulgatahandschrift 
übereinstimten , sowol dann, wenn diese an die Dubliner und Tepler 
Varianten sich anschloss , als auch dann , wenn sie von ihnen abwich. 
Zu den stellen , an welchen die verglichenen handschriften von der lesung 
der Tepler und Dubliner haudschrift sich entfernten, gehörte nun aber 
besonders eine anzahl der von mir angeführten Varianten der Apostel- 
geschichte, von denen Jostes nur einen kleinen teil, fünf von vierzehn, 
in seiner Werdener haudschrift gefunden hatte." Haupt bezieht sich für 
die Apostelgeschichte auf die forschungen Samuel Bergers; nach den- 
selben soll für diesen teil des Neuen Testaments der Cod. Teplensis fast 
genau dieselbe textgestaltung bieten, wie die waldensisch-provenzalische 
Übersetzung , deren vorläge , (d. h. der Vulgatatext , welcher die grund- 
lage der romanischen Übersetzung Avar) einer handschriftenfamilie ange- 
hört, die, obwol sie ursprünglich im südlichen Frankreich und in Spa- 
nien weit verbreitet war, in Frankreich seit der zeit Ludwigs des Hei- 
ligen nicht mehr gebräuchlich war; vierunddreissig aus der Itala her- 
übergenommene Interpolationen, welche die waldensisch-provenzalische 
Übersetzung in der Apostelgeschichte enthält und von denen nicht ein- 
mal die hälfte in den meist interpolierten handschriften der Vulgata 
sich beisammen finden, lassen sich ohne ausnähme aus dem Codex 
Teplensis belegen. — Ich gehe auf diese tatsache hier vorläufig nicht 
ein, da ich auf Bergers Untersuchungen weiter unten ohnehin zurück- 
kommen muss. 

Jostes sucht in seiner zweiten schrift s. 7 — 14 nachzuweisen, 
dass die sieben stücke des heiligen glaubens und die abhandlung von 
den sieben Sakramenten auf waldensischen Ursprung nicht zurückgingen. 



IC ELLINGER 

Auch die auffallende älmlichkeit mit dem Dubliner traktat ist für ihn 
nicht entscheidend; der leztere ist nach seiner meiuung ein wirklicher 
katechismus; dagegen erklärt er die abhandlung von den sieben Sakra- 
menten für eine katechetische predigt (vgl. Jostes erste schrift, s. 8.) 
und er hält diese deutung auch gegen Haupts Widerspruch (Haupts 
zweite schrift, s. 10.) aufrecht. Wesentlich neues für seine ansieht 
bringt er nicht bei; dagegen ist es meiner ansieht nach richtig, was 
er s. 12 über die reihenfolge der Sakramente und deren beweiskraft 
sagt. Allein dadurch wird die hypothese nicht erschüttert ; ebensowenig 
durch die vergleichung der in beiden stücken (den sieben artikeln und 
dem traktat über die sakiamente) vorkommenden Bibelstellen mit dem 
Bibeltext des Codex Teplensis s. 13 fg. Einzelne abweichungen finden 
sich, wer wolte das bestreiten; allein sie sind durchaus nicht bedeu- 
tend genug, um irgend welche sichere Schlüsse daraus zu ziehen. Auch 
das zufällig sich hier findende: son des menschen beweist nichts; ich 
habe schon oben (s. 11) darauf hingewiesen. Weiter wendet sich der 
Verfasser s. 15 fg. gegen die beweisgründe, mit denen man das periko- 
penregister halten wolte und sucht mit neuen argumeuten auch die 
möglichkeit zu bestreiten, dass ein Waldenser dieses register habe 
abfassen können.^ 

Zu den inneren gründen für die waldensische herkunft der Bibel- 
übersetzung behauptet Jostes s. 20, die vorlagen der romanischen und 
deutschen Übersetzung könten schon um deswillen nicht zur selben 
handschrifteufarailie gehören, geschweige denn in derselben sich beson- 
ders nahe stehen, weil sie weder im Inhalte (Vorreden, Laodicäer- 

1) S. 15. „Wir haben iu der Teplcr Bibel nicht das gewöhnliche römische lektions- 
verzeichnis, sondern ein für ganz begrenzte Verhältnisse angelegtes, freilich gemacht 
auf grundlage jenes. Ich habe nachdrücklich darauf hingewiesen, dass man nie 
die Icktioncn für jene tage verzeichnet hat, an denen gepredigt wurde. Man benuzte, 
das folgt daraus, den codex eben bei der predigt zum vorlesen der perikopen. Die 
art der auswahl sczt nun ganz geordnete kirchliche zustände voraus: man predigte 
nur sontags und an einigen feiertagen , in der fastenzeit aber jeden tag und Weih- 
nachten dreimal: das ist römischer usus. Zugestanden, dass es auch waldensischer 
gewesen wäre, so wird man doch nicht bestreiten können, dass die perikopen für 
einen waldcnsischen meister gar nicht ausreichten. Denn der konnte sich doch 
nicht an jene tage beim predigen binden, da er von ort zu ort wanderte. Er hatte 
alle Veranlassung, soviel perikopen aufzunehmen, als es überhaupt gab und es gab 
mehr als sechsmal so viel. Nie und nimmer hat dieses perikopenverzeichnis von 
einem Waldenser angelegt werden können! Weiter wird man aus einem protestan- 
tischen lektionsverzeichnisse keine perikope auf ein fest beizubringen wissen, das 
erst nach der rcformation cingesezt ist. Unser perikopenverzeichnis führt aber fron- 
leichnam auf, und dieses fest wurde erst eingeführt, als die Waldenser längst als 
ketzer verfolgt wurden," 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBEKSETZUNQ 17 

brief) noch in der anordnung der einzelneu bücher sich deckten. Dass 
diese ansieht nicht richtig ist, wird sich unten ausweisen. Aber auch 
die weiteren betrachtuugen, die der Verfasser s. 20 an das Verhältnis 
der handschriften anknüpft, sind nicht völlig einleuchtend. Gegen 
Haupts argumeutation betrefs des ausdrucks: sun der maid wendet 
sich Jostes s. 22 — 24. Nachdem er darauf hingewiesen, dass der aus- 
druck durch ein misverständuis entstanden sei, indem men nämlich das 
homOf bezw. avd^Qcorrog weiblich aufgefasst und ßlius hominis dergestalt 
als filius vw-^fmis verstanden habe, fährt er fort (s. 23): „Als die neue 
(irrige) auffassung seit dem 11. Jahrhundert sich verbreitete, dass filius 
hominis = filitis virginis sei, konte ein Übersetzer um so eher dazu 
kommen, es zu übersetzen, wenn er das wort mensch nur in einem 
ganz engen sinne gebrauchte und sich nicht genau an die worte der 
Vulgata anschloss. Beides ist bei dem Tepler Übersetzer der fall . . . 
Der Übersetzer gibt homo im Singular stets durch man wider, wenn 
überhaupt von einem manne die rede ist, und nur dann durch mensch, 
wenn es sich wirklich um beide geschlechter handelt. Im plural sagt 
er weitaus in den meisten fällen laute statt homines, weit seltener 
metischen, wenn es angeht auch manne. Im Matthäusevangelium habe 
ich den Sprachgebrauch ganz genau geprüft und gefunden , dass er nur 
an einer stelle (26, 42) mensch sagt, wo er man sagen könte. Diese 
eine stelle mag auch durch den schreiber verändert sein, denn offen- 
bar ist es auch ein schreiber gewesen , der die Übersetzung von Matth. 
XIII, 44 in die jetzige gestalt gebracht hat: quem qui invenit homo, 
dbscondit = wan so in der mensch oder man findet, verhirget in.^^ 

Diese angäbe ist unrichtig. Ich habe das Lukasevangelium in 
diesem punkt nachgeprüft und gefunden , dass allerdings mehrfach 7nan 
für das homo der Vulgata gebraucht wird, z. b. VI, 7. VII, 8. X, 30. 
Xn, 14. XIV, 16. 24. XV, 11. XVI, 1. 19. XVIII, 10. XIX, 21. 22. 
XX, 9. XXII, 59, 60. XXIV, 7, aber durchaus nicht ausnahmslos; 
häufig steht auch mensch, auch wenn es sich durchaus nicht um beide 
geschlechter handelt (das leztere z. b. IV, 4. VI, 45. XII, 9 u. ö.). So 
wird z. b. bei der heilung des besessenen, cap. VIII im anschluss an 
den text man und mensch promiscue gebraucht. V. 27. Vnd do er was 
ausgegangen zu dem land \ im hegegenf ein man der da het den teu- 
fet usw. V. 38. Vnd der man \ vom dem di teufet waren ausgegangen 
usw. Dagegen: 33. Dorum di teufet giengen aus von dem menschen. 
35. vnd si funden den menschen siczent zu seinen fusen. Vgl. V, 18. 
Vnd secht di man trugen einen men sehen in dem pete. Ebds. 20 
mensche \ dein sunt werdent dir vergeben. XIV, 2. Vnd secht ein 
mensch was zer suchtiger waz vor im. XXIII, 5. Ich vind Mein schuld 

ZEITSCHBIFT F. DEUTSCHE PmLOLOGIE. BD. XX. 2 



J8 ELLINGER 

an disem menschen. Ebds. v. 6. Wan do Pilatus geJiort \ er fragt 
oh er teere ein mensch | ein Gtdileer. Alleüfals kann man auch noch 
ant'ühren: VII, 25. Wan ivaz giengt ir aus | ze sechen? ein men- 
schen \ gcwazzt (1. gevazz,t) mit linden gewand? 

Jostes bemerkt ferner s. 23 fg., dass die übersetzmig: sun der 
maid docli nur dann lür waldensisch gelten könne, wenn nachgewiesen 
würde, dass eine waldeusische, uukatliolische auffassuug ihr zu gründe 
läge. Dafür sei aber bis jezt noch kein beweis geliefert worden. Ausser- 
dem könne das sim der maid doch nur dann beweiskraft haben, wenn 
es ausnahmslos stände, nun fände sich aber gegen sieben mal sun des 
menschen, während es doch klar sei, dass es nicht ein einziges mal 
stehen dürfe, wenn eine principielle auschauung zu gründe läge. — 
Die richtigkeit dieser folgerungen ist zu bestreiten. Auch wenn der 
ansdruck nichts specifisch waldensisches hat, würde doch die fast durch- 
gängige Übereinstimmung der deutschen und der romanischen Über- 
setzung in der widergabe des filius hominis immer schon eine auffäl- 
lige tatsache sein, die auf eine nahe verwantschaft beider schliessen 
Hesse. Zugehen will ich Jostes allerdings, dass man diesem puukt 
allein eine genügende heweiskraft nicht zugestehen kann. — Den ans- 
druck angest weist Jostes s. 25 in der St. Gallener evangelienüber- 
setzuug des 11. Jahrhunderts nach, die denselben allerdings nur für 
das infernuni der Vulgata gebraucht, während sie gehenna mit helle 
widergibt. Diese Übersetzung stimt auch sonst in manchen zügen mit 
der Tepler überein; wie die leztere übersezt sie Sadducaei mit verlei- 
tare, auch die Übersetzung: hoten für apostoli findet sich hier. Jostes 
schliesst hieraus auf eine nahe verwantschaft des „ursprünglichen tex- 
tes des Codex Teplensis, den wir in überarbeiteter und verderbter 
gestalt vor uns haben." (S. 30.) 

Nachdem Jostes dann noch (s. 27 — 29) aus der Apostelgeschichte 
eine reihe bemerkenswerter ahweichungen des Codex Teplensis von der 
Vulgata mitgeteilt und auf die vorrede der Kölner Bibel von 1481 
hingewiesen, aus welcher wir erfahren, dass diese Übersetzung schon 
lange, bevor sie im Ober- und Niederlande gedruckt worden, hand- 
schriftlich in klöstern und konventen verbreitet gewesen sei, bekämpft 
er nochmals entschieden die ansieht, dass in Deutschland während des 
mittelalters ein ausdrückliches verbot des bibellesens existiert habe.^ 

1) Jostes bittet seine recensenten, mitzuteilen, dass er an einer geschichte 
der deutschen bibelübersetzung im mittelalter arbeite. Ich gebe seine eignen werte 
und bitte im interesse des verdienstvollen unteruehmens um weitere Verbreitung 
derselben: „Eine bitte habe ich zum schluss noch an die herren recensenten, die 
mir alle gewiss gerne erfüllen, gleichviel, ob ich sie in diesem schriftchen über- 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBEBSETZUNG 19 

Fragen wir mm nach den positiven ergebnissen der bisherigen 
diskussion, so kann, was zunächst die in dem Codex Teplensis sich 
befindenden kleinen stücke angeht, der waldensische Ursprung als ge- 
sichert nur bei den sieben stücken des glaubens und den sieben Sakra- 
menten angesehen werden. Dagegen ist die waldensische herkunft der 
übrigen stücke nicht bewiesen, ja nicht einmal wahrscheinlich gemacht. 
Da der Codex sich doch sicher später in den bänden eines katholiken 
befunden hat, so ist es sehr leicht möglich, dass dieser die excerpte 
aus Hugo, Chrysostomus und Augustin sowie das perikopenregister am 
anfang des buches eiugetragen hat; leider sagt uns P. Klimesch bei 
Jostes, erste schrift, s. 7 fg. nicht, ob diese am anfang des codex ste- 
henden stücke von einem der vier Schreiber herrühren, die das übrige 
geschrieben haben. — Was die Bibelübersetzung selbst angeht, so ist 
es wol wahrscheinlich gemacht, dass sie auf waldensischen Ursprung 
zurückgeht, aber die von Haupt angeführten gründe reichen nicht aus, 
um diese tatsache zu beweisen. 



Bevor wir uns nunmehr der schrift Kellers zuwenden , wird es 
sich empfehlen, im anschluss an das programm Eachels das notwen- 
digste über die Freiberger Bibelhandschrift zu berichten. Rachel gibt 
zunächst s. 1 fgg. eine genaue beschreibung der haudschrift. Die hand- 
schrift hat ebenfals ein sehr kleines format; die reihenfolge der bücher 
ist dieselbe wie im Codex Teplensis. Interessant ist besonders die 
notiz , welche sich auf der inneren seite des schlussdeckels findet : Dis^ 
buch het gegeben der er \ sanie herre her hamann albert \ su Luttern 

zeugt habe oder nicLt: nämlicli in ihren besprechungen hervorzuheben, dass ich 
an einer umfassenden geschichte der deutschen bibeltibersetzung im raittelalter 
arbeite. Ich will den plan kurz vorlegen: Aus jedem einzeluen Bibelstücke (Psal- 
men, Propheten, Sirach, Aktus usw.) — gleichviel ob es für sich oder in Verbin- 
dung mit anderen im umlauf gewesen ist — wird ein längerer zusammenhängender 
abschnitt abgedruckt, damit auf diese weise nicht nur die verwantschaft zum Vor- 
schein komt, sondern man auch ersehen kann, wie zu den gesamtübersetzungen des 
Alten und Neuen Testaments die einzelnen teile etwa zusammengefügt sind. Die 
niederländischen Übersetzungen werden mit eingeschlossen ; das ist schon wegen der 
innigen litterarisehen beziehungen zwischen Niederdeutschland und den Niederlan- 
den erforderlich. Es liegt auf der hand, wie notwendig es ist, das noch vorhan- 
dene material möglichst volständig zu benutzen, da eine handschrift oft ein über- 
raschendes licht verbreiten kann. Das in unseren öffentlichen bibliotheken vorhan- 
dene material ist ja unschwer kennen zu lernen, aber wie viel befindet sich nicht 
in privaten, gymnasial- und namentlich in den österreichischen klosterbibliothcken. 
Hier bedarf ich der freundlichen Unterstützung und ich hoffe, die herren recensen- 
ten werden im Interesse der sache meine bitte um dieselbe nachdrücklich befür- 
worten." 

2* 



20 ELLINGER 

2)ferer zu spcsshach mit dem datum 1414 vff martino. "Wir ersehen 
also, dass die haudscbrift nicht lauge nach ihrer entstehung (ende des 
11. Jahrhunderts) in der hand eines pfarrers sich befunden hat. Nach- 
dem der Verfasser dann die spärlichen nachrichten über die handschrift 
zusammeugestelt und s. 5 — 7 das bei Kehrein ungenau abgedruckte 
cap. V aus dem Matthäusevangelium mitgeteilt hat, berichtet er über 
die Zusätze und korrekturen , die sich in der handschrift finden. Er 
unterscheidet vier arten dieser randbemerkungen: 1) die korrekturen, 
die der Schreiber der handschrift selbst beigefügt hat; 2) Verbesserun- 
gen und nachtrage, die von einer andren hand herrühren, wol, wie 
der Verfasser meint, von einem korrekter, der die handschrift durch- 
sah und die vom Schreiber übersehenen fehler verbesserte. Dieselbe 
hand hat 3) die perikopen am rande bezeichnet, vereinzelt auch paral- 
lelstellen angegeben oder auf eine stelle besonders aufmerksam gemacht. 
Diese bemerkuugen sind nach Rachel hinzugefügt, ehe die handschrift 
gebunden wurde; denn einzelne von ihnen sind durch beschneiden des 
Pergaments verstümmelt. Später sind hinzugekommen 4) von einer 
dritten hand eine grosse anzahl von randbemerkungen und Überschrei- 
bungen, welche andere worte an stelle der im texte stehenden bieten. 
Dieselben sind ihrem Inhalt nach entweder kleine nachtrage oder erläu- 
terungen schwer lesbarer worte ; in den meisten fällen aber sollen ver- 
altete ausdrücke durch neuere ersezt werden. Die zusätze sind nicht 
nach einem bestimten princip, sondern nach dem augenblicklichen bedürf- 
nis gemacht worden; so komt es, dass dieselben worte teils verbes- 
sert worden sind, teils nicht und dass sich an manchen stellen die 
Zusätze häufen, während sie dann durch lange abschnitte ausbleiben. 
In ihrer mehrzahl stimmen nun diese Verbesserungen mit den gedruckten 
Bibeln, in einer reihe von fällen aber (etwa sechzig von zweihundert- 
fünfzig) mit der Bibelhandschrift überein, welche im besitz Goetzes 
war und sich jezt auf der Hamburger stadtbibliothek befindet. Kachel 
hat diese Bibel untersucht und s. 9 fgg. eine wilkommene beschreibung 
derselben gegeben.^ Aus dieser beschreibung ergibt sich zunächst , dass 
die am schluss der handschrift stehende Jahreszahl: 1404 falsch ist;^ 
denn die handschrift weist sich als eine, allerdings sehr freie, abschrift 
aus einer der späteren vorlutherischen Bibeln aus und zwar, wie s. 12 
nachgewiesen wird: entweder aus der IX. X. XL oder XII. Die zahl 

1) Die handschrift, schon beschrieben von Goeze, Versuch einer Historie der 
gedruckten niedersächsischen Bibeln, enthält nur evangclien und die (erst sjjäter 
hinzugekommene) Apostelgeschichte. 

2) wonach die angäbe Haupts in seiner zweiten sehr ift, s. 28 berichtigt wer- 
den muss. 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 



Öl 



ist also "wol ein versehen des Schreibers, der sich wahrscheinlich in 
den hunderten, oder in den zehnern geirt hat. Neben einer dieser 
Bibeln hat der Schreiber der Hamburger haudschrift nocli eine andere 
vorläge, wahrscheinlich eine evangelienhaudschrift benuzt ; wie es scheint, 
ist diese handschrift auch die quelle der späteren raudbemerkuugen 
der Freiberger handschrift gewesen; dass diese vorläge eine evangelien- 
handschrift war, geht aus dem umstände hervor, dass in der apostel- 
geschichte die randbemerkungen zu der Freiberger handschrift mit den 
gedruckten Bibeln fast volständig übereinstimmen. 

Auf eine merkwürdige tatsache hat Rachel s. 16 hingewiesen, 
dass nämlich die Hamburger handschrift eine Zwischenstufe sprachlicher 
gewautheit zwischen den späteren Bibehi und Luthers Übersetzung dar- 
stelt und dass in einer ganzen reihe von stellen die lesarten der Ham- 
burger handschrift und Luthers Bibel den älteren drucken gegenüber 
eine auffällige Übereinstimmung zeigen. Da die tatsache nicht ohne 
Wichtigkeit ist, so seien hier zwei der von Rachel beigebrachten stel- 
len angeführt; ich konte das Verhältnis der Septemberbibel und der 
Hamburger handschrift nicht natfhprüfeu, da mir die leztere nicht zu- 
gänglich gewesen ist. 

Freiberger hs. Tepler. Bibel XI. Hamburger. Septeniberbibel. 

Lucas IV. Nicht Nichten ver- Nicht versuch Du solt nit Du soll Gott 
enversucht dei- such deinen deinen Herren 
nen herren got. Herren Got. got. 

Job. XII, 24 — 26. Cod. Tepl. stimt hier bis auf einige kleine 
orthographische eigentümlichkeiten mit der Freiberger überein ; bei bei- 
den fehlt auch das sein nach amhechter. 



versuchen got deynen herren 
dynen herren. nit versuchen. 



Freiberger Tepler. 
Gewerlich geiver- 
lich sag iehz euch 
ob daz ivaitzenkorn 
velt an die erd vnd 
ob es nit dersiirbt, 
es bleibet ein. tvan 
ob es stirbet es brin- 
get vil mucherz. Der 
sein sei lieb hat der 
verleust si vnd der 
sein sei hazzt in 
dirr weit der behut 
si in daz ewig le- 
ben der mir ambecht 
der nachvolyet mir. 
vnd xco ich bin, da 



X. Bibel. 
Werlich werlich 
sag ich euch nur 
allein daz weytzen- 
korn valle in dye 
erden vnnd sterbe 
es beleybt einig. 
Stirbt es aber, es 
bringt vil frucht. 
Der sein sei lieb 
hat, der verleurt 
sye vn/nd der sein 
sei hast in diser 
weit, der behut si 
in das eicig leben. 
Der mir dienet der 
nachuolge mir. Vnd 



Hamburger hs. 

Fürwar sage ich 
uch die warheit. es 
sy dan daz daz 
weytzenkorn daz da 
velt in daz ertrich 
ersterbe, so verb(l)yt 
es alleyn. Stirbt es 
aber, so bringet es 
vil frucht. Der syn 
sele lieb hat, der 
loirt sye Verliesen, 
vnd der syn sele 
hasset yn dieser 
weit, der vertvaren 
sie in das ewig le- 
ben. Der mir die- 



Septemberbibel. 

Warlich warlich 
sage ich euch. Es 
sy denn das das 
weytzenkorn ynn di 
erden falle vnnd 
ersterbe, szo bleybts 
alleyn, wo es aber 
erstirbt, so bringts 
viel frucht. Wer 
seyn leben lieb hat, 
der wirts verlieren 
vnnd wer seyne le- 
ben auff diszer weit 
hasset , der wirt er- 
halten zum ewigen 
leben. Wermyrdie- 



22 ELLINGER 

u'irt auch mein am- ica ich bin da wirt net, der volge mir nen tvyll, der folge 

hechter. Der mir auch mein diener nach vnd wo ich myr nach, vnd wo 

ambecht vnd mein sein. Der mir die- bin, da sol auch ich byn, da soll 

rater der in dem net, mein vater der myn diener syn. meyn diener auch 

himehi ist der eret in den himeln ist, Dienet mir yemant, seyn, vnd wer mir 

in, eret in. den %cirt myn vat- dienen ivirt, den 

ter, der in den hi- ivirt meyn vater 

mein ist, eren. ehren. 

S. 18 fgg. wendet sich der Verfasser zu der Freiberger handsclirift 
zurück und stelt folgende drei Sätze auf: I. Weder die Freiberger noch 
die Tepler hiindschrift ist die unmittelbare vorläge des drucks. II. Die 
unmittelbare vorläge stand der Freiberger haudschrift näher als der 
Tepler. III. Die Tepler und Freiberger handschrift haben selir engen 
Zusammenhang. — Den ersten satz beweist der Verfasser im wesent- 
lichen damit, dass Freiberger und Tepler handschrift nicht selten 
gemeinschaftlich von der ersten bibel abweichen ; für den zweiten führt 
er an, dass, wenn die Freiberger und Tepler handschrift von einander 
abweichen, die erste Bibel in der weitaus grösseren zahl der fälle mit 
der Freiberger stimt. Die enge verwantschaft beider handschriften 
spricht sich besonders in einer anzahl gemeinschaftlicher Schreibfeh- 
ler aus. 

S. 19 fgg. wendet sich der Verfasser schliesslich der frage zu, 
ob die Freiberger handschrift eine Waldenserbibel sei. Er bespricht 
kurz die beiden Schriften Haupts und die erste schrift von Jostes und 
beantwortet dann die frage dahin , dass die inneren gründe dieselben 
seien wie beim Codex Teplensis, die äussere beschaffenheit der hand- 
schrift aber keinen grund zu der annähme eines waldensischen Ursprungs 
gäbe. „Es fehlen, sagt Rachel s. 21, alle beigaben irgend w^elcber art, 
die äussere gestalt widerspricht der nächstliegenden annähme, dass wir 
es mit einem erzeugnis der klösterlichen Schreiberwerkstatt zu tun 
haben , in keiner weise ; das einzig ungewöhnliche ist das kleine format, 
doch stimt das auch mit der annähme des gebrauchs im seelsorgevischen 
dienste eines pfarrers überein .... Die an den rand geschriebenen 
angaben der lesestücke weisen auf einen gebrauch im kanzeldienste 
hin; die Inschrift, dass der ehrsame herr Hamann Albert, zu Luttern, 
pfarrer zu Speesbach, das buch anno 1414 tiff martino gegeben habe, 
beweist, dass die handschrift bald nach ihrer entstehung (denn früher, 
als ins ende des 14. Jahrhunderts dürfen wir sie nicht setzen) im besitze 
eines pfarrers gewesen ist, der sie wol in eins der klöster schenkte, 
mit deren bibliotheken die unsrige zusammengeflossen ist; sie ist auch 
später am ende des 15. Jahrhunderts in jemandes hand gewesen, der 
an ihr so viel Interesse hatte , um sie sprachlich zu erläutern und les-r 



DIE WALDENSER ü. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 23 

bar zu erhalten; und das könte sehr wol im kloster geschehen sein; 
Schafte doch z. b. der procurator fratrum Michael Starcke für das 
Dominikanerkloster die Strassburger Bibelübersetzung vom jähre 1485 
an — kurz alle diese äusseren momente sprechen teils sehr entschie- 
den für, keines aber gegen den orthodoxkirchlichen Ursprung und ge- 
brauch der handschrift." 

Das buch Kellers beschäftigt sich nur zum teil mit unsrem 
gegenstände. S. 1 — 9 widerholt der Verfasser kurz die resultate seines 
buches: die reformation und die älteren reformparteien, und die grund- 
züge seiner anschauungen über die altevangelischeu gemeinden. Sodann 
bespricht er die diskussion zwischen Haupt und Jostes und fasst die 
positiven ergebnisse derselben s. 10 richtig dahin zusammen , dass der 
waldensische Ursprung der sieben glaubensstücke und der abhandlung 
von den Sakramenten erwiesen sei, dass dagegen wider den walden- 
sischen Charakter derjenigen stücke, welche zu anfang des Tepler codex 
stehen, von Jostes sehr begründete und von Haupt nicht genügend 
entkräftete einwendungen erhoben worden seien. Ebenso ist er auch 
der meinuug, dass die von Haupt für den innerlich waldensischen Cha- 
rakter der Bibelübersetzung beigebrachten beweisgründe nicht genügen, 
um bindende Schlussfolgerungen daran zu knüpfen. S. 11 — 39 sezt 
sich der Verfasser dann mit einigen kritikern seines oben erwähnten 
buches auseinander. 

Das zweite kapitel behandelt nach einigen kurzen orientierenden 
bemerkungen über die gedruckten Bibelu des 15. und die Plenarien des 
14. und 15. Jahrhunderts, die frage, ob die Verbreitung dieser bücher 
mit Zustimmung der kirche oder trotz der kirche statgefnnden habe. 
Der Verfasser entscheidet sich mit recht für das leztere und führt als 
beweis den erlass Karls IV. von 1369 an, in welchem derselbe auf 
grund der kanonischen Vorschriften den laien alle bücher verbietet, 
welche in deutscher spräche von den heiligen Schriften handeln. Wenn 
man neuerdings von katholischer seite für die kirche das verdienst in 
anspruch genommen hat, „dass um jene zeit der entstehung und 
des immer widerholten drucks der pleuarien (ca. 1470 — 1517) bes- 
ser als zu irgend einer früheren oder späteren zeit für die reli- 
giöse Volksbildung gesorgt worden sei" (Alzog in seiner verdienst- 
vollen Untersuchung über die Plenarien, Freiburg. 1874.), so wird 
man Keller völlig zustimmen können, wenn er diese behauptung ent- 
schieden bestreitet. Es ist im gegenteil sehr wahrscheinlich, dass 
die Plenarien nicht aus orthodox -katholischen kreisen stammen; in 
einem fall wenigstens vermögen wir es mit Sicherheit nachzuweisen. 



24 ELLINGER 

Und zwar künnen wir das bei dem merkwürdigen Plenar, welches 
Joseph Haupt, Wieuer Sitziings- Berichte, philos.- historische Klasse, 
bd. 76 s. 51 fgg. besprochen hat und das Keller mit vollem recht an 
die spitze seiner Untersuchung stelt. Er widerholt zunächst s. 47 die 
wesentlichen resultate Haupts/ ohne sie indessen genauer nachzuprü- 
fen. Ebenso rogistrirt er s. 49 Haupts bchauptung, dass die hand- 
schriftlichen deutschen Plenarien des 14. Jahrhunderts eine und dieselbe 
Übersetzung aufweisen , während die erklärung auch nicht in zwei hand- 
schriften die gleiche sei.^ Eben jene Übersetzung nun sei aber iden- 

1) „1. Um (las jähr 1340 war eine grosse, das ganze kirchenjahr umfassende 
samlnng von erklärungen der evangelien und episteln veranstaltet worden, von 
einem laien, wie es scheint, der Süd- Europa, besonders aber Italien genau gekant 
hat. 2. Diese erklärungen waren wesentlich aus den werken der deutschon mysti- 
ker genommen und zu einem, obzwar verhiilten, dennoch aber deutlich erkenbaren 
ziel überarbeitet. Dieses ziel bestand in nichts geringerem als einen volständigen 
kämpf gegen „die pfaifen" einzuleiten und durchzuführen. Die praktischen und 
äusserst schneidigen spitzen gegen die geistlichen und die kirche sind wol alle erst 
vom samler in die theoretischen sätze der mystiker verwebt worden. 4. Von die- 
ser samlnng war bis jezt nur die auswahl bekant, die Hermann von Fritzlar von 
1343 an zusammenschreiben liess und die bis jezt als ein hauptpfeiler für die 
geschichte der deutschen mystik gegolten und darin auch einen breiten räum in 
allen litteraturgeschichten eingenommen hat. Sie sinkt auf eine ziemlich zahme 
und magere Chrestomathie zusammen." Vgl. auch Scherer, litteraturgeschichte s. 240. 

2) Haupts behauptung, dass die erklärung nicht in zwei handschriften die 
gleiche sei, will ich nicht bestreiten; allein ich muss darauf hinweisen, dass auch 
in den erklärungen die verwantschaft der Plenare häufig hervortritt. Die königl. 
bibliothek in Berlin besizt ein handschriftliches Plenar (Ms. Germ. 4°. 797. 169 s. 
Quart, Schrift des 15. Jahrhunderts); in demselben sind evangelien und episteln 
nicht übersezt, sondern bloss die anfangsworte der lateinischen texte werden ange- 
geben, worauf dann eine deutsche predigt folgt. Dieses Plenar zeigt nun in ein- 
zelnen punkten offenbar verwantschaft mit dem von Haupt beschriebenen ; man vgl. 
z. b. folgende stelle. 

Berliner Plenar. Haupt, Beiträge zur Littera- 

An dem neuen eingehenden Jar Euan- tur der deutschen Mystiker, Wiener 

geliiim Luc. 7. cap. In illo tempore. Post- Sitzungsberichte, LXXVI s. 58. 
quam completi sunt dies acta ut circum- 
cideret puer. 

Glossa. Man heget houte den Jieilegen 
Liehe kinder Heut hegehen ioir den ach- ohersten tak an dem vnser Jierre 
ten tag unßeres Herren gehurt da unßer Christus hesnytten wart vnd ist der 
Herr ward getragen in den tempel vnd ivar achte tak noch dem Cristes tage, 
heschnitten da tvar im der nam Jeßus gege- wen unser herre höt an disem tage 
ben Zum 2. ßoVen tvir wißen, daz zu dem ersten inöle sein blut ver- 
sieh unßer Herr ließ heschneiden dz er he- gozzcn durch der menschen tvillen. 
stettigt den glauben vnd daz er ßein bluot 
vergoß an dem achtenden tag nachßeimer gehurt. 



DIE WALDENSER V. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 25 

tisch mit derjenigen , welche in der mehrzahl der gedruckten deutschen 
Pleuarien des 15. und 16. Jahrhunderts begegnet. Und da nun diese 
Plenarien meist dem text der altdeutschen Bibel folgen, so ergibt sich 
nach Keller die Schlussfolgerung, dass die deutschen Pleuarien des 
14. Jahrhunderts und besonders die in rede stehende samlung auf die- 
selbe Übersetzung zurückgeht, welche die Tepler Bibel darbietet. 

Soweit ich indessen bis jezt urteilen kann, scheinen mir die bei- 
den behauptnngen Haupts, dass ein und dieselbe Übersetzung sowol 
den handschriftlichen Plenarien des 14. Jahrhunderts wie der mehrzahl 
der gedruckten Plenarien des 15. und 16. jahrh. zu gründe liege, nicht 
richtig zu sein. — Allein das beeinträchtigt den wert nicht, welcher 
diesem Plenar für unsre frage zukomt. Der Verfasser desselben ist von 
einer entschieden oppositionellen Stimmung der kirche gegenüber beseelt. 
Die feindlichen massregeln des Herodes gegen das Christuskind bezeich- 
net er als eine geistUche geivalt und in der vorrede des Plenariums 
verteidigt sich der laie gegen die hochgelehrten pfaffen, er rühmt sich, 
die evangelien ins deutsche übersezt zu haben, und dass er abermals, 
den pfaffen zum trotz mit einer neuen arbeit hervortrete. Schon aus 
dieser tatsache kann man schliessen, aus welchen kreisen die Plena- 
rien und die Bibelübersetzungen des 14. Jahrhunderts hervorgegan- 
gen sind. 

S. 51 fgg. folgt dann bei Keller ein exkurs über das Verhältnis 
der Bibel Luthers zu der älteren Übersetzung. Der Verfasser widerholt 
kurz die resultate der schrift Kraft'ts: „Über die deutsche Bibel vor 
Luther und dessen Verdienste um die Bibelübersetzung" und führt aus 
Kraffts Untersuchung einige stellen an, um die tatsache zu beweisen, 
dass Luther in vielen punkten von der altdeutschen Übersetzung 
abhängig ist. Ferner bringt er einige neue beispiele für die schon von 
Krafft beobachtete tatsache, dass Luther in manchen fällen, wo er 
ursprünglich von der älteren Übersetzung abgewichen, später zu der- 
selben zurückkehrt, ebenso wie er auch in späteren ausgaben häufig 
den an die ältere Übersetzung sich anschliessenden ausdruck geändert 
hat. Sodann kehrt der Verfasser s. 65 fgg. zu der frage zurück, wie 
sich die kirche zu den Bibelübersetzungen gestelt hat. Er führt das 
Zeugnis des Gerhard Zerbolt, eines Schülers des Gerhard Grote, an, in 
welchem jener sich beklagt, dass während alle andern Völker Über- 
setzungen der heiligen schrift besässen, diese in Deutschland nicht 
zugelassen würden. Dagegen ist es uns, wie Keller mit recht hervor- 
hebt, sowol von den romanischen als den deutschen Waldensern sicher 
bezeugt, dass sie Übersetzungen der biblischen bücher in ihren landes- 
sprachen besessen haben. Wenn diese nachrichten nur evangelien und 



26 ELLINGEB 

epistelü, vom Alten testameut nur die psalmen besonders zu nennen 
pflegen, so findet Keller den grund für diese tatsache in der Stellung 
der Waideuser zum Alten testament, welche s. 72 — 77 behandelt wird. 

Um den innerlich waldensischen Charakter der Tepler Übersetzung 
nachzuweisen , benuzt Keller im dritten kapitel s. 78 — 109 die appro- 
bierte katholische Übersetzung des 16. Jahrhunderts, Emsers Neues 
testament. Wie bekant hat Emser Lutlier vorgeworfen , dass er „ein 
sonderlich wickleffisch oder hussisch exemplar" vor sich gehabt, und 
mehrfach kehrt in den annotationen Emsers zu Luthers Neuem testa- 
ment der Vorwurf wider, dass er nach seinem hussischen text über- 
sezt habe. Der Verfasser sucht nun nachzuweisen , dass die Tepler 
Übersetzung fast alle diejenigen lesungen biete, die Emser in Luthers 
Übersetzung für „hussisch" und „pickardisch" erklärt hat. Und um 
den waldensischen Charakter des Codex Teplensis und der ersten drei 
Bibeldrucke zur evidenz zu erweisen, will Keller dartun, dass dasselbe 
verfahren , der expurgation , welches Emser mit Luthers Bibel vorge- 
nommen, schon im 15. Jahrhundert an der waldensischen Bibel geübt 
worden sei ; denn nach Keller ergibt ein vergleich der Emserschen Ver- 
sion mit den älteren gedruckten deutschen Bibeln, dass diejenigen les- 
arten, welche Emser als ketzerisch oder falsch erklärt hat, von ca. 
1470 ab in den deutschen Bibeldrucken geändert worden sind, dass 
dagegen die ersten drei Bibeldrucke noch die häretischen lesarten bieten. 

Im einzelnen versucht der Verfasser dies nachzuweisen an eini- 
gen stellen, an welchen die diflferenzen der lehren der altevangelischen 
gemeinden und derjenigen der römisch - katholischen kirche sich geltend 
machen, sie beziehen sich auf die lehre vom fegefeuer, die ketzerei, 
weltliches regiment der bischöfe, Sklaverei, lehre von den heiligen 
u. a. Es ist mir natürlich unmöglich, hier alle von Keller beigebrach- 
ten beispiele widerzugeben; indessen seien doch die wichtigsten hier 
angeführt. Luc. XYI, 26 hat Luther das griechische xf^Of-ia (in der 
Vulgata chaos) durch „kluft" übersezt; Emser verbessert: „finstere 
kluft" und wirft Luther vor, er lasse das finstre aus, damit man es 
nicht auf das fegefeuer deute. Nun steht im Codex Teplensis an die- 
ser stelle: michel underschiedung ^ was jedenfals den begriff des fege- 
feuers noch entschiedener ausschliesst als Luther. Ebenso verwischt 
die erste Bibel den begriff: chaos, hier steht: micliel vcstenJceit. Da- 
gegen steht in der expurgierten hochdeutschen Bibel: ciiu groß Irsal 
und noch charakteristischer in der expurgierten Kölner ausgäbe: eyne 
grote dudcrnisse. — L Coriuther XI, 19 übersezt Luther in der Sep- 
temberbibcl aigeosig durch „Spaltungen", was Emser entschieden tadelt; 
in seiner Übersetzung ersezt er es durch: „ ketzereien." Die Tepler 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 27 

Übersetzung hat hier irtimi; die expurgierten ausgaben setzen an die 
stelle dieses ausdrucks : „ketzereien." Noch eine reihe von ähnlichen 
stellen sind s. 89 — 94 angeführt, — Acta Apost. XX, 28 heisst es in 
der Vulgata von den bischöfen : regere ecclesiam dei. Luther übersezt an 
der band des griechischen textes, welcher 7toi(.iäveiv hat, „weiden." 
Emser polemisiert scharf gegen diese Übersetzung und corrigiert: „zu 
regieren die kirche gottes." Ebenso die oben (s. 10) erwähnte Zwoller 
Übersetzung, Dagegen hat der Cod. Tepleusis : ze richten di Jcirchen 
Götz. — Offenbarung XIX, 5 übersezt Luther: „Lobt unsern gott und 
alle seine knechte." Emser tadelt Luther, weil er nicht übersezt habe 
„und alle seine heiligen" und meint, Luther halte nicht viel von den 
lieben heiligen; darum übersetze er auch „knechte", wie er vielleicht 
in seiner „hussischeu Bibel" gelesen habe. Der Cod. Tepleusis hat 
denn auch an der gleichen stelle: All sein knecht sagt loh unserm 
Got. Die Kölner expurgierte ausgäbe übersezt: ynd alle syn hiUigen. 

Der Codex Teplensis ist mit einer reihe von randbemerkungen 
versehen, die bei Klimesch IL anhang, s. 107 — 125 abgedruckt sind. 
Leider ist uns weder in der ausgäbe , noch bei Jostes a. a. o. mitgeteilt, 
ob diese bemerkungen von densfdben Schreibern herrühren, wie der 
text und ob auch verschiedene Schreiber dieser anmerkungen sich unter- 
scheiden lassen. Jedenfals das eine scheint mir klar: dass nämlich 
ein teil der bemerkungen später hinzugefügte korrekturen sind. So ist 
z. b. zweimal votum mit kimtschaft übersezt (Botenbuch, XVIII, 18. 
XXI, 23), Der korrekter sezt an den rand : geloehde; dasselbe findet 
sich in den expurgierten Bibeln und ähnlich in der Zwoller Übersetzung, 
während in der 1. Bibel ebenfals kimtschaft steht. Keller weist darauf 
hin, dass die Waldenser die gelübde verwarfen. — Ebenso hat der 
korrekter bei den ausdrücken der Tepler Übersetzung: man Irer (Tit. 
III, 10.) irtum (Botenb. XXIV, 5.) irtum (ebd. 14,) Ketzer, Secta und 
Ketczrige an den land gesezt;^ wir sahen schon oben, dass auch die 
expurgierten Bibeln ganz in dem gleichen sinne geändert haben. — 
Weiter hat Keller darauf aufmerksam gemacht, dass der Veranstalter 
der ersten gedruckten ausgäbe an einzelnen stellen nach der Yulgata 
geändert hat. Wie ist es nun zu erklären, dass derselbe die von Em- 
ser als ketzerisch bezeichneten und von den expurgatoren durchgehends 
geänderten stellen stehen Hess? Keller beantwortet die frage dahin, 
dass es eben die absieht gewesen sei, diejenige Bibel zu verbreiten, 
die seit alten zeiten den gemeinden vertraut war und eben aus diesem 

1) Offenbar wird das Verhältnis auf diese weise viel wahrscheinlicher als bei 
der durch Jostes, zweite schrift, s. 15 gegebenen erklärung. 



28 ELLINGFR 

gründe habe man möglichst alle stellen unverändert gelassen, aufweiche 
die gemeinden wert legten. 

Im vierten kapitel s. 110 — 116 sucht der verfasset zunächst die 
textesreceusion zu bestimmen , welche der Tepler Bibel zu gründe gele- 
gen. Er referiert kurz über die ansichten Haupts und Samuel Bergers 
(vgl. oben s. 11.) und benuzt dann die resultate der forschungen 
P. Corssens (Epistula ad Galatas. 1885), um den von dem Übersetzer 
gebrauchten Vulgatatext zu ermitteln. Nach Corssen zeigt sich das 
alter der verschiedenen handschriften in der reihenfolge der bücher, 
welche sie aufweisen. Die reihenfolge nun , welche der Codex Teplen- 
sis hat, nämlich: Evangelien, Paulinische briefe, kanonische briefe, 
Acta Apost. , Offenbarung , findet sich nur in den Vulgatahandschriften, 
welche vom 8. bis zum 10. Jahrhundert in Spanien erwachsen sind. 
Auch in einzelheiten des textes stimt die Tepler Übersetzung mit den 
spanischen handschriften übereiu und die vorreden der lezteren, die im 
Codex Teplensis fehlen, bietet der erste Bibeldruck, Die frage, wie 
der Übersetzer (oder dessen romanisch -waldensische vorläge, vgl. unten 
die ansichten Samuel Bergers) dazu kam, seiner Übersetzung einen zu 
jener zeit nicht mehr gebrauchten Vulgatatext zu gründe zu legen, 
beantwortet Keller im engen anschluss an seine besondren ansichten 
über den wert der innerhalb der Waldensergemeinden herschenden 
tradition dahin , der text sei dem Übersetzer auf dem wege der tradition 
zugekommen, der tradition durch eine gemeinschaft , die seit Jahrhun- 
derten eben in diesem text ihren text erkante, ihn hochschäzte und 
unter sich verbreitete. — Nach einem exkurs über Waldenser und Ka- 
tharer (s. 117 — 125), verweilt der Verfasser (s. 125 — 127) sodann 
wider bei einer frage, die für unsre Untersuchung nicht ohne Wichtig- 
keit ist. Die Vulgata übersezt das wort zeXwvrjg mit publicanus; Em- 
ser gibt puUicani durchweg mit: publikanen wider. Da das wort nun, 
wie bekant, in zwiefachem sinn angewendet wird und bald zölner, 
bald Sünder bedeutet, so gebraucht die Zwoller Übersetzung ganz rich- 
tig teils den ausdruck: publikanen, teils die bezeichnungen : „sünder" 
und „beiden." Der Codex Teplensis dagegen gebraucht überall das 
wort : Offensunder, nicht allein wo dieser ausdruck passt , sondern auch 
da, wo er ganz unzutreffend und sinentstellend ist. Keller meint nun, 
dass hier ein ähnlicher fall vorliege, wie bei der Vermeidung des wer- 
tes: ketzer. Sowol der ausdruck: Publicani, wie: Telouarii und ketzer 
seien scheltuamen eben derjenigen parteien gewesen, welche die Bibel- 
übersetzung angefertigt; und aus diesem gründe habe man diese 
bezeichnungen vermieden. — S. 127 — 131 sucht der Verfasser wahr- 
scheinlich zu machen, dass das verfahren der expurgation im katho- 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 29 

lischen sinne , wie wir es an den späteren Bibeldrucken beobachten kön- 
nen, auch an andren waldensischen Schriften geübt worden sei. 

Im fünften kapitel s. 132 — 173 weist Keller zunächst darauf 
hin, dass die täufer in den ersten Jahrzehnten nach der reforma- 
tion sich im wesentlichen bei gottesdieust und Unterricht der älteren 
deutschen Übersetzung bedient haben. Das vaterunser wird bei ihnen 
nicht nach der Übersetzung Luthers, sondern nach der altdeutschen 
Bibel citiert. Der täufer Hubmeier polemisiert 1526 in einer eignen 
Schrift gegen die Übersetzung in Zwingiis Neuem testament — d. h. in 
dem 1524 von Zwingli veranstalteten nachdruck der Lutherschen Sep- 
temberbibel — und die Übersetzung, die er an den von ihm angegrif- 
fenen punkten der Luther -Zwinglischen Version gegenüberstelt, stimt 
im wesentlichen mit der altdeutschen Übersetzung überein. Ebenso 
stimmen die biblischen citate in Denks Schriften meist mit der altdeut- 
schen Bibel überein (über Denk vgl. unten). Doch begint nach 1525 
auch der einfluss der Übersetzung Luthers in den kreisen der täufer 
sich geltend zu machen. Daneben tritt aber nach Keller in den krei- 
sen der altevangelischen gemeinden das bestreben nach einer eignen 
und selbständigen Verdeutschung zu tage; sie fühlten wol, dass zu 
ihrer zeit die altdeutsche Bibel den gemeinden nicht mehr das bieten 
konte, was sie einst geboten. Das resultat dieser bestrebungen war 
vielleicht die Wormser Bibel von 1529. — S. 151 — 163 untersucht 
Keller einige holländische Bibelübersetzungen; ich muss mich hier 
darauf beschränken, die resultate dieser Untersuchung kurz widerzu- 
geben. Jene bestrebungen innerhalb der deutschen täufer , Luthers 
Übersetzung eine ebenbürtige Verdeutschung gegenüberzustellen, hatten 
in Holland mehr erfolg als in Deutschland. So erschien bei dem Men- 
noniten Nik. Biestkens in Emden ein Neues testament , welches in den 
täufergemeinden Jahrhunderte lang ein ähnliches ansehen genossen hat, 
wie die Bibel Luthers in der lutherischen kirche. Biestkens hat ferner 
im jähr 1560 eine volständige Bibelausgabe veranstaltet, welche in 
dem text des Neuen testaments nicht mit der soeben erwähnten über- 
einstimt. Dieses Neue testament ist vielmehr identisch mit einer aus- 
gäbe, die seit 1557 bei Matthäus Jacobszoon widerholt erschienen war; 
bei demselben Jacobszoon war drei jähre vorher eine Übersetzung 
erschienen, welche sich als eine erneuerung der prophetenübersetzung 
von Denk und Hätzer darstelt. Ein mann, der es damals wagte, die 
geächtete edition der Denk-Hätzerschen prophetenübersetzung heraus- 
zugeben, muss, wie Keller annimt, mit der litteratur der gemeinden 
genau vertraut gewesen sein. In der tat sucht s. 153 — 163 Keller nun 
auch nachzuweisen, dass dieses Biestkenssche , mit der Jacobszoonschen 



30 ELLINGE R 

ausgäbe identische Neue testament, trotzdem der Verfasser desselben 
ersichtlich uuter dem einfluss der lutherischen Übersetzung gearbeitet 
habe, einen auffallend nahen anschluss an die deutsche Waldenserbibel 
verrate und zwar nicht aii die späteren Bibeln, sondern an die ältesten, 
nicht expurgierteu ausgaben. Da mir die Biestkenssche Bibel nicht 
zu"-änoflich war, muss ich vorläufig mein urteil zurückhalten; indessen 
glaube ich sagen zu dürfen , dass die von Keller beigebrachten stellen 
nicht ausreichen, den anschluss der niederländischen Bibel an die älte- 
sten deutschen Bibeln völlig zu erweisen. 



Auch der kompetenteste kenner der französischen Bibelüber- 
setzung, Samuel Berger, hat in zwei aufsätzen in der Revue historique, 
Tome XXX. 1866 s. 164 — 69 und Tome XXXII s. 184—90 sein urteil 
über die frage nach dem waldeusischen Charakter des Cod. Teplensis 
abgegeben.^ In der ersten besprechung, welche der ersten schrift von 
Haupt und der von Jostes gilt, stelt sich Berger im wesentlichen auf 
die Seite Haupts. Kur bestreitet er entschieden den waldeusischen 
Ursprung der ersten Bibeldrucke ; er weist ferner darauf hin , dass der 
ausdruck: FiU de la Vierge sich auch in andren romanischen Schriften 
findet.^ Dagegen führt er in den entscheidenden punkten Haupts Unter- 
suchungen in der glücklichsten weise weiter: „Lai'ssons de coU , sagt 
er s. 167 fg., les variantes des Evangiles, des EpUres de Saint Paul 
et de V Apocalypse , qui sonf moins nombreuses et peut - etre moins pro- 
hantes et attachons - nous au texte des Actes des Apotres. Dans ce 
livre, le Codex Teplenis, montre, ä notre connaissance , vingt-deux 
interpolatmis evidenment empruntes a Vancienne version anterieure 
ä Saint Jerönie. De ces vingt-deux interpolations ^ le manuscrit, qui 
en contient le plus parmi tous ceux qiie nous avons eus entre les mains, 
le Gigas librorum^ vCen a conserve que quatorze, tandis qii^on en 
retrouve vingt et une dans les manuscrits xjrovengaux , dont dix-neuf 
dans le seid manuscrit de Paris (fr. 2425) et les deux autres dans 
celui de Dublin seulcment. Nous ne croyons pas, en particulier, que 

1) Von den beiden aufsätzen war mir anfänglich nur ein auszug des zweiten 
zugänglich, den mir herr prof. Zacher freundlich zur Verfügung stelte. Dann hatte 
herr Samuel Berger die liebenswürdigkeit, mir abziige der beiden recensionen hier- 
her zu senden, wofür ihm auch au dieser stelle mein herzlichster dank ausgespro- 
chen sei. 

2) S. 167. En effet , la version vaudoise (ou provenQale) n'est pas seule ä 
employer Vexpression de „Füs de la Vierge" on la retrouve employee, dans le tneme 
sens, dans une Apocahjpse normande , dans un Nouveau Testament picard copie 
en Italic et dans la Bible catalane. 



r- i:z 7 I it: I z 31 

lemut ,,jaaHpr:: :" _ . -:rf X versd2€ 

dams fe wa?; • ■ ' J 

le nainiserir ^ . .. . ...^.... „.. ^ .., ... ._„.... ..... ..."^ 

wmidoä de Dmüm (^aru Bio*). Or, eetie l»: 
ekkre gmx Vamdois, cor 21. Hersog ntms apprettz 
lemtat ^/odtuu Dio* daits la iradmeiiom d'tiH h'"-"- ~ ^-^ i^r,.: uc 

ressemdHamces j dornt mumme ne srnffwaä par i a ^<ihfir la cer- 

titmde, muMis dornt Taeemmtdatüm me laisse gtter- 4e, lums 

demms eomdmn gme sdom, tomte pnMbUUe Th. ^ isf 

tomme, et gve la plus Umporiamte des Büd^ ägi 

parait Iradmäe em partie, par hs soms des Tav^ois. svr mh origiiuü 
eerit deoHS w» des dialedes prowemeana. — Diese waldeitsisch-nHiift- 
■iscbe Todage der deutsdiai übersetiimg: sucht Berber s. 168 %. näh^ 
xa bestimmen. 

Damit ist die frage in ein wes^itlieli neues stadinm getreten. 
Wihraid Tästt^ annahm,^ dass der Tepler äbersetrang ein Yulgatatext 
m gronde läge, glaubt Beiger annehmoi zu düifm, da^ die Todage 
der nbeiseiziing ein romanisdier text g^e-^rfrL ^eL Und er hat diese 
seine annähme in seinem zwötoi aa^tz .rade wahischein- 

Udi gemadit. Zmiächst wdst er s. l^h in ~ :^ (s. oben s. 18) 

angeföhitoi kapiteln der Apostelgesdiichic re versehen und lese- 

fdder im Cod. Teplensis nadi^ die äeh cc^^^^s^ in den lomannisdien 
nbersetnuigen finden. Adtai AposL XYJJ "4. T^lgata: ByomsiHS 
AnopagiÜL Cod. TepL : Ihfomisms da- r ^ ^kvL Die Dnbli- 

ner handsdudflt sagt: Bümis wustrt dd Imoc de iV. . XXMX 7. 

Yolgata: et vix decemssimms contra GmidMMi. :u C<m- 

tradUm. (erste BO>el: £«0 Qmtradtmm). Damit r rcTenza- 

fische mannsrript T<m Ljon nberön: e» andre £bd. t. 17: 

Umteaies jk öt Syrtim mäderemt. Cod. 13epL ha: ^ -fim ^ m 

v ad e i hm ttg. Das oif^iicht dem mannsa^t T<m 1. :rSk, — 

Femer fuhrt der TerEn^er eine reihe ron Tamoten an , die in den pro- 
Tenxalisdien texten und dem Cod. TepL sidi findet; dieselben find^i 
aidi zwar auch in eänigen Tulgatatexten, aber die lexteren stammen 
sämJäidi ans languedoc SIebm Tarianten der deutschen übersetiung 
lassen äeh zwar nicht in den prozenzahschen handschriften nachweisen, 
aber die vier bedoitraidsten finden sieh in zwei Yulgatatexten, weldie 
spanisdien ursprui^ änd. Auch bd Aea. Panlimschen briefen glaubt 
Berger ein ihnliches Terhaiitnis annehmen zu könn^i: er fährt einige 
Lesarten des Cod. TepL an, die sich etit 2':is den proTOizalischen über- 



1) BbcHO Seikr, t«^ obcs & äS. 



32 ELLINGER 

Setzungen, von den Vulgatatexten aber allenfals nur aus den erwähn- 
ten Languedocscheu haiulschrifteu belegen lassen, 

Jostes hypothese, dass der ursprüngliche text des Cod. Teplensis 
der Münchner Evangelienhandschrift nahe verwant gewesen sei, bestrei- 
tet Berger nicht, aber er bemerkt mit recht, dass dann dieser text 
nach den provenzalischen haudscbriften durchkorrigiert sein müsse. „En 
effet, sagt er, ce n'est assurement pas ä Vancicn texte , qui etait la 
traduction ahme assez honne Vidgate, qu^ont ete emjjruntes des textes, 
qui ne se rencontrenf, sous la meme forme, dans aucun texte latin, 
sinon encore dans les trois derniers de nos manuscrits languedociens : 
Luc. II, 33. ,,Joseph und Maria sein muter."- Paris, Lugd. Carpeni 
et Dubl. : „Jose}) e Maria la mairc de lui.'-'- Ebd. IX, 43. „ Wan Peter 
sprach: Herre, warum usw." Lugd. : „E dix Peire: Senker, ^;ergwe," 
Ebd. XIV, 24. „Wan vil der geladen und lutsel der erivelten."- Lugd.: 
„Mouti so li apellai, mais pauqai so li elegit."' Ebd. XVIII, 28: „Den 
was wirt uns?^'' Paris (et Dubl.): „Doncas cal causa er a nos.^ Ebd. 
XXIII, 53: „Und Pilatus gebot in se gehen den leip.'-'- Paris: „A donc 
Pilatz comandet que li fos haylatz.^'' Ce passage vCa ete trouve jusqu^ä 
present dans aucun manuscrit de la Vulgate.'-'' 

Auch die einwürfe, mit denen Jostes (zweite schrift, s. 26) die 
verwantschaft der deutschen Übersetzung und der romanischen Versionen 
zu bekämpfen suchte, weil beide weder im Inhalt (Laodicäerbrief, vor- 
reden), noch in der anordnuug der einzelnen bücher sich deckten, 
widerlegt Berger. Die vorreden der waldensischeu Bibeln , die im Cod. 
Teplensis fehlen, finden sich in der ersten gedruckten Bibel; der Lao- 
dicäerbrief steht in der handschrift von Lyon; die anordnung der bücher 
in der handschrift von Grenoble stimt mit der des Tepler und Freiber- 
ger Codex überein. 

Es liegt auf der band, dass unter diesen umständen der fast 
durchgängige gebrauch des sun der maid, in zweiter linie der aus- 
druck pein, allenfals auch äugest eiue ungleich stärkere beweiskraft 
gewinnen. 

Gegen die resultate der arbeit Kellers verhält sich Borger im 
wesentlichen ablehnend. „II serait dangereux, sagt er, de s'engager 
dans cette voie, car presque tous les passages taxös dlieresies par 
M. Keller sont traduits du provengal, et dans les Bibles provengales 
ils sont eux-memes ä peu pres tous empruntes mot ä mot au texte 
latin des manuscriis meridionaux. Cette remarque est de nature d 
moderer Vardeur de ceux qui cherchent des heresies , vaudoises ou catha- 
res, dans les Jßihles provengales ou autres. II serait hien difficile de 
dire quclles ont ete les ojnnions religieuses de ceux qui ont traduit la 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG 33 

BiUe en p-ovenQol: il en est sans doute ainsi de presque toutes les 
tradudions.^'' ^ 

Fassen wir nunmehr die gesicherten resultate der besprochenen 
Untersuchungen zusammen , so werden wir behaupten dürfen , dass der 
waldensische Charakter der im Freiberger und Tepler codex vorliegen- 
den Bibelübersetzung erwiesen ist. Sowol die ausgezeichneten Unter- 
suchungen Samuel Bergers als die s. 26 fgg. entwickelten ergebnisse der 
arbeit Kellers haben diese tatsache meines erachtens zweifellos gemacht. 
Was die von Keller beigebrachten, doch immerhin sehr erheblichen 
beweisgründe betrift, so glaube ich, dass die einwürfe, welche Berger 
gegen dieselben geltend gemacht hat , nicht genügen , um sie zu ent- 
kräften. Ebenso meine ich, dass auf gruud der bisherigen Untersu- 
chungen der waldensische Ursprung der ersten drei Bibeldrucke gegen 
Berger aufrecht erhalten werden muss. 

Ist somit die hauptfrage entschieden, so sind doch noch eine 
ganze reihe von schwierigen einzelfragen zu lösen , auf welche hin- 
gewiesen zu haben zum teil das verdienst von Jostes ist. Um diese 
Schwierigkeiten zu heben , bedarf es noch genauer und eingehender 
Untersuchungen, eingehenderer, als ich sie an dieser stelle zu führen 
im stände bin. Aber ich möchte wenigstens einen der wege angeben, 
auf denen man vielleicht in diesen einzelfragen zu einem einigermassen 
sichern ergebnisse gelangen kann. 

Man kann beobachten, wie Luther bei der widergabe einzelner 
stellen des Alten testaments, die im Neuen testament augeführt wur- 
den, von der Übersetzung beeinflusst worden ist, die er diesen stel- 
len im Neuen testament gegeben. So übersezt er die bekante stelle 
aus Habakuk in der ersten ausgäbe der Propheten (Die Prophe- 
ten alle Deudsch. D. Martin Luther. Wittemherg. 1532.) Teil II, 
bl. XL VII. Denn der gerechte lebt seines glauhens, trotzdem in 
dem hebräischen text steht: der gerechte lebt in seinem glauben; 
offenbar war er beeinflusst von der stelle Kömer I, 17, die er seit 
der mitte der zwanziger jähre (in der Septemberbibel heisst es noch 
teil II , bl. I. Der gerechte wirt leben aus seynem glauben.) über- 
sezt hatte: der gerechte ivirt seynes glaubens leben. — Ein ganz 
ähnliches Verhältnis können wir nun auch bei der Denk - Hätzerscheu 
Prophetenübersetzung beobachten. (Alle Propheten \ nach Heh'aischer 

1) Ähnlich schreibt mir herr Samuel Berger: Seulement je ne troiive, ni dans 
la Bihle allemunde, ni dans aucun munuscrit vaudois ou cathare, aucune trace 
dlieresie, et c'est uniquement par une deduction, qai me parait s'imposer, que 
fattribue ä un vaudois la tradtiction allemande, 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BU. XX. '^ 



34 



sprach verteutschf. Gott erlös di gfangenen. 1527. [von Ludivig 
Hätscr und Hans Dengk.\). Auch hier sind die Übersetzer nachweis- 
lich von Übersetzungen des Neuen testaments beeinflusst.^ In einigen 
lallen ibt dies die Luthersche übersetzAing gewesen. So wird in der 
Denk-Hätzerschen Übersetzung die eben erwähnte Habakukstelle über- 
sezt (bl. ccvci?) aber der gerecht der wirt seines glauhens geleben., im 
engen anschluss an die späteren ausgaben von Luthers Neuem testa- 
raent, während im Cod. Tepl. die stelle Rom. I, 17 lautet: Wan der 
gerecht lebt von dem gelauben. (1. Bibel vom gelauben.) — Ebenso 
glaube ich, dass Luthers Neues testament auf folgende stelle der 
Denk- und Hätzerschen Übersetzung eingewirkt hat: 



Cod. Teplensis. 
BoteabuchII,17fgg. 

Vnd ez xoirt in 
den iungsten tagen \ 
spricht der Herr | 
vnd ich geuz aus 



Luther, Propheten. 
II. XXX. 



len treume haben 
vnd ewer iunglinge 
sollen gesichte sehen j 



Denk und Hätzer. Septemberbibel. 

Joel III bl. cclviij. S. LXXXIII. 

Nach dem tvird Vnd es sol ge- Vnd nach diesem \ 

ich meinen geystauff schehen ynn den wil ich meinen geist 

alles fleysch außgies- letzten tagen \ spricht ausgiessen vber alles 

sen I daruon ewere Gott \ Ich will aus- fleisch \ Vnd ewere 

von meim geist vber simvndtochterweis- giessen von mey- sone vnd tochter 

alles fleisch ; vnd eur sagen | ewere elte- nem geyst auff alles sollen weissagen \ 

sun I vnd eur toch- sten treum treumen \ fleysch \ und ewre Eicer Eltesten sol- 

ter I di iveissagent | vnd eivere iungen sone vnd ewre toch- 

eur itmgen sehent gesellen gesicht sehen ter sollen weißza- 

di gesicht \ vnd eic- sollen | ja ich wird gen \ vnd ewre iung- 

ern alten trawment auch meinen geyst linge sollen gesicht Auch will ich zur sel- 

di treum. vnd ernst- vber knecht vnd sehen | vnd ewre el- bigen zeit beide vber 

lieh in den tagen magd zu derselbi- tisten sollen treiome knechte vnd megde 

geuz ich aus von gen zeit ausgiessen | haben \ vnnd auff meinen geist aus- 

meim geist vber mein Wimderzeichen will meyne knechte vnnd giessen \ Vnd wil 

knecht \ vnd mein ich an himmel vnd auff meyne megde wunder zeichen gcr 

dirn \ vnd si weis- erd thün | nemlich \ ivill ich ynn den ben im himel vnd 

sagent; vnd ich gib blüt vnd feur vnd selbigen tagen von auff erden \ nem- 

di wunder im himel rauch dampff \ die meynem geist aus- lieh | blut \ feur vnd 

oben I vnd zaichen sonn wir sich in fin- giesszen | vnnd sie rauch dampff \ Die 

in der erden in dem stermiß | vnd der sollen weißzagen \ sonne soll ynn fin- 

plut I vnd feur \ vnd mon inn blut verke- vnd ich wil geben sternis \ vnd der 

tavipf dez rauchz. ren \ ehe der groß wunder oben ym hy- mond jnn blut ver- 

Der sonne ivirt ge- vnd erschrocklich mel vnd zeychen vn- zoandelt werden \ ehe 

kert in vinster \ vnd tag des HEBEN den auff erden\blutt denn der grosse vnd 

dy menyn in blut | kome. Es wirt auch vnnd feivr \ vnnd schreckliche tag des 

sein I das alle so rauch dampff \ die HEBBN kompt. 

des HEBBN na- Sonne soll sich ver- Vnd sol gesche- 



e daz kumt der mi- 
chel tag dez Herren \ 



1) Man vergleicho z. b. die bemcrkungen zu Jcsaia, 28 (v. 16) zw. bl. vvvj. 
vvvij. Zu den Worten: loelcher glaubt der tvirt nit eilen, findet sich die anmer- 
kuug: Das ist \ er ivirt nit vber eilet vnd zii schaden werden. Wie es Paidus auß- 
legt. Born, X. 



DIE WALDENSER U. DIE DEUTSCHE BIBELÜBEKSETZÜNG 



35 



anruffen wird, 
der sol errettet tver- 
den. 



vnd der offenbar, men anruffen \ er- keren ynn finster nis hen \ Wer des 

Vnd ain ieglicher \ rettet tverden. vnnd der mond ynn HERRN namen 

der da anruft den hhitt \ ehe denn der 

namen des Herren \ grosse vnd offenber- 

der toirt behalten. liehe tag des herrn 

kompt I Vnd sol ge- 
schehen I wer den 
namen des herrn 
anruffen wirt | 
soll selig tverden. 

Aus der nebeneinanderstellung dieser stellen kann man zweierlei 
ersehen: einmal, dass bei der Übersetzung der Prophetenstelle Lutlier 
die neutestamentliche stelle offenbar vorgeschwebt hat und zum andern, 
dass, wie es scheint, auch Denk und Hätzer an dieser stelle von der 
fassung der stelle in Luthers Neuem testament beeiuflusst worden sind. 
Aber noch deutlicher tritt an einigen andren stellen der einfluss der 
älteren Bibel hervor, wie folgende stellen beweisen mögen: 



Cod. Tepleusis. 
Matheus II, 18. 
Ein stimme wart 
gehört in der ko- 
che I tvainent vil 
klagent; Rachel be- 
waint ir sun \ vnd 
si wolt nit iverden 
getrost \ ivan si 
sint nit. 



Luc. III, 5, Ein 
ieglich tal wert der- 
fiilt j vnd ieglich per g 
vnd buchet di wer- 
den genider \ vnd 
die kraken dink wer- 
dent in di richtung \ 
vnd di scharpfen in 
di eben iveg \ vnd 
alles fleisch sieht 
dibehaltsam unser z 
Gotes. 



Denk und Hätzer. 
Jeremia 31 s. cvv. 
3Ian hat eyn kläg- 
liche stimm I vnd 
eyn bitter weynen 
au ff der hohe ge- 
hört I Rachel ivey- 
net vber jre sün \ 
vnd wolt sich nit 
trösten lassen über 
jre sün \ dann sie 
ivare n n i er gen 
mehr vorhanden. 

Jesaia 40, s. vlv. 
Alle tobel sollen er- 
haben 1 vnd alle berg 
vnd biihel sollen 
ernidert werde}i \ 
Die krumme sol ricli- 
tig I vnd die vnebne 
sol eyn ebne %ver- 
den. Dann die herr- 
ligkeit des HERRN 
ivirt ei'offnet \ vnd 
alles fleysch mit ein- 
ayider wirt si sehen : 
das hat der mund 
des HERRN geredt. 



Septemberbibel. 

Auf dem gebirge 
hat man eingeschrey 
gehöret \ viel kla- 
genß | weynenß vnnd 
heiüenß j Rachel be- 
iceynet yhre kin- 
dere | vnd wollt 
sich nitt trösten las- 
sen I denn es war 
auß mit yhnen. 



Bl. XLII. Alle 
tall sollen vol iver- 
den i vnnd alle berge 
vnnd hugel sollen 
ernydrigt werden ) 
vnnd was krum ist 
soll richtig werden \ 
vnnd loas vneben 
ist soll schlechter 
weg werden | vnd 
alles fleysch wirt den 
heyland Gottes se- 
hen. 



Luther, Propheten. 
Man höret ein 
klegliche stimme vnd 
bitters weinen auff 
der hohe \ Rachel 
weinet vber jre kin- 
der j vnd wil sich 
nicht trösten lassen 
vber jre kinder | 
denn es ist aus mit 
jnen. 



S. XXn. Alle tal 
sollen erhöhet | vnd 
alle berge vnd hu- 
gel sollen genidriget 
werden \ vnd was 
uAigleich ist sol eben \ 
vnd was Jiockerich 
ist j sol schlecht wer- 
den. Denn die herr- 
ligkeit des HERRN 
sol offenbart wer- 
den I Vnd alles 
fleisch mit einander 
wird sehen \ das des 
HERRN mund re- 
det. 

3* 



36 ELLINGER 

Cod. Teplensis. Denk und Hätzer. Septemberbibel. Luther, Propheten. 

Joh. XII, 3b. U Jesaia 53, s. Ivj. Bl. LXXV. i/e>-»e Bl. XXX. Aber 

Jierr \ wer gelatibt Wer hat vnserm wer (ßeicht unserm wer gleicht unser 

vttsereme geliord? ger ucht glaubt 'vnnd jirediyen'^ vnndwem predigt? vnd wem 

t'-nd wem wirt der- welchem ist der arm ist der arm des wirt der arm des 

off'ent der arm des des HEERN ge- herni offenbart? Herrn offenhuret. 
Jlerrn? öffnet? 

Kom.XV,21. De» Jesaia 52, s. Ivj. Th. II, s. X. TFiZ- Bl. XXX (bei Lu- 

nit ist derkundt von Dann denen es nit dien nicht ist von ther c. 53). Denn 

im \ di sehent; vnd vei'kilndigt ist \ di yhm verkündigt ^ die welchen nichts da- 

di nit enhorten \ di iverdents sehen vnnd sollens sehen | cnd uon verkündigt ist \ 

vernement. di es nit gehört ha- wilche nicht gehöret die selbigen icerdens 

ben I di tverden sich haben \ sollens ver- mit lust sehen | vnd 

sein annemen. stehen. die nichts dauon 

gehört haben | die 
Werdens mercken. 

lu allen diesen stellen scheint die Denk- Hätzersche Übersetzung 
die betreft'enden stellen im Neuen testameute der älteren Bibel benuzt 
zu haben: die Übersetzung von Denk und Hätzer wirkt dann wider auf 
Luthers Propheten -Übersetzung, wie aus der ersten der hier angeführ- 
ten stellen (Jeremia 31) meines erachtens klar hervorgeht. Man könte 
nun allerdings sagen, dass Denk und Hätzer vielleicht direkt die Pro- 
phetenübersetzung der älteren Bibel benuzt haben/ und in der tat 
würde das für die oben angeführten stellen nicht unmöglich sein.^ 
Dem widerspricht aber folgende stelle. Jesaia 54 (13) übersetzen Denk 
und Hätzer (Bl. Ivij) Beine Kind sollen alle Gots gelert tverden. 
An der entsprechenden stelle im Jesaia übersezt die erste Bibel : vnd all 
dein sün gelert vom Herrn (ähnlich wie später Luther, Propheten, 
bl. XXXL Vnd alle deine kinder gelert vom HEBRJSf), ebenso in der 
Bibel Günther Zeiners. Die Septemberbibel Joh. VL (45), wo diese 



1) Ich konte leider das Verhältnis der Denk- Hätzerschen Übersetzung zu der 
Propheten -Übersetzung der Waldenser Bibel noch nicht im ganzen prüfen; doch 
denke ich über diese frage, sowie über das Verhältnis der Propheten Luthers zu 
Denk -Hätzer bald auskunft geben zu können. 

2) Jesaia 40, (4 fg.) lautet in der ersten Bibel: Ein iegklich tal wird erhöcht 
und ein iegklich berg vnd hüchel tvirt gedemütigt: vnd die hosen di)ig tverdent in 
eiti rechtün: vnd di herten in eben iceg. Vnd di wnnnigklich dez Herrn wird er of- 
fent: vnd alles fleisch sieht oitzampt das der mimd des herren hat gei'edet. Bibel 
V. Günther Zeiner hat für ein rechtün = di gerichte und statt di wunnigklich = di 
glori. Jeremia 31, 15 in der ersten Bibel: Ein stymm der klagung vnd des Wei- 
nens ist gehört in der hoch vnd in die klag (!J: racliel die do beweint ir sün vnd 
wolt nitt tverden getrost vber sy: wann sy sind nit. G. Z. statt: in di klag = 
des geschrays. Jesaia 52, 15 erste Bibel: Wann den do nit ist derkunt von im 
die sechtnt vnd die do nit horten die schauten. 



DIE WALDENSER V. DIE DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNß 37 

Jesaiastelle citiert wird , hat : (s. LXX) si werden alle von got geleret. 
Dagegen der Codex Tepleiisis: Und si iverdcnt alle di geler- 
ten Götz (im wesentl. ebenso die erste Bibel). 

Man wird vielleicht fragen, wozu diese Untersuchungen dienen 
sollen. Ich meine, dass sie doch so unwichtig nicht sind, wenn man, 
wie Keller, dem ich mich in diesem punkte durchaus anschliesse, einen 
nahen Zusammenhang zwischen Waldensern und den täufern, zu welchen 
Denk und Hätzer gehörten , annimt. Vielleicht dass wir auf diesem wege 
zu einer lösung der Schwierigkeiten gelangen. Wenn die Übersetzer 
sich an jenen stellen au das Neue testament angeschlossen haben, so kön- 
nen ihnen die Versionen jüngerer exemplare nicht vorgeschwebt haben, 
denn Joh. VI, 45 steht z. b. in der XI. Bibel: und sy werden alle 
gcUrnig Götz. Joh. XII, 38 lautet schon in der 4. Bibel das dem Denk - 
Hätzerschen: geöffnet entsprechende: deroffent = verkündet, während 
die Kölner expurgierte Bibel es in : geapenhart umgeschrieben hat. 
Solte es nun nicht wahrscheinlich sein, dass nach den expurgationen 
die Waideuser Bibel mit ihren speciellen lesarten handschriftlich unter 
Waldensern und Täufeiu fortlebte ? Zumal da wir eine handschriftliche 
Verbreitung der täuferischen traktate in der zweiten hälfte des 16. Jahr- 
hunderts wenigstens nachweisen können. 

Ich gebe gern zu, dass die von mir angeführten stellen nicht 
genügen, um diese tatsache zu beweisen. Allein das ist auf einem so 
grossen und doch so wenig bearbeiteten gebiet im rahmen einer bespre- 
chung auch nicht möglich. Die hauptfrage dieser discussion ist zwar 
gelöst, aber um die mannichfachen gebliebenen Schwierigkeiten zu erklä- 
ren, bedürfen wir noch einer reihe von einzeluntersuchungon. Meine 
absieht war nur, eine von den riehtungen anzudeuten, welche diese 
einzeluntersuchungen einzuschlagen haben. 

SONDERSHAUSEN. GEORG ELLINGER. 



BESTREBUNGEN AUF DEM GEBIETE DER LUTHER- 
GRAMMATIK IM 19. JAHRHUNDERT. 

Als Ph. Dietz im jähre 1869 den ersten band seines Wörter- 
buchs zu Luthers deutschen Schriften herausgab, begann er die einlei- 
tung mit folgenden werten: „Seit Diederich von Stade hat man es 
zwar widerholt unternommen, eine anzahl „altertümlicher und seltener 
ausdrücke in dr. Martin Luthers bibelübersetzung " bald in selbstän- 
digen Wörterbüchern, bald in, abhandlungen zur spräche Luthers bei- 



38 LUTHER 

gegebenen Wörterverzeichnissen zu erklären, aber noch nicht ist es bis 
jezt versucht worden, den gesamten Sprachschatz Luthers zu verzeich- 
nen erst in dem „deutschen wörterbuche" der gebrüder Grimm 

komt . . Luther als einer „der sprachgewaltigsten und wichtigsten 
Schriftsteller" der nhd. Sprachperiode zur> seinem reclit." Was Dietz 
hier zunächst in bezug auf die lexikalische bearbeitung von Luthers 
spräche sagt, konte ebenso für die grammatische behandlung derselben 
ausgesprochen werden. Auch auf diesem gebiete lag zunächst nur die 
absieht vor, eine richtige „Würdigung" und „würdige herstellung des 
textes" der Lutherschen bibelübersetzung herbeizufüliren, eine methode, 
die abgesehen von der unvolständigkeit in der benutzuug des materials, 
naturgemäss mehr die abweichungen vom jeweiligen modernen schrift- 
gebrauch hervorzuheben und zu beseitigen suchte. Ein rein sprach- 
licher zweck, der neben den ausnahmen auch die regeln zu ihrem 
rechte hätte kommen lassen, war nicht vorhanden. 

Eine charakterisierende Übersicht der litterarischen bestrebungen 
auf dem gebiete der Luthergrammatik darf sich daher auf das 19. Jahr- 
hundert beschränken, wie dies auch in dem folgenden versuch einer 
solchen darstellung der fall sein wird. Auf absolute volständigkeit 
macht derselbe keinen anspruch ; indessen glaube ich auch , dass mir 
nichts wesentliches entgangen ist. Zusammenfassende bibliographien 
geben Dietz a. a. o. s. III, mit einschluss der neuesten erscheinungen 
Scherer GDS ^ s. 13, ders. Gesch. d. d. Lit.^ (1885) s. 745; mit kriti- 
schen und charakterisierenden bemerkungen über die bis dahin erschie- 
nenen arbeiten ßeinhold Bechstein in der beilage zu nr. 251 der Allg. 
Zeitg. 1870. 

Die dritte säcularfeier der reformation, welche man im zweiten 
decennium dieses Jahrhunderts begieng, brachte eine flut litterarischer 
erscheinungen über die reformation und ihren ersten Vorkämpfer Luther 
hervor. Der im jähre 1821 erschienene, von F. Wilken, dem „prae- 
fectus Primarius" der königlichen bibliothek zu Berlin auf anordnung 
des preussischen kultusministers von Altenstein verfasste „Index libro- 
rum ad celebranda sacra saecularia refürmationis ecclesiasticae tertia 
annis MDCCCXVII et MDCCCXIX cum in Germania tum extra Ger- 
maniam vulgatorum ss" enthält über 250 nuramern von bücheru , die 
aus diesem anlass allein in deutschen länderu in den jähren 1817—19 
erschienen waren. Aber darunter ist keins, welches, wenigstens dem 
titel nach zu schliessen, über die spräche Luthers handelte. Nur 
6ine rein sprachliche arbeit über Lutlier, die der index nicht einmal 
erwähnt, ist in diesen jähren erschienen. Es ist dies G. F. Grotefends 
abhandlung über „Luthers Verdienste um die ausbilduug der hochdeut- 



LUTHERGBAMM. IM 19. JH. 39 

sehen Schriftsprache", welche im jähre 1818 ini ersten stück der 
abhandlungen des Frankfurter gelehrtenvereins für deutsche spräche, 
s. 24 — 125, erschien. Sie solte gewissermassen die würdigste einlei- 
tung zu den Schriften des Vereins bilden, der sein entstehen zunächst 
nur dem „bei der bevorstehenden dritten Jubelfeier erneuerten anden- 
ken an seine (Luthers) Verdienste auch in dieser hinsieht" verdankte. 
Abgesehen von den einleitenden historischen betrachtungen über die 
entwicklung der deutscheu spräche, in denen der Verfasser ebenso wie 
in seinen etymologischen anschauungen zumeist auf gänzlich veraltetem 
Standpunkt steht, ist hauptzweck der arbeit, dem schaffen und wirken 
Luthers auf sprachlichem gebiet uneingeschränktes lob zu spenden, 
indem die spräche seiner bibelübersetzung — auf diese beschränken 
sich die betrachtungen — über die aller andern erhoben wird. Im 
einzelnen behandelt der Verfasser dann, immer in historischem zusam- 
menhange, Luthers streben nach reinheit der spräche, damit verbun- 
den sein verdienst um die bereicherung und Veredelung derselben , fer- 
ner seine Sorgfalt für die richtigkeit und seinen sinn für bestimtheit 
des ausdrucks, wobei er jedoch nach eigener angäbe viel mehr aus 
bereits vorhandenen arbeiten als aus den quellen selbst schöpfte. Für 
rein grammatische zwecke bietet die arbeit nichts. Indessen ist mehr, 
als man gewöhnlich anuimt, von Grotefends betrachtungen in spätere 
abhandlungen übergegangen. — Grotefends arbeit blieb zunächst allein. 
Eine schrift über die spräche Luthers aus den beiden folgenden Jahr- 
zehnten ist mir nicht bekant. Allerdings machte K. E. Förstemann 
in der (Halleschen) A. L. Z. 1829 s. 12 in seiner besprechung der de Wet- 
teschen ausgäbe von Luthers briefen usw. (Berlin 1825 fgg,) darauf auf- 
merksam, dass wir vielleicht „der zeit nahe" stehen, „die frucht eines 
vieljährigen Studiums der spräche Luthers von einem der sache in jeder 
hinsieht gewachsenen geistreichen gelehrten zu gemessen." Welche 
arbeit aber damit gemeint, oder ob dieselbe jemals gedruckt ist, ver- 
mag ich nicht anzugeben. Nach einer andeutung in der Neuen Je- 
naisehen A. L. Z. vom jähre 1842 (in der gleich zu erwähnenden abhand- 
lung von dr. Hermann Hupfeld) scheint sie selbst da noch nicht ver- 
öffentlicht gewesen zu sein. 

Im jähre 1841 erschien: „Kurze nachrieht über die kritische 
ausgäbe der Lutherischen bibelübersetzung nebst einem probebogen vor- 
gelegt am tage des dreihundertjährigen Jubelfestes der reformation in 
der gesamtstadt Halle von dr. H. A. Niemeyer, director der Franckischen 
Stiftungen. Halle 1841." Yon der grossen Biudseil-Niemeyerschen 
bibelausgabe wurde hier dem publikum zunächst ein probebogeu vor- 
gelegt. Zur begutaehtung besonders aufgefordert, machte dr. Hermann 



40 LUTHER 

Hupfeld in einer bosprechung dieser schrift in der Neuen Jenaiseben 
A. L. Z., erster jabrgang 1842, nr. 253 — 255, 265 — 267 einige bcmer- 
kungen über Lutbers spracbe , die indessen über eine gewisse äusser- 
lif'bkeit niclit biiiauskomiiien, und ausserdem im besonderen nur auf 
eine bibelausgabe vom jabre 1530 sieb bezieben. Die grosse, gründ- 
licb vorbereitete bibelausgabe erscbien dann in sieben teilen in den 
jabron 1845 — 1855, zuerst von Niemeyer und Bindseil, und nacb des 
ersteren tode von Bindseil allein bearbeitet. Die ausgäbe bringt einen 
diplomatiscben abdruck der ausgäbe lezter band vom jabre 1545 und 
vergleicbt dazu sämtliclie unter des reformators leitung vorber erscbie- 
nene ausgaben der ganzen bl. scbrift sowie grösserer und kleinerer teile 
derselben. Aber der Variantenapparat beschränkt sich entgegen der 
ursprünglichen absiebt der berausgeber im wesentlichen auf die sach- 
licben oder exegetischen unterschiede. Die formalen Varianten sind in 
weiterem umfange nur dem ersten buch Mosis beigegeben, ^weil dieses 
zur volständigern Charakterisierung der formalen Verschiedenheiten der 
einzelnen ausgaben genügte." In der einleitung zum ersten teile § 4 
ist ihnen eine kurze algemeine besprechuug gewidmet. J. Grimms 
wünsch, auch diese unter dem text und in möglichster ausführlichkeit 
beizubringen und dadurch ein grossartiges hilfsmittel für das Studium 
der spräche Luthers zu bieten, konte aus ökonomischeu rücksichteu 
nicht erfült werden. 

Inzwischen war im jähre 1847 Hopfs „Würdigung der Luther- 
schen bibelverdeutschung mit rücksicht auf ältere und neuere Über- 
setzungen. Nürnberg 1847" erschienen, vs^elches, aus einer lateinischen 
preisarbeit hervorgegangen, vornehmlich das Verhältnis der Lutherseben 
Übersetzung zum urtext, zu früheren, gleichzeitigen und späteren Über- 
setzungen behandelt. Nur in diesem zusammenhange wird gelegentlich 
der Wortschatz und die behandlung der eigennamen und fremdwörter 
berührt. Hervorzuheben sind aber die abschnitte über deutlichkeit und 
Schönheit der Lutherschen Übersetzung, welche schätzenswerte beitrage 
zu einer darstellung und geschichte des Lutherschen stils bieten. Dr. 
Hopf stand dem gegenständ insofern nahe, als er im auftrage des cen- 
tralvereins für die protestantische kirche Baierns eine neue bibelaus- 
gabe vorbereitete, für die er als obersten grundsatz die widerherstel- 
lung des Lutherschen textes , soweit dies „mit den gerecliten forderuugen 
der gegenwart vereinbar war", betrachtete. Hopf stand in dieser bezie- 
hung nicht allein. Es war eine zeit, in welcher der wünsch der bibel- 
geselschaften , aus dem gewirre der nach den verscliiedensten principien 
bearbeiteten bibelausgubeu herauszukommen, und das bedürfnis einer 
normalausgabe immer drincjeuder geworden war. In diesem zusammen- 



LCTHERGRAMM. TM 19. JH. 41 

hange erschienen im jahve 1855 die „Beiträge zur würdigen herstellung 
des textes der Lutherischen bibelübersetzuug " von C. Mönckeberg , pre- 
diger in Hamburg. Diese arbeit zerfält in vier abschnitte, von denen 
nur der zweite: zum Verständnis der Lutherschen sprachform, s. 27 — 
105, hier zu besprechen ist. Die davstellung begnügt sich gröstenteils 
mit einer ganz äusserliclien vergleichung der spräche Luthers und des 
nhd. Für eine wissenschaftliche bearbeitung der aufgäbe ist sie, vt^enig- 
stens in der lautlehre gewiss, völlig wertlos. Ebenfals nur den zweck 
eines sprachlichen kommentars zur Lutherschen bibelsprache , einer 
einführung in ein tieferes Verständnis der deutschen bibel und damit 
eines beitrags zur Würdigung der Lutherschen bibelverdeutschung hatte 
das buch vom pfarrer Wetzel: „Die spräche Luthers in seiner bibel- 
übersetzuug. Stuttgart 1859." Sie zerfält in zwei teile, deren erster 
eine Schilderung der spräche Luthers nach ihren algemeinen eigenschaf- 
ten enthält, und über den reinen und eclit deutschen Charakter der- 
selben, ihre Volkstümlichkeit, ihre kraft und lebendigkeit, über ihre 
Schönheit in wohllaut und rythmus handelt. Dieser teil umfasst s. 9 — 
66, und bietet einen schönen beitrag für die darstellung von Luthers 
stil. Der zweite teil (s. 67 — 162) befasst sich mit einer „erklärung 
altertümlicher wort- und redeformen, sowie altertümlicher ausdrücke 
und redensarten", worin selbstverständlich nur das moderne nhd. mit 
in betracht gezogen wird. Zuweilen führt nicht ausreichende kentnis 
der historischen entwicklung unsrer spräche zu fehlem und irtümern. 
Die lautlehre ist von der betrachtung ganz ausgeschlossen. 

Inzwischen hatte die Cansteinscho bibelanstalt in Halle, nach- 
dem kaum das Bindseil -Niemeyersche rieseuwerk zu ende gebracht 
war, es in die band genommen, eine neue revidierte ausgäbe der bibel 
herzustellen. Dazu eignete sich gerade der Cansteinsche text, welcher 
wie derjenige aller anderen bibelausgaben immer je nach dem bedürf- 
nisse der zeit umgestaltet war, Avegen seiner grossen Verbreitung am 
besten. Man vgl. über diese „officielle revision der Lutherbibol" beson- 
ders Willibald Grimm : „Kurzgefasste geschichte der Lutherischen bibel- 
übersetzuug bis zur gegenwart. Jena 1884", s. 48 — 76. Der stoff 
wurde zunächst in den theologischen und philologischen geteilt. Die 
bearbeitung des ersteren wurde dem pastor Mönckeberg übertragen, 
für die sprachliche seite hatte man K. v. Raumer in aussieht genom- 
men. Da dieser jedoch ablehnte , so wurde auf seinen verschlag dr. Karl 
Frommann, der Vorsteher der bibliothek des germanischen museums 
in Nürnberg, als bearbeiter des sprachlichen teils ausersehen. Dieser 
übernahm die arbeit im jähre 1858 und machte sich sogleich ans werk. 
Im jähre 1862 wurde dann dem 12. evangelischen kirchentage ein 



42 LUTHER 

„Konferenzbericbt über die revisiou vou dr. Martin Luthers bibelüber- 
setzuDg" von dr. C. Kramer, dem direkter der Frauckescben Stiftungen 
in Halle, und von dem pastor Mönckeberg überreicbt, gleichzeitig 
damit auch die revisionsvorschläge theologisch - kritischen teils vou 
Mönckeberg und diejenigen sprachlichen teils von K. Frommann. 
Leztere waren unter dem titel: „Vorschläge zur revisiou von dr. 
Martin Luthers bibelübersetzung. Zweites heft. Korrigenda des Can- 
steinschen textes. Sprachlicher teil, erste abteilung. Halle 1862" 
erschienen. Sie umfassen ausser einer vorrede der Cansteinschen bibel- 
anstalt auch eine einleitung von R. v. Raumer (s. 1 — 14), in welcher 
lezterer s. 8 in bezug auf Frommanns arbeit erwähnt, dass für den 
sprachlichen teil „jezt, nach einer vierjährigen unermüdeten und 
angestrengten arbeit", auf tausenden von zetteln und in mehr als 
hunderttausend citaten die ergebnisse dieser fast bis zum abschlusse 
gediehenen Untersuchung" vorlägen. „Sie bilden eine grammatik der 
Lutherschen bibelsprache , wie sie in solcher gründlichkeit und volstän- 
digkeit noch nie gegeben worden ist." Die eingereichten vorschlage 
enthielten drei Untersuchungen: über das genus, das geschlechtige pro- 
nomen an stelle des ungeschlechtigen , und zur konjugation , vou denen 
namentlich die zweite hervorzuheben ist; der dritte teil behandelt das 
eintreten von eu für älteres iu in der 2. 3. sg. ind. praes. und im sg. 
imperat. der starken verba III. klasse. Die weiteren Schicksale der 
beabsichtigten und mit umsieht vorbereiteten bibelausgabe können wir 
hier übergehen. Aber die von Raumer in der einleitung zu Frommanns 
Vorschlägen in aussieht gestelte Luthergrammatik ist bis heute noch 
nicht erschienen. Allerdings hat es nicht an lebenszeichen derselben 
gefehlt: im jähre 1864 machte Reinhold Bechstein in der Germania 9, 
249 — 251 auf „Karl Frommanus bibelarbeit" aufmerksam, wobei er 
u. a. sagte: „wir dürfen uns der hofnung hingeben, dass Frommanus 
bemühmigen nicht Vorarbeit bleiben, sondern dass die ergebnisse nach 
der grammatischen seite in einer erschöpfenden monographie nieder- 
gelegt werden , die uns bisher fehlte , und die nachgerade zu unabweis- 
barem bedürfuisse geworden ist. Dass alsdann zu einer solchen nicht 
allein die bibel, sondern auch die andern Averke Luthers, namentlich 
seine kleinen Schriften , mit in den kreis der betrachtung gezogen wer- 
den müssten, versteht sich von selbst." Noch einmal wies dann Bech- 
stein in der beilage zu nr. 251 der Allg. Zeitung vom Jahre 187ö auf 
„die grammatische darstellung der spräche Luthers von Frommann" 
hin. Bechsteins hofnung auf eine „erschöpfende monographie", die er 
in der Germ. a. a. o. ausgesprochen , war allerdings noch nicht in erfül- 
lung gegangen, „wie aber verlautet, wird in nicht alzuferner frist mit 



LUTHEEGBAMM. IM 19. JH. 43 

der veröifentlichung dieser wichtigen sprachstudie begonnen werden." 
Audi in seiner recension von Dietz' Luther Wörterbuch in der Germ. 17 
(1872), s. 217 erwähnte Bechstein Frominanns arbeit wider. Erst im 
jähre 1881 erschien dann, ebenfals in der Germania (bd. 26, s. 409 — 
415) ein kleiner aufsatz von dr. Frommann selbst, betitelt: „Zur Luther- 
grammatik", welcher über das pronomen und die conjunction „das" 
und ihre Schreibungen handelte. Dazu mag noch eine äusserung aus 
der einleitung zu der im jähre 1883 endlich erschienenen probebibel 
gestelt werden, wo in dem „bericht über die arbeit der revisiouskom- 
mission" von D. Schröder, s. XLI, gelegentlich einer kurzen bespre- 
chung der „sprachformen" in der probebibel bemerkt wird, dass „eine 
gründliche darstellung dieses teils der arbeit" „von dr. Frommann in 
seiner seit geraumer zeit vorbereiteten grammatik der Lutherschen 
bibelsprache " werde gegeben werden. Diese bemerkung ist auch in 
das referat über die probebibel in dem „Jahresbericht über die orschei- 
nungen der germanischen philologie , herausgeg. von der geselschaft für 
deutsche philologie in Berlin", Jahrgang 6 (1884) übergegangen, wo es 
s. 221 heisst: „die revision der sprachformen hat K. Frommann allein 
besorgt, der auch eine grammatik der Lutherschen bibelsprache vor- 
bereitet." Aber erschienen ist diese grammatik auch jezt noch nicht. ^ 
Indessen, das „bedürfnis", Luthers spräche wissenschaftlich zu 
behandeln, hatte sich immer mehr „unabweisbar" geltend gemacht. 
Schon im jähre 1854, also noch vor dem erscheinen der oben erwähn- 
ten Wetzeischen schrift, war Pfeiffer in seiner ausgäbe der deutsch- 
ordenschrouik des Nicolaus von Jeroschin auf das Verhältnis von Luthers 
spräche zur sächsischen kanzleisprache, anknüpfend an den bekanten 
ausspruch Luthers in den tischreden (ausgäbe von Förstemann und 
Bindseil 4, 569), eingegangen und hatte gemeint (s. X): „die säch- 
sische kanzleisprache sich anzueignen und fortzubilden, war für Luther 
um so leichter , als seine wiege dort stand , wo diese ihren hauptgrund- 
zügen nach ihren Ursprung genommen, und seine eigene von Jugend 
auf gesprochene mundart wird sich von jener wesentlich nur wenig 
unterschieden haben." Ihm trat dann in einer besprechung dieser schrift 
Kudolf V. Raumer in den Münchener gelehrten anzeigen 1854, III, 16 fgg. 
(im wesentlichen wider abgedruckt als anhang I in desselben: Über 
deutsche rechtschreibung, Wien 1855, Sonderabdruck aus der Ztschr. 
f. d. österr. gymuasien 1855) entgegen, indem er zwar ebenfals annahm, 
dass Luther sich nach der sächsischen kanzlei gerichtet habe , andrerseits 
aber behauptete, dass leztere mit hochdeutschen eleinenten vermischt, 
und zwischen Luthers spräche und dem thüringisch - sächsischen dialekt 
1) Dr. Frommann ist am 6. jan. 1887 gestorben. J. Z. 



44 LüTHKR 

«'in „liiminelweiter iinterschied" vorhanden gewesen sei. Diesen „him- 
mehvc'iten uiiterscliied" führte später Schilling (Die diphthongisierung 
der vokale ü in i. Ein beitrag zur geschichte der nhd. Schriftsprache. 
Programm von Wordan 1878) s. 7 auf das ihm gebührende mass zurück. 

Nunmehr hatte sich die bctrachtung der spräche Luthers von 
theologischen motiven emancipiert und für die rein philologische behand- 
lung derselben war die bahn gebrochen. Das Verhältnis der spräche 
Luthers zu seinem heimatlichen dialekt und zur sächsischen kanzlei- 
sprache ist seitdem widerholt besprochen, und bei dem dominierenden 
einfluss Luthers auf die bildung der nhd. Schriftsprache muss jede Unter- 
suchung über die entstehung der lezteren von Luther und den elemen- 
ten seiner spräche ausgehen. Monographien über den nid. dialekt und 
über das Verhältnis der verschiedenen kanzleien zur reichskanzlei und 
unter einander geben immer hellere lichter für die beurteilung dieser 
fragen. Doch beschränken wir uns hier auf die angäbe derjenigen 
Schriften, die sich direkt mit Luthers spräche beschäftigen. Ausge- 
schlossen bleiben auch solche kleineren bemerkungen , wie sie sich fast 
überall und namentlich häufig in den Schriften von Michaelis (beson- 
ders in dessen ztschr. für Orthographie und Stenographie ; das th in der 
deutschen rechtscbreibuug, usw.) und auch in Frommanus Mundarten 
finden, da diese besser in den entsprechenden kapiteln einer Luther- 
grammatik erwähnt werden. 

Nachholend muss dabei noch der „Grammatik der deutschen 
spräche des fünfzehnten bis siebenzehnteu Jahrhunderts von Joseph 
Kehrein" gedacht werden, deren erster teil Leipzig 1854 (vorwort vom 
1. mai) erschien und die laut- und flexionslehre umfasste. Das buch 
solte und wolte die lücke ausfüllen , welche J. Grimm in seiner deut- 
schen grammatik zwischen der darstellung des mhd. und nhd. selbst 
genügend empfunden hatte , brachte indessen nur „ein ohne rücksicht 
auf irgend welche innere volständigkeit planlos zusamraengeraftes und 
ungenügend geordnetes material." Von Luthers sämtlichen Schriften 
hat nur die Bibelausgabe von 1543 (Wittenberg fol.) berücksichtigung 
gefunden. Ganz anders wurde das Wörterbuch der gebrüder Grimm, 
dessen erster band in demselben jähre fertig gestelt war (vorrede, 
unterzeichnet: 2. merz 1854; — das erste heft war bereits 1852 erschie- 
nen — ) , der spräche Luthers als der eines der „mächtigsten und gewal- 
tigsten zeugen der spräche" des 16. Jahrhunderts gerecht. Indessen 
mag die erwähnung dieses werks genügen, da es als lexikalische arbeit 
nicht in den kreis dieser betrachtung gehört. 

Neue gesichtspunkte für Luthers Stellung zur entwicklung der 
nhd. Schriftsprache stelte im jähre 1863 MüUenhoff in der „Vorrede" 



LÜTHERGEAMM. IM 19. JH. 45 

ZU den „Denkmälern deutscher poesie und prosa aus dem VIII — XII. 
Jahrhundert, herausgegeben von K. Mülleuhoff und W. Scherer" auf, 
indem er s. XXY fgg. vor allem betonte , dass schon in den Urkunden 
der Luxemburger eine spräche sich zeige, welche zwischen obd. und 
md. die mitte halte. Indem diese kaiserliche hof- und kanzleisprache 
andere kanzleien beeinflusste , sich selbst aber wider dem algemeineren 
gebrauch anbequemte, entstand im 15. jh. eine reichssprache , welche 
dem namentlich durch die häufige widerkehr der reichstage empfun- 
denen bedürfnisse nach einem „gemeinen teutsch" entsprach. „Um 
1500 ist was Luther sagt, dass ihr „nachfolgen alle fürsteu und könige 
in Teutschland", beinahe schon zur Wahrheit geworden." Die spräche 
der fürstlichen kanzleien in Obersachsen und Thüringen war wesentlich 
dieselbe wie die der kaiserlichen. Der md. dialekt war durcli aufgeben 
seiner eigenheiten und aufnähme oberdeutscher demente „der schon in 
einem grossen teile Süddeutschlands und im gebrauch des reichs her- 
schenden spräche gleichgestelt. Durch Luther und die reformatiou 
emporgehoben ward sie im 16. jh. die massgebende spräche, die die 
reichssprache in sich aufnahm und bis in den anfang des 17. jhs. . . . 
die dialekte und mundarten überall aus der litteratur und dem schrift- 
gebrauch verdrängte." 

Eine specialarbeit über Luthers dialekt lieferte nun zunächst 
dr. E. Opitz in Naumburg: „Über die spräche Luthers, Ein beitrag 
zur geschichte des neuhochdeutschen. Halle 1869." Gestüzt auf die 
bis dahin bereits erschienenen Publikationen von denkmälern md. dia- 
lekts, untersuchte er die Schriften aus Luthers erster schriftstellerischen 
Periode auf ihre dialektischen eigentümlichkeiten hin, und zeigte, wie 
sich in Luthers spräche bis 1525 der heimatliche dialekt noch vorwie- 
gend geltend mache, wie aber nachher, und zwar zuerst in der aus- 
gäbe des N. T. von 1526 ein wesentlicher fortschritt bemerkbar sei. 
Lezteren findet er namentlich in der konsequenten durchführung des 
Umlauts, die, über die grenzen der kanzleisprache hinausgehend, nach 
meinung des Verfassers auf alemannischem einfluss beruht. Dazu trat 
Ph. Dietz in Marburg mit seinem schon oben erwähnten „Wörterbuch 
zu dr. Martin Luthers deutschen Schriften. Erster band. Nebst einem 
ausführlichen, die eigenheiten der spräche Luthers behandelnden ver- 
werte und einem Verzeichnisse der benuzten zahlreichen originaldrucke 
Lutherscher Schriften und handschriften. Leipzig, 1870." Das Vorwort 
ist datiert: September 1869. Man vgl. dazu die besprechuugen von 
Scherer in der Ztschr. f. d. österr. gymnasien 21 (1870) und von Bech- 
stein in der Germania 17 (1872), 216 — 228. Hier wurde zum ersten 
male der versuch gemacht, den gesamten Lutherschen Sprachschatz 



46 LUTHER 

deutscher zuuge zusammenzustellen und wissenscliaftlicb zu bearbeiten. 
Das grosse werk ist leider nicht vollendet ; der erste band umfasste die 
buchstaben A — F; eine erste lieferung des zweiten bandes erschien 
Leipzig 1872 und umfasste die artikel G — Hals. In dem vorwort zum 
ersten bände s. III — XXIV gibt der Verfasser „eine kurze Charakteri- 
stik der wesentlichsten eigentümlichkeiten der spräche Luthers , wobei 
jedoch von grammatischer volständigkeit ganz und gar abgesehen ist." 
Er knüpft darin an die arbeiten von Hopf, Mönckeberg und besonders 
au das erst eben erschienene buch von Opitz an, und fügte „teils 
ergänzende , teils berichtigende bemerkungeu" hinzu, üietz hatte somit 
gar nicht die absieht, eine systematische darstellung der spräche Lu- 
thers zu geben; trotz aller ausführlichkeit im einzelnen ist seine dar- 
stellung nur skizzenhaft, mehr die abweichungen als die regeln in 
betraclit ziehend. Auch begegnet es ihm bei aller kentnis der ent- 
wicklung der deutschen spräche öfter, „die grammatischen Verhältnisse 
nicht richtig bestirnt und gesondert zu haben." 

Im jähre 1873 erschien eine schrift, die in ihrem zwecke bis 
dahin keine Vorgängerin gehabt hatte. Es war dies das buch : „Luthers 
spräche in seiner Übersetzung des neuen testaments. Nebst einem wör- 
terbuche. Von prof. dr. August Lehmann. Halle, Waisenhaus. 1873." 
Der Verfasser behandelt hierin nur die syntax der spräche Luthers, wie 
sie sich im neuen testament zeigt, und ohne rücksicht auf eine ältere 
oder jüngere stufe der deutschen spräche. Die wortformen sind durch- 
weg modernisiert. Im jähre 1875 erschien die „Geschichte der neu- 
hochdeutschen Schriftsprache von Heinrich Kückert", von Scherer ange- 
zeigt im Anzeiger f. d. a. I (1876). Dem zwecke des buches entsprechend 
wurde hier Luthers Stellung im zusammenhange der entwicklung der 
deutschen spräche dargestelt, seine spräche nach ihren lautlichen und 
flexivischeu Verhältnissen, nach Wortbildung, Sprachschatz und syntax, 
sowie nach ihrer Stellung zum dialekt , zur kanzleisprache und in ihren 
Wirkungen auf die weitere entwicklung der deutschen spräche betrach- 
tet, aber alles mehr andeutend, nicht erschöpfend durchgeführt. Ein- 
gehend suchte dagegen Gustav Kiessling in seiner abhandlung: „Bibel- 
sprache und mittelhochdeutsch. Programm von Zschopau 187G" zu 
zeigen, „inwiefern in Lutliers bibelübersetzung . . volkommen mittel- 
hochdeutsche oder wenigstens diesen sehr nahe stehende sprachformen 
und bedeutungen sich finden." Mit Übergebung der lautlehre und gerin- 
gerer berücksichtigung der flexion, wendet sich der Verfasser nament- 
lich der Wortbildung und dem Wortschätze, der syntax und dem stile 
zu; und wenn er auch nicht auf die originaldrucke der Lutherscheu 
bibel zurückgeht, sondern die heutigen bibelausgaben nach Lutherscher 



LUTHEHGRÄMM. IM 19. JH. 47 

Übersetzung seinen betrachtungen zugrunde legt, so sind die gewon- 
nenen resultate doch um so mehr anzuerkennen, als dem Verfasser 
wesentliche vorarbeiten nicht zu geböte standen. 

Im September 1882 hielt dann der archivrat E. Wülcker in der 
germanisch - romanistischen Sektion des philologentages zu Karlsruhe 
einen vertrag über : „Luthers Stellung zur kursächsischen kanzleisprache", 
abgedruckt in der Ztschr. f. Thüringische geschichte und altertums- 
kunde N. F. bd. 1, 349 fgg. und in der Germania 28 (1883), s. 191— 
214. In Wülcker war gerade für diese frage eine bedeutende kraft 
erstanden. Aus Frankfurt am Main gebürtig, war er schon im jähre 
1868 über: „Beobachtungen auf dem gebiete der vokalschwächuug im 
mittelbinnendeutschen , besonders im Hessischen und Thüringischen" in 
Leipzig promoviert. 1877 veröffentlichte er in Paul und Braunes bei- 
tragen 4, 1 — 47 die abhaudlung: „Lauteigentümlichkeiten des Frank- 
furter Stadtdialekts im mittelalter." 1878 hielt er in der germanistisch - 
romanistischeu abteilung der 33. versamlung deutscher philologen und 
Schulmänner zu Gera einen vertrag über die entstehung der kursäch- 
sischeu kanzleisprache , wozu er sich als archivar der Weimarer archive 
und bei der bequemlichkeit, mit der ihm das urkundenmaterial zu geböte 
stand, am ehesten berufen fühlte. Somit war er für die frage der Stel- 
lung Luthers zur kursächsischen kanzleisprache vorzüglich vorbereitet. 
In der schon oben citierten abhandlung, welche dieses Verhältnis zur 
kursächsischen kanzleisprache behandelt, charakterisiert er den md. 
dialekt und den eiufluss der kanzleisprache auf denselben. Die kur- 
sächsische kanzleisprache hatte sich lange vor Luther aus den Schreib- 
stuben der fürsten in weitere kreise eingedrängt, und war spräche der 
gebildeten und gelehrten geworden; auch in die litteratur hatte sie 
bereits vor Luther eingang gefunden. Innerhalb der kanzleisprache 
unterscheidet Wülcker zwei richtungen, eine dem md. dialekt und eine 
der kaiserlichen kanzlei, dem obd., näher stehende, von denen Luther 
sich der ersteren anschloss. 

In das jähr 1883 fiel die feier des 400jährigen geburtstages des 
reformators. Auch hier, wie bei dem im anfang des Jahrhunderts 
gefeierten reformationsjubiläum, war die zahl der litterarischen erschei- 
nungen legion. Der Jahresbericht der geselschaft für deutsche philo- 
logie in Berlin bringt im Jahrgang 1884 über hundert nummern zur 
Lutherlitteratur ; darunter aber nur eine verschwindende minderzahl von 
werken, die sich auf Luthers spräche beziehen, und diese zumeist 
ohne selbständigen wissenschaftlichen wert. Einzig hervorzuheben ist 
P. Pietsch: „Luther und die neuhochdeutsche Schriftsprache. Breslau 
1883", weil er die bisherigen forschungen über Luthers anteil an der 



48 LÜTHEB 

entwickluiig unserer Schriftsprache sorgfältig zusammeiifasst und so 
aufs beste über den jetzigen Standpunkt der frage orientiert. Scherer 
vermisst (in der anzeige des buches in der DLZ.) die hervorhebung 
derjenigen punkte , au denen weiter einzusetzen wäre. Mit einer ande- 
ren Publikation war schon vorher in demselben jähre dr. G. \V. Hopf 
hervorgetreten : „ Allitteration , assonanz , reim in der bibel. Ein neuer 
beitrag zur Würdigung der Lutherschen bibelverdeutschung. Erlangen 
1883." Hier wie frttber nur die richtige „Würdigung" der Lutherschen 
bibelübersetzung im äuge habend, gab er mit ungleich reicheren bele- 
gen als früher auch einen ungleich volständigeren beitrag zur geschichte 
des Lutherschen stils. 

Im jähre 1884 erschien dann noch die Hallenser habilitations- 
schrift von Konrad Burdach : „ Die einigung der neuhochdeutschen 
Schriftsprache. Einleitung. Das sechzehnte Jahrhundert." Hier wur- 
den zum ersten mal die principien energisch betont, nach denen eine 
geschichte der nhd. Schriftsprache zu schreiben wäre. Eine solche 
geschichte besitzen wir noch nicht. Selbst für das sechzehnte Jahrhun- 
dert sind die Schicksale der deutschen spräche Igenügend noch nicht 
beschrieben worden. „Eine darstellung derselben hätte im einzelnen 
und mit genauer beobachtung die Wirkung der spräche Luthers 
zu verfolgen. Sie hätte zu zeigen und an greifbaren tatsachen anschau- 
lich zu machen, wie seine autorität immer weitere kreise eroberte. 
Aber es müste zugleich hervortreten, wo und wann sie ihre grenze 
fand, wie ihr einfluss nicht bloss durch fremde gegenströmungen , son- 
dern auch von sich selbst gebrochen wurde" (s. 7). Erwägungen ähn- 
licher art hatten schon im jähre 1878 Carl M. G. Frommann in Nürn- 
berg in seinem „Versuch einer grammatischen darstellung der spräche 
des Hans Sachs. Lteil: zur lautlehre. Nürnberg 1878" auf den gedan- 
ken gebracht „zuzusehen, in wie weit sich ein einfluss von Luthers 
spräche in H. S. werken nachweisen lasse, und damit zugleich einen 
bescheidenen beitrag zur geschichte der ausbreitung des neuhochdeut- 
schen zu liefern" (F. s. 4). Da jedoch die vorarbeiten über Luthers 
spräche zu diesem zwecke ebensowenig ausreichten , als der Sprach- 
schatz des Haus Sachs für eine erste darstellung zu umfangreich war, 
so unterblieb zunächst die beabsichtigte vergleichung. 

Die antritsvorlesung, welche Friedr. Kluge am 5. mal 1886 in 
der aula der Universität Jena hielt, und welche später im druck erschie- 
nen ist, mag deshalb noch erwähnt werden, weil der Verfasser beson- 
ders auf den wertschätz von Luthers spräche eingeht, und nachweist, 
dass dieser überwiegend md. Ursprungs sei gegenüber d^m früher die 
hegemouie führenden schwäbischen dialekt und der kauzleisprache , dass 



LUTHERGRAMM. IM 19. JH. 49 

Luther aber auch niederdeutschen Wörtern aufnähme in die von ihm 
zur herschaft gebrachte spräche gewährt habe. In ihrem weiteren 
verlaufe besonders vom md. boden aus gefördert (Gottsched, Lessing, 
Goethe) sei diese spräche mit ihrem durchaus md, gepräge zur moder- 
nen Schriftsprache geworden. 

Damit wäre diese bibliographische Übersicht zu ende. Es mag 
noch hinzugefügt werden, dass eine arbeit über „die spräche Luthers 
in seiner Übersetzung des Neuen Testaments vom jähre 1522", deren 
thema von der philosophischen fakultät der königl. Friedrich Wilhelms- 
Universität zu Berlin gelegentlich der vierhundertsten widerkehr des 
geburtstags des reformators als preisaufgabe gestelt war, vom Verfasser 
vorliegender skizze der genanten fakultät eingereicht, vmd von lezterer 
am 3. august 1886, bei der gedenkfeier der Universität zu ehren ihres 
Stifters, Sr. Maj. des königs Friedrich Wilhelm IH, mit dem preise 
aus der Grimmstiftuug gekrönt worden ist. Die arbeit, welche dem- 
nächst im druck erscheinen wird, stelt die spräche Luthers, zunächst 
wie sie sich in der septeniberbibel bietet, dar, zugleich aber sucht der 
Verfasser durch eine konsequente vergleichung der Lutherschen sprach- 
form mit dem mhd. und md. die oberdeutschen und mitteldeutschen 
demente in der spräche des reformators zu kenzeichnen. 

BERLIN. JOH. LUTHER. 



EINE QUELLE ZU SCHILLERS BRAUT VON MESSINA. 

Die im Teil vielgerühmte meisterschaft Schillers, eine fremde 
natur, die er nie gesehen, in ihrer eigenart zu erfassen und dichterisch 
nachzugestalten , verrät sich schon in der braut von Messina. Hier 
wie dort fält auf den Charakter des landes und seiner bewohner ein 
volles licht; hier wie dort wird der landschaftliche hintergruud in gele- 
gentlichen Schilderungen, in beiläufigen erwähuungen, in der wähl der 
vergleiche usw. scheinbar unabsichtlich uns zur anschauung gebracht, 
hier wie dort die eigentümliche Stimmung, welche diese fremde weit 
erweckt, widergegeben, und durch alles dies ein naturboden für das 
drama gewonnen , der zu dem Inhalt desselben in ebenso inniger bezie- 
hung steht, wie etwa die nebelhaiden Schottlands zu der handlung des 
Macbeth. — Aber freilich : von der gelegentlichen realistik des Teil, 
welche das bild der Alpenwelt, wenn es auch ein poetisch verklärtes 
ist, in zalilreichen, der unmittelbaren Wirklichkeit entnommeneu ein- 
zelheiten ausführt und ganz bestirnte lokalitäten genauer ins äuge fasst, 

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. ■! 



50 G. KETTNER 

findet sich hier keine spur: entsprechend dem klassisch -idealen stil des 
Werkes ist auch das lundschaftsbild der braut von Messina in algeiuei- 
nen typischen zügen^ entworfen. 

Daher ist man zwar im Teil seit Joachim Meyers grundlegen- 
dem Programm (Nürnberg 1840) den quellen von Schillers Schilderun- 
gen nachgegangen; bei der braut von Messina dagegen schien jeder 
anhaltspunkt für solche Untersuchungen zu fehlen. 

Es liegt nahe, vor allem an den einfluss mündlicher mitteilun- 
gen Goethes zu denken. Indessen der bericht über seine reise durch 
Sicilien berührt gerade die von Schiller betonten eigeutümlichkeiten 
dieses landes fast gar nicht, auch ist seine auffassung der natur über- 
haupt eine ganz andere. 

Wol die interessanteste und deswegen populärste Schilderung 
Siciliens hatte zu jener zeit der Engländer Patrick Brydone gegeben 
in der beschreibung seiner von mai bis juli 1770 ausgeführten reise, 
von der 1774 eine deutsche Übersetzung erschien. ^ Mit der Zuverläs- 
sigkeit des Verfassers ist es oft übel bestelt, wie spätere reisende in 
Sicilien mit erstaunen erfuhren ; ^ aber er wüste , was er selbst erlebte 
und von andern hörte, geschickt zu verbinden, statt archaeologischer 
oder naturwissenschaftlicher einzelheiten gibt er unmittelbare persön- 
liche eindrücke oder unterhaltende erlebnisse, kurz er schildert mit 
einer für jene zeit seltenen anschaulichkeit und lebendigkeit. Das werk 
wurde sogleich bei seinem erscheinen sehr anerkant. Wieland Hess im 
Novemberhefte des Teutschen Merkur von 1773 eine probe abdrucken 
mit der bemerkung (s. 107): „wir sind um so gewisser, uns durch mit- 
teilung dieses stücks leser von geschmack verbindlich zu machen, da 
es eines der schönsten gemälde enthält, welches jemals von einer mei- 
sterhand entworfen worden." Nach Brydone gab Engel im 23. stück 
des Philosophen für die weit seine beschreibung einer Aetna- reise. ^ 

1) Wie glücklich sie gewählt und mit welcher Wahrheit sie gezeichnet sind, 
zeigt ein kenner Siciliens in einem aufsatz „über Schillers sicilianische dichtungen" 
in der (Augsburger) Allg. Ztg. 1881 , beilage 306. 307, besonders s. 4498. 4514. 

2) P. ßrydones Reise durch Sicilien und Malta, in Briefen usw. 2 teile. 
Leipzig, bey Junius 1774. — L. Friedländer hat sie in seinem aufsatz „reisen 
in Italien in den lezten drei Jahrhunderten", Deutsche Eundschau VII , 1876, s. 233 
— 251 auffallender weise ganz unbeachtet gelassen. 

3) Z. b. auch Goethe, WW. 24, 281 (Herapel). 

4) „Wenn der wert dieses aufsatzes, fügt er selbst in der anm. hinzu, in 
seinem beschreibenden teile läge, so würde er für diejenigen sehr gering sein, die 
an der richtigkeit der erzählung von Brydone zweifeln. Es ist sehr sichtbar, dass 
beide briefsteller genau zusammenstimmen , und es wird kein Oedip erfordert wer- 
den , um das rätsol dieser zusammenstimmung zu lösen." 



EINE QUELLE Z. BRAUT V. MESSINA 51 

Goethe bezieht sich ^ auf seine beschreibung des festes der heil. Rosa- 
lie als eine algemein bekante. Graf Borch wurde durch den begeistern- 
den eindruck seiner Schilderungen zu seiner reise 1777 veranlasst ^ 
und gab seine briefe über dieselbe als Supplement zu Brydone heraus; 
wenn er ebenso wie Bartels ^ nicht müde wird , gegen seinen Vorgän- 
ger zu polemisieren, so beweist dies indirekt nur seine beliebthcit. — 
Sie bewog auch J. H. Campe das werk in usum Delphini castigiert 
und gelegentlich mit anderen berichten contaminiert 1789 in seine 
„Samlung merkwürdiger Reisebeschreibungen'" als bd. 7 aufzunehmen. 
In der vorrede war er für die Zuverlässigkeit des Verfassers , besonders 
in der „hinreis^endeu beschreibung" des Aetna — deren künstlerische 
bedeutung übrigens auch Bartels anerkant hatte — warm eingetreten; 
ein sehr lebhafter und zum teil unerquicklicher streit zwischen bei- 
den in der Jenaer Lit. Ztg> wurde dadurch hervorgerufen. 

Dass Schiller an einem damals so viel genanten werke vorüber- 
gegangen sein solte, ist an sich wenig wahrscheinlich. Bestimt lässt 
sich die benutzung desselben nachweisen an der eigentümlichen beschrei- 
bung, die Isabella von dem einsiedler auf dem Aetna gibt (IV, 1): 
Einsiedelud auf des Aetna Höhen haust 
Ein frommer Klausner, von üralters her 
Der Greis genannt des Berges, welcher näher 
Dem Himmel wohnend als der andern Menschen 
Tief wandelndes Geschlecht , den irdschen Sinn 
In leichter, reiner Aetherluft geläutert. 
Hierauf wurde Schiller geführt durch die bemerkungen Brydones über 
die angebliche wohnung eines heidnischen einsiedlers, des Empe- 
dokles, die torre del ßosofo „fast auf der spitze des Aetna" (I, 177 fg,). 
„Wenn es wirklich so etwas auf Erden giebt, das Philosophie heisst, 
so solte dieses ihr Sitz seyn .... Der Geist geniesst hier einer hei- 
tern Ruhe .... Die Gedanken werden so , wie die Gegenstände , die 
uns umgeben , immer grösser und erhabener .... Man hat auch beob- 
achtet (und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, mit Rechte), dass 
auf den höhesten Bergen, wo die Luft so rein und verfeinert ist, 
und keine so schwere Last grober Dünste den Körper drücket, der 

1) 24, 224. 

2) Deutsche übers, in 2 teilen. Bern, 1783. 

3) Briefe über Kalabrien und Sizilien, Göttingen. I. 1787, II. 1789, III. 1792. 
Eine genaue besprechung sämtlicher zeitgenössischen reisewerke über diese gegenden 
gibt er II s. XI— XXI; III, vorr. 13 — 35. 

4) Vgl. im Intelligenzblatt d. A. L. Z. 1789 nr. 140, s. 1162 — 64; 1790, nr. 4 
s. 30 — 32, nr. 18 s. 142. 

4* 



52 G- KETTNER 

Geist freyer wirke, und alle Funktionen des Leibes und der Seele leich- 
ter und besser von statten gehen. Es schien, als blieben, nach dem 
Grade, nach welchem wir über die Wolinungen der Menschen 
erhoben waren, alle niedere und gemeine Empfindungen zu- 
rücke; als legte die Seele, da sie sich den ätherischen Gegenden 
nähorte, ihre irrdischen Neigungen und Leidenschaften ab, und 
nähme schon etwas von ihrer unveränderlichen Reinigkeit an. — Hier, 
wo man unter einem lieitern Himmel steht, und mit gleicher Heiter- 
keit das Ungewitter und den Sturm unter seinen Füssen entstehen , den 
Blitz von Wolke zu Wolke fahren, und ihn nebst dem um den Berg 
lierum rollenden Donner den armen Sterblichen unter sich den Unter- 
gang drohen sieht, da betrachtet der Geist die kleinen Stürme und 
Ungewitter der menschlichen Leidenschaften als Dinge, die seine Auf- 
merksamkeit nicht verdienen." 

Einen nachhall dieser betrachtungen mag man auch in den wer- 
ten des chors IV, 7 finden: 

Auf den Bergen ist Freiheit! Der Hauch der Grüfte 
Steigt nicht hinauf in die reinen Lüfte usw. 
wenngleich die Stimmung an sich ganz Rousseauisch ist. — 

Bestimtere geographische angaben fehlen, wie schon erwähnt, 
in der braut von Messina. Nur eine stelle macht eine ausnähme. Das 
kloster, in dem Beatrice verborgen ist, liegt (H, 6) 
hinterm Waldgebirge, das zum Aetna 
Sich laugsam steigend hebt. 
In diesem Waldgebirge hat Manuel I, 7 „den ganzen Tag gejagt", als 
die hindin 

floh durch des Thaies Krümmen 
Durch Busch und Kluft und bahnenlos Gestrüpp. 

Dazu vgl. man Brydone I, 173 „Auf die regione deserta folget unmit- 
telbar die sylvosa, oder die waldichte Region, ein Gürtel von dem 
schönsten Grün, welcher den Berg von allen Seiten umgiebt" (ebenso 
I, 102) ... „Sie ist nicht eben ... Die unzählige Menge von kleinen 
Bergen, welche durch die verschiedenen Ausbrüche des Aetna entstan- 
den sind, geben ihr eine besonders angenehme Mannichfaltigkeit." — 
(158) „Die waldichte Region erstreckt sich ungefähr auf acht bis neun 
[engl.] Meilen in die Höhe." — (105) „Der Weg geht durch Wälder, 
die aus der Lava hervorwachsen und au einigen Orten fast unzugäng- 
lich sind." — (207) „Ehemals gab es eine Menge AVild in den wal- 
dichten Gegenden des Aetna; es hat sich aber ... sehr vermindert. 
Es giebt noch immer wilde Schweine, Rehböcke, und eine Art von 



EINE QUELLE Z. BRAUT V. MESSTNA 53 

wilden Ziegen; aber Hirschen , so wohl als Bare sind, Avie man glaubt, 
ganz ausgegangen.^ 

In den „wilden ziegen" mag man vielleicht den „springbock" 
erkennen, den der eher I, 8 als jagdpreis neut (entsprechend dem ai^ 
äyQiog bei Homer); und wenn derselbe chor sich sehnt auf der jagd 
„die ermatteten glieder zu baden in den erfrischenden strömen der 
lüfte", so ist dies vielleicht nicht bloss algemeiu aufzufassen, sondern 
mit besonderer beziehung aufSicilien, von dessen regione silvosa Bry- 
done I, 157 sagt: „Sobald wir in diesen angenehmen Waldungen an- 
langten, glaubten wir in einer ganz andern AVeit zu seyn. Die zuvor 
heisse und schwüle Luft war nun külil und erfrischend." 

Die (noch jezt übliche) einteilung des Aetna -banges in die 
regione coltivata, silvosa und deserta findet sich zwar selbstverständ- 
lich auch in den übrigen reisebeschreibungen, indessen wird der Aet- 
nawald z. b. bei Bartels II, 347, Stolberg WW, IX , 244, Borch I, 70 
nur flüchtig erwähnt und als unbedeutend geschildert, ja Riedesel - 
bemerkt s. 126 ausdrücklich: „Hier fängt der wald an, von welchem 
ich so viel gehört hatte, und der die schönsten eichbäume haben soll; 
es ist aber nicht an dem, und ich fand meine Vorstellung und die mir 
gemachte beschreibung davon völlig falsch . . . Dieser wald umgibt 
den ganzen berg rundum in dieser höhe desselben; ist aber nicht dichte 
und bestehet aus schlechten und unansehnlichen bäumen," 

Aus Brydone endlich schöpfte Schiller wol die auregung zur 
Vermischung der verschiedenen religioneu. Was er in der vorrede zur 
rechtfertigüng derselben sagt: „Ich habe die christliche religion und 
die griechische götterlehre vermischt angewendet, ja selbst an den 
maurischen aberglaubeu erinnert. Aber der Schauplatz der handlung 
ist Messina , wo diese drei religioneu teils lebendig , teils in denkmälern 
fortwirkten und zu den sinnen sprachen", führt er noch genauer in dem 
br, an Koerner IV, 319 aus: „Das Christentum war zwar die basis und 
die herschende religion; aber das griechische fabelwesen wirkte noch 
in der spräche, in den alten denkmälern , in dem anblick der städte 
selbst, welche von Griechen gegründet waren, lebendig fort, und der 
mährenglaube, sowie das zauberwesen schloss sich an die maurische 
religion an. Die Vermischung dieser drei mythologien, die sonst den 
Charakter aufheben würde, wird also hier selbst zum Charakter," Koer- 
ner erwidert IV, 320: „Was du zur rechtfertigüng des ideencostünis 
sagst, halte ich zwar für richtig, aber mau muss mit der geschichte 

1) Wie abstrakt ist dagegen Bartels III, 241. 

2) Reise durch Sicilien und Grossgriechenland (anonym) Zürich 1771. 



54 0. KETTNER, EINE QUELLE Z. BRAUT V. MESSINA 

von Sicilieu sehr bekanl sein, um eine solche eigenheit dieses Volkes 
wahr 7A\ finden. Es Iragt sich , ob der dichter dergleichen historische 
kentuisse bei seinem publikum voraussetzen darf." Man sieht daraus, 
dass diese auffassung Schillers sich nicht aus algemeiner historischer 
bilduug erklärt, sondern eine bestirnte quelle voraussezt. Und gerade 
Brydone beurteilt in seiner reisebeschreibung widerholt in diesem sinne 
das Christentum der Sicilianer, am eingehendsten I, 132 — 140. Ich 
führe nur einiges daraus an: „Die Kirche . . . war ein Tempel ... Sie 
ist nun von allem Gifte, womit sie die heidnischen Gebräuche angesteckt 
hatten, gereiniget und eine christliche Kirche geworden. Sie ist der 
heiligen Jungfrau gewidmet, die man schon lange zur Universalerbin 
aller alten, himmlischen, irrdischen und unterirrdischen Göttinnen gemacht 
hat; und in der That haben sie nicht viel mehr als den Kamen ver- 
ändert; die Sachen selbst bleiben noch immer ziemlich dieselben. — 
Die Catholiken geben nicht darauf Achtung, aber es ist artig zu bemer- 
ken, wie wenig fast in allen Stücken ihre gegenwärtigen Gebräuche 
von den alten abgehen . . . Während der langen Regierung des Heiden- 
thums hatte der Aberglaube seine Erfindungskraft ganz erschöpft; und 
da sich ein abergläubischer Geist der Christen bemächtigte, waren sie 
genöthiget, von ihren Vorfahren zu borgen, und einen Theil ihres Götzen- 
dienstes nachzuahmen .... An einigen Orten sind sogar eben diesel- 
ben Bilder geblieben: sie haben sie nur christlich' gemacht; und was 
ehemals Venus oder Proserpina war, ist nun Maria Magdalena, oder 
die Jungfrau. Eben dieselben Ceremonien werden täglich vor diesen 
Bildern beobachtet; und dies geschieht in eben derselben Sprache und 
fast auf eben dieselbe Art." Und nun fingiert Brydone, dass ein heid- 
nischer priester wider auferstände, mit erstaunen seine Venus, seine 
Juno, seinen Jupiter nur in wenig verändertem kostöm noch immer 
verehrt sähe und selbst bloss „die Messe, das Pater und das Ave aus- 
wendig lernen dürfte." 

Andere Übereinstimmungen zwischen Schiller und Brj'^dono — 
in der Schilderung der lavafelder, der fruchtbaren ebenen, der von den 
maurischen Seeräubern drohenden gefahr usw. — glaubte ich unberück- 
sichtigt lassen zu müssen , da sie teils zu flüchtig sind , teils algemein 
bekantes betreffen. 

SCHULPFOETE. GUSTAV KETTNEK. 



55 



QUELLENSTUDIEN ZUK LITTERATURGESCHICHTE DES 
18. JAHRHUNDERTS. 

1. Zur Haml)urgischeii prcisaiissclireibiiiig. 

Die hamburgische preisausschreibung Schröders vom 28. februar 
1775 scheint aus dem bereich der confusionen gar uicht heraus kom- 
men zu wollen. Der erste, bereits von Koberstein berichtigte irtum 
war, dass ein preis auf das thema des brudermords ausgesezt worden 
sei: der anschein des wunderbaren, dass drei stücke dasselbe thema 
behandelten, ist geschwunden, seitdem Gervinus auf das zeitgemässe 
des Stoffes aufmerksam und Erich Schmidt (Anzeiger für deutsches 
Alterthum 3, 197 fg.) noch obendrein direkte bekautschaft Klingers mit 
der idee des „Julius von Tareut" mehr als wahrscheinlich gemacht hat. 

Seitdem ist man in den anderen irtum gefallen zu behaupten, 
dass überhaupt nur diese drei, den brudermord behandelnden stücke 
eingesant worden seien. Kutschera in seiner monographie über Leise- 
witz (s. 72) sagt, dass „Julius von Tarent" mit zwei anderen drama- 
tischen Produkten um den preis rang. Sauer in seiner monographie 
über Brawe (s. 118) behauptet, dass ein viertes stück sonst nie erwähnt 
wird. Beides ist falsch. 

Die amtliche kundgebung im Hamburgischen theater bd. I (ab- 
gedruckt in Hennebergers Jahrbuch s. 119) sagt blos: „Sonderbar wars, 
dass kurze Zeit auf einander drei Trauerspiele eingesandt wurden, die 
alle drey den Brudermord zum Gegenstand hatten." Dass nicht noch 
andere stücke eingelaufen seien, wird damit nicht in abrede gestelt; 
sondern blos behauptet , dass unter den eingelaufenen drei dasselbe thema 
behandelten. Mehr kouten die preisrichter schon deshalb nicht behaup- 
ten, weil nach der biographie Schröders von Meyer (1, 275) das erste 
der eingeschickten stücke „die reiche frau" des jüngeren Lessing gewe- 
sen ist, welches Schröder bereits am 15. april der mitprüfung seiner 
kritischen freunde unterwarf. (Vgl. E. Wolf, K. G. Lessiug s. 56). 

Sauer selbst (a. a. o. 118) hat denn auch in Hagens geschichte 
des theaters in Preussen (s. 309 fg.) die „Galora von Venedig" als vier- 
tes coucurrenzdrama erwähnt gefunden. Es behandelt das motiv des 
brudermordes , welches in dem bürgerlichen trauerspiel der Engländer 
und der Deutschen zunächst mit der rivalität um eine geliebte verbun- 
den, und dann (wie das bürgerliche trauerspiel seit Lessings „Emilia 
Galotti" überhaupt) nach Italien verlegt und an geschichtliche personen 
angeknüpft wurde , mit anlehnuung an die geschichte des ersten gross- 



56 MINOK 

herzogs von Florenz : also wie Leisewitzens „Julius von Tarent." Ob es 
mit den „unglücklichen Brüdern", dem dritten concurrenzstück , iden- 
tisch ist, wäre wol leicht zu entscheiden gewesen: nach der amtlichen 
kundgebung war dieses „zu leer an handluug, nicht überdacht und 
reif genug, obschon einige scenen vorteilhaft und er Wartung erregend 
angelegt, die aber unbefriedigt blieb." Passt dies auf die „Galora" ? Ich 
glaube nicht : sie enthält weit mehr haudlung als der „Julius von Tarent." 

In „Tiedges leben und poetischem nachlass" (herausgegeben von 
Falkenstein 1, 281) wird nun noch ein fünftes stück erwähnt: „Leise- 
witzens „Julius" war nämlich mit Klingers „Feindlichen brüdern" und 
Schiuks „Gianctta Montaldi" in den wettlauf der von dem Hamburger 
theater eröfueten preisbewerbung getreten. Kliuger erhielt den preis 
und Schink das accessit. Schink hat mehrmals oft selbst gestanden, 
dass es leichter sei, ein preisaccessit iu Hamburg zu gCAvinnen, als 
einen „Julius von Tarent" zu schreiben. Schiller sprach immer mit 
hegeisterung von diesem meisterwerke der tragischen niuse." Ob hier 
Tiedge, dessen })apiere der herausgeber bis 1809 vorliegen hatte, oder 
der leztere redet, ist gleichgiltig , ebenso, ob bei der Veränderung des 
titeis der Klingerschen „Zwillinge" in „Feindliche brüder" eine dunkle 
erinneruug an das dritte preisstück , die „Unglücklichen brüder" vor- 
liegt. Jedenfals verdient Schinks „ Gianetta Montaldi" für einen augen- 
blick unsere aufmerksamkeit. Es wurde von Schröder noch in demsel- 
ben jähre 1775 aufgeführt (Meyer H 2, 59). 

Die „Gianetta Montaldi" (zuerst gedruckt im „Hamburgischen 
Theater" bd. H, Hamburg 1777: ich benutze die ausgäbe: „Wien 1781, 
zu finden be3'm logenmeister"; im kaiserl. königl. natioualtheater auf- 
geführte Schauspiele, vierter band, Wien bey Rudolph Gräffer 1783) 
ist eine kecke Zusammendichtung von Emilia Galotti und Clavigo einer- 
seits und dem Shakespearescheu Othello andrerseits. Der schluss über- 
bietet die ärgsten Wagnisse des stürm - und drangdramas. 

Cotta Montaldi hat die gräfin Cornelia da Carpi in Florenz ken- 
nen gelernt, welche durch eine heftige leidcnschaft zu ihm aufs kran- 
kenlager geworfen wird (vgl. die Richardsonsche und Wielandsche Cle- 
mentina von Porretta). Aus mitleid, um sie zu retten, lässt er sich 
zu einem heiratsversprechen herbei, mit welchem es ihm niemals ernst 
war. In seine Vaterstadt Bologna zurückgekehrt, hat er denn auch 
sein versprechen zurücknehmen müssen und seine braut Gianetta gehei- 
ratet, welche ihrerseits wider dem grafen Paduauo einen korb gegeben 
hat . . . Also der mann zwischen zwei l'rauen bildet die Voraussetzung 
des Stückes; mit der matten Variation, dass er hier nur durch ein 
unvorsichtig gegebenes versprechen, nicht durch die liebe an die- 



ZUR LITT. -GESCH. T>. 18. JH. 57 

jenige gebunden ist, welche ältere rechte geltend machen zu dürfen 
glaubt. 

Die handlung begint damit dass, acht tage nach Cottas Vermäh- 
lung mit Gianetta , die grüfin mit ihrer Schwester in Bologna erscheint 
und sich mit Cottas nebenbuhler, dem grafen Paduano, zu gemein- 
schaftlichem vorgehen gegen ihn verbindet. 

Erster akt : Graf Paduano lässt sich bei Cotta anmelden : wie dieser 
meint, um das duell zum austrage zu bringen, welches er ihm an sei- 
nem hochzeitstage angetragen hat. Wider erw^arten aber spielt sich 
der graf mit der heitersten miene als seinen freund auf, welcher ihm 
Gianetta aus ganzem herzen gönt und bereits eine andere geliebte hat 
— die gräfin Cornelia aus Florenz, welche eben angekommen ist . . . 
Diese erste scene, in welcher Cotta den grafen durch verachtungsvolle 
ausfälle auf das unverschämte antichambrenvolk zum duell zu zwingen 
sucht, während der graf immer „unter freunden" redet, ist der scene 
zwischen Appiani und Marinelli nachgebildet. Die folgende zwischen 
Cotta und der marchese Yercelli, der Schwester der grätin, erinnert 
an Clavigo und Beaumarchais: denn während die marchese später im- 
mer beruhigend auf die grätin einwirkt, etwa wie Sophie im Clavigo 
auf Marie, stelt sie hier den angeblichen Verräter zur rede: er habe 
durch seine untreue das sanfteste mädchen zum wahnsinnigsten gemacht; 
sie schwört die blutigste räche, wenn er der Schwester nicht gerech- 
tigkeit verschaffe; er muss versprechen, sie im hotel zu besuchen. Dort 
(Verwandlung) erwartet ihn Cornelia in der leidenschaftlichsten auf- 
regung (Miss Sara Sampson I 2; Clavigo III 1): ihn oder — wenn er 
sein versprechen nicht hält — sein leben will sie! Cotta komt, redet 
zerstreut, geht wild auf und nieder; seine erklärung, dass er sie nie 
geliebt habe, macht sie zur wütenden furie, sie fühlt nichts andres 
mehr in sich als das beleidigte weib. Die Marwood und die gräfin 
Orsina werden durch ihre masslosen kraftausbrüche weit überboten. 

Noch zu beginn des zweiten aktes brüllt sie um räche. Paduano 
wird ihr Werkzeug. Den vei-räter durch einen banditen (Angelo!) hin- 
wegräumen zu lassen, ist ihr zu wenig. Sie weiss besseres: sie will 
das gift der eifersucht in seine junge ehe streuen. Paduano muss in 
der folgenden scene (verwandlang) dazu den ersten schritt tun, der 
freilich plump genug ausgeführt wird. Er erzählt seinem rivalen die 
geschichte eines karamerherrn am hofe, dessen frau denselben mann 
liebt, welchem sie einst als braut nur mit höhn und Verachtung begeg- 
net ist und knüpft unmittelbar daran seine erheuchelte freude, dass 
Gianetta ihm jezt weit freundlicher begegne denn als braut. Und nun 
sezt sogleich ein eifersuchtsmonolog Cottas ein, in welchem schon die 



58 MINOR 

Worte „Wehe, diese zerbrechlichen geschöpfe, wozu sind sie nicht 
fähig?" wörtlich an Othello (III 2) erinnern. Aber die anlehnung 
wird in der folgenden scene noch deutlicher und gröber. Giauetta hat 
inzwischen (hinter der scene) den besuch der grätin empfangen und 
alles erfahren: die gräfin hat sie angestiftet für Paduano, welchen 
Cotta noch immer als nebeubuhler hasse, fürbitte bei ihm einzulegen. 
Und so spielt sich nun mit wörtlichen anklängen sogleich beim ersten 
auftreten der heldin die scene vor uns ab, in welcher Desdemona bei 
Othello für Cassio bittet. Mau urteile selbst: Wie Othello wird Cotta 
durch Gianettas erscheinung sofort umgestimt. „Sie komt — ich thor! 
Wahrlich , wenn die Unschuld auf erden kommen wolte , sie könte sich 
in keiner andern gestalt empfehlen — und doch kont' ich — wie mir 
ihr aug' entgegen walt! — du engel! lass mich dir's abbitten, dass 
ich dich auch nur in gedanken beleidigen konte"; aber Gianettas für- 
bitte erneuert und verstärkt den verdacht: je mistrauischer er sich zu- 
zückzieht, um so dringlicher wird ihre bitte ,, Paduano ist ein braver, 
ein guter mann" — und wie Othello widerholt er ingrimmig ihre 
werte; er verlangt aufschub; aber sie will so wenig als Desdemona 
davon wissen. „Warum nicht gleich, lieber?" . . . „Der gute graf! 
Schick nur zu ihm!" erwidert er durch die zahne; und während sie 
geht, macht sich seine eifersucht in einem wütenden monologe luft. 

Im dritten akt findet auch das Schnupftuch aus dem Othello 
in leichter Variation Verwendung : Paduano will seinem nebeubuhler 
wie er sich mit der teuflischen kälte Jagos ausdrückt, eine „stärkere 
dosis" geben und hält deshalb einen ring mit Gianettas porträt in be- 
reitschaft. Wälirend nun Giauetta zu ihm tritt und ihrer aufgäbe als 
friedensstifterin zu liebe den korb, den sie ihm ehemals gegeben, auf 
die harmloseste weise auszulegen sucht, lauscht Cotta - Othello im 
hintergrunde und geberdet sich, als Giauetta nun wirklich die Versöh- 
nung zu stände bringt, nicht anders als sein vorbild: er nent sich 
bitter lachend den „gefälligsten mann", einen betrogenen usw.; als aber 
seine wut Gianetta vertreibt, glaubt er sofort wider an ihre Unschuld 
und will ihr reuig nach. Erst der ring an Paduanos band entflamt seine 
V7ut von neuem; und als die gräfin, welche sich von ihm zu verabschie- 
den vorgibt um sich ins kloster zurückzuziehen, von einem besuche bei 
Gianetta und einer bitte um Versöhnung des grafen mit Cotta nichts 
wissen will , ist er von dem betrüge seiner gattiu überzeugt — er nimt 
ihr das fläschchen gift ab, welches sie auf ihren weg begleiten solte, 
und eilt mit dem giftbecher in Gianettas schlafgemach. 

Hier, an dem höhepunkte, legt die fortsetzung der handlung 
dem dichter die verzweifelte notwendigkeit auf, eine nacht zu über- 



ZÜK LITT. -GESCH. D. 18. JH. 59 

springen: erst am nächsten morgen (IV. akt) findet Cotta den miit, 
an Gianetta „ gerech tigkeit zu üben." Es spielt sich die lezte scene 
zwischen Othello imd Desdemona bis hart an die katastrophe vor uns 
ab. Cotta empfängt die eintretende Gianetta mit den werten: „Bestell 
dein haus, dann nieder! ... Sterben solst du, sterben!" Aber als 
sie den kelch an die lippen sezt, schwindet seine Avut — er will sie 
hören. Glücklicherweise komt auch der graf und bekent , aus liebe zu 
Gianetta, deren leben er gefährdet hält, den betrug. Alles scheint 
sich glücklich zu lösen; aber erst jezt häuft der dichter masslos die 
effekte. Zuerst muss sich Cotta mit dem grafen duellieren — dadurch 
gewint der vierte akt einen effektvollen abschluss: Gianetta, welche 
ihren gatten neu gewonnen hat, will ihn nicht fortlassen; erst als er 
sich auf die ehre beruft, lässt sie ihn ziehen. 

Das duell endet (hinter der scene) wie alle theaterduelle: der 
gegner hat zweimal gefehlt und Cotta darauf seine pistole in den bach 
geworfen — diese grossmut eutwafnet den grafen, er komt (V. akt) 
um zu Gianettas füssen Vergebung zu erbitten und wird als freund von 
den gatten aufgenommen. Auch die gräfin kehrt wahnsinnig noch ein- 
mal zurück, um Gianettas gnade anzuflehen: sie legt Cottas und Gia- 
nettas häude ineinander — — — und ersticht Gianetta mit einem 
dolche. Wie aus den wölken gefallen ersehen wir, dass ihr Wahnsinn 
blosse Verstellung war! Um die ausführung ihrer tat zu sühnen, hat 
sie sich schon, ehe sie in Cottas haus getreten ist, selber angegeben 
und die sbirren erscheinen, ohne dass sich jemand nach ihnen zu bemü- 
hen braucht. Mit einer seltsam an die kerkersceue in Goethes Faust 
erinnernden vision des heukertodes tobt sie ab: „Siehst du, Schwester? 
diese da werden mich ins gefängnis führen, mich binnen einem monat 
zum tode — (wie in Verzückung) Ha ! wie sie mich aufs schaffet schlep- 
pen — das Volk drängt sich, das schwert blizt, der köpf fliegt! — 
fort! fort!"^ 

Die reminiscenzen an die ausgebeuteten dramen Hessen sich bis 
ins einzelne verfolgen. Ruft der Shakespearesche Jage dem mehren 
heuchlerisch zu: „0 herr, wahrt euch vor eifersucht " ; so sagt die 
gräfin zu Cotta: „Hüten sie sich, hüten sie sich vor jener gefährlichen 
krankheit der seele, der eifersucht. Cotta, sie ist ein tötendes gift. 
Hüten sie sich.'' Mit dem bekanten citat des Schauspiels im Schauspiel 

1) Faust V. 4227 fgg.: „Die menge drängt sich, man hört sie nicht. Der 
platz, die gassen können sie nicht fassen. Die glocke ruft, das stähchen bricht. 
Wie sie mich binden und packen; Zum blutstahl bin ich schon entrückt. Schon 
zuckt nach jedem nacken die schärfe, die nach meinem zuckt. Stumm liegt die 
weit wie das grab!" 



60 MINOR 

in der Emilia Galotti imd in Macbeth vergleiche man die worte: „Ihr 
ganzes wesen ist list und trug , und das rührendste gemäld der Unschuld 
nur eine theaterscene , kein scbauspiel der weit!" Wie Odoardo und 
die beiden des bürgerlichen trauerspiels überhaupt die Übeltäter mit 
dem finger auf die frucht ihres beginnens hinweisen, so hier auch 
Cotta: ,,IIa Paduano! Auch ihr werk!" Am meisten wird aber das 
bild von der rose, welches bekantlich auch Lenz und Klinger nicht 
verschmäht haben, in ausprucb genommen: „ich war' den tod der rose 
gestorben, die einsam im tal, von keinem thau getränkt, von keinem 
woltätgen Sonnenstrahl erquickt, dahinwelkt" sagt die gräfin; „ja, hie- 
nieden ists nicht anders; unter tausend dornen steht ein blümeben; 
armer mensch, du bricbsts, aber mitten im genuss, mitten in der 
wonne, dass du seinen angenehmen gerucli einziehst, da welkts, da 
ists wider verblüht", sagt Cotta; und in dem satze: „Weiberlächeln 
ist eine otter unter roseu; ich brach sie, die liebliche rose, die mir 
so angenehm entgegen duftete, da kam die otter hervor und verwun- 
dete mich" verbindet sich das bild von der gebrochenen rose mit dem 
schönen Shakespeareschen „Dufte mir vom stamme", das sich auch 
Klinger im „Otto" zu eigen gemacht hat. Wenn die gräfin Orsina 
über ihren verlorenen verstand in Sentenzen klagt, so tobt diese gräfin 
Cornelia: „Mein verstand! mein verstand 1 Ich hatt' ihn, ich hatt' 
ibn! Gieb mir ihn wider, diesen meinen verstand, gieb mir ihn wie- 
der!" An den berühmten wutausbrucb der Orsina erinnert die fol- 
gende stelle: „Ha, dass ich eine der Gorgoneu wäre mit schlangen im 
haar! Ich wollt ihm nach, ibn überraschen in den armen der stolzen, 
triumphierenden nebenbuhlerin, ihn mit tausend wunden durchbohren 
und in jede eine schlänge setzen. Welch ein triumph! wenn er dann 
vor mir läge und sein quälendes leben wutvoll zu meinen füssen aus- 
knirschte!" — eine stelle, deren masslosigkeit um so mehr beleidigt, 
je weniger unsere gräfin gegenüber der Orsina in ihrem rechte ist. 
Und wer denkt bei den folgenden werten nicht an die Unterredung der 
Orsina mit Odoardo und Marinelli: „Nur geduld. Ich habe meinen 
plan überlegt. Es geht alles seinen natürlichen gang; nicht sein tod 
steht darin; aber etwas, das mehr ist, als tod. Sehen sie, da brauch 
ich ein grauenvolles, hässliches ding, das höchste unter den mensch- 
lichen quälen , das tödlichste gift für einen liobhaber. Fassen sie 's auf, 
das hässlicbe, grauenvolle ding, es nennt sich eifersucbt." Neben sol- 
chen Lessing nachgebildeten tiraden dann wider die spräche des stur- 
raes und dranges, der stil des Werther. Cotta beruft sich auf sein 
eigen herz: „Gott, warum schufst du den menschen so empfindsam, 
warum gabst du ihm ein so fühlbar herz , wenn das seine quäl machen 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 61 

solte? Was wähn ich? Vergieb, schöpfer, vergieb diesen trüben 
umstand! Du bist weise, du bist gütig. Zwar dies herz ist eine quelle 
vieles kummers, vieles jainmers, aber es macht unser glück, dank dir, 
dass du's gabst.'' ... „0, mein unglückliches, tobendes blut, mein 
wildes, feindseliges temperament, wie viel freuden hat's mir schon 
vergiftet! Blosse grillenfängerei , blosse phantomen haben mich schon 
so manchmal mit angst und schrecken gefoltert, herz des menschen, 
wie bist du? Wie so unergründlich! Hier eine tiefe, und da eine, 
und alle unergründlich!" 

Das stück hat natürlich keine geschichtliche grundlage, sondern 
kleidet sich nach dem muster der Emilia Galotti in italienisches kostum. 
Der name der heldin Gianetta komt in Klingers Otto und in Hahns 
„Aufruhr von Pisa" vor. Die tendeuz gegen die höfe fehlt nicht, tritt 
aber sehr in den hintergrund. 

Reminiscenzen an Schillers „Kabale und liebe" vrerden sich 
jedem, der das obige liest, ergeben: der giftbecher, das duell mit dem 
vermeintlichen nebenbuhler, in einigen zügen auch die figur des grafen 
Paduano, welcher freilich bei Schink alle töne von Marinelli bis zum 
biedermann in bereitschaft hat, scheinen mir aber keine zwingenden 
Übereinstimmungspunkte, um entlehnung anzunehmen; und alles übrige 
konte Schiller eben so gut und besser aus den von Schink misbrauch- 
ten quellen entnehmen. 

Mit dem Leisewitzischen „Julius von Tarent" berührt sich Schil- 
ler bekantlich zum ersten male in seinem plane eines „Cosmus von 
Medici" oder „die Verschwörung der Pazzi gegen die Medi- 
ceer" (Gödeke, historisch -kritische ausgäbe 1, 39; dazu Wolzogen, 
Schillers leben 14). Boas in „Schillers Jugendjahren" (1, 144 fgg.) 
hat mit recht auf die ältere geschichte der feindseligkeiten zwischen 
den Mediceern und den Pazzi zurückverwiesen; und der neueste bio- 
graph Schillers (Weltrich s. 159 fgg.) hat seine ansieht mit unrecht 
verworfen. Es spricht für dieselbe schon der umstand , dass Schillers 
stück eine nachahmung des Leisewitzischen „Julius von Tarent" gewe- 
sen sein soll. Denn dabei ist doch wahrscheinlicher, dass der stoft" 
ein verschiedener als dass auch noch der stoff derselbe gewesen sei: 
ein bewundertes meisterwerk, wie der „Julius" für Schiller war, kann 
man wol im stile nachzuahmen an einem ähnlichen stoflf unternehmen; 
an demselben stoffe nur dann , wenn man die darstellung des Vorgän- 
gers nicht genügend findet , was bei Schiller gegenüber Leisewitz durch- 
aus ausgeschlossen ist. 

Den Stoff der Verschwörung der Pazzi gegen die Mediceer hat 
bekantlich bald darauf in Italien Alfieri behandelt; in Deutschland 



62 MINOR 

besitzen wir stücke vou Brandes und Edinhard („Die verscliAvörung der 
Pazzi zu Florenz", ein trauerspiel, Leipzig 1791). 

Das stück von Brandes, ein Schauspiel in 5 aufzügen, ist 1775 
in Gotha geschrieben (Meine lebensgeschichte 2, 194), mit Engels bei- 
hilfe zum druck vollendet, und (nach Jördens 5, 771) zuerst einzeln 
in Leipzig 1776 gedruckt. Es wurde am 15. februar 1776 zuerst in 
Dresden; dann in Wien, Berlin, Leipzig, Hamburg, Riga und Mannheim, 
wo später Iftlaud als Loreuzo excellierte , gegeben (Deutsche litteratur- 
denkmale 24 s. XIX). Ich kenne es aus Brandes' Sämmtlichen Schrif- 
ten (5. band, Hamburg 1790; vgl. die einleitung). Es soll nach der 
absieht des Verfassers keine dialogierte, sondern eine dramatisierte ge- 
schieh te, ein regelmässiges historisches Schauspiel sein: mit dieser 
künstlerischen absieht entschuldigt er die kühnen abweichungen, welche 
den geschichtlichen kern kaum mehr erkennen lassen. 

Nach dem grausamen Pietro, der den bruder des Wilhelm Pazzi 
hat töten lassen, ist Lorenz von Medici das haupt der familie Medici, 
Gonfaliere di Giustizia geworden. Seine herschaft ist eine strenge, 
aber eine gerechte: rücksichtslose gerechtigkeit ist sein streben. Sein 
söhn Ferdinand liebt Gabriele, die tochter des Wilhelm Pazzi, der ihre 
Schönheit blos als köder benuzt, um seiner Verschwörung gegen die 
Mediceer viele anhänger zu verschaffen: so hat er den söhn Loreuzos 
gefangen und sie gleichzeitig ebenso trügerisch einem gewissen Beren- 
tani zugesagt. In Wahrheit ist sie dem Bandini bestirnt, der ebenso- 
wenig wie Gabriele selbst auf der scene vorgeführt wird. 

Im ersten akte werden die Verschwörer vorgeführt. Nur Sode- 
rini , trotzdem Lorenz seinen söhn unschuldiger weise , weil er zugleich 
mit einer bände von Verschwörern gefangen genommen wurde , hat hin- 
richten lassen, hält an der dem Gonfaliere geschworenen treue fest. 
Den aktschluss bildet der feierliche schwur. 

Im zweiten akte wird Berentani, welcher Gabriele in Bandinis 
armen gesehen und sich als den betrogenen erkant hat, zum Verräter 
der Verschwörung. Lorenz sucht, als er von dieser erfahren, seinen 
söhn Ferdinand, welchem er eben die erlaubnis zur Verlobung mit Ga- 
briele erteilt hat, von Pazzis hause zurückzuhalten: vergebens, denn 
Ferdinand ist von diesem aufgeboten worden, heute oder nie zur Ver- 
lobung zu erscheinen. Selbst als ihn der vater von der wache gefan- 
gen nehmen lässt, befreit er sich durch bestechung und wird zugleich 
mit den Verschwörern von Soderini ausgehoben. 

Damit ist die hauptsituation gegeben. Der Gonfalieri muss auch 
hier, wie gegenüber dem söhne Soderinis, gerechtigkeit und strenge 
üben! Er muss seinen söhn richten; trotzdem dieser nichts von der 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 63 

Verschwörung gewusst hat, denn er kann es dem rate nicht beweisen. 
Kampf zwischen kindesliebe und der strengen pflicht der gerechtigkeit 
im innern Lorenzos. Die t'ürbitte der mutter, ja selbst Soderinis, wel- 
cher den söhn durch die gleiche strenge verloren, vermag nichts. Soderini 
will Ferdinand zur flucht aus dein gefängnis beistehen , aber dieser wei- 
gert sich zu fliehen, selbst als die ohnmächtige mutter ihm zu füssen 
fält. Endlich findet sich doch ein guter ausgang, freilich nur auf 
kosten jeder wahrscheinlichen motivierung: Soderini hat dem Berentani 
das bekentiiis seiner bosheit abgezwungen; Wilhelm Pazzi und seine 
tochter Gabriele sind gutmütig genug, für die Unschuld des mitgefan- 
genen sohnes ihres todfeindes zu zeugen. Lorenzo folgt dem willen 
des rates und verzeiht — aber nicht blos dem söhne, sondern, da er 
einmal von seiner pflicht abgewichen, auch dem Verschwörer Pazzi. 
Alle werden freunde und die heirat Gabrielens und Ferdinands soll 
nun wirklich die aussöhnung besiegeln. 

Das motiv der feindlichen brüder ist hier also ganz bei seite 
geschoben, es treten gar keine brüder auf. Ob Brandes auf Schiller 
eingewirkt hat, kann nur aus den „Räubern" beurteilt werden, in 
welche etliche scenen und Situationen aus dem „Cosmus" übergegangen 
sein sollen. Berentani ist wie Hermann der betrogene betrüger, dem 
die braut vorgehalten wird um ihn zu ködern und der zum Verräter 
der Verschwörung wird, nachdem er die list durchschaut. Er fält vor 
Lorenzo (wie Hermann vor Amalia) auf die knie: „Ich bin nur zur 
hälfte Verbrecher. Mich verführte die liebe bis zum vorsatz : allein 
die reue kam der ausführung zuvor." Auch der schluss des ersten 
aktes, der schwur auf das schwort, erinnert an die „Räuber": „Ver- 
flucht der, welcher sein schwort eher sinken lässt, als bis das blut 
unsrer freunde gerächt, Florenz frei, und kein Mediceer übrig ist! 
Schwört, freunde! . . . Wir schwören! . . . Dies schwort durchbohre 
den, der seinen eid bricht, der zaghaft zurück weicht!" 

Stärker, aber auch nur in äusserlichkeiten , scheint der einfluss 
auf den Fiesco zu sein. Man vergleiche Pazzis anrede an die ver- 
schworenen und die befehle, die er ihnen erteilt, mit den entsprechen- 
den stellen im Fiesco: „Mein freund Fourly gibt mir in diesem briefe 
nachricht, dass er mit einbruch der nacht, nebst einer hinlänglichen 
anzahl päbstlicher hilfsvölker, hier eintreffen werde. Um diesen bei- 
stand zu nutzen , hab ich die nächste mitternachtstunde zur ausführung 
unseres ernsten Vorhabens angesezt. Ich werde sogleich unseren alliir- 
ten durch einen getreuen boten benachrichtigen, dass er sich zu eben 
dieser stunde, auch noch etwas früher, der stadt nähere. Sie, Vol- 
terra, bemächtigen sich mit dem glockenschlage des tores gegen Pisa, 



64 MINOR 

um seinen truppen den eingang zai erleichtern. Sie, Bandini, nehmen 
ihren posten auf dem grossen markt. Sie, Perto, dringen zu eben die- 
ser stunde unter Berentanis anführung mit einer hinlänglichen anzahl 
bewafneter in den MediceiSchen palast und besetzen ihn, indes Scotti 
den Lorenz unserer räche opfert. Ferdinand Medicis ist diesen abend, 
unter dem vorwande einer feierlichen Verlobung mit meiner tochter, 
zu mir eingeladen ; Moutsec sezt sich ihm zur seite — und in dem 
augenblicke, da ich die gesundheit seines vaters ausbringe, stösst er 
ihm den dolch ins herz" . . . „Um die zehnte stunde sind sämtliche 
befehlshaber zu mir eingeladen." Camilla, die gattin Lorenzos, die 
umsonst für einen nach der strenge des gesetzes iiinzurichtenden Ver- 
schwörer und dann für ihren söhn fürbitte einlegt, erinnert wol an die 
gattin Fiescos: Weich, tränenvoll, immer klagend, dass sie nicht das 
volle vertrauen ihres gatten geniesse, immer bei seite geschoben usw. 

Aber eine andere stelle, in welcher sich eben diese mutter den 
henkerstod ihres sohnes ausmalt, mag hier als seiteustück zu den oben 
aus „Gianetta Moutaldi" und „Faust" citierteu stellen stehen; sie alle 
zeigen , wie der stürm und drang in diesen Vorstellungen schwelgte und 
dienen am ende mit zum beweise, dass die lezte scene des Faust, 
ersten teils, schon so frühe mindestens concipiert ist: „Mein söhn! 
Man führt ihn fort ! . . . Von einer schaar blutgierger Wächter umringt ! 
. . . Noch wirft er einen blick auf mich ! Ha ! Jezt ersteigt er das blut- 
gerüstel Er wankt! Er sinkt! Der henker hebt das bell! Jezt ... 
Halt! Halt ein! Hier bin ich — seine mutter! Ach, zu spät, zu spät! 
Schreckenvolles bild! fort! fort." Auch an Brackenburgs Schilderung 
des schaffots darf erinnert werden. 

Edinhards drama (Die Verschwörung der Pazzi zu Florenz, 
ein trauerspiel von Gustav Edinhard, Leipzig 1791) schliesst sich genau 
an die geschichte an. Es führt uns die rivalität des Franz Pazzi mit 
den beiden brüdern Lorenzo und Julian von Medici vor; mit beiden 
ist Franz Pazzi seit seiner kindheit innig befreundet, den einen be- 
kämpft er aus ehrgeiz, den andern weil er ihm in der liebe zu Camilla 
Cafarelli den vorrang abgelaufen. Also an die stelle des einen bruders 
bei Kliuger und Leisewitz treten hier zwei Jugendfreunde : beide übri- 
gens gleich sentimental und schwärmerisch, der eine in der freund- 
schaft zu Franz, der andere in der liebe, gezeichnet. Das stück gehört 
in die schule Schillers; es ist nach dem muster des Fiesco gedichtet. 
Franz Pazzi redet oft ganz wie der graf von Lavagna ; Camilla ist eine 
noch ärgere Schwärmerin als Lenore. Auch die haupthaudluug (Verschwö- 
rung) weist entschiedene parallelen aul'; und, wie Schiller die „Emilia 
Galotti" für den Fiesco in anspruch genommen hat, so führt uns auch 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 65 

Edinhard in seinem Scipio Biondo einen starköpfigen republikaner von 
der art der Odoardo und Verriiia vor, und widerholt selbst den müd- 
chenraub aus der „Emilia Galotti" und dem „Fieseo." Die abhängig- 
keit von Schiller mögen die folgenden parallelen belegen. S. 121 „Und 
wer hat dich dessen so gewis gemacht" (Philipp II zu Posa: „Wer hat 
Euch dessen so gewiss gemacht?"); s, 125 „ohne an selbstgeschlagenen 
wunden zu verbluten" (Posa zu Philipp: „Jauchzend sieht Europa sei- 
nen feind an selbstgeschlagenen wunden sich verbluten"); s. 128 und 
159 fg. Biondo: „Pazzi, der mann, der die Unschuld verführen kann, 
der kann auch mehr", Pazzi: „Aber doch keine republikaner unter- 
jochen" (Verrina: „Wer Genua unterjocht hat, kann doch wol auch ein 
mädchen bezwingen"); s. 156: „Die republikaner sind im preise gestie- 
gen" (Verrina zu Fieseo: „Ist denn etwa die freiheit in der mode 
gesunken, dass man dem ersten dem besten republiken um ein scha- 
dengeld nachwirft"); s. 172: Camilla (ernst) „Ihr seid teuer erkauft" 
(Karl Moor, ernst: „Roller, du bist teuer bezahlt"); s. 223: „Umgür- 
tet euch mit dem ganzen stolz eurer Weisheit, die schimmernde hülle 
fält, ihr bleibt nackend stehn" (Ferdinand: „Umgürte dich mit dem 
ganzen stolze deines Englands") usw. nsw. 



2. Schiller und Leisewitz. 

Den einfluss Leisewitzens auf Schiller hat zuerst — s — (Petersen) 
in dem „Freimüthigen" 1805 nr. 220 s. 962 im einzelnen nachzuwei- 
sen gesucht. Er vergleicht Aspermonte, der dem toten ins ohr schreit: 
„Blanka! Blanka! — da er das nicht hört, wird er nie wider hören!" 
und Schweizer, welcher dem Franz Moor ins Ohr ruft: „es gilt einen 
bruder zu ermorden! da er das nicht hört, ist er maustodt!" Eine 
ähnliche stelle hat kürzlich Fritz Jonas im Archiv für Literaturge- 
schichte XIV, 216 aus Klingers Sturm und Drang nachgewiesen. Aber 
den ausgangspunkt bildet Shakspeares König Heinrich VI, 3. teil, II 6 
(Eschenburgs Uebersetzung 8. bd. Zürich 1776 s. 220 fg.). Dort wird 
der leichnam des toten Clifford herbeigebracht: 

Warwik: Ich glaube, sein verstand ist schon fort — Sage, 
Clifford, kenst du den, der mit dir spricht? — Der finstre, umwölkte 
tod beschattet die strahlen seines lebens, und er sieht und hört nicht 
mehr, was wir sagen. 

Richard: Wenn ers doch noch täte! — Und vielleicht tut ers 
auch noch. Vielleicht verstelt er sich aus blosser list, um die bittern 
Schmähungen zu vermeiden, dergleichen er wider unsern vater in sei- 
ner todesstunde ausstiess. 



«EIT8CHB. F. DEUTSCHE PHILOLOOIE. BD. XX. 



66 



helfe! 



Clarence: Wenn du das glaubst, so quäl' ihn durch harte werte, 
Richard: Ciittord, bitt' um gnade, und erhalte keine! 
Edward: Cliftbrd . bereue deine verbrechen, ohne dass es dir 



Warwik: Clifford, erdenk' entschuldigungen deiner missetaten! 

Clarence: fndess wir greuliche martern für deine missetaten 
erdenken. 

Richard: Du liebtest York und ich bin Yorks söhn. 

Edward: Du hattest mitleid mit Rutland, drum will ich mit- 
leid mit dir haben. 

Clarence: Wo ist kapitän Margrete, um dich itzt zu ver- 
fechten ? 

Warwik: Man spottet um dich, Clifford; fluche, wie du ge- 
wohnt warst. 

Richard: Wie? gar keinen fluch? — Nun so stehts schlimm 
um die weit, wenn Clifford für seine freunde keinen fluch übrig hat! — 
Dabey merk' ichs, dass er tot ist " 

Weiter vergleicht — s — das Leisewitzische gleichnis : „In einem 
Jahrhundert bist du, fürst, der einzige von allen Tarentinern , den man 
noch kent: wie eine stadt mit der entfernung verschwindet und blos 
noch die türme hervorragen" mit der stelle des chors in der Braut 
von Messina „Völker verrauschen " usw. Aber besser hätte er die fol- 
gende stelle aus dem ,, Demetrius " herangezogen : 

„Und wie die lezten türme aus der ferne 
Erglänzen in der sonne gold, so wurden 
Mir in der seele zwei gestalten hell, 
Die höchsten sonnengipfel des bewustseins." 



3. „Die Räuber" und Ooethes „(xötz von Berlichingen." * 

Schubarts Karl (in der quelle der Räuber) verdingt sich, nach- 
dem sein reuebrief durch den bruder unterschlagen ist, bei einem Päch- 
ter in der nähe seines väterlichen gutes als knecht und rettet durch 
einen zufall seinem vater das leben: Schillers Karl schaft sich selbst 
hilfe, gehorcht seinem Innern tatendrang, indem er das gesetz unter 
seine füsse rolt; er wird rauher und nicht blos der retter, sondern 
auch der rächer seines vaters. 

Wir erkennen hierin den selbsthelfer in rauher anarchischer zeit 
wider, welcher seinen willen an die stelle des gesetzes sezt. Götz 

i) Andere parallelstellen hat Boxberger in den Jahrbüchern von Fleckeiseii 
und Masius (1868) 98 , 305 fg. nachgewiesen. 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 67 

erscheint gegenüber den Nürnberger kaufleuten als raubritter; der rat 
in Heilbronn (D.j. Goethe 2, 341) nent ihn einen räuber; und sein treue- 
ster anhänger, da er von den beutelschneidereien der fürsten hört, 
ruft mit bitterer wehmut aus (a. a. o. 302): „Götz, wir sind räuber!" 

Götz und Karl Moor sind treue freunde ihrer freunde : der eine 
legt sich in ehrlicher fehde, die den Zeitgenossen als ein raubzug 
erscheint, für seinen knappen ein; der andere schlägt seinen Roller 
durch, indem er die Stadt an vier ecken anzündet. 

Beide nehmen sich der schwachen gegenüber den starken , der 
unterdrückten gegenüber den Unterdrückern an. Bei beiden ist es ein 
kämpf gegen die Übermacht: der belagerungsscene in dem Götz ent- 
spricht die umzingelungsscene in den Räubern. Bei beiden aber ist es 
ein kämpf der kraft gegen die olmmacbt; eines höheren rechtes gegen 
die feile irdische gerechtigkeit. Wie Götz dem gerichtsherrn zu Heil- 
bronn, so steht Carl Moor (nur weniger schlicht, mehr ruhmrednerisch 
und glänzend) dem abgesanten der hohen obrigkeit gegenüber. Wie 
Götz den herold, so fertigt Carl Moor den pater ab. Beide haben den 
hass gegen die studierten stände, die rechtsverdrehenden advokaten und 
die pfaffen , gegen die federfuchser aller art gemein ; aber Schiller, von 
würtembergischen erinnerungen aufgestachelt, geht den socialen schaden 
tiefer zu leibe. Beide massen sich an die gesetze durch gesetzlosigkeit 
aufrecht zu erhalten und im nameu eines höheren tribunals das recht 
nach ihrem gutdünken zu verteilen: beide müssen schaudernd unter 
ihren bänden recht in unrecht sich verwandeln sehen und werden die 
austifter unsäglicher gräuel , indem sie die sitliche weltordnung aufrecht 
zu erhalten und das beste des ganzen zu befördern meinten. 

Diesen algemeinen ausführungen mögen die folgenden parallelen 
zum belege dienen. 

Götz (D. j. G. 2, 354); bei der anwerbung Götzens zum haupt- 
manne im bauernkriege sagt Link: „Das war gut, gab auch der sache 
einen schein, wenns der Götz thät, er ist immer für einen recht- 
schaffenen ritter passiert." 

Räuber (Gödeke 2, 45); Roller bei der Werbung Karls zum haupt- 
raann: „Wenn sichs hoffen liesse — träumen Hesse — Aber ich fürchte 
er wirds nicht tun . . . Und leck ist das ganze, wenn ers nicht tut. 
Ohne den Moor sind wir leib ohne seele." 

Die kämpfe Götzens mit den reichstruppen und die Umzingelung 
der räuber durch die Soldaten stimmen in den eiuzelheiten genau über- 
ein. Götzens leute sind eben durch Sickingens reuter vermehrt worden, 
die zu ihnen stiessen (D.j. G. 2, 318); Moors bände ist durch Spiegel- 
bergs rekruten verstärkt (Gödeke 2, 78). Selbitz empfiehlt die leute 

5* 



08 MINOR 

ZU verteilen; ancli Karl Moor verteilt sie. Götz behält Georg uin sich; 
Karl Moor ficht mit Koller und Schweizer. Götz befiehlt dem feinde 
in die Seiten /u fallen, wenn er ihn angreife; Karl Moor (a. a. o. 99); 
.,Wir andern, wie furien , fallen ihnen in die Hanken." Götz: „Wir 
wollen sie quetschen"; Schweizer: „Wir wollen sie zusammendrücken, 
dass sie nicht wissen, wo sie die ohrfeigen herkriegen." Götz (a. a. o. 
328): „Wie stehts pulver?" Knecht: „So ziemlich. Wir sparen unsere 
Schüsse wol aus," Schweizer (a. a. o. 97): „Wir haben doch pulver?" 
Razmann: „Pulver die schwere meng." Moor (a.a.O. 99): „Ladet 
alle gewehre! es fehlt doch au pulver nicht?" Schweizer: „Pulver 
die schwere meng, die erde gegen den mond zu sprengen." 

Der trompeter fordert Götz auf (U. j. G. 2 , 327) sich auf gnad 
und ungnad zu ergeben und nent ihn einen beleidiger der majestät. 
Götz antwortet: „Die aufforderuug hat ein pfaflf gemacht.... Bin ich 
ein räuber!" und erklärt vor dem kaiser seinen schuldigen respekt; der 
hauptmann aber, der ihn gesendet, „er aber sags ihm, kann mich 
im a — lecken", damit wirft er das fenster zu. — Der pater in den 
Räubern fordert sogar ergebung auf Ungnade : man will es beim rade 
bewenden lassen (Gödeke a. a. o. 101 fg.). Und Karl Moor antwortet 
(105): „Ich bin kein dieb . . ."; er kent seine schuld dem himmel 
gegenüber, „aber mit seinen erbärmlichen Verwesern will ich kein 

wort mehr verlieren. Sag ihnen ", damit kehrt er ihm den 

rücken zu. 

Der kaiserliche rat (a. a. o. 339) zu Götz: „Sie verzeiht euch 
eure Übertretungen, spricht euch von der acht und aller wolverdienten 
strafe los, welches ihr mit untertänigem danke erkennen, und dagegen 
die Urfehde abschwören werdet, welche euch hiermit vorgelesen wer- 
den soll" . . . Pater (102): „Höre denn, wie gütig, wie langmütig 
das gericht mit dir bösewicht verfährt. Wirst du jezt gleich zum kreuz 
kriechen, und um gnade und Schonung flehen, siehe, so wird dir die 
strenge selbst erbarmen , die gerechtigkeit eine liebende mutter sein — 
sie drückt das äuge bei der hälfte deiner verbrechen zu, und lässt es 
— denke doch! — beim rade bewenden!" 

Götz (s. 341 fg.) rechtfertigt sein tun vor dem kaiserlichen rat. 
Er redet stolz vor dem richter: „Du köntest gott danken, wenn du in 
deinem leben eine so edle tat getan hättest, wie die ist, um welcher 
willen ich gefangen sitze!" Seinen jungen zu befreien und sich seiner 
haut zu wehren, sei er ausgezogen. — Karl Moor erzählt dem pater 
die geschichte seiner ringe, um sein tun zu rechtfertigen; er verurteilt 
dagegen das pharisäertum des paters; und nicht genug, er will noch 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 69 

stolzer reden: er lässt dem löblichen gericht sagen, sein bandwerk sei 
widervergeltiing , racbe sein gewerbe. 

Der rat fordert von Götz, er solle sich ergeben; Götz: „Mit 
dem Schwert in der band! Wisst ihr, dass es jezt nur an mir läge 
mich durch alle diese hasenjäger durchzuschlagen und das weite feld 
zu gewinnen. Aber ich will euch lehren wie man wort hält. Ver- 
sprecht mir ritterlich gefängnis und ich gebe mein schwert weg und 
bin wie vorher euer gefangener" .... Dasselbe verlaugt in den Räu- 
bern der pater, welchen Schiller in der bühnenbearbeitung (a. a. o. 264) 
in einen „betzhund der gerecbtigkeit" verwandelt hat; vgl. Götz (2, 337) 
von dem gerichtsdiener: „Esel der gerechtigkeit ! Schlept ihre sacke 
zur mühle und ihren kehrig aufs feld." 

Sickiugen und Berlichingen reden von der verlassenen Marie. 
Sickingen: „Soll darum das arme mädchen in ein kloster gehen, weil 
dnr erste manu, den sie kante, ein nichtswürdiger war." Götz: „Nun 
sizt das arme mädchen, und verjammert und verbot et ihr 
leben" (306 fg.) . . . Kosinskis Amalia verseufzt und vertrauert 
ihr leben wie die geliebte Karls von Moor, welche ihre absieht den 
nonnenschleier zu nehmen nicht ausführt (126 fg.). 

Adelheid reizt Franz gegen ihren mann auf (368), indem sie 
ihm einredet, Weisliugen wolle sie auf seine guter entführen und dort 
nach seiner abneigung mishandeln. Franz ergreift sofort lebhaft ihre 
partei: „Er soll nicht." Adelheid: „Wirst du ihn hindern?" 
Franz: „Er soll nicht." Adelheid widerholt, er werde sie in ein klo- 
ster sperren; Franz braust auf „Hölle und tod" und ist zu allem bereit: 
„Er soll nieder, ich will ihm den fuss auf den nacken setzen." Sie 
gibt ihm nun einen biief an Sickingen und ein fläschchen mit gift .... 
Hermann in den Räubern (61 fg.): „Ich ruhe nicht, bis ich ihn und 
ihn unter dem boden hab." . . . „Ich will ihn am krucifix erwürgen," 
Und nun schildert Franz, wie nicht blos Hermann, sondern er selbst 
tiefgebückt vor Karls türschwelle werde stehen müssen. Hermann: 
„Nein! so wahr ich Hermann heisse, das solt ihr nicht! . . . . das 
solt ihr nicht!" Franz: „Wirst du es hindern?" Und nun geht 
Hermann sofort auf Franzens plan ein, der auch sogleich die doku- 
mente in bereitschaft hat. 

Einige wörtliche Übereinstimmungen: Götz (33G) „Ist das beloh- 
nung der treue! der kindlichsten ergebenheit ? " ; Karl Moor (46): 
„Ist das vatertreue? Ist das liebe für liebe?" — Götz (339): „Noch 
ein wort eh ihr weiter geht"; Karl Moor (201): „Halt — noch ein 
wort, eh wir weiter gehn." — Götz (312): „Eben ruft der thürmer: 
es zieht ein trupp von mehr als zweihunderten nach der stadt zu. 



70 MINOR 

unversehens sind sie hinter der weinhöhe hervorgedrungen und drohen 
unsern mauern"; Räuber (187): „Gnädiger herr, zieht ein trupp feu- 
riger reuter die staig herab, schreien mordjo, mordjo, das ganze dorf 
im allarm." — Lerse (369): „Metzler ist lebendig verbraut, zu hun- 
derten gerädert, gespiesst, geköpft, gevierteilt"; Karl Moor (170) 
„Der söhn hat den vater tausendmal gerädert, gespiesst, gefoltert, 
geschunden"; Räuber (97): „Wir sind gefangen, gerädert, gevier- 
teilt!" — Franz (276): „Gott grüss euch, gestrenger herr"; Daniel 
(175): „Seid ihrs, gestrenger herr . . ." 

Götzens Unwille über die Verbrennung Miltenbergs (362 fg.) muss 
mit Karl Moors Verdammung der tat des Schufterle zusammengehalten 
werden. Man vergleiche auch Fiesco V, 9: „Wer warf das feuer ein?"; 
der mohr wird deshalb gehenkt. Auch die humanitären episoden in 
Wagners dramen sind seitenstücke zur episode des Schufterle: der rohe 
kutscher Walz in der „reue nach der tat" entlässt einen reitknecht 
aus dem dienst, weil er ein kiud überritten; der rohe Humbrecht in 
der „Kindesmörderin" vergreift sich an einem polizisten, weil er ein 
kind totgeprügelt hat. 

Ich merke einige weitere parallelen zwischen Schillerschen dra- 
men und dem Götz an. Dass die turmscene in der Jungfrau von Or- 
leans auf die turmscene im Götz (D. j. G. 2, 319 fgg.) und indirekt auf 
einfluss Shakespeares zurückgeht, haben wir bereits in den „Studien 
zur Goethephilologie" bemerkt (s. 278 fg.). 

Sievers (Götz 243): „Alles war aufs genaueste verkundschaft, 
wenn der bischof aus dem bad kam , mit wie viel reutern, welchen weg ; 
und wenns nicht war durch falsche leut verraten worden, wollt er 
ihm das bad gesegnet und ihn ausgerieben haben." Dasselbe wortpiel 
in Teil (Gödeke 19, 276), wo der burgvogt der frau des Baumgarten 
aufgetragen hat ein bad zu rüsten und dann ungebührliches von ihr 
verlangt: „Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war. Und mit der axt 
hab ich ihms bad gesegnet." 

Weisungen (im Götz 359): „Führt uns nun den nächsten und 
besten weg." Bote: „Wir müssen umziehen, die wasser sind von dem 
entsetzlichen regen alle ausgetreten." — Wanderer im Teil (a. a. o. 
393 fg.): ,, Den vogt erwartet heut nicht mehr, die wasser sind aus- 
getreten von dem grossen regen, und alle brücken hat der ström zer- 
rissen. " 

Bei der erzählung von Teils begegnuug mit Gessler im Schä- 
chenthal (III, 1 a. a. o. 391 fg.) schwebt die erzählung Götzens (D.j. G. 
2, 258) deutlich vor, der dem bischof auf eben so beengtem terrain 
begegnet, wo er seinem feinde unbekanter weise die band reichen muss. 



ZUB LITT. -GESCH. D. 18. JH. 71 

Weniger von belaug ist die folgende parallele. Georg im Götz 
(295): „Wol kam ich und musst im vorsaal stehn, lang lang. Und 
die seidnen buben beguckten mich von vorn und hinten. Ich dachte, 
guckt ihr — endlich führte man mich hinein , er schien böse , mir wars 
einerley"; unverrichteter dinge muss er abziehen. — Isolani im Wal- 
lenstein (Gödeke 12, 71): „Mein lebtag denk ich dran, wie ich nach 
Wien vor sieben jähren kam, um die remonte Für unsere regimenter zu 
betreiben, Wie sie von einer antecamera Zur andern mich herumge- 
schleppt, mich unter den schranzen stehen lassen, stundenlang, Als war 
ich da, ums gnadenbrot zu betteln"; auch er zieht unverrichteter. 
dinge ab. 

Georg im Götz (296): „Ich sagte, es gäbe nur zweierley leute, 
brave und schurkeu, und ich diente Götzen von Berlichingen." Fiesco 
(Gödeke 3, 72) gibt dem mehren die losuug: „Genua liegt auf dem 
block , solst du antworten , und dein herr heisse Johann Ludwig Fiesco." 



4. Schiller und Shakespeare. 

1. „König Johann" I, 1 komt Chatillon und erhebt im namen 
des königs Philipp von Frankreich anspruch auf England. König Jo- 
hann antwortet; „Sei wie ein blitz in Frankreichs äugen; dehn ehe 
du berichtet haben kaust, dass ich kommen werde, soll man schon 
den donner meines geschützes hören. Hinweg also! — Sej du die 
trompete unseres zorues und das unglückliche Vorzeichen eures unter- 
ganges." (Ich eitlere nach Eschenburgs Übersetzung.) Vgl. Schillers 
„Jungfrau von Orleans" I, 11 zu dem englischen herold, dessen 
auftrag sie errät: 

„Jetzt herold geh und macli dich eilends fort, 
Denn eh du noch das lager magst erreichen, 
Und botschaft bringen, ist die Jungfrau dort, 
Und pflanzt in Orleans das Siegeszeichen." 
Auf die Charakteristik der Isabel in dem Schillerschen stück hat 
die königin mutter in dem Shakespeareschen eingewirkt, von welcher 
Chatillon (II, 1) sagt: „Mit ihm körnt die königin mutter, wie vorher 
Ate, die ihn zu Zwietracht und blutvergiessen aufhetzt." 

2. „König Johann" IV, 1 Arthur zu Hubert, der nach dem 
eisen verlangt und ihn binden lassen will: „0 gott, wozu brauchst du 
so ungestüm und rauh zu sein? — Ich will mich nicht sträuben; ich 
will still stehen, wie ein stein. Um des himmels willen, Hubert! lass 
mich nicht binden! — Nein, höre, Hubert! — jage diese leute fort; 
und ich will so ruhig da sitzen, wie ein lamm. Ich will mich 



"72 MINOR 

nicht regen, nicht sperren, kein wort reden, noch das eisen zornig 
anblicken. Schicke nur diese leute fort; so will ich dir gern vergeben, 
wie sehr du mich auch marterst." 

Vgl. „Wilhelm Teil" UI, 3: 

Gessler: „Man bind' ihn an die linde dort!" 
Walther Teil: „Mich binden! 

Nein, ich will nicht gebunden sein. Ich will 

still halten, wie ein lamm und auch nicht atmen. 

Wenn ihr mich bindet, nein, so kann ichs nicht, 

So werd ich toben gegen meine bände." 

3. „König Johann" IV, 2 sagt Pembroke von Arthur: „Das 
blut, dem der ganze weite umfang dieser insel gehörte, schliesst nun 
ein räum derselben von drei fuss ein." 

„König Heinrich IV", erster teil V, 5, Prinz Heinrich über 
Percys leiche: „Als dieser krieger noch einen geist in sich hatte, war 
ein königreich ein zu kleiner räum für ihn ; aber itzt sind zwey schritt 
der schlechtsten erde raums genug. Diese erde, die dich toten trägt, 
trägt keinen lebenden, der dir an edelmut gleicht." 

Vgl. „Jungfrau von Orleans" Dunois findet den Talbot in 
seinem blut III, 8: 

„Nimst du vorlieb mit so geringem räume, 
Und Frankreichs weite erde koute nicht 
Dem streben deines riesengeists genügen." 

4. „König Johann" V, 1 redet der bastard Faulconbridge dem 
könig Johann mut und vertrauen ein und treibt zum kriege; ganz ähn- 
lich in Schillers „Jungfrau von Orleans" I, 5 der bastard Dunois 
gegenüber Karl VH. Ich überlasse dem leser die vergleichung der 
reden; und füge diesen zahlreichen parallelstellen zwischen „König 
Johann" und der „Jungfrau von Orleans", welche einen direkten ein- 
fluss ausser frage stellen, zwei schwächere hinzu, welche wol nebenher 
in betracht kommen können. Man vergleiche die folgenden stellen 
aus „König Johann" III, 4 mit „Jungfrau von Orleans" anfang des 
IL aktes. 

Ludwig. „Ein so hitziger lauf, mit so vieler klugheit genom- 
men, eine so gute Ordnung in einer so ungestümen eile, ist ohne bei- 
spiel. Wer hat jemals von einem ähnlichen vorfalle gelesen oder 
gehört?" 

K. Philipp. „Ich könnt' es noch wol leiden, dass England die- 
ses lob ei hielte, wenn wir nur wenigstens ein beispiel für unsere 
schände hätten " 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 73 

ßandulf. „Was habt ihr denn durcli den verlast dieses tages 
verloren ? " 

Ludwig: „Alle tage des ruhmes, der freude und der glück- 
seligkeit." 

Vgl. zu der lezteren stelle Lionel in der „Jungfrau": „Or- 
leans , grab unsres ruhmes " .... 

5. „König Richard II" IV, 1: „Wenn mein wort noch gang- 
bare münze in England ist" .... 

Vgl. „Kabale und Liebe" V, 2: „Sonderbar! die lüge muss 
hier gangbare münze sein" .... 

6. „König Richard II" V, 2: „Ihrer zwölfe haben das sacra- 
ment darauf genommen und einander die band darauf gegeben, den 
könig zu Oxford zu ermorden." 

Vgl. „Maria Stuart" I, 6 Mortimer: 
„Zwölf edle Jünglinge des landes sind 
In meinem bündnis, haben heute früh 
Das Sakrament darauf empfangen, euch 
Mit starkem arm aus diesem schloss zu führen." 

7. „Hamlet" III, 4 will seine begleiter auf der reise nach 
England durch ihre eigne list zu gründe richten: „Denn das ist eben 
der spass, wenn der feuerwerker mit seiner eignen mine in die luft 
gesprengt wird; es niüste schlimm sein, wenn ich nicht eine eile tie- 
fer, als ihre mine, grübe und sie an den mond hinan sprengte. 0, es 
ist ein vergnügen , wenn eine list in gerader linie auf die andere stösst." 

VgL „Die Räuber" (Trauerspiel) IV, 8: Hermann zu Franz: 
„Bei gott! du musst erst hören was der Verlierer wagt. — Feuer ins 
Pulvermagazin, sagt der kaper, und hinauf in die luft — freund 
und feind!" 

8. „Hamlet" IV, 7 Laertes zum könig: „Ich könt ihm in der 
kirche die gurgel abschneiden!" 

Vgl. „Die Räuber" II, 1 Hermann zu Franz: „Ich will ihn 
am krucifix erwürgen!" 

Auch zu der scene, in welcher Hamlet den betenden könig trift, 
sind die worte Karls IV, 5 zu vergleichen: „Reiss ihn vom krucifix, 
wenn er betend vor ihm auf den knien liegt!" 

9. Macbeth V, 3 übersezt Eschenburg in Ossianischer weise: 
„Der lenz meines lebens fiel bald in die zeit welker, gelber blätter"; 
vgl. Karl Moor IV, 5 : „ Die blätter fallen von den bäumen und mein 
herbst ist kommen geschwind." Macbeth V, 5 vergleicht das leben 
einem armen Schauspieler, der seine stunde laug auf der bühne gross 



74 MINOR 

tut und tobt, und hernach nicht weiter gehört wird; Karl Moor (vgl. 
auch Lessings Emilia Galotti, Richard III. und Werther) vergleicht das 
leben einem schalen marionettenspiel. 

10. „Othello" V, 2 Emilie: „ich will so frey reden wie der 
nordwind." 

Vgl. „Räuber" IV, 5 Karl Moor: „du solst frei ausgehn wie 
die weite luft" (Schiller citiert die stelle in seinem briefe an Hoven, 
Hovens Selbstbiographie 376). 

11. Zu der blenduug des alten Melchthal im „Teil" ist zu 
vergleichen Gloster im Lear und Arthur im könig Johann. Die scene, 
in welcher der junge Melchthal davon erfährt, ist der scene Macduffs 
in Macbeth FV, 3 nachgebildet. Zu dem berühmten ausruf „Er hat 
keine kinder'' bemerkt Escheuburg: „Johnson führt es als die bemer- 
kung eines ungenanten kunstrichters an, dass diese worte nicht auf 
Macbeth giengen, der kinder hatte, sondern auf Malcolm, der keine 
hatte und daher sich einbildete, ein vater sei so leicht zu trösten. 
Man sieht indes bald, wie sehr diese stelle durch diese erklärung von 
ihrer Schönheit verlieren würde, desto erwünschter ist mirs , dass Stee- 
vens bemerkt, es lasse sich aus der geschichte nicht beweisen, dass 
Macbeth kinder gehabt habe. Bei den worten: er hat keine kinder! 
denkt sich Macduff entweder: ich kann ihm also nicht ein gleiches 
vergelten; oder: sonst hätte ihn das väterliche gefühl zurückgehalten. 
Jener erste sinn scheint mir der nachdrücklichste zu sein." In der tat 
lassen sich beide auffassungen bei Shakespeare an anderen stellen nach- 
weisen. Im „König Johann" sagt Pandulpho zu Konstantia : „Ihr 
überlasst euch eurem schmerz zu sehr" und diese antwortet: „das sagt 
mir der, der nie einen söhn hatte!" Und in „Heinrich VI.'' 3. teil, 
Y, 5 flucht die köuigin über die lienker und kaunibalen : „ Ihr habt 
keine kinder, ihr heukersknechte; hättet ihr die, so würde der gedanke 
au sie euer gewissen rege gemacht haben." Schiller in der ersten vor- 
rede zu den ,. Räubern" (Gödeke 2, 4) bezieht die worte indessen gleich- 
fals auf Macbeth: „Wenn der unbändige grimm in dem entsetzlichen 
ausbruch: Er hat keine kinder, aus Macduff redet, ist dies nicht 
wahrer und herzeinschneidender als wenn der alte Diego seinen sack- 
spiegel herauslangt und sich auf offenem theater beguckt: o Rage! 
Desespoir!" 

12. „Sommernachtstraum" I, 1 

Hermias : „ sali mein vater doch mit meinen äugen ! 
Theseus : Weit besser war es , deine äugen sähen 
Mit deines vaters Überlegung." 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 75 

„Egraont" n, 1 Egmont: „Ich muss mit meinen äugen sehen." 
Oranien: „0 sähst du diesmal mit den meinigeu!" 

13. Auch aus Lessiug Hessen sich zu der spräche der „Räuber" 
zahh'eiche parallelstellen beibringen; hier mache ich nur auf die fol- 
gende aufmerksam. Nathan II, 9: „Der wahre bettler ist doch ein- 
zig und allein der wahre könig." Amalia I, 3: „Bettler, sagt er? so 
hat die weit sich umgedreht, bettler sind könige und könige sind 
bettler! . . ." 

5. Zu ScMllers „Spaziergang" und Tiecks „gestiefeltem 

Kater." 

Der recensent im litterarischen centralblatt 1886 nr. 23 sp. 809 fg., 
welcher meine auf zwei bände angelegte, dann von dem herausgeber 
der samluug ohne meinen nutzen und zutun auf drei bände erweiterte 
auswahl aus Tiecks werken alle mängel der samlung hat entgelten las- 
sen, gibt mir auch ein beispiel au die band, wie ich meine anmerkun- 
gen hätte bedenken sollen. Ich muss ihm dasselbe leider widerum zu- 
rückstellen, weil ich es nicht brauchen kann. Schiller sagt im Spa- 
ziergang V. 173: „Des gesetzes gespeust steht an der könige thron" 
und meint damit, wie die vorhergehenden verse („Hohl ist die schale, 
der geist ist aus dem leichnam geflohn") und das folgende bild von 
der „Mumie" beweisen, das zur leblosigkeit erstarte, aber noch immer 
künstlich in geltung erhaltene gesetz und recht. Tieck führt das gesetz 
als „popanz" ein, welcher in verschiedeneu verwandelungen, als rhi- 
noceros , als löwe usw. die leute in schrecken versezt. Was hat denn 
Tieck hier von Schiller parodiert ? Schiller sagt im Wilhelm Teil : 
„So lang der popanz auf der stange hängt" — vielleicht will mein 
recensent von dieser parallele gebrauch machen und einfluss des Tieck- 
schen „ Kaiers '^ auf den „Wilhelm Teil" behaupten: so stelle ich ihm 
dies citat zur Verfügung. Man ist noch lange nicht der irische dechant 
mit der peitsche, wenn man seinen stil auch noch so schulmeisterlich 
nachzustümpern versteht. 

6. Zum „Yenuswagen." 

Diesem gedichte liegt eine ähnliche Vorstellung wie dem Nar- 
renschiff, der Geuchmatte und anderen satiren auf alle stände aus dem 
15. und 16. Jahrhundert zu gründe: die Sünder und narren werden um 
einen mittelpuukt, das ist hier der wagen der Venus, vereinigt. Und 
die Vorstellung ist auch alt. Sie findet sich in Aegidius Albertinus 
„Lucifers königreich und seelengejaidt" (Neudruck durch Liliencron in 
Kürschners nationalliteratur s. 249 fgg.) und daher war sie wol auch 



76 MINOR 

Schiller bekaut. Denn Schillers genösse J. W. Petersen , welcher im 
jähre 1782 seine Geschichte der deutschen nationalneigung zum trunke 
veröftentlichte, führt (Neudruck bei Schaible in Stuttgart 1856, s. 140 fg.) 
„Lucifers Seeleugejaidt oder Narrenhatz durch Aegidium Albertinum 
1617" als quelle an. 

Das ist von grösserer Wichtigkeit als es auf den ersten blick 
erscheint. Ich habe in meiner recension von Weltrichs Schillerbiogra- 
phie (Anzeiger f. deutsches Alterthum 12, 280) gezeigt, dass märchen- 
hafte Vorstellungen Schiller nicht so fremd gewesen sind , als man ge- 
meiniglich glaubt. Der obige nach weis zeigt, dass ihm auch die volks- 
tümliche litteratur des 17. Jahrhunderts nicht ganz unbekant war. Und 
so wage ich denn endlich eine parallele vorzutragen, welche ich schon 
vor zehn jähren aufgezeichnet und immer wider zurückgehalten habe, 
weil mir zwischen dem 17. Jahrhundert und Schiller alle bindeglieder 
fehlten. Man veigleiche nämlich mit den werten Karl Moors in der 
Libertinerscene (Gödeke II, 30, 2 fgg.): „Verdammen den Sadducäer, 
der nicht fleissig genug in die kirche komt" usw. das 17. kapitel des 
vierten buches im Siraplicissimus, welches überschrieben ist: „Simplex 
im rauben andächtiger ist, als wenn Olivier in der kirche liest." Sim- 
plicissimus und Olivier bereit auf raub auszugehen; Olivier von gewis- 
sensbissen gequält: „0 getreuer gott, was wird aus mir werden, wenn 
ich nicht wider umkehre!" Gleichwol macht er den kirchturm zu sei- 
nem raubschloss und, von Simplicissimus zur rede gestelt, antwortet 
er: „Wie mancher und wie manche meynestu wol, die seit erbauung 
dieser kirche hereingetreten seyn unter dem schein gott zu dienen, da 
sie doch nur herkommen, ihre neue kleider, ihre schöne gestalt, ihre 
präeminenz und sonst so etwas sehen zu lassen? Da komt einer zur 
kirche wie ein pfau und stellet sich vor den altar, als ob er den hei- 
ligen die füsse abbeten wolte Ein andrer komt vor, oder wanns 

wolgerät in die kirche mit einem gebund brieffen, wie einer der eiue 
brandsteuer samlet, mehr seine zinsleute zu mahnen als zu beten ; hätte 
er aber nicht gewusst, dass seine debitores zur kirche kommen müsten, 
so wäre er fein daheim über seinen registern sitzen blieben . . . Wann 
mancher Wucherer die gantze woche keine zeit nimbt seiner schinderei 
nachzusinnen, so sizt er unter währendem gottesdienst in der kirche, 

spindisieret und dichtet , wie der judenspiess zu führen sey 

Andere geben fleissig achtung auf des pfarrers vorbringen, aber nicht 
zu dem ende, dass sie sich daraus bessern, sondern damit sie ihren 
Seelsorger, wenn er nur im geringsten austösst (wie sie es verstehen) 
durchziehen und tadeln möchten." Wem die parallele nicht stark 
genug scheint , bckantschaft mit Grimmeishausen zu erweisen , der muss 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 77 

doch wenigstens zugeben, dass die Libertinerscene stark im grobiani- 
schen Stil geraten ist. Dass Schiller übrigens der litteratur des 16. 
und 17. Jahrhunderts in der zeit seines nalien Verkehrs mit Petersen 
näher gestanden ist als je, beweisen dessen aufsätze im Würtember- 
gischen repertorium. 

7. Zu Groethe. 

1. In unseren „Studien zur Goetbephilologie" (s. 163) haben wir 
die erscheinung eines kometen im jähre 1769 für die Schilderung der 
himmelszeichen im zweiten „Götz" herangezogen. Nach Erich 
Schmidts mitteilungeu über die erste einaktige fassung der „Mitschul- 
digen " fehlt die erwähnung des kometen hier noch : und dieser umstand 
darf zur chronologischen bestimmung der ersten und zweiten fassung 
verwertet werden. Wir haben aus der dichtung Goethes auf das natur- 
ereignis, das zu gründe liegt, zurückgeschlossen und der gestirnkun- 
dige hat uns endlich auf einen kometen des jabres 1769 geführt. Jezt 
können wir denselben auch aus litterarischer quelle belegen. In ihren 
tagebuchaufzeichuungen über die reisen Elisens von der Recke redet 
deren begleiterin Sophie Becker noch siebzehn jähre später (1786) von 
dem kometen des jabres 1769 als von einer bekanten sache (Karo und 
Geyer, vor hundert jähren 180). Sie lernt in Berlin den professor 
Mathesis Wünsch kenneu, der sich als söhn eines leinwebers durch 
eignen fleiss zu dem gemacht hat , was er jezt ist ; und sie fügt hinzu : 
„Besonders hat der komet 1769 sein Schicksal als gelehrter bestirnt." 

2. Über die vielbesprochene scene am Kabeusteine gibt es 
ein äusseres zeugnis, das bisher ganz unbeachtet geblieben ist. Frie- 
drich Förster erzählt in seinen erinnerungen : „Kunst und Leben" 
(s. 37 fg.) betitelt und von G. Kletke herausgegeben, folgendermassen : 
„Ich erlaubte mir, es war vielleicht 1822, gegen die darstellung von 
Cornelius die bemerkung, dass er unmöglich die tiefe bedeutung der 
dichtung hier verstanden habe. Der dichter, so schien es mir, habe 
wol im sinne gehabt , den rabenstein , auf welchem am nächstfolgenden 
tage Gretchen ihr haupt auf den block legen solte, durch blumen- 
streuende engel weihen zu lassen. Statt dessen gibt uns Cornelius 
einen teufeis - und hexenspuk , womit Mephistopheles Faust belügen und 
betrügen will und deshalb mit: „Vorbei! vorbei!" eiligst mit ihm 
davon reitet. — „Mich haben", bemerkte Goethe, „die beiden vortref- 
lich galoppierenden reiter auf den schnaubenden rossen so in anspruch 
genommen, dass ich die scene auf dem rabensteine noch nicht mit 
bedacht angesehen habe; sie mögen wol das richtige getroffen haben." 
— Wenn freilich der bericht des zeugen so unzuverlässig oder falsch 



78 MINOR 

ist, wie das meiste was er über Schiller gesagt hat, dann haben wir 
ihm für denselben wenig 7a\ danken. 

3. Der kreis, in welchem Goethe die „Unterhaltungen deut- 
scher ausgewanderten" erzählen lässt, ist der Jacobische zu Peuipel- 
fort, welcher während Goethes anwesenheit im jähre 1792 gleichfals 
durch flüchtlinge beunruhigt wurde; ,,das gespräch", sagt Goethe in 
der „Campagne in Frankreich" (Hempel 25, 136 fg.), „war lebhaft und 
geistreich , aber wegen streitenden interesses und meinungen gewährte 
es nicht immer eine erfreuliche Unterhaltung." Unter der baronesse 
von C. in den „Unterhaltungen" ist wol die freifrau von Cudenhoven 
verstanden (a. a. o. 211. 136 fg.; AnnUlen, Hempel 27, 41). Diese 
war 1747 geboren, also in „mitleren jähren" wie die baronesse von C, 
und doch alt genug um eine verlobte tochter zu haben. Sie war fer- 
ner wie diese witwe (seit 1786) und flüchtig von Mainz. Sie wird 
auch von dem biographen Heinses am Mainzischen hofe erwähnt: s. 
Schober, Heinse s. 117 fgg. 

4. Die abweichungen . welche die erste fassung des Goetheschen 
Singspiels „Erwin und Elmire'^ von der zu gründe liegenden ballade 
bietet, hat Wilmanns im Jahrbuch 2, 146 fgg. richtig aufgezeigt, aber 
sehr unglücklich aus bezugnahme auf das Herdersche liebesverhältnis 
zu erklären versucht. Mich dünkt, dass der unterschied der beiden 
dichtungsgattungen , ballade und singspiel, allein genügt die abwei- 
chungen zu motivieren. An stelle des ernsten, fast elegischen toues 
der ballade bedurfte Goethe für das singspiel eines heiteren und leben- 
digeren; daher wird sein Erwin nicht einsiedler, sondern nach der lehre 
Eousseaus landbebauer; die rolle des einsiedlers, in der ballade ernst 
gemeint, wird im singspiel zur blossen maskerade. Noch deutlicher ist 
die folgende änderung: in der ballade treffen die liebenden in einsied- 
lertracht und nonnenkleidung zusammen, ohne sich zu erkennen; das 
war in der erzählenden dichtung eine möglichkeit, in der dramatischen 
dichtung aber, in welcher die personen wirklich vor uns stehen, eine 
Unmöglichkeit, welche Goethe vermeiden oder abschwächen muste. Er 
hat das leztere getan, indem er Erwin sich als einsiedler vermum- 
men und indem er ihn stillschweigen und seine liebeserklärung 
bloss schriftlich abgeben lässt. Auch einem schwachen dichter hätte 
sich die Unmöglichkeit, die ballade wie sie ist auf die bühne zu brin- 
gen, aufdrängen müssen; und wir brauchen keine anspielung auf erleb- 
nisse , welche ohnedies weit genug hergeholt sind , anzunehmen , um die 
abweichungen zu erklären. 

5. Zu den Briefen Goethes an die frau von Stein (Fielitz' 
ausgäbe) 1, 134 (nr. 254) kehren die vier verse später I, 250 (nr.445) wider; 



ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 79 

die rücksendung des ersten billettes mit den darauf geschriebenen versen 
scheint also nach 1782 erfolgt zu sein. — I, 2G7 (nr. 480) zeile 5 von 
oben ist zu lesen: „dass ihn . . . nie (anstatt: wie) gewisse geister des 
irtums anwehen, die mir sonst so viel zu schaffen gemacht haben." — 

I, 285 (nr. 495) schreibt Goethe nach der Zusammenkunft mit Merk: 
„ mit Merken habe ich einen sehr guten tag und ein paar nachte verlebt. 
Doch macht mir der drache immer bös blut, es geht mir wie Psychen, 
da sie ihre Schwestern widersah"; und I, 286 (nr. 496) „die Zusam- 
menkunft mit Merk hat mir geschadet und geuüzt, das lässt sich in 
dieser weit nicht trennen." Es liegt eine anspielung auf das märchen 
von „Amor und Psyche" vor: die neidischen Schwestern besuchen 
Psyche, welche ihren gatten nie von angesicht gesehen, sondern nur 
seine nächtlichen besuche empfangen hat ; sie bringen ihr den argwöhn 
bei, dass sie in ihm einen drachen erkennen würde und reizen sie auf, 
sich klarheit und licht zu verschaffen. Goethe vergleicht Merck mit 
den Schwestern; er muss ihm wie diese einen „drachen" in den köpf 
gesezt haben und darauf bezieht sich der schaden, welchen er in dem 
folgenden brief von der Zusammenkunft herleitet. I, 375 fg. und 384, 

II, 15 und 42 ist von einem Siegelring die rede, dessen stein Psyche 
mit dem Schmetterling vorstelte. — Über Sonnenberg (11, 655) ist das 
Weimarische Jahrbuch II, 227 fg. V, 187 fgg. zu vergleichen. — 
P, 180. 183. 189. 190: die Memoires pOur penir ä la vie de Mr. 
de Voltaire, 6crits par lui-meme, 1784 (s. o.) liegen mir in duodez- 
format (166 selten) vor. — I, 165 (302): „Ein quatro neben in der 
gränen stube, sitz ich und rufe die fernen gestalten leise herüber." 
Dazu Hermann Grimm, Vorlesungen ^ 276: „ein quatro, bei dem wol 
ein quartett gemeint war." Vgl. Karo und Geyer , vor hundert jähren 
149: „ ßode bedient sich oft ihrer musikkentnis zu einem quatro, darin 
er selbst das cello streicht." 



8. Zu Groethes naturwissenscliaftliclien Schriften. 

In der recension von Kefersteins „Deutschland, geognostisch - 
geologisch dargestelt" (Wk. XXXIII, 383 fgg.) entwickelt Goethe seine 
vorschlage zur färbung der geognostischen karte folgendermassen : „ Man 
durfte sich nicht schmeicheln, eine dem äuge volkommen gefällige 
ästhetische wirkimg hervorzubringen; man suchte nur die aufgäbe zu 
lösen , dass der eindruck , welcher immer bunt bleiben muste , entschie- 
den bedeutend und nicht widerwärtig wäre. Der hauptformation , welche 
granit, gneis, glimmerschiefer mit allen abweichungen und einlagerun- 
gen enthält, erteilte man die karmiufarbe, das reinste, schönste rot; 



80 MINOR, ZUR LITT. -GESCH. D. 18. JH. 

dem unmittelbar anstossenden schiefer gab man das harmonierende 
reine grün; darauf dem alpenkalk das violette, auch dem roten ver- 
want, dem grünen nicht widerstrebend. Den roten Sandstein, eine 
höchst wichtige, meist nur in schmalen streifen erscheinende bildung, 
bezeichnete man mit einem hervorstechenden gelb rot; den porphyr 
andeuten solte die bräunliche färbe, weil sie überall kentlich ist und 
nichts verdirbt. Dem quaderstein eignete man das reine gelb zu, 
dem bunten Sandstein ein angerötetes chamois; dem muschelkalk blieb 
das reine blau, dem Jurakalk ein spangrün, und zulezt ein kaum zu 
bemerkendes blassblau der kreidebildung." 

Professor A. Penck hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass 
der internationale geologische kougress zu Bologna 1881 den Goethe- 
schen vorschlagen ganz entsprechende beschlüsse gefasst hat, ohne sich 
der Übereinstimmung bewusst zu sein. 

Es heisst in der gedruckten „Resolutions vot^es par le congres 
geologique international, 2" session — Bologna 1881" s. 8fg.: 

„La couleur rose -car min sera aflfectee de preference aux 
schistes cristallins, toutes les fois qu'on n'aura pas de preuves certaines 
qu'ils sont dage cambrien ou post - cambrien. 

Le rose vif pourra etre reserve aux roches d'äge pre- cam- 
brien (archeen) et le rose pale aux schistes cristallins, d'äge indeter- 
mine." 

„Trois Couleurs serout affectees aux systemes secondaires ou 
mesozoiques : 

l^ Le violet au Trias. 

2\ Le bleu au Jurassique (le Lias pouvant etre distingue 

par un bleu plus fonce). 
3^ Le vert au Cretace." 

„Les nuan^es de la couleur jaune seront affectees au groupe 
cenozoique , en teintes d'autant plus claires qu'il s'agira de cruches plus 
recentes." 

WIEN. J. MINOR. 



AUS DER WITTENBERGER UNIVERSITÄTSMATRIKEL. 

1560 — 1660. 

Längst anerkant ist der hohe wert, welchen die alten Verzeich- 
nisse der universitätsangehörigen für die litteraturgeschichte wie über- 
haupt für die geschichte der geistigen bildung besitzen, und von einer 
ganzen anzahl von matrikeln sind daher in neuerer zeit abdrücke ver- 



BOT.TE, A. D. WITTENBERG. MATRIKEL 81 

anstaltet worden. Für die kentuis der reformatorischen bewegung im 
16. Jahrhundert ist natürlich keine wichtiger als die matrikel der Wit- 
tenberger hochschule, des eigentlichen brenpunktes für alle geistigen 
Interessen, mid dank Förstemanns eifer besitzen wir für die jähre 
1502—1560, die erste glanzperiode Wittenbergs, welche mit dem tode 
Melanchthons abschloss, eine höchst förderliche ausgäbe des Album 
studiosorum (Leipzig 1841), in der man nur ein register vermisst. Aber 
auch später bewahrte Wittenberg noch eine grosse anziehungskraft und 
wurde zu zeiten recht stark, namentlich von ausländischen Protestan- 
ten, z. b. aus Ungarn, besucht. Da ich kürzlich veranlassung hatte, 
die auf der Universitätsregistratur zu Halle aufbewalirte Wittenberger 
matrikel einzusehen, schien es mir nützlich, die aus der litteratur- 
geschichte bekanten naraen für die periode 1560 — 1660 auszuziehen 
und besonders zu veröffentlichen. Die nachfolgende auswahl ist nun 
freilich eine subjektive, da mich vorwiegend die dramatischen autoren 
interessierten, auch mag ich unter den tausenden von namen, die ich 
ohne weitere hilfsmittel und nachschlagewerke in einigen stunden durch- 
zuarbeiten hatte, manchen übersehen haben, der auf mehr bedeutung 
als die angeführten ansprach bat ; indes sehe ich den zweck dieser Zei- 
len als volständig erfült an , wenn einige biographische daten dadurch 
sichergestelt und der wünsch nach einer publikation der ganzen matri- 
kel, durch welche eine gründliche durchforschung derselben erst ermög- 
licht wird, von neuem rege gemacht sein solte. Die Verweisungen auf 
Goedekes Grundriss zur geschichte der deutscheu dichtung und die 
Allgemeine deutsche biographie sollen nur dem ersten bedürfnisse ent- 
gegenkommen. 

1560, 30. Septembris. Georgius Rol wagen Bernouiensis. — 
Dies ist zweifellos der dichter des Froschmeuseler, Georg Rollenhagen ; 
vgl. Goedeke ^ 2, 507. Ähnliche auf einem verhören beruhende fehler 
lassen sich noch öfter in der matrikel nachweisen. Unter dem 27. mai 
1631 z. b. wird ein Christophorus Ehreutreich von Buchsdorff auf- 
geführt, welcher sicher der bekanten märkischen familie von Burgs- 
dorf angehört. 

1562, 29. Aprilis. Nicolaus Reusner Leobergensis. — Ygl. 
Goedeke^ 2, 109. 

1564, 10. Januarii. Valentinus Senfftleben Boleslauiensis. — 
Vgl. H. Palm, Beiträge zur geschichte der deutschen literatur des 16. 
und 17. Jahrhunderts 1877 s. 124. 

1564, 5. Junii. Petrus Albinus Schnebergensis. — Vgl. Jöcher, 
Gelehrtenlexikon 1, 218. Adelungs Nachträge 1, 480. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 6 



82 Bor.TE 

15(55, 1. Apiilis. Conradus Oldendorpius Bruiisuicensis. — 
Vgl. ADB 24, 267 %. Zwei söhne dieses 0. sind wabrscliciulicli die unter 
dem 25. Martii 1586 eingetragenen Samuel und Cunradus Oldendorpii 
Cotheni Anhaltini. 

1565, 29. Maii. Albertus Melman Berliaensis: filius Simo- 
nis Melmauui Jure consulti et consiliarij Electoris Braudeburgensis. — 
Vgl. Goedeke^ 2, 111. 

1566, 28. Julii. Martinus IMuiidclius Plauensis. — Vgl. 
M. Fiedler, Geschichte des Gymnasiums /u Plauen. Progr. Plauen 1855 
s. 12. Jöcher 3, 1500. Kotermundt 6, 37. 

1567, 12. Martii. Martinus Schönn und Christianus Schon 
Vuitebergeuses fratres. — Vgl. Goedeke ^ 2, 371. 

1567, 11. Julii. Johannes Mylius Libenrodensis poeta Lau- 
reatus. — Vgl. Goedeke ^ 2,*106. 

1568, 5. Aprilis. Catharinus Dulcis Geneuensis. — Vgl. 
C. V. Rommel, Geschichte von Hessen 6, 477 (1837), der von seiner 
1604 in Kassel aufgeführten und gedruckten französischen komödie To- 
bias zu berichten weiss, aber seine fünf jähre ältere für den eintluss 
des italienischen Schauspiels charakteristische bearbeitung des Teren- 
zischen Eunuchus nicht kent: EVNV- | CHVS TE- | RENTII, IVCVN- 
DA METEllWYXn- \ gel in ^Ethiopiffam | mutatus. | Comoedia lepi- 
diffima, | IN GRATIAM \ studiosorum linguae JTA \ LICAE , opera 
et I studio i CATHARINI DVL- | eis edita. | TVBINGAE i Tvpis Georgij 
Cruppeubachij || AN^'0 M. D. XCIX. \ 189 s. 8". Fünf akte in ita- 
lienischer prosa. Exemplare in Prag, Tübingen und Zwickau. 

1568, 12. Junii. M. Georgius Bersmannus Annaemontanus. 
— Vgl. Goedeke^ 2, 108. ADB 2, 507. 

1569, 5. Maii. Franciscus Hildensheim Custrinensis. — 
Vgl. Goedeke^ 2, 116. 145. ADB 12, 410. 

1569, 28. Junii. Johannes Herford Herpolitanus. — Viel- 
leicht mit dem bei Goedeke^2, 366 nr. 176 augeführten dramatiker 
identisch. 

1570, 6. Junii. Christianus Distelmeyer Berlinensis. — 
Vgl. Goedeke^ 2, 116. ADB 5, 258. 

1570, 17. Julii, Nicolaus Kislebius Soltwedelensis. — Vgl. 
H. Holstein, Das drania vom verlornen söhn. Halle 1880 s. 31. 

1570, 31. Julii. Rudolphus Goclenius Corbacensis. — Vgl. 
Goedeke^ 2, 107. ADB 9, 308. 

1577, 3. Augusti. Daniel Stodolius ä Poziowa Lunensis. — 
Dieser Böhme übertrug 1586 die sechs jähre zuvor erschienene deut- 
sclie tragödie „von dem ersch röcklichen vntorgang Sodom vnd Gomorra" 



A. D. WITTENBERG. MATRIKEL 83 

des Matthias Meissner in seine Muttersprache; vgl. Blass, Das theater 
und drama in Böhmen 1877 s. 15. 29 und Teuber, Geschichte des Pra- 
ger theaters 1883 1, 26. Ein verwanter von ihm, Johannes Joh. F. 
Stodolius Lunensis Bohemus, wurde am 18. märz 1563 in Wittenberg 
immatriculiert. 

1578, 3. Februarii. Martinus Chemnicius Brunsuicensis. — 
Ygl. ADB 4, 118. 

1580, 21. Aprilis. Benedictus Carptzou Brandenburgensis. 
Am rande: J. V. D. — Vgl. ADB 4, 11. 

1580, 25. Junii. Polycarpus Leiser Sacrae Theologiae Doc- 
tor et pastor Witebergensis. — Vgl. ADB 18, 523. 

1581, 24. Aprilis. Georgius Göbelius Brigeusis. — Vgl. Goe- 
deke^ 2, 369. 

1587, Mai. M. Johannes Ment Augustanus. — Vgl. Goe- 
deke» 2, 141. 

1587, Juli. Nicodemus Frischlinus Philosophiae et Medici- 
cinae Doctor, Comes Palatinus. — Vgl. Strauss, Leben und Schriften 
des dichters und philologeu Nicodemus Friscblin 1856 s. 408 fg. Goe- 
deke» 2, 140. ADB 8, 96. 

1588, 24. Augusti. Balthasar Crusius Werdensis Variscus. — 
Vgl. Goedeke^ 2, 141. ADB 4, 629. 

1589, 14. Julii. Jacobus Ayrer Bambergensis. — Dies ist 
nicht der bekante schauspieldichter, welcher schon 1570 in Bamberg 
die erste bearbeitung seiner reimchrouik abschloss , sondern sein oft 
mit ihm verwechselter gleichnamiger söhn, welcher am 13. Oktober 1593 
als licentiat [der rechte] zum bürger in Nürnberg aufgenommen wurde 
und einen häufig gedruckten Processus iuris veröifentlichte ; vgl. ADB 
1, 710. Auch Goedeke ^ 2 , 546 bezieht noch irtümlich die nachricht 
aus dem Nürnberger bürgerbuche auf den älteren Ayrer statt auf den 
söhn. Ein zweiter söhn des dichters wird der am 30. juli 1594 in 
Wittenberg immatrikulierte Matthaeus Ayrer Bambergensis Fran- 
cus sein. 

1592, 8. Mali. Isaacus Gilhausen Marpurgensis Hassus. — 
Vgl. Goedeke* 2, 379. 

1592, 24. Mail. Fridericus Taubmannus Wonseseusis Fran- 
cus. — Vgl. Goedeke^ 2, 112. 

1592, 9. ctobris. M.Daniel Cramerus Neomarchicus Retzen- 
sis. — Vgl. Goedeke^ 2, 142. ADB 4, 546. Im sommer 1598 wurde 
„D. Gramer, Pastor Ecclesiae collegiatae Stetini ad S. Mariae" zum 
doctor der theologie promoviert. 

6* 



84 BOLTE 

1593, 17. Maii. Joannes Bechman Brunsuicensis. — Vgl. 
Goedeke^ 2, 397. 

1593, 17. Mail. Georgias Schwanberg Francofurtensis. — 
Vielleicht der bei Goedeke ^ 2, 376 und 3S9 genante dramatiker Georg 
Schwanberger. 

1593, 2. Junii. Daniel Sennert Vratislauiensis. — Vgl. Jöcher 
4, 506. 

1593, 31. Augusti. Fridericus Lasdorpius Horneburgensis. 
— Vgl. Goedeke^ 2, 142 und E. Jacobs, Zeitschrift des Harz Vereins 
6, 375. 

1594, 8. Junii. Pbilippus Nicolai Mengerinchusanus Wal- 
decceusis. — Vgl. Goedeke ^ 2, 197. ADB 23, 607. 

1594, 21. Augusti. Albertus Wichgrevius Hamburgensis. — 
Vgl. Goedeke ^ 2, 144. 

1598, 8. Mail. Polycarpus Lj'serus Witebergensis ; von spä- 
terer band: „Professor Theologiae Extraordinarius Ao 1619. dehinc Pro- 
fessor et Superintendeus Lipsiensis." — Vgl. ADB 18, 526. 

1599, 20. Febr. Tycho Brahe Nobilis Danus. 

Tycho Brahe 1 Tychonis filii. 
Georgius Brahe J 

1600, 12. Octobris. Andreas Hiltebrandus Stetinensis Pome- 
ranus. — Vgl. Jöcher 2, 1598. 

1603, 8. Junii. Fridericus Lesebergius Lunaeburgensis. — 
Vgl. Goedeke ^ 2 , 398. 

1604, 26. Aprilis. Caspar Barth Marchiacus , zugleich mit 
Johannes Barth Marchiacus. — Vgl. Goedeke ^ 2, 116. 131. ADB 
2, 101. 

1606, 9. Octobris. Martinus Gravius Stetinensis Pomeranus 
gratis. — Vgl. J. Bolte, Korrespondenzblatt des Vereins für siebenbür- 
gische landeskunde 1885 nr. 12 s. 137 fg. 

1612, Mai. Matthaeus Reimmannus Themar. Francus. — 
Vgl. vorläufig Goedeke^ 2, 377. Sein söhn ist der am 24. juli 1655 
eingetragene Samuel Crucianus Reimmann Wrizenä Marchicus. 

1614, 2. Augusti. M.Johannes Matthaeus Meyfartus Wal- 
tershusa Thuringus. — Vgl. Goedeke ^ 2, 469. ADB 21, 646. 

1615, 23. Junii. Christianus Gueincius Gubinas Lusatus. — 
Vgl. Goedeke ^ 3, 77. ADB 10, 89. 

1615, 4. Decerabris. Martinus Bohemus Laubä - Lusatus. — 
Dies ist wahrscheinlicb der deutsche dramatiker, den Holstein, Das 



A. D. WITTENBERG. MATRIKEL 85 

drama vom verlorenen sehn 1880 s. 37 und Goedeke ^ 2, 37. 3, 154 mit 
seinem gleichnamigen vater ideutificieren wollen. Ygl. ADB 3, 59. 

1616, 25. Aprilis. M. Isaacus Fröreisen Argentoratensis Al- 
satns. — Vgl. Goedeke^ä 2, 554 fg. ADB 8, 145. 

1616, 19. Decembris. Balthasar Menzerus Theologiae Doc- 
tor et Professor in Academia Giessensi. — Vgl. ADB 21 , 374. Bei- 
gebunden ist ein brief desselben, in welchem er den prorektor um die 
ehre, in das Wittenberger albuni eingetragen zu werden , bittet; ebenso 
bewerben sich später (1671, 12. december) sein gleicbuamiger söhn und 
enkel aus der ferne um die eintragung ihrer namen in die matrikel. 

1619, 20. Mail. Petrus Eysenbergk Junior Hallensis non 
iuravit. — Vgl. Goedeke ^ 2, 4H6. Am 14. februar 1572 erscheinen in 
der matrikel Petrus und Jacobus Eisenberg Witebergeuses filij concio- 
uatoris Hallensis. 

1627, Juli. Christianus Keimannus Zitta - Lusatus. — 
Vgl. Goedekei 2, 469. ADB 15, 535. 

1628, 2. Januarii. Paulus Gerhardt Gräffenhänichensis. — 
Vgl. Goedeke ^ 2, 470. ADB 8, 774. Ein verwanter des liederdichters 
scheint der am 20. juni 1646 eingetragene Johannes Gerhardt Gräfen- 
hayuichensis Misnicus zu sein. 

1628, 1. Decembris. Christianus Rosa Mittenwaldensis Mar- 
chicus. — Vgl. Goedeke^ 2, 482. W. Schwartz, Annalen des gymna- 
siums zu Neuruppin, progr. 1865 s. 27. Ein söhn dieses Rosa ist 
sicherlich der unter dem 28. mai 1662 inscribierte Joachimus Simon 
Rosa Neo - Ruppinensis Marchicus. 

1629, 4. Junii. Johannes Rhawe Berlin. March. — Vgl. 
A. Ziel, Johann Raues schulenverbesserung. Progr. Dresden 1886 
(nr. 494). Seine brüder Christianus Rauwer und Jacobus Rave erschei- 
nen unter dem 4. September 1630 und dem 24. märz 1635. 

1630, 6. Mali. Henricus Ericius Pontoppi-Danus. — 
Vgl. Jöcher 3, 1696. Rotermundts Nachträge 6, 625. 

1630, 28. Junii. Zacharias Lundius Nubello Holsatus. — 
Vgl. Goedeke 2 3, 58. ADB 19, 635. 

1630, 11. Octobris. Casparus Härttranfft Zitta - Lusatus. — 
Vgl. Goedeke - 3, 64. 

1631, 21. Mali. Paris de "Werder non iuravit ob aetatis de- 
fectum. — Vgl. Goedeke 2 3, 58. 

1632, 14. Maii. Samuel Butschky junior Namslav Silesius. 
— Vgl. ADB 3 , 653. Reichards versuch einer historie d. deutschen 
Sprachkunst. Hamburg 1747 s. 210. Hoffmann v. Fallerslebeu , Spen- 
den zur deutschen literaturgeschichte 1, 85. (1844.) 



86 BOLTE 

1639, 30, Aprilis. Pbilippus Caesius Bitterfeldä Saxo. — 
Vgl. Goedeke» 3, 95 fg. 

1645, 24. Novembris. David Schirmerus Freiberga Misnicus. 

— Vgl. Goedeke« 3, 69. 

1646, 29. Aprilis. Euocb Glaeserus Landesbuttä Silesius. — 
Vgl. Goedeke^ 3, 120. 

1646, 12. Junii. Jobannes Georgiiis Schoch Lips. Misnicus. 

— Vgl. Goedeke^ 3, 67. 

1650, 25. Mail. Jobannes Cbristopborus Becmannus 
iniuratiis. — Vgl. ADB 2, 240: der bekante anbaltische historiker, geb. 
1641 zu Zerbst. 

1655, 30. junii. David Elias Heidenreicb Lipsiensis Mis- 
nicus. Non iuravit. — Vgl. Goedeke ^ 2, 487. 

1657, 19. Junii. Isaacus Zabanius Brodsano-Pannonius. — 
Vgl. Szilagyi, Korrespoudenzblatt des Vereins für siebenbürgiscbe lan- 
deskunde 1882 nr. 1 s. 2 — 4. 

1665, 28. Octobris. Augustus Adolpbus von Haugwitz 
Lusatus non iuravit ob aetatem. — Vgl. Goedeke ^ 2, 492. ADB 11, 56. 
Hübner, A. A. von Haugwitz. Progr. Trarbach 1885. 

1667, 2. Aprilis. Georgius Lani Trenscbiuio Hungarus gra- 
tis. — Vgl. Goedeke ^ 2 , 493. E. Dobmke in den Studia Nicolaitana, 
Leipzig 1884. 

Für die geschichte des dreissigjährigen krieges und der Berliner 
religionsstreitigkeiten unter dem grossen kurfürsten bietet unsre matri- 
kel einige vereinzelte notizen , die hier zusammeugestelt werden mögen. 

1598, 1. Januarii. Jacob us Typotius Poloniae et Sueciae 
ßegis Secretarius. Bartholomaeus Spenlinus Friderici Wilbelmi 
Ducis Saxoniae Secretarius. 

1600, 15. Septembris. Gabriel Oxenstern Suecus Nobilis 
und Axelius Oxenstern Suecus Nobilis; bei dem zweiten namen die 
spätere randbemerkung : post Cancellarius regni et Generalis Legatus 
copiarum Suoc. in Germania. — Auch in Kostock und Jena studierte 
Axel Oxeustjerna ; vgl. Abr. Cronholm , Sveriges Historia under Gustaf 11 
Adolphs Kegering 5, 1, 154 (1871). 

1622, April. M. Samuel Martinius Bobemus Palaeo-Pra- 
gae, nuper ad S. Crucis Maioris Ecclesiam Evangelicam Pastor et Con- 
sistorii Ordinum Kegni Bobemici Assessor , nunc ferente divinä demen- 
tia Exul. 



A. D. WITTENBERG. MATRIKEL 87 

1623, 16, Mail, M. David Lipachius Ecclesiae quae Christo 
in Veteri Pragä colligebatur, ad aedem Saluatoris olim Vicarius Pastor, 
nunc exul in Domino. 

1625, 4. Junii. Johannes Nazon de Towaczova Moravus olim 
pastor Divissovii in Keguo Bohemiae, iam vero Exul. gratis. 

1631, 31. Octobris. Matthias Andreae Ostrogothus Suecus, 
Strenui Generalis Johannis Baneer Concionator. gratis. 

1632, 6. Augusti. Serenissimi Potentissimi ac Invictissimi Prin- 
cipis ac Domini Gustavi Adolphi D. G. Suecorum , Gothorum et 
Vandalorum Regis etc. F. N. Illustris et Generosissimus Dominus Dn. 
Gustavus etc. cum Praefecto morum Hermanne Meiere ä Münzen- 
brock. — Dieser natürliche söhn des Schwedeukönigs, Gustaf Gustafs- 
son, war aus einem Verhältnis mit einer Holländerin Margareta Cabelliau 
hervorgegangen und am 24. mai 1616 geboren; vgl. Abr. Cronholm 
a. a. 0. 5, 1, 33 (1871). Bis nach 1642 verwaltete er das Fürstentum 
Osnabrück, das ihm der schwedische reichsrat 1633 nach seines vaters 
tode übertragen hatte ; vgl. C. Stüve , Mitteilungen des historischen Ver- 
eins zu Osnabrück 12, 188 (1882). Christine ernante ihn zum reichs- 
rat und grafen von Wasaborg, nach dem westfälischen frieden erhielt 
er arat und Stadt Wilshausen bei Bremen , wo seine nachkommen noch 
im 18. Jahrhundert existierten; vgl. A. Fryxell , Berättelser ur Swenska 
Historien , G. Delen. Stockh. 1834 s. 494 fg. 

1633, 23. Octobris. M. Laurentius Stigzelius Angermannus 
Suecus Logicae in Academia Upsaliensi Professor. 

1666, 7. Augusti. Andreas Fromm, Theologiae Licentiatus, 
antehac per quindecim annos Praepositus Suevo - Coloniensis et decem 
annos Consistorialis et Director Ordinationum , jam verö artibus Refor- 
matorum ejectus, repetit jura Academiae hujus illustris. gratuitus. — 
Zwei jähre später trat Fromm zur katholischen kirche über; vgl. Küster, 
Altes und neues Berlin 1, 535. Th. Fontane, Wanderungen durch die 
mark Brandenburg ^ i, 48 — 58 (1875). 

1666, 6. Decembris. Andreas Joachimus Fromme Berl. 
Marchicus. 

Endlich reihe ich noch einige nicht zum kreise der Studenten 
gehörige persönlichkeiten an, deren aufnähme in die matrikel für den 
dem akademischen bürgerrecht beigelegten wert kenzeichnend ist : 

1610, 31. Martii. Georgius Albrecht Rugio Pom. Diese 
Worte sind später durchgestrichen und dahinter bemerkt: Tonsor, 
Pugil et Saltator. Civis factus, Academicae Jurisdictioui resignavit 
23. Sept. 161U, 



88 KINZEL 

1623, 26. Mail. Johannes Ceddinus Lubenä Lusatins und 
Johannes Schultz von Korbach, Nani Serenissimi Electoris nostri, 
absentes, gratis. 

1623, 17. Juuii. Noe Destourouelle de frans de la provins 
de la Picardie, Musicus Instrumentalis. 

1629, 12. Septembris. Johannes Cunovius p. t. Teutzscher 
Schulhalter vorm Schloßtliore alhier gratis. 

1656, 31. Julii. Laurentius Horst Indus Orientalis ex Bata- 
viä quae est civitas regni Jacadrae in Insula Maiori Java. 

1656, 7. Augusti. Heinrich Fischer von Braunschweigk ein 
Schreiber: hat ufl" deutsch das Juramentum praestirt. 

Seit 1662 begegnet mehrmals die notiz: depositi disces- 
serunt. Ich muss es dahingestelt sein lassen, ob dies auf groben 
pennalismus hindeutet, welcher die ankömlinge von einem weiteren 
besuche dieser Universität abschreckte, oder ob es für besonders ehren- 
voll galt, in Wittenberg sich der ceremonie der deposition zu unter- 
ziehen. 

In dem 6. bände der matrikel, welcher die jähre 1644 — 1673 
umfasst, finden sich vor den eintragungen der einzelnen Semester statt 
der früher üblichen wappen oder titelornamente sorgfältige in öl gemalte 
miniaturporträts der rektoren. So vor dem "Sommerhalbjahre 1654 ein 
gutes brustbild von August Buchner. Er trägt ein schwarzes käp- 
chen auf den weissen locken , auf der brüst ein fürstliches porträt an 
goldener gnadenkette und darüber das medaillon der fruchtbringenden 
geselschaft. Das erste bild des ganzen bandes stelt den hof der Wit- 
tenberger Universität dar mit dem motte: „Dennoch soll die stadt got- 
tes fein lustig bleiben mit ihren brünulein." 

BERLIN. JOHANNES BOLTE. 



QUELLE UND SCHLUSS DES VORAUER ALEXANDER. 

Wer sich je in irgend einer weise mit dem Verhältnis des Vorauer 
und Strassburger Alexander beschäftigt hat, der hat wol einmal die 
raöglichkeit erwogen , ob nicht dieser eine erweiterung und fortsetzung 
von Lamprechts gedieht sei und ob dasselbe nicht im wesentlichen nur 
in dem umfange existiert habe, in welchem es uns in der Überlieferung 
der Vorauer handschrift entgegentritt. Aber nirgend fand diese an- 
schauuug bisher eine Vertretung, vermutlich besonders weil der schluss 
in dem kürzeren texte zu deutlich das merkmal an der stirn zu tragen 



QUELLE ü. SCHLUSS D. VOR. ALEX. 89 

schien, dass hier eine wilkürliche Verstümmelung vorliege. Seitdem 
nun die Basler haudschrift algemeiu zugänglich und mehrere Unter- 
suchungen über die drei texte bekant gemacht worden waren, schien 
mir diese frage völlig abgetan. Da wurde sie von Wilmanns in der 
recension meiner Alexanderausgabe Gott. gel. Anz. 1885 nr. 7 s. 298 fg. 
zum ersten mal öffentlich behandelt und mit grosser Sicherheit dahin 
entschieden , dass wir im Vorauer Alexander Lamprechts ganzes gedieht 
vor uns haben. Eine bedeutende stütze fand er in der ebenso neuen 
entdeckung-, dass im I. teile der dichtuug (Vorauer AI.) nicht wie in 
der fortsetzung die Historia de preliis quelle gewesen sei. In kurzen 
aber feinen zügen wusste Wilmanns diesen gedanken auszuführen: 
„Dass das Verhältnis so lange verkant ist , erklärt sich dadurch , dass 
die Historia, welche als quelle der Alexanderdichtung gilt, nur weni- 
gen zugänglich war. Die vergleichung, welche jezt teils durch die 
mitteiluugen Kinzels, teils durch die ausgäbe Zingerles jedem frei steht, 
zeigt ganz deutlich, dass das Alexanderlied bis zu dem punkte, wo die 
Yorauer handschrift aufhört , zu den lateinischen darstellungen der sage 
in einem ganz anderen Verhältnisse steht als nachher. In dem ersten 
teile finden wir zwar einzelne beziehungen zur Historia, aber 
als eigentliche quelle erscheint das verbreitete buch hier mit nichten; 
solche wird es erst im zweiten teil. Den nachweis im einzelnen kann 
ich hier nicht erbringen; vielleicht jfinde ich anderswo dazu gelegen- 
heit. Jeder der selbst prüfen will, wird das resultat bestätigt sehen, 
und dann auch den schluss für gerechtfertigt erachten, dass das kurze 
Alexanderlied der Vorauer handschrift uns die ursprüngliche dichtung 
Lamprechts repräsentiert. An und für sich wäre es freilich möglich, 
dass der ursprüngliche dichter zunächst einer andern quelle gefolgt 
wäre als nachher, und dass der, welcher das werk wilkürlich abkürzte, 
zufällig gerade da abbrach , wo der dichter zu einer andern quelle 
gegriffen hatte. Aber wer mag solchen zufall zu hilfe nehmen, wenn 
gar kein anlass dazu vorhanden ist. Der Vorauer Alexander macht 
durchaas nicht den eindruck eines wilkürlich verstümmelten gedichtes. 
Zwar ist die entscheidende schlacht gegen Darius verhältnismässig kurz 
erzählt; die schlussscene , die der glanzpunkt des ganzen sein solte, 
fält gegen die vorhergehende Schlachtbeschreibung ab; aber daraus 
folgt nicht, dass sie der Ungeduld eines Schreibers oder bearbeiters ihre 
form verdankt. Dass Schreiber zuweilen die lust an ihrer arbeit ver- 
loren und aufhörten, ehe sie fertig waren, bezweifelt niemand und 
bedarf kaum der belege; aber auch das ist nichts erstaunliches, dass 
ein dichter in der arbeit matt wird und den schluss seines Werkes über- 
eilt. Als fragment gibt sich der Vorauer Alexander durch nichts zu 



90 EINZEL 

erkennen; nichts komt in der dicbtung vor, das über sie selbst hin- 
auswiese; nach anläge und composition erscheint sie durchaus als ein 
ganzes. Der dichter erzählt von Alexanders ahnen , seiner erziehung, 
den taten seiner jugeud, seiner troubesteigung; es folgt der eroberungs- 
zug durch die weit, das hauptwerk ist der stürz des Perserreiches. 
Drei hauptscenen sind in diesem lezten akt zu unterscheiden: in der 
belagerung von Tyrus zeigt Alexander sich als städtebezwinger, dann 
besiegt er die Satrapen, zulezt nimt er räche an Darius, indem er 
ihm im kämpf auf der breiten aue zu Mesopotamien das haupt abschlägt. 
Die dramatische Steigerung in den drei scenen, die abrundung und 
planmässige anläge des ganzen ist nicht zu verkennen. Mit dem tode 
des Darius von Alexanders band hatte die dichtung ihr ziel erreicht, 
auf das sie lauge vorher hingewiesen hatte." Es wird auf V v. 501 und 
1520 — 29 hingedeutet und geschlossen: „Also die Überlieferung der 
besten handschrift, das Verhältnis der dichtung zu den quellen, die 
composition, alles weist übereinstimmend darauf hin, dass das gedieht 
des pfaffen Lamprecht nicht mehr von Alexander erzählte, als wir in 
der Yorauer handschrift linden." 

Die genauere Untersuchung und nähere ausführung des angereg- 
ten gedankens überliess der Urheber herru Alwin Schmidt, welcher sich 
der aufgäbe in seiner doctordissertation „Über das Alexanderlied des 
Alberic von Besannen und sein Verhältnis zur antiken Überlieferung" 
(Bonn 1886, 82 s. 8^) mit gründlichkeit und gewantheit entledigt hat. 
Den titel seiner arbeit, die sich natürlich fast ausschliesslich mit Lam- 
prechts Alexander beschäftigt, halten wir freilich nicht für geschickt 
gewählt und er wird der Verbreitung seiner recht lesenswerten schrift 
vielleicht hinderlich sein. Aber auch er beruht auf einer ausführung 
von Wilmanns an der citierten stelle, wo ihn ein genauer vergleich 
des erhaltenen bruchstücks von Alberichs dichtung mit Lamprechts 
Übertragung in der geringen Wertschätzung bestärkte , die er überhaupt 
von unsrer alten litteratur zu haben scheint. Sein resultat lautete: 
„Der pfaffe Lamprecht hat weder anspruch auf den namen eines dich- 
ters, noch eines versmachers; er erscheint als ein schlechter Übersetzer, 
ohne sinn für den geist der dichtung, ohne Verständnis für die compo- 
sition, ohne schärfe der auffassung, ohne herschaft über die spräche ... 
Was in seinem werke gut ist, verdankt er alles dem original." Danach 
war also Schmidt ohne weiteres berechtigt, für Lamprecht Alberich zu 
setzen, wenn er nämlich diesem schneidigen Verdammungsurteil folgte, 
das Wilmanns auf grund eines Vergleichs der 105 mangelhaft überlie- 
ferten Verse des französischen gedieh ts mit den ihm entsprechenden 
197 des deutschen geben zu müssen glaubte. ihr litteraturgeschich- 



QUELLK U. SCHLÜSS D. VOR. ALEX. 91 

ten von Gervinus bis Scherer! Jezt nehme man den blaustift und 
streiche durch, was sie von unsrer dichtung geschrieben, oder man 
beschränke es wenigstens auf den Überarbeiter, dem wir eine ganz 
selbständige, auf grund einer prosaischen lateinischen quelle gemachten 
Alexanderdichtiing verdanken sollen. Wiluiauns hätte also mit dem- 
selben kritischen federstrich eine dichtung aus der deutschen litteratur 
gestrichen und ihr eine neue originale geschenkt. 

A. Schmidt ist nun so verfahren, dass er für das gedieht zug 
um zug die quellen, soweit sie durch Ziugerles, Landgrafs und meine 
Publikationen zugänglich gemacht worden sind, festzustellen und zu- 
gleich die abweichungen , Umgestaltungen usw. darzulegen suchte. In 
diesem sorgfältigen vergleich, aus welchem, nach übersichtlicher Zu- 
sammenstellung der resultate im IL capitel, im III. der eigentümliche 
Charakter der dichtung sehr hübsch entwickelt wurde, beruht der 
hauptsächliche wert der schritt. Der IV, und Y. abschnitt behandeln 
dann die eine gesonderte betrachtuug erfordernden teile, die belagerung 
von Tyrus v. 702 — 1018 und Alexanders kämpfe v. 1209 bis zum 
schluss. Das lezte kapitel gibt endlich das resultat der quellenunter- 
suchung für das ganze gedieht und beschäftigt sich mit der komposition 
desselben und seinem schluss. Eine aufgäbe hat also der Verfasser 
gelöst, nämlich die frage, wie sind die quellen benuzt worden? „und 
ihre beantwortung zu erstreben durch gleichmässige , eingehende berück- 
sichtigung nicht allein der ähulichkeiten , sondern auch der gesamten 
Verschiedenheiten, mögen diese nun auf auslassuugen, auf Veränderun- 
gen der übernommenen züge oder auf Zusätzen beruhen. Denn nur 
durch befriedigende erklärung der Wandlung des stoflfes ist der geist 
zu belauschen , mit welchem die Verpflanzung und acclimatisierung des 
antiken gewächses auf mittelalterlichem boden durchgeführt wurde; nur 
durch diese methode tritt die geistige Individualität unsrer fassung der 
Alexandersage in allen zügen klar zu tage, und nur auf diesem wege 
kann man einer zuverlässigen ästhetischen Würdigung des gedichtes 
sichere bahn bereiten." 

Der wert der gewonnenen resultate, um das gleich hier voraus- 
zuschicken , und das mass ihrer Schätzung beruht freilich ausser der 
schon angegebenen (Alberich = Lamprecht) auch noch auf der Voraus- 
setzung, dass der französische dichter nicht schon aufgrund einer vor- 
handenen Zusammenstellung der meisten züge der Alexandersage gedich- 
tet habe. Die Historia ist quelle gewesen , aber nicht allein , sondern 
auch der Yalerius ist benuzt, ferner Curtius und andre bis jezt unentdeckte 
lateinische darstellungen , das war das resultat meiner quellenunter- 
suchung in der einleituug zu meiner ausgäbe von Lamprechts Alexander; 



92 KINZEL 

Über diese tatsaclie ist Sclimidt auch nicht hinausgekommen. Er hat 
noch einige wenige stellen mehr aus Valerius u. a. herbeigezogen, als 
unter meinem texte stehen, das ist dankenswert. Aber es wäre wün- 
schenswert gewesen , dass der Verfasser mir mehr gerecht geworden 
wäre. Jeder unbefangene leser, der meine ausgäbe nicht zur band liat, 
wird denken, Schmidt habe die nahe beziehung zum Valerius erst ent- 
deckt, während unter meinem texte dieser Schriftsteller schon bis zum 
ende des Vorauer Alexander etwa 30 mal citiert und in der einleitung 
seine benutzung ausser zweifei gestelt war. Ich will meinen Vorwurf 
aber auch positiv an einem beispiele erhärten. S. 12 anm. 1 wird eine 
Vermutung, welche ich Ztschr. f. d. phil. 10 (1878) s. 32 über Vor. 
405 — 6 geäussert hatte , widerlegt, indem darauf aufmerksam gemacht 
wird, dass die worte imYalerius stehen, während ich ausgäbe s. 421 zu 
V. 405 die Vermutung bereits aufgegeben und etwa dasselbe wie Schmidt 
gesagt hatte: „die unpassenden worte, von S beseitigt, standen im 
original wie B zeigt und stammen vielleicht aus Val. 1, 20 gaudeo 
quod in praesenti laetamini ... et una cum dictis adversum Philippum 
decumbit." 

Meine einteilung der Historia - texte hat der Verfasser angenom- 
men und widerholt darauf hingewiesen, dass der Alexander nähere 
beziehungen zur Historia III als zu I zeigt, eine bestätigung, dass ich 
berechtigt war, grade diesen sonst minder werten text bei der angäbe 
der quellen zu gründe zu legen. 

Wenden wir uns nun zu der ersten wichtigsten stütze der be- 
hauptung Wilmanns: die Historia ist im I. teil der dichtung, d. h. im 
Vorauer Alexander nicht quelle. In betracht kommen zunächst nur 
V. 1 — 702 und 1019 — 1208; denn in den übrigen partieu beruht die 
darstellung meist direkt oder indirekt auf Curtius und andren bisher 
nicht nachweisbaren quellen. Schmidt komt zu dem ergebnis : „es fält 
die tatsache in die äugen, dass Julius Valerius der dichtung am 
nächsten steht. Nicht allein hat er fünf scenen mit dem gedichte 
gemeinsam, welche in allen fassungen der Historia volständig fehlen, 
sondern auch in den meisten partien, in denen die Historia als quelle 
mit ihm concurriert, behält er die überhand. Dieses resultat verdient 
aber darum scharf hervorgehoben zu werden, weil es sowol die von 
Zacher (Psk. s. 109 — 110) entworfene skizze des Zusammenhanges zwi- 
schen den lateinischen werken und den abendländischen bearbeitungen 
der Alexandersage in ihrem fundament niclit unwesentlich verändert, 
als auch Kinzels unter dem einfluss jener ausführungen Zachers geführte 
quellonuntersuchung richtiger stelt. Die Historia, die Zacher und 
Kinzel, verführt durch die fortsetzung des alten liedes in der Strass- 



QUELLE V. SCHLUSS D. VOR. ALEX. 93 

burger handschrift als eigentliche quelle ansahen, komt erst, und 
zwar in weitem abstände, an zweiter stelle in betracht" 
usw. Diese beiden behauptungen können wir nicht als richtig anerken- 
nen. Wir weichen schon in der beurteilnng des einzelnen von Schmidt 
verschiedentlich ab , doch wollen wir zunächst davon absehen und sei- 
nen eigenen aufstellungen folgen. Jenen fünf stellen, welche aufVale- 
rius allein zurückgehen sollen, stehen ebenso viele gegenüber, welche 
sich nur aus der Historia erkLären. Wir eitleren Schmidts eigene ent- 
scheidungen : 

S. 6 V V. 103—114 „Quelle Bist. E. III." 
S. 8 V. 221 — 224 „Quelle Hist. II. III steht im ganzen Charak- 
ter der stelle etwas näher als Val. und Hist. I." 

S. 8 V. 237 — 348 „Quellen: in bezug auf die composition der 
scene stimt das gedieht nur mit Hist. II. III übereiu." 

S. 11 V. 349 — 386 „Die Hist. steht näher als Val. in folgenden 
punkten . ." 

S. 22 V. 1019 — 1030 „Quelle: Hist. und zwar zeigt Hist. II. III 
nächste verwantschaft." 

S. 25 V. 1167 — 70 „Quelle Hist. Val. hat nichts dem v. 1169 
entsprechendes." 

S. 26 V. 1175 — 1188 „Die Hist. steht näher." 
Wir geben ohne weiteres zu, dass durch des Verfassers Unter- 
suchungen der bedeutende einfluss, den Valerius auf die dichtung ge- 
habt hat, klarer ins licht getreten ist und dadurch zugleich die erkent- 
nis, dass der zweite teil (S), welcher sich viel ausschliesslicher der 
Historia anschliesst, den quellen anders gegenübersteht als der erste, 
aber zu einer so geringschätzigen beurteilnng der Hist. als quelle des 
ersten teils lag kein grund vor. Hätte Schmidt wahrscheinlich machen 
können , dass dem autor ein aus der Historia interpolierter Valerius zu 
gründe lag, so müsten wir die waffen strecken. Wo ist aber ein Zeug- 
nis dafür, dass der Valerius einer solchen erweiterung gewürdigt wor- 
den wäre , dessen Verbreitung überhaupt anscheinend gering war (Einl. 
zu meiner ausgäbe s. 46)? Von der Historia kennen wir dagegen ihre 
beliebtheit und die schier erstaunliche Verschiedenheit ihrer gestalt. 
Wir dürfen also vorläufig vermuten, dass Alberich einer Historia folgte, 
welche in ihrem ersten teile stark aus Valerius, Curtius usw. interpo- 
liert war. 

Von den einzelheiten will ich hier nur auf eine eingehen, um 
ZU zeigen, wie discutabel und im einzelnen zu berichtigen Schmidts 
ausführuugen zuweilen sind. Zu v. 237 — 348 möchte ich besonders 
betonen, was schon aus meiner Übersicht (pjinl. a. 22) hervorgieng, dass 



94 KINZEL 

die darstellung im verlauf der ereignisse der Historia III folgt, nicht 
dem Valerius: 

Lamp. und Hist. III. Valerius. 

Alexanders geburt. Alexanders geburt. 

Nectanebus tod. - Bucepbalus gebracht. 

Bucephalus gebracht. Nectanebus tod. 

Bucephalus gebändigt. Bucephalus gebändigt. 

Kenten wir nur die nicht -interpolierten texte der Historia, welche 
dem Pseudokallisthenes entsprechend dieselbe reiheufolge wie Valerius 
haben, so wäre auch hier unser urteil getrübt. So aber ist doch die 
stelle von der grösten bedeutung für die beurteilung der abhängigkeit : 
Im Psk. ist die Bucphalusgeschichte durch die eingeschobene erzählung 
von Nectanebus tod in zwei teile geschieden. Ebenso im Valerius und 
der Historia I. Die interpolierten texte der Historia haben beide teile 
vereinigt, und ihnen folgt Lamprecht. — Ferner die Vermutung, dass 
lewengeslehte v. 250 aus Val. 17 (rugitus leoninus) geholt ist, während 
die geschichte Val. 13 steht, ist wenig überzeugend; woher soll man 
sich dann die andern ebenso individuellen züge vom adler, leoparden 
u. a. holen? — Der böte v. 267 kann ebensogut aus der Historia (co- 
gnovit per divinationem) wie aus Valerius (Delphos misit) stammen. Zu 
der ausführung im deutschen gedieht passen diese worte überhaupt 
nicht , sondern vielmehr zu der Vorstellung der Historia , dass das ross 
nicht aus Philipps gestüt stamt (wie Schmidt irtümlich bemerkt), son- 
dern dahinein verpflanzt worden ist: princeps Cappadociae adduxit 
equum. Dieser muss denn auch wol derjenige sein, dem daz ros ivas 
chunt V. 238. 

Ebenso wie in diesem unterschäzt Schmidt den einfluss der Histo- 
ria auch im IV. capitel, welches der belagerung von Tyrus gewidmet 
ist, und wo dieselbe allerdings im algemeinen weniger in betracht 
komt. Verf. stelt den bericht des Curtius neben Lamprecht. Der 
unterschied zwischen seiner darstellung und meinen aumerkungeu in 
der ausgäbe besteht darin, dass ich dort auf beschränktem räume nicht 
den ganzen text des Curtius, sondern nur die hauptsächlichen charak- 
teristischen Züge geben konte, aus welchen die abhängigkeit folgte 
(vgl. meine einl. s. 48). Nachträglich macht Schmidt dann noch darauf 
aufmerksam (s. 57), dass eine stelle auch auf Hist. III zurückgehen 
müsse. Andre scheint er übersehen zu haben, die ich im folgenden 
aufführe : 

Die treue gegen Darius als motiv für den widerstand der Tyrier 
könte aus dem folgenden abschnitt der Historia aufgenommen sein , wo 



QUELLE U. SCHLUSS D. VOR. ALEX. 95 

der pontifex Judeoruui Jadelus sich weigert, dem Alexander hilfe zu 
schicken, weil er durch eide dem Darius verpHichtet sei (Ztschr. f. d. 
phil. 17, 102). Die erzählung zeigt sonst noch in folgenden stellen 
auffallende Übereinstimmung mit der Historia : v. 823 — 38 ist von 
einem kastell die rede; ebenso Historia: invenit edificium, quod in 
mari construxerat funditus dissipatum. Curtius erzählt nur von dämm 
und türmen. — Ferner Alexander autem cogitavit, quibus modis pos- 
set civitatem expugnare (vgl. v. 853 fg.). Construxit itaque in mari 
ingens edificium classicum (v. 859 zusammengebundene schiffe auf denen 
perfride standen; von lezteren nichts bei Curtius). Erat siquidem 
taute celsitudinis , quod muris et turribus Tyriorum Alexander emine- 
bat (v. 875 die wären höher danne die turni. Bei Curtius nichts). 
Alexander autem solus illud edificium ascendit armis fulcitus (v. 887 
A. steich üf daz ohrist gewer. Auch bei Curtius). Precepit, ut totus 
exercitus se prepararet ad pugnam (v. 888 mit gehöt den stürm über 
al daz here. Curtius nichts) . . . Alexander autem prosilivit in tur- 
rim, ubi stabat ßalaam et facto impetu ipsum occidit, faciens ipsum 
cadere in profundum (v. 905 dö tet der chmiich ainen sprunc. 899 
dö sach er den hersogen stän. 903 er scöz in mit tem gere durch 
unde falt in tot in die hiirch usw. Curtius nichts.) 

Wir haben hier ein analoges Verhältnis wie oben. Auch hier 
beruht unser vergleich allein auf der Hist. 111, bis jezt repräsentiert 
durch Str. Be. (vgl. diese ztschr. 17, 101 fg., wo ich die entwicklung 
der texte für die Tyrus - geschichte dargelegt habe). Ohne die kentnis 
dieses textes wären wir auf Curtius allein angewiesen. Derselbe kann 
aber nicht allein quelle sein, da andere wichtige züge, welche Curtius 
überliefert, ihm fehlen. Was liegt also näher, als anzunehmen, dass 
auch für diesen teil Alberich einen erweiterten text der Historia benuzt 
habe , welcher bis jezt noch nicht wider aufgefunden ist. 

Nachdem Schmidt noch einmal zusammenfassend das geschickte 
verfahren des dichters charakterisiert hat, der sagenhafte und histo- 
rische züge an den verschiedeneu stellen passend zu verarbeiten ver- 
stand, richtet er seinen blick auf den schluss des Vorauer Alexander 
und sucht aus inneren gründen zu erweisen, dass er dem werke 
ursprünglich gehört, ganz wie wir oben von Wilmanns gehört haben. 
Er zeigt , dass der kurze markige abschluss , der uns , die wir vielleicht 
durch die langatmige mehr historisch gehaltene darstelluug des Strass- 
burger Alexander verblendet waren, bisher als eine Verstümmelung 
erschien, seine innere berechtigung hat, dass er aufs beste vorbereitet 
war, ja dass er wol in der stelle I. Machab. ^ 1, 1 seine äussere stütze 

1) „Im ersten buch des Machabaeiis" .sagt Schmidt! 



96 KINZBL 

haben kaim, wo es heisst: postquam percussit Alexander Philipp! 
Macedo Darium regem Persarum et Medoruni. Alles dies zugegeben, 
folgt noch nicht mit notwendigkeit, dass er auch ursprünglich so gewe- 
sen sein muss. Zunächst ist es auffällig, dass ein dichter, der grade 
in der /weiten hälfte seines gedichts (V), den lezten 700 verseu, die 
sagenhafte quelle (Valerius) verlassen, um sich der geschichtlichen 
Überlieferung (Curtius usw.) mehr zuzuwenden, und zwar einer Über- 
lieferung, welche aus den verhältnismässig besten quellen combiniert 
gewesen sein muss, diese ganz plötzlich in den lezten 10 vcrsen ver- 
lässt, um in misverständlicher auffassuug einer bibelstelle, von der er 
doch wissen muste , dass sie aller historischen Überlieferung ins gesiebt 
schlug , den Darius von Alexanders band sterben zu lassen. Nun komt 
ein späterer fortsetzer und dichtet, unzufrieden mit dieser unvolstän- 
digen geschichte, 1200 verse hinzu, dann aber nimt er zerstreute verse 
aus dem ursprünglichen gedieht in sein werk auf (vgl. meine ausgäbe 
s. 171), ohne dass man dies im geringsten merkt? Endlich aber, und 
das ist mir bis jezt das entscheidendste, haben wir es denn mit einem 
Darius- oder Alexander -gedieht zu tun? Ist denn wirklich dieser 
abschluss irgendwie befriedigend , sei es nach moderner oder gar nach 
mittelalterlicher auffassung? „Alexander schlug seinem gegner das 
haupt ab; da war die schlacht zu ende. So erzählt uns Alberich 
und der gute pfaffe Lamprecht ; es ist alles wahr und beiden schien 
es hiermit genug. Nun ist zeit damit aufzuhören." So lauten die lez- 
ten werte des gedichts. Also bei „ende" soll Alberichs dichtung geschlos- 
sen haben, und das ende der schlacht soll auch das ende des Alexan- 
der gewesen sein! Auf diese fragen ist uns Schmidt die antwort schul- 
dig geblieben; ebenso wenig hat er uns gesagt, wie er sich mit den 
späteren französischen Alexander -dichtem und ihrer Überlieferung aus- 
einanderzusetzen denkt. ^ 

So lauge die kritik Lamprechts allein auf V und S fusste , hät- 
ten solche Vermutungen, dass S im zweiten teile des gedichts nicht 
bloss Überarbeiter des alten werkes war, leichter boden fassen könuen, 
als jezt, wo wir einblick in die Basler handschrift haben und eine reihe 
von Untersuchungen darüber veröffentlicht worden sind. Wilmanus geht 
a. a. 0. leicht darüber hinweg mit den werten : „die frage . in welchem 
Verhältnis die Baseler bearbeitung zur Strassburger und Vorauer ste- 
hen, erledigt sich hiernach von selbst. Das alte Alexanderlied wurde 
nach andern quellen, namentlich der Historia fertgesezt; in der Strass- 
burger und Baseler handschrift liegen uns bearbeitungen dieses erwei- 
terten Werkes vor, sie stehen also, wie Kinzel gegen Werner angeuom- 

1) V<jl. hiorührT mcino (:rörtcriiiiK' in Ztsflir. f. '1. :i. 31 lioft 3. 



QUELLE U. SCHLUSS D. VOR. ALEX. 97 

men und dargelegt hat, unter sich in näherem Verhältnis als zum 
Vorauer Alexander." So einfach aber liegt die sache denn doch nicht. 
Ein vergleich von BS lehrt z. b. S 2800, 2857—75, 2933 fg., 2970 
— 72 und an vielen andern stellen (vgl. diese ztschr. 10, 69 fg.), dass 
das verfahren des umdichters im zweiten teile dasselbe war, wie im 
ersten , dass er eine kürzere vorläge , deren spuren in B oft deutlich 
zu erkennen sind, erweiternd modernisierte. Soll Wilmanns hypothese 
bestehen , so bedarf es folgender annähme : das alte gedieht Lamprechts 
fand einen fortsetzer, der in gleich altertümlicher kürze arbeitete und 
beide teile zu einem ganzen verband. Eine Überarbeitung dieses gan- 
zen fand erneute Umgestaltung in B und S resp. ihren vorlagen. Was 
noch zu beweisen bleibt. 

Endlich noch ein lezter eiuwurf : Es wird wol nicht angefochten, 
dass die verse V1497 fg. mit S 3248 fg. (meine ausgäbe s. 171) identisch 
sind. Sie stehen in S in gutem Zusammenhang, während in V min- 
destens ihre gedrängte aneinanderreihung auffält, und sie lehnen 
sich in S direkt an eine stelle der Historia an, worauf Wer- 
ner (Abh. über die Basler bearbeitung s. 46) zuerst aufmerksam machte. 
So lange hierfür keine ausreichende erklärung gefunden ist, sind wir 
genötigt bei der annähme zubleiben, dass derjenige, welcher den kur- 
zen schluss im Vorauer Alexander hinzufügte , eine umfangreichere dich- 
tung vor sich hatte, aus welcher er denselben zusammenstoppelte. 

FRIEDENAU, WEIHN. 1886. KARL KINZEL. 



ZUR LITTERATUR DES LATEINISCHEN SCHAUSPIELS 
DES 16. JAHRHUNDERTS. 

Mit recht ist von berufener seite bemerkt worden, dass aucli 
die lateinischen Schauspiele des 15. und 16. Jahrhunderts einen inte- 
grierenden bestandteil der deutschen litteratur bilden, insofern die 
lateinische poesie jener zeit auf die entwicklung der deutschen dicht- 
kunst, insbesondere des deutschen dramas, nicht ohne einfluss geblieben 
ist. Denn wie die lateinischen dramatiker sich an dem muster des 
Plautus und Terenz bildeten, so lernten die deutschen schauspieldich- 
ter — und deren brachte das reformationszeitalter eine beträch tliclie 
menge hervor — von den durch die humanistischen bestrebungen des 
ausgehenden 15. und der ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts geför- 
derten lateinischen dramatikern. Gilt doch Reuchlin wegen seiner bei- 
den lateinischen komödien, vornemlich wegen seiner Scenica progym- 
nasraata, die 1497 vor dem Wormser bischof .Toh;iiiu von Dalberg zu 

ZEITSCHRIFT F. DEUTgCHF. PHILOLOGIK. BD. XX. 7 



98 HOLRTRIN 

Heidelberg von jungen studierenden aufgeführt wurden , sogar als der 
geistige scböpfer des deutschen dranias, und man braucht es nicht zu 
beklagen , dass der kampfesmutige Naogeorg und der heisssporn Friscli- 
lin ilirc dranion in lateinischer spräche verfasst haben. 

Der erste, der dem neuern lateinischen Schauspiele die verdiente 
aufmerksamkeit zugewendet hat, ist Karl Goedeke, der bewährte for- 
scher auf dem gebiete der deutschen litteraturgescbichte. In seinem 
grundriss räumte er diesem bis dahin völlig vernachlässigten zweige 
der litteratur die gebührende Stellung ein, indem er von der ansieht 
ausgieng , dass die ausschliessung der lateinischen dichter die geschichte 
des deutschen Schauspiels lückenhaft machen würde. In der ersten 
ausgäbe des grundrisses brachte er ein Verzeichnis lateinischer drama- 
tiker, das die statliche zahl von 82 aufwies. In der zweiten ganz neu 
bearbeiteten aufläge hat Goedeke mit recht die der zeit des humanis- 
mus angehörenden dramatiker ausgeschieden und dem ersten teile sei- 
nes verdienstvollen Werkes einverleibt. Es gehören dazu Wimpfeling, 
Reuchlin, Locher, Celtes, v. Kitzscher, Chilianus, Phil^-mnus, Zamber- 
tus, (Aretinus) und Hegendorfinus , dessen name nach den neuesten 
forschungen von 0. Günther (Plautuserneuerungen in der deutschen 
Litteratur des 15., 16. und 17. Jahrhunderts, Leipzig 1886) Hegen- 
dorfer lautet. Bringt man diese 10 in abzug, so bleiben immer noch 
72 , doch hat Goedeke den 72 bleibenden in der neuen aufläge noch 28 
hinzugefügt, so dass wir jezt ein Verzeichnis von 100 lateinischen dra- 
matikern besitzen. Dasselbe zeichnet sich widerum durch sorgfältige 
angäbe der dramen, der Standorte der exemplare, sowie der litterari- 
schen quellen und hilfsmittel aus, und wenn sich hinsichtlich der 
Standorte die nachweise auf Göttingen , Wolfenbüttel und Hannover 
beschränken , so ist doch die Zusammenstellung grundlegend für wei- 
tere forschungen. 

Vorangestelt sind zwei Sammelwerke, von denen das erstere, 
die Brylingersche samlung (Basil. 1541) im ganzen 10 Schauspiele ent- 
liält. Das zweite Sammelwerk führt Goedeke nur dem aus Ebert ent- 
nommenen titel nach an und bemerkt dazu, dass er es vergebens 
gesucht habe. Ich habe auf der königlichen bibliothek zu Berlin ein 
exemplar dieser Oporinschen samlung unter X f 124 gefunden und halte 
es bei der Wichtigkeit desselben für die geschichte des lateinischen 
Schauspiels für erforderlich die einzelnen stücke anzuführen, zumal da 
sich darunter einige befinden , die bis jezt entAveder nur dem titel nach 
bokant waren oder überhaupt noch nicht bekant sind. ^ Der volständige 

1) Eolte , Märkisclic Forscliuiif^eu 18 , 205 nent ausserdem noch exemplare 
auf der universitiitsbibliotlick zu München und zu Praff. 



LAT. DRAMEN DES IC. JH. 99 

titel lautet: DRAMA- 1 TA SACRA, ] COMOEDIAE ATQVE TRA] 
goediae aliquot e Veteri Testamento desumptae, | quibus praecipuae 
ipsius historiae ita eleganter in | scenam producuntur , ut uix quicquam 
in hoc ar- | gumcnti genero, iuuentuti Christiauae proponi u- | tilius 
possit: magna parte nunc pri | müm in luceni editae. | Earum uerö 
Cataloguni sta [ tim a Praefatione in- | uenies. | BASILEAE. Am ende: 
BASILEAE EX OFFI- | cina loannis Oporini, Anno Salutis partae | 
M. D. XLVII. Mense | Martio. Tom. I 1 bog. und 561 s., tom. II mit 
dem Sondertitel: Dramatum Sa | crorum, ex ue | teri testamento | 
desumptoru to | mus secun [ dus 543 s. 8. 

Der Herausgeber der samlung, der gelehrte buchdrucker Johan- 
nes Oporinus in Basel, widmete die ausgäbe den brüdern Antonius 
und Bartholomaeus Sailer, den jungen söhnen eines Hieron3'mus Sailer. 
In der in korrektem latein abgefassten epistola nuncupatoria (Basilee 
Calendis lanuarijs. Anno Doiuini 1547) ermahnt er sie zum fleissigen 
Studium der Wissenschaften , denn auf diesem berulie das heil der kirche 
und des Staates. „Ego quoque", so schliesst die vorrede, „ut studia 
uestra promouerem , uosque ad amorem pietatis excitarem , istos libellos 
Dramatum sacrorum nomini uestro inscribere uolui: quos propter argu- 
menti uarietatem, cum utilitate iion uulgari cöiunctam, arbitror uobis 
fore gratissimos. Cum autem legetis argumenta sacra, latina oratione 
in scenam producta, uidebitisque non pauca ex illis esse partim a. stu- 
diosis adolescentib. uestrae ciuitatis, partim eruditis uiris, ciuibusque 
quoque uestris composita: cogitate in animis uestris, uobis esse a me 
propositum exemplum, atque etiara calcar additum, ut uos quoque 
simili studio iucensi , & honestissimo gloriae stimulo concitati , uel haec 
ipsa, uel ornatiora pr^stare aliquando conteudatis. Valete." 

Die familie Sailer, der Oporin ein grosses lob spendet, weil die 
eitern der erziehung ihrer beiden söhne die gröste Sorgfalt widmen, 
gehörte Augsburg an; Hieronymus Sailer nahm wol eine bevorz.ugte 
Stellung in der Stadtverwaltung in Augsburg ein ; * und wenn Oporin 
sagt, dass einige der abgedruckten dramen teils von Jünglingen, teils 

1) Nach Dan. Prascli Epitaplüa Augustana (Aug. 1G'J4) s. 280 starb der 
ehren vcste horr Hieronymus Sailer am 15. juni 1559 im 65. lebcnsjahre. Das Epi- 
taphium in St. Annen zu Augsburg wird s. 131 gegeben : 

Qui varios hominum mores terraque marique 

Expertus subiit raulta pericla diu, 
Sailerus studio flagrans Hieronymus aequi, 

Sincera coluit qui pietate deum, 
Conditus hoc dormit tuniulo placitleque qiiiescit, 
Dum redeat summa Christus ab arco patris. 

7" 



100 HOLSTEIN 

von jT^elehrten mäniicni ihrer stadt verfasst seien , so passt dies am 
besten auf Augsburg: es werden 7 in Augsburg entstandene dramen 
genant. 

Auf die vorrede folgt die aufzäblung der sämtlichen 16 dramen, 
von denen der erste teil 9, der zweite 7 enthält. Die reihenfolgo der- 
selben ist durch die chronologische anordnung der biblischen stoffe 
geboten ; die ersten 9 sind den historischen , 1 den didaktischen , 6 den 
apokryphischen büchern des alten testaments entlehnt. Die meisten, 
nämlich 5, hat Hieronymus Ziegler, 4 hat Xystus Betulejus (Sixt 
Birck), je 1 haben Crocus, Diether, Entomius, Lorichius, Naogeorg, 
Ostennincher und Zovitius geliefert. Drei dramen des Hieron. Ziegler 
scheinen von Oporiu zum erstenmale gedruckt zu sein; für Sixt Bircks 
dramatische tätigkeit bietet die samlung sehr wichtige aufschlüsse. 

Wir geben zunächst die titel der dramen nach der vorgeschrie- 
benen reihenfolge. 

1. Protoplast US sive de creatione hominis, drama comicotragi- 
cum, ex Geneseos cap. 1. Hieronymo Zieglero autore. I, 1 — 66. 

2. Eva. Mythologia Philippi Melanthonis redacta in Actionem 
ludicram , per Xystum Betuleium Augustanum. I, 67 — 92. 

3. Isaaci immolatio, comoedia ex Geneseos cap. 22. Hie- 
ronymo Zieglero autore. I, 93 — 156. 

4. Joseph, comoedia ex Geneseos cap. 39 et sequentibus, Com. 
Croco Amsterodamo autore. I, 157 — 202, 

5. Joseph, comoedia eiusdem cum praecedente argumcnti, 
Andrea Diethero Augustano autore. I, 202 — 309. 

6. Nomothesia, drama tragicocomicum, argumento ex secundo 
libro Moisis qui Exodus inscribitur desumpto, authore Hieronymo 
Zieglero ßotenburgensi. I, 310 — 394. (Widmung in form eines 
akrostichons an Georg Fugger, herrn in Kirchberg und Weissenhorn, 
der ein hexastichon des Leonhard Gebhard burggraf zu Augsburg folgt.) 

7. Samson, tragoedia nova, ex libro Judicum desumpta, ad 
exemplum quomodo speranda sit divina ultio et vietoria contra Turcas 
christianitatis hostes immanissimos, authore Hieronymo Zieglero 
Kotenburgense. I, 394 — 451. (Widmung in jambischem gedieht an 
Johann Jacob freiherrn von Mersperg und Beffort.) 

8. Ruth, comedia Jacobe Zovitio Driescharo autore. I, 452 
— 512. 

9. Hell sive Paedonothia» tragoedia ex primo Samuelis de- 
sumpta, Hieronymo Zieglero autore. I, 513 — 561. 

10. Sapientia Solomonis, drama comicotragicum, Xysto 
Botulcio Augustano autore. II, 3 — 50. 



LAT. DRAMEN DES IG. JH. 101 

11. Jobus, Patieiitiae spectaculum , in comoediiiiii rcdactus, 
Joanne Lorichio Hadamario autore. II, 50 — 107, 

12. Hamanns, tragoedia ex libro Hester, Thoma Naogeorgo 
autore. II, 107 — 202. 

13. Judith, drama comicotragicum , exemplum reipublicae recte 
institutae, Xysto Betuleio Augustauo autore. 11, 203 — 331. (Mit 
lateinischem widmungsgedicht an Johann Jacob und Georg Fugger, her- 
ren zu Kirchberg und Weissenhorn.) 

14. Susanna, drama comicotragicum, a Xysto Betuleio 
autore, recognitum et auctum. II, 332 — 407. 

15. Beel, tragoedia ex germanico Xysti Betuleii latine reddita 
per Martinum Ostermincherum Vindelicium. II, 408 — 495. 

16. Zorobabel, drama sacrum comicum, ex Esdrae libro. In 
quo typus est regni feliciter constituti : unde mouarchae discant , virtu- 
tibus et prudentiae praemia esse constituenda. Primum vernaculo 
rhythmo olim Basileae a Xysto Betuleio scriptum, nunc per Joan- 
nem Entomium Augustanum latinis uumeris redditum. II, 496 — 542. 

Unter den 5 Schauspielen des Hieronymus Ziegler (nr. 1, 3, 6, 
7, 9) waren bis jezt drei nur dem titel nach bekant : Protoplastus 
(nr. 1), Nomothesia (nr, 6) und Samsou (nr. 7). Vgl. Goedeke II, 137 
nr. 21 (k, 1, m), wo dieselben nach Yeith bibl. August. 7, 253 fg. 
ohne nähere bezeichnuug genant werden. Ferner erfahren wir aus nr. 9, 
dass die Paedonothia die geschichte des hohenpriesters Eli und seiner 
söhne Hophni und Piuehas behandelt. Ziegler war übrigens auch in 
Augsburg eine Zeitlang im schulamte, und es ist daher wahrscheinlich, 
dass ihn Oporinus in seiner vorrede neben Birck und Diether zu den 
Augsburgern rechnet, welche zu den Verfassern der von ihm in die 
samlung aufgenommenen Schauspiele gehören.^ 

Yon Sixt Birck sind nr. 2, 10, 13 und 14. Am bekantesten 
und gerühmtesten ist seine Susanna (nr. 14), die oft gedruckt, von 
Poter Jensen Hegelund sogar ins dänische übersezt worden ist (Kopenli. 
1578) und sich auch in der Brylingerschen samlung befindet. Judith 
(nr. 13) wird von Goedeke s. 134 nr. 8 h mit volständigera titel auf- 
geführt, aber ohne nachweis eines Standortes (exemplar in Würzburg, 
Colon. 1544). Susanna und Judith waren vorher in deutschen reimen 

1) In Berlin befinden sich von Ziegler noch Cyrus Maior (mit der dodica- 
tion von 1547) und Regales nuptiae (Angustae 1553). Ferner Christi vinea, 
drama sacrum ex Matthaei cap. XX arguraento sumpto. Eiusdem Ophiletcs, 
drama aliud comicotragicum. Basileae. Am schluss: Ex officina Joauuls Oporini. 
1551. (Die beiden leztorcn auch in Gotha.) 



102 HOLSTEIN 

eiödiicueii , die erstere 1532, die andere 1539 (Goedeke s. 345 nr. 54, 
1 und 7). 

Dem kleiuen drama Eva, das Birck seiner gattin Barbara wid- 
mete, liegt die von Melanchthon in einem briefe an den grafen 
Johann IV von Wied vom 23. märz 1539 mitgeteilte legende von den 
ungleichen kindern der Eva zugrunde. Die abfassung fält, da der 
briet' noch in demselben jähre zu Frankfurt a. M. weiteren kreisen durch 
den druck bekant gegeben wurde, frühstens in die zweite hälfte des 
Jahres 1539. Die betreffende stelle jenes briefes, der sich auch im 
Corp. Ref. 3, 663 befindet, hat Birck seinem drama vorangestelt mit 
der Überschrift: Ex epistola Philippi Melanthonis ad generosum Comi- 
tem de Yueda. Dann folgt ein griechisches gedieht eines Jacob Grell. 
Bircks Eva war bis jezt nur dem titel nach bekant (s. Goedeke s. 134, 
nr. 8 c) ; niemand wüste was er mit dem auf den titel befindlichen Avor- 
ten Mythologia Phil. Melanthonis anzufangen habe; Scherer sagt in der 
Allg. deutschen Biographie II, 656: „Eva (nach Melanchthon) scheint 
ein lat. Originaldrama zu sein." Wir wissen nun, nachdem sich in 
dem Oporinschen Sammelwerke ein druck gefunden hat, dass Bircks 
Eva mit seiner von dem meister der deutschen sagenforschung Jacob 
Grimm zu einem sinnigen deutschen märchen umgestalteten lieblichen 
fabel sich in die drameu von den ungleichen kindern der Eva, worüber 
Schnorr v. Carolsfeld im Archiv für Litteraturgescbichte XII, 177 fgg. 
eingehend berichtet hat, einreiht. Auch Birck nimt mehr kinder an, 
als aus der Bibel bekant sind ; er führt zwar nur Abel , Seth und Cain 
redend ein, aber da Noaba (dienerin?) von Eva den auftrag erhält, 
auch die übrigen (ungeratenen) kinder hereinzuführen , unter denen nur 
Cain das wort nimt, und da nach Abels Avolbestandener prüfung die 
übrigen (gutgearteten) kinder das nämliche sagen was Abel gesagt hat, 
so dürfen wir annehmen, dass auch Birck zwischen mehreren gehor- 
samen und ungehorsamen kindern der Eva scheidet. Übrigens ist die 
quelle, aus der Melanchthon schöpfte, noch nicht aufgefunden. Er 
sagt: „facere non potui, quin adicerem narratiunculam , quae in quo- 
dam poemate exstat, non illam quidem historicam, sed venustam et 
erudite confictam admouendae adolescentiao causa." 

Die Sapientia Salomonis^ (nr. 10), einem jungen Ludwig 
Hofer, dessen urgrossvater und grossvatcr mit rühm an der spitze der 
städtischen Verwaltung zu Augsburg gestanden hatten , mit einem jam- 
bischen gedieht gewidmet, ist ein förstenspiegel, nani nil salubrius | 

] ) Im griechischen urtext des neuen testaments ist bekantlich das hebräische 
Schcloniob (= Friedrich) durch Solomon widergcgehcu. Die form Salomon ist die 
deutsche durch Luthers bibclübersctzuug uiassgcbeud gewordene. 



LAT. DRAMEN DES IG. JU. 103 

mortalium rebus, quam si princeps siet | ornatus aequitate, cum pru- 
dentia. Den mittelpunkt bildet der Urteilsspruch Salomos, das zeuguis 
seiner richterlichen Weisheit. Die beiden streitenden frauen, die die 
entscheidung des königs anrufen, heissen Tecnophile mid Tecnophone. 
Angeschlossen werden die absendung einer gesautschaft des syrischen 
königs Hieram und der besuch der königin von Saba. Jeder der fünf 
in scenen geteilten acte endet mit einem meist nach Horazischera muster 
gebildeten chorliede. Für jede scene ist eine kurze iuhaltsangabe vor- 
handen. Am ende erscheint auch der narr Marcolphus. Bircks drama 
darf zu den besten lateinischen schuldramen jener zeit gerechnet wor- 
den. Es wurde, wie Scherer sagt, 1591 von Hermann Kirchner aus 
Frischlins Eebecca interpoliert. Die Kirchnersche arbeit fülirt auch 
Goedeke an.^ 

Durch die beiden lezten stücke der Oporinschen samlung (nr. 15 
und 16), die bisher noch nicht bekant waren, gewinnen wir für die 
litteraturgeschichte zwei neue dramatiker: Martin Ostermincher 
und Johannes Entomius, beide aus Augsburg, ehemalige schüler 
Bircks und durch ihren rektor zu dramatischen versuchen angeregt, 
indem der erstere Bircks ßeel, der andere dessen Zorobabel in ein 
lateinisches gewand kleidete. Beiden dramen gehen heroische gedichte 
des Matthäus Philargyrus voraus ; in dem ersteren wird der lateinische 
Übersetzer Martin Osterminich genant. Zugleich schickt der Verfasser 
einen brief (Thubingae ad quiutum idus Octobris 1545) au den jungen 
Georg Herwartt aus Augsburg voraus, den sein vater, „clarissimus uir 
et Augustanae ciuitatis columen maximuni", nach Tübingen gesaut 
hatte , damit er hier rechtswissenschaft und humaniora bei dem profes- 
sor Melchior Yolmar studiere.''^ Ostermincher bekent ausdrücklich, dass 
er durch seinen frühereu lehrer Birck zu seiner arbeit veranlasst wor- 
den sei, und fügt hinzu, dass er seine arbeit als einen beweis seiner 

1) Bei dieser gelegenheit führe ich aus Dan. Prasch Epitaphia Aug. s. 124 
Bircks Epitaphium in St. Annen zu Augsburg an, das ihrem lehrer zwei Iriidcr 
Johannes Baptista imd Paulus Haiutzel sezteu. 

Christo sacrum. 
Qui locus insigni vidit cum laude docentem 

Betulium Xystum nunc tegit ossa viri. 
Ingenium mores doctrinam scripta per orbcni 

Cognita testantur Spiritus astra tenet 
Illc quidcm luctum patriae doctisquo bonisquc 

Liquit at haud similem liquit in urbe sui. 
Vixit aunos LIII mens. III d. XVI 

Obiit XllI Cal. Jul. an. MDLIV. 

2) Die Herwartsche familie gehörte zu den patriciergoschlechtcrn Augsburgs. 



104 HOLSTEIN 

daukbtukeit gegen den vatcr des adressaten angesehen wissen wolle. 
Das drania ist in fünf acte zerlegt, zweimal erscheint innerhalb der 
scene ein chor der priester. Das stück erlebte noch 1615 eine auffüh- 
rimg am gymnasium zu Ulm; in demselben jähre Hess Joh. Konrad 
Merck, lehrer am dortigen gymnasium, eine deutsche Übertragung der 
lateinischen Übersetzung Osterminchers erscheinen (s. Goedeke 11, 389 
ur. 300. Exemplar in Berlin Yq 3066). Irtümlich nent Öcherer den 
lateinischen Übersetzer Ostermeier. Von Johannes Entomius (Kerber?) 
erfahren wir nichts weiter. Das stück spielt am ende der babyloni- 
schen gefangenschaft. Der könig Darius hält zur feier seines geburts- 
tages ein grosses hoffest; drei trabanten veranstalten einen Wettstreit: 
von ihneu lobt Oenokrates den wein, Colax die macht des königs, Zo- 
robabel (Serubbabel), ein frommer Jude, singt das lob der frauen und 
dann das der Wahrheit. Bei der eutscheidung über den sieg stimmen 
alle für Zorobabel ; er erbittet sich als preis die erlaubnis zur rückkehr 
seines gefangenen Volkes nach Palästina und zur widerherstellung des 
jüdischen tempels. Der könig erteilt die erlaubnis und lässt durch den 
herold das edikt verkünden, wie es Esra 1 überliefert ist. Die chöre 
der fünf akte enthalten teils ein lob der Wahrheit , teils sind es metri- 
sche Übersetzungen von psalmen (15, 47, 133 und 138J. Aus dem titel 
erfahren wir, dass Birck das deutsche drama bereits in Basel verfasst 
hat. Vermutlich hat Birck auch den druck der beiden erstlingsarbei- 
ten seiner früheren schüler für die Oporinsche dramensamlung ver- 
anlasst, da er von seinem Basler aufenthalte her der buchdruckerei 
wol bekant war. 

Bei dieser gelegenheit bemerke ich , dass Bircks deutsches drama 
Ezechias, das Goedeke s. 345, 6 nur nach Gervinus 3^, 123 citiert — 
merkwürdigerweise das einzige Bircksche stück, das Gervinus kante — , 
nach dem Berliner exemplare (Yp 8141) folgenden titel hat: 

Ezechias. Ain nutzliche kurtze Tragedi. Wie man sich in Kriegs- 
nöten gegen Gott halten soll. Durch Xystum Betuleium Augusta- 
num. Anno M. D. XXXVIII. Am ende : Getruckt zu Augspurg, 
durch Philipp Vlhart, in Sant Katherinengassen. 19 bedr. bl. 8. 
Am Schlüsse seien nochmals die lateinischen Schauspiele Bircks 
genant, a) Susanna, b)Eva, c) Sapientia Solomonis, d) Judith. Sämt- 
liche vier finden sich in Oporins samlung. Das nach Bougarsus in latei- 
nischer prusa bearbeitete spiel de vera nobilitate ist noch nicht nach- 
gewiesen ; ebensowenig Herodes sive innocentes. Die von Goedeke 
s. 134, f und g aufgeführten fallen nunmehr als Übersetzungen anderer 
aus. Das Verzeichnis der deutschen Schauspiele (Goed. s. 345 nr. 54) 
bedarf nur bei 4, 5 und 6 der betreffenden zusätze bezw. erweiterun- 



LÄT. DKAMEN DES 16. JII. 105 

gen. Dass das von Scherer genante stock Joseph (1539) in Goedekes 
Verzeichnis fehlt, beruht sicherlich nicht auf einem irtum; ein Birck- 
sches deutsches spiel dieses namens ist auch mir bis jezt noch nicht 
begegnet. 

Die übrigen in Oporins samlung aufgenommenen lat. Schauspiele 
von Crocus (nr. 4), Diether (nr. 5), Zovitius (nr. 8), Lorichius (nr. 11) 
und Naogeorg (nr. 12) sind bekant. Dass man den wert des Crocus- 
schen Josephus schon damals erkante, geht daraus hervor, dass der- 
selbe auch in Brylingers samlung aufnähme gefunden hat. 



Der besprechung der Oporinschen dramensamlung mögen noch 
einige nachtrage zu Goedekes Verzeichnis (§ 115) folgen, in denen vor- 
zugsweise einige ausgaben mit ihren Standorten nachgewiesen werden. 

1. Gregorius Corrarus. Progne tragoedia 1558 auch in 
Berlin. 

2. Joannes Harmonius. Stephanium. Erste ausgäbe, o. j. 
(Berlin Xf 1324.) 

23. Jacobus Schoepper. c) Monom. Davidis et Goliae. Col. 
1562. 8. (Meiningen. Wolfenb.); d) Abrahamus tentatus. Col. 1562 
(München), Col. 1564 (Prag); e) Euphemus und f) Ovis perdita (Gotha). 

29. Rodolphus Gualtherus. Nabal, Argent. 1562 (Berlin 
Xf 2536. Gotha). 

38. Henricus Knaustius. c) Agapetus Paedagogiae com- 
mendatus at corruptus Comoedia de recta institutione et e contra cor- 
riiptela iuventutis. Col. 1600 (Berlin Xf 2688); d) Comoedia latina de 
sacriticio Abrahae, in quo volebat filium immolare, citiert von Schrö- 
der, Lexikon der Hamburgischen Schriftsteller 4, 87. 

39. Jacobus Micyllus. Apelles Aegyptius, wol von 1563, 
Goed. s. 363, 164. 

40. Georgius Buchanan. a) Jepbthes. 4 ausgaben in Ber- 
lin. — Jepte, Tragedie traduite du latin de George Buchanan Escos- 
sois. Par Florent Chrestien, s. 1. 1581. (Berlin Ic 3958); b) Bap- 
tistes. Genev. 1593. (Berlin Xc 13, 824), Witeb. 1604 (Berlin Xd 
11, 928 a). 

42. Nicodemus Frischlinus, i) Phasma. Nicod. Frischlin, 
die Religionsschwärmer oder Mucker. Ein fastnachtsspiel aus dem lat. 
übersezt von Im. Hoch. Stuttg. 1854. (Berlin X f 2954.) 

43. Michael Hiltprandus Silesius Grotgauiensis. Ecclesia 
militans. Dilingae 1573. (Berlin X f 2824. Würzburg.) 



lOG HOLSTEIN 

45. Martiuus lialticus. 1) Adelphopolae. Seine eigene Ver- 
deutschung Ulm 1579 (Berlin Yp 576); 2) Daniel, Aug. Vind. 1558 
(Berlin X f 2096). 

50. Johannes Paulus Crusius. 1) Croesus IGll, deutsch 
von Fröreisen (Göttingen Dr. 5281). 

51. Balthasar Crusius. a) Tobias (Gotha); b) Exodus, Lips. 
1605 (Berlin X f 71 nr. 5) ; c) Paulus naufragus (Gotha). 

56. Albertus Leoninus. Com. moralis de reducenda pace. 
Basil. 1598. (Berlin Xf 72 ur. 5.) 

57. Michael Hospoinius. Zur Dido s. Archiv f. Litt.-gesch. 
11, 318. 

59. Georgius Calaminus. b) Helis (Berlin Xf 3202); c) Ko- 
dolphottocarus (Berlin X f 3208. Bremen. Würzburg). 

60. Daniel Cramer. Die Stettiner ausgäbe der Areteugenia 
von 1602 (Berlin Wc 6414) ist von Christophorus Butelius besorgt. 

61. Abraham Saurius. Conflagratio Sodomae, Argent. 1607. 
(Berlin Xf 3910). 

62. Tobias Kober. e) Trag, de Anchise exule, Gorl. 1594. 
(Berlin Xc 569 nr. 49). 

69. Jacob US Jacotomus. a) Agrippa Ecclesiomactix (Ber- 
lin Xd 11, 682). 

70. Johannes Avianus. a) Lazarus (Berlin X f 71 nr. 6); 
d) Adamus lapsus, tragoedia nova. Lips. 1596 (Göttingen Dr. 5278). 

75. Jacobus Kosefeld t s. Bolte Jahrb. d. Shakesp.-Ges. 21, 
187 — 210. 

78. Theodor US Rhode, a) Debora et Thesaurus s. 0. Gün- 
ther, Plautuserneuerungen , Leipz. 1866, s. 55); ad b) Colignius. Tra- 
goedia. In nobili Oppenheimio. 1614. 4. (Berlin Xf 3762). 

80. Albertus Wichgrevius. a) Cornelius relegatus. Eostochii 
1600 (Berlin Xf 71 nr. 4). Genthe in Rosenkranz N. Zeitschr. 1, 4, 
70 fgg. 

81. Hugo Grotius. a) Christus patiens. Dilingae 1682 (Ber- 
lin Xf 4524). — Leidender Christus, trauerspiel von Dan. Wilh. Tril- 
ler 1723 (Göttingen Dr. 5287). 2. aufl. Hamb. 1748 (Berlin Xf 3700). 
— Tittel, Beiträge zur Gesch. des geistl. Schauspiels. Progr. Zwickau 
realsch. 1883 nr. 528. — Sophrompaneas. Access, tragoedia eiusd. 
Christus patiens et sacri argumonti alia. Ex edit. a. 1617 recusa emen- 
dat. Amsterd. 1635. fol. (Berl. Xf 3692. Göttingon Dr. 5287. Würz- 
burg). Ex edit. a. 1635 recusa. Lips. 1666 (Berlin De 900). 



LAT. DRAMEN DES IC. JH. 107 

83. Daniel Heinsius. b) Herodes Manticida. 1632 (Berlin 
X f 3732). Dazu Claudii Salmasii ad Aegidium Menagium epistola super 
Herode Infanticida Heinsii tragoedia et censura Balsacii. Paris 1644. 
(Berlin X f 3738. Göttingen Dr. 5289). Dan. Heinsii Epistola qua dis- 
sertatioui D. Balsaci ad Herodem Infanticidam respondetur editore 
M. Z. Boxhornio. Lugd. Bat. Elz. 1636 (Berlin X f 3736). 

88. Henri cus Hirtzwigius. c) Lutherus. — Deutsch von 
Job. Seger. Wittenb. 1518 (i. e. 1618). 8. (Berlin Xf4078). 

96. Franciscus Hildesbeim. Vita Comoedia et Religio. Tra- 
goedia. Lips. 1604. 4. (Berlin X f 3838.) 

98. Joannes Burmeister s. 0. Günther Plautuserneuerungen 
Lpz. 1886. B. weite die Casina des Plautus in eine Susanne umarbei- 
ten (Mater -Virgo 1621 Bl. A; b). 

100. Fr. H. Flayder. b) Ludovicus bigamus, comoedia nova. 
Tubiug. 1625. (Berlin Xf 4290.) 

Hieran schliesse ich einige von Goedeke nicht genante drama- 
tiker mit ilireu dramen. 

1. Joannes Stamler Augustiu. Dyalogus de diversarum gen- 
cium sectis et mundi religionibus. August. 1508. fol. (Berlin X f 1300.) 

2. Johannes Franciscus Quintianus Stoa, Tragoedia de 
passione domiui nostri Jesu Christi, que Theoandratha inscribitur. 
Lugd. 1515. (Göttiugen Dr. 5258 e.) 

3. Hermannus Schottenius Hessus. Ludus Martins sive 
bellicus, continens simulachrum, originem, fabulam et finem dissidii 
habiti inter rusticos et principes Germaniae orientalis. 1525. (Berlin 
Xf 1448.) 

4. Henricus Panthaleon Basil. Philargyrus. Comoedia noua 
et Sacra de Zachaeo publicanorum principe. Basil. 1546 (München). 
S. Scherer in J. M. Wagners archiv 1873, s. 496. 

5. Antonius Tilesius Consentinus. a) Imber Aureus. Tra- 
goedia nova, cum aliis eiusdem authoris opusculis. Antwerp. 1546 
(Berlin Xf 2148); b) Cyclops (Würzburg). 

6. Coriolanus Martiranus Consentinus episcopus s. Marci. 
Tragoediae VIH, Comoedia HI. Neap. 1556 (Berlin Xf 2432). 

7. Franciscus Niger Bassanensis. Liberum arbitrium, tra- 
goedia. Genev. 1559. (Meiningen. Gotha.) 

8. Johannes Gassarus. Pomona. Comoedia nova ex fabulis 
14. 15 lib. XIY Metamorph. Ovidii desumta. Curiae 1598. (Berlin 
X f 3424.) 



108 HOLSTEIN, LAT. DRAMEN DES 16. JH. 

9. Cornelius Looseus. Terentius Christianus. Col. 1591. 
(Würzburg.) 

10. Caspar Casparius. Princeps Auriacus sive Libertas defensa. 
Tragoedia nova. Delphis 1599. (Berlin X f 3472). Vgl. Goedeko 83 a. 

11. P. Y. AI et, Uno tragödie latine ä Kome l'an 1600. S, I. 
et a. (Berlin X f 3532.) 

12. Abrahamus Boxbarterus. Adelphoe, comoedia nova. 
Norimb. 1601. (Berlin Xf 3680.) 

13. P. Joannes David, soc. Jesu sacerdos. Occasio, drama. 
Antverp. 1605. (Berlin Da 4200.) 

14. Nicolaus Vernulaeus, historiogr. reg. a) tragoediae in 
duos tomos distributae. Edit. IL Louanii 1656. (Berlin Xf 4032); 
b) Gorcomiensis sive Fidei exilium. Tragoedia. Colon. (1610). 8. (Ber- 
lin Xf4040.) 

15. George Ruggle. Ignoramus. Comoedia coram regia maie- 
state Jacobi regis Angliae repraes. Londin. 1630. (Berlin X f 4101. 
4102. Göttingen Dr. 5282.) 

16. Job. Henr. Helmannus. Turnus occisus. Tragoedia. 
Gosl. 1626. (Göttingen Dr. 5279.) 

17. Martinus Gravius. Concionator Bellicus. Tragoedia nova, 
in qua in conspectum ponuntur vere propbetica, apostolica et papistica 
doctrine. Francof. ad Viadr. 1614. (Berlin Xf71 nr. 8.) 

18. Marius Bettinus Bononiensis. Rubenus. Hilarotragoe- 
dia, satjTopastoralis. Parmae 1614. 4. (Berlin Xf 4132. Göttingen 
Dr. 5290.) 

19. Guilielmus Druraeus. Dramatica poemata. Ed. ultima. 
Antv. 1641. (Berlin Xf 4190.) 

20. Bernardinus Stephanius e soc. Jesu. Flavius, tragoe- 
dia postuma. Rom. 1621. (Meiningen.) 

21. Johannes Opsopaeus (Koch) Hamburg. Elias comoedia. 
Hamb. 1633. (Oldenburg). — Deutsch Hamb. 1633 (ebendas.) S. Gae- 
dertz, d. niederdeutsch. Schauspiel. Berlin 1884. 1, 26. 

22. Germania luxurians, debellata, lugens. Comoedia. Marpurgi 
1643. 12. (Dresden. Gotha. Hamburg.) S. Bolte Jahrb. d. Vereins f. 
nd. Sprachforschung. 1885 s. 162. 

WILHELMSHAVEN. HUGO HOLSTEIN. 



109 



MISCELLEN UND LITTERATUR. 

Ein Jugendbrief v. Meusebaclis. 

Das Gleimarchiv zu Halberstadt bewahrt im ms. 91 einen brief des freiherrn 
von Meusebach , auf zwei quartbogen äusserst sorgfältig geschrieben, welcher bei 
dem noch immer nicht gehobenen mangel an Urkunden über des Schreibers entwicke- 
lung einer Veröffentlichung — trotz seiner jugendlichen langatmigkeit — nicht 
unwert erscheint, v. Meusebachs wünsche nach einer „ächten" Gleimausgabe wider- 
holen wir noch heute. Nachdem Kamlers widerholte versuche, denen sich 1759 
sogar Lessing anschloss, gescheitert waren und die hauptursache zu völligem bru- 
che mit dem überempfindlichen freunde abgegeben hatten , kündigte J. G. Jacobi 
1771 eine auswahl in zwölf bänden an.* Aber auch diese blieb aus, und die belieb- 
ten dichtungen bildeten bis zu Gleinis tode einen der besten artikel für den nach- 
druck. Durch Gleims lezten willen mit der herausgäbe beauftragt hat dann W. Körte 
in den „Sämtlichen Werken" (Halberstadt 1811 fgg.) seine aufgäbe für Gleim niclit 
weniger leichtfertig und kritiklos genommen, als für Kleist; und das überaus reiche 
material des Gleimarchives wird nun für unabsehbare zeit unverarbeitet liegen. 

LOKDON. C. SCHÜDDEKOPP. 

Wohl hör' ich manchen Jüngling klagen, 
Dass er's geheim nur dürfe wagen 
Der süssen Liebe nachzugehn, 
Weil es die weisen, ernsten Alten 
So früh für gar zu strafbar halten, 
Nach schönen Mädchen schon zu sehn. 

Doch ich stand jüngst vor einem Greise; 

So freundlich seine Stirn, so weise 

Und heiter glänzte mild sein Sinn. 

Und himmlischschöne Jungfraun zum Entzücken 

Umschwebten ihn, gewandt mit holden Blicken 

Voll süsser Gunst auf ihren Liebling hin. 

Wie heiss im Herzen Liebe mir erglühte 
Für solches göttlichhohen Reitzes Blüthe, 
That bald verrätherisch mein Aug' ihm kund. 
Und was ich nicht im Herzen unterdrücken, 
Nicht bergen könnt' in scheuen Blicken, 
Gestand ihm endlich schüchtern auch mein Mund. 

Doch zürnt' er nicht dem offenen Geständniss. 
nein! Du hörtest lächelnd das Bekenutniss 
Des Liebekranken an, und neigtest, Du, 
Der Grazien frommer Priester und der Musen! 
Mir, dem für Deine Göttinnen der Busen 
Voll Liebe flammte, Dich so freundlich zu. 

1) Vgl. unter anderm den Hamburg. Correspondenteii vom 19. april 1771 uud 
Strodtiiiann , Bürgerbriefe 1 , 34. 



110 SCHÜDDEKOPP 

Könnt' ich Dein Lächeln, Deine Huld gewinnen, 
dann erfleh von Deinen Pierinnen, 
Erfahrner Meister in der Liederkunst! 
Wenn Du der Musen Altar opfernd kränzest, 
Und hell verklärt im Strahl der Weihe glänzest, 
Dem blöden Jünger ihre holde Gunst. 

Innig verehrtostor Greis! mit welcher gütigen Freundlichkeit nahmen Sie mich 
Unbekannten auf, und mit welcher Bewunderung und Rührung sah ich bald, dass 
ich nicht nur vor einem der liebenswürdigsten Dichter , sondern auch (was so viel 
mehr ist) vor einem der liebenswürdigsten Menschen stand! Ich verbarg Ilinen 
nicht meine Liebe zu der lieblichen Kunst, die Sie nur als schönes Mittel zu den 
schönsten Zwecken selbst anwenden und angewendet wissen wollen; Sie schienen 
mich Ihrer herzlichen Zuneigung zu würdigen, erlaubten mir das zweyte Mahl zu 
Ihnen zu kommen, und endlich gar auch Ihnen schreiben zu dürfen. Konnte ich 
anders als mit inniger Rührung von Ihnen gehen, da Sie in so kurzer Zeit mir so 
hochachtungswerth und theuer geworden waren? 0! und Sic nehmen es mir gewiss 
nicht ungütig auf, dass ich von Ihrer Erlaubniss Gebrauch mache und schreibe. 

Ich fragte damahls bey Ihnen an, ob wir keine äclito Ausgabe Ihrer sämmt- 
lichen Werke zu hoffen hätten, und bekam verneinende Autwort, welches mir so 
sehr leid that. Ich konnte mich nicht enthalten, in der Meynung dass ein Theil 
der Schwierigkeit dabey wohl in Besorgung der Handschrift läge, mich selbst diese 
zu übernehmen anzubieten, wenn sich niemand fände, der mehr Geschicklichkeit 
dazu besitzt. Denn mehr Lust und Liebe zu diesem Geschäfte als ich könnte wohl 
kaum jemand anders mitbringen; aber ich weiss auch wohl, dass (zumahl bey Wer- 
ken der schönen Künste) Lust und Liebe dazu bey weitem noch nicht Geschick- 
lichkeit ersetzen. Sie wandten gegen dieses mein Anerbieten ein, dass das alier- 
schwierigste dabey wohl die, einer Ausgabe der letzten Hand nothwendige , genaue 
Verbesserung und Anwendung der kritischen Feile sey, da Sie jetzt zwar wohl 
schreiben aber das Geschriebene nicht selbst lesen könnten. Allein sollte das Publi- 
kum wohl so unbillig seyn, von seinem lieben alten Dichter lieber gar keine ächte 
Ausgabe haben zu wollen, als eine solche, wobey es die Umstände zwar unmöglich 
machten, die kritische Feile an jeden Vers zu setzen, welche aber keine unterge- 
schobenen oder entstellten, sondern nur ächte, vom Verfasser des Aufbchaltens 
würdig erklärte und unter seiner Aufsicht gesammelte Gedichte enthielte ? gewiss, 
verehrungswürdigster Herr Canonicus, das Publikum würde Ihnen für eine solche 
Ausgabe allgemein danken. Hat es doch seither soviel Nachdrücke gekauft, und 
selbst von der hiesigen Bibliothek konnte ich nur einen Nachdruck bekommen, 
wovon 1798 die zwey ersten, und in diesem Jahre der dritte Band erschienen ist.* 
Soll man denn so manches fremde Produktchen immerfort für ein Kind Ihrer Muse 
halten, dagegen aber so manches Ihrer schönsten Gedichte gar nicht keimen lernen, 
wie z. B. das Hüttchen ^ (welches sich nicht ein Mahl in dem neusten Nachdrucke 
findet). Bey ihrer väterlichen Zärtlichkeit bitte ich Sie im Nahmen der Jetzt - 
und Nachwelt, für die anständige Erhaltung so liebenswürdiger Kinder zu sorgen. 

1) Sämmtliche Schriften vou Friederich Wilhelm Gleitn. Erster bis dritter band. 
Altena 1798 und 1800. 

2) Das Hüttchen. Halberstadt 1794. 8". Von Koerte nicht volständig aufge- 
nommen. 



V. MEÜSEBACH AN GLEISt lll 

Wahrhaftig, Jetzt- und Nachwelt werden es Ihnen nicht genug zu danken wissen, 
wenn Sie iliuen eine ordentliche, ächte, richtige und vollständige Ausgabe Ihrer 
Gedichte schenken, wenn es Ihnen auch nicht möglich ist alle die Verbesserungen 
daboy anzubringen, die Sie ihnen zu geben wünschten. 

Aber Sie wandten mir auch noch ausserdem ein , dass eine solche Ausgabe 
für Ihre Tage ein zuweit aussehendes Vornehmen sey , als dass Sie hoffen dürften, 
es selbst noch vollendet zu sehen. Aber sollten Ihre holden Göttinnen, die Musen 
und Grazien , die ihren Liebling nie verlassen haben , wohl nicht dieses Werk 
begünstigen? Und kann einen Vater überhaupt der Gedanke, dass er die Erzie- 
hung seiner Kinder doch wohl nicht vollenden werde, abhalten dass er nicht soviel 
möglich an ihrer Erziehung arbeite? Und in Betracht dessen, wäre es wohl nicht 
unnatürlich, vielmehr der väterlichen Zärtlichkeit ganz angemessen, wenn die Aus- 
gabe mit den Gedichten angefangen würde, welche Ihre Lieblingsstücke unter Ihren 
Werken sind. Lieber Vater Gleim , welche Freude würden Sie so manchem Freunde 
der Musen machen, wenn Sie so alle Ihre Ihrer Muse so würdigen Kinder in schö- 
ner voller Reihe ins Publikum einführten! Ich wage es noch ein Mahl mich, wenn 
sich kein geschickterer finden sollte, zu einem Theile der Arbeit anzubieten. Die 
Entfernung ist dabey freylich etwas hinderlich; iudess unterstehe ich mir es doch 
auf Ihre gütige Nachsicht rechnend, Ihnen folgende Gedanken darüber vorzulegen 
(Ich setze voraus, dass mir Ihre weisere Einsicht gegen das bisher gesagte keine 
gegründeten Einwürfe gemacht hätte, welche ich allerdings mit schicklicher Beschei- 
denheit und Hochachtung vor einem erfahrnen ehrwürdigen Manne respektieren 
würde.) Wenn es Ihnen also nun gefiele, wie ich vorgeschlagen; so wären Sie so 
gütig und bestimmten die Ordnung, in welcher Ilire Gedichte sich reihen sollten, 
suchten das Gedruckte oder noch Handschriftliche, (und zwar immer zuerst das, was 
Ihnen am liebsten) welches die ersten Bände ausmachen sollte, mit den etwaigen 
Verbesserungen zusammen, und Hessen es mir zukommen. In Ihre Handschrift 
wollte ich mich schon recht gut hineinstudieren, und keinen Fleiss sparen, das für 
den neuen Druck bestimmte Manuskript möglichst ordentlich und richtig zu führen. 
In den Ferien könnte ich dann ein paar Mahl selbst zu Ihnen kommen , Ihnen 
mein Manuskript vorlesen , demselben die Verbesserungen , die Sie hier - und dabey 
etwa noch zu machen wünschten , einverleiben , und noch manches andre über das 
ganze Geschäft mit Ihnen reden und verhandeln. Des vielen Briefschreibens könn- 
ten Sie dabey wohl so viel als möglich überhoben seyn. Bis Ostern bleibe ich noch 
hier. In dieser Zeit könnte ich wohl füglich einige Bände fertig machen, welche 
dann mit mir nach Leipzig gangen, und da unter meiner Correktur gedruckt wür- 
den (so vfie von Wielands sämmtlichen Werken * auch fünf Bände auf Ein Mahl 
erschienen.) Wie viel Bände von den Ihrigen auf Ein Mahl erscheinen sollten, 
würde ganz von Ihrem Willen abhängen, so wie auch das Äussere des Druckes u. s. w. 

Welche Freude für mich dieses Geschäft seyn würde, kann ich Ihnen kaum 
sagen. Aber, wie ich mich schon oben erinnert habe, ich weiss auch, dass Lust 
und Liebe dazu nicht allein hinreichend sind, und rechne daher, wenn Ihre kluge 
Erfahrenheit das alles richtiger einsiehet, auf Ihre gütige Verzeihung, die einem 
unerfahrenen Jünglinge gern nachsieht, was er doch nur aus Liebe und innigster 
Hochachtung vor den Musen und ihrem Lieblinge that. Verzeihen Sie zugleich 
auch, wenn ich Sie mit einem zu langen Briefe ermüdete. Empfangen Sie noch- 
mals meinen herzlichsten Dank für ihre liebreiche froindlicho Aufnahme bey Ihnen ; 

1) Leipzig, liti Göschen 1794 l'g^. 



112 KINZEL 

und nehmen Sie endlich die Versicherung der wahrsten, innigsten und lautersten 
Hochachtung und Anhänglichkeit eines 

Ihrer 

tiefsten Verehrer u. Dieners 
Göttingon, K. G. H. von Meuscbach. 

den 28: Jun, Wohnend im Hause des M. Kirsten 

1801. in der rothen Strasse. 



Geschichte der altdeutschen Dichtung von Ferdinand Ehull. Graz, 
Leuschner und Lubensky 1886. IX und 573 s. 8». 6 m. 

Wir möchten hierdurch die amtsgenosson auf ein werk aufmerksam machen, 
das in jeder beziehung alle ähnlichen erscheinungen auf diesem gebiet weit über- 
trift und auch über die engeren grenzen hinaus vielen wertvoll sein wird. Als 
Scherers litteraturgoschichte zu erscheinen begann, wurde sie natürlich von den 
fachgenossen , aber auch von den gymnasiallehrern vielfach aufs lebhafteste begrüsst, 
weil man hofte, in ihr ein werk zu erhalten, das sich auch für unsre höheren 
schulen nutzbar machen Hesse; und wer hätte sich nicht nach der ankündigung, 
welche die vorgesteckten ziele andeutete und nach den vielseitigen und mannigfach 
erprobten gaben, welche dem nun schon verewigten Verfasser zu geböte standen, 
dieser hofnung gern ein wenig hingegeben? Der recensent in dieser Zeitschrift 
meinte: „das Scherersche buch wird sich weite kreise erobern und insonderheit 
eine empfindliche lücke unsrer schulbibliotheken ausfüllen, denn welche litteratur- 
geschichte solte man eigentlich bisher dem belehrung und anregung suchenden 
primaner in die band geben?" Diese hofnung hat sich leider nicht erfült. Scherer 
ist in seiner darstellung im wesentlichen der manier gefolgt, welche wir schon in 
seinem Wiener habilitations - vortrage finden („Über den Ursprung der deutschen 
Litteratur", Berlin, G.Reimer 1864. 20s.): die pforten der geistvollen auffassung 
werden nur dem erschlossen, welcher schon eine gründliche kentnis von unsren lit- 
teraturdenkmälern mitbringt. Weniger unterrichtete, dabei aber geistig begabte 
werden noch allenfals an den geistesfunken , an den überraschenden efifekten, welche 
u. a. die Übertragung moderner Verhältnisse auf das raittelalter mit sich bringt, 
gefallen finden; tiefer herab dürfen wir aber nicht steigen: sich in der litteratur- 
geschichte unterrichten wird niemand aus diesem werke können. Dies bestätigt 
auch KhuU, ein wenn wir nicht irren schüler, jedenfals ein eifriger Vertreter der 
ideen des meisters: „nicht alle unter denen, welche dies werk lesen, werden im 
stände sein, den grossen wert desselben richtig zu erkennen, da ihnen die nötige 
kentnis der einzelheiten mangelt. Dies dürfte besonders in bezug auf jene kapitel 
der fall sein, welche sich über die älteren erzeugnisse unsrer litteratur verbreiten. 
Wenigstens hatte ich als lehrer in den oberen gymnasialklasson gclcgenheit zu 
bemerken, dass Scherers buch von den begabteren schülern zwar viel gelesen, aber 
aus dem angeführten gründe häufig schlecht verstanden wird. Es war daher meine 
absieht, durch Inhaltsangaben und Übersetzungen, welche mit einem fortlaufenden 
texte verbunden wurden, jenen, die nicht in der läge sind, die alten dichtungcn 
selbst kennen zu lernen, das Verständnis der urteile Scherers zu erleichtern." 

Unsres erachtens ist dies dem Verfasser gut gelungen , aber auch noch mehr. 
Man darf nämlich nicht glauben, hier nur ein werk zweiter klasse, abgeleiteter 
art, auszüge und nachtrotungen, verdünten aufguss aus einem oder mehreren fach- 



ÜBER KHULL, GESCH. D. ALTD. DICHTUNG 113 

werken vor sich zu haben , wie es fast alle andern litteraturgeschichten dieses 
genres sind. Sondern Khull hat sich seit jähren auf dem gebiete der altdeut- 
schen litteratur durch umfangreiche arbeiten wol bekant gemacht. Seit dem 
jähre 1880 verdanken wir ihm kleinere arbeiten, seit 1883 eine ausgäbe des 
„Kreuziger" von Johannes von Fraukenstein, des „ Gauriel vonMuutabel" und 
des „Taudareis und Flordibel", denen sich die vorliegende litteraturgcschichte 
würdig anreiht. Es ist kein schulbuch im engeren sinne; als solches fände 
sie in dem rahmen unsres neusten lehrplans keine statt. Umsomehr aber, als 
jezt die eigentliche behandlung der litteraturgcschichte, besonders der altdeut- 
schen, von unsren höheren schulen ganz verdrängt und nur die besprechung 
einiger weniger werke gestattet sein soll, welche mit den schillern auch gelesen 
werden können, gewint ein solches buch an wert, das zur erweiterung des gesichts- 
kreises unsern primanern empfohlen werden kann. Wir zweifeln nicht, dass es 
Studenten, jungen mädchen, candidaten, ja allen amtsgenossen eine wertvolle gäbe 
sein wird. Wie oft ist man in Verlegenheit , wenn man sich schnell über den Inhalt 
usw. eines altern werkes untei'richten will,^ selbst wenn man bei leidlich ausgestat- 
teter büchersamlung einen text besizt! Wie verhältnismässig wenige dieser denk- 
mäler des mittelalters werden in den gebräuchlichen litteraturgeschichten berück- 
sichtigt und wie wenig ist meist über die unbedeutenderen , die erscheinungen zwei- 
ten und dritten grades gesagt? Hier wird uns ausführlich berichtet, kein irgend- 
wie erheblicheres werk, im ahd. wol überhaupt keins, ist vergessen, überall erfah- 
ren wir den Inhalt, meist mit einer gut gewählten probe. Geben wir als beispiel 
eine Übersicht über den ersten abschnitt: „Urzeit und heldenzeitalter", I. die Zei- 
ten der Völkerwanderung; als beleg für ein altes totenlied die stelle aus dem Beo- 
wulf, dann die Merseburger Zaubersprüche mit anschaulicher Schilderung; Trauge- 
mundslied; hymnisch -chorische lieder, beispiel Otfried IV, 4, 40; darstellungsweise 
der alten lieder erläutert au der Edda. II. Die einzelneu stamme, das Christen- 
tum , Vulfila. III. Der heldengesang. Hildebrandslied ganz übersezt , Walthari im 
auszuge. IV, Dichter und sänger (Beowulf). Oder blicken wir auf ein späteres 
kapitel, ritterliche lyrische dichtung. I. Des minnesangs frühling: stelle aus dem 
Eudlieb , lied aus dem lat. briefe , etwa 7 namenlose lieder , einige Kürnberger , ein 
Meinloh , zwei Dietmar , ein Veldeke , drei Hausen , Heinrich VI. , einige von Mo- 
rungen, Johannsdorf, Hartwig von Eaute, von Eugge, Eeinmar von Hagenau. Dann 
auf 22 selten Walther, auf 20 die blütezeit des minnesangs nach Walther und 
endlich IV. auf 38 selten des minnesangs nachblute und verfall bis auf Hugo von 
Monfort und Oswald von Wolkenstein. 

Dabei enthält sich Khull joder litteraturangabe, alzu ängstlich, wie wir glau- 
ben. Für eine neue aufläge, die gewiss in kurzer zeit nötig werden wird und für 
die wir uns noch einige unmassgebliche vorschlage erlauben, möchten wir doch 
empfehlen, etwa im anhang eine chronologische Übersicht, wie bei Scherer, und 
einige winke für ein weiteres studium zu geben. Die Übersetzungen hat der Ver- 
fasser nicht selbst gemacht, sondern bekanten autoren entlehnt, wie am Schlüsse 
des Vorworts angegeben ist. Wir sind im ganzen mit der wähl einverstanden, nur 
in bezug auf die Nibelungen begreifen wir Khull nicht und möchten dringend bit- 
ten, in Zukunft die proben von Freytag statt von Hahn zu entlehnen. Wie trau- 
rig diese Übertragung ist, haben wir schon Jahresbericht 1885 nr. 1183 angedeu- 

1) [K. Goedeke, deutsche Dichtung des Mittelalters. Hannover 1854. IV, 1008 s. 
80. Red.] 

ZEITSCUR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX.. O 



114 KINZEL 

tet. Khull liat gewiss nicht das schlimste ausgehoben , wie aber konte er an solcher 
Strophe gefallen finden':* 

Ob die Mähre richtig, gern hätt' ich das erkant, 
Die mir daheim .geworden , dass hier in diesem Land 
Die kühnsten Recken seien (Wie oft hab ich's vernommen!), 
Die jemals Königen dienten: darum bin ich hergekommen. 
Viel schönere proben führt Symons an , der in dem neusten Littcraturblatt (1886 
nr. 12) dieser Übersetzung mit einlcitung die verdiente abfertigung hat zu teil wer- 
den lassen. Er warnt nachdrücklich vor dem Hahnschen buche, das durch seinen 
billigen preis gefahr läuft, besonders unter den schülern abnchmer zu finden. 
KhuUs verfahren könte leider dazu beitragen, ihm solche zu verschaft'en. Warum 
aber hat derselbe auch noch die Nibolungenstrophe als achtzeilig gedruckt? Die 
raumverhältnisso haben ihn nicht dazu genötigt; denn er druckt je zwei strophen 
nebeneinander und ist bei lyrischen dichtem gar umgekehrt verfahren, hat z. b. 
Heinrichs von Veldeke In dem abereilen sieben zeilig dargestelt. 

Bei der Inhaltsangabe der Nibelungen ist unnötiger weise Lachmanns Stand- 
punkt zu sehr hervorgekehrt, was manchem anstoss gibt, wie ich erfahren habe. 
Dagegen hätte von den interpolationen, ihrer art und ihrem Inhalt (man denke an 
die Überlieferungen aus Sigfrids Jugend) etwas gesagt werden sollen, z. b. auch 
von den einleitenden strophen, welche dem ganzen vorangestelt worden, damit der 
unkundige leser erfahre, warum das I. lied mit str. 13 begint. Die der analyse 
augefügte darstellung der sage halten wir für weniger gelungen. Man vermisst eine 
einfache, klare, durchsichtige entwicklung , welche wir für einen primaner durchaus 
fordern müssen. Es ist offenbar zu viel in alzu grosser gewissenhaftigkeit ineinander 
gefügt. Die gleiche ausstellung haben wir auch an einigen andern stellen zu 
machen. Was z. b. s. 69. 70 über die entstehung der sog. tiersage mitgeteilt wird, 
erhebt sich nicht zu der wünschenswerten klarheit. Lieber hätte der Verfasser 
sagen sollen, was sicher ist^ und was noch weiterer aufklärung bedarf. 

Da wir nun einmal in die erörterung von einzelheiten eingetreten sind, so 
wollen wir hier gleich noch einiges anfügen, das uns aufgefallen ist. 

Was von Herborts von Fritzlar langweiliger und öder reimerei gesagt ist, 
wird bei einem unkundigen eine viel zu günstige meinung erwecken. 

Die lebensgeschichte Wolframs ist im anfaug phantastisch und unrichtig: 
„Wolframs wiege stand im kleinen mittelfränkischen orte Obereschenbach, demsel- 
ben von welchem seine familie den namen führte und wo er auch begraben liegt. 
Von seinem leben wissen wir leider nur sehr wenig, wir können nicht einmal mit 
bestimtheit sagen, ob er einem adligen geschlechte angehört hat oder nicht. Jeden- 
fals war er selbst ritter und dienstmann der grafen von Wertheim, denen der ort 
Eschenbach gehörte und deren einer ihn mit dem hofe Wildenberg bei Altenmuhr 
belehnte." Von seiner wiege wissen wir gar nichts, ebensowenig dass er eine 
„familie" hatte "^ und dass diese den namen von Eschenbach führte. Er wohnte 
in Wildenberg und gehörte als dienstmann nach Eschenbach, das ist alles. — 
Aus der analyse des Parzival s. 270 geht hervor, dass Herzeloide den Parzival bei 
Icbzeiten Gahnmrets geboren hatte. Die geschichte von dem walfahrenden ritter, 
der Parzival zu Trevrezent weist, hätte nicht übergangen werden sollen. Die Cha- 
rakteristik des „Titurel" ist dürftiger, als es die Schönheit des gedichts erwarten 

1) [Was ist denn hier wirklich sicher? Red.] 

2) [Frau und tochter aber hatte er. Parz. 21C, 28 fg. Wh. 33, 24. ßed.J 



ÜBKE KUÜLL, GESCH. D. ALTD. DICHTUNG 115 

lässt. Warum will sich KhuU nicht damit zufrieden gehen , dass wir im „Titurel" 
zwei volksmässige lieder vor uns haben, in welchen "Wolfram eine Episode aus 
dem grösseren werke, die kindliche liebe Siguneus und Schionatulanders , ergän- 
zend erzählt? 

Meinloh von Scvelingen soll s. 394 dem Kürnbergcr am nächsten stehen? 
Dazu passt die gegebene Charakteristik gar nicht. Hätte sich nicht besser Dietmar 
hier angeschlossen? An der Übersetzung der lyriker hätte der Verfasser manclierlei 
ändern sollen, was weder schön ist noch dem sinn des Originals entspricht, z. b.: 

Wäre die Welt alle mein 

Von dem Meere bis an den Ehein, 

Von ihr wollt' ich scheiden, 
statt: ich wollt' sie wol entbehren, wenn die königin von Engelland wollt' die meine 
werden. — Oder MSF 8, 24 „und überkomt mein herze gar schmerzlich ein viel 
banger Mut." — Oder MSP 37, 4 

Es stand 'ne Frau alleine 

Und spähte üfjer die Heide 

Und spähte nach dem Lieben. 
In solchen und andern fällen gebe man doch lieber die reiraorei auf, die für uns 
ja doch keine ist; und übersetze mehr dem sinne gemäss und geschmackvoller neu- 
hochdeutsch. Dieser Vorwurf trift natürlich mehr die quellen, denen KhuU ent- 
lehnte. 

Dunkel sind mir folgende stellen geblieben. S. 235 : „Der alte geburtsadel 
tritt bei dem rittertum volständig in den hintergrund, nur die abstammung von 
einem ritterlichen vater ist für einen volkommenen ritter nötig und 
nur diese verlangt man." — S. 236 „Verehrung und ritterlicher dienst wurde 
in der regel verheirateten frauen, ausnahmsweise mädchen, dargebracht." Man 
vgl. Sigmie, Obilot; Enite usw. — Worauf beruht die angäbe s. 322, dass Konrads 
von Würzburg Trojanerkrieg 60,000 verse umfasst, während Scheror sagt, dass ein 
fortsetzer ihn auf 50,000 verse brachte? — S. 395 „ein tagelied ist ein lied, in 
dem die aufgehende sonne, der anbrechende tag begrüsst wird"? — S. 290 der 
ungebräuchliche ausdruck „Plebanus" war zu erklären. 

Zum schluss noch ein wort über die anordnung des ganzen. Auf urzeit und 
heldenzeitalter folgt im I, teil die Kärlingische und Ottonische zeit, dann das Zeit- 
alter der Salier und Hohenstaufeu, welches die dichtungen des 11. und 12. Jahr- 
hunderts bis auf Veldeke umfasst. Hierüber wird keine meinungsverschiedeuheit 
herschen. Wol aber über die Verteilung des stoffes im II. teil, der zeit der blute 
und des Verfalles der altdeutschen dichtung; der Verfasser ist sich dessen selbst 
bewusst gewesen, und wir können die anläge hier nicht für eine glückliche halten. 
Wir wollen davon absehen, dass er die epigouen unter die drei klassischen epiker 
unterzuordnen suchte,' aber für den Standpunkt, dem die litteraturgeschichtc die- 
nen will, war es unsres crachtens notwendig, die dichter im zusammenhange ihres 
ganzen schaifens vorzuführen und nicht die ritterlichen von den legendenhaften Stof- 
fen zu trennen. Was für ein einschneidender unterschied ist denn z. b. zwischen 
Konrads schwanritter und seinem Herzemäre oder der Werlte Ion, dass man die 
darstellung zerreissen muste? Litterarhistorisch wichtiger und interessanter ist es 
doch, die ganze persönlichkeit des dichtcrs vor sich zu haben und zugleich zu 

1) Alle sind entweder nachahmer Hartmanns oder gar schüler Wolframs und 
Gottfrieds ! 

8* 



110 BERGER 

beobachten, wie neben tlon ritterlichen die behandlung legendenhafter Stoffe mehr 
und mehr platz greift , bis der ritterroman endlich ganz dem Abentraärlein wei- 
chen muss. 

Wieweit den verfasse^- Scherers litteraturgeschichte zu solchen dingen veran- 
lasste, wollen wir hier nicht weiter untersuchen. Jeder wird Khulls werk als ein 
selbständiges ganze für sich nehmen, was es auch volständig verdient. Und je 
mehr es sich in seiner weiteren entwicklung davon frei macht, eine blosse Vorschule 
für jene zu sein, desto wilkommener wird es uns sein. Schon jezt aber begrüssen 
wir es als eine schöne gäbe und empfehlen es allen amtsgenossen , denen der deut- 
sche Unterricht in oberen klassen anvertraut ist und die sich für die geschichte 
unsrer älteren litteratur interessieren , besonders aber wünschen wir, dass alle schul- 
und Schülerbibliotheken sich seine anschaffung angelegen sein lassen. Au KhuU 
aber ricliten wir die frage, ob er nicht geneigt ist, in gleicher weise in einem 
zweiten bände die litteratur des 16. und 17. Jahrhunderts zu behandeln. 

FRIEDENAU, WEIHNACHTEN 1886. KARL KINZEL. 



Göttinger Beiträge zur deutschen Philologie. Herausgegeben von 
Moritz Heyne und Wilhelm Müller. 1. Bertold Steinmar von 
Klingnau und seine Lieder. Von Dr. R. Meissner. Paderborn und 
Münster, Ferdinand Sehöningh. 104 s. 8°. M. 1,60. 

Beinahe gleichzeitig sind zwei abhandlungen , die sich mit dem nünnesänger 
Steinmar beschäftigen, in die öffentlichkeit getreten: eine Leipziger dissertation von 
Alfred Neumann „Über das Leben und die Gedichte des Minnesingers Steinmar" 
und die obengenante arbeit. Beide sind mit fleiss und besonnenheit ausgeführt, 
aber keine wird ihrer aufgäbe erschöpfend gerecht: beiden fehlt der eigentlich 
litterarhistorische gesichtspunkt , beide haben uns kein rundes gesamtbild der dich- 
terischen persönlichkeit Steinmars zu gestalten vermocht. Allerdings hat Neumann 
s. 66 fgg. über die „Vorgänger" und „nachfolgcr" Steinmars gehandelt, aber seine 
Untersuchungen haften zu sehr an der Oberfläche und den zahlreichen von ihm 
zusammengetragenen parallelstellen mangelt alle beweiskraft, da sich ebenso viele 
und noch mehr aus vielen andern minnesingern beibringen Hessen. 

Die Meissnersche arbeit gliedert sich in vier kapitel: 1) Chronologische be- 
stimmung der gedichte Steinmars, 2) Bemerkungen über Steinmars metrik, 3) Die 
gedichte Steinmars mit kritischen und erklärenden anmerkungen. 4) Inhalt der 
gedichte Steinmars. Versuch einer chronologischen anordnung derselben. Das 
hauptkapitel fehlt also: denn so unausweichlich erörterungen über die leben sverhält- 
nisse des dichters, über die äussere und innere form seiner Schöpfungen sind, so 
selten sie doch immer nur als mittel zum zweck betrachtet werden, welche ihren 
wert nicht durch sich selbst erhalten , sondern erst durch den historischen gesichts- 
punkt, dem sie unterstelt werden. Wie stand Steinmar seinem publikum gegen- 
über? wie lässt sich sein bildungskreis umgrenzen? ,von welchen Vorbildern hat er 
gelernt? Wie ist sein Verhältnis zur volkstümlichen dichtung? Wo greift er nach 
typischem? Worin beruht seine eigenart? Wo hat er vorbildlich gewirkt? Auf 
solche und ähnliche fragen sucht man bei Meissner vergeblich eine ausreichende 
antwort. Einschlägige bemerkungen sind zwar in den anmerkungen hie und da 
verstreut, aber nirgends fügen sich sprechende züge zu einem einheitlichen bilde, 
selbst eine stilistische Untersuchung ist gänzlich unterblieben. Da ich mir eine 
behandlung Steiumars in dieser richtuug für eine andere gelegenheit vorbehalte, 



ÜBER STEINMÄR ED. MEISSNER 117 

Lrauclie ich hier nicht näher auf jene fragen einzugehen und wende mich den ein- 
zelheiten der vorliegenden arbeit zu. 

Meissner bespricht zunächst die urkundlichen belege. Mit unrecht schiebt 
er V. d. Hagen einen irtura zu: die erste Urkunde, in der Bertold Steininar mit sei- 
nem bruder Conrad als zeuge auftritt (Herrgott, Geueal. dipl. gentis Habsb. H, 375), 
ist allerdings vom octobcr 1253, aber sie ist doch nur ein zusatz zu der vom märz 
1251, bei der natürlich dieselben zeugen fungiert haben. Meissner weist darauf 
nach , dass die brüder ministerialen Walthers von Klingen waren und zieht schliess- 
lich eine bis jezt unbokante Urkunde vom 7. sept. 1290 herbei , in der ein „Bertol- 
dus Steinmar miles de Klingenau" als ausstoller erscheint. Es folgt eine erör- 
terung der beiden historischen auspielungen in Steinmars gedichten. Die erwähnung 
Wiens (3, 3) wird in Übereinstimmung mit v. d. Hagen (und Neumann s. 9 fgg.) 
auf den zug Rudolfs von Habsburg gegen Ottokar von Böhmen bezogen. Die datie- 
rung des liedes auf den frühling 1277 bedarf indes der einschränkung , denn Rudolf 
(also auch Steinmar) ist bis zum 12. august 1278 in Wien nachzuweisen (vgl. Neu- 
mauu s. 10), also kann es ebensowol in das frühjahr 1278 fallen. Die von Wacker- 
nagel vorgeschlagene datierung des 12. gedichtes, der den „künic" auf Adolf von 
Nassau bezog und die „vart gm Misen" (str. 4) in das jähr 1294 sezte, wird mit 
überzeugenden gründen widerlegt, von denen der schlagendste der (auch von Nau- 
mann s. 12 angeführte) ist, dass Steinmar nachweislich in persönlicher beziehung 
zu Rudolf von Habsburg stand, also unmöglich der fahne seines gegners gefolgt 
sein konte. Die beziehung von 12, 3 auf einen nur in v. d. Hagens phantasie einst 
existierenden feldzug Rudolfs gegen Meissen im winter 1276 vor dem friedensschluss 
mit Ottokar wird ebenfals gebührend zurückgewiesen. Meissner sezt das 12. lied 
in den winter 1289 und denkt an einen der züge, die Rudolf in Thüringen von 
Erfurt aus zur Zerstörung der raubburgen unternahm. Freilich scheint mir seine 
erklärung, wie Steinmar dabei von einer „vart gen Misen'^ sprechen konte, recht 
künstlich und darum wenig glaubhaft. Er meint, da Rudolf nach Erfurt gekommen 
war, um den landfrieden herzustellen und zugleich die absieht hatte, die beziehun- 
gen der Wettinischen fürsten, die dem Böhmenkönig Ottokar zur seite gestanden, 
zum reiche zu regeln , so seien kriegerische Verwicklungen mit dem markgrafen von 
Meissen nicht ausgeschlossen gewesen und Rudolf habe möglicherweise geplant , bis 
nach Meissen vorzurücken. Dem gegenüber dünkt mich Neumanns annähme viel 
wahrscheinlicher, der an den anfänglich ins äuge gefassten feldzugsplan gegen Otto- 
kar erinnert (s. 17 fg.). Ottokar hatte seine hauptmacht bei Tepel aufgestelt, und 
Rudolf beabsichtigte ursprünglich über Eger nach Tepel vorzurücken; dicht dahinter 
aber breitete sich die markgrafschaft Meissen aus, und so konnte Steinmar mit 
recht von einer fahrt „ auf Meissen zu" sprechen. Sobald allerdings Rudolf von 
Nürnberg aus entschieden in der richtuug nach Wien aufbrach, konte von einem 
marsch „nach Meissen hin" nicht mehr die rede sein. Dieser aufbruch fält in die 
erste hälfte des September 1276, und kurz vor diesem termin wird das 12. lied 
Steinraars gedichtet sein, wozu ja die erwähnung der kalten nachte 4, 3 troflich 
passt. Dem einwände, dass Steinmar, wenn er 1251 etwa zwanzig jähre alt war, 
jenen winterlichen feldzug als 'ziemlich sechzigjähriger greis mitgemacht haben 
müste, sucht Meissner durch die wilkürliche beliauptung zu begegnen, dass der 
1290 bezeugte Bertoldus Steinmar von dem seit 1251 in Urkunden auftretenden glei- 
chen namens zu trennen, und dass dieser der dichter und ein jüngerer verwanter 
des ersteren sei. Das schliesst Meissner aus der von ihm aufgestelten reihenfolge 
der lieder, nach der Steinmar, wenn er mit dem seit 1251 bezeugten identisch wäre, 



118 BKRGKR 

das licrLstlicd im alter von 60 jähren und s]iiiter noch die lioder der niederen 
niinno gedichtet haben müste. Dass aber die von Meissner vorgeschlagene reihen- 
folge der gedichte Steinmars hinfällig ist, wird sich unten zeigen: so lange also 
kein besserer beweis erbracht wird, wird es bei dem einen Bertold Steinmar und 
der ansprechenden datierung Neumanns sein bewenden haben. 

Die sich anschliessende darstellung des vers- und strophenbaucs ist sorgfäl- 
tig und übersichtlich (s. 19: dinst 14, 2, 2 war nicht unter Enklisis sondern unter 
Synaloephe anzuführen), die reinheit der mctrik Steinmars wird nach ihrem abstand 
von der seines jüngeren Zeitgenossen Hadloub gemessen. Weit weniger kann ich 
mich mit dem dritten abschnitte einverstanden erklären. Wir besitzen von Steinmar 
l-± lieder oder 51 Strophen (nicht 52, wie M. s. 35 behauptet, denn str. 22 ist bei 
v. d. Hagen nach Goldasts Vorgänge doppelt gezählt). Wolte Meissner diese aufs 
neue herausgeben , so hätte er sich bescheiden sollen , die abweichungen seines tex- 
tes von dem seiner Vorgänger (v. d. Hagen, Bartsch, Wackernagel) anzugeben, 
nicht aber durch anführung von lesarten der handschrift seinem texte das ansehen 
eines kritischen geben , was er doch nicht ist. Was sollen z. b. rein orthographische 
Varianten wie 1, 9, 10 gewetten tretten waffen C. 3, 4 huenr C. 4, 1 würze C 
u. a. nützen, wenn andrerseits die handschril'tlicheu lesarten, wo sie im gegensatz 
zu Meissner von Bartsch oder v. d. Hagen angenommen waren, in der Schreibung 
dieser herausgeber gegeben werden wie 1, 3, 7. 5, 7. 3, 2, 5 u. ö.? Wolte aber 
Meissner durchaus die handschriftlichen lesarten anführen, so hätte er wenigstens 
volständig sein sollen: aber 4, 5, 2 finde ich Steinmar geschrieben, ohne dass 
Steimar C angemerkt wäre, und 7, 5, 2 ist die bemerkenswerte Variante mir 
verschwiegen, die doch v. d. Hagen anführt, der mangelnden orthographischen 
angaben wia konden 5, 3, 2. dag 8, 2, 6. guUer 11, 4, 8. siht siht 14, 1, 2 u. a. 
gar nicht zu gedenken. Konsequenz vermisse ich widerholt. Warum ist z. b. 3, 3, 1 
gegen die handschrift gegen für gen eingesezt, das doch sonst belassen wurde 
(10, 1, 3. 12, 4, 5. 4 Eefr.) , y warum müezet 3, 1, 11. gehiezet 11, 3, 4 neben 
wünschent 3, 1, 10 und natürlich gegen den dialekt des dichters wie der hand- 
schrift? Dazu kommen eine anzahl versehen: der circumflcx fehlt auf schi-icn 
4, 3, 3. Steinmar 4, 5, 2. 7, 5, 1. in 5, 1, 6. jämerscliricken 6, 2, 1. troestae- 
rin 13, 3, 1 und durchweg auf gen; 10, 2, 8 steht die für diu, 5, 2, 4. 12, 5, 2 
das für daz. Hoffentlich sind das alles nur druckfehler wie da für da 11, 4, 10. 
den für der 5, 3, 1. sid für sol 13, 2, 6. Nach spise 1, 5, 3 ist fälschlich ein 
punkt statt eines kommas gesezt, nach morgen 8, 1, 3 fehlt eine grössere Interpunk- 
tion. 4, 3, 2 ist hinter hegan ein komma zu setzen, Meissner sezt kolon; und diese 
Interpunktion wie seine anmerkung s. 62 („Ein kühnes bild: iväfen ist hier mehr 
der ausdruck des erschreckten Staunens") zeigt, dass er hier den gleichen Schnitzer 
begeht wie Neuraann, welcher s. 32 bemerkt: „Der dichter lässt seine äugen voll 
erstaunen über den anblick der geliebten aufschreien (!)." Natürlich ist schrien 
Infinitiv, abhängig von Ich mac und m/" praeposition: „ich muss über meine äugen 
wehe rufen.'' 

Meissners besserungsvorschlägcn kann ich nicht immer zustimmen. Die con- 
jekturen tmz ich leben 7, 4, 7, nement 11, 2, 2 scheinen mir glücklich. Zu billigen 
ist der einschub von ie 4, 3, 2. noch 13 refr. danne 11, 5, 3. vil 14, 2, 1, die 
Streichung von vil 6, 2, 1. 3. Auch die Umstellungen von 6 refr. 6, 3, 3. 13, 2, 3 
kann man sich wol gefallen lassen , und geschulten für schalten 14, 3, 5 ist recht 
wahrsclieinlich. Dagegen ist die Umstellung des er 8, 3, 3 ungeschickt {So snoze 
künde machen Er in dem morgen vruo, wo C künde er hat); xms 1, 3, 7 ist schwer 



ÜBER STKINWAR ED. MEISSNER 119 

ZU missen, der auftakt findet sieb ja aucli 5, 9 und mehrfach in der vierten Stro- 
phe, die Meissner freilich für unecht erlilärt. Deshalb ist auch hrüeven für gehr. 
1, 2, 9 nicht nötig, auch das von Meissner ausgeworfue gröziu 1, 5, 7 möchte ich 
nicht entbehren und ziehe deshalb Bartschs lesung vor. 10 refr. stimme ich Neu- 
manns lesung s. 51 bei: Vor minneschricJcen ich Mich tüchen als ein cnte sich. — 
Ganz verkehrt ist die änderung in dem refrain des 12. licdcs: Vroelicher sunnen- 
tac Böse in süczem touioe Ich iiich {dich C) wol geliehen mac; geliehen mit dem 
blossen objectsaccusativ ohne dativ = „etwas gleich stellen, vergleichen" ist uner- 
hört, und das bcispiel, mit welchem Meissner diesen unmöglichen Sprachgebrauch 
belegen will (ir lön ich niht geliehen Ican HMS 1 , 109 ^ 4 , 2 , 3) wirkt komisch 
genug, wenn man seine richtige Übersetzung daneben liest: „Ihrem lohne kann ich 
nichts als ebenbürtig an die seite stellen" (s. 78). Solte Meissner wirklich trozdem 
nicht gemerkt haben, dass hier lön dativ mit elidiertem e und niht objektsaccusa- 
tiv ist? — 7, 1, 3 schreibt Meissner mit v. d. Hagen saeldaerin, das würde heis- 
son „beglückerin", C sclireibt aber selderin, und das ist hier allein am platze, 
wenn es auch sonst mhd. nicht belegt ist: selde ist ein kleines bauernhaus, sclder 
ein hausier mit wenig oder gar keinem ackerboden, der auf tagelohn ausgeht 
(Schmeller, Bair. Wb. ^ II, 268 fg.), das feraininum dazu selderin ist eben durch 
unsre stelle belegt. — Zu 7, 2, 8 fg. : Nu nimts üf die heide ir ganc In des Meien 
kleiden- bemerkt Meissner s. 67 : „ Das ist sinlich empfunden vgl. Hadloubs klage 
über die Winterkleider EMS II, 300a, 41, 4, 1 fgg." Diese beziehung auf Hadloub 
zeigt, dass er kleider im eigentlichen sinne verstanden wissen will, als die kleidcr 
des mädchens, welche im frühling leichter und luftiger sich dem körper auch inni- 
ger anschmiegen und die reize der weiblichen formen schöner hervortreten lassen. 
Dann müste es aber in des Bleien kleidern heissen, Avodurch sich eine nachlässig- 
keit des reimes {: leider) ergäbe, die man Steinmar wol zutrauen dürfte, die aber 
unter den ungenauen binduugen s. 24 aufzuführen gewesen wäre. Es ist indess 
noch eine andere auffassung möglich: als des Bleien kleider wird 3,1,7 das grün 
auf heide und au bezeichnet, ähnlich ist des Bleien ioät 1, 1, 5; so nent auch Win- 
terstettcn HMS II, 164 a, 99 das frühlingsgrün des Bleien kleider, und dies bild 
kehrt bei den rainnesiugern sehr häufig wider (vgl. Uhland , Schriften V, 135). Dann 
wäre an unserer stelle in des Bleien kleider einfach ein synonym für iif die heide, 
was natürlich voraussezt, dass das bild bereits wieviele andere zur formelhaftigkcit 
erstart ist, denn als anschauung ist es hier nicht mehr vorzustellen. — 13, 2, Ifgg.: 
Sist so gar nach ictinsche ein loip, Swenne ich schoutve ir loerden lip, Herre des 
Grales waene ich sin; Ich bin so vrüuden riclie, Daz man in der vröude tool 
Bämite übergidden sol. Hierzu gibt Meissner folgende anmerkung (s. 81): „2, 4 — 6 
ist in der Überlieferung unverständlich. Vielleicht ist zu lesen: als man iender 
vröude wol Bämite üiergidden sol, „wie mau überhaupt jeder freude erst durch 
das glück, welches weiberschönheit gewährt, die kröne aufsezt"." Diese lesung 
ist aber unmöglich einmal wegen der ankuüpfung mit als, weil das voraufgehende 
so entschieden ein daz verlangt, dann wegen des ganz beziehungslos dastehenden 
dämite, denn nach Meissners Übersetzung geht kein Substantiv vorher, welches 
durch dämite passend vertreten sein könte. Ich möchte mit geringfügiger änderung 
der Überlieferung vorschlagen: daz man in, der vröuden vol, dämite über gülden 
sol. Das substantivum vol ist nun zwar ein ungewöhnliches wort und nur aus des 
Heinrich von Neueustadt gedichte „Von Gottes Zukunft" v. 2890 zu belegen. Aber 
Steinmar liebt ja den gebrauch seltener wörtcr (vgl. schochen 1, 3, 7. erlechen 
1, 3, 8. lecken 1, 4, 7. erstummen 1, 4, 9. selderin 7, 1, 3. hroz 10, 1, 5. ^vie' 



120 BERGER 

gcUnäe 11, 3, 11), und der sinn fügt sich so der Strophe trcflich ein: „Sobald ich 
sie in ihrer Schönheit vor mir sehe, ist es mir, als ob ich des Grales herr sei; ja 
ich bin so reich mit freuden gesegnet, dass man ihn (den Gral), der doch die erfül- 
luiig, der inbogriir der freuden ist, mit der fülle meiner freuden {dämite) noch 
überbieten, noch in schatten stellen kaim." 

Drei strophen erklärt Meissner für unecht, zum teil ohne genügende gründe. 
Was die vierte strophc des horbstliedes angelit, so ist auf den vierfachen auftakt 
gar kein gewicht zu legen; die „unsägliche ungeschickthoit" und „Schwerfälligkeit" 
der aneinandergereihten consecutivsätzc (vgl. s. 49) leuchtet mir durchaus nicht ein: 
ich erblicke vielmehr in dieser häufung des gleichartigen eine höchst eindringliche 
Steigerung von wirksamster komik, die Völlerei eines schwülen Zechgelages treflich 
malend. Zu einem solchen gehört natürlich ein guter bissen , danach verlangt die 
folgende strophe: und wie hier der dichter abwechselnd auf essen und trinken zu- 
rückkomt, finde ich höchst charakteristisch. Wieso der schluss der fünften strophc 
den beginn des zechens andeuten soll (Meissner s. 50) , verstelle ich nicht. — 
Ebenso wenig kann ich der Verwerfung von 4, 4 zustimmen, einer strophe, die 
Meissner s. 60 für trocken und inhaltslos erklärt. Für mein gefühl spricht aus die- 
ser strophe eine feine ironie : in der leidenschaftlichen bogehrlichkeit, mit der Stein- 
mar nach dem vorenthaltenen minnelohn verlangt, in seiner zulezt sich in höchst 
drastischer weise luft machenden Ungeduld liegt für die feine höfische empfindung 
etwas verletzendes, darum drängt er jezt die unbedachtsam hervorbrechende sinlich- 
keit seiner natur in die schranken gemessener höfischer site zurück, doch nicht 
ohne ein recht spöttisches gesiebt zu machen: „aber sie hat doch wirklich ganz 
vortrefliche eigenschaften, Schönheit und ehre und tugend und was des Wunsches 
ziel ist, darum wünscht mir alle, dass ich noch wol mit ihr fahre!" — Mit der 
ausscheidung von 7, 5 wird Meissner jeder recht geben: diese strophe fält in der 
tat ganz aus dem ton dieses übermütigen liedes heraus. 

Die anmerkungen Meissners sind mit umsieht und Sorgfalt zusammengetragen 
und bekunden Vertrautheit mit den minnesingern. Zu den beigebrachten parallel- 
stellen aus lezteren Hessen sich zwar zahlreiche nachtrage geben, aber ich verschiebe 
das auf eine andere gelegenheit, um ein paar bemerkungen anzuknüpfen, die mir 
nicht minder wichtig scheinen. 

So vermisse ich eine erklärung der verse 1, 4, 6 fg.: imt daz der man 
erswitze, Daz er loaene, daz er vaste lecke. Hier ist offenbar lecken in einem 
sinne gebraucht, der sonst im mhd. nicht begegnet. Es stelt sich zu obd. lecken, 
zu leck und lechzen usw., bedeutet also eigentlich „durch austrocknen risse bekom- 
men" und an unsrcr stelle geradezu „platzen, bersten." — Entgangen ist dem Ver- 
fasser ferner der auffallende gebrauch von erstummen 1, 4, 9: Erstumme ich von 
des whies kraft Wäfen! so giuzinmich, ivirt, durh gcscUeschaft. Mit der gewöhn- 
lichen bedeutung (ohmutescere) komt man hier nicht aus, der Zusammenhang for- 
dert einen weiteren sinn, etwa „erlahmen, matt werden", denn der gegcnsatz ist 
doch: „wenn ich nicht mehr fähig bin den becher zu heben, dann sei du so freund- 
lich und giessc mir den wein in die kehle." Diese bedeutung ist nun zwar in den 
Wörterbüchern nirgends belegt, aber auch in einem spruche des Meissners HMS. 
108a, 122 reicht die übliche bedeutung von erstummen und stum nicht aus: er 
klagt dort über die kargheit der edelleute die vcrschopfent ir ören hol sine tvellcn 
tveder sehen noch hoeren; sam die tören Gebär ent si: we den kobolden die alsus 
er stummen! Mir ist ein hiilzin hischof lieher dan ein stummer herre der niht git 
durch crc. Hier geht erstummen und stum nicht nur auf die Sprachlosigkeit, son- 



ÜBER STEINMAE ED. MEISSNER 121 

(lern zusammenfassend auf das fehlen der sinne üLerhauiit, auf die algemeine teil- 
uahmlosigkeit. Zu beachten ist die vcrwantschaft mit stemmen, das auf die Wur- 
zel stam zurückführt und „ einhält tun " bedeutet. Unter die gleiche wurzel fält 
ungestüeme = „was niciit aufzuhalten ist, stürmisch"; hessisch stummen heisst 
„aufhalten, am weitergehen hindern" (Yilmar, Idiotikon von Kurhessen 405). Die 
grundbedeutung von stum, stummen ist also offenbar „gehemt, unfrei also unfähig 
sein", erst später wurde die bedeutung auf das gehemtsein, unfähigsein in der rede 
eingeschränkt, ebenso bei stamehi. Soviel ich sehe ist auch s<«;k mit seinen anver- 
wanten in der älteren zeit gar nicht oder selten absolut gesczt, sondern zumeist 
mit einer näheren bestimraung wie „zunge, rede, mund" u. dergl. versehen. Solto 
leztero behauptung näherer prüfung nicht stand halten, so verweise ich auf den 
lehrreichen aufsatz J. Grimms über „Die fünf sinne" (Ztschr. f. d. A. VI, 1 fgg.), 
wo an einer fülle von beispielen dargetan wird, wie wenig die alte spräche in der 
bezeichnung der sinnestätigkeiten sich beschränkung auferlegte, vielmehr ihre 
bezeichnungen mannigfach durcheinander brauchte. Manchen mundarten fehlt für 
einzelne sinne die bezeichnung völlig und die einer andern muss an ihre stelle tre- 
ten, ja oft genug werden solche bezeichnungen mehrdeutig verwant. So mehrdeu- 
tig war aber auch stum , das geht deutlich hervor aus Diefenb. gl. 391, wo obtu- 
sus u. a. verdeutscht wird: stum, stum von synden, stume. 

Falsch aufgefasst hat Meissner s. 57 die verse 2, 3, 6: als ein sele von der 
rvize, Diu ze himelrtche sol. Denn wise bedeutet hier nicht die weisse färbe, son- 
dern die strafe des fegefeuers: „ich werde frei von allem kummer und freudenvoll, 
wie die seele, die zum hiramel fliegt, frei wird vom fegefeuer." — Erwähnen will 
ich noch , dass die litteratur nicht genügend ausgenuzt wurde : so war zu 1', 1,7 
einfach auf den aufsatz von Schulze, Ztschr. f. d. A. VIII, 376 zu verweisen, auch 
Erich Schmidts Eeinraar v. Hag. u. Heinr. Rugge wäre u. a. zu 3 , 2 , 5 fgg. zu 
eitleren gewesen, ebenda Wilmanns Walther 74, 15. Die beiden aufsätze von Leh- 
feld (rBr. Beitr. II , 345) und Gottschau (ebda VII , 335) , die mehrfach herbeizu- 
ziehen waren, scheint Meissner nicht zu kennen. Das zu 1, 1, 7 angeführte ttfci 
amoi' ihi miseria gravis CB 82, 4 ist durchaus nicht spöttisch gemeint, sondern 
einfach Übersetzung des alten Spruches liep äne leit mac nilit gesin. — Über Gebe- 
tvin 1, 2, 5 hat sich Meissner nicht näher ausgesprochen, sehr ansprechend ver- 
nmtet Neuraann s. 87 darin den namen eines lateinisch dichtenden vagierenden 
klerikers. 

Schliesslich macht auch Meissner den versuch die gedichte Steinmars chro- 
nologisch zu ordnen. Tritt er auch hier (vgl. s. 99) um vieles bescheidener auf als 
Neumann, der aus den 14 erhaltenen liedern kühnlich einen „Entwicklungsgang (!) 
des dichters" construiert, so scheint mir immerhin sein verfahren noch zu vor- 
schnell. Wie wenig hier auf nur einigermassen sichere ergebnisso zu rechnen ist, 
wird am besten aus einer gegenüberstellung der von Neumann und Meissner gewon- 
nenen chronologischen Ordnungen deutlich: 

Neumann: 2. 12. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 13. 11. 14. 1. 
Meissner: 2. 3. 6. 12. 10. 13. 9. 4. 1. 11. 14. 7. (5. 8.) 

Burdachs schrift über Eeinmar und Walther bezeichnet bekantlich einen Wen- 
depunkt in unsrer auffassung des minnesangs. Fast fürchte ich aber, dass neben 
der heilsamen anrcgung, die von diesem gedankenreichen buche ausgegangen ist, 
auch jene wenig erfreuliclie Wirkung nicht ausbleiben werde , die jeder bahnbrechen- 
den Schöpfung zu folgen pflegt: die geschäftigkeit eilfertiger nachtreter, die den 
mühsam errungeneu gewinn bedächtiger forschung flugs zur formel erheben , nach 



122 BERGER, ÜBER STEINMAR El>. MEISSNER 

der dann die eigenen aufgaben ähnlicher gattung mit behagen verarbeitet werden. 
Zahlreiche monograpbieen über uiinncsänger stehen uns noch bevor: hoffen wir dass 
sie nicht alle zu ihrem schaden diesen weg betreten. Damit soll selbstverständlich 
nicht geleugnet werden, dass da, wo überliaupt in einem dichter verschiedene rich- 
tungen zusammentreffen, die befangenheit in den traditiouen des couventionellen 
rainnesanges die naturgenuisso Voraussetzung zu freierer, selbständiger bewegung 
ist: nur soll man sich hüten hier, zumal bei begrenztem material, zu sicher aufzu- 
treten und mehr wissen zu wollen, als man wissen kann. Und von diesem Vorwurf 
ist auch Meissner, noch weniger freilich Neumann , nicht freizusprechen. Steinmars 
lieder der höheren rainne enthalten abgesehen von 2. 3 und 6 sämtlich satirische 
oder parodistische elcmcnte: keins von ihnen will ernst genommen sein. Da mich 
eine eingehende erörterung hier zu weit führen würde, nenne ich nur die in betracht 
kommenden stellen: 4, 4 und 5. 9,3. 13, 1 und den refrain von 2 und 3, der 
zu dem inhalt dieser Strophen in lächerlichem gegensatze steht. 12, 4 und 5. Bei 
diesen vier liedern eine reihenfolge festzustellen ist also ganz unmöglich: die Stel- 
lung zum conventioneilen minnesang ist überall die gleiche, und der unbefangene 
findet auch in der handhabung des technischen nirgends einen anhält. Bei dem 
fünften xmd achten liede verzichtet Meissner auf eine genaue einordnung und die 
lieder der niederen rainne 11. 4. 7 ordnet er so nach einem sehr unsicheren gesichts- 
punkt, indem er alle drei auf das gleiche liebesverhältuis bezieht. Dass die lieder 
2. 3. 6 ganz im conventioneilen tone gehen muss man Meissner zugestehen; mög- 
lich auch, dass sie zu Steinmars ersten versuchen gehören, worauf die einfachheit 
der strophischen form zu deuten scheint. Warum soll aber ausgeschlossen sein, 
dass er auch später wider auf den alten ton zurückgekommen ist, wie wir dies z. b. 
von Neidhart bestimt wissen? Auch die Stellung des herbstliedes nach dem vierten 
entbehrt einer triftigen begründung. Ich meine also, dass ein fortschreiten Stein- 
raars von der angelernten höfischen tradition zur Opposition gegen dieselbe und 
schliesslich zur verherlichung der sog. niederen minne wol wahrscheinlich, dass es 
aber mit hilfe des uns erhaltenen materials unmöglich zu beweisen ist: jedenfals 
ist dies der schwächste teil der im übrigen verständigen und sorgfältigen arbeit 
Meissners. 

Nicht verschwiegen darf schliesslich werden, dass das äussere der kleinen 
schrift keineswegs einen vorteilhaften eindruck macht. Einmal ist sie nicht gehef- 
tet, dann ist der druck recht unübersichtlich: alles ist ohne jeden grund in lauter 
kleine absätze zerrissen, sodass man mühe hat das zusammengehörige zu über- 
blicken, auch ist nirgends darauf bedacht genommen, citate oder besprochene Wör- 
ter u. dcrgl. durch den druck gleich kentlich zu machen, ein Versäumnis, das zu- 
weilen zu mehrdeutigkeiten anlass gibt (vgl. „scheint ein noch hinter mich aus- 
gefallen" s. 81). Auch die correctur lässt zu wünschen übrig: ausser den oben bei 
besprechung des textes angeführten sind mir noch folgende druckfehler aufgestossen : 
S. 5 z. 13 lies Steimar. S. 9 1. 3IS IV, 469. S. 11 z. 1 lies Ilecr. S. 14 unten 
1. Beziehungen Rudolfs. S. 34 1. eitte ahtceichende V. S. 61 oben 1. der Umstand. 
S, 71 u. 1. adamas. S. 86 1. Himmelreich. S. 99 u. 1. zu sein. 

LEIPZIG. ARNOLD E. BERGER. 



SEEMÜLLEU, ÜBER LORENZ, HEINR. V. MELK 123 

Dr. phil. Ottomar Lorenz, Diakonus an der Regler Kirche und wissen- 
schaftlichfir Lehrer an der höheren Töchterschule zu Erfurt, 
Heinrich von Melk, Der Juvonal der Ritterzeit. Halle, Max Niemeycr 
1886. 78 s. 8«. M. 2. 

Diese kleine schrift ist durch Wilmanns bekante hypothese veranlasst; ihr 
kern ist der versuch eines beweises , dass die theologischen und geschichtlichen 
Voraussetzungen der erinnerung und des priesterlebens einzig und allein auf das 12., 
nicht aber auf das 13. noch das 14. Jahrhundert passen. Zugleich aber versucht der 
Verfasser eine selbständige Zeichnung der litterarhistorischen erscheinuiig des dichters. 
Die äussere form der arbeit ist die einer wissenschaftlichen Untersuchung, 
ihrem gehalt nach nimt sie etwa den rang eines Vortrags ein, der vor unterrich- 
teten Zuhörern gehalten das durch die forschung anderer sicher gestelte zusammen- 
fassen und hier und dort durch neue kombinationen des bekanten einzelnes in neue 
beleuchtung stellen will. Ich wünschte , der Verfasser hätte diesen Charakter seiner 
schrift selbst erkant und betont: der masstab der beurtcilung wäre dann ein ande- 
rer geworden, und die germanisten hätten mit ungemischtem vergnügen dem theo- 
logen, der so geUrct was, daz er an den buochen las, stvenner sine stunde niht 
baz beivenden künde (so sagt er selbst von sich), für das Interesse danken können, 
das er den gegenständen ihrer forschung und dieser selbst entgegenbringt. 

Schriftstellerisches geschick besizt der Verfasser gewiss. Das zeigt sich am 
deutlichsten in dem abschnitt (7 — 40), der Heinrichs Verhältnis zu den theologi- 
schen und kirchlichen fragen und bewegungen der zeit schildert. Er zeichnet gut 
die algemeinen kirchlichen Verhältnisse des 12. Jahrhunderts, in diesen rahmen 
fügen sich die beiden gedichte, die grenzen des bildes werden durch gegensätze 
geschärft — Zeichnung der zustände im 11. einerseits, im 13. und 14. Jahrhundert 
andrerseits. Dankenswert und in diesem umfang neu ist die heranziehung der 
ablassfrage s. 15 fg. ; in der darstelliing der ansichtcn Heinrichs über den coelibat 
durfte nicht so stark betont werden, dass die polemik des dichters sich hauptsäch- 
lich gegen die priosterehe richte: es steht für ihn — wie der Verfasser selbst s. 28 
liervorhebt — bereits ganz fest, dass priester nicht heiraten können. 

Zu dieser Zeichnung der Zeitverhältnisse schöpft Lorenz die quellen fast 
durchweg aus zweiter band, vornehmlich aus Gieselers grosser kirchengeschichte 
und aus Heinzeis einleitung und anmerkungen. Er stelt s. 6 — mit einigem Selbst- 
gefühl, wie mich bedünkt — seine aufgäbe dar: „die feststellung der tendenzen 
des dichters, das eingehen auf den geist, der durch die dichtungen weht, die repro- 
duktion des ideenkreises , der sie beherscht, und eine Untersuchung darüber, in 
welche zeit diese tendenzen, dieser ideenkreis und dieses geistige gesamtgepräge 
hineingehören." Andere mischten die färben , er will malen. Ich weiss nun nicht 
— und werde noch darauf zurückkommen — ob der Verfasser sich bewusst ist, in 
wie hohem grade seine grosszügige Schilderung von Heinzel abhängig ist. Dabei 
ist aber ärgerlich und belustigend zugleich der gegensatz , in den er seine arbeit 
zu Heinzeis ausgäbe stelt. Heinzel, sagt er s. 6, kurz vor jener ankündigung sei- 
ner absieht, „sucht als echter philologe nach wortanklängen und gelehrten notizen, 
erschwert deshalb das Verständnis und den überblick über seine gelehrte mosaik- 
arbeit und hat dabei doch nicht so viel material auffinden können, um Wilmanns 
zweifei unmöglich zu machen." Lassen wir das leztere dahingestelt sein — jedes- 
fals hat der „echte philologe" diesmal dem theologischen nicht- philologen die quel- 
len geboten, hat ihm die grundzüge der Stellung Heinrichs zur simonie, zur coeli- 
bats-, zur abendmahlsfrage vorgezeichnet. Das bild, das Lorenz darnach entwarf, 



124 SEEMÜLLER 

ist bequemer zu überschauen, denn die merknialc der forschung, welche das des 
Vorgängers trägt, sind abgestreift; dieses aber — ganz abgesehen davon, dass es 
das grundlegende, echte ist — wirkt überzeugender, denn es war aus den quellen 
genommen. Lorenz kann Heinzeis mothode gar nicht crkant haben , welche mit 
strengster zucht die godichte Heinrichs aus ihren Voraussetzungen zu erklä- 
ren suchte. 

Und jenem wort vom „echten" philologen mag der Verfasser es zuschreiben, 
wenn ich hier stärker, als ich es sonst getan hätte, hervorhebe, dass dort, wo er 
in seiner arbeit eigentlich philologische dinge zu behandeln versucht, sich die 
Unzulänglichkeit gelegentlichen und skizzenhaften herausgreifens dieses und jenes 
merkmals sehr deutlich kundgibt. 

In dem bereits erwähnten kirchengeschichtlichen abschnitt wird auf die stark 
hervortretende hochschätzung des priestertums hingewiesen, ein „hochspannen des 
])riesterlichen begrifs, wie es uns nur im 12. Jahrhundert entgegentritt." Es wird 
Bernhard v. Clairveaux citiert, der das unvergleichliche machtbefugnis der priester 
darin sieht, dass sie Christi fleisch und blut konsekrieren, verwanto stellen Hein- 
richs werden angezogen: der priester wandelt gottes leib, eugcl dienen bei der 
messe. Solche äusserungen sind an und für sich für das 12. Jahrhundert nicht 
beweisend : sie sind traditionell geworden , auch viel spätere gedichte belegen sie, 
z. b. Winsb. 7, 5 fgg. , Helbl. II, 846 fgg., Lassberg LS. II, nr. CI, 37 fgg., Keller 
Erzz. (Stuttg. litt. Ver. 35) s. 57 fgg. , s. 65 fgg. ; das motiv von der anwesenheit 
der engel z. b. auch in den zwei ersten gedichten von der Würdigkeit der priester 
Haupts ztschr. XVI , 467 fgg. , als hauptstoff und in novellistischer cinkleidung in 
dem bereits genanten gedieht Keller a. a. o. s. 57 fgg. Auch für die behandlung 
der abendmahlsfrage wäre für Lorenz, der ja die späteren gestaltungcn der betref- 
fenden Zeitströmungen einbezieht, die bearbeitung des Stoffes in allen drei gedich- 
ten von der Würdigkeit der priester und in den beiden Kellerscheu stücken nicht 
unwichtig gewesen. Namentlich durch die lezteren, zu denen Renner 2812 fgg. zu 
vergleichen , wäre — da sie mehrfach stofliche berührungen mit Heinrichs gedichten 
aufweisen — der gegeusatz der zeiten deutlich geworden. 

„Heinrich , der gelehrte und auf seine gelehrsamkeit nicht wenig stolze Sati- 
riker, würde im 14. Jahrhundert lebend, vor allem die Unwissenheit der geistlichen 
getadelt haben" s. 13. Aber schon am aufang des 13. klagt der raassvoUe Thoma- 
sin über die bischofe, die, selbst unfähig zu predigen, auch die nicht unterstützen, 
die es lernen wolten: sie sollen so unwissend bleiben, wie sie selbst es sind. 

Hie und da trägt Lorenz mit grosser Sicherheit und Unbefangenheit neue 
])hilologischc dcutungen vor: die arme tagcivnrche Erg. 320 soll nicht eine arme 
tagelühnerin schlechthin sein, sondern der dichter nenne die unadeligen frauen über- 
haupt „despektierlich" tageiourchen s. 60; diese nun „behängten sich, als ob die 
kleidung desto besser stehe, je reicher sie sei" {sam daz riche al deste baz ste 
Erg. 326)! Prl. 176 wird s. 29 ganz misverstanden, Prl. 542 (s. 14) ohne rücksicht 
auf den Zusammenhang misdeutet. Erg. 400: man vindet da {ze Börne) dchain 
Zuversicht rechtes noch genäden: „man sieht dort nicht auf recht noch auf gnade 
(sondern nur auf bereicherung)" s. 44. Aus der stelle Prl. 643 stvelhiu unsc/rm Mr- 
ren sinen dienstman yerüret üz dem rehten loege zieht Lorenz in seltsamem, syn- 
taktischem misverständüis den satz: „Der priester ist unserem herren sin dienst- 
man^^ s. 10. 

Der mangel eindringender Untersuchung kenzeichnet besonders die beiden 
kapitel über den ort der dichtung und den dichter. Alles wesentliche war von Hein- 



ÜBER LORENZ, IIEINR V. MELK 125 

zel gegeben: das benuzt Lorenz in volstem masse ohne irgendwie genügend den 
grad seiner abhängigkeit von seinem Vorgänger anzudeuten. Dass Heinrich ritter- 
lichen Standes, laienbruder in Melk gewesen, dass ihn üble familienverhältnisse ins 
kloster getrieben , dass er vielleicht kindesundank erfahren hat , usw. — all das 
\\ird so vorgebracht, als ob es Lorenz' eigenste entdeckungcn wären. So gehörte 
auch früher die s. 38 fg. — mit emphase — vorgetragene dcutung des scheinbaren 
Widerspruches zwischen Erg. 172 fgg. und Prl. 358 fgg. Heinzel an. Hier und dort 
wird versucht, die Zeichnung Heinzeis gerade in jenen details auszuschmücken, die 
nach dessen eigenem urteil nur auf einen grösseren oder geringeren grad der Wahr- 
scheinlichkeit anspruch machen können: und auch da stüzt sich Lorenz wider auf 
abgeleitete quellen. So wird s. 52 fg. ein längerer abschnitt aus Mabillon über die 
geschichte Mclks citiert , und aus der notiz , dass Babenberger raarkgrafen in Melk 
begraben sind, schliesst Lorenz in raschem flugc, dass die feierlichkeiten zu markgraf 
Leopolds IV. begräbnis 1141 dem verbitterten Melker laienbruder, der sie mit ansah, 
die stellen Erg. 566 fgg. , 584 fgg. , 570 fgg. eingegeben haben : bei etwas ruhigerer 
nachforschung hätte er gefunden, dass Leopold IV. gar nicht in Melk, sondern in 
Heiligenkreuz beigesezt wurde. Irgend genauere kentnis der deutschen zeitgenös- 
sischen litteratur des Donauthals hätte ihn abgehalten, die einmischung einiger 
lateinischen phrasen, mit den werten zu charakterisieren: „Er wirft bisweilen, stolz 
auf seine kentnisse , mit lateinischen brocken um sich" s. 60. 

Um Heinrichs bibelkentnis zu erweisen, citiert Lorenz in vollem Wortlaut 
55 bibelstellen, von denen 46 bereits bei Heinzel nachgewiesen waren. Es hätte 
für seinen zweck an der nennung der sieben neuen, die er anzuführen vermag, 
genügt (denn Ecclesiastic. 47, 20 — Erg. 846 und Marc. 3, 29 — Prl. 1 passen 
nicht). Daran schliesst er „ein kurzes wort über Heinrich als dichter"; auf seine 
„von den philologeu angestaunte" (?) verskunst und den reim wagt er nicht einzu- 
gehen, aber nach der seite des witzes sei der dichter bisher noch gar nicht recht 
gewürdigt. Was er nun dazu beizutragen weiss , ist in unvolständiger , gelegent- 
lich hier und dort ein merkraal herausgreifender aufzählung nichts anderes , als was 
Heinzeis methodisch angelegte, scharf treffende beschreibung der poetischen eigen- 
tümlichkeit Heinrichs seit langem mustergiltig geboten hat. 

Philologische stegreifuntersuchungen taugen selten viel, am allerwenigsten 
auf einem gebiet, das ein „echter philologe" bereits bearbeitet hat. — 

Von den sonstigen neuen deutungen einzelner stellen trift zu die erklärung 
der mouchelcellen Prl. 54 (vgl. diese ztschr. XIX, 370) und verdient nähere erwä- 
gung die s. 42 fgg. gegebene, welche sich auf Erg. 398 fgg. [Börne, aller tcerlde 
houptstat, diu hat ir alten vaters nicht) bezieht. Übereinstimmend mit Wilmanns 
i'asst er den Wortlaut als anspielung auf eine abwesenheit des papstes von Rom auf. 
Insoweit habe ich nichts einzuwenden (vgl. diese ztschr. XIX, s. 373). Aber Lorenz 
.sucht beziehungen auf die unter einüuss der lehren Arnolds von Brescia entstandene 
republikanische bewegung in Eom, während welcher Lucius IL seinen tod ündet 
und sein nachf olger Eugen III. 1145 aus Rom sich flüchtet. Es sei eine zeit 
geschildert, „da in Rom eine neue Jugend die Staatsinstitutionen, die alte Verfas- 
sung über den häufen warf" (— 395 verboeset ist diu niive jugent — ) , „die kirch- 
lichen gnaden verachtete und den papst vertrieb" (— 400 man vindet da deliain 
Zuversicht rechtes twch (jenäden — ) , „während ehre , zucht und tugend untergiengen 
und die habsuclit triumphierte" (— 396 fg. ere zucht unt tugent, die nigent sam 
tiinb ein rat — ). Man sieht, dass Lorenz jene bestimte beziehung nur gewinnen 
konte, indem er den ganzen Zusammenhang der stelle 398—434 samt ilirer einlei- 



126 SEEMÜr-LEK, ÜBER LORENZ, HEINR. V. MELK 

tung 378 — 397 ausser acht liess: sie ist „ein rekapitulierender schluss der einlci- 
tung" (Wilmanns) — „die ganze weit, priester und laien liegen im argen" (Hein- 
zel); und insbesondere die zz. 395 — 397 haben algemeinen, auf alles folgende 
deutenden sinn , dürfen also nicht auf den ersten einzolfall 398 fgg. bezogen werden ; 
damit verliert die hvpotlieso ihre hauptstütze (ihr zu liebe war auch 400 fg. mis- 
deutet worden). Sie solte zwar durcli die phrase aller werlde houptstat begründet 
werden, und Lorenz zog die stelle aus dem briof der aufständischen Kömer an 
künig Konrad heran, in welchem sie ihm die rolle eines alten römischen Imperators 
antragen; . . potenter in urbe, quae Caput mundi est, ut optamus, hdbitare , toti 
Italiae ac regno Teutonico omni . . . dominare valebitis (Lorenz s. 45). Aber hier, 
wie auch sonst mehrmals, begegnet es ihm, einen sprichwörtlich algemoin verbrei- 
teten ausdruck in prägnantem sinne zu nehmen (vgl. s. 58 über Erg. 943 , s. 75 
Prl. 552 u. a.). 

Die art der historischen anspielung, die Lorenz in die stelle hineinlas, nötigte 
ihn die abfassungszeit möglichst nahe an 1145 zu rücken. Die andere grenze bil- 
det er sich mittelst eines argumentum c silentio daraus, dass der dichter nicht 
vom kreuzzug Konrads spreche: beide gedichte seien daher vor 1147 verfasst. Ich 
brauche nicht zu sagen, dass dieser beweisgruud — an sich notdürftig — noch 
weniger gegen die geltende ansieht Heinzeis (1159 — 1163) oder gegen deren nähere 
begrenzung (um 1161), die ich in dieser ztschr. XIX, 373 zu begründen versuchte, 
verwendet werden kann. 

Lorenz' arbeit ist demnach in jenen teilen von einigem wert, wo sie Hein- 
richs Stellung zu den kirchlichen Verhältnissen und theologischen fragen der zeit 
erörtert: sie wendet sich hier glücklich gegen Wilmanns und erweitert das durch 
Heinzeis forschung vorgezeiclmete bild durch heranziehung der späteren zustände. 
Das übrige — Charakterisierung des dichters, der lokalfarbe seiner dichtungen — 
ist von wissenschaftlichem Standpunkte teils verfehlt, teils überflüssig. 

WIEN, 5. JAN. 1887. JOSEPH SEEMÜLLER. 

Seifried Helbling. Herausgegeben und erklärt von Joseph SeeinüIIer. 
Halle , Waisenhaus 1886. VIII , CX und 392 s. 8«. 8 m. 

Der Verfasser dieser schätzenswerten neuen ausgäbe des sogenanten Seifried 
Helbling hatte schon 1882 in seinen „ Studien zum kleinen Lucidarius " (Wiener 
Sitzungsberichte band 102, 5G7 — 674. Wien, Gerold in com. 110 s.) seine einge- 
hende beschäftigung mit diesem wertvollen satirischen werk des ausgehenden 13. Jahr- 
hunderts dargetan. Nun hat er seine Untersuchungen , welche vorher nur den klei- 
neren teil der gedichte betrafen, auf alle ausgedehnt und eine ausgäbe des bisher 
nur durch den abdruck von Karajan (Ztschr. f. d. a. 4, 1 — 241) zugänglichen gan- 
zen Werkes veranstaltet. Die ergebnisse der ersten arbeit sind natürlich hier ver- 
wertet, und mit berücksichtigung der erschienenen kritiken in der einleitung reca- 
pituliert. Alzu conservativ scheint mir Seemüller darin verfahren zu sein, dass er 
im titel den namcu Seifried Helbling und in der ausgäbe die alte bezifferung 
der gedichte ohne weiteres beibehielt. Jener , auf einer ganz unzureichenden 
begründung Karajans beruhend, welcher in dem namen des spielmanns (XIII. ge- 
dieht) den des Verfassers zu erkennen glaubte , ist längst durch Martin zurückgewie- 
sen. Seemüller sucht den wohnsitz des unbekanten ritterlichen dichters, der um 
1240 geboren war, in der Zwettler gegend, also auf dem linken Donauufer in Nie- 
derösterreich. Er stelt in dem I. teil der einleitung das wenige zusammen, was 
sich aus den gedichten über ihn ausmachen lässt, und sucht eine Charakteristik 



KINZEL, Ü13ER HELBLING ED. SEEMÜLLEE 127 

desselben zu gewinnen. Der II. abschnitt handelt von der Chronologie der gedicht- 
samlung, in welcher der Verfasser, wie er schon in den „Studien" begründete, erheb- 
lich von Karajan abweicht. Eine richtige anordnung ermöglichten „einerseits stel- 
len, welche unmittelbar auf die abfassuugszeit des betreiteuden stückes schliessen 
lassen, andrerseits die eutwickluug des Lucidariusmotivs, jener rahmenerfindung 
vom gespräch zwischen dem herrn und knappen und ihrem gegenseitigen Verhältnis." 
Danach ist die reihenfolge, welche im wesentlichen mit Martins früheren ausfüh- 
rungen stimt: 14 (1282 — 83), 5 (86), 6 (91), 13 (91?). Lucidarius; 1 (1291), 2 
(92 — 94), 3, 4 (96 — 98), 15 (nach 91), 8 (99); 9, 10. — 11. 12. 7. Die nähere 
begründung dieser anordnung hat Seemüller in den Studien gegeben; hier recapitu- 
liert er ergänzend und verteidigt dieselbe besonders gegen Lambels ausstellungen, 
uud zwar mit erfolg; es handelt sich vornehmlich um die einfügung von nr. 9. 10 
an den schluss der Lucidariusreihe. 

Im III. abschnitt wird gezeigt, dass zwar die alten höfischen Überlieferungen 
auf erziehung und bildung des dichters noch eingewirkt haben , er aber kein höfi- 
scher dichter war und der stil seiner gedichto weit vom höfischen entfernt ist. Es 
liegt das natürlich im stoff derselben gröstenteils begründet, für die er seine Vor- 
bilder in andern Sphären suchen muste, soweit solche überhaupt schon zu finden 
waren. In feiner, sich woltuend von der landläufigen mechanischen abhebenden 
weise deckt der Verfasser die litterarischen beziehungen auf, indem er für die ein- 
zelausführung auf seine anmerkungen verweist. Es will uns bedüuken als sei der- 
selbe im erweise von entlehnungen alzu vorsichtig gewesen. Der dichter gehörte 
doch der höfischen geselschaft an und stand der abfassuugszeit der ritterlichen epen 
noch so nahe, dass er sie gewiss oft vorlesen hörte. Das freilich ist eine nicht zu 
entscheidende frage, ob die epigonen in den einzelnen fällen absichtlich sich an ein 
grösseres Vorbild anlehnten , oder ob ihnen beim arbeiten unwilkürlich ein oft gehör- 
tes dichterwort, oder etwa ein algemeiner gedanke in Freidauks fassung, in die 
feder floss. 

Ebenso ansprechende und feine erwägungen und beobachtungen treten uns 
in der abhandlung über metrik und spräche entgegen. — Der lezte abschnitt betrift 
die Überlieferung der gedichte in den fragmenten (A) und der hs, 2887 der Wiener 
hofbibliothek (b). Die ersteren, teile des 15. gedichts enthaltend, werden noch ein- 
mal ganz abgedruckt. Zu welchem zwecke ist nicht recht erfindlich , da der her- 
ausgeber die Varianten unter seinem text mitteilt, ein abdruck von Karajan und 
eine collation von Lambel schon existieren. Die auf dem lezten bruchstück ausser- 
dem erhaltenen beiden gedichte werden mit recht dem Verfasser des Lucidarius 
abgesprochen. Eine ausführliche behandlung erfährt die hs. b. Es sind aber auch 
noch spuren einer dritten hs. vorhanden, welche der österreichische Staatsmann 
und gelehrte freiherr Eeichart Strein von Öchwarzenau (f 1603) benuzte. Seemüller 
hat diese mit grosser mühe weiter verfolgt und ist durch verwickelte Untersuchun- 
gen zu folgender geschichte der Überlieferung gelangt s. CVI : „Die gedichte waren 
zuerst einzeln im umlauf, die reste eines solchen einzelnen büchleins sind in A 
erhalten. Später wurden sie in gruppen vereinigt, und wenn die einleitung nicht 
schon kurz den Inhalt angab, mit aufschriften versehen. Eine solche gruppe bil- 
deten 1 und 2; mit ihr wurden später 3 und 4 (und 7 ??) zu einem ganzen ver- 
einigt. Eine ähnliche grössere gruppe war durch 8 — 14 gebildet. Wahrscheinlich 
wurden auch 5 und 6 gemeinsam überliefert. Nur die gedichte 15 und wol auch 
7 scheinen bloss in einzelexemplaren sich erhalten zu haben. Später wurden die 
saramelhefte, ferner ein exemplar von 7 und 15 — von leztcrem besitzen wir noch 



128 KINZEL, ÜBER IIELBLING ED. SEEMÜLLER 

die bruchstücke A — zusammengelegt, mit fortlaufender blattzählung versehen und 
von einem scbreiber des IG. jahrbunderts so copiert, dass die Zusammensetzung der 
vorläge ancb in der abscbrit't nocb gesehen werden konte. Diese bs. war jene, 
welche Keicbart Strein bQnuzte. Eine abscbrift aus ihr ist die Wiener lis. b." Über 
die art der textconstruktion gibt Seemüller am schluss auskunft. 

Auf 279 selten text, unter welchem sich die kritisclien anmerkungen befinden, 
folgen s. 283 — 378 erklärende anmerkungen, dann ein register der eigennamen und 
ein solches zu den anmerkungen, lezteres ziemlich beschränkt. Die anmerkungen 
hätten wir ausgiebiger gewünscht. Sie richten ihr augenmerk hauptsächlich auf 
das historische, wo zu den schätzenswerten vorarbeiten Karajans in Ztschr. f. d. a. 
vieles nachzutragen war, und geben hierin reichlich ausbeute. Die philologische 
Interpretation aber ist entschieden zu knapp gehalten und lässt auch denjenigen, 
welcher mit dem mhd. vertrauter ist, noch nicht zu einer ungestörten genussreichen 
lektüre gelangen. Wenigstens muste unaufgeklärtes und vorläufig uuerklärbares als 
solches bezeichnet werden, damit man die bckanten hilfsmittel nicht umsonst wälzt. 
Es würde zu weit führen, dies im einzelnen nachzuweisen. 

FRIEDENAU, 24. NOV. 1886. KARL KINZEL. 



Nachtrag zu s. 56. 

Die „Galora von Venedig", welche in einer späteren Umarbeitung erst 
1778 gedruckt wurde, gibt dem motive der feindlichen brüder eine neue wendung: 
die brüder sind nicht rivalen in der liebe, sondern der eine will den anderen vor 
einer misheirat bewahren. Der eiufluss der „Emilia Galotti" und noch mehr des 
„Julius von Tarent" ist in dieser späteren fassung deutlich. Flucht der liebenden 
nach Deutscliland hier wie dort besprochen; klosterscenen hier wie dort; die „Ga- 
lora" nonnenhaft wie Bianca im „Julius von Tarent." Aus dem einen banditen in 
Lessings „Emilia Galotti" werden hier drei. Der eine erhält den auftrag den car- 
dinal zu töten: „Wohl, Signora, wohl!" (vgl. Schillers Mohren). Er beruft sich, 
wie Lessings Angelo und Schillers Mohr, auf sein wort: „Auf meine Parole, Sig- 
nora! wir sind ehrliche Kerls." Er beschreibt, ähnlich wie Spiegelberg, eine scene 
im nonnenkloster : „Das war ein Geschrei, ein Gebete im Kloster, dass es ein Gau- 
dium war zuzuhören! Da lief eine Nonne wider die andere, schrie Mord! Mord! 
Helf uns Gott und seine Heiligen! Amen! Amen!" usw. Und Cosmus von Medici 
(wie Karl Moor in einer später weggelassenen scene der „Räuber") droht das klo- 
ster anzuzünden und die nennen zu verbrennen, weil sie zeugen der misheirat 
gewesen sind. Auch ähnliche Situationen wie in „Cabale und Liebe" finden sich: 
der cardinal lässt die unebenbürtige geliebte des bruders mit ihrer mutter durch 
einen deutschen ritter aus dem kloster aufheben, der brüder Garsias sezt sich zur 
wehre. Andere Übereinstimmungen ergibt das gemeinsame Vorbild des „Julius von 
Tarent." 

Von den älteren brudermordstücken ist die Alexaudrinertragödie Gaffer io 
(gedruckt im anhang zum ersten und zweiten band der Bibliothek der Wissenschaf- 
ten, Leipzig 1758) interessant: beide brüder lieben ein mädchen, welches als die 
von einem sklaven geraubte schwester der beiden brüder widererkaut wird; der 
jüngere brüder tötet den älteren. 

WIEN. J. MINOR. 



Halle a. S. , Buchdruckerei des Waisenhauses. 



VERBUM UND NOMEN IN NOTKERS DE SYLLOGISMIS, 
DE PARTIBUS LOGICAE, DE RHETORIOA ARTE, 

DE MUSICA. 

Dass die St. Galler Übersetzungen der Niiptiae des Capeila, der 
Kategorien und Hermeneutiken des Aristoteles und der De consolatione 
des Boetliius durchweg die gleichen laute und formen aufweisen, habe 
ich in der Zeitschr. f. d. Alterth. bd. 30 (1886), s. 295 fgg. , in der 
Zeitschr. f. d. Phil. bd. 18 (1886), s. 342 fgg. und in den Sitzungs- 
berichten der Wiener Akademie bd. 109 (1885), s. 229 fgg. nachgewie- 
sen, wo ich zugleich darlegte, dass die drei werke auch hinsichtlich 
des Wortvorrates in keiner weise geschieden sind. 

Mit diesen drei Übertragungen trift aber wider , sowol was laute 
und formen, als auch, was den wortvorrat anbelangt, alseitig und vol- 
ständig zusammen das deutsche in den abhandlungen De syllogismis,^ 
De partibus logicae,^ De arte rhetorica,^ De musica.^ 

1) Im codex C 121/462, fol. 28» — 49'' der Züricher wasserkirchbibliothek ; 
s. H. Hattemer, Deiikmahle des Mittelalters. St. Gallen. 3. bd. s. 541 — 559. 

2) 1. Im codex C 121/462, fol. 51*' — 54'' der Züricher wasscrkirchbibliothek 
= A. 2. Im codex 10664, fol. 64'' — 65* der kgl. bibliothek zu Brüssel = C; 
s. H. Hattemer, a. a. o. s. 537 — 540. 

3) 1. Im codex C 121/462, fol. 59* — Tl*" der Züricher wasserkirchbibliothek 
= A. 2. Im codex lat. 4621. Ben. 121 (236), fol. 47» — 75'' der Münchner hof- 
bibliothek = B. 3. Im codex 10662, fol. 58»— 60»» der kgl. bibliothek zu Brüssel 
= C; s. H. Hattemer, a. a. o. s. 560 — 585. 

4) 1. Im codex 242, fol. 5»— 8» der 8t. Galler stiftsbibliothek = D : s. H. Hat- 
temer, a. a. 0. s; 586 — 590.— Hattemer 589'' 24 — 590»' 35 auch 2. im cod. Gud. 72, 
fol. 48'' der herz, bibliothek in Wolfenbüttel = E; s. Schoenemann, Bibl. augusta. 
Helmstadii 1830 s. 22 und 3. im codex Paul. 1493, fol. 61 » — 61'*'' der Leipziger 
Universitätsbibliothek = F; s. bericht vom jähre 1836 an die mitglieder der deut- 
schen geselschaft usw. in Leipzig, s. 56 fgg. — 4. Hattemer 590» 22 | lichemo — 

590'* 2 uncle gib un. Daz, 590'' 13 diametrum — 590'' 34 er daz dritta 

auch im codex lat, 27300 (Nidermünster 23), fol. 75»'' der Münchner hofbibliothek 
= G; s. Ztschr. f. d. Alterth. bd. 8. s. 109 fgg.; Sitzungsberichte der kgl. bayr. Aka- 
demie. 1870. Bd. 1. s. 365. 529 fgg. 

Im Leipziger codex fol. 60»» — 60'''' ine. An demo regulari monoeliordo — — 
also oxüi iuiioro ena zuo nuaren. Dasselbe stück auch im codex lat. 18937 (Tegern- 
see 937), fol. 295"— 297" der Münchner hofbibliothek = H; s. Ztschr. f. d. Alterth. 
bd. 8. s. 108 fgg. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 9 



ISÖ KELLE 

Das irrationale i, das alle Überlieferungen, die uns von diesen 
stücken erhalten sind , in bildungs - wie in flexionssilbcn ' vereinzelt 
aufweisen, rührt von den Schreibern derselben oder ilircii mittelbaren 
und unmittelbaren Vorgängern her, die es auch in den beiden katego- 
rienhandschriften,^ sowie ausnahmsweise im Boethius ^ und Capeila* 
gesezt haben. 

Auch ue, das sich De syll. besuechcda 556* 21, fuegi 551* 14, 
gruezeda 542^ 7. 8; 554'' 12, nueJdernm 542" 4, — De rhet. fueze 
578 ^ BC abweichend vom Capeilacodex findet (der Boethiuscodex sezt 
ue einmal: miiedc 214* 27 und einmal steht es auch in dem Boethius- 
bruchstttcke in der Züricher handschrift: fueret 131" 3; über uc in den 
kategorienhandschrifteu s. Ztschr. f. d. phil. bd. 18 s. 343), war dem 
originale fremd. 

Abo-esehen aber hiervon stimt der vocalismus und consonantis- 
mus in allen diesen Verdeutschungen volkommen zusammen. Auch 
hinsichtlich der formen des verbums und uomens ergibt sich zwischen 
De syll., De part. log., De arte rhet.. De mus. einerseits, De cons., 
Nuptiae , Categ. anderseits keinerlei abweichung. Vielmehr finden sich 
in allen diesen Schriften dieselben eigentümlichkeiten. Vor gutturalem 
reibelaut steht üo für ü: düohti De mus. 587* 6 wie De cons. 54" 15; 
120'' 30; 187" 8; 200" 35; 242" 37; 246" 2 und Nuptiae 308" 34. 
Bei den kurzsilbigen verben der 1. schwachen conjugation findet sich 
hier wie dort liquida teils einfach, teils verdoppelt. Die langsilbigen 
wandeln im part. perf. cell in h. Es heisst MnagcraMer De rhet. 
585" f4, ivideregesuMcr De rhet. 585" 19 wie geraJitiu De cons. 
194'' 23, gerahte Nupt. 274'' 1, gcziüiten De cons. 23'' 35, gezuJda 
Nupt. 271" 13. 

Dass De syll. eine reihe von Wörtern mit Boethius, Capella und 
Aristoteles gemein hat, habe ich bereits in den abhandlungen der phi- 
losophisch - philologischen klasse der kgl. bayerischen akademie der Wis- 
senschaften •'* nachgewiesen. Gerisf^ gererteda, gewurftigi^ tagaltllh, 
die De rhet. stehen, sind nur noch bei Capella belegt. Luzzeda und 
zuhtigi stehen ausser De rhet. bloss bei Boethius. Den Zusammenhang 
zwischen diesen beiden Verdeutschungen beweist auch endersc, denn 
dass dasselbe ausserdem noch in den Psalmen erscheint, berührt das 
Verhältnis von De cons. und De rhet. nicht, sondern beweist nur eine 

1) S. hierüber unten. 

2) S. Ztschr. f. d. phil. bd. 18. s. 343. 

3) S. Sitzungsberichte der Wiener akademie. bd. 109. s. 246. 

4) S. Ztsclir. f: d. alterth. bd. 30. s. 296. 

5) Bd. 18, abt. 1 : Die philosophisclien kuustausdrücke in Notkers werken, s. 18. 



VeBBÜM U. NOMEN IN NOTKERS DE SYLLOG. USW. 131 

beziehiing beider zu den Psalmen. Das De part. log. vorkommende 
goiüi findet sich abgeselien wider von den Psalmen bloss De cons. , wo 
ausserdem ureizgouh und gouhheit begegnen. Genge ist ausser De mus. 
nur bei Aristoteles nachzuweisen, und gcroh gebrauchen bloss De mus. 
und Capeila. Dem rätsam De syll. entspricht räfsami bei Capella. 

Durchweg werden dieselben kunstausdrücke verwendet. Über 
die philosophischen, welche De syll, einerseits, De cons. und in den 
kategoricn anderseits vorkommen, habe ich schon in der oben s. 130 
citierteu Untersuchung gehandelt. Gleich diesen entsprechen sich durch- 
weg auch die rhetorischen. Rhetorica ist, heisst es Boethius De cons. 
54 '" 28 , em dcro Septem liheralium artium , das cliit : dcro siben hüoh- 
listo. Von diesen sieben ist die erste grammatica, diu unsih leret 
rectüoquium: relito sprechen 55* 1. 2. Die zweite ist rhetorica, diu 
gib et uns dia gesjjrächi, dcro man in dinge (in judiciali gener e cau- 
sae De cons. 58" 28) bedarf undc in sprächo (in demonstrativo gcnere 
causae unde in deliberativo De cons. 58* 30; jVgl. 77'' 20), unde so 
ivär dehein cinunga ist gemeinero durfto De cons. 55* 9 fg.; 10. 13 ; 
vgl. 77'' 4. 

In dinge aide in sprächo werden auch De syll. 553* 26 einan- 
der gegentibergesezt. Den Substantiven entsprechen die verba dingön 
und sprächoyi Do cons. 83" 9; vgl. 58* 31. 

Analog diesen ausdrücken übersezt De syll. 557 * 8. 9 rhetor 
(so ivcr der ist, der den strit mit redo verzeren chan, unde er das in 
rhetorica gelirnet habet , der ist orator De cons. 55* 15fgg.) mit spräh- 
man unde dingman. De cons. 187* 36 steht dingman allein für orator. 

Der stoff (das man haben sol sc werche De rhet. 562" 3) der 
rhetorik ist der strit (Streitsache): ivas ist iro materia, äne der strit, 
so der strit errinnet, so habet si werh De cons. 55" 2 fg. , sjyrächa 
unde ding ne mugen äne strit nicht werden De cons. 55* 10. 11. 
Der strit ist dreifach; s. De cons. 55* 35. 36 und vgl. Cicero, Rhet. 
lib. I. c. 5: 1. jiidicialis (gerichtlich): diu dinglicha , quae considerat, 
quid aequum, quid iniquum, quid justum, quid injustum De rhet. 
562'' 21. — Stritet man, heisst es De cons. 55" 7 fg., umbc reht unde 
umbe unreht , so man in dinge tüot, diu slahta strites heiset latine 
föne judicio judicialis; vgl. 7 7** 4 fg. 2. deliberativa (beratend): diu 
sprählicha, quae deliberat i. e. bemeinet vcl gechiusct vel ahtöt, quid 
faciendum vel non faciendum sit De rhet. 562" 27 fg. — Stritet man, 
steht De cons. 55'' 15, därumbe, tvas nusse si sc tüonne, aide sc lä~ 
senne, — — wanda man des sol tüon deliberationem, be diu heiset 
diu slahta strites deliberativa; vgl. 77" 20. — Deliberatio verdeutscht 
De cons. 55" 21 mit einunga unde bemeineda. 3. demonstrativa (dar- 

9* 



132 KELLE 

stellend): diu seAgdnta, chiesenta, quis dignus sit imperio vel cpisco- 
patu. — Stritet man, sagt De cons. 55" 15, umhe amhdldsezzi^ also 
daz ist, wer sc clmninge tuge aide ze hiscofc , ivanda man s'tna virtu- 
tem sol demonstrare, he diu heizet diu slalita strites demonstrativa ; 
vgl. 78 " 4 fgg. 

Jede dieser gattungen hat wider zwei undersJceita De cons. 55'' 25 
und De rhet. 563 "8.9: Status vcl consfifutio (status unde constitntio 
ist al ein, unde sie dannän genamot siut , daz die strttenten sih stel- 
lent gagen ein anderen De cons. 58 ** 3 fg.) legalis oder rationalis ; 
vgl. Cicero, Ehet. lib. I. c. 8. Status (feststellung) übersezt De cons. 
55^ 31 mit strlt, 50'' 9 mit hurgstrit. Im einklange damit sagt De 
rhet. 564" 10: solemus aufem status et constitutiones strlt interpretari, 
sicut et causam. De rhet. 564'' 15. 16 steht für status: stata, für 
consfitutio: gestelleda. 

Der Status legalis ist nach De cons. und De rhet. fünffach (vgl. 
Cicero, Khet. lib. I. c. 13): 1. scriptum et sententia (Widerspruch zwi- 
schen niedergeschriebenem und gedachtem): sJcrift unde willo De cons. 
56" 7 und ebenso De rhet. 563* 17; 2. contrarias Icges (Widerspruch 
der gesetze): De cons. 56" 17; De rhet. 563" 20. 3. anibiguae leges 
(Zweideutigkeit): De cons. 56* 21; De rhet. 563" 19. 4. definitio 
(begrifsbestimmung) : gnotmarcliunga , gnotmezunga De cons. 56" 27 
und ebenso De rhet. 572" 22. 5. ratiocinatio (schluss): eines dinges 
festenunga föne ander cmo De cons. 56" 7. 8, eines dinges irrdteni fonc 
anderemo De rhet. 563" 34 und ebenso De syll. 542" 8. 9. 10. 

Der Status rationalis ist nach De cons. und De rhet. vierfach 
(vgl. Cicero, Khet. lib. I. c. 8): 1. conjectura (mutmassung): rätisJca De 
cons. 56" 17 und ebenso De rhet. 563" 5, wanda so der inziJdigo 
lougenet , so rätisköt man daranäh mit signis unde mit argumentis 
De cons. 56 " 17. fg. 2. definitio vel finis (begrifsbestimmung) : des 
namen forderunga oder skafunga oder endunga De rhet. 563" 10, 
wanda so ungwis namo ist, so sol ez werden finitimi De cons. 56 " 24. 
25. 3. qiialitas (gattung): habet den namen dannän, ivanda er quali- 
tatem facti ursüochenöt De cons. 57" 22. 23. 4. translatio (Übertra- 
gung): wehsei De cons. 56" 33 und ebenso De rhet. 563" 19, loanda 
er föne ivchsele werdet De cons. 57 " 10. 

Die qualitas zerfält nach De cons. 57" 29 und De rhet. 563" 25 
(vgl. Cicero, Rhet. lib. 1. c. 11) in: 1. iuridiciale (das recht betrefiend): 
strtt umhe diz dietreht De rhet. 563" 26, also die daz hurgreht in 
dinge sagetön iuridici hiezen, also heizet der dannän worteno strtt 
iuridicialis De cons. 57*" 2. 3. 2. negociale (die sache betreffend): strit 



VERBÜM ü. NOMEN IN NOTKERS DE SYLLOG. USW. 133 

unibe das gewoneheite De cons. 563'' 27, strU, der umbe das gewone- 
heite geshihet De cons. 57" 30. 

Teile des ersteren sind (vgl. Cicero, Rhet. lib. I. c. 11): 1. abso- 
lut'um (volständig) : har De cons. 57'' 7 und ebenso De rhet. 563" 30; 
vgl. De cons. 50'' 10. 2. assumptivum (uuvolstäudig) : antscidig De 
rhet. 563 ** 29, föne dero assumptionc defensionis i. e. föne dero war- 
nungo dero furolago De cons. 57'' 20. De rhet. 563" 31; 566" 16. 17 
heisst defensio aber antselda, das auch De cons. 34' 4; 36" 8; 57" 8. 
16 gebraucht ist. 

Dazu gehören nach De cons. und De rhet. (vgl. Cicero, Rhet. 
lib. I.e. 11): 1. rck^jo (zurückschiebung) : tvidcrcMreda Da cons. 57^ 23, 
widertverfunga De rhet. 564" 5. 2. remotio (ablehnung) : abenemunga 
De cons. 57'' 27 und ebenso De rhet. 564* 2. 3. comparatio (ver- 
gleichuug). 4. concessio (Zugeständnis): gejiht De cons. 58" 3 und 
ebenso De rhet. 564" 1. 

Aus dem lezteren entsteht nach De cons. und De rhet. (vgl. 
Cicero, Rhet. lib. I.e. 11): 1. deprecatio (abbitte): flcha De cons. 58" 6, 
gnädönfleha De rhet. 564" 11. 2. piirgaUo (entschul digung) : antseida 
De cons. 58" 6, unsJculdtgunga De rhet. 564" 10. 

Die purgatio ist dreifach (vgl. Cicero, Rhet. lib, I. c. 11): 1. easiis 
(zufall): ungewändiu gesliilit De cons. 58" 17 und ebenso De rhet. 
564" 14. 2. necessitas (notwendigkeit): not De cons. 58" 18 und ebenso 
De rhet. 564" 14. 3. inqwudentia (unabsichtlichkeit): uniuizsentheit 
De cons. 58" 23 und ebenso De rhet. 564" 13. 

Intentio unde depidsio^i diu machönt den statum: anafang des 
strites heizet intentio (ansinnen) unde depulsio (abwehr); vgl. Cicero, 
Rhet. lib. I. c. 8. Das erstere übersetzen De cons. 58 " 9 und De rhet. 
564" 21 mit mälizse, das zweite De cons. 58" 9 und De rhet. 564" 23 
mit iveri. 

Batio (folgerung) heisst De rhet. 564" 26 antseida; vgl. De 
cons. 58" 17 und Cicero, Rhet. lib. I. c. 13. Für inßrmatio (Wider- 
legung) gebrauchen De cons. 58" 20 und De rhet. 564-'' 30 luzzeda. 

Quaestiones civiles (daz sint die strite, die einliche gwisse men- 
nesken anagänt De rhet. 569" 26. 27) heissen De rhet. 569" 11 burg- 
liche strite, sunt enim cives burgliute. Und auch De cons. 78" 24 
werden die quaestiones , die inter cives werdent (danne diu controversia 
gät an deheine gtoisse personas De cons. 91 '^ 27 fg.) biirgltchc genant. 



134 KKLLE 

V E R B U M. 

I. 
S t .a r k c c o n j u g a t i o ii. 

A. TEMPÜSBILDÜNG. 
1 . Ablautende v e r b a, 
T. 1. De syllogismis : cliido chumo (zcsamine-cJiumo) ge-fliyo 
yiho ((je-giho) izo jiho (<)c-jiho) nimo {fer-^ füre- ge-nimo) siho ge- 
sliiho spricho {ge-spricho). 

De partibus logicae: izo. 
De rbetorica arte: ge-nimo spricho} 

De musica : cMdo {in - chido) giho mizo nimo (fer - nimo) slho 
tviso — ge-hristo. 

2. praet. ind. sing. 1. 3. a: De syll. chad guh — sprah.'^ — 
De mus. chad maz. 

3. praet. ind. plur. , conj., 2. sing, a; belege s. unten. 

4. part. perf. a) o: De syll. chomene fernomen genomcnen ge- 
sprocheno. — De rhet. genomeniu. b) e: De syll. gcflegeu gegeben. 
Über gegehin 555^ 10 vgl. s. 130. — Von gejiho stebt De syll. 548'' 23 
gejegen. 

5. Breebung des i zu e im praesensstamme haben folgende verba: 
De syll. chido jiho nimo siho spricho. — De part. log. izo. — De rhet. 
spricho. — De mus. chido gehristo inchido mizo iviso. — Von chumo 
steht De syll. chomen choment — zesaminechoment 

II. 1. De syll.: hindo bringo fmdo (be-findo) in-gilto ringo int- 
rinno springo trincho uber-windo wirdo ivirfo. 

De part. log.: be-ginno. 

De rhet: shilto tvirdo fer-wirfo. 

De mus.: fmdo gillo singo (folle-singo) wirdo. 

2. praet. ind. sing. 3. a: De syll. tvard. 

3. praet. 2. sing, ti; s. unten. 

4. part. perf. a) u: De syll., De mus. funden. b) o: De syll. 
wortin 552'^ 5; vgl. s. 130. — De rhet. fcnvorfeniu. 

5. Den vokal e im praesensstamme belegen : De syll. ingilto wirdo 
■wirfo. — De mus. gillo wirdo. 

III. 1. De syll: blto {gc-bito) be-grifo mulo (fer-mido) hina-rito 
sMno strito. 

De rhet.: fer-snido strito.^ 

1) sx>recchennc 575" 28; 578» 15 C. 

2) sprach 554" 23. 3) stridendo 585* 15 A. 



VEEBUM U. NOMEN IN NOTKEßS DE SYLLOG. USW. 135 

De mus. : stlgo {ge-, üf-sÜgo). 
2. pari perf. i: De rhet. fersnitcn.^ 

IV. 1. De syll: hiuto (füre-, gc-hhito) chiuso Hugo he-sliuso 
triugo. 

De rliet. : chiuso (ge- chiuso). 
De mus. : chiiiso he - driuzo. 

2. part. perf. o: De syll. heslozcn (jehotenon. — Über heslosin 
547" 38 vgl. s. 130. 

3. praes. iud. plur. usw. ist brechuug belegt: De syll. hesliuzo 
hiuto chiuso furehiuto triugo. — De rhet. chiuso. — De mus. chiuso 
hedriuzo. 

V. 1. De syll.: a) ge-skcpfo. b) faro (er -furo) — stando. 
De rbet. : trago. 

De mus.: er-hevo. 

2. praet. ind. sing, iio: De syll. stuont. 

3. part. perf. a: De syll. gesJcafeniu. 

4. faro wird De syll. und trago Do rhet. in der 3. ps. sing, praes. 
ind. umgelautet. 

5. Über stän s. imten. 

2. Keduplicierende verba. 

1. 1. De syll.: ir-räto. 
De part. log.: hläso. 
De rhet.: läzo. 

De mus.: läso (fir-läzo) — faho (ana-, anage-faho). 

2. praet. ind. sing, ie: De mus. anafieng. 

3. part. perf. ä: De mus. ferläzenemo — anagefangen. 

II. 1. De part. log.: fallo. 
De rhet.: fallo.^ 

III. 1. De syll.: heizo sheido (ge-, üz-sheido). 
De mus.: heizo ge-sheido. 

2. praet. ind. sing, ie: De syll. hiez üzsMed. 

3. part. perf. ei: De syll., De mus. gesJceiden. — Über gesJceidin 
550^ 6 vgl. s. 130. 

IV. 1. De mus.: uher-loufo. — De syll.: siuzo (ge-stozo). 
2. part. perf. 6: De syll. gestözin 550 '"■ 11 s. 130. 

13. FLEXION. 

1. Praesens. 
1. Ind. 1) Sing. 1. pers. o; De mus. giho. 

1) fersniden 577 2" c_ 

2) 577'** a aus e corrigiert B, udlin A, uuellen C. 



13G KELLK 

2) 3. pers. e-t: De syll. befindet heynfet hiutet hringct clmmet 
findet genlmd (jeslcihet gihet heilet jiJiet nimet sihet sJchiet stritet imr- 
det. — Über cliidü 552" 10. 15; 555" 20, clmmit 557=' 17, lindit 
548" 27. 30, fcrit 554" 11, licizit 555" 30, irrätit 549'' 12, l'mgit 
552" 10, slunit 547" 27, siwkUt 544" 38, übzit 554" 17, icirdit 
544" 37 ; 545" 22 u. ö. vgl. s. 130. — De pari log. heginnct 539" G, C A 
hcginnit; vgl. s. 130, fallet. — De rhet. läzet 577 ^^ A C, B läsit. Über 
gechiusit 562" 30 B, C clmisit, sliiltit 584" 28 ABC, trcgit 577^3 
AB, C treget; vgl. s. 130. wirdet hll ^^ A, BC ivirt. — De mus. 
erhevet gebristet heizet läset stiget ivirdet — chit inchU — ivirt. — 
Über Jieizit EH vgl. s. 130. 

3) plur. 1. pers. e-n: De syll. bictm bUen chomen nemen. — 
De mus. anafahen cheden finden; über den langen vokal s. Wiener 
Sitzungsbericlite bd. 109. s. 247. 

4) 3. pers. e-nt: De syll. choment selient slceident tnegent zcsa- 
minecJioment. — Über farint 554"^ 14, ringint 549" 19. 23, springint 
549" 16, iverdint 549" 5; 556" 25 vgl. s. 130. — De mus. inquedent 
werdent. 

2. Conj. 1) sing. 3. pers. e: De syll. besUeze [biete jehe stände 
werde. — De mus. bedrteze gebreste gelle meze uberloufe werde. 
2) plur. 3. pers. e-n: De syll. heizen. — De mus. incheden werden. 

3. Imp. sing. 2. pers.: De syll. bit furenim. — De mus. fäh 
108 ^^ H fahe fernim gib miz 589" 31 , E mez nim sih — lä. 

4. Inf. e-w." De syll. befinden biten cheden chtesen chomen fer- 
miden finden heizen ingelten jehen mulen sprechen überwinden wer- 
fen wescn. — Über bitin 542"^ 16, hinaritin 542'' 17. 18, ingeltin 
541" 19, irrätin 555" 32; 555" 37 ; 557" 18 vgl. s. 130.— Depart.log. 
blasen ezen. — De rhet. /aZZew sprechen. IJheY valiin, vellin blT -^ Ali 
s. 130. — De mus. anafahen chiescn foliesingen gestigen mezen 590" 33, 
F mezzan sttgen werden wesen. 

5. Ger. a) e-nne-s: De syll. chwsennes. b) e-nne: De syll. 
chedenne erfarcnne gcbttenne intrinnenne. — De rhet. sprechenne 
618^ 15 A, B spirechinne, C sprecchene. — De mus. anafahenne erhe- 
venne fahenne fernemenne. 

6. Part, a) unflektiert c-nd-; 1) De syll. furebietende. — 2) De 
rhet. stritendo. — De mus. anafahendo singendo üfsttgendo. b) flek- 
tiert e-nt-; De syll. ringenten stritcntön. — De rhet. chiesenta 563"' 3 
C, B chiesinta.^ 



VEKBUM U. NOMKN JN NOTKEKS VE SYLLOG. USW. 137 

2. Praeteritum, 

1. lud. l) sing. 2. pers. e: De syll. äse drimche. — De ums. gäbe 
inchäde. 2) plur. 3. pers. e-n: De syll., De mus. ivärcn. 

2. Conj. 1) sing. 3. pers. c: Do syll. hiczc tväre. 2) plur. 
3. pers. i-n: De syll. tvärm. 

II. 
Schwaelie coiiju2:atioii. 

A. TEMPUSBILDUNG. 
I. conjugation. 

a. Kurzsilbige verba. 

1. Der Suffix vokal ist im praes. stets ausgefallen. Liquida ist in 
folge dessen tc'hveise verdoppelt: inf. frummcn De syll. 556"' 18. ind, 
sing. 3. werit De syll. 552'' 28. 29. 30. Muta steht einfach: legit De 
syll. 554*" 16. 

2. Das praet. ist belegt durch : De mus. Jiahcti, — seih ist als lang- 
silbig behandelt: De mus. salton 587" 21. 

3. Das part. perf. belegen: De syll. fcrsaget gelegd.^ — De mus. 
gesaget uherdenetiu. — anageleitcn 587'' 12. 

4. Kurzsilbige verba der 1. conj.: De syll. frumo luibo Icgo (gc- 
Icgo) sago (fcr-mgo) wero. 

De part. log. habo. 

De rhet. habo (ge-haho) sago. 

De mus. ubcr-deno habo anage-lego ge-sago. 

b. Laiif^silbige verba. 

1. Der suffixvokal ist im praes. nirgends erhalten. Er fehlt auch 
im praet.: De syll. foußa. — De rhet. gedähtost."'^ — Von duucho steht 
De mus. 587"' 6 duohti. 

2. Im part. perf. bleibt er bestehen, wenn dasselbe unflektiert ist: 
De &y\\. fersktddet sestöret. — Über bechcrit 543'' 15, bedenchit 553^' 32, 
gehut 542* 9, gelougenit 550-^ 27, gencmmit 556'^ 27, gesezsit 551''* 17, 
geivänt bbO'^ 12, gcivurchit 554^29 vgl. s. 130. — De mus. geougef gerei- 
chet gewerbet geseichenet , gezeichenot 57 *^' ^'^ F. Das flektierte wirft 
ihn gleichfals aus: De syll. missecherten. — De rhet. gcaberter. Mit 
rückumlaut: De syll. gefastiu. — De rhet. hinagerahter. — De mus. 
genahida. 

1) keleigit 550'' 14. 

2) gedachtost 575» 28 B, C (jcthadost. 



138 KELLE 

cell wandelt sich in h: hinagerahtcr De rhet. 585^ 14, tvidcre- 
gezuhUr De rhet. 585-^ 19. — infuoctun De syll. 550 "^ 36 rührt vom 
Schreiber her. 

3. Lang- und mehrsilbige verba der 1. conj.: De syll. hc-chenno 
he-, misse -chero he-dcncho ge-festo in-füogo grüozo ge-hio horo jihto 
(ge-jihto) lero ge-Ioiibo ge-lotigeno he-meino ge-nemmo folle-reccho 
er-rihto ge-sez20 sJceino fcr - shuldo stcrcho sc-störo er-süocho teilo in- 
trenno toufo üoho ge - zväro ivurcho (ge - wiirchd). 

De part. log. furlito ^ sJcofßco walio iväno. 

Do rhet. ge-abero'^ ge-denelio finstro^ hc-gagcno he-meino 
ougo Idnagc - reccho ^ ruoro^ ividcrege- succJio. 

De mus. he-chenno duncho liuto meino ge-nemmo he-nidero 
ge-ougo ge-reicho ge-ruccho sezzo (füre - sezzo) üfge-stepfo teilo üoho 
werho (ge-zvcrho) ge-zeicheno. 

IL conjugation. 

1. Abschwächung des suffixvokales findet sich im praes. nirgends. 
Yerkürzt ist er im conj.; irap. sing, ist unbelegt. — Auch das praet. 
ist unbelegt. 

2. Im part. perf. steht ö: De syll. heivardt gefcstemt getvlssot. 

3. Yerba der 2. conj.: De syll. hrcdigön choron chosöu {chlein- 
cJidson) ge-eisJc6n festenon (ge-festenon) machön not-mezön rachön 
{tvär-rachön) rutisJcon rcdenön ivts-spräcliön ur - siiochenön ivalhon 
he-warön ivclisclon g-wissön. 

De part. log. guccön^ machön regenon wagön. 
De rhet. aliton'^ choson machon wU- schon ^ tvancliön hals-ivcr- 
fön zeigön. 

De mus. machon namon ivallon wehselön. 

in. conjugatiou. 

1. Im praes. ind. und inf. (imp. plur. ist unbelegt) steht vor den 
Suffixen e. Ger. und part. (conj., imp. sing, sind nicht belegt) ist der 
suffixvokal kurz. 

2. Auch im praet. erscheint kurzes e: De syll. frägctön. — De 
mus. loheton. 

1) furtin 539" 37 A, C furUin. 

2) gehabenter 581 "• 27 A. 

3) uinistrine 584 "" 26 ß , C uuinstrimic. 

4) hinageruchter 585* 14 B, A hinagerarter , C hinager acher. 

5) rure 584'^ 30 BC. 6) guchet 539" 30 C. 

7) aehtot 562'' 29 B, C athtot. 

8) witsconne 584'' 26 B. 



VERBUM U. NOMEN IN NOTKERS DE SYLLOG. l'SW. 139 

3. Im uufiektierten part. perf. steht langer 'vokal: De syll. gc- 
lirnct. 

4. Verba der 3. conj.: De syll. folgen fnujcu haften {sesamine - 
haften) lachen ge-lirnen spilen. 

De part. log. nassen stürzen.^ 

De rliet. losen. 

Do mus. horgen chunncn folgen Urnen ^^ lohen stürzen. 

B. FLEXION. 
1. Praesens. 

I. conjugatioii. 

1. Ind. 1) sing. 1. pers. o: De mus. mcino. 

2) 2. pers. e-st: De syll. sagest. — Über missecherist 543^^22; 
544-'' 11. 28; 545'' 1 vgl. s. 130. — De mus. hechennest hahcst. 

3) 3. pers. e-t: De syll. errihtet geloubct habet jihtet saget. — 
Über gcivärit 554" 20, f/n1o^«Y 542^ 14, 7mZ>?:^ 543 " 8 ; 553 "36; 554=^9, 
Icgit 554" 16, slcelnit 558-'' 11, sterchit 558^ 20. 28, werit 552" 28. 
29. 30 vgl. s. 130. — De part. log. sJcofßcU 539"^ 29 A C s. 130. — 
Contrahiert ivät 540* 18 A, C uvaet. — De rbet. hegagenet. — Über 
hemeinit 562" 28 BC s. 130. — De mus. henideret gerucchet habet 
liutet üobct. 

4) plur. 1. pers. e-n: De syll. bemeinen. 

5) 3. pers. e-nt: De syll. fersagent sagent. — Über habint 
554" 6, hör int 548" 13, teilint 548" 7, üobint 542'' 29, wurchint 
549" 19 vgl. s. 130. — De mus. habcnt. 

2. Conj. sing. 3. pers. e: De syll. habe. — De mus. tverbe. 

3. Imp. sing. 2. pers. e: De part. log. tvcme. — De rbet. rüore. — 
De mus. furesesze habe sesse teile. — teila 590'' 9. 16. 26. 31 F. — 
Über fm-esezsi 57 ^^ F vgl. s. 130. 

4. I n f. e - « : De syll. follerecchen gcjihten gelougenen intrennen 
sagen. — ■ Über frummin 556" 18, ersüochin 555" 32, lerin 557 "^ 24; 
559* 6 vgl. s. 130. — De part. log. furhten haben. — De rhet. liabcn 
Öligen sagen 584" 7 AC, B sagan. — De mus. üfgestepfen. 

5. Ger. c-nne: De syll. bechenninne 555" 11 s. 130. — De rhet. 
finstrinne 584" 26 A, B uinistrine, C uuinstrinne s. 130. — De mus. 
sezzenne. 

6. Part, a) unflektiert c-nd-; l) De syll. habende jihtende. 
2) hdbendo. — Do rhet. sagendo. b) flektiert e-nt-; s. unten. 

1) sturzzet 539 » 10 A. 

2) Herne öS»« F. 



110 KELLE 

II. conjugation. 

1. Ind. 1) sing. 3. pers. ö-t: De syll. chusot ycciskot machot 
racJwt rätisJcut ivärraeJidt. — De pari. log. 'guccöt regenot wagöt.^ — 
De ihet. alitot. — De mus. namvt. 

2) plur. 1. pers. oe-n: De syll. cliorocn 555 «^ 2. 4, fcstcnocn 
555" 11; s. verbiim und nomen in Notkers Boethius s. 247. 4). 

3) 3. pers. ö-nt: De syll. machont wchselönt. — De raus. 
macMyit. 

2. Conj. sing. 3. pers. oe: De rhet. Jialsiverfoe bSb " 1 A,BChals- 
iverfoie, tvanclioe 584'' 33 A, B wanchoge, C ivarchoie. 

3. Imp. sing. 2. pers.: De raus, maclia 589'' 27, D das zweite a 
auf rasur von et. 

4. Inf. o-w: De syll. hredigön cJdcinchdson notmesön rachon rede- 
nbn ursüoclienön walhon wärrachun. ■ — De part. log. machon. — De 
rbet. choson. — De mus. machon wallon. 

5. Ger. a) ö-nne-s: De syll. rachönnis 558 "• 7, wissprächonis 
557'' 3 Schreibfehler, b) ö-nnc: De rbet. tvUsehönne. — De mus. 
wehselonne. 

6. Part, a) unflektiert ö-nd-; 1) De [syll. /es^ewomZe. 2) warra- 
chöndo. — De rhet. machöndo. b) flektiert 6-nt-; s. unten. 

III. conjugation. 

1. Ind. 1) sing. 3. pers. c-t: De syll. folgH fraget lachet. — De 
part. log. stürzet. — De mus. folget stürzet. 

2) plur. 3. pers. c-nt: De syll. folgent haftent spilent. — De 
part. log. naszent 540" 18 A, C nazzen. 

2. Conj. sing. 3. pers. ce: De mus. borgce. 

3. Imp. sing. 2. pers. e: De mus. Urne. 

4. Inf. e-n: De syll. lachen. — De mus. chunnen. 

5. Ger. e-nne: De syll. frägemie. — De mus. horgcnne lirncnne. 

6. Part, a) unflektiert c-nd-; De rhet. losende 565" 15 C, B 
loseende, b) flektiert e-nt-; s. unten. 

2. Praeteritum. 

1. Ind. 1) sing. 2. pers. -tost; I. conj.: Do rhet. gcdähtost. 
2) 3. pers. -ta; I. conj.: De syll. totifta. 3) plur. 3. pers. -tön; I. conj.: 
De mus. zalton. — III. conj. De syll. frägcton. — De mus. lobcton. 

2. Conj. sing. 3. pers. -ti; I. conj.: De mus. düohti habeti. 

1) uuagcnt di houma 540" l'J C. 



VEBBCM TT. JfOMEIT IN NOTKERS DB STtLOO. VSVT. 141 

III. 

Eiiisilbiffo wurzeln. 

1. bin: 1) praes. ind. sing. 2. De syll. bist. 3. De syll., De 
part. log., De rhet. , De mus. ist. plur. 3. De syll., De mus. sinf. 
conj. sing. 3. De mus. s't. plur. 3. De rhet., Do mus. sin. inf. De 
syll., De mus. shi. 2) praet. s. oben. 

2. tuon (ge-^ ze-tiion): l) praes. ind. sing. 3. De syll., De mus. 
ffiot — gcfuot. plur. 3. De syll. tiiont — zetuont. inf. De syll. tiion. 
2) praet. ind. sing. 3. De rhet. teta. part. perf. De mus. getan. 

3. stan (be-stän): ind. sing. 3. De mus. 6^5/«^. plur. 3. De 
syll. stänt. 

4. gun (ana-, fore-, näh-, nüJer-gun): ind. sing. 3. De syll., 
De rhet., De mus. gät, 590" 20 giet F — anagät foregut nuligut. 
plur. 3. De syll. foregdnt. — De rhet. anagänt. part. flektiert: De 
rhet. üf-, nidergund- 584" 22 A, BG nidirgänt-. — De syll. forcgänt- : 
s. unten. 

IV. 

Praeteritopraesentia. 

1. 1. chan: praes. ind. sing. 3. De syll. chan. 

2. mag: praes. ind. sing. 2. De syll., De part. log., De mus. 
maht.^ 3. De syll,, De mus. mag. plur. 1. De mus. mugen. conj. 
sing. 3. De syll., De raus. mugc. plur. 3. De syll. tnugln. 

3. sol: praes. ind. sing. 2. De mus. scolt. 3. De syll. , De mus. 
sol, 590'' 32 scol F, De part. log. sal 539" 37 A C, De rhet. sal 
562 •* 3 C , B sad. plur. 3. De mus. stden. conj. sing. 3. De mus. stde. 

II. 1. iveiz: praes. ind. sing. 1. De syll. iveiz. conj. plur. 1. De 
syll. wishi. 3. De syll., De mus. wizin. inf. toizen. Über wizin 
548* 18 vgl. s. 130. 

2. uile: 1) praes. ind. sing. 1. De syll. icüe. 3. De syll., De 
mus. icile. plur. 1. De syll. icellen. 3. De syll. icellin 549'' 24 s. 130. 
conj. sing. 2. De rhet., De mus. iveUest.^ 3. De syll. welle. 2) praet. 
ind. plur. 3. De syll. , De raus, toolton. conj. plur. 3. De mus. tcoltin. 

TIT. 1. tong: praes. ind. sing. 3. De syll. toug. 



1) vmch 540' 11 De part. log. C. 
.2) uullest De rhet. 575 »• 22 C. 



142 KELLE 

NOMEN. 

I. 
S II 1) s t a n t i V 11 in. 

A. VOCALISCHP] DECLINATION. 

I. Stumme auf a. 

a. Masciilina. 

1. 1) Sing. gen. e-s: Do syW.tetles. — Über lougenis 550»» 7, feilis 
544" 3G, tmdancMs 541" 9, whtiiomis 557" 10 vgl. s. 130. 2) dat. 
e: De syll. gotc lougene rate sJca/fe teile üzläze. — De rliet. forste. — 
De nius. hiiohstahe üzläze. 

3) pliir. nom. acc. a: De syll. teila. — De part. log. houma 
eidima. — De mus. hiiohstaha, 590" 31 hüohstahe F, teila underläza undcr- 
skeita üsläsa tvehsela. 4) gen. o: De part. log. fendlngo. — De mus. 
ImoJistaho. 5) dat. e-n: De syll. dingmannin 557° 9, sprähmannin 
557" 8 vgl. s. 130. — De rhet. gcdanchiu 575" 21 AB vgl. s. 130. 
De mus. hüolistdben. 

2. Masculiue «-stamme: a) De syll. un-dang got himel üz-läz 
lougen man {ding-, spräh-man) rät sJcaf skalh ur-süoh tag [masc. 
neutr.] teil ivtstüom ge-mig. 

De part. log. houtn eidim ^ fending ^ gouh Jmnt man munt. 

De rhet. arm ge-dang^ eilen forst lieber^ hüoJi-stah^ welisel.'^ 

De mus. under- , üz-läs under-sheit hüoh-stah [masc. neutr.] 
teil ge-walt weJisel. 
1)) Stämme auf ia: De syll. flegare'^ jihtare redenare rihtarc liber- 
windare. De rliet. anterare. 

1) Sing. nom. acc.: De syll. jiJitare rihtare. 2) gen.: De syll. 
jihtaris 548" 22, vgl. s. 130. 3) dat.: De syll. uhenvimlare. 4) plur. 
nom.: De syll. redenara. 5) dat.: De syll. flegar in 557" 10, vgl. s. 130. 
— De rhet. anterarin 584" 10, vgl. s. 130. 

b. Neutra. 

1. 1) Sing. gen. e-s: De syll. dingis 541" 8; 554" 15; 559" 1^. juris 

554" 6; vgl. s. 130. — De rhet. dingcs 563" 34 C, B tingis liebes. — 

Über unrehtis 564" 23 C, B unrectis s. 130. — De mus. sanges. 

2) dat. e: De syll, dinge Jieime sloze wäre worte. — De part. log. limble. — 

1) ddama 540 "^ 11 C. 2) pJiennüfo 538 '> 33 C. 

3) gedanhchen 575»' 21 C. 4) eher 577-2 q. 

5) puchstab 581' 28 B, A huostab. 

6) uuechsil 563'' 19 B, C uuehsal. 

7) ßegerin 557' 10. 



VERBTJM U. NOMEN IN NOTKERS DE SYLLOO. USW. 143 

De rhet. werclie. — De niiis. male meze sänge unmeze. — De s}^!. 
542' 25 steht ze Jiolz. 

3) plur. nom. acc. : De syll. ilhKi sloz teil zeichen. — De part, 
log. tier. — De rhet. chorn. — De miis. teil. 4) geu. o: De syll. 
worto. — Do rhet. dingo zvorfo. — De mus. sango teilo. — 5) dat. 
e-n: De syll. lohen. — Über hüochiu 557'* 24, dingin 551=' 12, tie- 
rin 555'* 14, ivortin 558=' 3 vgl, s. 130. 

2. Neutrale a- stamme.- a) &^W^ ding fundanient heim holz hüs jär 
lieht loh modul reht sloz [niasc. neutr.] teil tier uhcl war wih ivort zei- 
chen {wort ~ zeichen) uher-zimher. 

De part. log. funt hüs Icder limhel tier. 

De rhet. chorn ding^ hcir^ Ueh'^ dtet- ,^ un-reht-' sper tverh 
wort. ** 

De mus. mal mcz {im-mcz) sang [raasc. ueutr.J teil tvunder. 

b) Stämme auf wt; De syll., Do part. log, meto: sing. gen. mel- 
ves. — De rhet. gewe: dat. gewc. 

c) Stämme auf ia: De syll. hilde ge-chöse ende rihte (ge-rihte) 
stucche ge-zäme. 

De rhet. hurste ge-chöse (reht-gechoseY mälizze reht-ge-spräche^ 
ge - ivoneheite {im - gewoneheite). ^ 

1) Sing. nom. acc: De syll, hilde ende gechöse gerihte gezäme 
mälizze stucche. — De rhet, gewoneheite rehtgechöse rehtgcspräche un- 
geivoneheite. 2) gen,: De rhet. gcchöses 575"' 7 C, AB Icechosis vgl. 
s. 130. 3) dat.: De syll. &i7fZe rihte. 4) plur. nom. : De syll. hilde hurste. 

11. Stämme auf i. 
a. Masculina. 

1. 1) Sing. gen. e-s: De rhet. strites 562'' 8 C, B strUis. 2) dat. 
c: De syll. Hute — De mus. anafange. 

3) plur. nom. e; De syll. Hute zite. — De rhet. hurgliutc strite 
füoze zene. 4) gen, o: De syll., De part. log., De rhet. liuto. 

2. Von zan steht plur. nom. zene De rhet. 578 •''. 

3. Masculine i- stamme: De syll. Hut strit zit. 
De part. log. Hut. 

1) digngo 583" 32 C. 2) hei 578"' 12 AB. 

3) libes 578'' 19 C. 4) tietrecht 563'' 2G B. 

5), unrectis 564" 23 B. 6) uuordo 575'' 21 C. 

7) rechtkecliose 575'' 18 B, C rechtkecose. 

8) rechtkesprache 575'' 18 B C. 

9) quoneheide 563'' 27 C, gewoneheide 580" 23 C, ungewoneheide 580* 31 C. 



144 KBLLE 

De rbet. strtt^ bürg -Hut ^ — fiios^ zan. 
De mus. ana-fanrj. 

b. Feminina. 

1. 1) Sing. gen. e: De syll. fcrfe (jcjilite werlte. 2) dat. e: 
De syll. gejihte getäte malitc nute. — De syll. 548 '' 14 haut. — De 
rbet. gcriste. — De mus. nöte stete. 3) plur. nom. acc. e: De syll. 
gejihte stete. — De rhet. unziüite. 4) dat. e-n: De syll. gejihtcn. — 
Über gelustin 547'^ 27, stetin 556*' 26; 557-'» 4 vgl. s. 130. 

2. fart etat werden im sing. gen. und plur. nom. umgelautet. — 
maJit bleibt unumgelautet. — Von hant stebt lianden De mus. 587*' 13. 
Über handin De syll. 547'' 26 vgl. s. 130. 

3. Feminine *- stamme: De syll. diu fart frilicü hant ge-jiht ge- 
lust mäht meister-shift naht not ge-sJcaft* stat ge-tät wärheit werlt^ 
g-wisheit. 

De Yhet. ge-jiht ''' mctem - sliaft '^ not ge-rist ge-shiht^ sJcrift tat 
un - lüizcnheit un - zuht. '•* 

De mus. dürft hant mefcmsJcaft not stat. 

III. Stämme auf 6. 

1. 1) Sing. nom. acc. voc. a: De syll. alfestenunga hcsüocheda lile- 
tunga cheda cMesunga era festemmga geivärrachunga grüozeda giois- 
sunga iha irreccheda missecherda nähsprechunga notfolgunga reda 
redenunga saga sela speha imera. — De rbet. ahenemunga antbara 
anterunga antscida endunga festenunga fordcrunga gebärda gehaba 
gehugeda gercrteda gestelleda gnädonficha gnotmezimga legeda luzeda 
maehunga mezunga ordcnunga rutiska rchfsaga sälda sJcafunga stata 
imsJculdigunga iverbeda ivichunga widcriverfimga. — De mus. maza 
stimma warba. 2) gen. o: De syll. bietungo selo. — De rbet. gema- 
gedo 564'"' 33 B, C gemageda, stimmo 583" 27 CB, A stimma. — 
De raus, clno stimmo. 3) dat. o : De syll. bietungo festenungo ibo redo 
slozredo spräclio urteildo. — De rbet. antseido anaseungo 584'' 18 AC, 
B anaseunga. 

4) plur. nom. acc. u: De syll. benicinnngä bicttingä grüozeda 
jeungä slahtä. — De rbet. gebärda rebä. — De mus. warbä. 5) gen. 

1) strides 562 "^ 8 C. 2) jmrheliutc 569" 10 C. 

3) fueze 578 ^ B C. 4) caskaft 543'' 22. 23. 

5) werelt 553 " 8; 554" 4, werelte 554» 16. 

6) kejicht .564" 1 C, B keucht. 

7) metenscaft 584" 15 A, C melensgaft , B metelscaft 

8) geseit 564" 14 C. 9) unzuehtc 585" 4 C. 



VEUBUM U. NOMEN IN NOTKERS DE SYLLOG. USW. 145 

o-n: Ue syll. unsäldon. 6) dat. u-n: De syll. alfestcnungon cron 
festemmyön minnon sälclon shepfedön. — De rhet. hrawun. — Do nuis. 
tvilöii. 

2. 0- stamme: a) De syll. IneUmga chedq, misse -cliercda'^ clüe- 
sunga dra {un-cra) fesfenunga {al-festenutiga) not - folgtmga griio- 
seda^ ihn jeunga hc-meinunga minna geivär - raclnmga^ ir - reccTicda ^ 
reda {slos - red<i) redemmga saga sälda (;un - sälda) scla sJcepfeda slahta 
spelia sprucha näh- sprecliunga be-siXocheda^ ur-teilda g-wissunga. 

De rhet. anterunga ant-hara ge-hurda endunga festenunga 
gnädön-ßcJia forderunga ge-haha gc-hugedaJegida^ luzcda macliunga 
gc-mageda mezunga {gnot-mezimgaY abe-nemunga ordenunga rätisJca 
reha ge-rerteda^ reht-saga^ sälda ^^ ana-sehunga^^ ant-seida'^^ 
shafimga^'^ un-sJciddigunga^^ stata gc-stelleda stinima iverbeda wider - 
iverfimga ^ ^ tviclmnga. ^ ^ 

De mus. elna maza slahta '^'^ stimma warba ivila. 

b) Stämme auf wo : De rhet. hraiva ; casus s. oben. 

c) Stämme auf io: De syll. ir-fareni fuogi^^ Jicri g-loublicJd^^ 
liigi ir-räteni rihti redo-spahi ge-sprocheni tvalbi sin-welbi. 

De rhet. mczhaftigi^^ ir-räteni seltsani sintsami wert ge-ivurf- 
tigi'^^ gc-zämi zuhtigi.^^ 

De mus. fierfaUi Jiohi Icngi ge-robi^^ semfti slaclii wUi. 

1) Sing. nom. acc. i: De syll. fuogi gcsprocheni heri irfareni 
irräteni liigi redospalii sinwelbl walbi. — De rhet. geivurftigi gezämi 
irräteni mezliaftigi seltsani sintsami iveri zuhtigi. — De mus. ßerfalti 
holii lengi. 2) gen. i: De mus. lengi ivUi. 3) dat. i: De syll. Mri 
rihti. — De mus. hohi semfti slachi. 4) acc. i: De mus. lengi witi. 
5) plur. acc. i: De mus. lengi. 

1) missecherda 544'' 37. 2) gruezeda M2^ 7. 8; 554'' 12. 

3) geioarrahchunga 541°- 7. 4) irrechida 556'' 1. 

5) pesuecheda 556 -^ 21. 6) leida 575'' 21 C. 

7) geotmezunga 572'' 22 C. 8) kerertada 584* 4 B. 

9) rectsaga 563'' 25 B, C recthsaga. 10) salida 578* 12 A. 

11) anaseunga 584'' 18 A B. 

12) antsegida 563'' 32 B, C antseigida, antseigida 564" 26 C, antsegido 
566'' 16 C, antsegida 566'' 17 C. 

13) sJcaffimga 563 " 11 C; 575" B, skaphunga 575» 6 C, 584" 14 C. 

14) unculdigunga 564" 10 C. 15) ivirderwerfunga 564» 5. 
16) uiucJmnga 584" 12 B. 17) slatha 58 ^^ F. 

18) fitegi 551" 14. 19) clouUicIn 550" 2. 

20) mezaftigi 584'' 16 A, C mezlustigi. 

21) keivirftigi 584" 4 B, C keiviftigi. 22) zuclitigi 584" 5 B C. 

23) gerouU Ztschr. f. d. alterth. bd. 8, 109 =»"; Bericht d. deutsch, gesel- 
schaft in Leii)zig. 1836 s. 57 z. 28; s. 58 z. 4 gerohiti \ ubi. 

ZBITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. HD. XX. 1^ 



146 KELLE 

B. CONSONANTISCHE DECLINATION. 

I. Stämme auf an. 

Masculina. 

1. 1) Sing. nom. o: De syll. licrro llchamo mennisko shepfo. — 
De part. log. slcolo. — De rliet. slältriemo willo. — De mus. seito. 

2) gen. cn: De syll. gesellin 541^ 17; vgl. s. 130. — De rhet. namen. 
Über Uchamin 583'^ 28 ABC vgl. s. 130. — De mus. mennishen. 

3) dat. en: De syll. ivillin 554" 10; vgl. s. 130. 4) acc. en: De syll. 
namen. — Über gesellin 541^ 21 s. 130. — De mus. namen selten. 

5) plur. nom. acc. en: De syll. namen. — \]hQY forderin 541^' 11, 
mennisliin 557^ 18 vgl. s. 130. — De rhet. prwJcen. — Über men- 
nisJcin 569^ 26 B C vgl. s. 130. — De mus. Seiten, E 57 ^ seitun. 
6) gen. ön: De mus. seiton. 7) dat. on: De mus. seiton. 

2. Masculine an -stamme: De syll. fordero lierro licliamo mennisko 
namo ge-sello sJcepfo willo. 

De part. log. sJcolo. 

De rhet. llchamo mennisJco namo prieho'^ sJcilt-rtcmo^ willo. 

De mus. mennisko namo seito. 

II. Stämme auf 6n. 

Feminina. 

1. 1) Sing. nom. a: De syll. sunna ivisa. — De mus. svegela. 
2) gen. ün: De mus. svegelun lütün. 3) dat. im: De syll. gedingün. — 
De rhet. litün sUün. — De mus. lirün organün rotün zimgün. 4) acc. 
ün: De mus. lirün lütün. — svegela 589'"^ 38 Schreibfehler. 

5) plur. nom. acc. ün: De syll. ivlsün seigün. — De mus. sve- 
gela 589"^ 25 D, F svegalan. 6) gen. Ott: De syW. ivtson. 7) dat. 
on: De rhet. sitön. 

2. ow- stamme: De syll. gedinga sunna wisa seiga. — Adverbial 
steht 547"^ 3 die verkürzte form wis. 

De rhet. Uta sita. — wis 585* 2. 

De mus. Ura lüta Organa rota svegela zunga. 

III. Stämme auf tar. 
Sing, dat.: De part. log. toJiter.'^ 

1) priechen .584'' 12 C. 

2) sclitriemo 577"^" B, C scilricnio. 

3) doehdcr 540" 10 C. 



VEEBUM ü. NOMEN IN NOTKERS DE SYLLOG. USW. 147 

II. 

Adj e ctiTum, 

A. VOCALISCHE DECLTNATION. 

I. Stämme auf a. 

Masculina und neutra. 

1. 1) Sing. nom. masc. e-r: De syll. clüein-chosiger fierf alter. — 

De rhet. geabertcr gerollter gezuJiter. 2) nom. neutr. e-z: De part. log. 

follez. 3) geu. masc. e-s: De syll. uhelis 541'' 17; vgl. s. 130. — 

De mus. folles. 4) dat. masc. e-mo: De rhet. snellemo güotomo 565* 

14 B, C guodemo. — De mus. ferläsenemo 590 '^ 23 DEG, F firläza- 

nenio. 5) acc. masc. e-n: De syll. uhelin 541 '^ 21; vgl. s. 130. — 

missechertin 544 '^ 16. 28; vgl. s. 130. — De part. log. follen. — De 

mus. halben. 

6) plur. nom. acc. masc. e: De syll. gewäre. — cliomene gespro- 
cliene. — Do rhet. hurgUche fernumestlge givisse zvelifelmge. 7) nom. 
acc. neutr. iu: De syll. gehaftiu. — geskafeniu. — De rhet. endersJciu 
nngehaftiu. — ferworfenm genomeniu. — De mus. ehenmichelm folliu 
nngeskeidenm. — gesheideniu. 8) gen. masc. e-ro: De part. log. uhelero. 
9) dat. masc. neutr. e-7i: De syll. geloublichen gewären widerwärtigen. 
— crercn. — eristen. — De rhet. tagaltlicMn. — De mus. alten. — 
anageleiten. — ereren, 590^* 33 eron F. — eristen. 

II. Stämme auf 6. 
Feminina. 

1. l) Sing. nom. iu: De rhet. ungewändiu. — De mus. halbiu 
langiu. — nherdenetiu. 2) gen. e-ro: De mus. halhero zvifaltero. 
3) dat. e-ro: De mus. zvifaltero. 4) acc. a: De syll. gerecha güota 
gwissa ubela. — De rhet. geloublicha lohesama. — De mus. drifalta 
ßerfalta heisa langa ivita. 

5) plur. acc. e: De rhet. spileliche. 

2. Adjectivische a /o7- Stämme: a) De syll. [compar.] a/J5er [comp.] 
bezer chlein-chösig unbe-denchet [comp.] erer'^ [superl.] crist ersam 
(un-ersam) ferroUh fierf alt [comp.] forder frl goteUh güot ge-haft 
halb hantsam [superl.] /imsif ge-, unge-Uh lobesam ge-loublih lustsßm 
ge-mah minnesam sige-nemelih [superl.] g-nötest'-' nüohternin'^ 
[comp.] WM^tT [s. nuze\ [comp.] ordenhafter rätsam ge-reh [comi^.] ge- 
recher rehtolih un-rüochesc sieht unge-sJceiden ge-sJciddtlih unge-toufet 
übel ivär (ge-wär) warblih wider-wart ivider-ivartig g-tvis [comp.] «w- 
givisser^ zimelih ziniig (un-zinizg) un-zvivelig — bleih-, sat-grä. 



1) erererin 543* 16. 2) enoetesta 554" 13. 

3) nuehternin 542* 4. 4) ungetvisserin 557" 6. 



10* 



148 KELLE 

De pari. log. arg [comp.] lezzer cliusüg ^ fol güot uhel. 

De rhet. tag-altüh^ bald har [comp.] hezzcr hurgWi^ dingUh^ 
zvelif- einig endersc ^ gpmeUh güot Jianteg ^ unge - haß ' [comp.] hcvigor 
eben- höh ^ löbcsam ge-louhUh^ un~minncsam^^ fcr-numcst'ig'^'^ offen 
ant- seidig '^^ skiddlg (im-sJculdtg)^'-^ snel spilellh'^'^ spmhWi'^''' spüoüg^'^ 
imge-iüänt iviblili'^'' g-ivis. 

De mus. [super!.] afterost alt churz [super].] churzlst drifcdt 
[comp.] erer [superl.] erist fierfalt fol halb heis [superl.] höhest lang 
[comp.] ^ewfjrer [superl.] ?ew(/is^ ge-lih ge-limpfWi ge-mah [superl.] meis^ 
eben-michel [comp.] mitfer [comp.] nider [superl.] nlderost [comp.] ober 
[superl.] oberösf [comp.] ge- rober [superl.] ge- robust sango-llh unge- 
skeiden [superl.] stillöst wU [superl.] unge-zämest zvifalt.^^ 

b) Stämme auf ia [ioj: De syll. chiusJce ,(tm - chiuske) ^^ feste Ub- 
hafte nuzze redo-sixihe sin- weihe ^^ ivise zvisJce. 

De rhet. un-chiuske firne fremede^^ füoder-mäze^^ g-nüoge^^ 
same-rarte sJcone unge-zäme^^ ziere J^ 

De mus. genge g-niioge^^ un- helle IM-, un-lütreiste chicin - 
stimme. 

III. Stämme auf ia. 

Masculina und neutra. 
1. 1) Sing. uom. masc. e-r: De syll. redospaher. 2) nom. ueutr. 
e-z: De syll. zviskiz 549^ 30; vgl. s. 130. 3) dat. masc. e-mo: De 
mus. anafahentemo. 

4) plur. nom. neutr. iu: De rhet. firniu fremediu samerartiu 
skoniu unchiuskiu. 5) dat. neutr. e-n: De syll. ringenten. — De rhet. 
nider- , w/"- gänden. 

1) chusteg 538 " 36 C. 2) tagalichen 577 " 7 B. 

3) purchlicJie 569'' 11 C, B imrcliche. 

4) clmchlicha 562'' 21 B, C dinclicha. 

5) endrisUu 579 -^ 26 C. 6) lianäcg 584" 28 B. 
7) ungeJiastitt 580'^ 13 BC 8) ehenho 578 « A B. 

9) Mouplich 565" 35 BC, eloublich 573" 33 BC, 574"^ 11 B C. 
10) umninesam 578* 14 A. 11) firnumstige 565* 16 B, C fernnmftige. 

12) antseigidiga 563" 29 C. 

13) sculdegon 575" 20 C, unsculdcgen 579" HC. 

14) süeliche 584" 13 C. 15) s])racliliclm 562" 27 B, C spadicha. 
16) sputich 565* 34 B, C spuedich. 17) uuibelih 584" 32 C. 

18) zvimlat 588" 23, zvivalte 57 ^ F, zvivaUi 108 ^ H. 

19) chiusg 547" 18, imcMusg 547" 19. 

20) sinuuclhe 558* 24, simmelb 558* 29. 21) froemidiu 579* 26 A. 
22) fudermaze 578 ^ C. 23) cnucge 578* 19 B. 

24) tmgezemero 585* 1 A B. 25) zero 585° 6 C, B zeero. 

26) gnuog 589" 9. 



VEEBüM U. NOMEN IN NOTKEES DE SYLLOG. USW. 149 

IV. Stämme auf iö. 
Feminina. 
Sing. dat. e-ro: De rhet. ungesemero. 

B. CONSONANTISCHE DECLINATION. 
I. Stämme auf an. 
Masculina und neutra. 
1- 1) Sing. nom. masc. o: De syll. gemacho. — gesprocheno. — 
affero erero fordcro. — cristo. — De part. log. argo uhelo. — De mus. 
gerohero Icngero. — clmrzisto niderosto oberosto. 2) nom. acc. neutr. 
a: De syll. gemacha. — aftera hezzera erera fordera gerechera orden- 
haftera. — erista gnofesfa. — De rhet. antscidiga hara. — De mus. 
drifalta gemacha. — ercra , hl ^ erere P mittera nidera ohera. — 
erista, 590^ 28 ereste F niderösta oberosta. 3) geu. masc. ueutr. en: 
De syll. halben. — Über gesprochenin 548'"^ 6. 10, — afterin 543 '^ 15. 17, 
t>-er«i 543^ 14. 16 vgl. s. 130. — Dqvlwx.^. gemachen. — eristen. 4) dat. 
masc. neutr. en: De syll. gemachin 549'"^ 33. — afterin 546'"* 13. ererin 
548^ 17. — eristin 543=* 13; 543^ 31; vgl. s. 130. — De mus. chur- 
zisten eristen niderosten oberösten. 5) acc. masc en: De syll. bez- 
zeren. — missechcrten. — De mus. churzisten lengisten. 

6) plur. nom. masc. en: gewären. — forderen. — Über ererin 
556^^4 vgl. s. 130. — De mus. lengeren. — afterosten eristen. 7) nom. 
acc. neutr. en: De syll.- goteltchen ividenvarten. — genomenin hbl ^ 4, 
vgl. s. 130. ereren. — Über nuzerin bbl^ 8. ungewisserin bbl^ 6 
vgl. s. 130. — De rhet. unsJculdigen 579^ 11 A, Ji unsculdigun Schreib- 
fehler. 8) gen. neutr. ön: De syll. ungesheidenön. — gebotenön ge- 
sheidenön. — De rhet. sliuldigon. 

II. Stämme auf 6n. 

Feminina. 
1) Sing. nom. a: De syll. gerechera. — erista herista. — De 
rhet. dingltcha sprählicha. — De mus. genamda. — erista hohesta meista 
niderösta oberosta. 2) geu. Ccu: De syll. geskidotlichiin. — ererün. — 
De mus. gerobust im. 3) dat. tin: De syll. slehtün unrüochcsMn. — 
infiiogtün. — De mus. eristün niderostün oberöstün. 4) acc. ün: De 
mus. eristün. 5) plur. nom. De mus. eristün 589'' 3, ungezämestün 
588" 8 Schreibfehler. 

III. Stämme auf ian. 
Masculina und neutra. 

1) Sing. gen. masc. m; De sjdl. foregdntin 546*12, vgl. s. 130. 

2) plur. nom. masc. en: De syll. tvisen. 3) gen. masc. ön: 
De syll. stritentön. 



150 



KELLE, VEUBÜM U. NOMEN IN NOTKEßS DE SYLLOG. USW. 



IV. Stämme auf ion. 
Feminina. 
1) Sing. nom. a: De rliet. clnesenta zeigönta. 2) gen. iin: De 
syll. scsaminchaftentäu. 



Register. 



abenemunga 133 
ahtun 131 
antscida 133 
antseidig 133 
bar 133 
bemeineda 131 
bemeinen 131 
bnrgliche strite 133 
büolilist 131 
burgreht 132 
hurgstrit 132 
chiesente 132 
dietreht 132 
ding 131 
dinglih 131 
dingman 131 
dingön 131 
einunga 131 
endunga 132 



absolutum 133 
ambiguae leges 132 
assumptivum 133 
casus 133 
causa 132 

civilis quaestio 133 
comparatio 133 
concessio 133 
conjectura 132 
constitutio 132 
contrariae leges 132 
definitio 132 
dcliberare 131 
delibcratio 131 
deliberativum genus 131 
demonstrativum genus 131 

PRAG. 



fleha 133 
forderunga 132 
furolaga 133 
gechiusen 131 
gejiht 133 
geskiht 133 
gestelleda 132 
gewoneheito 133 
gnädonfleha 133 
gnotmarchunga 132 
gnötniezunga 132 
irräteni 132 
luzzeda 133 
mälizze 133 
not 133 
rätiska 132 
rehto sprechen 131 
skafunga 132 
skrift unde -willo 132 

IL 

deprecatio 133 
depulsio 133 
finis 132 
grammatica 131 
iniprudentia 133 
infirmatio 133 
intcntio 133 
judiciale genus 132 
judicialis 131 
legalis 132 
leges ambiguae 132 
leges contrariae 132 
liberales artes 131 
necessitas 133 
negocialis 132 
orator 131 



spracha 131 
spräblih 131 
sprahman 131 
sprächön 131 
stata 132 
strit 131. 132 
strite burglicbc 133 
underskeit 132 
unskuldiguuga 133 
unwizzentheit 133 
warnunga 133 
wehsei 132 
weri 133 
Aviderchereda 133 
widerwerfunga 133 
willo s. skrift 
zoigonde 132 



purgatio 133 

qualitas 132 

quaestio civilis 133 

ratio 133 

ratiocinatio 132 

ratioualis 132 

rectiloqidum 131 

relatio 133 

remotio 133 

rhetor 131 

rbetorica 131 

scriptum et sententia 132 

Status 132 

translatio 132 



J. KELLE, 



MATTHIAS, PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 151 

EIN PASQUILL AUS DEE ZEIT DES 
SCHMALKALDISCHEN KRIEGES. 

Ein kostbarer alter sammelband der grossherzoglichen bibliothek 
zu Weimar (in gr. 4 oder kl. fol.) , den mir herr oberbibliothekar dr. 
R. Köhler in entgegenkommendster weise nachgewiesen und zur 
benutzung überlassen hat, enthält ausser anderen stücken^ unter nr. 9: 

Ein Gfespreche 

Yon einem Landsknecht nnd S. 

Peter, Bapst, Teiiifel und 

der Engel OalbrieL 

Darinnen kurtz begriffen und angezei- 

get wird, das S. Peter nie gen Rom 

komen ist, und den Bapst sein nachfol- 

ger nicht zu sein bekennet, auch keinen 

Bapst nie gesehen hat, Fast 

kurtzweilig zu lesen. 

{ohne jähr. Titel u. 6^^ bl.) 

1) 1. Der Edlen uiid Ernvhesten Wilhelmen v. Grumbachs ustv. Anzeig , Aus- 
führung und offen Ausschreiben , welcher gestalt . . sie hievor von dem Bischoff zu 
Wirtzburg . . verjagt usiv. {titel u. 50 hl.) 2. Copia des Schreibens Wilh. v. Grum- 
bachs an die Churfürsten u. Fürsten usw. {4. fehr. 1564, tit. u. J7V2 &Z.) 3. Copia 
etlicher Vertrege, so der Bischoff von Wirtzburg mit Marggraf Alberten zu Bran- 
denburg . . und W. V. Grumbach auffgericht. {tit. u. 10 hl.) 4. Copia des Vertrags 
zmschen dem Bisch off zu Wirtzburg und W. v. Grumbach. {tit. u. i^j^ hl.) 5. Copia 
W. v. Grumbachs und seiner Mitverwandten an jre Oheim, Vettern, Schweger und 
Freunde xisio. {4 hl.) 6. 7. De coniunctiouibus magnis insignioribus superiorum pla- 
netarum usio. His ad calcem accessit prognosticon ab a. D. 15ti4 in vigiuti sequen- 
tes annos. Auetore Cypriano Leonitio ä Leonicia a. MDLXIIII. (59 V2 ^^■) 8. Ein 
Gesprech des HEEEEN mit S. Petro usw. (= Göd. 11^, 274., n. 80). Item von 
Sanct Peter und einem Münch. Durch Conrad Hasen . . . 1561 ; {über diesen gedenke 
ich hei einer anderen gelegenheit zu herichten). 10. Ein new Mandat Jhesu Christi 
an alle seine getrewe Christen usw. {1556. 10^'» &Z.). 11. Verzeichnus, welcher 
gestalt dieEö: KayserlichcMay: usio. {Ferd. I.) zu Prag eingeriten, den VIII. No- 
vembris MDLVIII. {tit. ti. 3V<y hl.). 12. Warhaftige Histori unnd Bericht, welcher 
gestalt . . . Herr Albrceht der Junger Marggraf zu Brandenburgk jhn Preussen . . . 
sein endt genomen habe . . durch Jacob Herbrandt ... zu Pfortzheim. {tit. u. SV2 i>l-) 
13. Copey Avie Landgraffe Wilhelm zu Hessen sich gegen der Keyserlichen Maicstät 
verwaret. {1552. tit. u. 6^/2 hl.) 14. Veraynigung der fünff Chur unnd Fürsten 
Meintz Trier Pfaltz Wirtzburg und Hessen. MDXXXIII. {tit. u. 2^1. hl.) 15. Des 
Hochwirdigen Fürsten und Herren Herren Friederichen Bischofes zu Wurtzburg ^isw. 
Verantwortung und ableynung des .... lasterbuches, welches . . Wilhelm v. Grum- 
bach, Wilhelm vom Steyn und Ernst von Mandcssloe . , im Truck aussgchen . . 
lassen. MDLXIIII. (7 hl. regist. w. CGI bl. text.) 



152 MATTIUAS 

Das gespräcli ist angeführt im L quellenverzeichnis des Grimm- 
scheu Wörterbuches, scheint aber in den späteren bänden nicht mehr 
verwertet worden zu sein ; welches exemplar benuzt ist , weiss ich nicht 
zu sagen, ^ bei Gödeke fehlt das gespräch; bei Weller, Ann. II, s. 245 
steht es. 

Der alte druck, der sehr schön und klar ist, umfasst ausser 
dem titelbhitto sechs ganze blätter, von dem siebenten zwei drittel der 
vorderen seite; die seite enthält 31 zeileu. 

Die zeit der abfassung lässt sich mit ziemlicher genauigkeit 
bestimmen. Von Luther (f 18. febr. 1546) wird als von einem verstor- 
benen geredet; als pabst wird Paul (III.) genant (13. okt. 1534 — 
10. novbr. 1549); es ist ferner die rede von dem kriege des kaisers 
und des pabstes wider die evangelischen fürsten und städte: gemeint 
ist der Schmalkaldische und zwar der erste teil desselben, der an 
der Donau spielt. Es geht dies ganz deutlich aus den werten des 
landsknechts hervor, vrelcher auf des pabstes Clemens (VII. , 29. novbr. 
1523 — 25. septbr. 1534) frage: „welcher teil meinstu werd obliegen?" 
antwortet: „das weis Gott, das Jar wird maus nicht erfragen, denn 
es haben sich beide teil gegen einander vergraben, und wollen im feld 
Winterlager haben, und kein teil dem andern weichen," Es ist der 
winter des Jahres 1546 gemeint, in dem Karl V. persönlich an der 
Donau gegen die Protestanten zu felde zog, unterstüzt durch päbstliche 
truppen, an deren spitze, „im glänze eines Gonfaloniere der kirche",^ 
Alessandro Farnese stand, der enkel des pabstes und Schwiegersohn 
des kaisers. Dieser rückte im Oktober gegen Ulm vor und bezog ein 
festes lager zwischen Sontheim und Brenz nordöstlich vonElm: die Pro- 
testanten unter anftthrung des kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen 
und des landgrafen Philipp von Hessen ihm gegenüber in unmittel- 
barer nähe hei Giengen;^ hier lagen sich beide teile bis ende novem- 
ber gegenüber, ohne etwas grösseres zu unternehmen und sich gegen- 

1) lu J. Grimms eignem besitze scheint es uicht gewesen zu sein, denn es ist, 
wie mir herr dr. Seelmann freundlichst mitteilte, weder in die Berl. universitäts- 
bibl, noch in die königl, bibl, übergegangen; auch die herren prof. Hildebrand 
in Leipzig und GR. prof. Grimm in Berlin, welche auf meine anfrage in liebens- 
würdigster weise antworteten, konten über den verbleib des schriftchens keine aus- 
kauft geben. 

2) Ranke, deutsche Gesch. im Zcitalt. der Reformat. IV, 423. 

3) Im lager vor Giengen passiert auch nach Kirchhof, "Wendunm. I, 95 
(Oesterley) die köstliche gcschichte, dass der Schneider dem bauer, dem er ein pan- 
zerstück „ins wams vor das herz" nähen soll, dasselbe näht „zwischen das futer 
an den hosen hinten am gesess", wo es nachher so gute dicuste tut. Kirchhof 
befand sich übrigens damals selbst als landsknccht im protestantischen heero. 



PASQUILL AUS DEM XVI. JIl. 153 

seitig durch kleinere angriffe beuuruliigend. Dieser Zeitpunkt ist offenbar 
in unserem gespräche gemeint. Der landsknecht, der natürlich dem 
protestantischen heere angehörte, hat in einem dieser gefechte, durch 
die kugel eines hakenschützen getroffen, seinen tod gefunden. Damals 
Avar in der tat nicht vorauszusehen , „Avelcher teil obliegen werde" ; die 
Protestanten waren sogar von grossen hofnungen erfült, denn die kai- 
serlichen hatten unter den unbilden der Witterung noch mehr zu leiden 
als sie.^ Der Umschlag trat erst ein, als Moritz von Sachsen auf die 
Seite des kaisers trat. Anfang november gewann derselbe bei Adorf 
(im Voigtlande, an der sächsisch - böhmischen grenze) einen sieg über 
die voigtländisch- thüringischen truppen und dadurch einen teil des 
kurfürstlichen landes. Nach langem zögern entschlossen sich infolge 
davon die Protestanten das Winterlager bei Giengen aufzugeben und 
sich zu trennen. Die absieht, die sie hatten, durch ein neues lager, 
das bei Elwangen aufgeschlagen werden solte, das oberland zu be- 
schützen, kam gar nicht zur ausführung.^ Der feldzug, der sich anfang 
1547 der Elbe zuwendete, nahm einen für die Protestanten immer 
ungünstigeren verlauf und endete mit der niederlage und gefangenneh- 
mung des kurfürsten bei Mühlberg (24. apr. 1547). 

Unser gespräch ist also unzweifelhaft im november des Jah- 
res 1546 entstanden, jedenfals vor dem 22., an welchem die Prote- 
stanten das feste lager bei Giengen aufgaben, vermutlich auch vor 
dem 6., dem tage der schlacht bei Adorf, von welchem sich der anfang 
des misgeschickes für die Protestanten herschreibt. 

Über die person des Verfassers lässt sich so gut wie gar 
nichts feststellen. Sein dialekt ist der thüringisch -sächsische. Dass 
er ein gebildeter manu gewesen ist, geht nicht nur aus einzelheiten 
hervor — z. b. aus der erwähnuug des Cerberus, des könig Artus, 
des lateinischen Spruches aus Esaias — , sondern auch aus der ganzen 
art des gespräciies. Dasselbe atmet von anfang bis zu ende den fana- 
tischen hass gegen das pabsttum, welcher damals, wie natürlich, alle 
Protestanten erfülte ; daher auch die harte , zum teil uugereclite beur- 
teilung der beiden erwähnten päbste. Dergleichen findet sich fast in 
allen protestantischen Schriften der damaligen zeit. Ich erinnere bei- 
spielsweise au das, was Kirchhof (Wendunm. I, 2, 15 Oest.) über 
dieselben beiden päbste sagt: Paul habe leute abgesendet, die brunnen 
der Protestanten zu vergiften, und Clemens auf seinem Sterbebette 
geäussert: er Avolle jezt zweierlei, woran er nie geglaubt hätte, erfah- 
ren : nemlich ob ein gott und ob die seele unsterblich sei ! Man ver- 

1) Kanke, a. a. o. 8. buch, 2. cap. 

2) Ebenda s. 449. 451. 



154 MATTHIAS 

gleiche damit was Vettori (b. Kaiike, d. römisch. Päbste P, 64, anm. 2) 
über Clemens sagt: seit 100 jähren sei kein so guter pabst gewesen, 
uon siiperbo, non simoniaco, uon avaro, non libidinoso, sobrio nel 
victo , parco nel vestire, religiöse, devoto! 

Dass ein landsknecht als Sprecher auftritt, hat verschiedene 
gründe; die gelehrten Verfasser dieser gespräche wählten mit beson- 
derer Vorliebe als unterredner leute aus den untersten ständen : einmal, 
weil eine Verteidigung des evangelischen glaubens durch den mund 
schlichter, ungelehrter leute ganz besonders wirksam sein musste; 
sodann wolte man dadurch die von der gegenpartei so gern verhehlte 
tatsache zum ausdrucke bringen , dass Luthers lehre gerade auch die 
untersten schichten des Volkes mächtig gepackt, gerade hier tiefe wur- 
zeln geschlagen habe. Ferner • — und das war sicherlich ein wesent- 
licher gruud — koute man ungebildete leute viel gröblichere reden 
gegen das pabsttum führen lassen, als Vertreter der gebildeten stände. 
Endlich gewann der Verfasser unseres gespräches durch die wähl des 
landsknechtes für die kriegerischen ereignisse einen augenzeugen. Der 
Wirklichkeit durchaus entsprechend ist die ausserordentliche Vorliebe 
für derbe ausdrücke, kräftige fluche und Schimpfwörter, mit denen 
unser held, trotz seines evangelischen glaubens, geradezu verschwen- 
derisch umgeht , eine Vorliebe , die sogar auf S. Peter übertragen Avird. 

Der folgende text ist eine genaue widergabe des alten druckes, 
den ich mit W bezeichne, mit allen orthographischen eigentümlichkei- 
ten; nur habe ich die wenigen abkürzungeu aufgelöst und in der Inter- 
punktion etwas nachgeholfen. 

Dasselbe gilt von einer zweiten fassung des gespräches, deren 
Varianten unter dem texte stehen. Dieselbe ist enthalten in einer hand- 
schrift der königl. bibliothek zu Berlin (ms. germ. oct. 267), aufweiche 
mich herr gymnasialdirektor prof dr. Holstein in Wilhelmshaven 
freundlichst aufmerksam gemacht hat : ich bin ihm dafür zu grossem 
danke verpflichtet. Das liebenswürdige entgegenkommen des herrn ober- 
bibliothekar dr. Val. Rose hat es meinem bruder ermöglicht, eine 
genaue vergleichung, zum teil abschrift des gespräches anzufertigen; 
lezterem verdanke ich auch die beschreibung der handschrift. 

Dieselbe ist auf grobes papier geschrieben und enthält 182 blät- 
ter von je 11 cm. breite und 16^2 cm. höhe, darunter etwa ein dutzend 
unbescliriebene (zwischen 1 und 2), welche bereits mit bleistift umrän- 
dert sind; je 5 — 6 doppelblätter sind auf 2 lederstreifen befestigt, 
welche lose durch ein stück pergament, das den Umschlag bildet, gezo- 
gen sind. Die handschrift ist ein Sammelwerk und enthält im ganzen 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 155 

22 stücke, von denen jedesmal der scliluss flüchtiger geschrieben ist, 
als der anfaug; unser gesprcäch uimt die erste stelle ein. 

Über den Verfasser lässt sich ebensowenig mit bestimtheit etwas 
sagen, als über den des Weimarer gespräches. Die frage nach dem 
Verfasser lässt sich überhaupt nicht trennen von der frage nach dem 
Schreiber der handschrift, von dessen band sämtliche stücke herrühren; 
soweit es aus den titeln zu schliessen ist, stehen die ersten 9, ferner 
18, 21 und 22 in beziehung zur reformation und vertreten, mit aus- 
nähme des lezten , den protestantischen Standpunkt ; zweifelhaft ist diese 
beziehung bei 10, 12, 15, 16, 17, 20, 21; 22 scheint die einzige schrift 
der gcgner zu sein. 

Ich lasse zunächst, da meines Wissens der volständige Inhalt 
der handschrift noch nicht bekant ist, die titel von 2 — 22 folgen. 

2. Eine Ermahnung an die Kayserl. Majestet tisw. (= Göd. IP, 
300, n. 180). 

3. 1547. Des gottesfürchtigen Churfürsten u. Herren Herzog 
Johau Friedrich zu Sachsen Passion, beschrieben durch N. Pasquillura; 
am schluss: das ist der erstail des Pasquilli. Der anderthail von der 
Begräbnuss steckt bei Pasquillo in der Feder. Actum 14. Martij 
anno 1548. 

4. 1547. Passional des ehrwürdigen Herrn Doctoris Martini 
Lutheri, beschrieben durch N. Pasquillum. M. S; am schluss: t(o öecTj 
(sie!) do^a. 

5. Pasquilli Glaub. (Ich glaub, dass der Bapst ein Vater aller 
süüd sei usw.). 

6. Ein schön Evangelien vom Pabst u. seinen Cardinalen durch 
N. Pasquillum transferiert worden (vielleicM ^= Schade, Sat. u. Pasq. 
II, s. 105). 

7. Ein schöner spruch vom Herzog Heinrich von Braunschweig 
(Heinrich von Braunschweig heiss ich, den Namen mit der That liab 
ich, ein verjagter Fürst bin ich). 

8. Ein anderer spruch vom Herzog Moritz von Sachsen durch 
N. Pasquillum: schluss: Epitheton Ducis Mauricij Saxouiae: perfidus 
princeps, proditor patriae, patrisque patruus. 

9. Passion des Gottesfürchtigen Churfürsten Johann Friedrich 
Herzog zu Sachsen ao 1547. 

10. Prophezeiung eines Propheten, der in teutscher Nation 
geboren soll werden. 

11. Ein schöner spruch von dem Pfennig, was er in der "Welt 
ausrichten thut {gereimt). 



156 MATTHIAS 

12. Ain schönes Gesprech aines alten Mannes und ainem jun- 
gen knaben von allerley Stände, dieser jetzt werende und geschwinde 
lauffe dieser Welt {gereimt). 

13. Ein trostspruch wider den turken. 

Man thut jetzt allenthalben sagen 
Ach Gott, wer nur der türk erschlagen. 
Erkenn Dich selber, wäre busse würk, 
Gott send dir Hilffe wider den türk. 
Zur hilff ist er allezeit berait 
Wie dies büchlein fein kurz anzeigt. 
Ungerechtigkeit und laster schand 
Treibt uns den turken zu uns ins land. 

(= Weiler Annal. I. s. 24, n. 109). 

14. Ain schöner Spruch aus dem vierten kapitel tobiae, wie 
der alt tobias sein son gelert und unterwiesen hat kurtz vor seinem 
absterben. 

15. Ein schön neu liedt von den Mönchen, wie sie bis in die 
zehen Jahr zu Cöln am Khein in dem Closter zu S. Johan genannt so 
grosse abgötterey getrieben haben u. wie es doch zuletzt durch iren 
eigenen Diener offenbar ist worden, durch Herz Christofi' Renner, Kir- 
chendiener zu Wittenberg in Gesangweis wie folgt. Im Thon wie man 
das wacker Medlein singet. 

16. Ein neu liedt von den geweihten Thumbpfaffen. 

17. Ain Brief Antouij Cleselini Für: Durch: Ertzherzog Ferdi- 
nand Hoffprediger Jesuitter ordens an ir Fürst: Durchleuchtigkeit ge- 
schrieben als er ... Urlaub genommen s. z. under der Thür 1569.^ 

18. Der Papisten Katechismus in etlich Fragstück gestellt. 

19. Nachtigall usiv. (= Göd. IP s. 306, n. 239''). 

20. Ein neu liedt oder historij von einem Vogel, der Storch 
genannt, in seiner aignen Waiss. 

21. Ein Gesprech von dem Piad^ des Bischofs von Salzburg, 
so er an ainem armen Bauersmann begangen an sant Ruprechtstag in 
der Sallzburgischen Messe ao. 1557 {gereimt). 

22. Ein klag dreyer Vogel, die die Schnäbel auf dem Rücken 
tragen, eine Alster, Geyer und Rappen wider die Communion under 
bayder Gestalt und andere Artikuly {gereimt). 

1) nach er steht eine unverständliche abkürzung; über Cleselinus vgl. Göd. 11=^, 
277, n. loa. 311, n. 291. 

2) Verschrieben, = Jaid oder Gjaid, vgl. Göd. II, 275 n. 86, 1; Schade Sat. 
I, 145 u. 241; Weller Annal. I, s. 62, u. 263 u. 264. 



tASQUILL AUS DEM XVI. JH. 15? 

Am Schlüsse von ii. 2 steht nach dem üblichen finis unter dem 
striche noch folgendes: „Lucas khän, Sehilla Welserin , seine Ehewür- 
tin, Sabina, Heinrich und Joseph die khänin u. khiinen sind beim 
Menrath Speisser ^ und Agatha seiner Eliewürtin in Irom Haus nechst 
bei Vaffinger (od.: Neffinger) thor gewest. den 13. ... A'^ 76. "^ Diese 
notiz ist anscheinend später, als der vorangehende text, aber von der- 
selben band geschrieben; es ist also anzunehmen, dass einer von den 
beiden genanten männern der Schreiber des buches gewesen ist, wahr- 
scheinlich der zulezt genante , Menrath Speisser , der es seinem gast- 
freuude Lucas Khän zum andenken an den besuch, den ihm derselbe 
mit seiner frau und seineu kindern am 13. mai 1576 gemacht, geschenkt 
und jene notiz gleichsam als Widmung in dasselbe eingetragen haben 
könte. Dies schliesse ich daraus , weil sich am ende eines jeden 
Stückes folgendes zeichen widerholt : ein grosses lateinisches M, darüber 
zwischen den beiden mitleren schenkein S senkrecht durchstrichen 
(== I)j am linken Schenkel des M ein kleineres E, am rechten oben 
ein ebensolches P, unten R, aus welchen buchstaben man M. Speisser 
leicht zusammensetzen kann; neben dem E scheint allerdings noch ein 
L zu stehen. Vielleicht macht ein freundlicher leser dieser Zeitschrift 
in einer süddeutschen stadt auch noch das Vaffinger oder Neffinger 
tor ausfindig. 

Wichtiger als die frage nach dem Schreiber des codex ist eine 
zweite : ob wir den Schreiber zugleich auch für den Verfasser anzuseilen 
haben. Ich glaube, man wird diese frage von vornherein zuversichtlich 
verneinen können. Nr. 15 und wahrscheinlich auch 17 haben ja einen 
eignen namhaft geraachten Verfasser, und auch die übrigen stücke ge- 
hören so verschiedenen Zeiten an (1545 — 67) und behandeln so ver- 
schiedene stoife, dass sie schwerlich einen mann zum Verfasser haben, 
noch dazu einen, dessen name uns ganz unbekant wäre. Wir haben 
es jedenfals mit einer samlung von flugschriften zu tun, die damals 
massenhaft erschienen, ähnlich der oben beschriebenen samlung in 
Weimar (s. 151 anm.), deren ja noch viele existieren. Ein dengebildeten 
ständen angehörender Protestant, der ohne jedenfals selber beteiligt zu 
sein, die religiösen Streitigkeiten seiner zeit mit Interesse verfolgte, 
hat vermutlich entweder jene flugschriften sich almählich in der reihen- 

1) Menrath (Meinrath, Meginrät) Speisser: der 2. name nicht niit unbeding- 
ter Sicherheit zu lesen. 

2) Nach 13 steht der name des monates undeutlich, es scheint May oder 
Maij heissen zu sollen. 

3) Auf Menrath Speisser lassen auch die buchstaben M. S. schliessen , die 
bei n. 3 u. 4 hinter Pasquillum stehen. 



158 MATTHIAS 

folge, wie er sie kennen lernte, abgeschrieben, oder auch eine bereits 
vorhandene samlung der gewöhnlich bald nach dem erscheinen wider 
verschwindenden blätter copiert. ^ 

Nicht weniger als 7 stücke stellen in beziehung zum schmalkal- 
dischen kriege, nämlich ausser unserem noch 2, 3, 7, 8, 9, 19, das 
älteste davon ist 7, denn die gefangennähme Heinrichs von Braun- 
schweig fand im September 1545 statt (Kanke IV, 366 fg.); eines der 
nächsten ist unser gespräch, von dem wir hier eine erneute, vielfach 
veränderte aufläge der älteren durch W vertretenen fassung vor uns 
haben. Freilich muss man wol sagen statt älteren: einfacheren, denn 
tatsächlich sind beide bearbeituugen nur durch ganz kurze zeit von 
einander getrent. Dass aberB, wie ich die in der Berliner handschrift 
enthaltene fassung nennen will, eine Umarbeitung von W ist, möchte 
man daraus schliessen, dass vielfach Unklarheiten, härten und schrof- 
heiten von W in B beseitigt worden sind, ferner daraus, dass B sehr 
oft ausführlicher ist, als W, ja dass es grosse stücke, wie z. b. den 
ganzen schluss allein hat, deren zusatz bei einer neuen ausgäbe ganz 
natürlich ist, für deren fortbleiben aber, fals W jünger wäre, man 
keinen grund ausfindig machen köute. Auch im dialekt stimmen beide 
fassungen überein, abgesehen natürlich von solchen abweichungen, 
die von dem Schreiber der handschrift herrühren (vgl. anm. 1). Ent- 
scheidender aber, als diese gründe, scheint für die priorität von W 
folgender umstand zu sein. Der Verfasser des ursprünglichen gesprä- 
ches hat unzweifelhaft die absieht gehabt, für die protestantische sache 
energisch einzutreten und ganz entschieden gegen die päbstlich - kai- 
serliche partei Stellung zu nehmen; das geht aus dem, was beiden 
fassungen des gespräches gemeinsam ist, deutlich hervor. Er wolte 
ein pasquillum, eine schmäh- und Streitschrift gegen die katholiken, 
gegen kaiser und pabst veröffentlichen; eine solche muss einen mög- 
lichst schroffen und entschiedeneu Standpunkt einnehmen: diesem zwecke 
entspricht durchaus W, viel weniger der in seinem Standpunkte bei wei- 
tem nicht SO entschiedene Verfasser von B. Gut protestantisch ist der- 
selbe unzweifelhaft auch, eben so entschieden ist seine gegnerschaft 
gegen den pabst; viel geringer aber seine begeisterung für die prote- 
stantischen führer und sein vertrauen auf die opferwilligkeit der dem 
schmalkaldischen bunde angehörenden städte; er kante offenbar jene 
wie diese besser , als der Verfasser von W. Wenn aber in B die angäbe 
vonW: „sie haben sich gegeneinander vergraben" (nämlich die kaiser- 

1) Dass derselbe ein süddeutscher gewesen, wie schon oben angedeutet 
(s. 157), möchte man daraus schliessen, dass fast überall ei in ai verwandelt ist. 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 159 

liehen zwischen Sontheira und Brenz , die Protestanten ihnen gegenüber 
bei Giengen) beibehalten ist , so folgt daraus , dass die fassuug- B noch 
während beide beere sich gegenüberstanden erschienen ist, also nur 
wenig später als W. Das ist auch durchaus nicht unwahrscheinlich: 
denn nichts ist erklärlicher, als dass sofort nach dem erscheinen von 
W ein mann, der die Verhältnisse glaubte richtiger beurteilen zu kön- 
nen, als der Verfasser desselben, eine Umarbeitung in seinem sinne 
vorgenommen habe. Der erfolg hat seine befürchtungen bestätigt. 
Nachdem die verbündeten Protestanten sich entschlossen hatten, ihre 
Stellung bei Giengen aufzugeben und sich zu trennen, (siehe oben 
s. 153), nachdem auch das geplante Winterlager beiElwangen nicht zu 
Stande gekommen war (siehe ebenda), Hessen die reichsstädte in der tat, 
wie der Verfasser von B befürchtet hatte, „den hundt hincken", d. h. 
sie gaben die sache des bundes, von dessen führern sie im stich gelas- 
sen zu sein glaubten , auf, und machten der reihe nach mit dem kaiser 
ihren frieden, voran Ulm (Weihnachten 1546), im jauuar 1547 Augs- 
burg, bald darauf Frankfurt, Cöln und die Würtembergischen städte. 

Der folgende text ist der von W, die anmerkungen geben die 
abweichungen von B, soweit diese nicht nur orthographische eigen- 
tümlichkeiten betreffen. 



Ein Gresprech Ton 

einem Landsknecht nnd 

S. Peter. 1 

Landsknecht.^ 

Ich wil gehn sehen, ob mir dasjenige, wie Marti nus Luther 5 
gesagt und versprochen hat, gehalten werd.^ Denn von seiner 
newen lehr wegen hab ich mein leben verloren , ich wil hin zu der 
Himmel pforten gehen und ankloppen, vielleicht werde ich ein- 
gelassen. Hoscho, hoscho,^ Kalkopff,^ halt ein wenig, halt, bis 
ich neher zu dir*' komme. Petrus. Wer darff mich mit solchem 10 
namen so frefflichen auschreyen, du verhaderter dropff, von wann 

1) Dialogus oder Gesprach aines Landsknechtes un Petro von dem Bapst 
zu Rom und seinem Anfang (l. Anhang). — luterlocutores S. Petrus, Engel 
Gabriel, Teuifel, Bapst und Landsknecht. 

2) L. redt mit ime selber. 15 

3) will werden. 4) Hoscha Hoscha. 

5) Caliuus oder Calenus, nicht ganz deutlich. 

6) neher fehlt, nach dir: hinein. 



l6ü Matthias 

kumbstu so wol geputzt, ich gUiuhn aus köuig Artus liofl'. Lauclts- 
knecht. Ja lieber lierr, von dem grausamen Hund Cerbero. Pe- 
trus. Wie, bistu in der bell gewesen? Landsknecbt. Gewis- 
licb in abgrundt der Hellen. Petrus. Von wanne kumstu? 
Landsknecht. Ich komme aus dem Land Sachsen und Hessen. 5 
Petrus. Niclit unbillicb^ zerhadert und zuriessen, ich acht, du 
seist lang auff der gart umbgelaull'cn. Landskn. Nein verwar, 
mir ward erst gestern durch deins Erbguts beschützer und seinem 
anhang, König aus Italien, mit einem Bastport eines halben hocken'-* 
Urlaub gegeben. Petr. Meins erbguts schutzherr? Landskn. Ja.-"* 10 
Petr. Wer sein die?* Landskn. Der Bapst mit seinem anhange, 
deine nachfolger und Christi vicarij. Petr. Des teufeis nachfolger, 
nun hab ich doch auff erden nichts eignes verlassen, denn das 
vischer netz und schiflein, die waren auch nicht mein, sonder 
meins Vaters. Landskn. Er sey, wer er wöU, so ist das netz 15 
und schiff zuriessen und flicken alle Bäpst daran und kan nicht 
gantz werden; sie samlen überaus grosse schätz zusamen. Petr. 
Warzu wollen sie so viel gelts? Landskn. Ein theil zum krieg, 
ein theil zum panketiren , Renneu , stechen , mumereyen ^ und ander 
Wollust. "^ Petr. Was kriegt gegen einander, wem kriegen sie?'' 20 
Landskn. Ich hör wol, du bist allein in der gantzen weit, der 
von disem handel uit weis. Petr. Mir sein diese ding unbekant.^ 
Landskn. Potz marter, ist denn keiner aus disem krieg daher '-^ 
komen, bin ich den der erst? Petr. Ich hab vor ^•^ keinen gese- 
hen, aber dise tage war ein solich grausam prausem und rau- 25 
sehen ^^ schier über den breiten weg gegen der lincken band, ich 
het aber wenig acht ^^ darauft', die weil der selbig weg kein augen- 
blickg^^ ungewandert bleibt, das mich gleich wundert,^* wie sie 
der Teufel all beherbergen kan , das jm die Hell nicht zu eng wirdt. 
Ldskn. Hastu nicht das grausam geschos gehört, das dise tag ge- 30 
schoben? Petr. Ja, ich gedacht und erschrack,^^ es wer der Sathan 

1) Darnach: bistu also. 

2) König /bZtZi , darnach: auf (Z. aus) Italien mit einer Basporten sarapt 
einem halwen hagken. 

3) Darnach: also nennen sie sich. 35 

4) Darnach: sich also nennen? 

5) mumeriren. 6) woUustlicliem loben. 

7) Statt: was kriegt — sie: Was krieg, gegen wen kriegen sij? 

8) verborgen. 9) vor mir. 10) vor dir. 

11) Statt prausem und rauschen: rauschen und braschlen. 40 

12) kain achtung. i;]) stund. 14) ktain Wunder ninibt. 
15) erschrack und gedacht. 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. IGl 

ledig worden und wolt die Himel pfortn stürmen; weistuauch, wo 
sollich ungestümb geschehen ist?* Landskn. Soll ichs nicht wissen, 
bin ich doch dabey ^ gewesen, Petr. Unib welichs willen ist es 
ergangen?^ Landskn.'* Deine Stathalter habens angericht unud 
unser frumme Kayser und König verfürt.^ Petr. Haltestu mich für 5 
ein verfürer, du loser Mensch? dein mundt voller mutwillens.'' 
Landskn. Sag was du wilt,'^ es ist war. Petr. Es ist nicht war, 
sie haben des kein beuel. Landskn. Sie berümen sich ^ des. 
Petr. Wer berümbt sich des? Landskn. Der Bapst zu Rom. 
Petr. Wie kan das sein? bin ich doch mein lebenlang nie zu 10 
Rom gewesen , was dürffen sie mich anliegen ? und ob dem also 
wer, das icli het Rom gesehen,^ was wer es mir jetz nütz, ich 
bedarff sein nicht. Landskn. Sie dringen aber uns drauft" und 
sagen, du habsts jm befolhen.^^ Petr. Sie liegen, wie die fleisch 
dieb und^* bösswicht, nun wolt ich gern Avisseu, was es für ein 15 
volck war, die solich ding liegen dürften.*^ Landskn. Ich wil 
dirs ein wenig entwerifen , ob du nicht der platen Noll brüder den 
Himel vol habest.*^ Erstlich sage ich sein deiner vermeinten die- 
ner mancherley, beschoren, geschmirt und gesalbt.^* Petr. Ich 
verstehe nicht, was du sagest oder wen du meinst. ^^ Landskn. 20 
Kenstu denn dein^^ beschorne Rot nicht? Petr. Ich mein du spo- 
test meins kalkopfs. Landskn. Für war nicht,*' ich kans nicht 
anders nennen *^ als Cartheuser *^ Münich, Pfaffen, Nunnen, Pröbste, 

1) Äto« ungestümb — ist: ungestiemigkeit ist geschehen? 2) Darnach 
selbe 3) Statt ümb — ergangen: Lieber, wie ist solchs zugegangen? 25 

4) Darnach Von deinetwegen ist solches geschehen. Petr. Warumb von 
meinetwegen? Ldkn. Deine Statthalter usw. 

5) Statt imnd — verfürt : und uns den frummen kayser und könig ver- 
füret u. angehetzet zu kriegen. 

G) Statt dein — mutwillens: dein mundt dir voller mutwillens stecket. 30 
7) Darnach u. leugne wie du wilt, 8) Darnach aber 

9) Statt das — gesehen: dass ich Rom het inne gehabt, 
10) Statt Sie — befolhen: Sij drotzen aber fest darauf und sagen, du 
habest es inen befohlen. 11) dieb und fehlt. 

12) Statt die — dürffen: die solchs lugen mögen u. dörffen also unver- 35 
schämt sagen. 

13) Statt nicht — habest: derselben nit den himmel voll hast u. unser 
kainer vor inen hineinkomen mag. 

14) Statt beschoren— gesalbt: als die gelertcn, beschorenen, beschmier- 
ten u. gesalbten. 40 

15) Darnach ich glaub, du spottest meines kalen und glatzeten kopfs. 

16) di. 17) Petrus — nicht fehlt. 

18) Statt ich — nennen: ich kann sie nit anders haissen 

19) Darnach diaconij, 

ZEITSCHRIFT P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 1 1 



162 MATTHIAS 

äpte, Bischoif,^ Cardinal und jr oberster ist der Bapst zu Rom,^ 
der disen krieg und ^ wider das Euangelion hat angericht. Sie * 
tragen gern lang ^ Rock , weit ^ kutten hinden und vorn mit vil 
spitzigen hütlein, breite bareit und Cardinel hüte, das ja einer in 
die 2. tausent oder 3 tausent ducaten kost.' Petr. Ey wie kau 5 
das sein, ich kan dirs nicht gleuben. Landskn. Potz murter, 
gleubestu das nicht? Ja noch viel mehr!^ Petr. Billich müssen 
sie über die mas sehr ^ schwer sein , wie mögen sie es ertragen ? 
Landskn. Du verstehsts nicht recht, ich mein das einkommen, 
da man die armen leut mit beschwert. ^° Petr. Gehört denn so 10 
viel rendt, frönd und gelt ^^ zu einem solchen hütlein, was kost 
denn der mantel? Landskn. Das las ich dich ausrechneu; fer- 
ner wisse, das diese deine leut bescheren sein auflf dem heubt, 
etlicher eins talers breit, etlich über die orhen, etliche tragen allein 
von har ein krentzlein, in Summa wie die Narren.^^ Petr. Es 15 
mögen mir wol seltzam leut sein, ich wolt nur gerne einen sehen, 
als lang ich Pförtner biu, ist der gesellen noch keiner zu mir 
kommen. Landskn. Ey Sant Veitin, wo sind die buben hinkom- 
men? Petr. Hat jhre regierung lang gewerd? Landskn. Yast 
bey tausent jaren. Petr. Sein jr auch viel gewesen? Landskn. 20 
Ich acht wol, das der rostigen, platten rotte ^^ gemeiniglich sein^^ 
und alweg in der Welt gefunden werden ^^ und noch in die hun- 
dert tausent sein.^'' Petr. Ihesus,^' wer hat solche leut^^ erdacht? 
Landskn. Ja wol, potz macht, ^^ soltestu erst sehen und ^^ hören, 
weun sie zu Chor gehen ^^ und ^^ etliche rauch ^^ mit viel ^"^ 25 
schwentzlein 2^ und zipfFlen^*^ Chorröcken sich zieren. Petr. Ich 

1) Statt äpte, Bischoff: Prior, 2) zu Rom fehlt. 

3) Statt krieg und: krieg auf erden 4) Darnach haben und 

5) weitte 6) fehlt. 

7) Statt hinden — kost: guglen, welch gespitzte hudle, hraitte prelaton 30 
oder Cardinal hudle, der ainer je 20 bis in die 30000 ducaten gestet. 

8) StattEy, wie — viel mehr: Ey, Ey, Lieber, soviel? Ldskn. Ja, oft 
ainer noch viel mehr ! 9) massen gar 

10) Statt das — beschwert: der hudlen Ion u. einkomen darum. 

11) Statt rendt — gelt: rendt u. gilt 12) in — Narren fehlt. 35 
13) Statt platten rotte: u. Balwrten Rotte 14) fehlt. 

15) Statt gefunden werden: gewesen u. erfunden worden 

16) Statt sein: zu finden. 

17) Fehlt, dafür Lieber, soviel, wo komen sij dann hin, 

18) Darnach und greuel 19) potz macht fehlt. 20) sehen und fehlt. 40 
21) bleren 22) Darnach schöne waiss wie die Orgel treiben 

23) Fehlt. 24) Darnach rauhen 25) schwentz 

26) Darnach und 



PASQUILL AUS DEM XVL JH. 163 

kaii dir ^ kein glauben geben , ursacli , Ewer Keiser Carl wird es 
nicht gestatten. Laudskn. Ja wol, er ist jr bester Schutzlierr 
und handhabt sie darbey. Petr. Wes? des Bapsts und seines 
anhangs? Laudskn. Ja. Petr. Wer IstderBapst? Landskn.^ 
Er nennet sich heilig und dein Verwalter und ^ lest sich tragen. 5 
Petr. Wie? kau er denn nicht gehen? Landskn. Ja wol. Petr. 
Warumb lest er sich den tragen? Landskn. Er meinet das erdt- 
rich sey sein nicht wirdig. Petr. Ey behüt mich Gott, sollen die 
leut so toll sein? Landskn. Ja, der Bapst lest jhm^ die füsse 
küssen, er dispensiert, absoluiert von pein und schuld. Petr. 10 
Unter was schein? Landskn. Unter deinem namen geschichts.^ 
Petr. Du wirst mich toll und unsinnig machen, das du mich 
darein wilt mengen,^ ich mein du spottest meins^ glatzeten kopffs, 
pack dich weg. Landskn. Potz velten, mus ich jhe die warheit 
sagen, und wer der Luther nicht gewesen, 'ich einfeltiger hette 15 
diesen hüben alles gleubet.* Petr. Nun weit ich nur gern einen 
Bapst sehen , was er doch für ein mensch ^ wer , dass er sich solchs 
gewalts darff unterstehen; ist er auch gros? Landskn. Nicht 
grösser'^ denn ander leute, und dieser bube^^ Bapst Paulus ist 
kaum meiner spann sieben lang, ein alter böser Frantzösischer ^^ 20 
hund, hat einen langen weissen hart, tregt ein dreifache kröne, 
die ist wol eines ^^ Königreichs werd. Petr. Sie soll jm wol den 
kopff eindrücken. Landskn. Hat wenig gold, aber die besten 
stein ^* so man finden kau. Petr. Wo bringt maus alle her?^^ 
Landskn. Alle Keiser und König haben sich heilig gedaucht, wel- 25 
eher nur viel darzu gegeben hat.^*^ Petr. wie grosse narren.^' 
Landskn. Sie lassen sich an dem nicht benügen, sondern'^ wol- 
len land und leute ^" regieren und das weltlich regiment^" füren. 
Petr. HErr Gott, wie blind sind die leut, das sie sich lassen 

1) Darnach schier 30 

2) Statt Landskn. Ja wol — Er nennet sich: Wie du darum thust 
reden. Landskn. Ja wol, er nennet sij 3) Fehlt. 4) Darnach uns 

5) führet er solche greuel an. 

6) Statt darein — mengen: nun stetig nennest, 

7) mein. Das folgemle bis weg fehlt. 

8) Statt Potz — gleubet: Ja ich mus die rechte warheit sagen. 

9) aine person 10) anders 11) Fehlt. 

12) Statt böser Frantzösischer: verlebter 13) Darnach Welschen 

14) edelgestein 15) Statt Wo — her: Lieber, wie bringt ers zu wegen? 

IG) Statt sich — hat: sie so gross geacht und viel darzu geben. 40 

17) Darnach das niijgen sein. 18) sie 19) Darnach darzu 

20) Schwert dazu 

11* 



164 MATTHIAS 

wie die narren mit sehenden äugen in die finsternis füren. ^ Ldsk. 
Gewis blind und gar verstockt, denn sie wollen die disputation 
mit dem schwerdt erhalten, und sind der^ Luther der getrew die- 
ner Gottes ist gestorben, Avöllen sie die lehr gar vertilgen und 
ausrotten, derhalben sein Krieg fast in allen landen von wegen des 5 
glaubens.^ Petr. Was sagt man von nnserm Diener D. Martino 
Luther? Landskn. Peter, selig bistu, wie fro bin ich, das 
du den Namen des werden Maus genent hast.* Petr. Ja, ich hab 
jn herein gelassen und alles himlisch heer sampt den neun Chor 
der Engel haben jhn mit grosser freude als ein bekenner Christi 10 
empfangen.^ Landskn. möchte ich, so wolt ich jhn gerne 
sehen, wenn es müglich wer, lieber, las mich nur ein wenig hin- 
ein^ gucken. Petr. Nein, lieher landsknecht, da har noch ein 
weiV du must vor in die purgation,^ da mau^ sawer Bier scbenckt.^" 
Landskn.^* Warumb? bin ich doch allwegen gut Euangelisch ge- 15 
wesen. Petr. Du bist ein Schwab, die schwatzen gerne, haben 
viel unnütze rede in juen. Landskn. Nicht uubillich. Petr. Du 
hast gehört, was ich dir vorgesagt, du steckst auch voller hunds- 
fliegen und stinckest von wucher, hurerey, spielens, schelten, Got- 
teslesteruug, Berümest dich mit dem mund, aber im hertzeu ists 20 
nichts, wie der Schwaben art ist. Landskn. Ach Peter, halt 
noch ein wenig. Petr. Du hast dein abschied, ich bin erfordert 
für die diener, kan nimmer lenger hie bleiben. ^^ Landskn. Ach 

1) Statt das sie — füren: dass sie so grosse naiTen und bleiben mit 
gesehenden Augen blind und wollen in der Finsterniss sitzen. 25 

2) seidher 

3) Statt Krieg — glaubens: kriegsbendel von des glaubens wegen. 

4) Statt selig — hast : Wie froh bin ich , selig bistu , aber ich wolt 
dich nit dreij Batzen haissen nemen, dass du zu Eom vor dem Bapst Paulo 
solche Wort redst. Lieber, sag mir, ist er auch hie? 30 

5) Statt als ein — empfangen: empfange, eingelassen und auch beklai- 
det an die stat, die ime von Got beraittet als aiuen erkenner des hayligen 
Evangelions, Bapst hin oder her. 

6) Statt möchte — hinein: ich möclit ihn gerne sehen, wo es mög- 
lich wer, lieber, lass mich ein wenig hinein 35 

7) Statt har — weil: verzeich ein weil, 8) das purgatorium, 

9) Darnach das 10) Darnach u. die holthöpffel auf dem Fenster 

brat. 11) Darnach Lieber, 

12) Statt gewesen — bleiben: gewest, ich vernam, du wollest mir auch 
gern vor ain Fegfeuer machen, ich glaub, du betest auch gern Müntz. Petr. 40 
Du bist ein Schwab, denn sie schwatzen viel, du hast wol so viel unnütze 
Wort in dir. Landskn. Mit ain Weil, nichts unbilligs. Petr. Du hast 
wol gehört, was ich dir gesagt hab, du stockest voller bluts und schmeckest 
vor Wucher, Huorcre}', spilen u. schilton und fluocheu, gotslestern, du berie- 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 165 

mein vater, ich bitt dich noch ein wort. Petr. Was ists denn? 
Landskn. Petrus, das dich potz tunder Saeraleiden sehend, 
als peterkopffs, nun rewet mich, das ich so lang mit dir geschwatzt 
habe. Hoscha, hoscha, kalkopff, thu auö oder ich lauft' mit den 
füssen in die thür. Gabriel der Engel. Wer flucht so grausam 5 
da aussen? Landskn. Wer bist du denn? Das dich potz tau- 
send Ducaten sehend! Gabr. Ich bin Gabriel der Engel. Ldskn. 
Sag mir, wo ist der unsinnige Peterskopff hin, der erst mit mir 
gered hat? Gabr. Er ligt und schlefft, ist fast müd, hat viel 
unruh mit dir und andern gehabt, komm über ein weil herwider.^ 10 
Landskn. Lieber, thu du mir auft'! Gabr. Ich hab keinen Schlüs- 
sel, wil jhn gehn auff'wecken, ich wolt dir gerne helffen.^ Ldskn. 
Ach lieber, gehe hin, ich ml dein harren, kom bald, ich förchte 
mich sonst hie, denn ich sihe ein wunder seltzam ding dort her 
gehen. Teuf fei. ho gesel, finde ich dich da, was hastu an 15 
dem ort zuschaöen? Landskn. Sant Peter hat mich heissen war- 
ten. Teuf fei. Warumb lest er dich nicht hinein? Landskn. 
Er hat die Schlüssel verlegt in der vollen weis , weis nicht , wo er 
sie hin gelegt hat, das jhn S. Veits tantz bestehe!^ Teuffei. 

mest dich ia, du seyst gut evangelisch, ia, mit dem mundt, aher im 20 
hertzen ist er ain 0. Änderst versteht vielleicht die zuffer wol, wie Ewer 
brauch auf Erden jetzunder ist. Landskn. Ach Peter, halt noch ain wenig. 
Petr. Du hast dein bescheid, ich werd erfordert für die Trinitet, kann nit 
länger da bleiben. 

1) Landskn. Ach mein Vatter, hört mich noch ein Wort. Petter, o 25 
Petter, dass dich botz dunner wunden sack voll enndten sehend, als Petters- 
kopffs , nun rewet es mich , dass ich so lang mit dir geschwatzt habe. Hoscha, 
Hoscha, kaal fuoss, thu auff, oder ich läuff mit ainem Fuss wider die Thür. 
AUhier antwort der Engel Gabriel dem Landsknecht: Wer fluocht 

so gräwlich und jämmerlich dort vor der himelpforteu ? Landskn. Wer bist 30 
du? dass dich botz tausend kue^vunden sehend! Gabr. Ich bin der Engel 
Gabriel, was hast du für unnützer Geding in dir? Inog der nit, schier dich 
der schwartze Paule dort niden in der Schwebelgruoben höre. Landskn. 
Lieber, ich hab dich nit kennt, verzeih mir das und sag mir, wo ist der unsin- 
nig pettergrindt hinkommen, der erst mit mir geredt hat? Ga.br. Er ligt 35 
und schlafft vor vilen Unruhen , so er immerdar hat und haben muss , aber ain 
wail kome wider. 

2) Statt ich wolt — helifen: wart ain wail! 

3) Landskn. So gang hin, ich will diewail da warten, kom bald, ich 
furcht mich schier allein hier , ich si gar ain wunder seltzam kriegsniann dort 40 
sich hierher schleichen , der hat marter lang spitzig finger , ich sorg , er möcht 
mich krallen , denn ich hab meines pantzers ob dem weinfas vergessen. Lie- 
ber, fuder dich bald! Teuf. hö gesel, finden ^vir da einander, was hastu 

an diesem Ort zu schaffen? Landskn. Der haylige Sapt Peter hat mich 



166 MATTHIAS 

ho gesel, kanstu noch schelten? harr, harr, du miist mit mir, 
ich wil dich auch wol beherbergen. Landskn. Nicht ein raeit, 
du hast mit mir nichts zuschaifen. Ich bin gut Euaugelisch und 
hab darumb mein leben verloren. Teuf fei. Das hilft dich nicht, 
es leit nicht anworten, sondern auch an wercken und glauben an 5 
Christum. Landskn. Du bist der Teuffei und kanst von Christo 
sagen? Teuffei. Ich weis mehr denn du, mach wenig wort , das 
geschwetz zwischen dir und S. Peter hab ich auch wol gehört,^ 
Landskn. EyNarr, schertz nicht zu grob, must mich nicht also 
hart rauffen, ey, lieber, nicht, du schertzt marter grob. Teuffei. 10 
gesel, du kenst mich noch nicht recht. Landskn. Ey nicht, 
du zureist mir das wammes, du bist ein grober knebel. Teuf fei. 
Nu mach wenig schertz, kom mit mir, es wird dir die weil nicht 
lang, du wirst viel guter gesellen finden. Landskn. Du bist aber 
marter grausam, ich fürchte mich für dir. Teuffei. Es ist umb 15 
eine kleine zeit zu thun, so hastu unser gewonet, sihe, wie ist jr 
so ein grosse menig.^ Ich klag nur das am meisten, das mir der 

haysscn hie verzeichen und warten. Teuf. Warumb lester dich nicht hinein? 
Landskn. Ey, der haylig Herr Sant Petter hat den Schlüssel in der unsin- 
nigen Waiss verlegt, er kan in nit finden, dass in St. Veits tantz ankom! 20 

1) Teuf. Harr, Harr, kanstu noch fluochen, landsknecht? komb her 
mit mir, ich will dich woll warm absoluiren. Landskn. Nit ein meit fluo- 
chen, das dich die frantzhossen ankomb, ich hab nichts mit dir zu schaffen. 
Ich bin gut evangelisch und hab darumb mein leben aufgeben. Teuf. Du bist 

ain kuedreck, was du bist, das hilft dich nit, ligt nit als an worten allain, 25 
sondern an dem Glauben an christo und wercken, wiewol ir Lutherischen, der 
ain thail nit hart erschröckt, sagent, wann ich nur glaub, kombt er bis zum 
endt, will woll buessen, das kann ich danach mit mainen listen wol verwen- 
den, also aber kumb ich der gest ins warrab bad destermer, nun wol auf mit 
mir darum. Landskn. Du bist der Teuffei und sagest von Christo? Teuf. 30 
Ich weiss mer darumb zu sagen und zu reden , dann du , es geschah mir auch, 
vermaint ich wollt mit mainer Üppigkeit got bochen, wie du und dein barsch 
thut, da must ich herab und mer schwitzen, weder mir lieb war, wie ich dich 
also auch baden wiU, wollauf, ich hab dainem Geschwätz genug zugehört, 
der kessel ist fertig und warm, wolher, wolher! 35 

2) Landskn. Ei Narr, schertz nicht zu grob, musst mich nicht also 
hart rauffen , du bist ein marter grober Knöbel , hast freylich nit vil verzwnutzes 
gelernet, du bist wol ain leiden angerwisch [oder angroprisch , tmdeiitlichj. 
Teuf. Du kenst mich noch nicht recht, lieber Sygnor. Landskn. Ey, nit, 

du zureist mir das wamras, du laus hals. Teuf. Nu mach wenig geschwetz, 40 
komm mit mir, es wird dir die weil nit so lang sein, du wirst viel guter 
gesellen finden. Landskn. Du bist aber marter grausam, ich forch mich 
schier für dir und' deiner gescllschaft. Teuf. Es ist umb eine kleine zeit zu 
thun, so hastu unser gewonet, wie die jungen kinder zusammen gewonen, 



PASQUILL AUS DEM XVI. JII. 167 

Luther engangen ist, der bösswicht bat mir au meinem Keicli 
grossen schaden gethan, sonst het ich jetzt viel mehr. Landskn. 
Potz wunden, esstinckt übel, ich komme nicht hinein. Teuf fei. 
Ja du must wol. Landskn. Potz marter nein, ich schertz nicht 
mit dir, du bist ein grober püffel, du verschonest mein wenig. 5 
[Teuffei.] Schweig, thu nur gemach, dort sitzen viel geistlicher 
veter. Landskn. Ja bey den steinern stattein, dort sitzt Bapst 
Clemens. Teuf fei. Ja, er rüffet dir. Landskn. Oho, heiliger 
Vater Bapst, find ich dich hie?^ da wir am nechsten einander 
sahen, geschach zu Rom, wie wir dich in die Engelspurg jagten,^ 10 
was hat deine heiligkeit hie zu thun? Clemens. Es hat mancher- 
ley ursach, lieber, sage mir, wie stehet es im Oberland, hat der 
krieg noch kein endt ^ mit den verfluchten Lutherischen Steten,* 
was thut mein nachfolger Bapst Paul? ^ Landskn. Es stehet übel 
gnug,^ dein nachfolger ist fleissig das Euangelium unter zu drucken.^ 15 
Clem. Ey,^ hab danck, mein zucht,'' nur flucks gebrendt, gehenckt, 
geköpflft, gar abgethan,^" und hin mit den Luterischen buben, sie 
haben der Kirchen grossen schaden" zugefügt. Landskn. Du bist 
selb ein bub und nicht from. Clem. Bistu auch Lutherisch? 
Landskn. Ja, ja freilich. Clem. Wie bistu denn herkommen? 20 
sie entrinnen doch gerne dieser herberge; und sage mir auch, wie 
stehet derselbige krieg noch? Landskn. Der Keiser ligt mit 
grosser Herskrafft wider Sachsen und Hessen , die sich auch nicht 

sihe, wie ist die grosse meng und der beste Geselschaft bei uns. Landskn. 

Wo hastu die grosse Menge genommen? 25 

1) Teuf. Icli klag am meisten, das mir der Luther entwisst ist, der 
ertzböswicht hat mir grossen Schaden gethan, der seelen weren noch viel mer 
da. Landskn. Potz wunden, es stinkt leiden marter übel, ich kom nicht 
liinein. Teuf. Wolan , Wolan, es muss sein, schick dich. Landskn. Nain, 
Nain, mir nit, du bist ein grober Esel, verschon doch main ein wenig. Teuf. 30 
Schwaig, du wirst gute gemach haben, siehe, dort sitzen daine gaistlich. 
Landskn. Ja, bei dem staineu Steffan, dort sitzt Bapst Clemens, Teuf. 
Horch, er ruffet dir. Landskn. Oho, hayliger Vater Bapst, wo finden wir 
einander da? 

2) da wir — jagten fehlt. 35 

3) was haben Ewre Hayligkcit hie zu thun in diesem warmen Palast? 
ich vcrmain, ir habs ewrs stuols und sessels zu Rom vergessen und der gül- 
den schuoch, das ir da barfuss mist gehn, botz barlement, es ist ein seltza- 
mer ablass. Clem. Es hat mancherley ürsach, lieber, sage mir, wie stehet 

es im Oberland, hat der krieg noch kein endt usw. wie oben. 40 

4) Secton, 5) Paulus? 6) Barnach denn 

7) Darnach und zu vertilgen. 8) fehlt. 9) meiner zuocht 

10) köpft und abgethan, 11) Darnach getan und, 



168 MATTHIAS 

mit wenig macht sehen lassen, und demKeiser den trotz bieten.^ 
Clem. Wo her nemen sie so viel Gelt unnd Volck zu kriegen? 
Landskn. Ey die Stedte und der bund vermögen -viel. Clem. 
Welcher teil meinstu werd obliegen V Landskn. Das weis Gott, 
das Jar wird maus nicht erfragen, denn es haben sich beide teil 5 
gegpn einander vergraben und wollen im fehl Winterlager haben 
und kein teil dem andern weichen. Clem. Was thut mein Son 
Paul darzu? Landskn. Er hilttt mit gelt und volck, auch ein 

1) Landskn. Du bist selbst nit frumb und ein bub in der heutt. 
Clom. Bistu auch lutherisch? hab vermeint, du seist gut bepstisch. Ldskn. 10 
Ey warum das nit! Clem. Wie bistu denn herkommen, sie entrinnen docli 
gomainlich dieser herberge; aber sage mir, wie stehet der krieg? Landskn. 
Uebel genug, denn der kayser ligt mit hörcr krafft wider den hcrtzog zu 
Sachsen und landgraf zu Hessen, die gleichwol auch fil volck wider in haben, 
waiss aber nit, wie es noch gehen wird, denn ich besorg bei dorn stainen 15 
steflfan; wann main aigon dink wer, es wirdt nächst mit dem zu Sachsen und 
Hessen die gais über den Zaun treten, denn der Landgraf, will der nuss 

nit beyssen, so ist ime der frome hertzog haus übel zu schwer, so wart der 
schertle auff die ailfft butte und liegen gegen einander und warten wie bös 
hund und besorg sainer botz jämerlich, der kayser werde inen des spiels auf- 20 
warten, und geschieht es, dann, so helf got den Eeichsteten; es geschieht 
inen aber nit gar unrecht. 

2) Bapst. Lieber, sag mir ains, haben sie auch fill volks bei einander 
ligen , wo her nemen sie es denn , die zween Werdens zu versolden nit ver- 
mögen? Landskn. Die Stedte und der Bund vermögen viel, aber ich besorg 25 
bei meiner Seel, die Reichstedt werden den hundt hincken lassen. Clem. 
Welcher Theil meinst du, der obliegen soll ? Landskn. Das weiss Gott, dies 

Jar wird nichts daraus, man wirds auch nit erfahren mögen. Denn sie haben 
sich gegeneinander vergraben und wollen zu beiden Theilen das Winterlager 
im Feldt haben und wil kein teil dem anderen weichen, aber sehe einer hin- 30 
auf in die fasten, so wird es kegel geben, ich wolt mir ein thaler gült, ich 
woltc gott, dass es recht zu ging, es ist gross von nötten. Clem. Was thut 
mein son Paulus darzu? Landskn. Er hilft mit Gelt, auch Volck und hat 
einen Cardinal seiner Freund einen in des Kayssers Lager geschickt, der den 
verstorbenen knechten das Creutz und den Ablass predigt und mit grossen 35 
Passporten zu S. Peter abfertiget, aber sie bestehen marter übel auf ursach, 
S. Peter kan ihr Latein nit lesen, Avil auch ir Betschier mit dem Schlüssel 
nit erkennen. Clem. Ich lasz es also bleiben, sag mir ains, hat der kayser 
der Spanier und Welschen viel? Landskn. Ja, mehr denn der gestutzten 
hundt, sie sindt zugelaufen wie die Sau und haben sicli vermessen, uns teut- -10 
sehen gar zu vertilgen und unterzudrucken , aber ich hoff, es soll inen nit als 
für sich gehn. Clem. das es inen noch für sich ging! wie fro wolt ich 
sein, dass ich an den Lutherischen buben gerochen würde. Landskn. Dass 
dich botz wunden alles schelmes schendt, begerest du denn auch räch über 
die friimme teutsche und steckest seibor darinnen bis über die obren und wilst, 45 
ich mein, nit forchten, ich wollt dich freilich in der hell herumtreiben, dass 



PASQUILL AUS DEM XVI. JU. IGO 

Cardinal seiner freund einer ist im Leger, der den verstorbnen 
Landsknechten das Crcutz und den ablas predigt und mit guten 
postporten zu S. Peter schickt, aber sie bestehen übel, ursach, 
S. Peter kan jhr Latein nicht lesen, wil auch jhr Bitsehier mit 
dem scheffel nicht kennen. Clem. das ist nicht gut! lieber, 5 
hat der Keiser der Spanier und Welschen viel? Landskn. Mehr 
denn der bundten hund, nur hauffenvveis zugelauft'en, haben sich 
vermessen, uns Deutschen gar zuuertilgen, aber es hat jnen gefeit. 
Clem. das es jnen noch für sich gieng, wie fro wolt ich sein, 
damit ich nur an den Lutherischen würde gerochen. Landskn. 10 
Warumb begerestu räch, dieweil du in der liach des HErrn ligst? 
Clem. All mein leid wer mir gering, wenn ich nur gerechnet 
were an den hüben, die von unsern guten werckeu nichts halten. 
Landskn. Was haben sie dich geholifen, sitzest doch auch hie 
den Lucifer zu hütten, dieweil du so vil von dem Apostolischem 15 
stuel heltest und deinen vermeinten guten wercken und geferbten 
glauben, warumb hilfft es dich nicht, was sollen andere darauff 
bawen? Clem. Es hat ein andere meinung, mein lieber lands- 
knecht, darumb ich hie bin. Landskn. Du bist nicht allein hie, 
ich sehe schier alle Bepste, Bischoffe, Cardinel und pfaffen, so 20 
von anfaug ewerer* Eegierung gewesen,^ derhalben halt ich gar 
nichts von deiner lehr. [Clem.] Du bist ein Luterischer schwetzer, 
das höre icli an deiner spräche.^ Landskn. Das bin ich. Clem. 
Was hat dich denn dein glauben geholffen? Landskn. Mein 
glauben wer recht und gut gewesen, wenn ich nur hette gehan- 25 
delt, wie man mich geleret hat, aber der schendliche betrug, grosse 
Wucher, hurerey und Gottslesterung bringt^ das R. Reich in un- 
gemach 5 und mus ein grossen stoss*^ leiden. Clem. Da recht mein 
lieber son , du wirst noch auf den rechten weg komen , wolt Gott, 

alle guten Brüder ain wolgefallen haben müssen. Clem. Ich thu es darumb, ,30 
mir wird bedünkt, all mein leid wird desser geringer, wenn ich nur gerochen 
Averd an den Buben mit wem Luther und den glauben , die von unseren guten 
Werken nichts halten. Landskn. Sihe , Lieber, was haben dich doch deine 
bäpstliche gute Werke , so aus dainer lehr geflossen , geholfen ? sitzest doch 
hier und wartest, dass der Teuffei nit frumb wcrd, die weil du so vil von dein 35 
apostolischen Stuel und deinen vermeinten guten wercken und geferbten glau- 
ben glorierst, warumb hilfft es dich nicht, was sollen andere darauf bawen? 

1) irer, 

2) Darnach und wer schier kain wunder, dass sonst kain gut gesell 

vor euch der beschorenen Rott hinein komme. Darumb bleib also sitzen, icli 40 
beger dainer 1er nit. (derhalben — lehr felüt). 

3) 1er wol. 4) Darnach mich und 5) Ungnade 6j bock 



1 70 MATTHIAS 

ich solt noch auff erden leben, ich wolt dir ein grosse ehr bewei- 
sen nnd dich meine füsse küssen lassen. Landskn. Was, die 
füsse? küsse dir der Teufiel deine füsse, so küsset sie ein Teuf- 
fei dem andern, du arger, beschorner uutiat,^ sol ich dir erst deine 
garstige,^ stinckende, unfletige ^ füsse küssen, hastu das von S. Pe- 5 
ter gelernet?'* Teuf fei. Schweig, landsknecht, ich will ihn bald 
küssen.^ Clem. Ob wol ö. Peter das nicht geleret oder selber 
gethan " hat, so haben doch das die heiligen Veter, die noch hie 
entgegen sind, in dem Concilion des heiligen geists zugeben und 
bewilligung beschlossen.^ Landskn. Ey, das euch alle mit ein- 10 
ander S. Veltens leiden sehend, aller verzweifelten beschornen bu- 
l)en, weder ^ du noch^ alle diese i*' menschen ist ewr keiner auch 
nit wirdig jn zu nennen, geschweig jhn zu sehen. ^^ Clem. Ach 
das ich nicht noch mein'"^ Bepstlichen gewalt hab, wie ich jn 
auft" erden gehabt hab,^^ ich wolt dich wol sehen lassen, wie 15 
du mit den heiligen Vetern also scheudlich "reden soltest. ^* 
Landskn. Was, heilig? umb alle ewer heiligkoit gebe ich 
nicht ein heller.'^ Clem. Ach wie wehe thut mir die schmach, 
gewis, gewis wolt ich mich an dir rechen, wenn ich zeit hette. 
Itzt kommen unser peiniger, ein Pöfiel und Beltzebock , '"^ mit 20 
grausamen schwefel und glüenden ketten uns zu peinigen , ich 
mus dahin, ich bitte dich gantz freundtlich, was du hie sihest 
und hörest, sage es nicht auff erden, denn wo das an den tag 
kem , so würde der stuel zu Kom gar zu boden und zu grund 
geheu.^''^ Landskn. Habt jr auch all sonst mehr pein, denn diese? 25 

1) böswicht, 2) gelsüchtige, 3) Fehlt. 

4) Statt hastu — gelernet: hat dich St. Peter das geleret? 

5) Teuffei — küssen fehlt. 6) Statt oder — gcthan: noch gehayssen 

7) Statt in dem — beschlossen : in den Conciliis zugelassen ; mainst du 
dass ein concilij geschähe one des hayligen geistcs Bewilligung? 30 

8) Ey — weder fehlt. 9) und 10) Fehlt. 

11) Statt ist ewr — sehen: haben den hayligen Geist nit gesehen, ir 
seit nit wirdig in zu nenne, geschwoig in zu sehen. 12) ain 

13) Statt ich jn — hab: dort, 

14) Statt wol sehen — soltest: mit deinem hayligen Vater so sehend- 35 
lieh reden lernen, 

15) Statt ewer — heller: cwre Hayligkoit und eignen Verdienst gebe 
ich nicht einen tauben dreck. 

16) Statt ein Pöffel — Beltzebock: Ertzfritz, Guzary [oder Suzary] und 
Beelzebock, 40 

17) Statt gantz freundtlich — grund gehen: sag nit, dass du mich und 
meine gesellen in der hellen gefunden hast, denn wenn das an den tag kern, 
so ginge zu Kom der Stuol elendiglich zu gruud und boden. 



PASQUILL AUS DEM XVI. Jll. l'l 

Clem. ja, wolt Gott, das wir ewig in diesem külcn tbaw sol- 
ten bleiben, wie gar gut ^ were es uns,^ sieb, wie erbcrmlicb 
scbleiffen sie 'die beiligen alten ^ Veter dabin, es ist scband, das 
man der beiligkeit uicbt* verscbonet. Landskn. Warumb bastu 
der gnad und linderung für die andern? Clem. Das wil icb dir 5 
wol sagen, micb kam ein mal zu Rom ein Gottesfurcbt an ^ in 
einem träum , das icb ^ mit andacht ein Vater unser betet , des 
geniesieb nocb. Landskn. Ey,' warumb bastu nicht allwege die 
forcbt und andacbt bebalten , wie Martinus Lutber geleret bat ? ^ 
Clem. daruon wer viel zu sagen, der Weltlicbe pracbt und zeit- 10 
lieb gut und ebr , auch mein selbst eigne beiligkeit hat mich betro- 
gen. Nun, landsknecht, icb mus daruon, kere du wider zum 
paradeis, du hast bie kein bleiben.'' Landskn. Harr nocb ein 
weil, ich mus dich etwas nötiges ^^ fragen. Clem. Nein, nein, 
sich, wie sie auff mich barreu, unnd wenn sie zu lang warten, so 15 
werden sie nur grimmiger auff micb und werde drifach gepeiniget. 
Landskn. So zeuch hin dein Strassen, icb bab kein lust, hie zu 
seiu.^^ Potz marter, wie lauffen sie mit jm zu loch! Icb wil 
mich 12 packen, dieweil die Teuffei so viel zu schaffen haben, ^^ 
vielleicht lest mich Sauet Peter hinein. Ey, wenn ich nur wüste, 20 
das ich ihn nicht erzürnet bette, i-* er hat ein^^ schelligen kopf.^^ 
Ich wils gleich wagen und anklopffen. Petr. Wer klopfft daP^' 
Landskn. Ach herr,^« tbu auff, eine arme Seel. Petr. Warestu 
nicht nechten auch hie? Landskn. Ja, aber du woltest mich nicht 
einlassen. Petr. Nicbt obn ursach,^^ ich lasse allzeit lieber tau- 25 
sent Bawern berein, denn einen landsknecht. Landskn. Ey wa- 
rumb, lieber Vater? Petr. Das macht ewer ubermut und scheud- 

1) fröhlich 2) anzunehmen, 3) Fehlt. 4) so gar nit 

5) Statt kam — an: sties einsmals zu Kom unversehens die Forcht 
Gottes au 30 

6) Statt das ich: und da ich erwachte, da forcht ich mich sehr und hab • 

7) Darnach das hab dir S. Veits tantz, 

8) Statt wie — hat: damit hastu vil erlicher schlucker wie ich, als ich 
dann zum hofflichsten davon reden will, jämmerlich verfüret. 

9) Statt kere — bleiben: ich möcht sonst meine peiniger erzürnen, 35 
gedenck, du werdest wieder an der porten anspochen [l. anpochen]. 

10) unterthäniges 11) so zeuch — sein fehlt. 

12) Darnach aus dem Staub 

13) Darnach Glück zu Clement, wenn du wol hinauf kommest 

14) Darnach weil 15) Darnach so marter 40 
16) Darnach ye und allewege gehabt. 17) Darnach also stark? 

18) Statt Ach herr: Ey ich mein horr, 

19) unbillig, 



172 MATTHIAS 

lieh* leben, saiiffcn, fressen, fluchen, Gott lestern,^ wenn mir einer 
ein solche inniiii hierinnen beweiset,^ so betten wir alle zuschaf- 
fen, sonst sitzen wir alle in frieden.* Landskn. Ach m'ein lieber 
herr, umb Gottes willen,^ las mich nicht lenger hieiior stellen," 
ich bin dem Teuffei kaum enttrunnen und seit er micli wider liie '' 5 
hnden, würde mein sach erst erger werden.^ Petr. Ilastu auch ^ 
etwas gesehen? Landskn. Ja, mehr, denn ich begehrt habe, bin 
auch dabey gewesen , und wie ich dir zuuor gesagt , mit einer hal- 
ben hacken kngel abgefertigt worden.!** Petr. So erzele mir ein^^ 
wenig. Landskn. Sie, nein, mein lieber Vater, bieuor nicht, ich 10 
wil dir bey glauben die gantze warheit sagen. Petr. Warbey 
meinestu das es bleiben werde? Landskn. Gleich bey dem spruch 
Esaie 140. Verbum Domini manet in eternum, darumb wird es 
gewislich darbey bleiben. Petr. Wolan, so komm herein in Fried 
des HErrn. Landskn. AMEN. 15 

I) unordenliehs 2) Statt fluchen — lestern: schlemmen. 

3) Statt wenn — beweiset: Wann mir ainer herinnen einen solchen 
lerm an wolt richten, 

4) freude. 5) urab — willen fehlt. 

6) Statt lenger — stehen : lang ston, 7) hier 20 

8) Statt würde — werden: ich achte, die letzte stund ärger, denn die 
erste , danach sieh wol , dass sie niemand verschonen , er sey Bischof oder Bader. 

9) aber 10) bin auch — worden fehlt. 

II) Statt So — wenig: Erzell doch ain wenig. Das folgende bis zu eiule 
lautet in der Berliner handschrift: Landskn. Heraussen nit, lass mich vor 25 
hinein, ich will dir die ganze Wahrheit sagen und ist gewisslich der spruch 
recht: Esaias 40 cap.: Verbum domini manet in eternum. Petr. Kun komm 
herein und fried des Herrn. Landskn. Te deum laudamus. Petr. Kom her, 

ich wil dir dain losament waissen, dahin alle Landsknecht geficrt und gelo- 
siert sein. Landskn. Komb her, lass mich erfahren. Petr. Du musst ain 30 
wail für gut nemen allein, bis das deiner gesellen mcr kommben, damit du 
kundtschaft hast und dir die weil kurtz machen, denn die leut. die hierinuen 
sind, die lassen kain Landsknecht bei inen. Landskn. Warumb? bin ich 
als wol kayser und könig nachgezogen, als Ire ainer, warumb soll ich denn 
nit so billig als diese leut da iimen sain , als sij , ich hab vil mit zu thun 35 
gehabt und schalten mich oft ainen Herrn, sain sij doch nit all edel, sy sain 
so wol Schneider und schuoster, als ich ain Landsknecht. Lieber, lass mich 
sehen, was sy jetzunder zu mir sagen wollen oder wie sie sich halten. Petr. 
Ey, lieber Landsknecht, du musst nun melir nit auf das irdisch gedenken, 
denn du siehst wol, das diese leutt nit mehr arbeiten, sondern sy haben hier 40 
auf Erden mit irer harten, sauer arbeit das ewige leben verdienet, das ver- 
leihe uns gott allen. Amen. 

Endte. 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 173 

Anmerkung'en. 

159, 8. ankloppen: daraus darf man nicht auf niederdoutschen Ursprung 
des gespräches schliessen, die form ist auch im mitteldoutschcn durchaus gebräuch- 
lich. 9. hoscho": das Grimmsche wb. hat nur hoscha, ebenso Schmeller und 
Frisch. — Es ist anzunehmen , dass Petrus , der eben eine seele eingelassen hat, 
die tür wider zumachen will. — Kalkopff: die Icsart vonB: CaKnus oder Cale- 
nus , offenbar Calvinus , Calvemis gelehrter und weniger anstössig; vgl. C. Matius 
Calvena, den bekanten freund Cäsars und Ciceros. 11. verhadert: zerlumpt, 
Schmeller, bayr. wb. I^, 1051: hadern, derhudern, zu lumpen, fetzen werden, 
machen; vgl. s. 160, 6: zerhadert und zuriessen. 

160, 1. Artus hoff: sprichwörtlich als Inbegriff aller herliclikeit. 2. C er- 
be ro: nicht wie Petrus fälschlich versteht, aus der hölle, denn dahin komt er erst 
nachher , sondern bildlich von den schrecken des Schlachtfeldes , wo er seinen tod 
gefunden hat. 5. Sachsen und Hessen: nicht buchstäblich zu verstehen, 
denn er kam von der Donau; von S. und H. waren die protestantischen beere auf- 
gebrochen. 7. auff der gart umbgelauf fon: beliebter landsknechtausdruck, 
ebenso umbziehen = bettelnd umherziehen ; vgl. Grimm wb. IV, 1, 1382 fg. 8. sei- 
nem: 1. seinen. 9. König aus Italien: Karl V. 1529 in Bologna zum könig 
der Lombardei und römischen kaiser gekrönt. Bastport: passport f. und n. ^= 
fr. passe -port, it. passaporto = geleitsbrief. hocken: o==ä (Grimm, wb. IV, 
2, 177), hacken, haJcen = hakenbüchse, deren es doppelte, ganze und halbe gab; 
der sinn also ist: ich habe Urlaub bekommen mit einem geleitsbrief (= kugel) aus 
einer halben hakenbüchse; vgl. unten s. 172, 8. 9. 13. Hier und im folgenden (bis 
xcöllnst z. 20) hat der Verfasser ein älteres gespräch, aus dem jähre 1523, benuzt, 
in welchem Franz von Sickingen einlass in den himmel begehrt; dasselbe ist gedruckt 
bei Schade , Satir. und Pasquille II 2, s. 45 fgg. , dort ist auch das schätzesammelu 
besser motiviert : Bas schiff lein und netz flicken sie noch täglich. Sie meinen, 
toann man alle schätz der weit hett, man künt inen nit zeug und gurn genüg . . 
kaufen usw. 20. wem kriegen sie: B hat die gewöhnliche konstruktion , gegen 
wen; die seltne mit dem dativ ist bei Grimm, wb. V, 2231 erst aus dem 17. jahrh. 
belegt. 23. Potz marter: siehe unten s. 176. 25. prausem und rauschen: 
statt des ersteren hat B: hraschlen, wozu vgl. Grimm wb. II, 306. 26. über 
den breiten weg gegen der lincken band: vgl. spatiosa via Matth. VII, 13; 
über die läge der hölle zur linken band vgl. Grimm, gesch. der deutsch, spräche 
982 fgg. ; in der Symbolik des christlichen kirchengcbäudes ist für den nach dem 
hochaltar schauenden die rechte scitc , die Südseite , die seite des himmels , die linke, 
die nordseite, die der hölle; vgl. linkenhold = teufel, Grimm, myth. * 3, 281; 
Grimm, KHM 81 gegen ende; Mittler, deutsche Volkslieder, 481—86, wo ähnlich 
wie im Wunderhoru s. 438. 443 (Recl.) in verschiedenen fassungen eines liodes 
gesagt wird, dass der schmale weg in den himmel, der breite in die hölle führt; 
diesen nachwcis verdanke ich der gute des herrn dr. R. Köhler in Weimar. 30. 
geschos: dafür jczt volkstümlich das gescliiesse. 

161, 5. verfürt: seduxerunt, nämlich den frummen kayser, was die lesart 
von B ganz unzweifelhaft macht. 6. mutwillens: B ergänzt hier widerum W. 

10. nie zu Rom gewesen: beliebtes thema der damaligen zeit, wie natürlich, 
daher auch auf dem titel besonders hervorgehoben; vgl. Goedeke II 2, 268, 21. 

11. was dürffen — anliegen: dürfen bereits in der nhd. bedeutung: sich 
erdreisten, sich erkühnen; anliegen = mir fälschlich andichten. 13. dringen — 
uns drauf f: dringen in transitiver bedeutung im 16. und 17. jahrh. sehr beliebt, 



174 MATTHIAS 

besonders bei Luther, =^ den willen jemandes bestimmen oder bestimmen wollen, 
meist mit dazu oder dahin, jemand zu etwas nötigen; für darauf dvinycn habe 
ich sonst kein beisi)iel gefunden; das ist wol auch der griind der in B vorgenom- 
menen änderung. 14. j m : wenn es nicht jnen heissen soll , wie B hat , kann es 
sich nur auf den hapst beziehen. fleischdieb: d. i. eingefleischter dieb, vgl. 
Grimm, wb. 3, 175G: fleischhösewicht , fleischhuhe; ersteres hat ja auch B an unse- 
rer stelle; vgl. Weig. ^ 1, 421 cimieflcischt Verdeutschung von incarnatus. 17. pla- 
ten Noll brüder: nollhr tider gleichbedeutend mit LoUhart = laienbruder, im 
kloster, aber freier lebend als die mönche; auch als schcltausdruck = faule, thö- 
richte, lüsterne mönche, fratrcs otiantes, gulae et ventri dediti (Scherz-Oberlin 1130) ; 
vgl. Mich. Lindener, Rastbüchl. u. Katzipori (1558), hrsg. von Lichtenstein, Tbg. 
1883, s. 174: „In demselbigen kloster war ein nulhardus , auff teutsch ain tioll- 
hriider, wie sie es nennen, welcJie man pfligt auff die gart zu schicken, giite, 
starcke faivle pängel, die nit gern arheyten, und in die klöstcr lauß'en, darinn si 
ir Jeben zubringen in gilten faulen tagen. Vgl, zahlreiche belege bei Gödeke, Gen- 
genbach s. 605, anra. 1. platen: = plattenträger, wie z. b. MSF. s. 308, d. i. 
tonsurierte raöuche. Hier ist platen entweder incorrect adjectivisch gebraucht, oder 
es ist hinter platen ein und ausgefallen; sinn: fals du nicht von tonsurierten 
Schlemmern den himel vol hast (die dirs sagen könteu). 22. kalkopfs: kirch- 
licher typus des Petrus: bejahrt mit . . . starker tonsur, die manchmal eine drei- 
fache reilie von locken bildet, oder ganz kahlem scheitel. Otte, Handb. der kirclil. 
Kunst- Archäologie ^ 1, 558. 

162, 2. krieg und: entweder ist imd zu streichen oder es ist hinter und 
ein mit krieg synonymes wort ausgefallen; doch vgl. unten s. 186. 4. hütlein: 
die Zusammengehörigkeit der worte ist nicht klar; man ist zunächst geneigt, an 
die vier cornua zu denken, in welche das baret der geistlichen im 15. Jahrhundert 
geteilt wurde, Otte, a. a. o. s. 464; dann giengen die beiden folgenden benennun- 
gen auf die kopfbedeckuug der kardinale, guglen, was B hier noch hat, \on gugel, 
kugel, mhd. gugele, kugel, kogel, lat. cuculla, cucullus , kappe, kapuze; das in B 
folgende ivelch =- alii. ja einer: = je einer, vgL Grimm, wb. 4,2, 2198; je 
ein kardinalshut kostet 2000 — 3000 dukaten, nämlich als dem bapst zu entrich- 
tende gebühr. Statt kost hat B gestet, entweder verschrieben für kostet, oder = 
gesteht, zu stehen komt. 7. müssen sie: die baret oder hüte. 10. be- 

schwert: dies misverständnis ist nicht klar; es ist oifenbar etwas ausgefallen; 
der landsknecht muss vorher gesagt haben (nach viel mehr) : sie fallen den armen 
leuten schwer (denen sie das geld abnehmen); das versteht Petrus wider buchstäb- 
lich. 11. frönd: offenbar nicht frönde, frohndienstiges land (Gr. wb. IV, 1, 1, 
,249), sondern = j)fründe , einkommen , annona, also ähnlich dem vorangehenden. 
18. kommen: bei Hans Sachs, der staubig S. Franziscus (Goedeke, Dicht, von 
H. Sachs 1 , s. 289 ig.) sagt Petrus : „es ist rauf — in fünf und ztveinzig jaren — 
gar kein münich gefaren.'^ 20. Sein jr — viel gewesen: vgl. dazu und zu 
dem folgenden, was Schottelius (v. d. teutschen Haubt- Sprache-, 1663, s. 1128'') 
zu dem Sprichworte: Gott bescheret über Nacht nach Sebastian Frank, der mit 
unserm gespräche ziemlich gleichzeitig ist (1499 — 1542), anmerkt: „Ich habe auch 
mit etzlichen meiner Herrn und guten Freunden überschlagen, wie viel müssiges 
Volks sey in der Geistlichkeit , rvie mans nennet, Nonnen und Münche, in dem 
Vlitkreiss den wir kennen, als in Hispanien , Frankreich, Denemark , Polen, Böh- 
men, Meren, Lifland und andern Inseln, Cipern, Modis etc. und seynd gefun- 
den, vierzehen hundert mal tausent Münche und Nonnen. Dan zu den Zeiten 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 175 

Aeneae Pii [1458 — 64] des Teutschen Papsts, hat der Barfüsser Oberster Mini- 
ster, den Papst wollen zu dem Türkenzug dreysig tansent Brüder ins Feld rüsten, 
dass doch gleichivol alle Klöster wol bestellet solten scijn, und der keinen mangeln.'^ 
21. rostigen: vom rost zerfressen und schmutzig, bahrrten, was B noch hat, 
offenbar = balivierten, mit tonsur verseben. 25. zu Chor geben: B bleren 

wol = blerren, plärren, mbd. bleren, lat. flere, veräcbtlicli vom gosang der müncbe ; 
was in B noch folgt: „schöne waiss wie die Orgel treiben", soll wol heissen: schöne 
melodien singen, wie die orgel. raucb: mit pelzwerk. 20. zipfflen: zipfel, 
adjectivisch, in B substantivisch. 

1(53, 3. handhabt: bescbüzt, unterstüzt sie, vgl. Frisch, 1, 411: „einen 
bey etwas schützen, erhalten"; die genitive: wes usw. sind abhängig von schutsherr. 
20. alter — Frantzösischer hund: alt war er allerdings, ir)46 stand er im 
80. jähre seines lebens; aber ein Franzose war er nicht, vielmehr ein Italiener, 
Alexander Farnese, aus der nähe von Bolsena, vgl. Ranke, d. röm. Päbste, I«, 
156 fg. ; frantzösisch ist vielmehr zu verstehen als lue vener ea laborans, Grimm, 
wb. 4, 1, 63; diese krankheit war damals sehr verbreitet; vgl. anm. zu 166, 23. 

164, 2. die disputation — erhalten: kräftige, gedrungene ausdrucks- 
weisc ; die disputation , die gelehrte erörterung , mit dem Schwerte aufrecht erhal- 
ten, den streit um den glauben, der nur durch wissenschaftliche Untersuchung ent- 
schieden werden kann, durch das schwert, mit gewalt schlichten. 3. sind: mhd. 
sint, Sit. 9. sampt den neun Chor der Engel: die engel waren (nach der 
zuerst von Dionysius Areopagita, hierarchia coelestis, ausgebildeten lehre) in 10 
chöre eingeteilt; als Lucifer wegen seines. Übermutes aus dem himmel gostossen 
wurde (vgl. s. 166, z. 31 fgg.) , wurden nach der einen ansieht aus jedem chor ein 
teil, nach der anderen, der unser gespräch folgt, der ganze zehnte chor mit ihm 
abtrünnig, so dass es seitdem nur noch neun gab, siehe W. Grimm, Vridank, 
s. 324 fg. 14. purgation: für purgatorium, was B hat; die scherzhaften, 

sprichwörtlichen zusätze in W und B sollen wol die unbehaglichkeit des auf- 
enthaltsortes bezeichnen: dort, wo nicht gut sein ist; zu dem ersten (wo man 
s. B. schenkt) vgl. Schade, Sat. u. Pasq. III*, 195, 21 fg., wo von einem htpa- 
nar die rede ist) und Schmeller^ I, 265 {Bey'n saud'n Bidr zsämkem», auf 
eine unvermutete, oft auch unbeliebige weise zusammenkommen); das lezte {und 
die holthöpffel auf dem Fenster brat) scheint ein etwas frostiger witz: wo 
es so heiss ist, dass man die holzäpfel (d. h. also auch etwas saures und 
unschmackhaftes) in den fenstern brät, wo es sonst am luftigsten und kühl- 
sten ist. 16. Du bist ein Schwab, die schwatzen gerne: vgl. Mon- 
tanus, Wegkürtzer (Frankf. 1590) s. Vd^, wo von dem Schwaben, der nachher 
das leberlein isst, gesagt wird, dass er gerne geschwetzet; vgl. anm. z. s. 164, z. 21. 
17. Nicht unbillich: ist nicht klar; auch die lesart von B nicht: viit ain Wail, 
nichts unbilligs; nicht unbillig als adv. heisst im 16. jahrh. entweder nicht unver- 
dient, oder nicht mit unrecht. Damit ist hier aber nichts anzufangen; es scheint 
das neutrum des adjectivs und zu bedeuten: nichts unrechtes, nämlich schwatzen 
sie; die Schwaben schwatzen zwar gerne, aber nichts unrechtes; vielleicht ist auch 
im texte von W zu schreiben: nichts unbilliges; mit ain wail, was B noch hat 
ist unverständlich; vielleicht ist es eine adverbiale Verbindung, wie mit -unter, 
unter -iveilen , bey weilen, == bisweilen, manchmal? sie schwatzen zuweilen, aber 
nichts unrechtes; oder es ist verschrieben für nit ain meit: keineswegs haben sie 
unnütze wort in jhnen , sie reden nichts unrechtes. 18. h u n d s f 1 i e g e n : Grimm 
wb. IV, 2, 1934 hat hundsfliege nur als bild für eine plage, etwas quälendes; zu 



176 MATTHIAS 

(lieser bedeutung aber passt das zweite citat niclit, welches dort steht: „ich hat 
viel himdeftfUcyn — tJud manchen fßuten man betriegn" ; für dieses und unser bei- 
spielist anzunehmen, dass hiin(lsf!ic(/e , gleich »»weiten, //riZ/en bedeute : wunder- 
liche einfülle, dann: boshafte, hinterlistige gedanken. 21. wie der Schwa- 
ben art ist: die Schwaben waren wegen ihrer lust zum schwatzen nicht nur, 
sondern auch zum lügen und aufschneiden, sowie wegen ihrer unzuverlässigkeit 
überhaupt berüchtigt; zahlreiche belege dafür in Joh. Fischart v. Strassburg von 
W. Wackernagcl 27, anm. 62; 35, 76; 52, 116 (auf dieses buch hat mich herr 
prof. Birlingor in Bonn freundlichst aufmerksam gemacht); vgl. Schmeller^ II, 
617 fg.; ebenso alt übrigens ist der ruf ihrer Weisheit, denn die berühmte geschichte 
von den sieben Schwaben findet sich bereits in Kirchhofs Wendunmut: s. Grimm 
KHM. III , s. 199. Rätselhaft ist an dieser stelle die lesart in B : herr prof. G e - 
ring in Halle vermutet: „Du weisst sonst wahrscheinlich mit den ziffem gut 
bescheid (beim spielen, würfeln), aber die kentnis des evangeliums ist bei dir = 0; 
statt versteht ist vielleicht verstehst zu lesen?" Zweifelhaft ist auch, ob er riclitig 
ist. 22. erfordert für die dien er: B für die Trinitet: es ist schwer zu ent- 
scheiden, welches von beiden das ursprünglichere ist; in beiden versiopen straft 
die antwort Gabriels auf die frage des landsknechtes: wo S. Peter hingekommen 
sei? diesen lügen; Gabriel nämlich sagt: er liegt und schläft, ist müd usw. Man 
ist versucht, die lesart trinität für das richtige, diener aber für einen fehler des 
alten druckes- zu halten; vielleicht war das lateinische wort dem drucker unver- 
ständlich; ich hin erfordert für die diener könte nur bedeuten: ich bin gerufen, 
nötig zur aufsieht der diener; von dienern im himlischen haushält habe ich jedoch 
bisher nirgend etwas erwähnt gefunden; nehmen wir also trinität als das richtige 
an, so gibt Petrus, um von dem ihm lästigen landsknechte loszukommen, fälsch- 
lich vor: er sei erfordert, d. h. gerufen für die trinität, d. i. vor die trinität, etwa 
zur entgegennähme eines auftrages oder befehles. In dem schon erwähnten ge- 
spräche Sickingens mit S. Peter (Schade, Sat. u. Pasq. 11 2, 45) entfernt sich die- 
ser, als Sickingen von kurris, reisig zeug, füssknecht , geschütz usw. redet, mit 
den Worten: Hör uf! ich weiss mit dir nichts zu reden von kriegs suchen, doch 
wil ich den ritter sant Jörgen als der Sachen verstendig berufen, dich abzufer- 
tigen. 29. drey Batzen hayssen nemen: der sinn dieser etwas dunkeln 
stelle scheint mir : ich möchte nicht einmal drei batzen verwetten , dass du diese 
Worte vor pabst Paulo widerholest; ich würde sie ja doch verlieren, weil ich weiss, 
dass du es nicht tun würdest; vgl. die nächste anmerkung. 33. Bapst hin 

oder her: zu hin odei- her vgl. Grimm, wb. IV, 2, 1003 und 1373; damit will 
Petrus offenbar das bedenken des landsknechtes als nichtig bezeichnen und aus- 
drücken , dass er sich um den pabst nicht sehr kümmere. 

165, 1. Was ists denn: fehlt in B, und mit recht; Petrus kümmert sich 
nicht mehr um den landsknecht und geht fort, ohne durch jene in W stehende 
frage seine bcreitwilligkeit gezeigt zu haben, noch länger mit jenem zu verhan- 
deln; nun ist auch der folgende zornausbruch des landsknechtes durchaus erklär- 
lich; fragt er aber, was der landsknecht noch von ihm will, so versteht man nicht, 
warum derselbe so ausser sich gerät. 2. 3. das dich — peterkopffs: tunder 
ist das nd. dtmdcr = donner, welches auch sonst in hochdeutschen Schriften vor- 
komt; die in fluchen ohne unterschied gebrauchten formen: iwtz , }wx, botz, hocks, 
box, kotz sind sicher zunächst alle aus gots (gottes) hervorgegangen, dessen 
uamen man sich scheute zu nennen; bei der wähl von hocks, box moclite wol die 
erinnerung an die bocksgestalt des teufeis bestimmend gewesen sein. — als pe- 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 177 

tcrkopffs: als = alles, gen. sing, wie aller (siehe s. 181, anm. zu s. 170, 11) und 
alle^s gebraucht zur bildung von schelten und fluchen; die gonitivc sind durch den 
ausgelassenen vocativ eines substantives zu erklären, etwa: meister, mustcr. 
anführer, bild, oberster usw., also: du nmster von einem Peterskopf! siehe («rimni 
wb. I, 220. 227. 229 fgg. PetersJcopf etwa, in der weise, wie raj)iKlkopf, hitzkopf, 
qucrlcopf gebraucht, denn Petrus war ja wegen dieser cigenschaften bekant. Statt 
des in \V enthaltenen fluches hat B: „dass dich hotz dunner wunden sack roll 
enndten seilend"! Dieses sackvoll — enten, oder, wie es auch geschrieben ist, 
saekvolenden komt z. b. noch in Montanus gartengeselsc])aft, sonst aber im IG. jh. 
nur selten vor; es soll natürlich ein cuphemismus sein, aber wofür? ich habe 
zuerst an voland = teviM gedacht (vgl. Grimm, myth.* s. 829. N. 29.3) ; näher 
liegt wol aber sad'a element , sakkerment, was mau sich in jener unsinnigen 
weise umdeutete. 18. in der vollen weis: in modum ebriorum, vgl. 166, 19. 
31. dass dich botz tausend kuewunden sehend: hotz kuciounden findet 
sich als schweizerisches kraftwort bei Fischart (Gr. wb. II, 279); über kueioun- 
den vgl. wb. V, 2548. 82. Gedinge: ist hier wol einfach = dinge zu fas- 

sen, unnütze dinge, sachen; er meint das fluchen. luog der uit; unklar; ist 
dass statt der zu schreiben: „gib acht, dass der teufel dich nicht höre"? 33. der 
schwartzo Paule: zu schwartz vgl. Grimm, myth.* 830. N. 294. Paule aber 
als bezeichnung des teufeis scheint mir ganz neu; auch schwer zu erklären; man 
denkt gleich an die sonderbare rolle, die Paulus, der heidenapostol, in den sogo- 
nanten acta Potri, nou^tig ITtTQov spielt, in denen die feindschaft der judenchri- 
sten gegen die heidonchristen den vorkäm])fer dieser als zauberer und als feiud des 
wahren christlichen glaubens erscheinen lässt, der wie der böse fcind „unkraut auf 
den wolbesteltcn acker der kircho sät." Vgl. Hausrath, neutestamentlicho Zeit- 
geschichte '^ IV, 132 fgg. ; solte die orinnerung daran die hier gebrauchte bezeich- 
n\ing des teufeis veranlasst haben? vgl. junker Merten, Peter, Stepken als benen- 
nungen des teufeis: "Wolf, Beiträge I, 125. 35. pettergrindt: statt peters- 

kopf, grind = köpf, die bezeichnung ist, der gowohnheit des landskuechtes ent- 
sprechend, möglichst grob und unflätig; sonderbar war auch die kurz vorher 
gebrauchte: kaal fuoss; beide habe ich sonst nirgend gefunden. 36. haben 

muss: weil es sein amt als türhüter so mit sich bringt. aber: wol nur ver- 
schrieben für über. 42. ob dem weinfas: soll man annehmen, dass der lands- 
knecht vom Zechgelage weg in den kämpf geeilt war und in der eile vergessen 
hatte, seinen hämisch anzulegen? Oder ist mit dem weinfasse der wanst des 
landsknechts gemeint? Bei Shakespeare (K. Heinrich IV., erster teil, II, 4) ncnt 
prinz Heinrich den Palstaff ein „ungeheures fass sckt" und in der kellcrscene des 
Faust Mephisto den Studenten Siebel „altes weinfass." 43. fuder dich bald: 
fudern, füdern, promovere = fürdern, fördern (Grimm, wb. IV, 1, 369); im luni- 
tigen Schlesisch feedern (Weinhold, wörterb. zu Holteis gedichten s. v.). 

16G, 2. Nicht ein meit: zur Verstärkung der Verneinung sehr beliebt; 
von dem niederl. mijte (ursprünglich milbe, dann geringe kupfcrmünze) minutia, 
siehe Grimm, gr. 3, 733; „vielleicht von oberländischen landsknechten , die für 
Maximilian den burgundischen krieg führten, wie mancher andere ausdruck mit- 
gebracht." Grimm, wb. VI, 1988. 18. ver zeichen: auch sonst in diesem 
gespräch = verziehen. 23. die fr antzhossen: pl. , morbus gallicus, lues veno- 
rea, Grimm, wb. IV, 1, 62; vgl. oben s. 175, anm. zu 163, 20. 2.5. kuedreck: 
als Schimpfwort habe ich es sonst nirgend gefunden, auch nicht bei Grimm, wb.V, 
2552. ligt nit als an werten: „In Hessen, bis nach Thüringen, Sach.sen legt 

ZEITSCHR. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 1^ 



178 MATTHIAS 

die Volkssprache . . . ihm [niinilich dorn worte als] etwa den sinn von immer, ge- 
wöhnlich . . bei. doch ohne nachdruck, so dass man es fast dem enklitischen halt 
anderer fjegonden an die soite setzen dürfte." Grimm, wb. I, 247. 26 — 29. 
wie wo 1 — destermer: eine höchst schwierige stelle; die bedeutnng der einzel- 
nen ausdrücke ist nicht immer klar; das komma nach Lutherischen hat der schrei- 
bet, der die stelle wol schon nicht verstanden hat, offenbar irtümlich gesezt, und 
OS gehört zusammen: „jhr Lutherischen erschreckt der (= gen. plur. , nämlich 
werke) nicht hart" (= sehr) , macht euch nicht sehr viel aus den werken , legt kei- 
nen grossen wert darauf; kombt er bis zum endt: man envartet natürlich komme 
ich bis zum end: dieser sonderbare Wechsel der person (zweiten und dritten) kam in B 
schon einmal vor: 165,. 21; vor will muss man wol ergänzen: ich; nach bicessen ist 
wol die rede des Lutherischen zu ende; das kann ich usw. sind wider worte des 
teufeis; verwenden: verhüten, vereiteln? kumh ich der gest (= gaste): = bekomme 
ich der gest, gehört zu Grimm, wb. V, 1680, h; der gest, genit. plur., ist abhängig 
von dester-mer, eo plus. Der sinn der einzelnen ausdrücke ist wie gesagt nicht 
völlig klar , auch nicht die Zusammengehörigkeit ; der sinn des ganzen dagegen 
scheint mir unzweifelhaft: Ihr Lutherischen legt keinen grossen wert auf die werke, 
indem ihr sagt: wenn wir nur glauben, kommen wir ans ziel, in den himmel, 
busse wollen wir schon tun; dass ihr aber auf solche weise euer ziel erreicht, kann 
ich mit meinen listen, mit den mir zu geböte stehenden mittein wol verhüten, 
verhindern: auf solche weise bekomme ich nur um so mehr Zuspruch in der hölle. 
Ich vorhehle mir nicht, dass die erklärung vieles zu wünschen übrig lässt; man 
darf aber auch nicht vergessen , dass wir es mit einer handsclu-iftlichen , nicht alzu- 
sorgfältigen aufzeiclmung zu tun haben. — In hohem grade interessant ist diese 
stelle deshalb, weil sie den religiösen Standpunkt des Verfassers und 
damit die Stellung, die derselbe seinem gespräche in der reformato- 
rischen bewegung seiner zeit überhaupt hat anweisen wollen, deutlich 
erkennen lässt. Luthers hauptgrundsatz : dass der mensch nicht durch seine 
werke, sondern durch den glauben an die barmherzigkeit gottes in 
Christo selig werde, war vielfach so gedeutet worden, dass man meinte, der 
göttlichen gnade alles überlassen und im vertrauen auf dieselbe in diesem leben 
ungestraft sündigen zu dürfen. Diesem verkehrten Standpunkte tritt der 
Verfasser an unserer stelle entgegen, indem er durch die ironische bemer- 
kung des teufeis seinen glaubensgenossen zum bewusstsein bringt, dass ein sol- 
cher misbrauch der göttlichen geduld ebendahin führt, wohin die 
übergrosse Wertschätzung der werkheiligkeit, in die hölle! 31 — 33. 
es geschah mir auch — lieb war: siehe oben s. 175, anm. zu 164, 9. — 
bursch in dem alten, ursprünglichen collectivbegrilf = schar, rotte, vgl. Grimm, 
wb. I, 547. weder = quam, als, siehe Schmeller^ 11, 857, Weigand s. h. v. 

166, 10. marter grob: marter ähnlich wie lounder zur Verstärkung ge- 
braucht, natürlich meist bei unangenehmen dingen, nachher: marter grausam. 
12. knebcl: roher, bäurischer, plumper gesell, wie nachher ^m/^eZ, ^w/^eZ. 17. 
menig: beide sind mitlerweile bis an die tür der hölle gekommen. 37 fg. ver- 
zwnutzes: der zweite teil ist ja klar, aber was steckt im ersten? 38 fg. an- 
gerwisch: dieses ebenso unklar wie angreprisch , zwischen welchen beiden les- 
arten die undeutliche Schreibung von B die wähl lässt: arger wicht? oder solte es 
das wort sein . welches in dem deutschen Sprachschätze vom Spaten 2563 mit aniter- 
gium übersezt wird? dem laudsknechte wäre das im 16. jahrh. weniger als jezt ver- 
pönte wort wol zuzutrauen; vgl. Grimm, wb. 1, 567 fg. 40. laushals: tritt den 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 179 

bei Grimm, wb. VI, .3.5.3 fgg. angoführton anmutigen läusecompositis würdig an 
dio Seite. 

167, G. Teuffcl: im drucke ausgelassen. 7. bey den steinern staf- 
feln: offenbarer feliler für Steffel, = Stephan (Schmeller, bayr. wb. IP, 735), wie 
aus der lesart von B deutlich hervorgeht. Sclimeller a. a. o. : „ Der stainen Stef- 
fan (Nürnb.) einfältiger, uubehülfliclier monscb (wol von irgend einem steinbilde)"; 
unklar bleibt natürlich, welche bedeutung der name des heiligen in der hier und 
später noch einmal gebrauchten (168, 15 fg.) beteuerung hat; ein anderes beispiel 
dieses gcbrauches habe ich bisher nirgends gefunden. 10. jagten: danach hat 
der landsknecht zu den truppen Frundsbergs gehört, die am G. mai 1527 Rom 
eroberten und den pabst in der Engelsfjurg belagerten. 12. Oberland: es ist 
der kriegsschauplatz in Oberdcutschlaud, speciell an der Donau gemeint; die ober- 
lilndischen städte , voran Augsburg und Ulm , unterstüzten den bund namentlich 
durch geld. 16. mein zucht: B meiner zuocht, scheint zu den versichcrungs- 
formeln zu gehören, „dio mit bezug auf eignes heil oder eignen besitz gegeben 
werden", (Grimm, wb. VI, 1916); also etwa wie: bei meiner seele, treue oder auch 
ohne bei: meiner seel, mein six, mein sixchen; nur bleibt die bedeutung von 2Mc/tf 
unklar; man muss doch zu der praeposition bei etwa ergänzen: ich versichere es 
(bei meinem leben), d. h. gewissermassen: ich will als pfand einsetzen, zum beweis, 
dass das versicherte unzweifelhaft wahr ist; zucht könte dann nur die bedeutung 
haben: erziehung, bildung. Zweifelhaft bleibt der sinn des ausdruckes natür- 
lich; mau könte auch daran denken, den gen. meiner z. zu verbinden mit hab 
dank, mit welchen worten sich der pabst direkt an seinen naclifolger wen- 
den würde: ich danke dir für die [von mir zuerst angewendete], von dir jozt 
nachgeahmte zucht (kirchenzucbt, anwendung von gewalt). 23. Sachsen 
und Hessen: die hervorragendsten buudesmitglieder, deren fürsten auch die 
bundesfeldherrn waren. 31. gemach haben: W: thu mir gemach; wir 
haben es hier offenbar mit einer absichtlichen abweichung zu thun, und W 
scheint das ursprüngliche zu bieten. daine ga istlich: erscheint als Ver- 
schlechterung gegenüber der lesart von W: viel geistlicher veter; denn prote- 
stantische geistliche sollen in der hölle doch nicht zu finden sein, sondern katho- 
lische! 38. botz barlement: hab ich sonst auch noch nicht gefunden; es 
scheint wider eine entstellung von element. 39. ablass: unklar; jedenfals soll 
es eine Verspottung des ablasses sein , vielleicht soll hervorgehoben werden , dass 
er nicht einmal dem pabste etwas geholfen habe. 

168, 9. bub in der heutt: ein im 16. jahrh. sehr beliebtes Schimpfwort, 
ähnlich dem oben (161, 34 u. anm.) gebrauchten fleischbösswicht , und mit fleischbube 
gleichbedeutend; vgl. Grimm, wb. IV, 2, 707. 13. mit hörer kraft: mit höhe- 
rer. 15 — 19. denn ich besorg — butte: wider eine überaus schwierige stelle, 
die auch unvolkommen überliefert zu sein scheint; der sinn lässt sich im grossen 
und ganzen feststellen , die ausdruckswoise aber ist zum teil recht dunkel ; icJt, 
besorg kann wol nur mit dem folgenden: es wird — treten verbunden werden: ich 
bin in sorge, dass — treten wird; ivann — wer: obgleich ihre sacho auch die 
meinige ist? obgleich ich zu ihrer partei gehöre ? nächst = nächstens ; die gais 
tritt mit dem [kurfürsten] zu Sachsen und [landgrafen] zu Hessen über den zäun '4 
was bedeutet diese sprichwörtliche redensart? unverständlich ist vor allem das mit; 
ich vermute, wir haben es hier wider mit einem fehler oder misverständnis des 
Schreibers zu tun und haben zu lesen: dem oder denen z. S. ic. H. ohne jnit ; die 
geis tritt einem über den zäun kann nach meiner meinung entweder bedeuten: weil er 

12* 



180 MATTHIAS 

unachtsam ist und dio übermütige geis nicht hütet , oder weil sein zäun zu niedrig 
oder endlicli, weil derselbe vernachlässigt und defekt ist, tritt diesellte, da sie gern 
klettert, den ihr zugewiesenen rauin verlassend, über den zäun in bebautes ackor- 
oder gartcnland und richtet da schaden an; das würde ohne bild heissen: ich 
fürclite, sie werden in folge ihrer Sorglosigkeit und nachlässigkeit schaden haben. 
Der landgraf will der nuss nit hcysscn: er scheut ernsthafte anstreugungen ; der 
fromc hertzog ist ihm übet zu schiver: macht ihm sehr viele Schwierigkeiten, ist 
ihm sehr unbequem , lästig ; der schürtle loart miff die aillft bidte : ist wol , trotz- 
dem es fremdartig genug klingt = er wartet auf das elfte gebot, als auf etwas, 
nie eintretendes, d.h. er zaudert übermässig ; freilich kann ich bot (gebot) als fem. 
nicht nachweisen; die beiden genanten sind der markgraf Hans von Küstrin, der, 
trotzdem er eifriger protestant war, auf selten des kaisers stand; und Sebastian 
Schärtlin von Burtenbach, „ein alter kriegsgoübter oberst, der noch unter Maximi- 
lian gedient und bei der eroberung von Rom gewesen", jozt aber an der spitze 
des protestantischen heeres stand; der sinn des ganzen also wäre: obgleich ich der 
partei der Protestanten angehöre, kann ich nicht verhehlen, dass ich fürchte, es 
wird ihnen übel gehn. Wie namentlich aus den worten hervorgeht: es geschieht 
ihnen nicht unrecht, ist der Verfasser von B offenbar mit dem landgrafen, Schärt- 
lein und den reichsstädtcn nicht sehr zufrieden; er hat auch für die protestantische 
Sache nicht alzugrosse hofnungen. 26 fg. den hundt hincken lassen: falsch, 
unzuverlässig sein, siehe Grimm, wb. IV, 2, 1914. 30 — 31. aber sehe — 

thaler gült: wider sehr dunkel, vielleicht auch wider entstelt; ist mit fasten die 
fastenzeit gemeint? erwartet der Verfasser um diese zeit eine entscheidende schlacht? 
CS loird heget geben: siehe Grimm, wb. V, 384, gebraucht von Soldaten, die im 
kämpfe fallen, wie die kegel; mit den folgenden worten weiss ich auch nichts 
anzufangen. 

169, 2. ablas predigt: der zug gegen die Protestanten wurde von den 
katholiken geradezu als kreuzzug bezeichnet (Ranke, deutsche Gesch. IV, 425); 
sinn : die an dem zuge teilnehmenden dürfen , wie die kreuzfahrer , nach ihrem tode 
auf Vergebung der sünden rechnen. — Welcher cardinal gemeint ist, weiss ich 
nicht zu sagen. 8—5. S. Peter — nicht kennen: gemeint sind die ablass- 
zettel, die mit dem päbstlichen Siegel (Bitschier = petschier = petschaft) ver- 
sehen waren; das wappen der Farnese ist nicht gemeint; dieses hat, wie hr. prof. 
Crecelius in Elberfeld mir freundlich mitgeteilt hat , gleven (lilien) ; derselbe 
hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass päbstliche münzen nicht selten als 
Symbol der kirche Christus mit den aposteln in einem kleinen schiffe (schiflfel, 
scheffel) auf dem meere haben; vielleicht ist dieses hier gemeint; vgl. Otte, a. a. o. 
1, 448. In Brands Narrenschiff ist auf dem holzschnitt zu n. 103 (der Endkrist) 
ein schiif mit 5 personen zu sehen (es steht darunter : sant pcters schifflin) , wel- 
ches der am ufer stehende S. Peter mit seinem Schlüssel ans gestade zieht. B hat 
Schlüssel statt scheffel. 6. Spanier und Welschen viel: das kaiserliche fuss- 
volk bestand mehr als zur hälfte aus ausländem, den bestiramungen der wahlcapi- 
tulation entgegen; es befanden sich etwa 10000 Italiener und 8000 Spanier im beer, 
Icztere waren meist hakenschützen, Ranke a. a. o. s. 424. G fg. Mehr denn 
der bundten hund: ganz merkwürdige redewendung, denn bunter hund, als 
etwas auffallendes, vom gewöhnlichen abweichendes, bezeichnet sonst: etwas alge- 
mein bckantes; hier muss es bedeuten: unzählige, wie sand am raeer; B hat: 
„j«e/w denn der gestutzten hundt, sie sindt zugelaufen wie die Sau." 9. das es 
jnen — für sich gieng: dass es ihnen noch gelänge, nämlich die Deutschen 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 181 

auszutilgen. — Diese fanatische wut erscheint erklärlich, weun man bedenkt, dass 
der grosse abfall der Protestanten, der sich im anfange seiner regierung volzogcn 
hatte, sich während derselben immer weiter verbreitete, so viel mittel er auch 
wider denselben ergreifen mochte: Ranke, d. röm. Päbste, I^ s. 86. 12. ge- 
rechnet: lies gerechet. 16. holtest: wol zu lesen: hieltest. 22. Clemens: 
fehlt im drucke. 29. auf den rechten weg komen: dieses und das voran- 
gehende nicht ganz klar; es scheint etwas ausgefallen zu sein. Das folgende: loolt 
Gott usw. offenbar nur erwähnt, um gelegenheit zu finden, die ccremonie des fuss- 
kusses zu verspotten, an welcher man damals, namentlich in den unteren schichten 
des Volkes, mehr anstoss nahm, als an wirklichen irlehren der katholischen kirche. 
31. mir wird bedünkt: unklar, ob diese sonderbare construk-tiou auf einem 
Schreibfehler beruht, oder ob sie je gebräuchlich gewesen. 32 fg. mit wem — 
glauben: wol auch verdorben. 38. irer: wol nur verschrieben für eurei', denn 
der pabst und sein anhang sind angeredet. 42 fg. Ungnade: wol nur verschrie- 
ben, bock: sonst in dieser bedeutung (schaden, Unglück) unbekant; am nächsten 
steht die bedeutung: fehler (bock schiessen). 

170, 10. bewilligung beschlossen: auf welchem concilium? durch Gre- 
gor d. Gr. ist die schon früher übliche sitte der Verehrung zum gesetz erhoben 
Avorden. 11. aller — buben: aller, gen. plur. (siehe oben s. 177, anm. zu 
s. 165, 2. 3.), etwa: ihr ganz verzweifelten, d. h. schlechten; verzweifelt = 
dosperatus. Das vorangehende S. Veltens leiden ist die fallende sucht, epilepsic, 
vgl. Wolf, Beitr. 2, 103. 13. jhn zu sehen: den heiligen geist; bei der bewil- 
ligung haben sie ihn gegenwärtig gesehen. 20. Pöffel und Beltzcbock: 
K. V. Stieler („der Spate"), deutsch. Sprachschatz, sp. 255: „Pöpel, der, larva, 
persona . . . alias ein Scheusal"; unser heutiges popel, popanz, fopelman, pophart, 
hier auf den teufel angewendet; vgl. Grimm, myth.* 1, 418. — Beltzehock , vgl. 
die schon mhd. bekante, volkstümliche umdeutung des obersten der teufel: helle- 
boc; veranlasst ist dieselbe durch die Vorstellung desselben in bocksgestalt; bei dem 
ersten teile mochte man eine possenhafte anlelmung an heiz, pelz und an die zot- 
tige beharung des teufeis beabsichtigen; vgl. Belzebüc in Grimm, myth.* 3, 295. 

171, 4 — 5. hastu — andern: warum erfährst du jezt linderung im vorzuge 
vor den anderen? dieser bereits in der ältesten spräche vorkommende gen. parti- 
tivus (vgl. Grimm, wb. FV, 2, 63) verliert sich in der neueren zeit immer mehr; 
vgl. Grimm, gr. 4, 647. 10. der . . pracht: noch im 16. jahrh. masculinum, 
pompa, superbia, grossprecherei , dunkel, hochhinausstrebende eitelkeit; siehe Wei- 
gand^ 2, 379. 14. ich mus — fragen: vielleicht wolte der landsknecht 
nach der Ursache der fast protestantischen anwandlungen des pabstes fragen ! 
21. schelligen köpf: vgl. oben s. 177, anm. zu s. 165, 2. 3; schellig, rasch auf- 
geschreckt, leicht erzürnt, schon mhd., S. Peter war ja dafür bekant. 23. eine 
arme Scel: man bemerke, wie höflich der landsknecht gegen das erste mal ist! 
24. nechten: kann doch wol nur der bekante, schon mhd. gebräuchliche dat. plur. 
von naclit sein : in vergangener nacht , gestern abend ; der Verfasser denkt sich 
also, dass der landsknecht am andern morgen wider vor die himmelstür gekommen 
sei. 26. denn einen landsknecht: die schwanke, welche S. Peters abnei- 
gung gegen die landsknechte erklären, sind im 16. jahrh. sehr beliebt. 39. wenn 
du — kommest: weun du nach überstandener marter aus dem „loch" zurück- 
kehrst. 

172, 6 fg. Hastu — gesehen: man ist geneigt, diese frage auf seine 
erlebnisse in der höUe zu beziehen, wie es auch nach dem Wortlaute in B nötig 



182 MATTHIAS 

ist; hier aber geht aus dem folgenden deutlicli hervor, dass S. Peter sich neugie- 
rig nach seinen erlcbnissen auf der weit erkundigt. 10. sie: = siehe, ecce. 
11. hcy glauben: = wahrhaftig; andere l)eisinelo bei Schineller " 1 , 1407. 
Warbey — bleiben werde: Petrus fragt schliesslich: wobei wird es nun blei- 
ben? was wird das schliessliche, bleibende endergebnis dieses kampfes sein? Der 
landskuecht antwortet, mit beziehung auf das Luthersche: „das wort sie sollen las- 
sen stan" mit dem bibelspruch: das wort unseres f/o?<es WevT^f ewiglich. 14. dar- 
bcy bleiben: der sprach steht Jes. 40, 8: exsiccatwn est foenum, et cecidit flos; 
verhuni autem Domini nostri manet in aeternuni. komm — HErrn: vgl. den 
schluss des schon oben genanten gespräches Sickingens mit S. Peter: Sick. . . . 
hab ich doch . . . mir meine sünde lassen leit sein rnid all mein vertrawen ent- 
lich zu got gestellet usw. Petrus. Das end ist gut: darumb loil ich aufschliessen 
usw. 22. Bischof oder Bader: eine im IG. jahrh. beliebte gegenüberstcllung, 
aut Caesar, aut nihil, Grimm wb. I, 1073. 28. Te deum laudamus: es lässt 
sich unschwer erkennen, dass das ursprüngliche gcspräch mit den werten: „komm 
herein in Fried des Herrn" geschlossen hat und dass der nur durch B überlieferte, 
mit jenen anfaugsworten des hymnus Ambrosianus beginnende schluss späterer 
Zusatz ist; denn dem ganzen gange des gespräches nach muss der landsknecht 
unmittelbar in den himmel aufgenommen werden: anders können ja auch die sowol 
in W als in B enthalteneu worte: „komm herein in Fried des Herrn^' gar nicht 
verstanden werden; [und frieä, wie B hat, ist verschrieben]. Der in B stehende 
schluss rührt offenbar von einem Verfasser her, der seine kentnis des im 16. jahrb. 
beliebten schwankes verwerten wolte. In deutschem gewande tritt derselbe übrigens 
erst einige jähre nach der abfassung unseres gespräches auf, nämlich in Freys 
gartengesellschaft, wo (s. 40 des mir von der Göttinger Universitätsbibliothek freund- 
lichst geliehenen exemplares v. j. 1590 [Göd. II-, s. 466]), es heisst: „ich loil euch 
ein eigen Dorff eyngeben. ligt allernechst hiebey, das heysst, Beyt einweil, daselbst 
%verden mit der Zeit noch mehr Landtsknecht zu euch kommen.''' Bei Kirchhof 
Wendunmut (Ocsterley I, n. 108) findet sich dieser zug nicht, wie es nach Grimm, 
KHM III, 143 scheinen künte; dort werden die landsknechte direkt in den himmel 
eingelassen. 



Von dem vorstehenden gespräch ist mir (durch Weller, Anna- 
len II) noch eine dritte, im besitze der königl. Bayer, hof- und 
Staatsbibliothek in München befindliche fassung bekant geworden, 
deren direktion sie mir auf meine bitte bereitwilligst übersendet hat. 
Der titel derselben lautet: Unterredung oder Gesprech, wie es 
einem Landsknecht, so unter Graff Moritzen, 2C. umbkom- 
men, in dem andern Leben ergangen ist. Zu sonderlichen 
Ehren Päbstlicher Heiligkeit, geschenckt unnd verehret, zum 
neuwen Jahr. Aus dem Niderländischen, in hoch Teutscli 
gebracht: Durch JEAN SLATOD. (o. ort u. jähr.) 

Das gespräch begint auf der rückseite des titclblattes mit einem 
grossen, über 8 Zeilen reichenden E(Kstlich) und fült im ganzen 21 selten. 

Es lässt nach dem titel etwas ganz anderes vermuten, als es 
tatsächlich bietet ; es ist entstanden in der zeit des freiheitskampfes der 



PASQUILL AUS DEM XVI. JH. 183 

Niederländer gegen die Spanier, und zwar nach dem jähre 1584, wie 
aus der erwähnung des grafen Moriz von Oranien zu schliessen ist, 
welcher seinem am 10. juli jenes jahres zu Delft ermordeten vater Wil- 
hehn von Oranien in der stathalterschaft folgte; es ist also beinahe 
40 jähre jünger als W und B , ist aber , wie eine auch nur oberfläcli- 
liche vergleichung lehrt, nichts weiter als eine widerholung jenes gc- 
spräches aus der zeit des schmalkaldischeu krieges. M, wie ich das 
Münchener exemplar nennen will, rührt von einem Verfasser her, der 
beide fassungen jenes gespräches, die in W sowol, wie die in B erhal- 
tene, vor sich gehabt hat; denn es stimt meist wörtlich mit WB über- 
ein oder bietet, wo beide von einander abweichen, einen aus beiden 
combinierten text ; sein dialekt ist genau derselbe , wie der in W ; daraus 
geht deutlich hervor, dass die titelangabe, das gespräch sei aus dem 
niederländischen ins hochdeutsche übersezt , eine fiction ist , die dadurch 
zu erklären ist, dass der Verfasser den anschein erwecken will, als 
hätten wir es mit einem gespräche zu tun , welches in seiner ursprüng- 
lichen form auf dem schauplatze des krieges selbst entstanden sei; 
auch der niederländische name des Übersetzers, Jean Slatod ist natür- 
lich erfunden. M ist also nichts weiter, als eine neubearbeitung von 
WB, in der ein paar äusserlichkeiteu , die auf den freiheitskampf der 
Niederländer und die veranlassung desselben bezug haben, eingefügt 
sind, in der aber fast alles übrige aus dem alten gespräche beibehal- 
ten ist, zuweilen sogar auch dann, wenn sich dasselbe auf den schmal- 
kaldischeu krieg bezieht. Die oft wörtliche Übereinstimmung zwischen 
M und WB an den meisten stellen schliesst natürlich nicht einzelne 
abweichungen aus. Endlich ist noch hervorzuheben , dass sich M glat- 
ter und gefälliger liest, dass seine rede fliessender, seine ausdrucks- 
weise gewanter ist, als die von WB. 

Wir beginnen mit der aufzählung dessen, was verändert wor- 
den ist, um das gespräch der absieht des Verfassers gemäss als auf 
die niederländischen Verhältnisse passend erscheinen zu lassen, 
schliessen sodann die erwähnung der dabei unterlaufenden irtümer an, 
und. hebeu endlich die besonderheiten hervor, die M vor WB vor- 
aus hat. 

I. Niederländisches. 

Der landsknecht, welcher „im krieg durch einen schuss von die- 
ser weit abgeschieden und bei ihm selber gedacht und gesagt hat : ich 
will gern sehen, ob mir dasjenige, so mir die reformierten prediger 
gepredigt und versprochen haben, gehalten werde", komt vor das him- 
melstor und erzählt dem Petrus : „ich komme aus dem Läger der Sta- 
den, auss Niderlandt. " Gemeint sind natürlich die vereinigten 



184 MATTHIAS 

Staaten der protestantischen Niederlande , die sich 1579 zur Utrechter 
Union zusammengeschlossen hatten. Dieselbe wii-d nachher, mit bei- 
bchaltung des von dem schmalkaldisclien l)unde gebraucliten ausdruckes, 
bezeichnet als: die Statt und der Bund. Ihre aufgäbe war ja in 
der tat der des schmalkaldischen bundes ähnlich : sie wolte die reli- 
gionsfreiheit der Niederländer gegen den spanischen feldherren , Alexan- 
der Farnese von Parma, verteidigen. Wird dieser selbst auch nicht 
genant, so heisst es doch nachher: der könig in Hispanien ligt 
mit Heeres Krafft wider die Stadeu. Dem entsprechend werden 
der ßapst und sein Anhang aus Spanien erwähnt und als spa- 
nische Söldner Wahlen und Algäwer genant. Unter lezteren sind 
wol Schweizer zu verstehen, deren es damals im spanischen beere 
viele gab, unter ersteren Wallonen oder Wälsche. Statt luthe- 
risch wird überall reformiert eingesezt. Was in WB von dem kurz 
vorher gestorbenen Luther gesagt war, ist hier auf die reformier- 
ten prediger übertragen: „Petrus. Was sagt man von unsern Die- 
nern den Reformirten Predigern tisiv. Landskn. selig bistu, wie 
froh bin ich, dass du deren Namen gedeuckest usw. Petr. Ja ich hab 
jrer ein guten theil eingelassen ... an die statte, die jhn bereit ward, 
von Gott dem Herren, als reinen Bekennern des H. Euangelij." Auf 
der andern seite erkundigt sieh der pabst in der hölle nach dem krieg 
im Oberland mit den verfluchten reformirten Secten und 
wünscht dem landsknecht gegenüber, der ein reformierter christ ist, 
gerochen zu werden an den reformirten Buben. Endlich gehört 
hierher die erwähnung der musquete, welche an stelle der haken- 
büchse getreten ist : „die waffe war durch romanische krieger im beere 
Albas zunächst in den Niederlanden bekant geworden , der name daher 
zufrühest hier." (Grimm, wb. VI, 2747.) 

Das ist aber auch alles, was auf die damaligen Verhältnisse in 
den Niederlanden bezug hat; weit mehr ist beibehalten, was entweder 
nur auf den schmalkaldischen krieg oder in den Zusammenhang des 
alten gespräches passt. 

II. Irtümlich beibehaltenes. 
Am meisten fallen in dieser bezichung natürlich die vom Ver- 
fasser begangenen historischen Schnitzer in die äugen. Bei nament- 
licher nennung der päbste ist ihm ein doppelter irtum passiert; zu- 
nächst behält er aus dem alten gespräche als regierenden pabst Paul (III.) 
und als seinen Vorgänger Clemens (VII.) ganz harmlos bei, obgleich 
er Gregor XIII. (1572—85) und Pins V. (1566 — 72) oderSixtusV. 
(1585 — 90) und Gregor XIII. hätte nennen müssen. Auf blosse 



PASCiUILL AUS DEM XVI. JH. 185 

gedankenlosigkeit oder auch auf einen schreib- bez. druckfehler ist der 
zweite irtum zurückzuführen: bei der ersten Unterredung des lands- 
knechtes mit Petrus wird nämlich als regierender pabst statt Paul: 
Clemens genant; gleich darauf findet der landsknecht diesen in der 
liölle; auch wird Clemens genau so geschildert, als wäre von Paul die 
rede; „ist kaum meiner spannen sieben lang, ein alter Hund" usw. 

Sodann erkundigt sich der pabst bei dem landsknechte : wie es 
mit dem kriege im Oberland stünde, als wolte er auskunft haben über 
den Schauplatz der ersten hälfte des schmalkaldischen krieges! 

Der niederländische landsknecht, der sich rühmt, ein reformier- 
ter Christ zu sein, erscheint trotzdem als Schwab und seine kamera- 
den als Schwaben und Hessen, als hätten wir es mit Soldaten des 
schmalkaldischen ki'ieges und nicht mit niederländischen freiheitskära- 
pfern zu tun! Hierher zu rechneu ist auch die stelle, an welcher im 
gegensatz zu Spaniern, Welschen und Allgäuern die Niederländer als 
Deutsche bezeichnet werden, wie im alten gespräche die mitglieder 
des schmalkaldischen buudes. 

Seltsam mutet es uns auch an, wenn wir hören, dass die bei- 
den gegner , der könig in Hispanien und die statte und der bund genau 
wie katholiken und Protestanten im lager von South eim- Brenz und 
Giengen gegeneinander sich verschanzt haben und im feld 
Winterlager halten wollen und kein teil dem andern weichen. 

Ich füge gleich die stellen an , an denen M seine vorlagen falsch 
abgeschrieben hat ; bei einigen ist allerdings die möglichkeit eines druck- 
fehlers nicht ausgeschlossen. 

Gleich in den ersten werten begegnet uns ein solcher fall: M 
bat: „Erstlich . . . hat der Landsknecht . . . gesagt, ich will gern 
sehen" tistv.^ WB: „ich wil gehen sehen." Gleich darauf hat M: 
„In dem sihet er einen vor jhm aussgehen , dem ruffet Er : Holla, 
Hoscha warth ein wenig biss ich näher zu dir komme. Petrus. Wer 
gehet daher mich mit solchen freundlichen Worten anschreyent. 
Siehe, du zerhadderter unnd zerlumpter Landsknecht, von wannen 
korastu so wol gebutzt her? Ich glaube aus Königs Artis Hoff." 
Artus war dem Verfasser entweder unbekant oder Artis ist ein druck- 
fehler; freundliclien dagegen, was hier gar nicht am platze ist, ist 
offenbar aus f refflich, der lesart von WB entstanden, was der Verfas- 
ser vielleicht in der form frevellich oder freuellich nicht erkant haben 
mochte. Die mönchskappen {giujlen in WB) heissen bei ihm Pugeln, 
der fluch: dass dich hotz tausend Ducaten sehend lautet: dass — 
beheud; endlich sucht der landsknecht den pabst, welcher sich ent- 
fernt um seine peiniger in der höUe durch längeres zögern nicht noch 



186 MATTHIAS 

mehr zu erzürnen, durch ilicworte: „harre, ich muss dich etwas gnä- 
diges fragen", zum Weihen zu bewegen, wo W: etwas nötiges, B: 
etwas untertliäniges hat. 

in. Absichtliche üuderungen. 

Diesen irtümern und verseilen stehen eine reihe abweichungen 
gegenüber, die vielleicht daher rühren, dass der Verfasser noch eine 
bessere vorläge gehabt hat, als die beiden uns bekanten gespräche, 
die aber wahrscheinlicher als absichtliche äuderungen von ihm, 
z. t. auch als Verbesserungen zu bezeichnen sind, insofern dadurch 
dunkle stellen von W und B licht gewinnen. 

Zu den lezteron gehört s. 162, 2 , wo W hat: „disen krieg und 
wider das Euangelion", B: „krieg auf erden", M: „hieunden au ff 
erden", nur scheint „hie" sonderbar, da sich der sprechende vor der 
himmelstür befindet. 

164, 16 W erwidert der landsknecht auf Petrus Vorwurf: „Du 
bist ein Schwab , die schwatzen gerne , haben viel unnütze rede in jnen : 
Nicht unbillich"; B: „Mit ain Wail, nichts unbilligs"; M: „Aber 
nichts unbillichs, wie du mir zumissest", nämlich schwatzen wir. 

Beide möglichkeiten (Verbesserungen resp. zusatz des Verfassers 
oder folge einer besseren vorläge) sind auch in allen folgenden fällen 
zulässig, in denen M sowol von W als von B abweicht. 

160, 6: „ich acht du seyest lang auff der Garth dem Hüuer 
und Gänssfang nachgelaufifeu , wie ewer der Landsknecht Brauch ist." 

160, 22 {nach weis): „ich dachte, du solst vor allen andern 
gute Wissenschaft darumb haben." 

161, 26 {nacli geschehen): „unud du bist ein ürsach meines 
Tods. Petrus. Warumb von meinetwegen? ich weiss kein Wort darumb. 
Landskn. Deine Statthalter" usiv. 

161, 10 (der kathoUscJien pahsttradition noch schärfer entgegen- 
tretend): „ich bin doch mein Lebtag zu Eom kein Bapst gewesen." 

161, 21 tvird die Tiatliolischc geistlichheit bezeichnet als: „ge- 
kolbte,^ beschorne, geschnittene^ und gesalbte Rott", gleich darauf als 
„pallirte." ^ 

162, 3 ivo von der Meidung der geistlichen die rede ist: „kutten, 
binden und vornen mit vil spitzigen ziplfeln." 

162, 15: „tragen vornen her Creutzlein, Paternoster, und ander 
Narrenwerk mehr." 

1) Mit dem narreiikolben versoheu. 

2) Unklar, von der tonsur? oder castrati? vgl. Burkard Wald. (Kurtz) IV, 
69, 137 fgg. 3) B hat bahviert; oder mit dem palliura verseheu? 



PASQUILL AUS DEM XVI. JU. 187 

162, 25 „Wenn sie zu clior singen imd brüllen." 

163, 10 (nach schuld): „sie seye auch so gross als sie wolle." 
163, 24 lässt M den Petrus su den ivorten des landslcnechis : 

„hat wenig gold, aber die besten stein" die törichte hemerhmig machen: 
„Was trägt er Stein und halt das Erdreich nicht würdig, dass es jhn 
trage?" 

163, 26: „0 wie einfältige Leut seyn das, dass sie dem geben, 
der vorhin gnug hat." 

164, 14 : {nach schenckt) „und rostige Häring isset." 

165, 2: „dass dich botz Dunna Wunna", ivofür gleich darauf: 
„botz Tunna Wunna sackvolenden." 

165, 11: Gabriels gimst sucht er su gewinnen durch die aus- 
sieht: „ich will dir ein Rosenobel schenken, mein dabey zu gedencken."* 
165, 14: der teufel hcisst „ein wunder seltzamer Vogel." 
167, 5: nent der landshnecht ihn einen Knollfincken.^ 
169, 4: die dblasssettel tragen in M tatsächlich das „Pitschier 
mit dem Schiffel." 

169, 28 : „das römische Reich muss einen grossen bruch leiden." 

170, 5: lüill der landshnecht nicht des xmljstes „schelmässige" 
füsse Missen; loas soll es heissen? 

170, 20 fg.: die teufel haben „grawsame Schnebel und feurige 
ketten" und heissen „Erit, Pursax und Beelzebub." 

170, 24: „der stuel zu Rom wird gar zu hauflfen gehn." 

171, 16: Clemefis verabschiedet sich in M vom landshnecht mit 
Yale; der landshnecht erwidert: „So zeuch hin, dass dich Gott behüte 
unnd helfe euch allen auss dem erbermlichen Leydeu. Clem. Amen, 
dico vobis in Nobis Krug." 

172, 7: M bezieht die Frage des Petrus, lüie B, auf die jüng- 
sten erlcbnisse des landshnechts in der holte. 

172, 25 fgg. : der schluss wie in B bis 172, 34 („du musst nim- 
mer auff das Irrdische sehen wie du vor gethan hast"); von da lautet 
er in M folgcndermassen : „Also ist der Landsknecht in sein Losament 
gangen, alda erwartet er seiner Gesellschaft, und hat diese seine Ge- 
schieht hiehergeschickt, auf dass, welcher auf diesen Wegkompt, sich 
wisse an allen orten zu halten. 

E N D E.« 

1) Sprichwörtliche redensart; zu Koseuobel vgl. Frisch 11, 126: „anf den 
alten Kosennohlen steht auf der einen seite eine rose, auf der andern scite die 
werte: Jesus autcm transiens per medium eorum ibat." 

2) Siehe Grimm , wb. V, 1468 fg. 



188 MATTHIAS, PASQl'ILL ADS DEM XVI. JH. 

Vorstehende abhandlung, soweit sie den tcxt W betrift, ist die 
lezte gewesen, mit welcher sich der herausgeber dieser Zeitschrift ein- 
gehend beschäftigt hat. Welchen gewinn eine solche teilnähme einer 
arbeit brachte, werden alle, die den verstorbenen jemals wegen einer 
dissertation oder examenarbeit um rat gefragt haben, werden viele der 
jüngeren mitarbeitor der Zeitschrift, werden endlich die herausgeber 
der germanistischen handbibliothck erfahren haben. Willig opferte er 
viele stunden des tages, oft wochen hindurch, um einer arbeit, an der 
er das ernste bestreben ihres Verfassers erkant hatte , den rechten gehalt 
und schick zu geben. Ob jener ihm dankbar sein werde, oder nicht, 
daran dachte er nicht; erntete er undank, — und den hat er lei- 
der oft erfahren, ja mitunter gerade da, wo er die grössten opfer 
gebracht hatte , weil er eben jedem half, der ihn um hilfe angieng, — 
so war es umsonst, ihm vorsieht für die zukunft anzuempfehlen: mein 
interesse , pflegte er dann zu antworten , hat nicht der person gegolten, 
sondern der sache, der Wissenschaft, und da ist es nicht verloren 
gewesen ! 

Aber nicht nur für den augenblick, nicht durch mitteilung von 
tatsachen allein wolte er helfen: viel mehr noch lag ihm daran, metho- 
disch arbeiten zu lehren. Schwer war es oft, namentlich für anfän- 
ger, seinen anforderungen gerecht zu werden; manchen kenne ich, der 
geseufzt hat, wenn ihm sein vermeintlich druckfertiges manuscript von 
dem verstorbenen wider und wider , mit mannigfachen randbemerkungen 
von der band desselben versehen , zurückgeschickt wurde , bis es endlich 
gnade vor seineu äugen gefunden hatte. Solchen , die ihn nur von wei- 
tem kanten, die nicht durch persönlichen Umgang erfahren hatten, wie 
selbst dann, wenn er tadelte, wenn es schien, als könne man es ihm 
gar nicht recht machen , doch immer eine unendliche herzensgute fühl- 
bar war, — solchen war seine art oft unbequem und lästig: der jün- 
geren generation aber ist sie von unsäglichem nutzen gewesen. Denn 
er hat sie treu und gewissenhaft arbeiten, auch in der Wissenschaft 
unbedingt wahr sein, alles halbe, alle phrase, alles dilettantische oder 
schöngeistige vermeiden gelehrt. Bei vielen ist ja die erstliugsarbeit, 
die der verstorbene förderte in der hofnung , dadurch den Verfasser für 
wissenschaftliche arbeit überhaupt zu gewinnen, die einzige geblieben; 
anderen ist das Interesse, welches er an ihnen genommen hat, ein sporn 
zu selbständigem weitcrstrebon geworden : diese aber sowol als jene wer- 
den den dank , den sie ihrem alten lehrer schulden , dadurch abzutragen 
suchen, dass sie ihre eignen schüler für die tugondon zu begeistern sich 
bemühen, in denen er selbst ihnen allezeit ein glänzendes vorbild gewesen ist. 

NOEDHAUSEN, MAI 1887. E. MATTHIAS. 



189 



ÜBER ANEINANDERREIHUNG DER STROPHEN IN DER 
MITTELHOCHDEUTSCHEN LYRIK. 

Bekantlich weichen die haiulschriften , in welclien uns die erzeug- 
nisse der mhd. lyrik erhalten sind, in der ül)erlieferung der reihenfolge 
der zu einem tone gehörenden stropheu häufig in hohem masse von 
einander ab. Einen gesicherten Vorzug verdient in dieser beziehung 
keine der himdschriften vor der andern. In folge dessen müssen die her- 
ausgeber bei herstellung- der liedform nach subjektivem ermessen ver- 
fahren. Beweisbare und zwingende giiltigkeit kann man aber solchen 
geschmacksurtcilen um so weniger zugestehen, als die stropheu eines 
mhd. gedichtes mit ausnähme etwa der anfangsstrophen vielfach in 
beliebiger reihenfolge gelesen werden können, ohne dass dadurch der 
gesamteindruck beeinträchtigt wird. 

Die einzige möglichkeit die ursprüngliche gestalt der lieder mit 
einiger Sicherheit zu ermitteln liegt in der betrachtung der form. 
Konrad Burdach hat in seinem buche Rein mar der Alte und 
Walther vou der Vogelweide die poetische technik der minnesin- 
ger älterer zeit nach vielen richtungen hin untersucht. In meinem im 
achtzehnten bände dieser Zeitschrift veröffentlichten aufsatze Über kör- 
uer und verwante metrische erscheinungen in der mhd. 
lyrik habe ich einen ähnlichen zweck verfolgt wie Burdach. Die 
resultate dieser forschungen ergaben in manchen fällen sichere auiialts- 
punkte für die herstellung der ursprüngliclieu liedform. 

Wie weit sich solche auf Untersuchung des formalen aufgebauten 
Schlüsse von jenen oben erwähnten geschmacksurteilen entfernen, mag 
ein beispiel zeigen. In MF 77, 36 fgg. sind aus den sechs in demsel- 
ben tone überlieferten Strophen Ulrichs von Guteuberg sechs lieder 
gemacht, und auch Scherer (Deutsche Studien I, 335) äussert sich 
dahin , dass Ulrich von Gutenberg neben seinem Leich nur einstrophigo 
minnelieder gemacht habe. Burdach dagegen hat (a. a. o. , s. 89) auf 
die responsion in 78, 15; 78, 24; 78, 33 aufmerksam gemacht und 
erwiesen, dass vou den sechs Strophen die dritte, vierte und fünfte 
ein lied ausmachen. Durch aufdeckung der widerkehr derselben reime 
an derselben Strophenstelle in je drei und sechs Zeilen jener stropheu 
konte ich (a. a. o., s. 221) dartun, dass alle sechs zu einem liede zu 
vereinigen sind. 

Fast möchte man glauben, die mhd. lyriker hätten in bestirnten 
fällen das ihrige dazu beitragen wollen , ihrem geistigen eigentum seine 
ursprüngliche gestalt zu wahren. Aus einer reichen zahl von beispie- 



190 OISEB 

len geht hervor, dass jene dichter sich l)emühten die dreiteiligkeit des 
liedes durch niaiinigfaclio künsteleien formaler natur 7a\y anschauung zu 
bringen (vgl. meinen aufsatz a. a. o. , bes. s. 336 fgg.)- Solten sie dabei 
nicht auch den oben augedeuteten nebenzweck im äuge gehabt haben? 

Icli bin überzeugt, dass wir auf manche formale erscheinungen, 
die uns eine gute handhabe zur herstcllung der ursprünglichen stro- 
phenfolge gewähren könten , noch gar nicht aufmerksam geworden sind. 
Andere sind zwar bekant , aber noch nicht in umfassenderer weise unter- 
sucht und verwertet. Dahin gehört die aneiuanderreihung der 
Strophen, welche dadurch bewirkt ist, dass der schluss- 
gedanke einer strophe im anfang der folgenden wörtlich 
wider aufgenommen wird. 

An sich ist dieser Vorgang etwas ganz natürliches: ein gedanke 
kam in der einen strophe nicht zum abschluss, er solte in der folgen- 
den weitergeführt werden. Man hatte sich noch niciit daran gewöhnt, 
den complex von Strophen , die in einem tone abgefasst waren , in unse- 
rem sinne als ein ganzes aufzufassen. Schon die bezeichnuugen daz 
liet und diu liet deuten das an. Man begann gewissermassen mit der 
neuen strophe von vorne und recapitulierte , was man kurz vorher 
gesagt hatte. So kam es, dass zwei Strophen eines gedichtes, die sich 
mit demselben gedanken beschäftigten , auch äusserlich näher an einan- 
der gerückt wurden. Beispiele für solche strophenbiudungen — zufäl- 
lige möchte ich sie nennen — finden sich überall im ganzen minnesaug, 
am zahlreichsten bei Ulrich von Lichtenstein , auch bei Walther sind 
sie nicht selten. 

Nun machte ein findiger köpf — es lässt sich nicht sagen, wer 
es war — den versuch, alle Strophen eines liedes in der angegebenen 
weise an einander zu reihen. Dies fand anklang und nachahmung, und 
das, was anfänglich fast zufällig gewesen war, wurde zur kunstform. 
Diese kunstform erfuhr dann eine weitere ausbildung. In welchen ver- 
schiedenen gestalten dieselbe uns in der mhd. lyrik entgegentritt, soll 
auf den folgenden blättern gezeigt werden. 

Vorher aber noch eine kleine bemerkung. Hatte man ursprüng- 
lich sinn und werte aus dem Schlüsse der vorhergehenden zu anfang 
der folgenden strophe recapituliert , so begnügton sich jezt manche 
dichter damit, durch widerholuug nur eines einzelnen wertes den 
Zusammenhang anzugeben. Sie beabsichtigten weiter nichts als ihre 
Strophen durch eine solche oft rein äusserliche aneinanderreihuug in 
ihrer ursprünglichen folge zu erhalten. Vielleicht weiten sie auch dem 
gedächtnis des vortragenden zu hilfe kommen. Für beide zwecke solte 
und konte das Stichwort genügen. 



STBOPHENFOLGE IN DER MIID. LYRIK 191 

I. In ihrer einfachsten gestalt tritt die aneinanderreihung der 
Strophen in zweistrophigen gedichten auf. 

Neidhart 72, 24 (ISzeil.) str. 1, 13 sus ungesprochen mit ge- 
danken gät diu ivile hin; str. 2, 1 mit gedanJcen wirt erworben 
niemer ivthes leint. — Singeuberg, truchsess von St. Gallen WR 289, 17 
(6 Zeil.) str. 1, 6 so widerjunge ich, swas ich galtet hin in leiden 
jdren; str. 2, 1 leider järc wirt mir huoz. — Gottfried von Neifen 
46, 31 (7 Zeil.) str. 1, 7 ivan lät si mir durch wthes güete haz an ir 
gelingen; str. 2, 1 diu minnceltchc mac wol mit mir teilen ir wlhes 
güete. — Ulrich von Winterstetten HMS I, 160, XXIV ^ (14zeil.) 
str. 1, 12 ich wil singen, zoren bringen .^ das ich nach ir j dm er s won; 
str. 2, 1 jämcrs schrikJce Ude ich dik/ce. — Kraft von Toggenburg HMS 
I, 23, VII (13 Zeil.) str. 1, 10 doch beswceret mir den sin, daz ich 
bin dne guot, dar an lit vil guot gewin; str. 2, 1 het ich guot, so 
vröit ich mich. 

Hieher gehört auch das lied des markgrafen Heinrich von Meissen 
HMS I, 13, I. Schon eine oberflächliche betrachtung des gedichtes legt 
den gedanken nahe, dass die zweite strophe abzutrennen sei. In der 
ersten strophe bittet der dichter die spröde geliebte um gegenliebe, in 
der zweiten sezt er sich in gegensatz zu denen , die tougenlicher minne 
pflegent und durch den ivahtcr an der zinne gestört werden. Dies passt 
nicht zusammen. Dagegen schliesst sich die dritte strophe mit ihrem 
anfang {liebes liep gedenke an wlplich ere unde wende mir min unge- 
mach) an den schluss der ersten (diu sol sich bedenken haz, in ir her- 
zen ist diu liebe mir gehaz; daz wende, vrouwe, ich diene dir iemer 
deste haz) in der weise, die wir hier besprechen, an. Auch die respon- 
siou in den lezten Zeilen der beiden Strophen (str. 1 daz wende, 
vrouwe, ich diene dir iemcr deste baz; str. 3 daz wende, vrouwe, 
alder ich bin iemer ungesunt) schliesst dieselben zu einem liede zu- 
sammen. 

n. In grösserer mannigfaltigkeit zeigt sich die kunstform, mit 
der sich diese blätter beschäftigen, in dreistrophigeu gedichten. 
Zwei fälle sind hier zu unterscheiden. 

1) Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Strophen ist da- 
durch hervorgehoben, dass ein ausdruck aus dem schluss der vorher- 
gehenden im anfang jeder folgenden strophe widerholt ist. 

Heinrich von Rugge MF 108, 22 (8zeil.) str. 1, 6 nu sprechent 
genuoge^ war umbe ich truobe., den vröide geswichet noch e danne 

1) Doch ist nach von der Hagens angäbe in der handschrift für eine strophe 
räum gelassen. 



192 GISKE 

mir; str. 2, 1 diu iverlt hat sich so von vröiden geschciden, daz ir 
der vier de niht rehte im tiiot. Str. 2, 7 das nieman den ivthen nu 
dienet zc rehte, das hcere ichsildagen; str. 3, 1 swer nu den ivthcn 
ir reht loil versivachcn, den wil ich verteilen ir minne und ir gruoz. 
— Der tugendhafte Schreiber HMS II, 152, X (Gzeil). Str. 1, 6 du gist 
al der iverlte vröide und cre; str. 2, 1 oh ich zeigen kunne, ivä der 
siücgel stj al der werlte wunne wont uns nähe Vi. Str. 2, 5 seht 
an wihes güete, ir ere, beide, wä gesach man hezzer ougen loeide; 
str. 3, 1 ich ivil tvihes cre singen undc sagen. — Gottfried von Nei- 
feu 51, 20 (8 Zeil.). Str. 1, 8 al mtn trost an einem reinen tvthc 
lit; str. 2, 1 aller miner scelden tac Itt an der, diu mir daz 
herze hat vertvnnt. Str. 2, 5 hei wmre ah daz äne ir haz daz ichs 
umhevicnge also, Minne, sunder dhien danc, so wcere ich vro ; 
str. 3, 1 Minne, „sunder dincn danc'-'', habe ich daz gesprochen, 
daz ist mir vil leit. — Rubin HMS I, 318, XXI (8zeil.) Str. 1, 8 doch 
ist mir lieber, lohe ich si, danne oh ich ez lieze; str. 2, 1 lohe ich 
ir vil reinen jiigent, lohe ich danne ir vil minnecltchen schcene, lohe 
ich ir vil werden tugent. Str. 2, 7 tvil er mir allez herzeleit gever- 
ren, so spreche ir tvol, sone Jean mir leides niht gewcrren; str. 3, 1 
künde ich aller Hute leit als ich wolde nach dem willen min verlie- 
ren. — Rumzlant HMS II, 371, VII (12zeil.). Str. 1, 11 wol im, der 
den sumcr ein vil rcinez wip erhiuset; str. 2, 1 reinez loip , süezer 
llp , Got hat dich geheret. Str. 2, 11 so enkan sich nieman hezzer ougen 
weide gcgüftcn: reiniu, kläriu, süeziu, lüter wip), des man dir 
giht; str. 3, 1 wol in, wol, vröiden vol hat si Got gcgozzen dem vil 
werden, gcehen man daz reine, süeze wtp. — Der Schulmeister von 
Ezzelingen HMS II, 139, VIII (7zeil.). Str. 1, 7 da ze velde ist wilde 
vröide rehte ganz; str. 2, 1 ich mac wol von wilden vröiden sin- 
gen, leider mir ivil alle vröide tvilde sin. Str. 2, 7 Ouwe , liep, 
diu schidde ist din; str. 3, 1 tri^t, nu kuppelst alle mine sinne, liep, 
nu ist dir doch hendic aller min gedanc. — Goesli von Ehenhein 
HMS I, 347, II (13zeil.). Str. 1, 12 sus twinget si der kalte sne, doch 
singe ich miner vrouwen; str. 2, 1 si ist rein und da hl wol gehorn, 
die ich zc vrouiven hun erkorn. Str. 2, 11 daz ich wirde ir dienest- 
man, ivaz ich vröiden danne hän, oh ich diz kan verschtdden; 
str. 3, 1 vröide und wernder wunnen vil treit si, der ich dienen ivil. 
Zu diesen beispielen ist auch das lied des von Sachsendorf HMS 
I, 300, II (7 Zeil.) zu stellen. Str. 1, 6 daz tuon ich üf ge dingen 
gegen des meien höchgezit; str. 3, 1 ein giiot gc dinge hat mich her 
enthalden, daz ich niht verdorben hin. Str. 3, 5 des mir tete ein wip 
wol rät, an der ich min stcete hän behalden doch, swie kleine ez mich 



STROPIIKNFOLGE IN DER MHD. LYRIK 193 

vervät; str. 2, 1 sol an stceter liehe misselingen iemen, das geschult 
oiich mir. Aus den augegebeneu strophenverknüpfungen ergibt sich 
deutlich , dass die zweite und dritte strophe iliren platz vertauschen 
müssen. In dem so in seiner ursprünglichen gcstalt horgestelten liede 
sind dann ferner die anfangs- und schlussstroplie durch widerkehr der- 
selben reime in je drei zcileu gebunden (vgl. Z. f. d. ph. 18, 80). 

Eine gar merkwürdige aueinanderrcihung der Strophen, die aber 
einen gewissen Zusammenhang mit den in der vorangehenden darstel- 
luug erwähnten erscheinungen hat und aus diesem gründe hier mit- 
geteilt sein mag, findet sich bei Wizlav HMS III, 83, XII (llzcil.). 
Die drei Strophen dieses liedes sind durch übergehende reime mit ein- 
ander gebunden: str. 1, 11 von Jculde, str. 2, 1 hulde, swüox ich 
gerne- di; str. 2, 11 das halte, str. 3, 1 alte niücste ich iemer sin. 

Etwas ähnliches findet sich bei Ulrich von Lichtenstein 449, 11 
(vgl. Z. f. d. ph. 18, 61). Ein weiteres beispiel für diese art von stro- 
pheubindung ist mir aus der mhd. lyrik nicht bekant. 

2) Der Zusammenhang zwischen nur zwei Strophen ist in der 
angegebenen weise hervorgehoben. 

a. Die beiden so gebundenen Strophen sind die erste und 
zweite, die dritte nimt an diesen bindungcn nicht teil. 

Heinrich von Rugge MF 101, 15 (8zeil.). Str. 1, 6 ivand ich 
mich herc an ir lere ze vil, diu mich der not niht erläsen emvil, Sit 
ich niht mäse hcgunde nochn Icunde- str. 2, 1 hunde ich die 
mäse, so lieze ich den strit, der mich da müeget und lütsel vervähef 
(vgl. Burdach a. a. o. , s. 90). — Heinrich von Morungen MF 124, 32 
(9 Zeil.). Str. 1, 7 also Izument mir dicke ir ivol lichten ougen 
bliche in min herse, da si vor mir gät; str. 2, 1 Jcument ir lieh- 
ten ougen in das herse min, so hmnt mir diu not das ich muos 
klagen (vgl. Burdach a. a. o. , s. 90). — Walther von der Yogelweide 
110, 27 (7 Zeil.). Str. 1, 7 tvess ich, ivas si wolten, das sung ich; 
str. 2, 1 fröide und sorge erkenne ich beide, da von singe ich sivas 
ich sol. — Der tugendhafte Schreiber HMS II, 150, VI ^ (G zeil.). Str. 1, 5 
diner kunft iimr ich versaget, tvan das noch ein scelic wlp min 
herse in hochgetnüete jaget; str. 2, 1 scelic wip, din ere jaget 
das herse min in höhen muot. — Siugenberg, truchsess von St. 
Gallen Wß 240, 5 (10 zeil.). Str. 1, 10 mich vröite, wcere ich halber 
tot, geriiohte mich so scelic wip von hersen an ge lachen; str. 2, 1 
so siiese lachest süeset mir das jär. — Derselbe WR 241, 16 (8 zeil.). 
Str. 1, 8 ivas obc ir eteslicher ouch üf liep gedinge mir geliehen k um- 
her hat; str. 2, 1 min kumher, der mich ie so kumherlichen tivanc, 
1) In der handschrift ist für zwei stroplien räum gelassen. 

ZKIT8CHR. F. DEUTSCHE PHILOLOOIE. KT). XX. 13 



194 GISKE 

den mac diu minnecUche wol verenden. — Derselbe WR 246, 15 (8zeil.). 
Str. 1, 8 waz mnhe daz? die wile ich lebe so Jiänt si doch den die- 
nest min; str. 2, 1 ivan sei in dienen nmhe das, daz niht so guotes 
lebet alsani die guotcn. — Gottfried von Neifcn 43, 27 (lOzeil). Str. 1, 9 
bi den Meiden lät sich vinden der vil triutelehte löse lip; str. 2, 1 
ach, seit ich mich senden vinden bi den kleiden. — Markgraf 
Heinrich von Meissen HMS I, 14, VI (8zeil). Str. 1, 8 owc sol ich 
niht vro bi ir beliben; str. 2, 1 wil diu vil here, das ich vrö beste. — 
Der von Wildonie HMS I, 347, I (6zeil.). Str. 1, 5 also swinde ist 
sin getivanc und diu sU der vogelUn leider alse lanc; str 2, 1 er 
enhan so sere niht getivingen, ich enivdle in vröide helfen meren. — 
Von Suonegge HMS I, 348, I (7 zeil.), Str. 1, 7 nu ist se sorgen mir 
gedäht; str. 2, 1 sivenne ich gedenke an löslich lachen, das mir in 
min herze brach. — Kourad von Würzburg HMS E, 315, VI (16 zeil.). 
Str. 1, 14 das mich Mure min er vrouwen hulde twinget und in frü- 
ren jaget; str. 2, 1 ich geliche mine vrouiocn sicherltche rosen in den 
omven. — Derselbe HMS II, 321, XVII (17 zeil.). Str. 1, 16 maneyen 
vröide riehen schal hat diu kalte winterzit verdrungen; str. 2 , 1 
siver mit lieben wiben vertriben sol die langen ivinterzit. — Wizlav 
HMS HI, 84, XIII (9 zeil.). Str. 1, 8 ich merke vröiden vol in anger 
unde üf alben ivitenthalbcn ; str. 2, 1 an dem anger vil wunnen lit. — 
Johannes Hadlaub HMS H, 289, XVIII (13 zeil.). Str. 1, 11 da wir 
under suln schouwen scha^ncr vrouwen manegen tanz; str. 2, 1 ez 
ist ougen wunne hört, so man schwne vroutvcn sament in dien 
boumgarten siht gän. — Derselbe HMS H, 292, XXV (12 zeil). Str. 1,11 
wunnen bar iverdent diu lant so gar; str. 2, 1 so sach man oiich 
dikke an schoenen vrouwen wunnen mer. — Derselbe HMS H, 300, XLIII 
(10 zeil.). Str. 1, 7 ein tviplich zartes bilde git manne muot und tuot 
sin herze ivilde : wip sint ein lieplich guot; str. 2, 1 dur scheeniu 
lüip mans lip sol pßegen zühtc. — Von Obernburg HMS II , 225, I 
(10 zeil.). Str. 1, 10 so das si eine günde mir, daz ich ir diente üf 
lieben wän; str. 2, 1 mit stcetem muote und äne ivanc man ze rehte 
stceten wiben dienen sol. — Derselbe HMS II, 226, IV (11 zeil.). 
Str. 1, 11 da von dulde ich der argen nit; str. 2, 1 dulde ich 
der wandelbceren haz da von. — Hartmann von Starkenberg HMS 
II, 73, I (6 zeil.). Str. 1, 6 den bat -ich, daz er die mine swcere 
tcete miner vrouwen kunt; str. 2, 1 7nin vrouive weis niht leider 
miner swcere. 

Nach massgabe der vorangehenden darstellung sind in den bei- 
den folgenden liedern die zweite und dritte strophe umzustellen, so 
dass erstere die schlussstrophe des gedichtes wird. Gottfried von Nei- 



STROPHEN KOLGR IN PRR JlflD. LYRIK ' 195 

fen 39, 35 (9 zeil.). Str. 1, 9 tiiont diu stvei des niht, so Jclage ichz 
doch der reinen süezen; str. 3, 1 nu ivaz Mlfet, sivaz ich klage 
der hcren. — Der von Wildouie HMS I, 347, 11 (10 zeil.). Str. 1, 9 
so vröutve ich mich, das min vrouivc ist alse ivol (jestalt; str. 3, 1 
äne ivandel ist min vrouwe, ein scdic ivip und so reht ivol (je- 
stalt (vgl. Z. f. d. ph. 18, 72). 

b. Die beiden gebundenen strophen sind die zweite und dritte, 
die erste nimt au den bindungen keinen anteil. 

Walther von der Vogelweide 100, 3 (7 zeil.). Str. 2 , 6 ah si 
vergizzct iemer min, so man mir danken sol; str. 3, 1 frömdiu wip 
diu danhent mir vil schone. — Konrad von Würzburg IIMS II, 31 G, 
VIII (19 zeil.). Str. 2, 16 uns (dien envallen sorge miioz durch der 
minnecltchcn reinen ivihc griioz; str. 3, 1 ich ivil minne grüesen, 
diu Miezen ir süezen vriunde sol kiimher und senelichez ungemach. — 
Derselbe HMS II, 320, XVI (13 zeil.). Str. 2, 10 danne wibes minne 
vröide hirt , so der ivCise grdse grücne fragende ivirt hhiomen rot, gel 
Wide hlanc ; str. 3 , 1 schouwen die vrouiven sol man für die rosen 
rot. Sende not hüezet reiner wihe Up. — Derselbe HMS II, 323, XXI 
(11 zeil.). Str. 2, 10 ivizzent sunder allen haz, daz ivihes minne Jcum- 
her unde leit verjage; str. 3, 1 ivip sint guot für ungemach, ivihes 
trost ie sorge hrach. 

An einem andern orte (Z. f. d. ph. 18, 78) habe ich darauf auf- 
merksam gemacht, dass in dem liede Singenbergs des truchsessen von 
St. Gallen WR 222, 4 die vierte strophe, da sie nicht in dem tone 
der übrigen abgefasst ist, abzutrennen sei. In dem dreistrophigen 
gedieht, das wir auf diese weise erhalten, schliesst sich an den schluss 
der zweiten strophe {der h(ü)e gemeine ir edler tvunsch, daz er crivirhe 
sives er gert) der anfang der dritten (solde ich iemer vröide erwerhen 
an der vröiderichen , daz wcer an der zit) in der weise, die wir hier 
besprechen, an. 

Es könte sich bei wenig eingehender betrachtung leicht der 
gedanke aufdrängen, dass die unter II, 2 zusammengestelten lieder, in 
welchen ja eine strophe keine Verknüpfung mit der voraufgehenden 
oder folgenden aufweist, von dieser darstellung auszuschliessen seien. 
Allein schon der umstand, dass die anzahl dieser gedicbte diejenige 
der unter II, 1 aufgezählten um ein beträchtliches Übertrift, weist 
darauf hin , dass wir es hier nicht mit reinen Zufälligkeiten zu tun haben 
können. Denken wir nun ferner an das, was Z. f. d. ph. 18, 336 fgg. 
von uns über die dreiteiligkeit des liedes gesagt ist, so erkennen wir 
mit Sicherheit, dass die künstelei, welche wir hier besprechen, mit 
voller absieht verwant wurde. Auch sie solte dazu dienen, die drei- 

13* 



1!)0 GISKE 

teiligkeit, welche schon durch die stropheiizahl gegeben war, noch 
mehr hervorzuheben. In den beispielen unter II , 2 a entspricht das 
Verhältnis der strophen (2 + 1) dem der strophonglicder aufs genaueste. 
Das umgekehrte (1 + 2) findet sich in den weniger zahlreichen unter 
II, 2b mitgeteilten beispielen. 

III. Die Strophen der viorstrophigen gedichte, welche hier 
in betracht kommen, sind ebenfals in mannigfacher abwechselung 
aneinander gereiht. 

Ganz straff sind die strophen mit einander verknüpft in den 
folgenden beiden liederu. 

Rudolf von Fenis MF 80, 25 (8zeil.). Str. 1, 8 nu wcere nun 
rcJit, mölit ich, daz ich ez ließe; str. 2, 1 es stet mir niht so, ich 
enmac ez niht läsen. Str. 2, 8 ist ez ir leit, doch dien ich ir 
iemcr mere; str. 3, 1 icmer mere loil ich ir dienen mit stcete. 
Str. 3, 8 ez wellent durch daz niht von ir mine sinne; str. 4, 1 
mine sinne ivellent durch daz niht von ir scheiden (vgl. Bur- 
dach a. a. 0., s. 90). — Rudolf von Rotenburg HMS I, 88, XIII (6 zeil.). 
Str. 1, 6 des tocere ich gerne ir amis; str. 2,1 ir amis hieze 
ich gerne also. Str. 2, G daz min sinne und min senden ougen mer- 
Jcent dar; str. 3, 1 min merJcen daz ist gar verlorn. Str. 3, 6 sol 
ich des engelden, so geschiht an mir geivalt; str. 4, 1 ir geivalt, der 
ich eigen hin, git mir äne ir wizzende senden muot. 

Paarweise gebunden sind die stropen in dem gedichtedes von Obern- 
burg HMS II, 225, II (9 zeil.). Str. 1, 7 daz Idagc ich und dannoch 
mere; str. 2, 1 tvaz Idagc ich töre, ich tumher. Str. 3, 7 tmd ir 
vröide herndez lachen mac mich sorgen äne machen, ich gcsach nie 
wip so minnenrich; str. 4, 1 tvaz Jean sorge haz vertrlhen danne 
Ion von guoten wihen. Es fehlt indes nach v. d. Hagens andeutung 
in der handschrift eine strophe, so dass sich nicht entscheiden lässt, 
ob das gedieht hier unterzubringen oder zu den unter IV, 1 mitgeteil- 
ten beispielen zu stellen sei. 

In ganz gleicher weise sind die ersten vier strophen des sechs- 
strophigen liedes Ulrichs von Lichtenstein 121, IG (7 zeil.) verknüpft. 
Str. 1, 6 wä hat vröide sich verhorgen, die envinde ich hie noch da; 
str. 2, 1 möht ich iendcr vröide vinden. Str. 3, 7 din hat mir er- 
leidet sich; str. 4, 1 durch daz sol ouch ich si leiden. p]inen schluss 
auf abtrennung der einen oder gar der beiden schlussstrophen wage 
ich indes hieraus nicht zu ziehen. 

In den folgenden drei gedichten sind nur die ersten drei stro- 
phen mit einander verbunden. Walther von der Vogelweide 43, 9 
(10 zeil.). Str. 1, 10 nii sult ir mir die mäze gehen; str. 2, 1 kund 



STROPHENFOLGE IN DER MUD. LYRIK 197 

ich die mäze als ich niene Jean, so tvccr ich zer weife ein scelic imp. 
Str. 2, 8 IUI tuot von erst des ich iuch hite, und saget mir der manne 
miwt, so lere ich iuch der ivthe site; str. 3, 1 ivir man wir tvellen 
das diu stafeJceit in giioten wlhen gar ein kröne st. — Derselbe 69, 1 
(7 Zeil.). Str. 1, 5 minne ist minue, tuot si tvol: tuot si tvc, so enhei- 
zet si niht rehte minne, stis emveiz ich, ivie si danne heizen 
sol; str. 2, 1 che ich rehte raten Jcünne, waz diu minne st, so 
sprechet denne ja. Str. 2, 7 oive ivoldest du mir helfen, frowe 
min; str. 3, 1 froive, ich trage ein teil ze swcere, wellest du mir 
helfen, so hilf an der zit. — Koiirad der Schenke von Laudegge 
HMÖ I, 360, XVIII (lOzeil). Str. 1, 7 velt tioid ouive stet gehlüc- 
mct, manic sunder vanveistdä, ivis , hrün , gel, rot, grüene, iveitvar, 
hlä , da sich nahtegal der zit in sänge rüemet; str. 2, 1 daz 
diu nahtegal ivol singet, daz gehlüemet stet diu heide, des 
hah ich ze vröide enJceine tvar. Str. 2, 9 daz sint schmniu und min- 
ne cltchiu IV tp; nach der vröide sinne ein man, an der Itt ere; 
str. 3, 1 ein tvlp ich ze vröide minne. 

IV. In der grössteu mannigfaltigkeit tritt ims die aueiuauder- 
reiliung der stropheu iu fünfstropliigen gedichten entgegen. 

1. Die vier ersten stropben sind paarweise gebnnden, die lezte 
nimt an den bindungen nicbt teil. Es zeigt sich bier das stropben- 
verbältnis 2 + 2 + 1. 

Neidbart 69, 25 (13zeil.). Str. 1, 13 mich ivundcrt daz min 
dienest und mhi singen niht vervät; str. 2, 1 swaz ich ir gesing e 
deist gehärphet in der mül. Str. 3, 13 ez schadet der ze langer 
vrist den tumben vil vertreit; str. 4, 1 ich hän ir durch mine zuht ein 
teil ze vil vertragen. — Kudolf von Eotenburg EMS I, 89, XV 
(10 Zeil.). Str. 1, 7 owe.^ minne, daz din rät mir den humber ie gebot 
und mich diu helfe lät verderben, daz ist mir ein not; str. 2, 1 not 
und angest sint da bi; sivä diu minne üftriuive stät. Str. 3, 9 e^ tuot 
ir vremeden mir so we und verderbet mir den sin; str. 4, 1 ist daz 
ich verderben sol. — Waltber von Metze EMS I, 308, IV (8zeil.). 
Str. 1, 8 daz ich si suonde üf mhien schaden; str. 2, 1 zehant dö si 
versuonden sich. Str. 3, 7 si selben ivil ich haben mir ze minnec- 
lichcr stceteheit und tvil mich selben geben ir; str. 4, 1 tvan daz ich 
minneclichen lobe, so bin ich niht ivol sinnic man. — Der wilde 
Alexander EMS II, 365, II (8 zeil.). Str. 1, 6 schrip ein Icit vor 
allem leide, swä sich licp von liebe scheide, trüric und unendelich; 
str. 2, 1 Zwar mmcr vrouiven unde mir mac ich diz leit ivol schri- 
ben. Str. 3, 8 lä mich sterben, si genesen; str. 4, 1 nti twte 
mich und lä si leben. 



198 GISKE 

2. Die beiden ersten und die beiden lezten Strophen sind paar- 
weise gebunden , die mittelstrophe hat an den bindungen keinen anteil. 
Das Strophen Verhältnis ist 2 + 1 + 2. 

Günther von dem Vorste HMSII, 164, II (Gzeil). Str. 1, G 
hümt mir aber lieber ivän, so bin ich vröiden lös; str. 2, 1 na siilt 
ir mir lere geben, daz vroide mir gcsUn. Str. 4, 5 wirt si stcete 
an mir hin sir gewar, söst min hoffenunge, das si liebe mir rebar; 
str. 5, 1 wie wirt ir nü min stcete Jcutit. — Heinrich von Sax 
HMS I, 93, IV (lOzeiL). Str. 1, 10 daz min herze in banden lU; 
str. 2, 1 ivolte mich diu giiote enbinden^ diu min herze in minne- 
banden hat. Str. 4, 8 ich wcene, nieman bezzer wunne vinden aide 
erdenlieii Jcimne: ez tuot aller sorgen bar; str. 5, 1 sU der ivunnen 
niht geliehen Jean gegen hohen eren. 

3. Die ersten vier strophen sind unter einander verknüpft, die 
lezte steht für sich. Es tritt hier das Verhältnis 4 + 1 hervor, wel- 
ches sich in 2 + 2 + 1 zerlegen lässt, so dass man auch hier die drei- 
teiligkeit des liedes deutlich erkennen kann. 

Walther von der Vogelweide 91, 17 (6 zeil.). Str. 1, 5 ganzer 
vröide hast du niht, so man die iverdekeit von iviben an dir niht 
siht; str. 2, 1 er hat rehter vröide Ideine, der si von guoten lüiben 
niht ennimt. Str. 2, 5 dar an gedenJce, junger man, und wirp nach 
herzeliebe: da gewinnest an; str. 3, 1 ob düs danne niht erwirbest, 
du muost doch icmer deste tiiirre sin. Str. 3, 5 du ivirst also tvol 
gemuot, daz du den andern tvol behagest, sivie si dir tuot; str. 4, 1 
ist aber, daz dir tvol gelinget (vgl. Wilmauns, Walther von der Vogel- 
weide 2, 333). — Ulrich von Winterstetten HMS I, 159. XIII. An den 
refrain: Est ein alt gesprochen tvort: sivä dm herze wont, da lit dln 
hört schliessen sich die zweite, dritte und vierte strophe des gedichtes 
in der weise an, dass sich zu anfang jeder derselben das wort hört 
findet (str. 2, 1 ich habe endeUchen vimden einen sehcenen hart; str. 3, 1 
3£in hört Jean tvol tugende Jiorden; str. 4, 1 maniger, der Jtut hört 
verborgen). 

Siugenberg , truchsess von St. Gallen WR 224 , 7 (6 zeil.). Die 
Strophenfolge in diesem dialog , wie wir dieselbe in den handschriften 
finden, scheint nicht die ursprüngliche zu sein. Die vierte strophe 
schliesst sich mit ihrem anfang (das min rät und ouch min Jdaye iu 
so Jdeine tviget, waz tuot mir anders ive?) an den schlnss der dritten 
{so volge icJi iu des rätes späte), die fünfte in derselben weise an die 
vierte an (str. 4, 6 daz icli vor loser manne tueJce micJi bchüete; 
str. 5, 1 boßser tücJce ist mir niJd Jeunt). Eine ebensolche aueinan- 
derreihung besteht auch zwischen der ersten und dritten strophe (str. 1, 6 



STBOPHENFOLGE IN DER MHD. LYRIK 199 

lät selchen spot: deswär ich ahte i\f iutver Idaffen Meine; str. 3, 1 
ir sult selchen spot verbern). Hiernach dürfte die zweite strophe 
an den schluss des gedicktes zu stellea sein. 

Gottfried von Neifen 4, 27 (7 zeil.). Auch die fünf strophon 
dieses liedes sind nicht in der ursprünglichen reihenfolge überliefert. 
Vergleichen wir den schluss der ersten strophe (ml tiviugct mich min 
Jcumher aber als e) mit dem anfang der zweiten {wie möhf ich den 
kumber min erltden) so finden wir, dass diese beiden Strophen in der 
kunstvollen weise, mit deren darstellung wir uns beschäftigen, ver- 
knüpft sind. Zwischen den andern stropheu tritt in der reihenfolge, 
wie sie von Haupt nach der handschrift C gegeben ist, eine derartige 
aneinanderreihung nicht hervor. Ein glücklicher zufall komt uns zu 
statten: ein teil dieses gedichtes ist noch in zwei unter sich eng ver- 
wanten Überlieferungen (ik, vgl. Haupt, Die Lieder Gottfrieds von Nei- 
fen YI und 53) erhalten. Es sind dies die strophen 4, 27; 4, 34; 
5, 18, die erste, zweite und fünfte in C, Da trift es sich gar merk- 
würdig, dass sich die dritte strophe in ik mit ihrem anfang an den 
schluss der zweiten vortreflich anschliesst (5, 3 und an ir einer al 
min vröide stät; 5, 18 sU an miner herzenlieben frouiven al min 
trost und al min vröide lit^). 5, 24 lautet nu bint die guoten aide 
mich enbint; 5, 4 sit ich bin gebunden mit den banden, das 
die senden heisent minnebant. Nach dieser darlegung sind die fünf 
Strophen der handschrift C so umzustellen, dass die fünfte zur drit- 
ten wird.^ 

In dem liede Rudolfs von Rotenburg HMS I, 87, XI (8 zeil.) ist 
ebenfals die fünfte strophe an eine verkehrte stelle geraten. Str. 1, 8 
das tiiot mir der minne meisterschaft ; str. 2, 1 der minne manic- 
valde rät riet mir. Str. 2, 7 so das ich dich minne mer, danne ieman 
V als eher minne ger; str. 3, 1 ja, bin ich v als eher minne vri wider 
dich. Str. 3, 5 ich wil, vrouwe, in mtnen tagen dich mit triu- 
iven meinen, dich lieben, dich reinen, das sol mir din hoher muot 
vertragen; str. 5, 1 ich enweis, tvas ich dir anders sage, ivan das 

1) Ich ziehe diese lesart von ik der von C {f)ar min Jieil und al min leben 
lit) aus naheliegenden gründen vor. 

2) Ich nehme hier veranlassung, die strophenfolge noch eines anderen liedes 
Gottfrieds von Noifen zu berichtigen. In dem godichte 35, 17 ist die dritte strophe 
(35, 33), welche den bekanten natureingang {Willckomen si uns diu lounne, die 
der meige bringet, und diu schoene sU) enthält, entschieden an den anfang zu 
stellen. Zur vergleichung kann das lied 31, 27 herangezogen werden, das in ganz 
ähnlicher weise begint {Willekomen si uns der meige, der uns bringet manger 
hande bluot). 



200 GISKE 

ich dich minne tmd icmer minnen muoz. Hieraus ergibt sieb, 
dass die vierte stropbe an das eude des gedichtes zu stellen ist. 

Dagegen stebt in dem liedc des grafon Kraft von Toggenburg 
HMS I, 21, II (10 Zeil.) die vierte stropbe uicbt an der ricbtigen stelle. 
Str. 1, 7 mich iroeste has ein reine wtp, diu hat hetwungcn mir den 
lip, das ich unsanfte von ir minnen scheide; str. 4, 1 ich 
minne ein wij) nu manege tage und diene ir ouch, swaz mir ge- 
schiht. Str. 4, 9 siver habe üf minne stceten miiot^ der müeze ouch 
mir noch stcete vröide bringen; str. 2, 1 Got weis wol, das ich stcete 
bin und iemcr stcete tvesen ivil. Str. 2, 7 mich hilfet nilit , sivaz 
ich der gnotcn singe, si tuot als si sich niht verste; str. 3, 1 
sivas ich der guoten ie gesanc, das hat mich noch vervangen 
niht. Hieruacb folgte die vierte stropbe ursprüuglicb der ersten, dann 
kam die zweite, darauf die dritte und scbliesslicb die fünfte. 

Widerum die fünfte stropbe ist an einer falschen stelle über- 
liefert in dem gedicbte Wacbsmuts von Künzingeu HMS I, 302, 1 (6 zeil.). 
Str. 1, 6 owe, ivenne sol mir trost von liebem ivibe Jcomen; str. 2, 1 
wie mac mir ein wtp so liep gesin. Str. 2, 6 beszer ist ein stcetiu 
liebe danne unstmter dri; str. 3, 1 mancgem ist mit sin unstccte 
bas, danne mir mit miner stcete st Str. 3, 5 swer nie leit durch 
liep gcwan, der enweiz ouch niht, ivie herseliebe Ionen kan; 
str. 5, 1 ist diu liebe nach ir scha^ne guot, so mac miner sivcure 
werden rät. Es sind also die vierte und fünfte stroplie umzustellen. 

4. Das umgekebrte von dem eben behandelten falle findet statt: 
alle Strophen weisen aneiuanderreihung auf mit ausnähme der ersten. 
Wir haben demnach das stropbenverhältnis 1 + 4 oder 1 + 2 + 2. 

Kraft von Toggenburg HMS I, 20, I (6 zeil.). Str. 2, 5 ich 
lücere liohes muotes rieh mit vröiden vröidebcere, ivolde ein reine sce- 
lic ivip niht so vil gelachen miner swcere; str. 3, 1 lache, ein 
roscvarwer munt, so das mir diu lachen niene swache. Str. 3, 5 der 
meie und al der bluomen schin künden minem muote also vil 
niht vröide geben, so din lachen meinest düs in guote; str. 4, 1 
bluomen, loup, Ide, berge und fcd und des meien siimersücsiu ivunne, 
diu sint gegen dem rasen val, so min vrouwe treit. Str. 4, 5 
sivanne ich den rosen schomve, der bläet üs einem mündet rot sam 
die rosen üs des meien touive; str. 5, 1 swer da rosen ie gebrach, 
der mac wol in hochgemüete lösen. 

Ebendasselbe liedscliema findet sich in dem HMS I, 21, III 
(10 zeil.) mitgeteilten gedicbte desselben Verfassers. An einem andern 
orte (z. f. d. ph. 18, 213) ist von mir nacligcwieseu , dass die dritte 
Strophe in der handschrift der ersten folgen müsse. In dem so her- 



STROPHENI'OLGE IN DER MllP. LYIUK 201 

gestelten liede heisst es str. 2 (HMS 3), 9 si ivil gewalt an mir legem, 
wil si niht schiere nünen humher ivenden; str. 3 (HMS 2), 4 
und daz diu liehe vrouwe mm noch wende mlncn senden xnn, diu 
guote und diu vil here. Str. 3 (HMS 2), 10 ich dinge, ir minne 
werde mir ze solde ; str, 4 , 1 sivie selten liehe mir geschiht , doch hohe 
ich guote zuoversiM ze mhier vrouiven minne; ich dinge, daz si 
mir verjage vil senden humher. Str. 4, 9 diu machet mich tool, ivil 
si , vro: mir han mm sivcere nieman haz geringen; str. 5, 1 diu minne 
tvil, daz ich si vro. 

5. Die stropheu sind nach dem schenica 3 + 2 mit einander 
verknüpft. 

Waltber von der Vogelweide 109, 1 (8zeil.) Str. 1, 6 diti mac 
mir ivol trüren ivenden iinde senden fröide manicvalt; str. 2, 1 git 
daz -Got , daz mir noch tvol an ir gelinget, seht so locere ich iemer 
mere fr 6, diu mir heide herze und lip ze fröide twinget. Str. 2, 5 e 
waz mir gar unhehant, daz diu minne tivingcn solde, sioie si ivolde, 
unz ichz an ir hevant; str. 3, 1 3Iinne, ivunder han dtn gilete liehe 
machen, und dm tioingen swcnden vröiden vil. Str. 4, 7 gar zergan- 
gen ivaz daz trüren min; str. 5, 3 mit dem tröste ich diche trüren 
mir vcrfribe.^ — Singenberg, trucbsess von St. Gallen WK 254, 13 (8zeil.). 
Str. 1, 8 ja, ich tvurde lihte noch von herzeliehen mceren vro; str. 2, 1 
iver han in selchiu mcere sagen. Str. 2, 8 so hän ich doch den liehen 
IV an; str. 3, 1 ir mugct tvol ivcenen, swes ir weit. Str. 4, 8 dar daz 
ir zer weite an nihte niemer mc getcetet haz ; str. 5, 1 ez diuhte iu 
Uhie haz getan. — Waltber von Metze HMS I, 307, H (lOzeil.). 
Str. 1, 9 da hl verderbet mm gemiiete, daz mich diu schcene haz- 
zet und doch hat so mcnige güete; str. 2, 1 oh si mich haz z et. 
Str. 2, 10 dö hiez mich widerheren herze, muot und ouch diu ougen; 
str. 3, 1 ich ivolte diche nünen muot gesenften, daz ich von ir tvcere, 
daz ich ir vergaeze gar. Str. 4, 9 so zveiz ich wol, daz törcn sinne 

1) Ich habe das lied in der strophenfolgo behandelt, die Lachmann ihm gege- 
ben hat. AYilinanus a. a. o., s. 370, der übrigens auch crkcnt, dass „der zusam- 
menliang zwischen den strojjhcn durch die widerholung gleicher wortstämme aus 
dem schluss der vorhergehenden im anfang der folgenden stro])lie bezeichnet wird", 
hält an der Überlieferung, welche 109, 17 als schlussstroi)Iie des tones gibt, fest. 
Es lässt sich schwer entscheiden, was das richtige sei, da sich, soweit die kunst- 
volle Verknüpfung der strophen in betracht komt, die dritte Strophe bei Lachmann, 
wie wir gezeigt haben, ebenso eng an die zweite auschliesst, Avie die vierte, was 
Wilmanns hervorhebt. Mir für meine person gcfält die Umstellung, welche Lach- 
mann vorgenomuioii hat, besser als die überlieferte strophenfolgo. Wenn wir der 
Überlieferung folgen, so ist dies gedieht zu den beispielen zu stellen, die unter IV 3 
vereinigt sind. 



202 E. KETTNEH 

vil selten haut crtvorhen rchte tv^tses tvthes minne; str. 5, 1 ich 
weis das hi mir seihen wol, gerte ich tumhcs wlhes huldc, 
ich wcere eteives geivert. 

6. Die stroplien sind nach dem Schema 2 + 3 , also in umge- 
kehrter weise wie in 5, gebimdeu. 

Walther von der Vogelweide 115, 30 (8zoil.). Str. 1, 7 ich 
hin aller manne scheuest niht, das ist äne loiigen; str. 2, 1 hahe ir 
ieman iht von mir gelogen, so hcschoive mich. Str, 3, 5 fuoge hahe 
ich Meine, doch ist si genceme tvol; str. 4, 1 ivil si fuoge für die 
schvene nemen, so ist si tvol gcmuot. Str. 4, 7 ivaz hedarf si dcnne 
zouhers vil? ich hin doch ir eigen; str. 5, 1 lat iu sagen, wies umhe 
ir zouher stät. 

LÜBECK, IM SEPT. 1886. H. GISKE. 



ZUPt KRITIK DES NIBELUNGENLIEDES. 
VIII. Die texte A und B. 

Der parallelisnius , welcher sich in der darstellung des Nibe- 
lungenliedes zeigt, kann nicht in allen texten der gleiche sein, sondern 
muss in einem Verhältnis stehen zu den abweichungen, durch welche 
sich die aus den verschiedeneu redaktiouen hervorgegangenen hand- 
schriften von einander unterscheiden. Stellen, welche in dem einen 
text stark übereinstimmen, können in einem zweiten texte eine gerin- 
gere ähnlichkeit aufweisen, in einem dritten fast keine spur von sich 
gleichenden formen erkennen lassen. Solche abweichungen sind aber 
geeignet ein kriterium abzugeben für das Verhältnis des einen oder 
anderen textes zum original. Der grund hiervon ist leicht einzusehen, 
wenn mau sich die Ursachen des parallelisnius vergegenwärtigt. 

Parallelismus beruht einmal auf dem bestehen eines formelhaf- 
ten epischen stils. Gewisse ausdrücke, Wendungen, verse , die eine 
bequeme Verwendung zulassen , gehen von einem dichter auf den andern 
über, kursieren in immer weiteren kreisen und erscheinen in wenig 
abgewandelter gestalt in allen dichtungeu der gleichen gattung, begeg- 
nen auch innerhalb derselben dichtuug in mehrfachen widerholungen. 
Je mehr ein text dieses t3'pische des stils gewahrt hat , je häufiger und 
reiner die daraus entspringenden parallelen sich bei ihm finden, um 
so näher steht er dem original. Parallelstelleu entstehen zweitens 
dadurch, dass derselbe dichter, beeinttusst durch seine individuellen 
eigentüiulichkeiten in wertschätz, Sprachgebrauch, versbilduug, au- 
schauungsweise, unwilkürlich auf sich entsprechende Situationen , gleiche 



ZUR KRITIK D. NIB. - L. Vni. DIE TEXTE A UND B 203 

oder ähnliche Wendungen, gleiche oder ähnliche anordnung gleicher 
und gleichklingender Wörter in der stroplie und im verse verfält. Auch 
hier ist grössere abweichung vom parallelismus oder aufhebung des- 
selben ein beweis von dem eiugreifen einer fremden Individualität. 
Parallelstellen haben drittens ihren grund in nachahmung. Ein bear- 
beitender und ergänzender dichter ist entweder bestrebt bei seinen 
änderungen und Zusätzen den ton des Originals zu treffen, widerholt 
also Situationen und ausdrucksweisen desselben; oder auch er hat sich 
in das original so hineingelesen, dass er von dessen redeweise sich 
schwer losmachen kann und unwilkürlich stellen schaft, welche mit 
stellen in jenem übereinstimmen; oder endlich eigene dürftigkeit nötigt 
ihn sich zum original plagiatorisch zu verhalten. Auch bei pural- 
lelstellen, welche wir hierauf zurückführen wollen, müssen wir für 
den text mit grösserem parallelismus die grössere Originalität bean- 
spruchen. 

Durch alle solche parallelen macht sich leicht eine gewisse ein- 
tönigkeit in der darstellung bemerkbar. Ein Schreiber, der zugleich 
dichterische anläge zu haben glaubt, wird deshalb danach trachten, 
durch änderungen Wechsel im ausdruck herbeizuführen. Und so bekun- 
det sich für alle drei fälle der bearbeiter in der befriedigung seines 
aesthetischen bedürfnisses , das algemeine und gleichmässige der dar- 
stellungsweise des Originals durch bestirnteres und gewählteres zu 
ersetzen ; womit sich naturgemäss das geltendmachen seiner individuel- 
len persönlich, zeitlich, örtlich bedingten darstellungsweise verbindet. 

Nun kann freilich auch aus eben jenen drei gründen bei der 
tätigkeit eines redaktors parallelismus entstehen, aber doch nur in 
sehr beschränktem masse. Dass der bearbeiter einen individuellen aus- 
druck in einen formelhaften umwandelt, ist deshalb im algemeinen 
sehr unwahrscheinlich, weil er dadurch eine Verschlechterung in das 
original bringen würde, die er in diesem falle in der regel selbst so 
ansehen müste. Erbliokt er darin eine Verbesserung , so muss er durch 
gewisse erwägungen, etwa durch ein metrisches bedenken dazu bewo- 
gen sein, ein grund, der sich dann unschwer aufweisen Hesse. Dass 
er au mehr als an einer stelle mit anwendung einer ihm eigentüm- 
lichen darstellung das original übereinstimmend umgestaltet, kann vor- 
kommen, wenn er überhaupt seine iudividualität stark zur geltung 
bringt, wenn er also mit dem original frei verfährt. Daher kann spe- 
ziell in Zusatzstrophen ein redaktor leicht sich selbst öfter widerholen. 
Bei einem solchen verfahren "wird aber sein text auch durch andere 
umstände sich als eine bearbeitung oder erweiterung erkennen lassen. 
Dass forner ein bearbeiter eine stelle des Originals nach dem Vorbild einer 



204 E. KETTNEB 

andern stelle desselben abändert und so einen neuen pcarallelismus schaft, 
kann nur selten eintreten : eine wissentliche änderung dieser art müste 
er selbst ebenso beurteilen wie die einfttlirung eines formelhaften aus- 
druckes; unwissentlich gesclieheu, kann es nur als ein vereinzelter zufall 
betrachtet werden. Dagegen ist es sehr leicht möglich, dass er bei 
Zusätzen das original nachahmt, also wie ein nachdichter verfährt. 

In bezug auf kleinigkeiten ist der parallelismus nicht gerade 
entscheidend. Zeigt der eine text etwa durch das Vorhandensein oder 
fehlen von Wörtern wie vil, do , her u. dgl. hie und da grössere Über- 
einstimmung wie der andere, so beweist dieses noch nichts für treuere 
Überlieferung. 

Nach diesen erörterungen über das wesen des parallelismus können 
wir folgenden gruudsatz aufstellen. Geringerer parallelismus ist im 
algüincinen folge von änderung am texte des Originals. Dem ori- 
ginal am nächsten steht der text, welcher in gemeinsamen und we- 
sentlich gleichen Strophen die z ah Ireic listen parallelstellen hat 
und innerhalb der parallelstelleu grössere Übereinstimmung zeigt. 

Ich habe dieses kriterium bereits in den früheren abhandlungen 
zur anwendung gebracht. Die in denselben gemachten Zusammenstel- 
lungen haben bewiesen, dass die redaktion C als eine so weit aus- 
geführte bearbeituug des Originaltextes anzusehen ist, dass sie als 
handschrift des Nibelungenliedes nicht mehr betrachtet werden kann. 
Es verlohnt sich daher der mühe nicht, den text C jezt noch weiter 
zu berücksichtigen. Es genügt A und B einander gegenüber zu stel- 
len. Ein eingehen auf die übrigen texte würde die Untersuchung zu 
kompliziert machen und dürfte vielleicht kaum zu einem anderen resul- 
tate führen. 

Auf volständigkeit kann das folgende Verzeichnis der parallelstellen, 
in denen A und B von einander abweichen, natürlich keinen anspruch 
machen. Umfangreiche lexikalische Untersuchungen hätten zwar unzwei- 
felhaft die zahl der aufgefundenen parallelen noch vermehren können, 
aber selbst auf diesem wege würde schwerlich sich jemals eine 
erschöpfung des materials erreichen lassen. Auch ist volständigkeit für 
die vorliegende Untersuchung durchaus nicht notwendig. 

Keine parallelstelle, bei der ich eine die Übereinstimmung ver- 
mindernde oder vermehrende abAveichung zwischen den beiden texten 
bemerkt habe, glaubte ich übergehen zu dürfen, um niicli nicht dem 
Vorwurf eines subjektiven Verfahrens auszusetzen. Doch schien es mir 
genügend, diejenigen parallelen, denen ich keinen wert für die kritik 
beimessen konte, nur anzugeben mit einer kurzen andeutung der abwei- 
chung und bloss die wichtigeren auszuschreiben. Zu den ersteren ist 



ZUR KRITIK DF.S NIB.-L. VIII. TUE TEXTE A UND B 205 

jedesmal in klammern die in den beiden texten übereinstimmende paral- 
lele hinzugefügt. Es handelt sich bei denselben meist um fehlen oder 
Zusatz des artikels, um vertauschung desselben mit einem possessiv - 
oder demonstrativpronomen , um fehlen oder zusatz von kurzen, ganz 
algemeinen adverbien, um ähnliche vor- oder endsilben, um ähnliche 
hilfsverben, um fehlen oder zusatz von Mr vor eigeunamen, 

Parallelen mit unbedeutenden abweichungon, in denen 
der text A geringere Übereinstimmung zeigt, sind folgende. 

47, 4 B noch vil. A vil. (135, 4) — 50, 2 B unmäsen. A un- 
m/PzUh. (4G, 1. 323, 1) — 93, 2 B möJdcn. A hcfcn (1062, 2. 
1620, 3) — 307, 1 B für gän. A da für gän (270, 1. 532, 1) — 
338, 4 B toerdent. A ivceren (58, 4) — 362, 1 B ir herze. A das 
herze (71, 2) — 375, 4 B er da hat. A er hat (586, 2) — 413, 3 
B vil manigen. A manigcn (895, 3) — 534, 3 B s» da solden. A si 
solden (262, l) — 566, 3" B unt wirdet er din man. A wirdet 
(1183, S*') — 567, 1 B vil lieber. A lieber (15, 1. 53, 1) — 573, 3 
B muget. A sidt (1184, 4) — 594, 2 B niht enlie. A niht verlie 
(1746, 2) — 717, 4 B in der Burgonden lant. A in Burgonden lant 
(2133, 4) — 814, 1 B helthen. A da hViben (645, 1. 1248, 1) — 
841, 4 B hezzer. A vil bezzer (933, 4) — 859, 4 B mähte. A künde 
(1883, 3) — 883, 1 B dö hortens. A sie hörten (2172, l) — 912, 2 
B diu Stfrides haut. A Sifridcs hant (237, 1) — 972, 3 B der Minie. 
A künic (54, 4) — 1007, 1 B ein michel wunder. A michel ivunder 
(985, 1) — 1023, 4 B dö was ouch. A ez ivas (861, 2) — 1110, 1 B und 
möhte daz geschehen. A möhte (2124, 1) — 1127, 2 B hiez man. A hiez 
er (1750, 2) — 1411, 4 B getverUche. A werUchcn (1528, 4) — 1507, 2 
B ivi balde er dö sprach. A balde {11, 2. 1156, 2) — 1606, 1 B diu 
nam. A nam (1742, 1) — 1763, 1 B Vil manegen. A Manegen 
(535, 1) — 1955, 2 B vil vcrre. A verre (1698, 3) — 1998, 2 B mit 
schüzen unde mit siegen. A unde siegen (2047, 2) — 2089, 2 B 0ß 
füezen. A ze fuoze (439, 2) — 2233, 2 B vlöz. A schöz (2156, 3) — 
2236, 4 B bcslöz. A umbeslöz (1953, 3) — 2244, 1 B enpfant. . 
A reht enpfant. (1989, 1. 2000, 1.) 

Zu diesen parallelen gehören viele, in denen der text A durch 
das fehlen eines einsilbigen wortes weniger genau übereinstimt. Durch 
ein solches wort wird in B eine Senkung ausgefiilt, besonders oft als 
auftakt. Beachtet man nun, wie häufig und konsequent B in die- 
ser weise auch sonst von A abweicht, so wird man schliessen, dass 
in den meisten von solchen hier angegebenen stellen der B-redak- 
tor zugesezt, nicht der Schreiber von A weggelassen hat. Ich 
greife, um dieses verfahren des B-redaktors zu illustrieren, ein belle- 



20(5 E. KETTNEK 

biges stück von 20 stropheu lieraus, welches in den folgenden halb- 
rersen belege dafür gibt. In den parenthesen stehen die abweichungen 
des textes B. 580, 1 [Ir] rdterschaft die geste. 581, 4 do sach 
man ril, [der] de<jcne [dan] mit Stfridcn (jän. 583, 3 [der] zierltclier 
degen. 584, 4 von großen schulden [irol] hchagen. 587, 3 A eime 
starken horten. B daz ivas ein starker porte. 588, 3 [die] minne si 
ime verbot. 588, 4 [vil] nach gewmmen den tot. 589, 2 [nu] lasset 
min gehende. 589, 3 [doch] nimmer an gesigen. 591, 2 durch iwer 
[seiher] tilgende. 591, 3 sit [daz] in mine minne. 592, 4 darnach [viJ] 
selten ruorte. A oiich ivoldc si des haben rät. B des tvöld ouch si do 
haben rät. 593, 1 di brähfen [in] nitviu läeit. 593, 4 A der herre des 
landes. B von dem lande. 596, 2 ir sult [tvol] loizzen daz. 596, 3 
sich hiiop [vil] michcl freude. 597, 2 [vil] manegcs Schildes scliin. 
598, 3 A er gie zuo dem Jcünige. B do gie er zuo. 599, 1 [ich hän] 
lasier unde schaden. Weitere belege finden sich bei Bartsch Unter- 
such, s. 75 fg. 

Ich schliesse hieran diejenigen parallelen mit unbedeuten- 
den abweichungen, in denen der text B geringere Überein- 
stimmung zeigt. 

15, 2 A wil ich. B so wil ich (53, 2) — 34, 2 A michel ge- 
dranc. B michel der gedranc (594, 4. 993, 3) — 41, 3 A si teilte. 
B teilen (263, 1) — 68, 3 A ir lant. B daz lant (1444, 3) — 82, 2 
A vil wol. B wol (118, 2) — 191, 2 A was. B ivart (208, 1) — 
299, 2 A wol gezieret. B so gezieret (534, 2. 775, 2) — 317, 1 A 
si dö nämen. B si alle numen (646, 1) — 320, 1 A edel. B vil edel 
(331, 1) — 367, 4 A üz Burgonden lant. B üz der Burgonden lant 
(259, 4) — 389, 3 A die geste. B disc geste (76, 3) — 398, 3 A her 
Sifrit. B Sifrit (291, 3) — 426, 3 A sprach. B sprach do (446, 3) — 
450, 2 A bilUchen. ß vil piUichen (54, 2) — 466, 4 A tet. B diu 
tet (1463, 4) — 569, 2 A doch. B iedoch (1622, 3) — 629, 3 A waz 
kund ez si vervän. B waz künde daz vervän (95, 2) — 709, 4 A er 
hrähtc. B dö bräht er (139, 4) — 734, 2 A zvas im gram. B da 
gram (3, 2 A) — 760, 3 A sam. B alsam (282, 1) — 868, 2. 1460, 2 
A mit minnecUchem küsse. B mit minneclichem küssen (1648, l) — 
1277, 1 A Do was. B Do was ouch (1786, 1) — 1472, 4 A vil harte. 
B harte (74, 4. 418, 4) — 1509, 4 A trüric gcstän. B trürende stän 
(135, 4. 157, 1) — 1551, 3 A Hagne unde Gelfrät, einander liefens 
an. B liefen (212, 2. 3) — 1590, 3 A lieben. B vil lieben (222, 3) — 
1691, 3 A grimmic. B grimmer (1736, 3) — 1719, 1 A sprach do. 
B sprach aber (1781, 1) — 1875, 4 A von bluote rliezende naz. B mit 
Uuote (2216, 4) — 2089, 2 A si hüten sich. B dö hüten si sich 



ZUR KRITIK D. NIB.- L. VIII. DIE TEXTE A UND B 207 

(439, 2) — 2147, 1 A vil manegen. B maneijcu (186, 1) — 2308, 2 
A Gernot. B lier Gernot (1584, 3), 

Ganz oline wert für die beurteilung der texte sind natürlich auch 
diese kleinen abweiclmngen nicht. Bei der grösseren zahl derselben 
wird der geringere parallelisnuis mit Verderb des textes zusammenhän- 
gen. Bei einem teile von ihnen kann aber auch für den grösseren 
parallelisnms ein textverderb Ursache sein. Dieses leztere hatten wir 
bei nicht wenigen stellen des textes B anzunehmen. Nun ist die zahl 
der angegebenen parallelstellen etwa gleich. Wir müssen aber aus 
jenem gründe von den stellen des textes B mit grösserem parullelis- 
mus einen teil abrechnen ; so dass wir schon hiernach auf bessere Über- 
lieferung des Originals im texte A schliessen können. 

Einige zweifelhafte stellen sind mir entgegengetreten, bei 
denen man nicht recht weiss, welchem der beiden texte der vorzug zu 
geben ist. Es sind dies stellen, an denen entweder abwcichung von 
einer parallelstelle und Übereinstimmung mit einer anderen sich zeigt, 
oder wo im Verhältnis zu derselben parallelstelle eine abweichung in 
dem einen texte durch eine andere in dem zweiten texte ausgeglichen 
wird. Indem ich einige mit ganz geringfügigen abweichungen über- 
gehe , eitlere ich : 

2, 4 AB dar unibe muosen degene vil Verliesen den lip. 
327, 4 A dar umhe helde vil muosen sU Verliesen den lip. 
B dar unibe muosen helede sit Verliesen den Itjp. 
B hat die richtige Wortstellung, doch fehlt ihm das durch die parallele 
belegte vil. Die lesart von A ist offenbar fehlerhaft. Schon vor der 
benutzung durch den redaktor B ist das zu tilgende sU in den alten 
text eingedrungen, die Umstellung in A wahrscheinlich erst später 
gemacht. 

20, 3 A in einer bürge riche, ivUen wol bcJcant. 

B in einer riehen bürge, wUcn wol bcJcant. 
1272, 3 A eine burc tvUe, diu ivas ivol behant. 

B eine pure vil riehe, diu ivas ivol beJcant. 
642, 3 A ü,? drizec hundert rechen nim dir tüscnt man 

^ von drizec hundert rechen ivir geben dir tüsent man 
474, 1. 2 A drizec tüsent rechen . . . üz den ivurden tüsent der be- 
sten do genomen. B drizec hundert; doch ist drizec 
tüsent sonst häufig. 
732, 1, 2 AB Bö der wirt des landcs Sifriden sach, 

und ouch Sigmunden, ivie minnecUeh er sprach. 
1658, 1. 2 AB Do si von Tronje Ilagne verrist rtten sach, 
mo den sinen herren gesogenlich er sprach. 



208 E. KETTNER 

398, 1 AB Do diu hüneginne Sifriden sach, 

2 A 2U0 dem gaste si zühtecUclien sprach 
1661, 2 AB liie muget ir Jiocren gerne, was der dcgcn spracli. 
398, 2 B nu muget ir gerne hoeren, ivi diu magt sprach. 
1884, 4 AB man sach (den B) Hagncn hruoder ze hove hrrUchen gdn. 
563, 4 A du hat er Kriemhilde sc hove friuntlichen gän. 
140, 4 AB man hies die boten halde sc hove für den künic gän. 
563, 4 B do hies man Kriemhilde se hove für den Jcünic gän. 

Wir wenden uns nun zu den parallelen mit grösseren 
abweichungen. 

Geriug:erer parallelismus im texte A. 
1257, 4 AB tvol hete gehandelt (gescha/fet B) Rüedigcr, das in da tve- 

nic iht gehrast (; gast) 
104, 2 B das in an ir sühten vil tvenic iht gehrast (; gast) 

A vil lüsel ie gehrast 

238, 4 AB die meist hat verhouwen des Mienen Sifrides hant. 
216, 4 B des hat an im hetwungen des Mienen Stfrides hant. 

A diu Sifrides hant 237, 1. 

235, 3. 
40, 1 AB Der herrc hies Wien Stfrit den jungen man. 
65, 1 AB Do neic der Miniginne Sifrit der junge man. 
240, 3 B der tvcetltclie reche, Sifrit der junge man. 
A Sifrit der junge, der tvcßtUchc man. 
G5, 4 AB ich wil das gerne sehen, wies umhe Kriemhilde stät. 
330, 4 B sit im das ist Mindec, wies umhe Prünhilde stät. 

A sU ime das ist Mindec, ivie es umh die frouwen stät. 
562, 2 AB stvenne daz vrou Prünhilt \ ha^me in disc lant. 
333, 2 B und Munt diu schäme Friinhilt \ her in ditse lant 

A unde Mimet diu schocnc | Prünhilt in das lant 
575, 4 AB ja mac si mit dem recken immer vrceltche lehen. 
333, 4 B so mahtu mit der schmnen immer vrosUche lehen. 
A so mahtu mit ir immer vroMche lehen. 

1213, 4 AB in wil hehalten Hagne, das sei man Kricmhilte sagen. 
340, 4 B diu uns da tvol gescemen, das sidt ir Gunthcre sagen 

A Sifrit, das solt du mir sagen. 

322, 3 AB davon das geschach, 

das er nu tcgeUche die schönen Kriemhilde sach. 
376, 3 AB da von in ivol geschach, 

4 B do der künic Günther die scannen Prünhilde sach 
A dö der künic Günther Prünhilde sach. 



ZUR KRITIK D. NIB. - T.. VTH. DIE TEXTE A UND B 209 

4 AB daz im das sagte nieman, das ivas Gunthere leit. 
4 B das er ir nilit erJcande, das tvas GuntJiere leit. 
A das er si niht erhande, das was im ivcerltche leit. 

4 AB esen hct an einen rechen siväre niemen getan. 
4 AB das hct ir alles Gimther mit smcn minnen getan. 
4 B esen liccte der Jcünic Günther triwen niemcr getan. 
A esen hete nimmer \ der künic Günther getan. 

4 AB in ivil behalten Hagne, das sol man Kriemhilte sagen 

vgl. 1416, 4 
4 B das ir mich habet gesendet, das sidt ir Prünhilde sagen 
A sult ir der Jcüneginne sagen 

1 AB Do hies man si beide sfen an einen rinc. 

3 B man hies si suo einander an dem ringe stän 
A man bat si 

2 AB durch din selber fugende loese minen eit. 
2 AB durch sin selbes lügende tragen dar sin golt. 
2 AB durch iivcr selbes lügende untroRstet uns nilit mer. 

2 B d^irch iiver selber tilgende mi lät mich suo iu gän. 
A durch iiver lugende lät suo siu mich nu gän. 

1 AB uns an den sibenden tac 
1 AB uns an den vier den tac. 
1 B uns an den viersehenden tac. 
A den viersehenden tac. 

4 AB t?o sprach der künic Günther: das dienich immer umbe 

dich. 

4 B der vil grösen schänden; das diene ich chunech umbe dich 

(immer). 
A ich minne niemer dich. 

3. 4 AB ich swuor dich eime recken: wirdet er dm man, 
so hästu minen willen mit grösen triuwen getan. 

3 AB des ivil ich dir Ionen so ich beste kan, 

4 B so Jiästu minen tvillen so rehte verre getan. 
A und hast ouch minen willen. 

1 AB Inre tagen sivelfen kömens an den Rin. 

1 B Inre tagen swelfen si komen an den Bin. 

A si riten an den Ein. 

4 AB des stuont in hohe der muot 
4 B des stät mir höhe der muot 
A des stät höhe mir der muot 

ZEITSCHR. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 14 



SlO 



E. KETTNEE 



1603, 4 B f?« ivart ein schoone grüezen von edelen vrowen getan 
A da ivart schone grüezen von edelen wiben getan. 

sonst steht in den entsprechenden formeln Aß vrouwen. 

2, 4 A B dar umbe nmosen degene vil Verliesen den lip. 
170, 4 AB dar umhe nmosen degne sider Jciesen den tot. 
327, 4 A dar umbe helde vil nmosen sU Verliesen den lip. 
B dar umbe muosen helede sit Verliesen den lip. 
1633, 4 B da von der guote Müedeger sU muose vliesen den lip. 
A doch verlos Rüedeger da von sider den lip. 

2218, 4 AB dö sach man Wolfprande in st rite herlichen gun. 

1884, 4 AB man sach \den'Q\ llagnen bruoder ze hove herlichen gän. 

1876, 4 B do sach man den rechen vil harte herliche gän. 

A vil harte vrcelichen gän. 

Überblicken wir diese stellen, so sehen wir, dass es sich bei 
dem grösten teil derselben um sehr einfache fälle handelt. 
Einfache Umstellung zeigt 1442, 4. 

Ein gleichbedeutendes oder gleichwertiges wort steht für ein 
anderes 104, 2. 330, 4. 450, 4. 568, 3. 1115, 1. 1603, 4. 
1876, 4. 

Entbehrliche präpositionen , pronomina, epitheta felilen 591, 2. 
633, 1. 210, 4. 376, 4 (an diesen beiden stellen im achten halbvers, 
der in A drei, in B vier hebungen hat) und 333, 4 (A so mdhtii mit 
Ir. B so mdhtu mit der schoinen). 

Geringer ist die zahl derjenigen fälle, wo sich die abweichung 
auf mehr als ein wort erstreckt: 240, 3. 340, 4. 377, 4. 1091, 4. 
1633, 4, die verwanten abweichungen 333, 2. 433, 4. Auch hier sind 
die abweichungen zwischen den beiden texten geringfügig. Der text A 
zeigt B gegenüber gewöhnlich eine ziemlich einfache Umstellung, meist 
verbunden mit dem zusatz eines für den sinn belanglosen Wortes , oder 
ersatz eines eigennamens durch ein pronomen , ebenfals mit einem leich- 
ten zusatz. 

Wort und sinn sind verschieden nur 797, 4. 

Geringerer parallelismus im texte B. 

1194, 4 AB ir muget noch mit eren werden guotes niannes wip. 
18, 4 A sit wart si mit eren eins vil guoten riters wip. 
B sit wart si mit eren eins vil küenen recken wip. 



ZUR KRITIK D. NIB.-L. VIII. DIK TEXTE A UND B 211 

450, 3. 4 AB in vil Icursen tagen. 

daz ir mich habet gesendet, [das B] snlt ir der Jcüni- 

ginne (Prünhilde B) sagen. 
150, 3 AB in so Icurzen tagen. 

4 A sö sprach der hüene reche: ir suU es Stfridc sagen. 

B tvan muget irz Sifride sagen? 

1697, 4 AB er ivas an allen dingen ein ritter liüene unde guot. 
229, 4 A er ist an allen dingen ein riter Jcüene unde guot. 
B er ist an allen tu g enden 

28, 4 AB den fremden unde den künden gap er ros unde getvant. 
705, 4 AB alle die es gerten, den gap man ros und ouch gcivant. 
1629, 4 AB er gap sinen gesten hcidiu ros unde Ideit. 
264, 4 A den hot man sumelichen ros unde gewant. 

B ros unde herlich gewant. 

131, 3 AB und ouch in ein diu frouwe, die er noch nie gesach. 
605, 3 AB [diu B] ist mir vor in allen, die ich noch ie gesach. 
271, 3 A sine sivester trüte, die er noch nie gesach. 
B stüi er si niene gesach. 

1206, 3. 4 AB ich tuon iu selbe alsam, 

stvan ir mich mant der mcere, das ich michs nimmer 

gescham. 
287, 3 A B dem stdt ir tuon cdsam. 

4 A vor allen discn rechen, des rätes ich mich nimer gescham. 
B des räts ich nimmer mich gescham. 

415, 2 AB dar üf lägen steine grüene alsam (sam B) ein gras. 
356, 3 A dar obe pfelle lägen sivars alsam ein hol. 
B pfelle dar obe lagen 

72, 4 AB ir ros in giengen ebene 
369, 3 A ir ros stuonden ebene 

B ir ros diu stuonden sconc 

73, 1 AB Ir Schilde tvärcn niuive, lieht unde breit. 
386, 4 A ir Schilde ivären ninive, michel guot unde breit 

B ir Schilde ivären schmnc 

106, 2 A das hete ich gerne belmnt. 

B das het ich gerne er haut. 
668, 4 AB das hete si gerne behant. 
398, 4 A das het ich gerne behant. 

B gerne het ich das behant. 

14* 



212 K. KETTNEE 

1475, 2 AB edel riter Hagne, tvir tuon dir (m B) hie hcJcnut 
434, 2 A edel riter Günther, des schuzses habe danc. 

B Gtinther, ritter edele 
452, 3. 4 AB si tvänden, daz ez fuorte ein sunder starker ivint. 

nein, ez fuorte Sifrit, der schoenen Siglinde leint. 
434, 3 AB si wände, daz erz heie mit sincr kraß getan. 
4 A nein, si hete gevellet ein verre kreftiger man 

B ir ivas dar nach geslichen ein verre Jcreftiger man 
437, 1 AB Sifrit [der B] tvas hüene, hreftic unde lanc 
463, 1 A Älbrich was Jcüene, dar zuo sfarc geniioc 

B Älbrich ivas vil grimme, der zuo starc genuoc 
510, 1. 2 AB Die angest lät beliben: iu und den mägen sin 

enbiutct sinen dienest der hergeselle min. 
1133, 1. 2 AB Do s^yrach der böte biderbe: iu enbiutet an den Bin 

gctriwelichen dienest der groze voget mm. 
519, 1. 2 A. Mit friuntlicher liebe, vil edel Jcünegin 

enbiutet iu ir dienest er und diu wine sin. 
B Iu enbiutet holden dienest er unt diu loine sin 
mit vriuntlicher liebe, vil edcliu Jcünegin. 
Die anoi'dimng iu A zeigt hier im algemeinen die grössere über- 
einstimmimg ; zu beachten ist besonders die Stellung von dienest und 
dem Subjekt im zweiten vers. 
533, 3 A daz ir schoenen varwe ze rehte ivol gezam 
B daz ir genuoge schoene 
Die gegeneinanderstellung von schönen kleidern oder schmuck 
und von schöner vanve auch AB 413, 3. 4. 
424, 2 AB der vil Miene Danewart von {vor B) freuden ivart [vil B] rot 
713, 1 AB Do sprach der Miene Gere, da loart er vröudcn rot. 
568, 1 A Von liebe und oiich von vröuden Sifrit wart rot. 

B Von lieber ougen blicke wart Sifrides vanve rot. 
993, 2 AB und in besarket hcete, do huop sich gröz gcdranc 

594, 4 A dar kom ouch er Sifrit, do huop sich michel gedranc 

(michel AB 34, 2) 
B sich huop da graizlich gcdranc 

595, 4 A fZo sach man under kröne elliu ficriu schone stän. 

B do sach mans alle viere under kröne vroellchen stän. 
AB under kröne an derselben versstelle und in ähnlichem vers 
gän 1616,4. 1708, 4; ebenfuls unmittelbar vor der cäsur mit (/cm mit 
631, 3. 755, 3 ; desgleichen mit rihten 659, 2. An anderer versstelle 
nur 1314, 4 AB da diu schoene Criemhilt bi JEzele under kröne saz. 



ZOR KRITIK D. NIB.-L. VIII. DIU T13XTB A UND B 213 

608, 1 A Der hiinic helfe Jciime. B Er erbeite Jcünie vgl. 300, 1 — 

über diese stelle später. 
1828, 4 AB sl täten, das sl ivolden, in vil höehvertcn siteu (vgl. 1819, 4) 
670, 4 A do sprach diu vrouive in vil hochvcrten siten 

B des antwurt im vron Prünhilt in vil listigen siten (diese 

Verbindung nur hier) 
1248, 4 AB die vrouwen dienen Jconden, die liefen Meinen gemach 

(vgl. AB 1250, 4. 735, 4. 557, 4) 
736, 4 A (?o sach man vil der recken , der dienen vrouwen da niht lie 
B hl ir juncfrouwen stän (wegen 735, 4) 

883, 2 AB von liutcn und von hunden der schal was so groz 
751, 2 A von trumben und von vloiten der schal wart so gros 

B wart der schal so gros 

827, 1 AB Dc3 sprach [der B] hiinic Günther: mir ist von scJmlden leit 
800, 1 A Do sprach [der BJ Tiünic Günther: mir ist harte leit. 

B da ist mir harte leit 

470, 1 AB Do sprach der herre Sifrit: ir sult vil holde gän 

und hringet usw. 
955, 1 A Do sprach diu jämerhafte: ir sidt hine gän 
und loechet usw. 
B Do sprach diu jämerhafte: ir hamercere, ir sidt hin gän 

751, 3 AB das Wurmes diu vil ivUe dar nach vil lüte erschal. 
966, 4 A und diu stat se Wormse se heiden sUen lüte erschal. 
B und ouch diu stat se Wormse von ir iveinen erschal. 
933 AB Günther beklagt auch Siegfrieds tod, was dieser ihm verweist : 

4 der dienet michel scheiden, es wcere hesser verlän. 

981 AB Günther tritt zu den um Siegfried leidtragenden: 
4 A und ouch der grimme Hagne; das ivmre hesser verlän. 
B suo dem ivuoffe gegän 

999, 7 B was man in opfers truoc. 

993, 3 A durch loillen slner sele was man opfers truoc. 

B was opfers man do truoc. 

1020, 4 AB (Zo sprach diu gotes arme: das waere Kriemhilde not 
1017, 4 A dö sprach diu vröuden arme: das hunde müeltch er gän 
B do sprach diu vrotve here 
365, 4: AB da wart von schoßnen frouiven michel iveinen getan 
261, 4 AB da ivart vil michel fiesen von schoenen frouiven getan 
1103, 4 A dö wart ein liebes bieten von schoenen vroutven getan 
B von schoenen binden getan 



211 E. KETTNEK 

1310, 1 Al^ Do si eines müdes hl dem Jcünege lac. 
110b, 1 A Do si des naht es In Büedcgere lac. 

B Do si eines nahtcs nähen hl Taicdigere lac. 
1357, 4 AB deis uns sc Cren si gewant 
1151, 4 A deist uns sen eren geivant 

B das ist zcn eren uns geivant 
1366, 3. 4 AB die hoten ivolten varn. 

sie hat diu marcgräoinne got von himele hewarn 
1448, 3 AB unser vriunde wellent varn 

4 A gen der hochzlte: got müeze si da hewarn 

B got müez ir cre da hewarn (vgl. 1094, 2. 3.) 

882, 4 A ^0 ivart sin rieh gejcide allen Burgonden kunt. 

B do ivart sin jaget daz riche ivol den Burgonden Jcunt. 
1502, 4 A diu mcere wurden schiere den Burgonden Jcunt 

B den stolzen Burgonden Jcunt 

569, 1. 2 AB In meitllcJien sülitcn si scJiamte sicJi ein teil 

[B ie-\docJi so tvas gelücJce und Sifrides heil, dass sie usw. 
1622, 2. 3 AB dieselbe Situation — ein teil ivas es ir leit, 
3 A doch dahte si ze nemene den tvcetUcJien man. 
B unt dähte docJi ze nemene 
1G09, 4 AB der edel vidcl(ere dem loirte Jiolden ivillcn truoc. 
1674, 4 A der Jielt von Burgonden in allen Jiolden tvillen truoc. 
B in allen guofen willen truoc. 

Jiolden ivillen in den beiden noch hierher gehörigen parallelen A B 355, 4. 
1001, 4 vgl. Bartsch Lexikon. 

1163, 3. 4 AB er iveste sicJi so wise, oh ez immer Jcunde (soMB) ergän, 

daz si sicJi den recJcen üherreden müese län. 
1678, 3. 4 A icJi wesse iucJi ivol so ricJie, oh icJi micJi haz Jean verstand 
daz icJi iu miner gähe Jier ze lande niJit gefüeret Jiän 
B icJi ivcere wol so rlcJic, Jiet icJi micJi haz verdäJit, 
daz icJb iu nüne gähe Jier ze lande Jiete hräJit. 
399, 2" AB fürsten toJiter milt (die einzige parallele) 
1684, l'' A fürsten toJüer milt 
B fürsten wine milt 
815, 3'' AB der lüundcrnhüene man (die einzige parallele) 
1710, 1 A Do sacJt der vidclccre, ein ivundcrn Icücnc man 
B ein Jcüene spilman 

1) Der tcxt in A ist nicht ganz korrekt; der rcdaktor B fand, wie seine 
Jurchjifrcifende , über die ganze atrophe sich ausdehnende änderung beweist, den 
fehler schon vor. Vielleicht ist haz zu streichen. 



ZUR KKITIK D. NIB. -L. VIII. DIE TEXTE A UND B 215 

1864, 2 AB das im daz Jiouhet schiere vor den fiiezen lac. 
1936, 4 A daz im daz houhet schiere vor Ezeln fiiezen gelac. 

B daz im vor Eceln füezen daz houhet schiere gelac 
2122, 4 AB ich tvcen so riche gäbe ein reche nimmer mer getuot 
2055, 4 A ich wcen so grözer jämer an helden immer mer erge 
B ich wcene der jämer immer mer an helden erge 
2095, 4 AB du soll ein hiinec geivaltic hl neben Etzelcn sin. 
2256, 4 A ich was ein Jcünec gewaUic, her unde rieh 

B ich was ein Jcünec here, vil geivaltic unde rieh 

Bei einem überblick über diese stellen finden wir einfache Um- 
stellung 287, 4. 356, 3. 

Ersatz durch ein gleichbedeutendes oder gleichwertiges wort zei- 
gen 18, 4. 369, 3. 386, 4. 1103, 4. 1674, 4. 

264, 4'' A kann mit drei hebungen gelesen werden, erhält durch 
herl'ich B vier hebungen; das vielleicht fehlerhafte 1502, 4'' A mit sei- 
nen drei hebungen hat nach zusatz von stolzen B vier hebungen. 

Viel zahlreicher als diese einfachen abweichungen sind diejeni- 
gen, wo die änderung mehr als ein wort betrift: 271, 3. 398, 4. 
434, 2. 463, 1. 519, 1. 2. 594, 4. 595, 4. 751, 2. 800, 1. 955, 1. 
966, 4. 993, 3. 1108, 1. 1151, 4. 1622, 3. 1936, 4. 2055, 4. 
2256, 4. 

Wegen Spezialisierung kann man 229, 4. 1448, 4, wegen ver- 
algemeinerung 533, 3 schon zu den stellen mit materieller und formaler 
abweichung rechnen. Zu diesen gehören ferner 150, 4. 568, 1. 670, 4. 
1017, 4. 1681, 1. 1710, 1, besonders 1678, 3. 4. 434, 4.^ 736,4. 
981, 4. 

Yergleichen wir die abweichungen der texte A uud B, so tritt 
uns sofort entgegen, dass sich der text B durch zahlreichere und viel 
tiefer greifende ungenauigkeiten im parallelismus vom text A unter- 
scheidet. So sind grössere Umstellungen in B weit häufiger; änderung 
des wertes und sinnes zugleich, in A nur einmal vorgefunden, Hess 
sich aus B dreizehnmal nachweisen. Dazu gehören drei stellen (736, 4. 
981, 4. 1678, 3. 4), au denen der parallelismus in B ganz aufge- 
hoben ist. 

1) Diese stelle zeigt, wie der redaktor B auf stilistische Verbesserungen 
bedacht war. Der abschnitt 444 — 489 ist dem die haupthandUmg darstellenden 
stücke von einem nachdichter angehängt, der durch nachahmung einzelner stellen 
jenes älteren abschnittes den schein der unechtheit von seinem zusatze fernzuhalten 
sucht. So bildete er 452, 3. 4 nach 434, 3. 4, ferner 458, 3 nach 427, 3 uud 
463, 1 nach 437, 1. An der besonders auffallenden Übereinstimmung bei der ersten 
stelle nahm der redaktor B mit recht anstoss und änderte deshalb 434, 4 ab, 



210 E. KETTNER 

Nun kaun ja f'ieilidi aucli i)aiallelismus zuweilen durch 
abvveichung vom original entstehen. Eine derartige eutwicklung 
vermag ich in den stellen, wo A grösseren })arallelismus zeigt, nicht zu 
crlvcnnen , wol aber in den stellen mit grösserem parallelismus aus B. 

Cleändert hat der redaktor B zunächst 1633, 4. Der vers ist 
in B selbständiger: er hängt sich nicht wie in A durch die koujunktion 
doch au den vorhergehenden an, er zeigt einen formelhaften, in sich 
abgeschlossenen charakter, -wie er ja mit gewissen schlussformelu ziem- 
lich übereiustimt. In folge dessen fehlt bei B der ausdruck des gegeu- 
satzes in diesem verse. Der dritte vers verlangt aber aus sachlichem 
und formalem gründe eine bezeichnung desselben. Die bemerkung: 
„wohl gönnte ihm die gäbe des markgrafen weih" ist nichtssagend, 
wenn sie nicht in engster Verbindung mit der folgenden : „doch verlor 
Rüdeger durch sie seiu leben" steht. Nur uuter der Voraussetzung 
des folgenden doch hat das wol hier seine berechtigung. Die veranlas- 
sung zu der änderuug ist klar. Die zweite vershälfte da von sidcr den 
Up lässt eine betouuug mit drei hebungen zu. Daher änderte der redak- 
tor B nach analogie jener ihm bekanten formein so, dass sein vers- 
schluss sH muose vliesen den Up bestimt vier hebungen hat. 

Das gleiche verfahren des redaktor B müssen wir noch an fol- 
genden stellen annehmen. 216, 4 diu Slfrides hant kann kaum anders 
als mit drei hebungen gemessen werden. Es ist ganz konsequent, ent- 
spricht völlig ähnlichen in grosser menge auftretenden er Weiterungen, 
wenn der redaktor B statt diu sezt des Mienen, womit vier hebungen 
hcrgestelt sind. — 376, 4 Prünhilde sach hat drei hebungen, es erhält 
durch den zusatz von die schoenen in B vier hebungen. 

797, 4*^ A ich minne nieiner dich lässt sich am leichtesten mit 
drei hebungen lesen, Lachmaun schaltet deshalb hinter niemer noch 
mvre ein. Die lesart von B das diene ich, chunech (oder immer) 
umbe dich verlangt viermalige betonung. Jedenfals las der redaktor B 
die stelle so, wie sie in der handschrift A überliefert ist und sah sich 
durch jene metrische Unklarheit veranlasst zu ändern. Denn diese äude- 
rung ist leicht zu begreifen, die umgekehrte ist undenkbar. Es wäre 
wunderbar, wenn ein bearbeiter A die farblose dankesformel so glück- 
lich in jene energische, zum charakter Brunhilds treflich passende 
erklärung verwandelt hätte. Somit spricht gerade diese, also die ein- 
zig bedeutende abweichung im texte A, zu gunsten desselben. 

240, 3* A Sifrit der junge komt zwar nur hier vor, während 
240, 3'' B Sifrit der junge man vorlier noch zweimal begegnet. Indes 
sind solche Zusammenstellungen eines eigcnnamens mit einem ähnlichen 
adjektiv oder Substantiv wie dort gerade in der Umgebung jener stelle 



ZDR KRITIK D. NIB. - L. VIII. DIE TEXTE A UND B 217 

recht liäufig: vgl. z. b. S^/frit der Jcäene 212, 3". VolMr der Jierre 
195, 3". L'mdgast der reche 192, 1". Sifrit der vil starlce 176, 2". 
Günther der riche 151, 3". Es beweisen diese stellen, dass die lesart 
von A ihren eigenen parallelismus hat, und es ist sehr wahrscheinlich, 
dass der redaktor B , dem diese znsanimenstclhingen etwas vw oft kamen, 
CS für besser hielt eine andere ilnn schon durcli die feder gegangene 
ausdrucksweise einzusetzen. 

Man köute vielleicht noch mehr g^gQw die berechtiguug der 
einen oder anderen genaneren Übereinstimmung in B geltend machen. 
Doch die stellen mit genauerem parallelLsmus in B, welche jezt noch 
übrig bleiben, sind nicht zahlreich und unbedeutend. Eine kleine zahl 
von so beschaffenen stellen beweist nichts für die Originalität. Selbst- 
verständlicli hat auch der Schreiber von A sich hier und da fehler zu 
schulden kommen lassen, ebenso wie seine vorläge, die doch wol nicht 
der Originaltext A gewesen ist, auch schon fehler enthalten haben wird. 
Daher können korrekter erscheinende stellen in B zuweilen die ältere 
lesart bieten, können jedoch auch ebeusowol bloss emendationen sein. 
Die wenigen stellen in A, deren schwächeren parallelismus man von 
einer textverderbnis herleiten könte, enthalten so geringfügige differen- 
zen, dass diese aus einem versehen des Schreibers sich erklären las- 
sen, und wir sind nicht berechtigt absichtliche äuderung des Originals 
in A anzunehmen. 

Wir können hiernach konstatieren: allein die handschrift A 
darf als darstellung des Originaltextes gelten, die übrigen 
handscliriften geben mehr oder weniger bearbeitungen. 

Die plusstropheu in B. 

Dieses ergebnis nötigt uns auch die plusstropheu in B im alge- 
meinen als Zusätze der redaktion B zu erklären. 

B enthält 63 Strophen, welche A fehlen.^ Davon kommen 2 
auf die III. aventiure (= Lachmanns I. liede), 55 auf die VI — XL 
aventiuro (= Lachmanns IV. und V, liede), 2 auf die XVI. aventiure 
(= Lachmanns VIIl. liede), 1 auf die XVII. aventiure (= Lachm- 
auus IX. liede) , 2 auf die XXVII. aventiure (= Lachmanns XV. liede), 
1 auf die XXXI. aventiure (= Lachmanns XVII. liede). Zu diesen 

1) In dem cingauge des Nibelungenliedes, wo die ab-neicliuugen zwischen 
den Landschriften stärker sind als an anderen stellen, fehlen dem tcxt B die Stro- 
phen 1. 3. 21. Zu 3 habe ich parallelismus mit 734, zu 21 mit 182 und 1272 
gefunden. Schlüsse über die Zugehörigkeit dieser stropheu zum original kann man 
aus diesem geringen material nicht ziehen. 



218 E. KETTNEK 

plusstrophen finden sich ebenfals parallelstellen, und es ist nicht über- 
Müssig diese näher zu betrachten. Denn es wäre möglich, dass auf 
grund von eigentümlichen übereinstimnmugeu die eine oder andere 
Strophe sich als echt erwiese, es kann ferner der parallelismus Streif- 
lichter auf das verfahren des redaktor B werfen und vielleicht einen 
scliluss auf uuechtheit aller dieser strophen gestatten. 

Der besseren übersieht halber sind im folgenden auch die stellen 
(ohne jede bemerkuug) mit verzeichnet, zu denen ich keine parallele 
habe finden können. 
102, 5 — 12 
338, 5—12 
341, 5 — 12 

856, 1 AB Do sprach der starJce Sifrit mit hcrUchem sife 

341, 9 Do sprach von Tronejc Hagne mit herUchcn siten 
348, 5 — 20 

348, 14 mit herlichen siten = 341, 9. 
66, 4 AB er wolde siner reise hohen deheincr slahte rät. 

348, 20 wände wir der verte htm deheincr slahte rät. 

358, 5 — 8 

358, 6* diu si da vüeren solden = 537, 2* AB (die Subjekt) 

359, 5 — 8 

780, 1. 2 AB Oh ieman tvünschen solde, der Jcunde niht gesagen 
daz man so r icher cleider gescehe ie me getragen 

359, 5. 6 Vür alle di si Jcomen di muosen in des jehn, 

daz si cer iverlde hebten hezzers niht gesehn. 
893, 1 AB Von hezzerm pirsgewmte hört ich nie gesagen. 
359, 8 von hezzer rechen ivcete Jcunde niemen niht gesagen. 
376, 5 — 8 

605, 1 — 3 A B Daz tuon ich , sprach Sifrit , üf die triive mm, 

daz ich ir niht en minne. diu liebe (scha^ne B) swe- 

ster dm 
ist mir vor in allen die ich noch ie gesach 
376, 5 — 7 Jane loh ichz niht so verre durch die liebe dm, 
so durch dhie swester, daz schwne magedln. 
diu ist mir sam min scie und so min selbes lip. 
328, 4 AB den wil ich Verliesen, sine tverde min wip (vgl. 406, 4) 
376, 8 ich tvil daz gerne dienen, daz si tverde min ivip. 

383, 5 — 16 

383, 10 guot undc schcene [vil] michel unde [vil] starc: ganz ähn- 
liche Zusammenstellungen 418, 3. 425, 3. 



ZDR KRITIK D. NIB. -L. VIII. DIE TEXTE A UND 15 219 

385, 5 — 8. Die Situation entspricht der in 74, wörtliche anklänge sind: 
74, 1. 2 AB Diu ort der siverte giengcn nider üf die sporn 
es fiiorten scliarpfc gercn die riter üzerhorn 
385, 6. 7 dkl üf die sporn giengen den tvcetlichen man, 
diu VHortcn die vil Jcüenen , scharpf undc breit. 
392, 5 — 8. Die Situation entspricht der in 80. 81, auch der Wortlaut 
zum teil. 
1653, 1. 2 AB Die boten färstrichen mit den mceren, 

das die Niblunge se den Humen tvccren 
392, 5. 6 Do ivart vrowen Prünhilde gesaget mit mceren 
das unhunde rechen da kamen ivceren. 

Hier begint eine jeihe parallelen zu stellen aus dem ende der XXVII. 
aventiure bis zur XXXII. aventiure (= Lachnianns XVI. — XVIll. liede). 

392, 7* in herltclier lomte = 479, 2''\ Auch die Situation ist die 

gleiche. 
392, 3'' AB in fürstlicher wcete 

477, 3 AB die ich dort sihe vliesen so verre üf dem sc 
392, 7" gevloszen üf der vluot 
394, 5 — 20 

1733, 4 AB durch sine sivinde bliche, die ich an im gesellen hän 
394, 11 von sivinden smen blichen, der er so vil gctiiot 
1712, 4 AB als ich mich versinne, si sint vil sornic gemuot. 
394, 12 er ist in sinen sinnen, ich tvccne, grimme gemuot. 
1799, 4 AB mir ist leit üf min triuive, und hat in iemcn iht getan 
394, 16 wir möhtenz alle fürhten, hete im hie iemcn iht getan. 
1691, 3 AB stvie bltde er hie gebäre, er ist ein grimmic man. Die 

gleiche Situation. 
394, 17. 18 Stvie bilde er pflege der mhtc und ivi schcene si sin lip, 

er möhte ivol eriveinen vil wcetlichiu wlp. 
1697, 4 AB er was an allen dingen ein ritter hüenc undc guot. 
394, 20 er ist in allen tugenden ein degen hüene unde balt. 

Aus diesem Zusammenhang heraus lässt sich jezt eine eigentüm- 
liche abweichung in ß erklären, gegen deren berechtigung früher nichts 
eingewendet worden konte. Vgl. s. 208. 398, 2 stimt A zu 732 , 2. 
1658, 2. B weicht ab, stimt aber zu 1661, 2. 1661 schliesst sich 
den anderen in B benuzten stellen an 1691. 1697. 1712. 1733 usw. 
Der interpolator hat also diesen entfernt gelegenen abschnitt nicht 
bloss für seine zusätze, sondern auch für abänderuug des textes aus- 
gebeutet. 398, 2 ist deshalb nicht melir zu den zweifelhaften stellen, 
sondern zu den für die echtheit von A beweisenden zu rechnen. 



220 E. KKTTNER 

417, 5 — 8. 

793, 1 AB von Ninnive der sidcn st den horten truoc 
417, 6 von Äsagonc der stden einen waff'enroc si truoc 
1721, 3 AB Ü.Z des Icnophc schein 

ein vil lichter Jaspis 
417, 7 ah des varive schein 

von der Mineginne vil manic herltcher stein. 
419, 5 — 8 

284, 1 AB Er dähte in shicm nmotc: loie Ictinde das crgän? 
419, 5 Er dähte in slnem miiote: ivaz sol ditze ivesen? 
421, 5 — 8 

428, 5—8 

429, 5 — 8 
432, 5 — 8 

435, 4 AB daz lüte erJdang ir {alles ir B) geivant. 

1987, 4 AB und sluog im siege swinde mit siner cllenthaftcr hant. 
432, 8 das es erldanc vil lüte von siner ellentliaften haut. 
437, 5 — 8 

1874, 1. 2 AB Der schal ivas gcswiftet , der dos tvas gelegen, 
da hlicte üher ahsel Danczvart der degen 
437, 5 Der spnmc der loas ergangen, der stein der was gelegen, 
dö sach man ander niemen ivan Günther den degen. 
Diese plusstrophen von 359 — 437 haben mit niclit vielen aus- 
nahmen starke parallelen anfzmveisen. Die art und weise, wie solche 
vorkommen , lässt keinen zweifei , dass die plusstrophen Zusätze sind ; 
die nicht mit parallelstellen belegten für original anzusehen, wäre 
durch nichts zu rechtfertigen. Der iuterpolator entdeckte für die anfer- 
tigung seiner zusätze in dem entfernt gelegenen abschnitt aventiure 
XXVII ende bis XXXII (lied XVI — XVIII) eine wahre fundgrubo ; 
dazwischen benuzte er zusammenhängend aventiure III. XIV — XVI 
(lied I. VI — VIII); sonst verwendet er vorzugsweise stellen aus der 
nachbarschaft, aus anderen teilen nur noch zwei stellen. 
442, 5 - 16 

467, 4 AB ich diende iu c ich sttirhe, sjyrach der listige man 
442, 8 sain ers niht enwesse, gchärt der listige man. 
486, 5 — 8 
497, 5—8 
499, 5—8 
519, 5 — 8 

222 AB gleicher gegenständ. Durch die botschaft wird trauer in 
freude verwandelt. 



ZUR KRITIK D. NIB. -L. VlII. DIE TEXTE A UND B 221 

222, 3. 4 AB dirre liehen Dicere, diu in da ivären Jcomen 

da ivart von edelen fromven niicliel fragen vcrnomcn 

(vgl. 1445. 1751) 
519, 7. 8 dem boten dirre mcere, diu ir da wären Jcomen. 
do tvas ir michel trüren unt ir weinen henomen. 

Der mit 222 beginnende abschnitt, welcher von der rttckkehr 
aus dem Sachsenkriege und dem fest in Worms handelt, wird im fol- 
genden widerholt ausgenuzt. 

526, 5 — 12. Die handlung ist ganz dieselbe wie 260 fg. und 718 fg. 
Sindolt, Hunolt, Kumolt, Ortwin kommen genau wie 719. 720 
vor; Gere, mit dem der 718 voraufgeheude abschnitt sich viel 
beschäftigt, wird hinzugefügt 
719, 1 — 3 AB Hunolt der Miene und Sindolt der dcgen 

[die B] heten vil unmuose. die zit si muosen pflegen 
— se rillten manege hanc 
526, 5 — 7 Sindolt und Hunolt und JRümolt der degen 
vil gröser unmuose muosen si do ^^flegcn, 
rillten das gesidcle — eine so sklavische nachahmung 
wie sie sonst nirgends vorkomt. 
260, 3 AB die ivile liies er sidelen vor Worms an den sant 
526, 7 rillten das gesidcle vor Wormez üf den sant 
283, 2 AB die höh gemuoten degne wolden des niht län, 

sin drungen 
526, 9 Ortivin und Gere dine wolden das niht län, 

si Sauden 
265, 4 A da zierten sich engegene alle vrowen ivider strit. 

B di scannen fromven ivider strU. 

526, 12 da sierten sich engegene diu vil schcenen magedin. 
529, 5 — 8 

159>3, 2 AB si suohten üs den leisten diu lierlichen Ideit. vgl, 275, 1. 
529, 7 di suochen ils den leisten diu aller besten Ideit 

531, 5-8 

355, 2 AB die aller besten stden, die ie mer gewan 

531, 8 von den besten siden, da von iu iemen hunde sagen. 

532, 5 — 8 erinnert an 1594 (s. oben 1593) 
540, 5 — 12 

554, 3. 4 AB diu vil sclioßnen leint. 

des wart do von den gesten gevolget güetUehcn sint 
540, 7. 8 si tvas ein schwne leint. 

des tvart im vil gelonet von der juncfromven sint. 



222 E. KKTTNER 

551, 5 — 8 
554, 5 — 8 

321, 1 AB Du sprach der starke Slfrit: so lut diu ros stän 

554, 5 Do sprath der Mrre Gernot: diu ros läzd stän 

556, 2 AB und ez heyunde Icuolen. 

554, 6 unz cz beginne hioleti. 
321 ist die lezte stelle aus dem obeu bezeicliüeten abschnitt, die nach- 
geahmt wird. 
559, 5 — 8 

709, 3. 4 AB den gap man swaz si tvolden, daz in nilit gehrast, 
er hrähte (do hräht er B) smen friunden manegen 

Mrlichen gast. 

559, 7. 8 des si da haben sohlen, wi wencc des gebrast. 

da sach man bi dem hilncge vil manigcn herlichen gast. 

Also auch hier wider uachahmung einer stelle aus der XII. aven- 

tiure (VI. lied) vgl. oben 718 fg. 

582, 5 — 8 

1340 AB Do si eines nahtes bi dem Minege lac, 

mit armen umbefangen het &r si, als er pflac 
die cdelen vrouiven triuten; si ivas im so sin Vi]), 
do gedäht ir vinde daz vil wcetliche {herliche B) tvip. 

582, 5 — 8 Do der herre Sifrit bi Kriemhilde lac. 

unt er so minnecUchc der juncvroiven pflac 
mit sinen edelen minnen, si ivart im so sin Up. 
er nceme für si eine niht tüsent anderiu ivip 
Wider einmal eine sklavische nachahmung, der einzige selbstän- 
dige vers ist kläglich genug geraten. 

583, 5 — 8 und 585, 5 — 8 

583, 7* er wände er solde triuten 

585, 8"' er wände vinden friunde — ein parallelisraus, wie 341, 9^ 
und 348, 14 \ der von der annut des interpolators zeugt. 
589, 5 — 8 

GOO, 1. 2 AB Da Meng ich angestlichen die naht unz an den tac 

e [daz B] si mich enbunde. ivi samphte si do lac! 
589, 5. 6 Sine ruohte, wi im ivcere, loant si vil sanfte lac. 

dort muost er allez hangen die naht unz an den tac 
1300, 2 AB unz man den liehtcn morgen aber schhien sach 
589, 7 unz der Hellte morgen durh diu venster schein 

Dieser vers ist also wieder mit einer entlehnung aus einer 1340 
(s. zu 582) benachbarten strophe gebildet. 



ZUR KRITIK D. NIE. -L. VIII. DIE TEXTE A UND B 223 

601, 5 — 8 

605, 2 AB diu liebe swcster dm 

[diu B] ist mir vor in allen , die ich noch ie gcsacli 
601, 7 mir ist dm swester Criemhilt lieber danne der Up. 
vgl. 582, 7 si tvart im so sin Up 
607, 5 — 8 

Die in A mit den werten Der hünic beite Mmc, das man von 
tische gie beginnende strophe 608 bezeichnet den an fang einer 
neuen wichtigen handlung, ganz ebenso wie die strophe 300, 
deren erster vers in beiden texten lautet Vil küme [er- B] beite 
Sifrit, das man da gesanc. An beiden stellen wird auch nach 
einer algemeinen Schilderung die hauptperson neu eingeführt. 
Dieser parallelismus ist aufgehoben in B. Hier wird die in der 
plusstrophe 607,5 — 8 schon eingeleitete handlung fortgesezt, 
und demgemäss begint G08 Er crbcite küme. Dieses Verhält- 
nis liefert den deutlicbsten beweis, dass 607, 5 — 8 eine zusatz- 
strophe ist. 

628, 5 — 8 hat zwei bekaute formelhafte ausdrücke : 1^ als im das gesam. 

4 hey was usw. Dieser lezte vers sagt dasselbe wie 629, 1. 
637, 5 — 8 

1094, 1. 2 AB Do sprach der Jcünic riche: nu ivenne weit ir varn 

nach der minnecUchen? got sol iuch bewarn 
1626, 1 — 3 AB Do si enbissen ivären, si ivolden dannen varn 

gen der Hiimcn lande, das heis ich wol beivarn, 
sprach der ivirt [vil BJ edele. 
637, 5. 6 Si sjyrach suo sir manne: ivenne sul wir varn? 

das ich so harte gähe, das heis ich wol bewarn. 
637, 4 AB liep tvas es sinem tvtbe, cid es diu vrouive rehte ervant. 
637, 8 leit was es Stfride, do ers an Criemhild ervant 
640, 5 — 8 

1715, 4 AB ich ivon iu immer mcre mit triiven dienstlichen hi 
640, 8 sivas ir sus gebietet, des pin ich iu dienstlichen bl (vgl. 

auch 1153, 4 AB) 
655, 5 — 8 vgl. 1307, 2 — 4. 1308, 1. 1309, 1. 2 

2014, 4 AB man möhte michel wunder von den Burgonden sagen. 
655, 8 man möhte michel wimder von ir richeite sagen. 
662, 5 — 8 

26, 1. 3. 4 AB Vil seifen äne huote man riten lic das Jcint. 

sin pflügen ouch die wisen, den ere tvas beJcant. 
des mohte er wol gewinnen beidiu Hute unde lant. 



221 E. KETTNER 

21, 4 AB hcy waz er grozer eren ze diser werlde geivan! 
6G2, 5 —8 Wi relite vUzecUchen man sm hüeten Jiiez 
Günther der cdcle im magesogen liez, 
di ez'ivol hunden zielten ze einem hidcrhem man. 
hcy ivaz im ungelücke sU der vriunde angeivan! 
882, 5 — 8 und 886, 5 — 8 sind ganz glcichmässig komponiert. 
999, 5 — 8 

993, 3 A waz man opfers truoc 

B waz Opfers man dö truoc 
999, 7 waz man in opfers truoc 

Hier ist, wie es scheint, nicht der text B, sondern A für den 
Zusatz beuuzt. 
1598, 5—8 
1614, 5 — 8 

1085, 1 AB Dö sprach der Jcünic riche: wie möhfe daz ergän 

Äusserung des bedeukens gegen den Vorschlag, Kriemhild zu 
heiraten. 
1C14, 5 Do sprach der marcgräve: wi möhte daz gesin? 

Äusserung des bedenkens gegen den vorschhig, dass Giselher 
Rüdogers tochter heiratet. 
1818, 5 — 8 

35, 2 — 4 AB in hove Sigemundes der buhurf ivart so starc, 
daz man erdiezen horte palas unde sal. 
die höh gemuoten dcgne die heten grcezllchen schal. 
1818, 5 — 7 Swes icmen da pflcege, so tvas ez niivan schal, 
man hört von Schilde stmzcn palas unde sal 
harte lüt erdiezen von Guntheres man. 
34, 4 AB mit also grözen eren, daz tvcetlich nimmer mere erge. 
1818, 8 den lop daz sin gesinde mit grözen eren geivan. 

Ich liabe bei der behaudhing der plusstrophen darauf verzichtet, 
Schlüsse aus dem Inhalt zu machen, schon deshalb, Aveil dieses über 
den rahmen der vorliegenden Untersuchung hinausgehen würde. Auch 
hat dieses bereits R. v. Muth in seiner einleitung in das Nibelungen- 
lied s. 125 — 147 in der eingehendsten weise getan. Ausserdem ist 
ein solches verfahren im ganzen nutzlos, weil die gegner von A über 
eine derartige kritik als wertloses subjektives geschmacksurteil summa- 
risch abzusprechen pflegen. 

Was sich aus unserer betrachtuug der plusstrophen ergibt , fasse 
ich in folgende sätze zusammen. 

1, Die plusstrophen zeigen, von sehr wenigen ausnahmen abge- 
sehen, mit anderen stellen die auffallendsten formalen, zum teil auch 



Zur KRITIK D. NIB. -L. VIII. DIE TEXTE A UND B 225 

sachlichen Übereinstimmungen, wie sie nur möglich sind bei einem 
interpolator , den mangel an erfindung und Ungeschick in der hand- 
habung der spräche zu kompilationeu nötigte. Die armut desselben 
offenbart sich auch darin, dass er sich nicht scheute seine zusätze mit 
hilfe von stellen aus der nächsten Umgebung zu bilden.^ Unbegreif- 
lich wäre es, wenn ein Schreiber das unselbständigste, schlechteste 
machwerk stets als solches erkant und ausgemerzt hätte. 

2. Direkt bewiesen wird die Interpolation und nachahmung bei 
den Zusätzen zu 392 fg. (vgl. 398, 2) und zu 607 ; direkt bewiesen fer- 
ner dadurch, dass der interpolator zuweilen bei einer grösseren reihe 
von Zusätzen nur aus ein paar bestirnten abschnitten widerholentlich 
seine entlehnungen macht. 

3. Parallelen zwischen den plusstrophen lassen die gleichheit 
des Ursprunges derselben erkennen. 

4. Keine von den plusstrophen ist, auch wenn sie als leidlich 
geraten erscheint und sich nicht mit parallelen belegen lässt, als echt 
zu betrachten, da sie sämtlich entbehrlich sind. 

Wir müssen alle diese zusätze auf die bearbeituug des redaktors 
B zurückführen , nicht auf die tätigkeit irgend eines anderen interpo- 
lators, von dem sie jener überkommen haben könte. Denn es liess 
sich an einer stelle (s. zu 398 , 2) nachweisen , wie derselbe abschnitt 
das material nicht bloss für die zusätze , sondern auch für die änderung 
am vorliegenden texte geliefert liat. Warum gerade in der YI. bis XI. 
aventiure die plusstrophen so massenhaft auftreten, wird sich wol 
schwerlich recht erklären lassen; der von Laistner^ aufgestelten annähme, 
dass in einem älteren texte A durch zufall lücken entstanden, die der 
Schreiber der handschrift A bestehen liess , der redaktor B durch ergän- 
zungsstrophen ausfülte, steht allein schon der umstand entgegen, dass 
man an jenen stellen wirkliche Unterbrechung des Zusammenhanges in 
A nicht wahrnehmen kann. 

1) Siehe die zusätze zu 376. 383. 392. 432. 442. 540. 554. 589. 601. 637. 999. 

2) Der archetypus der Nibelungen 1886 s. 18 fg. 29 fg. 

MÜHLHAUSEN I. THÜR. EMIL KETTNER. 



ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PmLOLOGlE. BD. XX. 



15 



22G EBDMANN, PART. PRAET. PASS. MIT HABEN 

PARTIOIP DES PRÄTERITUMS IN PASSIVISCHER 

BEDEUTUNG MIT HABEN STATT MIT SEIN 

VERBUNDEN. 

Durch freimdliche mitteilung Weinholds werde ich aufmerksam 
gemacht auf zwei beispiele einer merkwürdig erweiterten anwendung 
des hilt'sverbums haben. Das erste steht bei Diemer, Deutsche Ge- 
dichte des 11. und 12. Jahrhunderts s. 298, 15 wände aller der zorn 
unde elleu diu vtentscaft, diu undcr menschen unde under gote was, 
mit dir ze suone hat hräht. Das zweite in der Gräzer Litanei 224, 9 
des helfet uns durch die minne, damit unser heider vtentscaft ze rehter 
suone hahe hräht.^ Offenbar sind die formen von haben statt derer 
von sin angewant, obwol das passive perfectum umschrieben werden 
solte : weil aller zorn . . . zur Versöhnung gebracht ist ; damit unsere 
feindschaft zur Versöhnung gebracht sei (so, und nicht werde, häufig 
in wünsch- und absichtssätzen , weil der vollendete zustand und nicht 
die eintretende handlung als ziel gedacht ist). 

Moriz Haupt weite an der ersten stelle durch conjectur das 
hat in ist oder wart bessern , wie es auch in demselben gedichte heisst 
301, 27 mit dir der Adämes val ivart bräht zuo guode. Die zweite 
stelle ist in der Strassburger bearbeitung der litanei auch wirklich 
geändert in werde bräht. Aber die anwendung des hat, habe ist erklär- 
lich dadurch, dass dieses hilfsverbum im 11. Jahrhundert überhaupt 
sein gebiet gegen früher erheblich erweitert hat. Es stand häufiger 
als früher beim particip prät. ohne objectsaccusativ (hierfür bei Otfrid 
nur drei beispiele: ich haben gimeinit, gisprochan, gidän, alle bei tran- 
sitiven verben); es trat bei intransitiven verben ein (dies bei Otfrid 
noch nie): ich hdbo gefaren Notker ps. 31, 1, auch irgezzen, vergezzen, 
gelönöt, gelebet, und verdrängte in manchen fällen das sonst übliche 
sin: ich hän gegangen, gewesen, entwichen (Gramm. 4, 160). Durch 
analogie mit solchen fällen konte es daher wol mechanisch mit irre- 
geleitetem Sprachgefühle auch einmal für sin beim passiven perfectum 
eiugesezt werden. Es ist daher, wie ich meine, nicht nötig anzuneh- 
men, dass der Schreiber etwa ein unpersönliches ez oder ein reflexives 
sich in gedanken gehabt habe. 

Vielleicht finden sich bei genauer beobachtung noch andere fälle 
einer solchen mechanischen einsetzung des hilfsverbums haben. 

1) Bemerkenswert ist die stelle auch wegen des finalen damit. Ich habe es 
in meinen „Grundzügen der deutschen Syntax" § 179 nur für das nhd. angeführt. 

BRESLAU. OSKAR ERDMANN. 



ANDRESEN , TEUFEL IK NAMEN 227 

DER TEUFEL IN DEUTSCHEN GESOHLECHTSNAMEN. 

Schon früh tritt in Urkunden des mittelalters der teufel, teils 
in Verbindung mit andern Wörtern, teils allein stehend, als beiname 
einer person auf. Ein datus diabolo, als dessen gegensätze Deodafus 
und franz. JDieudonne betrachtet werden können, wird für das jähr 
1000 aus Italien nachgewiesen (F. Becker, progr. Basel 1864 s. 10); 
vergleichbar damit ist der name Teufelskind, den im 15. jahrh. eine 
hessische faniilie geführt haben soll (Yilmar, namenb. 29), wenn auch 
unter dieser beuennung wol eher der abkömling einer hexe zu verste- 
hen sein mag. Um 1260 lebte zu Eger ein Hartmannus didus dya- 
holus (Trötscher, progr. Eger 1883 s. IV); Habsburger Urkunden des 
14; jahrh. weisen einen Appo dlctus Diabolus auf (Bacmeister, germa- 
nist. kleinigk. 47*). Zu derselben zeit erscheint in verschiedenen gegen- 
den der deutsche beiname für sich allein, z. b. Hans Tiufel in Augs- 
burg (Bacmeister a. a. o.), Rudel Teufel in Eger (Trötscher a. a. o.), 
Hinrich Düvel und Gherke Deuwel in Thüringen (Cämmerer, progr. 
Arnstadt 1885 s. 13). 

Zunächst liegt es mir daran, verschiedene formen und deren 
konkurrenz mit namen, welche aus dem altd. , insbesondere aus dem 
Personennamen Theudobald, Dietbald, Tietpold entsprungen sein kön- 
nen, vorzuführen und zu prüfen (vgl. Germania 27, 150; Konkurren- 
zen 45). Diejenigen formen , deren zweite silbe mit f begint , scheinen 
durchweg den appellativen begriff zu behaupten und dem versuche 
widerstand zu leisten, den Ursprung aus Theudofrid, Dietfrid, woher 
Teufert, geltend zu machen; also nicht bloss Teufel, Teuffei, 
Teyfel, sondern auch Düfel, Deufel und vielleicht Düffel. Dem f 
folgt v; daher Tievel (geradezu mhd.), Düvel und wahrscheinlich 
Daevel (vgl. dän. djävel, teufel). Da niederd. Düvel wie Düwel 
gesprochen wird, so gehört auch der leztere name nebst Du well hier- 
her; Hertens (progr. Hannover 1875 s. 31) und Preuss (Lipp. familien- 
namen 2. a. 1887 s. 16 und 24) haben Düvel aus Dietbald geleitet, 
nach meiner ansieht mit unrecht. Schwieriger ist die frage in betreff 
der formen mit inlautendem b. Zwar tritt dieser konsonant, den das 
gotische nach dem griechischen ausschliesslich hat, schon im ahd. ver- 
einzelt in dem werte auf, und man begegnet ihm auch im niederd. bis- 
weilen anstatt des richtigem v oder w; dagegen leuchtet es ein, wie 
Dübelt und Deubold unbestritten altdeutsches Ursprungs sind, dass 
auch Dübel und Deubel (lat Deubelius) ebendahin gerechnet zu wer- 
den verdienen, ferner, was sich von selbst versteht, Teubel und Teu- 
pel, ausserdem Deibel (vgl. Deybaldt) und Teipel (Teipelke), 

15* 



228 ANDRESEN 

obgleich uuter den verglimpfungen von Teufel auch Deipel genant wird 
(Grimm, wörterb. 2, 913). 

Zu den euphemistischen entstellungen, welche dem werte teu- 
fel widerfahren sind, gehören mehrere, in denen die labialis der zwei- 
ten silbe überhaupt nicht vorhanden ist; ein teil derselben komt auch 
als familiennamen vor. Dass die im niederd. sehr üblichen Verdrehun- 
gen Denker und Düker (Dücker) auch in den gleichlautenden 
eigennamen enthalten seien (vgl. Pott, personennamen s. 263) , glaube 
icli nicht; sie lassen sich ganz bequem auf Diotker zurückführen. Dem 
stamme Diot scheinen ferner Teutzel und Deutschel entsprungen, 
während Deutsch, Deuster (vgl. Düster), Deister, Deichsel 
als appellativa verständlich sind. Dagegen mag es dahiugestelt blei- 
ben, ob Deuchert und Teuchert, Deich ert und Teichert als 
bezeichnungen des teufeis zu erklären seien , oder ob man sich bemühen 
müsse eine andere deutung, die freilich auf Schwierigkeiten stösst, zu 
gewinnen. 

Viele namen sind mit teufel zusammengesezt, vornehmlich eine 
anzahl imperativbildungen wie Bitdendüvel und Bietendüwel (Beiss 
den teufel), Fegenteufel, Fressenteufel (in Göttingen 1383 Vre- 
tendüvel; vgl. Becker, progr. Basel 1873 s. 10), Hackdentüfel, 
Haschenteufel, Hasdenteufel nebst Hassenteifel und Hassen- 
deubel, Jagenteufel und Jagendeubel, Schietenduivel und 
Schiedendüvel (weder: schiess den teufel noch: scheue den teufel, 
sondern derber zu verstehen), Schlagenteufel, Schreckendüvel, 
Stichdenteufel. Zusammensetzung mit einem Substantiv findet statt 
in Haidenteufel, Waldteufel, Manteuffel. Der leztgenante name, 
der früh vorkomt (eines ritters Nie. Manduvel gedenken Schlesw. Holst. 
Urkunden aus dem jähre 1317), verlangt eine erklärung. Vilmar 28 
deutet: „teufel in menschengestalt", ansprechender Pott 15: „mann wie 
ein teufel , wahrer teufel von mann , teufelskerl" ; vgl. franz. un diable 
d'homme , engl, a devil of a man. Darnach liegt kein Vorwurf in dem 
namen, eher eine auszeichuung ; ja dasselbe darf unter umständen auch 
von dem einfachen beinamen selbst behauptet werden. Aus dem 
14. Jahrhundert weist Mantels progr. Lübeck 1854 s. 23 den beinamen 
düvelscop (teufelskopf) nach. Mit einer zahl zusammengesezt ist 
Dusendtüfel (Vilmar 33), mit einem personennamen Düvelhenke 
(Preuss 65, der aus dem jähre 1644 auch Düveljohann beibringt). 

Ausser den oben genanten Verdrehungen des hauptnamens kom- 
men in der deutschen mythologie und spräche verschiedene benennun- 
gen des teufeis vor, unter denen einige auch als geschlechtsnamen gel- 
ten, besonders mZaw^ (versucher). Urkunden weisen Valant, Valantt, 



TEUFEL IN NAMEN 229 

Falant, Valand, Volantt als beinamen auf (Trötscher IX. Reichel, 
progr. Marburg 1870 s. 5*. 17. Cämmerer, progr. Arnst. 1885 s. 22); 
es entsprechen die heutigen geschlechtsnamen Faland, Fabian d, 
Vahlaud, Phaland, Foland, Volland und wahrscheinlich Fau- 
land. Von Phaland ist nur ein kleiner schritt 7a\ Pfahl and, von 
diesem zu niederd. Palant. Hierbei darf aber nicht verschwiegen 
werden, dass der schon mittelalterlich, z. b. in Köln (vgl. Ennens 
gesch. der stadt), bekante uame von Palant sich auf ein in der 
Rheinprovinz befindliches herschaftliches gut Paland (kreis Erkelenz) 
oder Palandt (kreis Düren) bezogen zu haben scheint, wie sich denn 
noch heute in der gegend von Arnheim eine angesehene familie 
van Pallandt schreibt. Darnach würde auch Pfahland ebenso wol 
gleich dem lokalen Palant als gleich välant zu gelten haben. Merk- 
würdig ausgeprägt ist der begriff des teufeis in dem schlesischen adels- 
geschlecht Pförtner von der Hölle; denselben sinn haben Hellewart 
(hellcwarie) und Heilegre we (hellegräve). Insofern der teufel die rück- 
kehr aus der höUe verspert, hiess er auch hellerigel ; ein Chunrat Hell- 
rigel findet sich in dem altern Eger (Trötscher IX), heute gibt es 
die geschlechtsnamen Höllriegel, Hellriegel und entstelt Heldrie- 
gel. Wenn in diesen namen, denen sich auch Hellfaier (höllenfeuer, 
mhd. hellefiwer) beigesellen lässt, die hölle als aufenthaltsort der unse- 
ligen und verdamten in Verbindung mit dem teufel steht, so lassen 
andere sie nach der ursprünglichen bedeutung des wertes lediglich als 
ort der abgeschiedenen, als unterweit erscheinen. In diesem sinne 
sind naraen wie Hellweg, Hellekessel (vgl. Brandes, progr. Lemgo 
1866 s. 23, im 14. jahrh. in Zürich entstelt Heltkessel), von der 
Hellen und von Hellen, zur Hellen nebst Zurhellen und Zur- 
helle (vgl. Dose dictus de Inferno in Michelsens Schlesw. Holst. 
urk. 1, 508. Mantels progr. 21), die einfachen HöU und Helle (auch 
Wirtshäuser heissen so) zu verstehen. 

Es gibt noch mancherlei bezeichnungen des teufeis durch Wör- 
ter, die auch anders und gröstenteils besser gedeutet werden können. 
In Bock (vgl. Stichdenbock mit Stichdenteufel), Drache, 
Fahl, Geier, Graumann, Hammer, Junker, Kleinhans, Schön- 
hans wird wol nicht leicht jemand in erster Knie den teufel erkennen, 
sondern näher liegende beziehungen gelten lassen; Veiten hat meines 
erachtens mit dem teufel (välant) überhaupt nichts zu tun, ist viel- 
mehr aus Valentin hervorgegangen (vgl. Volksetymologie 4. a. s. 281), 
der bekante geschlechtsname stamt jedesfals daher. Weit elier als 
Hammer dürfte dessen deminutiv Hemmerlein (auch Hemmerle 
und Hämmer le finden sich) auf den teufel zu beziehen sein; allein 



230 0' KETTNEE 

1) werden darunter auch der henker, sodann gaukler, zauberer und 
possenreisser , endlich der tod verstanden, 2) ist die zurückführung auf 
die altd. personennamen Hadumar und Hagimar (vgl. Hamers, Ha- 
merling, Hemmers, Hemmerling) keineswegs ausgeschlossen. 

BONN. K. G. ANDRESEN. 



ZUR DOMSCENE DES GOETHISCIIEN FAUST. 

Im augustheft des Teutschen Merkur v. 1775 s. 103 — 9 ver- 
öffentlichte Wieland „Serafina. Eine Kantate", wie er in der anmer- 
kung angibt, auf den „Wunsch einer durch Ihr Herz und Ihre Liebe 
zu den Musen noch mehr, als durch die glänzendste Geburt, grossen 
Fürstin, das Subjekt des Mönchs und der Nonne (im 3ten St. des 
T. M. von diesem Jahre) in einer Kantate musikalisch behandelt zu 
sehen." ^ Die fürstin ist natürlich die herzogin Amalia, jene dichtung 
die poetische erzählung „Sixt und Klärchen" (WW. ed. Gruber XXI, 
19; Hempel XII, 17.), ges. 1. — Nach einer kurzen einleitenden 
erzählung lässt Wieland Serafina die seelenkämpfe , in denen sie sich 
wegen ihrer sündigen liebe zu dem mönche verzehrt, monologisch aus- 
sprechen. Auf dem höhepunkte ihrer gewissensqualen bucht sie in 
folgenden ausruf aus (s. 107): 

Erzittre, Sünderin! 

Der Himmel ist vor dir verschlossen. 

Und zürnend wendet sich dein Engel von dir weg. 

Gott! welch ein Schauder fasset mich? 

Diese Mauern wanken! 

Die Erde weicht — der Abgrund thut sich auf — 

Wo flieh ich hin? — rettet, rettet, 

alle Engel, rettet mich! 

Ich meine, niemandem kann die auffallende ähulichkeit in den empfin- 
dungen und dem sprachlichen ausdruck derselben mit dem monolog 
Gretchens im dom entgehen: 

Mir wird so eng! 
Die Mauern-Pfeiler 

1) In 3er Hempclschen ausgäbe von Wielands werken, welche das grosse 
verdienst hat, die kleineren beitrage zum Merkur zuerst s)'stematisch gesammelt zu 
haben, ist auch dieses gedieht VI, 38 zuerst wider abgedruckt; leider finde ich 
sogleich in den oben mitgeteilten Zeilen die druckfehler Liebe zu den Menschen 
und im 31. St. 



DOMSCKNE DES FACST 



231 



Befangen mich! 

Das Gewölbe drängt mich! — 

Ihr Antlitz wenden 
Verklärte von dir ab. 

Wenn man auch zugeben wolte , dass die ähnliche Situation in den bei- 
den scenen zu ähnlichem ausdruck führen konte, so ist die Überein- 
stimmung hier doch eine zu wörtliche, als dass man sie für zufällig 
halten dürfte. — Wie aber ist dies zusammentreffen der beiden dich- 
ter zu erklären? 

Goethe brachte bekantlich, wie er selbst in den gesprächen mit 
Eckermann (II ^ 43) erwähnt, den Faust mit nach Weimar. Im 
november 1775 traf er daselbst ein. Als die ersten spuren der bekant- 
schaft des dortigen kreises mit der Faustdichtung führt v. Loeper ^ die 
anspielungen Wielands in dem gedieht an Psyche ^ im Januarheft des 
Merkur und die äusserung v. Einsiedeis in dem gedieht vom 6. Januar 
1776 an. Die möglichkeit, dassWielaud die Goethesche scene bereits 
längere zeit vorher gekant habe, ist indessen nicht geradezu auszu- 
schliessen. „Seit dem herbst 1774 pflegte Goethe scenen aus dem 
Faust seinen freunden und den durch Frankfurt reisenden Schriftstellern 
vorzulesen", 3 so im Oktober 1774 Boie, im folgenden märz Klopstock. 
Es wäre immerhin denkbar, dass einzelnes wol auch in abschriften 
cursierte. Wie frei man gelegentlich mit solchen verfuhr, zeigt in 
sehr auffalliger weise ein brief von Klamer- Schmidt an Bertuch vom 
16. febr. 1776 (mitgeteilt von Geiger in Sievers Acad. Blättern s. 19): 
derselbe bietet hier ganz unbefangen Goethes lied An Christel zum 
abdruck im Merkur an! — Man könte ferner anführen, dass Wielands 
cantate ein auf äussere veranlassung hin entstandenes werk ist, dass 
die halb spielende behandlung des Stoffes in der früheren dichtung hier 
einem vielfach gezwungeneu pathetischen tone platz gemacht hat, der 
doch nur selten über den librettostil sich erhebt, und dass jene stelle 
durch ihre dramatische kraft gegen das übrige etwas absticht. 

Indessen diesen annahmen gegenüber fält doch das äussere 
chronologische Verhältnis der beiden dichtungeu schwerer ins gewicht. 
Ausserdem hat Seuffert in der Z. f. d. A. 26 (1882) s. 252 fgg. die 
vielfachen eiuflüsse Wielauds auf Goethes dichtungen bis zur Iphi- 
genie nachgewiesen und in der einleituug zu seiner ausgäbe des Faust- 

1) Einl. z. ausg. v. 1879 s. VIII. 

2) Hempel XXIX, 251. Sie beziehen sich auf die erste scene, ja enthalten 
direkte citate aus derselben, vgl. Seuffert, deutsche litteraturdenkmale V s. IX. 

3) V. Loeper a. a. o. VII. 



232 G. KETTNER, DOMSCENE DES FAUST 

fragments s. III — IX auf die bezieh ungen, in denen gerade dieses werk 
zur Musarion uud vor allem zur Wahl des Herkules steht, aufmerksam 
gemacht. — Für die abhängigkeit unserer seeuo von Wielands cantate 
möchte ich namentlich noch die eigentümliche dramatische form 
derselben geltend machen, sie ist wie jene ein melodrama, recitativ- 
artig gehalten, in freirhythmischen, reimlosen versen (in Serafina sind 
nur vereinzelt kürzere gereimte Strophen — wol als arien zu den- 
ken — eingestreut). Auch dort wird der lyrische monolog eingeleitet 
und unterbrochen durch eine zum teil in die form der teilnehmenden 
anrede übergehende Schilderung des zustandes der Serafina. — In 
Weimar scheinen solche melodramen besonders beliebt gewesen zu 
sein; ausser Wielands anmerkung spricht dafür, dass Goethe in den 
ersten jähren seines dortigen aufenthalts das monodram Proserpina 
dichtete und dass Schiller in seinen späteren dramen die monologe 
(der Maria Stuart, der Johanna, der Beatrice) ganz in diese form 
übergehen Hess: es sind eigentlich kleine, ganz in sich abgeschlossene 
melodramen. 

Ist danach doch wol die priorität der Wielandschen cantate zuzu- 
schreiben, so ist damit ein neuer anbaltspunkt für die spätere entste- 
hung der domscene gewonnen, welche Schröer in seinem Faust- 
commentar bd. I s. LXXI — LXXIV (vgl. auch XL VI) wahrscheinlich 
gemacht hat , während Scherer bekantlich dieselbe dem ersten entwürfe 
des Faust in prosa zuweisen und ihre entstehung in das jähr 1772 ver- 
setzen wolte.^ 

SCHULPFOETE, AUGUST 1886. GUSTAV KETTNER. 



DER „DRAMATIKER" MARCUS PFEFFER. 

Im Archiv für Litteraturgeschichte XII , 46 — 60 habe ich den 
nachweis geliefert, dass der Biaunschweigsche rechen- und schreib- 
meister Marcus Pfeffer aus Falkenau in den hochdeutschen scenen 
seiner 1621 zu Wolfenbüttel erschienenen „sehr schönen, lieb-, nütz- 
und tröstlichen Comoedia aus dem Buche Esther" Valten Voiths 
Drama von der Esther (Magd. 1537; wiedergedruckt in Publicationen 
des litterarischen Vereins, nr. 170, s. 155 — 205) fast ganz aus- 
geschrieben hat. Wenn ich damals annahm , dass diejenigen scenen, 

1) Die aadcutungen in „Aus Goethes Frühzeit" s. 78 fgg., s. 86 sind jüngst 
genauer ausgeführt im Goethe- Jahrb. VI, 237 — 245, besonders s. 240. 



HOLSTEIN, MABCDS FFEFFKB 233 

die nicht mit Voith übereinstimmen, auf Pfeffers eigene erfindung zu- 
rückzuführen seien, so kann ich jezt nachweisen, dass er diese scenen 
grosseuteils dem „hübschen vnnd Christlichen Spiel des gantzen Buches 
Esther" entnommen hat , welches der Corbacher Geiger und Buchbinder 
Andreas Pfeilschmidt aus Dresden im jähre 1555 zu Frankfurt am 
Main erscheinen Hess. Dieses von Goedeke II, 362 nr. 155 erwähnte 
drama wurde, wie der titel sagt, „von einer ersamen Bürgerschafft der 
Stedte Cörbach" in dem genanten jähre neu gespielt und erlebte infolge 
einer zu Cöln veranstalteten aufführung eine zweite unveränderte auf- 
läge, welche im jähre 1581 zu Strassburg im druck erschien. Da 
diese ausgäbe noch unbekant ist, so teile ich den titel mit. 

Ein hübsch | Ynnd Christlich Spiel des | gantzen Buchs Esther, 
Darinnen | schöne vnnd Tröstliche Exenipel vor- | fasset sind , New 
gespielt vonn einer | Ersamen Bürgerschafft der Stadt | Colin, in 
Keim vnnd Spiels | weyse verordnet | [bild: Esther vor dem könig 
knieend. ] Gedruckt zu Strassburg | jhm Jhar vnsers HErrn | 
M. D. LXXXI. 64 Bl. 8. (Exemplar in Berlin, königliche biblio- 
thek, Yp 9486.) 

Diese ausgäbe erschien anonym und ohne die vorrede der ausgäbe 
von 1555. 

Auch die argumeute Pfeffers sind ein auszug aus Pfeilschmidt. 
Da Voith überhaupt auf die Inhaltsangabe der einzelnen akte verzich- 
tet, so musste der plagiator zu seiner zweiten vorläge greifen. Wir 
wählen zur vergleichung das argument des zweiten aktes. 

Pfeilschmidt. — — — — 

Was aber mehr geschehen sey, 

Wirdt euch der ander Actus frey 
Erkleren vnd auch zeigen an, 

Wie das des Königs Kemrer han 
Dem König geben solchen rath, 

Dass er solt widder an Yasti statt 
Ausssuchen lahn ein Jungfraw fein. 

Wo in solchs deucht gerathen sein. 
So solt man schicken auss zu handt 

In seinem Keich in alle Landt, 
Wo man kem schöne Jungfrawen an, 

Solt man brengen gen Schloss Susan. 
Welche den gefiel des Königs Gnad, 

Dieselb solt sein an Vasti statt. 



234 HOLSTEIN 

Da schickte Got durch seinen rath, 

Das Ester fand beim König genad, 
Das sie dem König that gefallen 

Für den andern Jungfrawen allen, 
Und machte sie zur Königin, 

Ester aber war ein Jüdin. 

Das ir mit fleiss wolt hören an, 
Was dieser Actus zeiget an. 
Pfeffer: Der ander Theil von vnserm Spiel 
Ist kurtz vnd ist desselben Ziel, 
Dass er vns weist auff diese Bahn, 
Wie sämptlich die Cämmere han 
Dem König geben solchen Kaht, 

Dass er sol wieder an Vasthi stat 
Ausssuchen lahn ein Jungfraw schön, 

Die sey ghorsamb und unterthan. 
Darauff der König thet zu band 

Ausssehicken in sein gantzes Land, 
Zu suchen der Jungfrawen viel, 

Als solchs geschehn, herkam das Ziel, 
Dass sie zum König müsten gähn, 

An welcher er wird gefallen han, 
Sol Köngin werden au Vasthi stat. 

Gott schickt, das Esther fand genad, 
Dass sie den König thet gefalln 

Für den andern Jungfrawen alln, 
Vnd that sie machn zur Königin, 

Solches solt jhr alles sehen fein, 
Darumb hab ruh vnd fein still seyd, 
Zu dienen auch wir sind bereit. 
Um zu zeigen, wie Pfeffer bald aus der ersten, bald aus der 
zweiten quelle schöpfte , führen wir die einzelnen teile der 6. scene des 
2. aktes an. 

1) Der könig fordert den kämmerer Hagai auf, zu berichten, 
wie ihm die ausgewählten Jungfrauen gefallen haben. 6 verse aus 
Pfeilschmidt mit sehr geringen änderungen , z. b. v. 5 und 6 : 
Pfeilschmidt: Nun lieber Hagai, sag doch mir. 

Den Bescheid, wie sie gefallen dir. 
Pfeffer: Mit gutem Bscheid wolst sagen an, 
Wie sie dir all gefallen han. 



MAKCÜS PFEPFER 



235 



2) Hagai berichtet, dass ihm Esther wol gefallen habe. 18 verse 
bei Pfeilschmidt, von denen Pfeffer die ersten 12 benuzt. 

3) Der könig fordert die kämmerer auf, die Jungfrauen in den 
saal zu bringen. 6 verse bei Pfeilschmidt, dieselben bei Pfeffer. 

4) Derselbe unterrichtet die fürsten von seinem vorhaben, Esther 
zur königin zu erheben. Yon 18 verseu Pfeilschmidts wählt Pfeffer 
die ersten 14, 

5) Hagai rät der Esther, sich sieben Jungfrauen zur begleitung 
auszuwählen. Pfeffers einschiebsei. 

Hagai: Hör Esther, du solst vorm König stahn, 

Welch Jungfraweu solln mit dir gähn? 
Esther: Was euch gefeit das thut mit mir, 

Nicht mehr wil ich begehren hier. 
Hagai: Nembt siebn schön Jungfrawn mit euch, 

Tret für den König alle gleich 
In schön und Zucht, euch halt in Hut, 

Gott bald mit euch gross Wunder thut. 

6) Der könig empfängt Esther und die Jungfrauen, a) 4 verse 
bei Pfeilschmidt und Pfeffer; b) 22 verse bei Voith und Pfeffer; c) 2 verse 
bei Pfeilschmidt und Pfeffer. 

7) Gespräch zwischen könig und Esther. 4 verse bei Pfeilschmidt 
und Pfeffer. 

8) Der könig fordert zum trinken auf und erhebt die Esther 
zur königin. 22 verse bei Pfeilschmidt, von denen Pfeffer v. 5 und 6 
sowie die lezten 6 nicht benuzt. Statt der lezten 6 wählt er dagegen 
4 von Voith und lässt darauf noch 10 andere aus Voiths vorläge fol- 
gen. Hier zeigt er wider, wie ihm das Verständnis der Voithschen 
spräche abgeht. 

Voith : Ich güns ir auch von hertzen wol, 

Hoff, desgleichen ir allzumol. 
Pfeffer: Ich güns jhr auch von Hertzen wol 

Auff dessgleichen jr alzumahl. 

9) Esther weist die ihr angetane ehre bescheiden zurück. 4 verse 
bei Pfeilschmidt und Pfeffer. 

10) Der könig bestätigt nochmals Esthers königliche würde und 
fordert die geladene geselschaft zu einem tanze auf. 16 verse bei Pfeil- 
schmidt, deren zahl Pfeffer um 2 vermehrt, indem er nach dem vier- 
ten folgende einschiebt: 

Lauff, thu solchs vorkünden bald. 
Was ich gered gantz vberaU. 



236 HOLSTEIN, MARCUS PFEFFER 

Ebenso verfahrt Pfeffer in der 1. scene des 4. actes, in welcher die 
berufung Hamans zum ersten beamten des reiches erfolgt. Zuerst 
wählt er 20 verse aus Voith und schliesst daran ebenfals 20 verse 
Pfeilschmidts. Aus diesen versen sezt sich die rede des königs zusam- 
men; die dann folgende rede Hamans, der Pfeilschmidt 16 verse wid- 
met, beschränkt Pfeffer auf 6 und erlaubt sich dabei eine änderung. 

Pfeilschmidt: Weils aber doch also soll sein, 

Das ewer gnad begeret mein 
Zu solcher gewalt vnd hohen ehren, 

Welchs ich doch nie hab thun begeren, 
Sonder geschieht auss gunst vnd gnad, 

So will ich ewer Majestät 
Ynderthenig gedancket han, 

Darneben mich auch vuderstan. 

Pfeffer: Weils aber doch also sol sein, 

Das Ewer Gnad begehret mein, 

So wil ichs gegen Ewer Mayestat 

Vordienen allzeit früh vnd spat. 

Darauf erwidert der könig bei Pfeilschmidt in 8, bei Pfeffer in 
4 versen. Das gebet der Esther (bei Pfeffer Y, 2) , das ich im Archiv 
XII, 56 Pfeffer zuschrieb, steht bei Pfeilschmidt, und Pfeffers ände- 
rungen sind gering, aber auch nicht einmal glücklich. 

Pfeilschmidt: Ich hab auch alle meine tag 
Gedruncken nit den Opffer wein, 
Kein freud gehabt dan dich allein. 
Pfeffer: So hab ich auch nie all mein Tag 
Vom Opfer getruncken kein Wein 
Kein Frevrd gehabt denn ich allein. 

In Pfeilschmidts vorläge lautet auch der 16. vers richtig: 
Kein Lust bey den Gottlosen hab, 

während es bei ihm heisst: 

Kein Lust bey dem Gottlosen hab, 

Nimt man nun dazu die tatsache, dass Pfeffer in den nieder- 
deutschen scenen von Nicolaus Locke („Comödie vom ungerathenen und 
verlornen Sohn" 1619) und durch diesen von Gabriel Rollenhagen 
(„Amantes ameutes" 1609) abhängig ist, so bleibt für den „drama- 
tiker" Pfeffer fast nichts mehr übrig , was als sein eigentum zu betrach- 
ten ist. Aber man möchte sogar bedenken tragen, ihm mehr zuzu- 



KNUST, ZD STKINHÖVELS AESOP 237 

schreiben, als die geringfügigen änderungen, die er vorgenommen hat, 
und vielleicht wird aus den bibliotheken noch eine unbekante „Esther" 
hervorgeholt, die Pfett'er für diejenigen teile seiner mosaikarbeit benuzt 
hat, deren Ursprung vorläufig noch nicht nachgewiesen ist. Im übrigen 
ist die mühe, diesen spuren nachzugehen, wenig lohnend: nur der lit- 
terarhistoriker registriert die wenig erbauliche tatsache, dass der wol- 
bestalte schreib- und rechenmeister zu Brauuschweig ein plagiator 
ersten grades gewesen ist, der aus verschiedenen, Von ihm nicht genan- 
ten vorlagen sein elendes machwerk zusammengesezt hat. 

WILHELMSHAVEN. H. HOLSTEIN. 



NACHTRAG ZU XIX, 197 fgg. 

Zu meinem in dieser Zeitschrift bd. XIX, s. 197 — 218, abge- 
druckten artikel über Steinhövels Aesop habe ich noch folgende bemer- 
kung zu machen. 

Als ich den vorigen winter in Barcelona zubrachte, fand ich 
dort in einem kleineu laden für volkslitteratur in einer winkelgasse, 
an denen die alte stadt so reicli ist, eine neue aufläge des katalo- 
nischen Aesop, die, wie so viele andere erzeugnisse, das bestreben, 
das Katalonische zu einer selbständigen litteratur zu erheben, bekundet. 

Faules | de Isop, | Filosof moral, | 
y de altres famosos Autors, | corregidas de nou. | Vignette | San Ger- 
vasi: | Estampa de Torras, carrer de S. Eusebi nüm. 6. | en lo any 
1885. Rückseite: Holzschn. des Esopus. Prolech al Lector s. 3 — 6. 
La vida del aeudissim y preclarissim Filosof moral Isop, s. 7 — 71; 
Las faules de Isop in 8 büchern, s. 72 — 326. Folgt noch eine Paula 
de Faules auf 6 s. , alles wie in der vorigen ausgäbe. 

Es ist dies, wie ich glaube, nach der vergleichung von I, 20; 
V, 12; VII, 11 und 23, versichern zu können, ein genauer abdruck 
der vorhergehenden ausgäbe, wenn auch die Seitenzahl verschieden ist. 
Dies rührt daher, dass hier 33 linien statt der 24 der vorigen ausgäbe 
auf die volle seite kommen. 

So wirkt Steinhövels werk nach vierhundert jähren noch fort, 
wenn auch in einer weise, wie er es nicht geahnt. 

LEIPZIG, 28. MAI 1887. HERMANN KNUST. 



238 



MISCELLEN UND LITTERATUR. 

, LEXIKOGRAPHISCHES. 

Schlesisch. 

Im jähre 1868 legte icli in Schlesien eine kleine wörtersamlung an und ver- 
volkomnete sie zu Breslau, wo ich im hause des prälaten herrn dr. Lorinser gast- 
freundschaft genoss. In Bonn verfehlte ich nicht von zeit zu zeit nachtrage einzu- 
legen und unbedeutendes auszumerzen. Meiue Vorliebe für Schlesien hat ihren grund 
darin, dass ich mütterlicherseits dorther stamme, vor allem aber darin , dass ich an 
Karl Weinholds dialektforschung zu lernen anficng, wie man es auch im Schwä- 
bischen machen könte. Seine schrift begleitete mich tag und nacht. Ihm, sowie 
herrn Lorinser sage ich hier öffentlich meinen schuldigen dank! Ohne diese beiden 
herren wären folgende lexikalische beitrage unmöglich gewesen. 

Quellen: 
A: Sammlung von Natur- und Medicin- Wie auch hierzu gehörigen Kunst- und 
Literatur -Geschichten So sich Anno 1717 in den 3 Sommermonaten in Schlesien 
u. 8. w. begeben — als ein Versuch ans Licht gestelt von einigen Bresslauischen 
Medicis. Bresslau Sommerquartal 1717 (bey Mich. Hubert 1718). 4°. Ferner 
Jahrg. 1725. 1726. 
B: Der Kayserlichen Stadt Bresslaw vornewerte Gerichtsordnung und Prozess anno 

1591. 2". Kaufordnuug 1608. Bauordnung 1605. Gesindeordnung usw. 
Kuudmann, Joh. Christ., Eariora Naturao et Artis ; Seltenheiten der Natur und 

Kunst. Bresslau & Leipzig 1737. 8". 
Leieheurede I. Christlicher Ehfrauwen Loblicher Ehrenschmuck. — Leichenrede 
auf Ursula Profin (Namsslaw) durch Andream Eccardum , Pfarrern daselbst. Ge- 
druckt zu Geisse bey Joh. Seyiferten. 4*. 1644. — II. Labsal für fromme an 
Leib- und Seel geängstigte Christherzen bey volckreicher Sepultur des weiland 
ehrwürdigen achtbaren und wohlgelarten Joachimi Profil Jaurani. 1638. 4". 
Bresslaw. 
: Oesterreich Über alles wann es nur will Das ist wohlmeinender Fürschlag wie 
mittelst einer wol bestellten Lands -Oecouomie die Kayserl. Erbland in kurzem 
über alle andere Staat von Europa zu erheben und mehr als einiger derselben, 
von denen andere Independent zu machen. Durch einen Liebhaber der Kayser- 
lichen Erbland Wolfart. Gedruckt im Jahr Christi 1684 (ohne Druckort), kl. 8'>. 
303 SS. Der verf. ein Schlesier. 
Scheibel: Witterungen. Ein Historisch- und Physikalisches Gedicht. Von Gott- 
fried Ephraim Scheibel. Gymn. Elisab. Collegä in Bresslau. Bresslau bey 
Carl Gottfried Meyern 1752. S°. 228 ss. und vorrede. 
Statuta und Sanctiones von Schlesien sind bei den daraus genommenen artikeln 

jedesmal besonders genant. 
Steinbeck , Aemilius, Geschichte des Schles. Bergbaues. Breslau 1857. II voll. 
V: Georg. Anton Volkmann, Phil, und Med. Doctor, auch Practici zu Liegnitz: 
Silesia Subterranea oder Schlesien mit seinen unterird. Schätzen , Seltsamkeiten 
usw. Leipzig, Moritz Georg Weidmann. 1720. 4". 
Z: Johann Friedrich Zöllner, Briefe über Schlesien, Krakau, Wieli9ka und 

die Grafschaft Glatz 1791. I. Theil. Berlin 1792. II. Theil. 1793. 
Zobel, Salomo, Schlesischer Erntekranz (hsg. v. E.Zobel). Breslau 1876. Selbstverl. 



BIBLINGER, LEXIKOGEAPHI8CHE9 239 

Abendivelt f. abendland. So kam der grosse frost, der unsrer abendweit, beson- 
ders Oesterreich, ein tödtliches schrecken machte. Scheibel Witterungen 23. 
Barbarey in unsrer abendweit 122. 

Abgelten: bis solche 700 schwere margk voUkomblich abgegolten und gezalt 
worden. 1615. Cod. D. SU. IV, 231. 

Abkündigen: den 7. Oktober wurde in unserer Bresslauischen pfarrkirche zu Maria 
Magdalena eine alte frau abge kündiget, die ihr alter auf 105 jähre gebracht 
und den 30. Sept. gestorben, A 1725. Sept. 317. DWB. I, 65 aus Schweinichen 
im gleichen sinne. 

Abgemaiet part. adj. verblüht; zu abmalen, mai, in einem hochzeitscarmen v. 1645, 
wo von einer alten Jungfer als braut die rede. 

Absatz: abwechselung? pause, Unterbrechung: die Witterung von diesem monat hat 
2 general- und algemeine absätze gemacht — bis die kälte im andern absatze 
hereinbrach. A 1718. Jan. 514. 

Absippern: von der feuchtigkeit. A 1717. Dec; 388. Zudem nd. sipen, siefern b. 
Matthesio = heruntersiefern , -tropfen. 

Adelschaft f. der adel. A 1718. Apr. 945. Auch bei Logau ; Schiller machte es aus 
eigenem sprachschöpfungsgeist. 

Adlerstein, «frtr/jf: was aber zuweilen die marckschreyer den bauren und albern 
leuten davon vorschwatzen, wie nemlich dieser stein denjenigen, der ihn nur 
bey sich trüge, verliebt, reich, glücklich, stich- und schussfrey und bey 
allen leuten angenehm mache, dass er alle gifft auch in einer speise, wann 
man ihn nur unter die Schüssel legte , da man selbige unmöglich hinunter schlin- 
gen könne, verrathe — das gehöret unter die betrügereyen. Und was andere 
darvon vorgeben, dass sie bey schwangeren weibern eine schwere geburt beför- 
dern und in geburtsschmertzen dienlich seyn sollen, ist ein aberglaube bey 
uns auff den Sand Hügeln beym Closter Trebnitz. V 68. Kundmann 
126 fgg. — Theophrastus v. d. steinen, übers, v. Baumgärtner s. 32: gegen 
schwere milchabsonderung und geburt. 

Aeugster, Engster: solche engster waren die Sodomoten; — ein angst er. 
Leichenrede II (1638). Bei Luther = vexator. Vgl. Weinhold Wb. 6": Angst. 
Bei Kundmann: Banghasen. 

Anhängllng in der bau o. 1605: der rinnen anhenglinge mit eisen angemacht. Bei 
Löhenstein Arm. für assecla. — Was man an dem magen der aalrupen vor frosch- 
beine oder zähen angiebet, vor blosse anhänglinge des magens hält und sich 
das alte Sächsische Sprichwort Es ward ein quapp no nie so gü.t 

Sie hefft in sick ein patten (frösch) füth 
nicht verführen lasset. Kundmann 406. 

Anschlägel an einem flintenschlosse : der stab mit einem schlösse und angesteckten 
anschlägel ist etliche mahl verfertigt usw. Kundmann 679. 

Anspring, mentagra, crusta lactea: eusserlich trocknet er eingestreuet (Bolus) die 
wunde und geschwüre, heilet den brand und an spring. V. 284. Auch südd. 
neben Ansprung. 

Anstoss m. krankheit, algemein: allerhand anstösse erdulden. Leichenrede U. 
Sobald sie einen anstoss erleiden A 1718. Apr. 947. Das Zeitwort mit dem 
namen einer krankheit algem. 

Asch st. m. blunienasch, blumentopf, milchasch gefäss für neugemolkene milch. 
Klein deutsches provinz. wb. 21. Weinhold wb. 7. DWB. I, 578, wo ganz aus- 
drücklich auf Schlesien gedeutet wird. 



240 BI&LINGEB 

Anfacht haben, fleissige in d. Newoa gesinde o. v. 1608; algem. 

Aufkrausen: und der so künstlichen natur (corallengewächse) nur mangelt, dass 
sie diese wie die fontangen- steckerin aufkrause und in Ordnung bringe. Kuml- 
mann 182. Bei Lohenstein und Opitz. Nhd. aufkräuseln. 

Auflauf: im winter durch gemachte aufflauffe und brücken zwischen den felseu 
auf Schlitten herausbringen. Kundmann 19. 

Auflaufen st. V. trans. Dosgleichen weil das junge volk bey ehrlichen Zusammenkünften 
dem frauenzimmer und andern Icuten , so sich in die ruhe geleget, die kam- 
merthüren, dem wirth auch die kcllerthüren aufzulauffen und allerley muth- 
willen und unschambare wort zu treiben unterstehet. Sanct. 1577. S. 101. Zum 
DWB I 683 oben 10. 

Aufleuchten: solte ein Ungar — seinen wein, Steinsalz, wolle nach Wien zu 
kautf bringen , ich meine, es würde ihm aufgeleuchtet werden. 205. Heute 
sagen wir: heimleuchten, heimschicken. Fehlt DWB. 

Aufmästen, saginare: gemeine vierschrötige weiber, die oft bereits eine alte und 
grobe milch haben , überdies auch noch reichlich und mit den nahrhaftesten spei- 
sen aufgemästet werden. A 1718. Aprilis 925. Auch bei Lohenstein. 

Aufschrammen trans. als schon der wolff ihme am balse gewesen und durch sein 
dickes halstuch die haut des halscs etwas aufgeschrammet. A 1725. Januar. 
s. 80. DWB : leicht ritzen. 

Aufstössig adj. 1) morbidus, aegrotus : sie ist fast bei einem halben jähr imd län- 
ger immerzu aufstössig und unpässlich, auch meistens lagerhaft gewesen. 
Leichenrede I; DWB I 752; die beispiele von tieren und nur eines von menschen. 
2) Von Striegau : der winter 1726 ist wegen der gesundheit anfänglich eben 
nicht sonderlich aufstössig gewesen. A 1726. Aprilis 424. 

Ausfordern, Ausforderuug : wann aber sich auch durch das mutwillige freventliche 
ausfordern viel erschreckliche morde — begeben, so soll ein jeder der einen 
andern auf dem lande und städten ausfordert — von der obrigkeit, unter welcher 
solche ausforderung geschiehet, gefänglichen eingezogen usw. Sanct. 1577 
s. lUO. Die ausforderung aber auf büchsen und röhr s. 101. Zum DWB I, 860. 

Aussäßig: adj. wer sich in städt und markten bei uns aussäßig machen will, sich 
hineinkaufen muss. 275. 

Aussatz m. Sollen die fugitivi obigem aussatze nach gestrafet werden. Sanct. 
1652 s. 137. Soviel das gesinde anreichet; dabey aber zu mercken , dass die- 
ser au SS atz des gesinde -lohnes allein auf fremd gesinde gerichtet s. 139. Für 
publicierung dieses aussatzes a. a. o. 

Aussaueru: dass der hochliegende, nunmehr aber schmelzende schnee durch allzu- 
langes stehen die saate aussauren und zur trespe bringen könte. A 1718. 
Febr. 665. 

Ausschweifen: so hoch man hier und dar 

Wo selbst der erden grund ganz ausgeschweifet war 
Scheibeis Witt. 10. DWB I, 964. 

Bahnen, bahnen: Weg bahnen A 1718. Febr. 628. Bei Tralles und allen Schlesiern. 

Bandmühle: neben bandwürker, -ereien, -raacherei kommen die Webstühle jener 
unter dem namen bandmühlen vor 219. 

Banse, der ort in der scheune, darin das unausgedroschene getreide in der ernte 
aufbewahrt wird. Klein I 38. 

So roggen, weizen, gerst als häber fasste kaum 
Vor grossem überfluss der weiten bansen räum. 



Lexikographisches 241 

Scheibeis Witterungen 6. Der ström riss die bansen ein 12. Bansen auslee- 
ren 104. 117. DWB I, 1119. „Banzer" in der aleiu. Baar. 
Bappe f. der niund, das maul, z. b. halt die bappc! scliweyg, sei stille! Klein 

wb. 39. 
Bürtlin, brustlatz: einer iilern ein sammot bärtlin. 1615. Cod. Dipl. Sil. IV 231. 
Baude 1) als gebirgsbütte bei Trallcs: 

Und bei seiner macbt und boheit der nicbts als der bimmel gleich 
Wird die baude zum pallasto das gebürge zum königreich 32. 

Mancher fremdling | gehet wenn der athem still und der volle tag sich neigt. 
Langsam und mit kurzen schritten auf die letzte baude zu 35. 

In der sog. letzten baude wurde mir ein fremdenbuch vorgelegt. Vorrede. 
2) Keller und beudlein für viktualieu. B. Kaufordn. 1608. Dass sie nichts desto 

weniger solche victualia in ihre heuser, keller und beudlein einsetzen lassen. 
Beckerlid, bäckerladen V Gebt uns brodt! 

Wie drängte sich das volck um unsre beckerlüder! 
Ja viele trat die wuth daselbst zur erde nieder. 

Scheibel Witt. 18. 
Beililiudig adj., weil ich seine nachrichten itzo nicht bey händig habe. Schei- 
bel 90 aiimkg. 
Beilegen, beistimmen: so kan ich änderst nicht, als solchem Sprichwort (dass wir 

ziemlich dichten Verstandes) der Franzosen guten tlieils bey legen. 80. 
Beisserin f.: ist keine beisserin und höneriu wie Michal. Leichenrede I. 
Beissig adj. vom regenwasser, das mistpfützen, cloaken ausgcspület, „dass solches 

sehr beissig seyn müssen. Manche kriegten davon gar eine art von friesel." 

Scheibel, Witt, anmkg. 15. 
Bekratzeu: bäume beraupen , beschneiden, bekratzen. Sclieibel Witt. 124 anm. 
Bekleibeu noch im alten verstände: haften bleiben, anschlagen: 
A Leechtsinn wil a erst vertreiba 
So möchte suster nih bekleiba, 
De huxt; usw. Zobel 6. 
Beinutigeu: und eben vorermelte Versicherung der consumptiou und daunenherige 

gewisshender gewinns wird die capitalisten bemuthigen mit ihren baarschaften 

losszubrechen. 159. 
Beuentlich adj. Dass die herschaft das geld, ben entlich einem recht tüchtigen, 

erfahrnen schäferknecht — ' geben solle. Sanct. 1652 s. 137. 
Besackuug: bey der übermässigen besackung der kinder, sonderlich mit derben 

klössigen müssern usw., item mit vielen kalten, nachtsauffen, wird die gehörige 

praeparatio und digestio gehindert. A 1718. Aprilis 25. 
BescliAvängerung f. (vom winde), nachdem nemlich die gemeinschaftliche dampf- 

besch wängerung oder ausleerung derer plagarum einen algemeinen druck und 

bewegung der lufft macht usw. A 1718 s. 937. 
Besteifuug f. Aber nicht umsonst erfordere ich die besteiffung und den stren- 
gen , unerbittlichen nachdruck in der exekution. 159. 
Besteituus: dass Franzos, teutscher reichs- stätter der nur* V2 jährlein bei uns brot 

und salz gessen, unsere besteltnus darinnen nicht auf dengrund sehen müsse. 

129. 
Bestrilckuis f. Von Klotho bestruckniss; echt schles. wort. Leichenr. I, II. teil: 

Carmen. DWB. I, 1685 hat nur schlesische belege. 
Beurberung, Urbarmachung bei Scheibel Witt. 144 anmkg. 

«EIT8CHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 16 



242 BIRLINGER 

Bevolkeu: die städte sind (zur zeit der blute der leinwandweborei) zwei und drei- 
fach mehr bevolcket {j:e\vesen ü 112. 

Bevolkung': oder um nieister zu werden sich mit alten weibern behencket, so alles 
der bevolckuiig hindernus bringt. 274. Bevolckung so durch ein erspriess- 
licheres gewerb hätte mögen befördert werden 276. — Noch ist die bevolckung 
der lünder eine der höchsten Staatsangelegenheiten 114. 

Beweiiilich adj. Unter diesen nicht genug bcweinlichen verlust und unstorn 
der alten bergwerk. 107, 

Bierbrunuen: ZU, 325 sagt; Schwenkfeld in Catalogo Stirpium et fossilium Sile- 
siae: die Säuerlinge heissen nach schlesischer mundart: bierbrunnen. So nen- 
nen die gemeinen leute ihn noch. 2 entspringen an der schlesischen grenze 
innerhalb des riesengebirges im westlichen winkel gegen die Lausitz hin , welche 
von den einwohnern bierbrunnen genant werden, weil sie die färbe und den 
geschmack des speisebiers haben. 

Bierlaud: herentgcgen aber sind die Bierländor so viel embsiger. 89. 

Bierschiclite f. Den lohnschaffern ist bei verlust ihres postens befolen den berg- 
leuten weder auf dem gebirge noch in den dörferu blauen montag oder sog. 
hier schichten zu gestatten. Steinbeck I, 144. 

Biesen: dumm oder wild thun, die ochsen biesen, werden wild (auch alera.) 
Klein wb. I, 48. Berndt ebenfals als hirtensprache. 

Binge: vornemlich auf dem alten perge (Zuckmantel) so grosse gewaltige pingen, 
viel schürf und scliächt am tage erscheinen. A 1717. Nov. 348. Dergleichen 
erscheinen auch viele alte pingen und gebeude an dem berge 348. Die alten 
pingen, steingerite und die verbrochene gründe. In den alten hingen zu Hasel 
im Liegnitzischen V. 31. 

Birnstein stets bei Kundmann für „bernstein" 219 fgg. 

Blasig adj. Man Hess ihr ein gut teil blut ablaufen , welches sich sehr jäschtig 
und bläsig zeigte. A 1726. Junius 719. Bläsichte glasscheibe Kundmann 
659. — Blaublässige blättern A 1717. Aug. 131. 

BleicLeu: wer gut weicht, der gut bleicht, oder gut geweicht, ist halb ge- 
bleicht. Z II, 137. 

Braxiiieschlageu n. Bedient man sich in Schlesien zugleich des schröpfens und 
des meist impertinenten bräune-schlagens. A 1718 s. 946. 

Bremmel oder zuchtochse. A 1718. Majus 1070. 

Briukle, ein bisschen, ein wenig: 

Es is mer eegentlich guar schwippig 
Du bist a brinkla guar ze üppig. Zobel 5. 
Ne, itze komma's orste suain 
Nu fahlt am pforrn ke brinkla; 
Denn Avemma nu wiel 's weih vorkluain 
Do wehs ha schuun oll schminkla. Ebenda 69. 

Brüllen swv. Wenn der april brüllt, wie die landwirthe zu reden pflegen, so 
verspricht man sich ein fruchtbares jähr. Scheibel Witt. 98 anmkg. 

Brüsselbeere in A oft. 1718. Oct. 1711. 

Büschel, Bttschlein: kleiner wald: zu Strelitz in dem dasigen gar kleinen büsch- 
lein, die Luhe genant, ist ein schöner Iu.k gehezt worden. — Weil das büschel 
klein usw. A 1725. Nov. 581. Woinhold wb. 13 ^ 

Bude: Heringsbuden, welche 8 häuser mit lauben sind, worunter man beringe, 
Stockfische, butter, käse, toback, kreyde, röthe usw. feil hat (Breslau) Kundmann 328, 



LEXIKOQRAPHISCHES 243 

Däuling ra. Zu diesem platten -stücke komt denn einer mit einem zugeschärfften 
eisen, das teil -eisen genennet, setzet es auf dasselbe und hauet mit dem darauf- 
fallenden grossen hammer lange stücke herunter so däulingo heissen. Kund- 
maun 2GI*. 

Dohne: und nichts an ihm gespürot als dass die obersten und Schneidezähne in der 
doline gestanden, nicht aber durchbrechen wolten. A 1725. Aprilis 361. 

Dotterleithar: vornehmste eigonschaften eines guten leinsamens, dass derselbe 
hübsch blanck, rein und nicht viel dotterleithar lein oder seide in sich hal- 
ten solle. A 1717. Sept. 47. 

Dragoner siehe „Landdragoner." 

Drausshaltung f. Sothane consum])tion aber kann höher nicht versichert worden 
als durch die drausshaltung fremder eilekten, da dann die inländischen unfehl- 
barlich müssen von banden gehen 244. 251, So wolten wir uns gern befrie- 
digen, seine (Frankreichs) zu uns kommende guter ohne gäntzliche drausshal- 
tung bloss mit höhern eingangs- reell ten zu belegen 198. 

Dreidiug halten: in religions- und sittensachen auf dörfern eine Untersuchung und 
tagfart anstellen; auch „gottesding", „nächstending" geheissen. Klein I, 90. 
Wiesand Jurist. Handwb. 1762: 1). ein dorfgericht in Schlesien, welches geringe 
Sachen der dorfschaften entscheidet. — Der landvogt , der schulze , der erbherr 
des ortes machten das gericht aus. Alle bauern müssen sich einstellen. Fürstl. 
Oelssche landes-o. 

Dresehgärtiier : Da feyrte keinen tag der dreschegärtner müh 

Und unverdrossner fleiss. Scheibeis Witt. 7. 

Eichelschwein: Ein gutes eic heischwein 

Das erst der wald gemäst usw. Scheibel Witt. 134. 

Eiualteru swv. Das getreide in die bansen schichten: so wohl in der erndte das 
winter-. und somraergetreyde einaltern. Sanct. 1652 s. 136. Weinhold 0* (s.v. 
Alter). „Bansen" siehe oben. 

Ein- und auswinterung f. (der schafe). Sanct. 1G52 s. 135. 

Einschlief m. Unterschlupf: Einschlieff gewehren Bau-o. 1605. Unterschlieff- 
lich ebenda, 

Einschürig adj. Einschürige schoifereyen 214. Die oinschürige schoffe- 
reien in Böhmen. 101. 

Eintliun, sich, sich häuslich niederlassen: hat N. sich in Liegnitz auf eine zeit 
eingethan. Leichenrede L Zum DWB, wo diese bedeutung fehlt. 

Eimvitterung : der sog. ammonshörner coulour ist gleichfals nach dem unterschied 
der einwitterungen unterschieden V. 172. 

Enderlein (engerlinge) : sondern vom rosskäfer, denn dieser lege eine partie eyer in 
den mist, woraus die sog. enderlein, so eine made ist, würden. A, 1715 ist 
eine ungemeine menge enderlein verspüret worden. A 1718. Apr, 968, Ander- 
wärts „engerlinge." 

Entbrechen, sich: sich befreien, lösen: das sich der geladene vorher eutbrechen 
muss, ehe dann er mit einiger klagen -wider den kläger gehört und zugelassen 
wird. BressL Gerichts -o. 1591, DWB, III, 502, 3», Auch bei Schweinichen, 
Lohenstein, 

Entmüssigen, sich: man entmüssige sich nur etlich wenig jähre auser lands 
fabricierter seiden-, woll- und leinen -effekten usw. 12. 

Entmüssiguug f. Lähre stunden in einer zugleich lustigen und nutzbaren ent- 
müssigung löblich zu verbringen. 100. 

16* 



244 BIBLINGER 

Erbscliolzen : Grundbesitzer, deren vorfahren die anläge und eiurichtung eines 
dorfes bewerkstelligt hatten, zwischen den gutsherren und bauern mitten inne; 
sie waren im besitze gewisser Vorrechte , von der standschaft aber völlig aus- 
geschlossen. 

Ergrebig' adj. = ergiebig, wie bei Lohenstein oft: der fremden unfug mit allem 
ergebigen nachdruck zu steuern. Sanct. 1G95 s. 507. H. Eückert, Grünhagens 
ztschr. 7, 22. 

Eschelii: die gemeinsten sortcn der blauen färbe (Querbacher blaufarbenwerk) wer- 
den schlechthin blaue färbe oder auch nur färbe, die feineren e seh ein genant. 
Z II, 334. 

Faselhaft adj. Das gewisser ist so faselhaft, dass es kein so ungereimter scherz 
ist zu sagen , die Thciss in Oberungarn führe 2 teil wasscr und 1 teil fisch. 5G. 

Fermutter f. Mehr ein feermutter mit fünf jerigen schweinlin. 1617. Cod. 
Dipl. SU. IV, 282. Daneben fercklen. 

Fische, faule: unerbittliche bestrafiung des ersten oder andern, so mit faulen 
fischen ordappet wird. 158. 

Flämisch adj., sauer, verdriesslich Klein 116. Ich kann es mit fländern , flandern, 
fländcrer bei Berndt 35 nicht erklären. 

Flor blute bei Scheibel Witt, beliebtes wort: 

Beseht den flor der mark. Wie findt man alles grünen. 185. 
Der städte bürgerschaar 
Die sonst durch nahrungsflor begütert worden war 29. 
Wenn der flor der nahrung grünet 136. 

Floren imd schieiern: in frauentracht hüllen. Des Martin in Bolkenh. Kronik. Hoffm. 
in Script, rer. Lus. I, 1839. 

Frau, alte Spielerei schon von Freidank und Geiler v. K. her bekant: dessen wegen 
wird eine fraw genennet (froh) von der frewde : ein friedliches weib erfrewet ihren 
mann. Leichenr. I. 

Fryhet f. Essen zur verlobungsfeier 1615: den zweien unmündigen Schwestern, 
wenn sich dieselben inkünftig verehlichen möchten, sol er einer jeden eine fry- 
het auf zwene tische und eine aussgabe auf 4 tische machen. Die ausgäbe ist 
das hochzeitmal. Cod. Dipl. Siles. IV, 231. Frey et 234. 

Frühlingisch: dieser monat begonte nunmehr frühlingisch zu werden. A 1726. 
Aprilis 439. 

Fuder, wagenlast, häufe, masse: 

(Muss man) den mist aus stall und hof zu schweren fudern bringen. 
Scheibel 103. 

Fürbrüchig adj. Einen vornehmen für brüchigen Franzosen — wolte solches 
seiner nation fast zu nahe gesprochen duncken. 84. 

Fürbrüchigkeit f. Verstand (deutscher) was von den Franzosen esprit brillant 
genennet wird, und fast mehr in einer ungezähmeten fürbrüchigkeit im reden, 
deren man nur eine art zu geben weiss, als in einem absonderlich grossen Hecht 
der Vernunft bestehet 81. 

Gaatlich adj. hübsch, fein. Klein I, 131. 

Gänse heissen in der hochofensprache längliche, beinahe dreiseitig prismatische 
niassen von mehrern Zentnern , während die bleche breit und V/o zoll dick sind. 
Z 1 , 209. 

Gänseriu f. Das sich die gänserin des schlachten nicht elier unterfangen, dann 
bis die rechte gebürende zeit herzu kömpt. Bresl. Kaufs - u. Verkaufs - o, 1608. 



LEXIKOGRAPHISCHES 245 

Oäscht: von dickem schleim und gas cht gesäuberter angeschwemter bernstein. 
V. 270. 

Geil adj. Wo vor das beete fett und geilen grund geheget. Scheibel Witt. 16. 

Gekölster: dass der staub sonderlich bei reisenden starck in die lunge fuhr und 
ein gekölster. A 1726. Aprilis 544. Hörete man in der kirchen so ein geköl- 
ster. Junius 672. 

Gelde adj. unträchtig: 6 melke kiihe, eine gel de kalbe. 1615 Cod. Dipl. Sil. IV, 
232. Weinhold wb. 26''. Algem. oberdeutsch geltvieh, galtvieh. 

GepJirsicht: dr. Reimann aus Liegnitz berichtete, der canarienvogel hat sich ge- 
raume zeit nur immer auf dem boden des vogelgebauers aufgehalten und ganz 
gepärsicht dagesessen, doch das seinige noch verzehrt. A 1725. Nov. 558. 

Gepletscht: die meisten (aetites, steine) sind an der figur rund oder globos, etliche 
rund und breit oder gepletscht V. 68. 69. Zuweilen ein wenig gepletscht 71. 
Etwas geplatscht 94. Gehört zu pletschen: ein schwarzes golderz — das 
beste lasset sich pletschen V. 212. Pletsich adj. die blättern, obwol die rän- 
der davon schön rot bleiben doch pletsich mit kleinen grübgen. A 1825. Mar- 
tins s. 249. 

Gerade: stf.: Weil dann auch oftmals der gerade, erbe und heergewctto gedacht 
wird, so ist zu wissen, dass nach des mannes absterben zum gerade gehört 
alle des weibes kleider, fröwliches gebände, schmuck , cleynodia , ketten usw. 
Bressl. Ordngg. 1610. Zu Weinhold wb. 26 ''. 

Geraumlich: wie nun die Holländer wenig feyrtag haben, so können geraum lieh 
300 arbeitstag gerechnet werden. 123, 

Gerüste — welches so viel sei, als man mit zwei bergrösslein zu führen pflege 
(kohlen). Steinbeck I, 257. 

Geschösser m. Die verordneten gassenmeister, imd unsere geschösse r, wie vor 
alters gebreuchlichen zum wenigsten des jahrs zwier die fewrstädte besichtigen, 
Bau-, Zimmerl.-o. 1605. 

Geschwemme n. Blut-geschwemme. Kundmann 791. 819. 

Gesteide pl. Mieder: zwo macheyern gestelde, 2 mieder von geringwollenem 
Stoffe. 1615. Cod. D. SU. IV, 231. 

GewSschig adj. In denen mäulcrn derer ge wasch igen weiber, Kundmann 577. 

Gilbe f. Gilblicht adj. und gelbe, gelb wechseln bei V. miteinander ab. Aus 
der gilbe spielen wie ein feuer usw. Gilblicht 42. 

Glauch adj. Über den Natibus am creuze war ein tumor ferosus, ohngefehr einer 
geballeten band gross, so ganz glauch durchsichtig und voller seri war, dass 
man auch bei einem angezündeten und vorgehaltenen lichte den rückgrad dadurch 
sehen können. A 1717 s. 840. 

Gleichtage: der erste gleichtag usw. A 1717. Sept. 28. 

GUtschericht wie saiffe V 49. 

Gluehzen swv, von vögeln, bei Tralles: schwirren, gluchzen, zwitschern 12. 
Wackern agelVoc,^ 81. 82; dort ist nur ein „glucksen" von hühnern genant, kein 
„gluchzen" in dieser bedeutung. 

Gnadeukirchen in Schlesien , die sich äusserlich von privathäusern nicht viel unter- 
scheiden durften. Z I, 6. A 1725. Nov. 582. 

Goldner: goldwäschcr in Löwenberg. Bergrecht. Steinbeck I, 85. 

Gras: dann der kaufleute finesse ist unendlich, fürnemlich deren die in fremden 
gras weyden. 42. 



24Ö 



BIRLINGER 



GrJIserei: die gräserey kam selir schwach. A 1725. Martius s. 263. So litten 
manche wiesen und gräserey en an den austretenden Aussen schaden 495. Dem 
grossen soegen an gräserey a. a. o. Die gräserey war noch immer häufig und 
schön zu haben, so dem viehe wol zu statten kam. Nov. 5111. Die gräserey 
wuchs unvergleichlich A 1726. Aprilis 442. Ebenso häufig in den übrigen bänden. 
Scheibel Witt. 11: mit bunter gräserei das lustigste revier. Vgl. kräuterei: 
die k. kam auch in der ersten sehr gut fort A 172G. Aprilis 441. Junius 695. 

Grassierer: Sie (kaufleute mit nur ausländ, waarcn) können aber harren, biss sie 
etwan der inländischen grassierer und Verleger commissiones überkommen 172. 

Graswebe: mit bunter subtilen und dicht in einander verknüpften grasswehen 
belegtes feld und gesträuch. A 1717. Oct. 208. Von den fcld- und gras s we- 
ben dieses monats usw. 210. 

Graus m. Schutt, sand: (mist von rossen solle nicht weggoschaft werden) — es 
were dann das der bauherr des grauses vnd erden zur uotturft des bauens als 
beschüttung der gewölbe — bodürffend were. Bau-, Zimmerl.-, Maurer- o. 1605. 
Sonst ist graus = graupen, mehl usw. 

Griebs: An der nordseite ist nicht ein griebs vom obste zu verspüren gewest. 
A 1717. Jul. 55. Aus dem umbilicio oder griebs der berne Sept. 86. 

GrUbicht: dunckelblaue grübichte blasen. A 1717. Aug. 131. 

Grund-: Born- und grundgräber Bau-o. 1605, was alem. die friser sind. Das 
ganze cranium so der grundgräber zerschlagen. Kundmann 26. Grundigt 
und sumpfigt, von e. gegond. 1717. Malmitz. Eisenwerkbeschreibung, grund- 
wärts flössen vom felsen herab. Tralles 81. 

Grützlicht adj. vom ausschlag, juckend. A 1717. Dec. 388. V 77 redet von einem 
sog. Würbelstein an dem die striao undulat, erhöhet und grützlicht. 

Gur: wenn hergegen solche mineralische rauche sich nicht fangen oder figiret wer- 
den , auch nichts finden , was sie durchdringen können , so bleiben sie zuweilen 
nichts anders als wie flüsse bestehen , die alsdenn zusammengerinnen , welchen 
metallischen fluss, der uunmohro allererst zur erzcuguug fertig, alsdenn die berg- 
leute die gur, bcrggur nennen, so manchmal in den ganz alten klüften und 
in den steinen selbst herausschwitzt usw. V 196. 

Gurken, sieli: herausnehmen, sich einen Vorzug beylegen, eine freiheit herausneh- 
nehmen, besser als andere seyn wollen. Klein I, 173. 

Haberbier: gegen Hungarn und Polen, wo kein weitze gebauet wird, machet man 
auch haberbier, das an etlichen orten sehr stark ist. A 1718 s. 937. 

Habercur ebenda. 

Htigedrüse: so hörte N doch von einer häge-drüse in inguine reden, welche 
aber meist per spiritum Ther'acalem Camphoratum zertriebon sey. Kundmann 1141. 

Hciekelu, sich: worauf sich im stalle die tolle katze auch zu der andern magd 
begibt, kreucht ihr unter den rock, |iä ekelt sich immer weiter hinauf und 
boisst sie an das dicke bein. A 1725. Winter- quartal 79. 

Hackenbesitzer heissen in Kreutzburg die äckerbesitzenden bürger Z I, 192. 

Hallezen: scherzen, schäkern, dumm tun. Klein I, 182. 

niiltcr: jeder hat seinen hälter oder wassertrog mit einer engen hütte von holz 
oder Strauchwerk überbaut (Schreiberhau) Z II, 311. 

Haltern: Der in dem bansen steht, niuss den eni]ifangncn segeu 
Beym halte rn ordentlich in das bchältniss legen. 
Das jeder frucht bestimmt. Scheibel Witt. 117. 



LBXIKOGBAPHISCHES 247 

Hasenschnee : also dass vom januar biss dahin meistens trocken gefröste continuirte, 
ausser dass zuweilen ein und ander hasen-schneeloin oder graupcngestöber 
kam. A 1725. Aprilis 340. 

Hauen: schneiden wie im alemanuischon , wo es nur nicht für erntegcschäft üblich : 
von der sömrige zu hauen; von grass und grummet hauen. Sanct. Iü52 s. 140. 
Zu Woinhold 33". 

HausgesUss: was vor den weid ehemals hcreingegangen , bleibt auch draussen und 
viel 1000 haussgesäss — müssen um des indigo willen noth leiden 126. 

Hegricht n. Da merke man, die hitz ist selbst ein dunst zu nennen, 
Wie wir zur Sommerszeit oft hier vermerken können 
Wenn wir das hegricht sehn. — 
Scheibel Witt. 91. DWB adj. trocken, neblig. 

Heilniachung f. Dass seine (Oesterreichs) heylmachung und erhebung wahrhaf- 
tig einig und allein nechst gott an seiner eigenen wilkür behänge; (oben heissts 
beneficirung). s. 3. 

Heinzewagen? Ja, wenn er beym camin zur Winterszeit gesessen 
Und nur der hinimel klar: so zählt er richtig mir 
Am Heinzewagen drehn , fast alle stunden für. 
Scheibel Witt. 204. 

Heisch, heiser: ob nun nicht des Cyri Soldaten von vielen schreien heisch werden 
müssen. Kundmann 255. 

Hofeleute pl. Weil auch an etlichen orten hofe-leute gehalten werden, soll kei- 
ner höher als in der Winterung um den 6., in der sömmcrung aber um den 7. 
Scheffel angenommen werden. Sanct. 1652 s. 133. 

Hofestütte, area im Iglauer, im mittelalt. auch schlesischen bergrechte ein flächen- 
mass von der grosse, dass darauf ein wirtschaftswagen mit 4 pferden bespant 
nach allen richtungen umdrehen kann. Steinbeck I, 65. 

Hofestück n. Welche spinnerin das hofe-stücko über 6 wochen aufs längste 
bei sich bebalten , und zu rechter zeit nicht nach hofe bringen wird , die soll mit 
gefängnis gestrafft werden. Sanct. II, 400. 

Hofgericht in einigen alten schles. fürstentümern: „hofrichter" präsidiert, 4 — 5 
erbschulzen sassen als „hofschöppon" bei; nach dem treueschwur hatte diese son- 
derbare gerichtsbarkeit die von dem oberamte angeordneten pfändungen , ein- 
weisungen und taxierungen derer guter und dergl. mehr zur exekution zu bringen. 
Hermanns Jurist. Lex. 1741. II, 634. 

BONN. (Wird fortgesezt.) a. birlinger. 



Althochdeutsche grammatik von Wilhelm Braune. A. u. d. t. Samm- 
lung kurzer grammatikeu germanischer dialekte, hrg. von Wilh. 
Braune. V. Halle, Max Niemeyer 1886. XVI, 260 s. 8. 4,60 m. 

Kein hilfsmittel ist in unserer Wissenschaft seit langen jähren schmerzlicher 
vermisst worden , als eine aus den quellen geschöpfte und dem gegenwärtigen stände 
der forschung entsprechende ahd. grammatik. Auf die anfragen der Studenten und 
candidaten, welches lehrbuch sie bei ihren studien zu gründe legen soltcn, gab es 
immer nur die eine antwort: brauchbares ist nicht vorhanden. Dem frülier viel 
benuzten werke von K. A. Hahn, das schon seiner ganzen anläge nach verfehlt war, 
hatten die bearbeitungen von Jeitteles und Strobl nicht aufhelfen können; Heynes 



248 GERING 

laut- 1111(1 tlcxioii.sl(>liro, unliiugbar mit grossem praktischen geschick zusammen- 
gcstelt, war eigentlich schon bei ilircra erscheinen antiquiert und wurde trotzdem 
in fast unveränderter form dem ])ublikum immer wider in neuen abdrücken dar- 
geboten (zulczt Paderb.,1880); nicht minder veraltet ist das lohrbuch der alid. 
spräche und iitteratur von L. Frauer (2. auf!. Oppenheim 1869). Piper cndiich 
(litteraturgeschichto und grammatik des ahd. und alts., Paderb. 1880) hatte es 
zwar versucht, die crgebnissc der neueren Untersuchungen zu verwerten, war aber 
bei der bonutzung der spracliwissenschaftlichen Iitteratur leider ziemlich kritiklos 
verfahren und sein buch, auf das crsiclitlich grosser floiss verwendet ist, konte 
infolge der unklaren und schwerfälligen darstellung auf den anfänger imr verwir- 
rend wirken. Unter diesen umständen war es selbstverständlich, dass man der 
längst angekündigten grammatik von Braune mit Sehnsucht entgegen sah und ilir 
endliches erscheinen algemein mit der grössten freude begrüsst hat. 

Das buch ist so treliich ausgefallen , wie man es bei der gelehrsamkcit und 
Sorgfalt des Verfassers nur erwarten konte. Wir wollen nicht mit ihm rechten, dass 
er uns so lange hat warten lassen: Avenn hier etwas tüchtiges gesehaft'en werden 
solte, so muste der ausarbcitung ein melirjähriges sammeln, ordnen und sichten 
des Stoffes vorausgehen. Wer je über ahd. grammatik gelesen oder eine arbeit 
auf diesem gebiete gemacht hat, weiss dass das keine kleinigkoit ist, da beinahe 
jedes denkmal in einem andren dialekte zu uns redet. 

Braune beherscht dies weitschichtige material volständig, und er hat es ver- 
standen , durch zweckmässige gliederung desselben eine leichte und schnelle Orien- 
tierung zu ermöglichen : die hauptsachen sind durch gewöhnliche corpusschrift her- 
vorgehoben, das feinere detail, das der anfänger zunächst überschlagen muss, ist 
in die mit Petitschrift gesezten anmerkungen verwiesen. Überall lässt Braune die 
tatsachen reden und begründet seine regeln durch eine reichliche menge von bele- 
gen ; sprachgeschichtliche hy]tothesen vorzutragen hat er , da das buch doch zunächst 
für den lernenden bestirnt ist , mit recht unterlassen , doch ist für das bedürfnis 
der weiterstrebenden durch zahlreiche verweise auf die neuere, in Zeitschriften und 
monographien zerstreute linguistische Iitteratur gesorgt. 

Der hauptmaugel der älteren lehrbücher bestand darin, dass die ahd. spräche, 
indem man im wesentlichen nur den oberdeutschen lautstand berücksichtigte, viel 
zu sehr als ein einheitliches und homogenes ganze dargestelt ward. Jezt wird mit 
hilfe der Braunischen grammatik auch der anfänger sich über die gliederung in die 
einzelnen dialekte eingehend unterrichten können. Freilich hätte ich gewünscht, 
dass alles das, was über die charakteristischen merkmale der verschiedenen oher- 
und binnendoutschen mundarten in den einzelnen §§ der grammatik gesagt ist, in 
der einleitung kurz zusamraengofasst, dass uns von jeder ein klares, scharfumris- 
senes bild gezeichnet wäre, in ähnlicher weise etwa, wie Möbius (über die altnord. 
spräche s. 17) und mich ihm Noreen (altn. gramin. I, § 10) die wichtigsten eigen- 
tümlichkeiten des altisländischen und altnorwegischen übersichtlich verzeichnet 
haben. Den mangel einer solchen Zusammenfassung habe ich auch bei den aus- 
gezeichneten büchcrn Weinholds oft empfunden. Hoffen wir, dass der Verfasser in 
der zweiten ausgäbe, die natürlich sehr bald nötig werden wird, diesem leicht 
erfüllbaren wünsche nachkomt. Noch viel notwendiger aber ist es, dass dem buche 
künftig ein ausführliches ivgister — das selbstverständlich auch die lautlehre mit 
umfassen muss — heigegeben werde. Es ist schwer begreiflich, warum Braune mit 
diesem unentbehrlichen iiigrediens einer jeden grammatik sein buch nicht schon bei 
der ersten aussendung ausgestattet hat. 



ÜBER BRAUNE , ÄHD. GRAMM. 



249 



Hergebrachter massen nuiss ein recenscnt, um zu beweisen, dass er nicht 
unberufen seines amtes waltet , dem Verfasser einige „versehen " oder „irtümer" 
nachweisen oder zum mindesten einige „nachtrüge" und „zusätze" liefern. Auf die 
gefahr hin nichts neues zu bringen, da ja Braune nicht eine erschöpfende gram- 
matik zu schreiben beabsichtigte und somit das recht besass, dinge die ihm unwe- 
sentlich schienen, auszuscheiden, gebe ich ein paar derartige bemerkungen, die ich 
mir bei der benutzung des buches aufgezeichnet habe. 

§ 47, anra. 2 konte vielleicht noch erwähnt werden , dass der Wechsel zwi- 
schen eo {io) und iu nicht bloss in der nominalflexion, sondern auch in der Wort- 
bildung zuweilen ausgeglichen ist , vgl. z. b. theoriner „ferus" st tiuriner Rb (Gll. I, 
316*»; Ottraann, grammat. darstellung der spräche des ahd. gloasars Rb. 8,17); 
elidheodigün Is. Weinh. 31 ^^ st. -dhiudüjün ; hÄuk. sliximo st. sliomo, diuro st. 
dioro u. a. m. 

§ 152, anm. 1. Das unorganische h im anlaut komt auch bei Notker vor, 
namentlich in dem verbum eigen „habere": heufin ps. 34, 24 (Piper 11, 122»^), 
heigin ps. 34, 25 (II, 122 1«), neheigen ps. 50, 16 (II, 198*), heigtnt ps. 92, 5 
(II, 3933), neUigin ps. 146, 9 (II, 599 »2); aber auch sonst: canherben „coheredes" 
ps. 3(3, 22 (II, 131'), hören ps. 57, 6 (II, 219'), holiso „bos" Kateg. I, 21 (I, 384"). 

§ 167, anm. 8. Zu den Wörtern die d (urgorman. p) zu t verhärtet haben, 
gehört auch tuniicengi „schlafe", älter dunwangi (altnord. ßunnvangi). 

§ 169, anm. 3. Einschub eines c scheint auch zuweilen zwischen sn vorzukom- 
men, wenigstens verzeichnet GrafF VI , 837 , freilich ohne angäbe der quelle, die 
form scnidit. 

§ 197. Nachzutragen ist das wort Ud „membrum", ursprünglich ein männ- 
licher «-stamm (got. lipus), das im Wiener Notker zweimal den plur. auf -ir 
bildet: lider ps. 30, 1 (Piper III, 84«), lidk ps. 34, 1 (III, 102 e). Ausserdem 
konte erwähn* werden , dass der plur. von loh der regel gemäss (§ 32) lucher 
lautet (Notker I, 70322, 74711 y. 0.). 

§ 307 fehlt die erwähnung der apokopierten 1. plur. vor dem prun. personale 
wir, die ja im mhd. ("Weinhold 2 §396) wie im altnordischen' ganz gewöhnlich ist, 
aber auch schon in ahd. zeit vorkomt. Der älteste beleg ist wol Tatian 132 " 
uuizuuuir (Sievers s. 485'*); ein weiteres beispiel gewährt der Frisingensis des 
Otfrid II, 6, 32 uuege uuir (Kelle II, 33). Häufiger begegnen die formen im Wie- 
ner Notker: geloube uuir ps. 34, 16 (Piper III, luö^^), genese uuir ps. 37, 8 (III, 
1202'), eilende uuir ps. 38, 13 (III, 1272*), furhte uuir ps. 45, 3 (III, 154*- »), 
gisegene uuir ps. 128, 8 (III, 304>8), gloube uuir Habak. 3, 5 (III, 36423); sowie 
bei Williram: ge uuir ScemüUer 126', uuese xiuir 126 ^ A, ste uuir ebda, uuaz 
tuo uuirs 1412, uuirchc uuir 141^, ^l^oge uuir 141 6, helfe uuir 141», offene uuir 
141 '2j meine uuir 141 21. 

1) Die ältesten handschriftcn kennen jedoch diesen gebraachnicht, und nur ganz 
vereinzelt findet sich in späterer zeit die verwi'ndung der apokopierten form ohne nach- 
folgendes pronomen. Wenn also jemand in den Härbar|)8ljöJ) (altn. IJoß ist bckant- 
lich wie mhd. Ikt in der bedeutung „gedieht" [durale tantuni) schreibt: sparkar dUu, 
horskar ättu „muntre hatten wir, kluge hatten wir" (Ztschr. f. d. alt. XXXI, 267), so 
zeugt dies von ebenso grosser unkentnis , wie die annähme , dass der nom. sing, mey 
in der Liederedda möglich sei (DLZ. 1887, nr. 26). Wer recensieren und conjicieren 
■will , soltc sich zuerst mit den dementen der grammatik vertraut machen. 



250 OEKING, ÜBEB BBACNE , AHB. GRAMM. 

§ 330, anni. 1. Unter den starken verbis der 1. klasse vermisste ich tvifan 
„winden" (got. weipan), das allerdings nur im part. ])rt. vorkonit: beuuiffener „con- 
demnatus" Notker ps. 108, 7 (Piper II, 4703), beuuifenen „miseris" Boet. 11 , 16 
(I, 73^). = Ob nidan (anm. 2) mit recht zu dieser klasse gestelt ist, ist zweifel- 
haft, denn der opt. ntde (Otfr. II, 18, 16) kann ebensogut zu einem sw. verbum 
niden « nidjan) gehören, das durch das part. gcnidücr ..adpetitus" eines Wiener 
glossencodex (gll. II, 110 ^2) bezeugt ist (gewölinlichcr ist n'idOn). Im rahd. taucht 
zwar ein st. verbum niden auf {neit, c)eniten und genideii), doch könte dies nach 
der analogie von sniden und miden neu gebildet sein. Auch altn. nipa ist juur 
schwach, das ags. , alts. und altfries. kennen ein entsprechendes verbum nicht. — 
swidan „brennen" gehört dagegen wol sicher hierher: es findet sich zwar nur in 
einer einzigen stelle bei Otfrid {siddit V, 23, 149), wird aber durch das altn. svipa 
hinlänglich gescliüzt. Dass Kelle (II. 7 anm. 1 und III, .574'') ein st. verb. swtdn 
(nach kl. IV) ansezt, ist ganz verfehlt; ebenso unmöglich ist die annähme Pipers, 
der in seiner grossen Otfridausgabe (z. st.) smiidan zu got. swinps stellen will : 
dass die niederdeutsche ausstossung des n vor nachfolgendem d dem dialekte des 
Otfrid nicht genehm war, hätten ihn Wörter wie (jisindi, sind, unda, lindo , miind 
usw. lehren können. 

Zu §334, anm. 3 ist nachzutragen, dass zu dem verbum tiichan auch schon 
in ahd. zeit das part. prt. belegt ist: in Notkers Boetius III, 66 (Piper I, 172 2") 
findet sich der acc. sg. masc. fertöchenen. 

% 346, anm. 2. Die erhaltung des auslautenden h im sg. praet. ind. der 
ablautenden verba nach klasse VI scheint ausschliesslich in bairischen denk- 
mälern vorzukommen: duiiuoch begegnet einmal in den Wiener predigtbruchstücken 
(MSD2 LXXXVI A, 121); sluoch oder slüch findet sich öfter in Monseer, Tegern- 
seer, Emmeramer und Prüfeninger glossen; gkviincli siebenmal im Frisingensis des 
Otfrid (nicht in den anderen hss.). Das einmalige sluoch, das Graff (VI , 764) 
neben zahlreichen sluog aus den psalmen Notkers beibringt, ist falsch: in der hand- 
schrift steht nach dem übereinstimmenden Zeugnisse von Hattemer (II, 380*") und 
Piper (II, 448 'i«) sluögh. 

§ 346, anm. 5. Es ist mir zweifelhaft, ob man die selten vorkommende form 
stiiat wirklich mit dem gotischen stöp identificiercn darf; solte nicht liberal ein ein- 
facher Schreibfehler vorliegen? Übrigens ist das vorkommen dieser form nicht auf 
das fränkische beschränkt: in den glossen einer Münchener hs. (Clm. 18140) findet 
sich hintarstuot (gll. I, 477 '^) und irstuotun (gU. I, 700^^). Dieselbe hs. hat aber 
auch das regelmässige praeteritum : hintarstuont (gll. I, 477"), hintarstuontomes 
(gll. I, 698") u. ö. 

§ 356 konte wol das verbum missen wegen des Notkerischen praet. missa 
aufnähme finden: fermisson ps. 108, 24 (Piper II, 473^5). 

§358, anm. 3. Es hätte vielleicht erwähnt werden sollen, dass bei Notker 
das praet. der schwachen verba auf w mehrfach in syncopierter form erscheint: 
frmta ffreüta) Boet. II, 19 (Piper I, 76^9), ps. 45, 5 (II, 176 ^ 104, 38 (II, 449") 
u. ö.; freuton (freüton) ps. 34, 15 (II, 1192*) 34^ 2I (II, 121 20) u, ö.; freuUn 
Boet. III, 20 (I, 1371»), freiti Wiener ps. 45, 5 (III, 155^), fröiiton ps. 83, 3 
(II, 347 '•2), froüta Luc. 1,47 (11,637'), /roMfi Wiener ps. 12, 6 (III, 31 SJ); treuta 
ps. 90, 1 (II, 38318) 94, 11 (II, 4U1-«), dreuton ps. 118, 161 (II, 54P"), dreuten 
Wiener ps. 118, 61 (III, 2852i); geueiitemo Boet. I, 12 (I, 24'2). 

HALLE, 12. JULI 1887. HUGO GERING. 



MÖBIU8, ÜBER KEMPFF, EÜNSTBNEN I OCKELBO 251 

Bild- och Runstenen i Ockelbo. Af K. Hj. Kenipff. Gefle 1887, Gofle 
Postens Tryckeri. XXII ss. (nebst abbildung). 

Hr. Hjalmar Kompff, lector an der höheren schule in Gefle, auf dem 
gebiet der altnord. philulogie durch seine bcarbeitungen der Haraldsmal (186G) und 
der Harrasol (1867) hinlänglich bekant, hat unter obigem titel den höchst interes- 
santen schwedischen Ockelbo- stein veröffentlicht. 

Der runenstein von Ockelbo — roter .Sandstein , über 7 fuss hoch, gegen 
4 fuss breit, und obwol in 3 stücke zerschlagen, im ganzen bis auf den oberen teil 
wol erhalten — liegt hinter dem chor in der kirche zu Ockelbo (oder Ugglebo), 
einem nord westwärts von Gefle in der Schwedischen landschaft Gestrike belogenen 
kirchspiel. Er mirde erst 1795 entdeckt, seitdem — wenn auch nur in unzuläng- 
licher weise — durch Liljegren (1833), Ahrman (18(jl), C. Säve — G. Stephens 
(1878) bekant gemacht und besprochen; ausserdem linden sich ältere Zeichnungen 
von Sam. Gestrin und N. S. Ekdahl. 

Wir erhalten .in Hr. Kempffs obiger schrift eine sowol sehr sorgfältige, 
auf grund von 2 abklatschen und von Photographien in kupfer geäzte abbildung 
(i/jo der natürl. grosse) als auch eine eingehende beschreibung des stcines und zwar 
seiner runeninschrift wie seines bildes. 

Der Ockelbo -stein gehört nämlich zu jenen, auch anderwäi-ts gefundenen 
steinen, welche runen mit einem bilde vereinigt zeigen und zwar so, dass die 
schlänge, auf deren leib die runen angebracht sind, das betreffende bild umringt, 
dies wie jene dem steine eingerizt (eingemeisselt?). Ebenso z. b. auf dem Göks- 
sten und auf dem Ramsundsberg -sten (beiden in Schweden, Södermanland), auf 
denen bilder aus der sage von Siegfried dem drachentöter durch derartige, schlan- 
genförmige runeninschriften umringt werden (s. C. Säve — S. Mestorf, Hamburg 
1870). Sowol auf diesen beiden steinen, als auch auf unserm Ockelbo -stein stehen 
übrigens der Inhalt der runeninschriften und das bild ausser aller beziehung zu 
einander. 

Das auf der steinfläche des Ockelbo -steines befindliche bild besteht in einer 
anzahl menschen- und tiergestalten, welche eine von unten aufsteigende arabeske 
umgeben und ihr zu beiden selten wie über ihr mit einer gewissen Symmetrie ver- 
teilt sind. Die unteren figuren sind durchaus wol erhalten, während die oberen nur 
fragmentarisch oder gar nicht mehr erkenbar sind — ausser dem fragment einer 
menschengestalt, eines beins uud einer band, die mit einem Schwerte den über 
ihr befindlichen schlangenleib der runeninschrift durchstösst — lezteres ganz ebenso 
doch durchaus volständig und wol erhalten sowol auf dem Göks - sten als auf dem 
Ramsundsberg-sten (sonach wol hier wie dort von typischem charakter ?!). 

Hr. Kerapff hat mehrere dieser gestalten gedeutet, während er für die 
deutung der übrigen und des ganzen bildes sich an dr. Victor Rydberg wante, 
fräjäade författaren af „ Undersökningar i gcrmanisk mythologi." Rydbergs 
erklärung, die er dem Verfasser in einem hier s. VII — IX abgedruckten briefe 
(Stockholm, 1887, jan.) mitgeteilt, ist eine jedenfals sehr sinnige und zum teil 
gewiss zutreffende. Er erblickt in der niitleren arabeske (einem „stilisierten" 
bäume) die weltesche, und iu dem auf ihr.em gipfel sitzenden vogel den bahn Vid- 
ofnir (s, Fjqlsvinnsmäl); zur rechten des banmes erkent er in dem manne, der 
mit der rechten band einen seiner äste ergreift, in der linken aber einen ring hält, 
einen der 3 Wächter der weltesche und ihrer quellen, den Mimer (vgl. Baug -reginn 
d, i. Mimer) , während er in den beiden , dem bäume zur linken , also dem Mimer 
gegenüber stehenden gestalten, einem manne mit einem hörne (oder einem phallus) 



252 MÖBIUS, ÜBER KEMPFF, RUNSTENEN I OCKELBO 

in der band und einem vofjcl mit einem apfel (?) auf dem köpf, die beiden andern 
wäcbter: Höncr-Vei und Lodiir-Vilir zu finden glaubt. Eätselbaft steht oberhalb 
jenes Mimer ein einhorn mit kreuzweise und durch einen ring verbundenen linken 
vorderfusse und rechten hinterfusse (symbol von zeit und Vergänglichkeit); darüber 
noch eine menschengestalt (frau) mit einem spicsse und das fragment (das bein) 
einer andern. — Auf der linken seite des baumcs erblicken wir — von oben nach 
unten — den Thor auf einem vierräderigen wagen, davor ein durch drei zäume 
gelenktes tier (statt der bocke); unter Thor eine frauongestalt mit der schere in 
der band: die Urd, die mit ihren beiden Schwestern die lebensfaden ausspant und 
abschneidet. Unterhalb der Urd zwei einander gegenüber sitzende figuren, die ein 
bretspiel zwischen sich halten (vgl. tefläo i tiini usw. Vspa str. 8). 

Nach allem diesem gehören die bildlichen darstellungen auf dem Ockelbo- 
stein nicht, wie die des Göks-sten und des l'amsundsberg-sten der heldensage an, 
sondern der mythologie und viele der gestalten, die wir aus der west- skandina- 
vischen Vyluspä und andern mythologischen gedichten kennen, begegnen uns hier 
auf diesem ost- skandinavischen kunst- und altertumsdeukmal. 

Die runeninsehrift auf dem schlangenleib lautet nach Kempffs lesung: 

BLESA # LIT * KAISA * STAIN * KUMBL * pESA : FAIKRN ♦ EPTIR * 
SUN * SIN SUART * AUPpA * FRIT^ELFR * VAR * MUpIR * ONS * SIIO- 
NUM » KAN : INUART : pISA * BHUM : ARN : lOMUANSUN : MIEK. 
d. i. in Kempffs isländischer Umschreibung: 

Blesa let reisa steinkumbl ßessi feikn eptir sim sinn Svarthöfäa. Fridelfr 
var möäir hans ; sii häntim (hafäi) kennt invart ßessi. Bauma- Ami Jomii- Ans- 
son hjö. 

Die mehrzahl der worte ist ja klar und verständlich; nur einige sind zwei- 
felhaft und entziehen sich jedweder sichern dcutung; es sind (3) FAIKRN, sodann 
SIIONUM : KAN : INUART und MIEK. Mag FAIKRN für feikn stehen und 
dies allenfals in dem sinne von „ungeheuer, bez. gross {ofantlig)", und darf man 
in dem MIEK — wie es ort und Zusammenhang erfordern — den sinn von hjö 
(schwd. högg, altschwd. hiak u. a. bei Rydqu. I, 171) erwarten, so möchte sich 
doch Kempffs deutung der worte SIIONUM usw. hon fit honom vunnit laga häfd 
ä dessa känneland kaum halten lassen. Abgesehen von der zweifelhaften bedeutung 
des KAN (d. i. KENNI, d. i. känneland) und des INUART als ppr. von „inverja : 
zuerkennen", scheint doch die Wortstellung, bez. treunung des KAN von pISA und 
die auslassung des verbum finitum nicht wol zulässig. Wir erwarten in KAN das 
verbum und in INUART pISA dessen objekt. Hr. Kempff hat seine deutung sehr 
ausführlich motiviert und verweisen wir den leser auf dieselbe. 

Rücksichtlich des alters des steines entscheidet sich hr. Kempff (s. XVII) 
für die erste hälfte des elften jahrh. ; möglich — worauf die abwesenheit des sonst 
üblichen kreuzes hinweist — gehört er noch dem heidentume an , obwol schon des- 
sen ausgangc, was der jüngere Charakter der runeuschrift vermuten lässt. 

KIEL, 10. JULI 1887. TU. MÖBIUS. 



Germanische eigennamen der stadt Rawitsch. In einer etymolo- 
gischen Untersuchung erklärt von dr. Alfred Kadlcr. 50 s. 8. 

Der titel dieses büchleins kündigt weniger au , als der Inhalt darbietet ; der 
Verfasser hat nämlich auch hebräische, griechische, lateinische namen, und zwar 
in einem eigenen abschnitte, besprochen, während er den slavischen mit dem 



ANDRESEN, ÜBER KADLER, EIGENNAMEN VON RAWITSCH 253 

geständnisse , dass es ihm dafür an den nötigen kentnissen felile, aus dem vvege 
gegangen ist. 

Zunächst um der sache willen, welche ungeachtet der vielen in der neuern 
zeit ihr gewidmeten schrifton noch immer der forschung einen grossen räum offen 
lässt und der förderung gar sehr bedarf, dann aber auch, weil der Verfasser vor- 
zugsweise auf meine bücher und aufsätze sich bezieht und beruft, tut es mir auf- 
richtig leid, dass ich über seine arbeit, zu deren besprechung mich die redaktion 
dieser Zeitschrift aufgefordert hat, günstig zu urteilen nicht in der läge bin. 

Nachdem der leser zu anfang der einleitung davon unterrichtet worden ist, 
dass nebensächliche bemerkungen unterdrückt werden sollen, muss es ihn wunder 
nehmen gleich auf der folgenden seito bei dem namen Buchholtz auf die werte 
zu stossen : „sei es nun mit Stindeschem z oder Mennelschem tz geschrieben." Spä- 
ter heisst es mit bezug auf Lamm, Lampe (zu Landbert) wörtlich: „Es hindert 
zwar nichts, die leztgenanten namen als spot- und hausnamen anzusehen und 
sie auf den spotuamen des haseu oder das häusliche beleuchtungsgerät zu beziehen, 
doch greift man als etymologe nur fauto de mieux zu diesem mittel" ; ferner: „Der 
name Hitze hat mit der Wärmeausstrahlung nichts zu tun (wie wir denn bei 
abstrakten sehr skeptisch untersuchen müssen), sondern geht auf die koseform 
Hitzo (Hilde) zurück." Wie wenig der Verfasser sich zu beschränken versteht , geht 
auch daraus hervor, dass er bei dem namen Lenz, der übrigens nicht ausschliess- 
iich zu Lorenz sondern auch zu Land gehört, zweier deutungen des namens Linz 
gedenkt. Wem fält es in den sinn, dass Linz und Lenz mit einander verwant 
sein könten ? Und wenn es einzelne gäbe , die des glaubens wären , so würde es 
dieser schrift, welche „in gedrängter darstellung nur das allernotwendigste" zusam- 
menfassen will, doch nicht geziemen hierüber ein wort zu verlieren. 

Mit recht hat es mich ausserordentlich befremdet, dass der Verfasser in meh- 
rern fällen meine angaben misversteht, ungenau widergibt und verdreht. Es ist 
mir kaum erklärlich , wie er zu der behauptung komt (s. 7) , ich rechnete „ die 
abstrakta" zu den einzelnamen. Habe ich etwa Adel, Dank, Friede und die 
übrigen, welche ich Konkurrenzen 55 aufführe, als abstrakte namen bezeichnet? 
Ich sage ja das grade gegenteil und fasse sie alle miteinander als koseformen auf. 
Der aber in namen solcher art einen abstrakten begriff erkent, ist der Verfasser 
selber; denn s. 13 komt der unerhörte satz vor: „Das althochdeutsche sigu (sieg) — 
wurde als abstractum mit einem diminutivum ico — versehen." Also nicht der 
koseform Sigo, sondern dem abstractum sign oder vielmehr, wie ausdrücklich her- 
vorgehoben wird, dessen deminutiv Sigico entspricht der geschlechtsname Sieg! 
Was s. 21 steht, dass ich den namen Buhle von hühl (hügel) abgeleitet hätte, 
widerstreitet der Wahrheit; nicht um Buhle sondern um Buhl handelt es sich bei 
mir. Ebenso falsch berichtet der Verfasser über die von mir angeführten erklärun- 
gen des namens Rücker t, indem er aus sich heraus demselben den namen ßickert 
beischreibt, als ob auch ich diese beiden für identisch hielte. Gleicher art ist, was 
s. 28 in botreff der namen Witte und Wittke behauptet wird; ich habe nur 
Witte, Witt als die niederdeutschen formen von Weisse, Weiss bezeichnet, 
über Wittke, das zunächst dem altdeutschen angehört, kein wort gesprochen 
(Konkurrenzen 59). Dass ich aus oberdeutschen dialckten eine „deminutivform er" 
angeführt habe (s. 10), ist nicht wahr; ich nenne diese endung vielmehr eine patro- 
nymische. Einer Verdrehung meiner worte macht sich der Verfasser ferner in betreff 
des namens Paasche schuldig, da ich Zaar und Woywod nicht mit diesem 
namen, sondern allein mit Pascha verglichen habe. Ähnlich steht es 3.30 um 



254 ANDRESEN , ÜBER KADLBR , EIGENNAMEN VON RA WITSCH 

den namen Öcheibel, der bei mir gar nicht vorkomt. Endlich sei des namens 
Burkert gedacht, bei welchem der Verfasser zwischen Burgwart und ßurghard 
schwankt und hinzufügt, dass ich sogar noch ein drittes „suffix", rat, heranziehe, 
das die zwcifel viTgrüssere. Hierauf erwidere ich, dass es mir bei Burkert ferne 
gelegen hat Burgwart zu berücksichtigen und dass sich, was ich von rat sage, 
ausdrücklich auf Hartert, Brundert und etwa Fastert bezieht (Konkurren- 
zen 15). 

Eigentümliche wage geht unser büchloin in der etyniologie der namen. In 
ßette und Pracht, die beide auf Berhto zurückgehn, soll, wie s. 10 zu lesen 
steht, ein Wechsel im vokalismus hervortreten, während von beruht, das zu gründe 
liegt, dem e der erste, dem a der zweite name im vokal entspricht (vgl. Allc- 
bracht, Vollpracht). Neu ist die ansieht, dass Göpfcrt, Siefert nicht aus 
Gotfrid, Sigfrid entstanden seien, sondern dass deren /"sich aus dem & von Godo- 
beraht, Sigiberaht gewandelt habe. Die namen Thilo, Thiel und Diel leitet 
der Verfasser aus Theophilus statt aus Diot, Arndt (zu Arnold) aus einem altd. 
Arend (böte); Littge und Lüttge (zu Liut) sind ihm spotnamen, die auf den 
stamm litil (!) zurückweisen; Nolde, Nolte, Nolle und Nölsche stelt er unter 
die namen aus fremder quelle, weil ihnen Arnoldus zu gründe liege; in Kuuath 
(aus Kunhard; vgl. Herwath, Ruthat) sieht er dehnung von Kuhnt (natürlich 
ebendaher; vgl. Berndt aus Bernhard), dessen t an Kuhn getreten sei; s. 37 
heisst es: „Döring wird trotz (!) des ahd. Durinc auf Thüringen zurückgehen", 
ferner: „ein name wie Holland ist nur in analogie zur bilduug Böhm neben 
Böhmer zu setzen": s. 39 wird Hoff als Verkürzung von Hofer angesehen und 
für Busch lediglich Buzo (Buso) als quelle behauptet. Die stärkste etymologische 
leistung des Verfassers ist wol diese: „Die Verwandlung des an Hluod angetretenen 
patronymischen s in r zeigt sich in Glohr, Glauer, Gloger" (s. 18). Dass 
Heri (beer) meist im ersten teile der komposition auftrete (s. 17), ist ein grosser 
irtum ; aus Heintzes buch , welches er bisweilen anführt , muste dem Verfasser 
bekant seih, dass jeuer stamm nach Förstemann sich 276 mal im auslaute findet. 

In der antwort auf die frage, woher die alten Deutschen ihre namen ent- 
lehnten, heisst es s. 13 wörtlich: „alles, was unsere vorfahren täglich umgab, wurde 
ausgenüzt und verwendet." Also auch etwa haus- und feldgerät, speise und ti'ank? 
Bisher war erkant worden, dass das gebiet der ältesten deutschen namengebung 
ein sehr eingeschränktes sei. 

Die einzelneu betrachtungen und erkläruugen sind ohne gehörige Ordnung 
aneinandergereiht; nicht selten finden widerholuugen und nachträgliche bemerkun- 
gen statt, welche die geduld des lesers beeinträchtigen; der stil macht im ganzen 
einen wenig erfreulichen eindruck, ist auch von vielen unnötigen fremdwörtern 
untermischt ; gegenüber den zahllosen fehlem des druckes (ein entsetzliches beispiel 
findet sich s. 27) nimt sich die doppelte rücksicht, welche am sclilusse des ganzen 
einem einzigen werte widerfahren i.st, gar wunderlich aus. 

Es liegt mir schliesslich ob um nachsieht dafür zu bitten, dass ich diesem 
neusten beitrage zur namenforschung so viele werte gewidmet habe; aber da mir 
selbst eine nicht unbedeutende rolle in demselben zugeteilt worden ist, lag es doch 
nahe genug und war meine pflicht, dass ich mich ohne rücksicht über alles aus- 
spräche. 

BONN. K. G. ANDRESEN. 



ERDMANN, ÜBER LENZ, SICIL. VESP. ED. WEINHOLD 255 

Die Sizilianische Vesper. Trauerspiel von J. M. R- Lenz. Ilcraus- 
gegeben von Karl Weinhold. 72 s. Breslau , W. Köbner 1887. 

Weinhold veröffentlicht mit bckanter Sorgfalt ein drama von Lenz, welches — 
nur einmal abgedruckt im ,, Lii-fländischen Magazin der Lektüre", Mitau 1782 — 
gänzlich verschollen und in keiner der zahlreichen Schriften über den unglücklichen 
dichter bisher berücksichtigt war. 

Sachlich wie sprachlich ist das stück sehr geeignet unsere kentnis von dem, 
was Lenz in seiner besten zeit gewolt und erstrebt hat, wesentlich zu erweitern. 
„Ein historisches Gemähide" nent er es selbst, und in der tat hat er besonders 
am anfange den versuch gemacht, grosse partei- und prinzipienkämpfe der Vergan- 
genheit objektiv darzustellen, wie frei er auch zum teil mit den überlieferten per- 
sonen und tatsachen umgesprungen ist. Er hat schon früher als Klinger (in sei- 
nem „Konradin" 1785) das bedürfnis gefühlt die tragödie auf den boden der Wirk- 
lichkeit zu bauen und mit grossen interessen und ideen der völkergeschichte in 
Verbindung zu setzen. Die beiden um Sicilien streitenden fürsten, die nach Unab- 
hängigkeit strebenden Sicilianer, endlich der klug abwartende päpstliche legat — 
jeder kämpft für eine grosse, bedeutende sacho, und die erinnerung an Konradins 
tod tritt bei jedem als wirkungsvolles motiv auf. Ln verlaufe des stücks wird frei- 
lich das sachlich historische interesse bald von dem individuell persönlichen ver- 
drängt; eine kühn erfundene familientragödie entwickelt sich aus der politischen 
handlung, reich an motiven und origineller Charakteristik, aber keineswegs leicht 
zu durchschauen und nicht künstlerisch durchgebildet. „Kein meisterstück , aber 
doch immer eine dichtung, welche spuren des genius zeigt" — diesem urteil Wein- 
holds trete ich durchaus bei. 

Beachtenswert erscheint mir namentlich auch die wechselnde gestaltung des 
stils in den verschiedenen scenen. Sie ist durch die eigentümlichkeit des Stoffes 
hervorgerufen. Indem Lenz sich bemühte , den historischen hauptpersonen würde 
zu verleihen, erhielt ihre rede besonders im ersten akte einen Charakter, der sich 
sonst in seiner prosa nicht zeigt. Klare aufstellung wirkungsreicher gegonsätze, 
nachdrucksvoll angefügte und erweiterte appositionen zeigen eine originelle durch- 
bildung, für die ich aus jener und früherer zeit keine parallele weiss. In manchen 
punkten aber lässt sich die rhetorisch geschmückte prosa von romanen einer viel 
früheren zeit mit der Lenzschen in diesen scenen vergleichen. Sie zeigt klangvolle 
und gesuchte beiwörter , übertreibende vergleiche , häufigen gebrauch abstrakter sub- 
stantiva, ausgeführten periodenbau, wie das alles etwa in der „asiatischen Banise" 
sich findet; und die äusseruug ,,je blutiger, desto mutiger" 7, 24 erinnert 
direkt an das „blutige, doch mutige Pegu." Es ist wol möglich, dass Lenz 
bei ausarbeitung dieser effektvollen scenen bewusst oder unbewusst durch erinne- 
rung an diese oder eine ähnliche lektüre bestirnt wurde. Andere scenen dagegen 
sind voll von den abgerissenen, kurzen, zertrümmerten sätzen, welche für Lenz 
wie für seine genossen in den jähren 1774 — 75 charakteristisch sind. 

Über alles , was zum Verständnis und zur litterarischen Würdigung des Stückes 
dienen kann, sowie namentlich auch über die äusseren Verhältnisse von Lenzens 
leben in der lezten russischen periode gewähren die erörterungen und nachweise, 
welche Weinhold dem abdrucke des textes hat folgen lassen (s. 39 — 66), reiche 
belehrung. Dankenswerte sprachliche bemerkungen machen den schluss s. 67 — 72, 

BRESLAU. ■ OBKAR EfiDMAKK. 



256 

Aufruf zur Stiftung eines grabdenkmals 
für dr. tlieol. & phil. Georg Karl Frommaiiii 

II, direktor des gormanischeu nationalmuscums. 

Der hochverdiente gennanist, lehrer des mittelhochdeutschen am gymnasinm 
zu Nürnberg, erforscher der muttersprache und ihrer raundarten, bearbeiter der 
lutherischen bibelübersctzung (vgl. Allg. evangel. lutherische Kircheuzeituug 1887 
nr. 16 sp. 380 fgg.) , mitgründer und bibliothekar des germanischen nationalmuseums, 

dr. Ct. K. Frommanu, 
als forscher und gelehrter, als lehrer und als freund, als Christ und als mensch 
gleicherweise verehrt und gelieht — hat am 6. Januar lfd. js. seine äugen geschlos- 
sen und sein Verlust wird wie von der familie so von einem weiten kreis von schil- 
lern und freunden innig betrauert. 

Aus den lezteren hat sich der unterfertigte ausschuss vereinigt — nach 
erhaltener allerhöchster genchmigung vom 14. mai lfd. js. — mittels dieses aufrufe« 
die geldmittel aufzubringen, um dem verehrten lehrer ein einfaches, würdiges grab- 
raal (mit ehernem medaillon und epitaph) setzen zu lassen. 

Beiträge werden unter der adresse des zuerst unterzeichneten ausschussmit- 
gliedes erbeten. 

Je nach den mittein wird im einvernehmen mit den hinterbliebenen die aus- 
führung besorgt und schliesslich den verehrten Spendern s. z. mitteiluug darüber 
gemacht werden. 

Dr. Gg. Autenrieth, gymnasialrektor, Nürnberg. Dr. K. A. Barack, universitäts - 
Professor und kais. oberbibliothekar, Strassburg. Dr. K. Bartsch, geheimrat, 
universitäts - Professor , Heidelberg. Dr. ßeinhold Beckstein, universitäts -professor, 
Rostock. Dr. Anton Birlinger, universitäts -professor, Bonn. Ludwig Brand, 
fabrikdirektor , Fürth. Dr. August Essenwein, direktor des germ. nationalmuseums. 
Dr. Ed. Goetze, professor am k. kadettenkorps, Dresden -Neustadt. Dr. Hermann 
Grinmi, geheimer regierungs- rat und universitäts -professor, Berlin. Dr. Sigm. 
Günther, professor an der techn. hochschule, München. Dr. Heinrich Heerwagen, 
oberstudienrat , Nürnberg. Karl Heller, pfarrer beim heil, geist, Nürnberg. 
Dr. Otto Henne am Rhyn, Staatsarchivar, St. Gallen. Dr. Dietrich Kerler, ober- 
bibliothekar, Würzburg. Dr. Keinhold Köhler, bibliothekar, Weimar. Guido KUh- 
lewein, gymnasial -professor, Nürnberg. Dr. Frdr. Latendorf, gymnasial- Ober- 
lehrer, Scliwerin. Dr. Matth. von Lexer, universitäts - professor , Würzburg. 
Wilhelm Freiherr Ton Löffelliolz von Colberg, fiirstl. domäneukanzleirat und archi- 
var, Wallerstein. Karl Lösch, studienlehrer, Nürnberg. Dr. Sigmund Preuss, 
Studienlehrer, Landau i. Pf. Dr. theol. et phil. Ernst Kanke, konsistorialrat, 
universitäts -professor, Marburg. Dr. Arnold Scliröer, universitäts -professor, Prei- 
burg i. Br. Dr. G. D. Teutscli, bischof der evangel. landeskirche Augsburger 
bekentnisses in Siebenbürgen, Hermaunstadt. Dr. K. Uibeleisen, Stabsarzt, Aschaf- 
fenburg. Dr. Wilh. Vogt, gymnasial- professor, Augsburg. Adolf Volck, studien- 
lehrer, Nürnberg. Dr. Friedr. Wagner, gymnasial -Oberlehrer, Berlin. Dr. Carl 
Wassmanusdorf , gymnasial- und turnlehrer a. d. , Heidelberg. Kudolf WöllTel, 
studienlehrer, Nürnberg. Dr. Friedr. Zarncke, universitäts -professor, Leipzig. 



Hallo u. S. , Buchiinickerei dos Waiseiiiiausos. 



DAS GEDICHT VON JOSEPH NACH DER WIENER 
UND DER YORAUER HANDSCHRIFT 

nebst einigen angaben über die Überlieferung der übrigen alttesta- 
mentliclien deutschen texte des elften Jahrhunderts. 

Der folgende text des Joseph hält sich an die Wiener hand- 
schrift C=AVj, deren Icsarten volständig gegeben sind; aus der Voraucr 
(= Y) sind nur die ahweichungen meiner äbschrift von derjenigen 
Diemers (Sitsungsherichte der philosophisch -historischen Masse der Wiener 
aJcademie XLVII. hd. s. 636 — 687 ^=^h) angemerkt. Auch für dieWicner 
handschrift habe ich , um unnütze tviderholungen zu ersparen , angaben 
über trennung und susanitnenschreibung der Wörter nicht gemacht, ivo 
meine lesung mit derjenigen Hoffmanns (Fundgruben für geschichtc 
deutscher spräche und litteratur IL Breslau 1837. S. 52 — 101 = 11) 
übereinstimt. Abweichungen in dieser hinsieht sind aus den anmer- 
Tiungen (nicht aus dem texte) zu erkennen, wo auch alle accente aus 
W angegeben sind. Auch die Seitenanfänge von Graffs ausgäbe in den 
Diutisca (bd. III, Stuttg. und Tübingen. 1829, s. 90 — 112 — D), 
soivie der Milstätcr handschrift (= K) und J. Diemers ausgäbe der- 
selben (Genesis und Exodus nach der Milstäter handschrift. I. Wien 
1862, s. 73 — 116 = Di^ sind verzeichnet worden.'^ Für die entwick- 
lung der altdeutschen verskunst ist es ja von hoher Wichtigkeit zu wis- 
sen, ivie in den handschriften , in denen die verse nicht abgesezt sind, 
diese abfeilung gedacht war. Den anhält dafür gewähren die punkte,^ 
durch welche die Scheidung bezeichnet wurde. In der tat ergeben sich 
auf diese iveise eine grössere anzahl von dreireimen, als man bisher 
annahm. Doch sind die punkte, besonders in W, öfters vergessen, 
und es tvürde der Übersichtlichkeit schaden und wäre gewiss überflüs- 
sig, ivenn alle in betracht kommenden stellen aufgeführt tvürden mit 
oder ohne punkt. So habe ich mich hier darauf beschränkt, für die 

1) V bezeichnet in den anmerhumjen die lesart der Vorauer, W der Wiener 
handschrift. Lezterer gehört auch alles iinbezeichnete. 

2) In V hommen neben diesen auch die Strichpunkte (!) vor. 

ZEITSCHR. F. DEUTSCUE PHILOLOGIE. BD. XX. 17 



258 PIPER 

stellen, an denen es von ivichtigheit sein honte, das zu ivisscn , die 
interpunltion der JiaiidscJtrifteti in den anmerlmngcn anzugehen, indem 
ich das ivort des versendes mit oder ohne punlä hinsezte. Im übrigen 
ist atizunehmen, da'ss jedes versende durch einen punht oder doch durch 
einen unzweifelhaften reim bezeichnet ist. Was die schreibiveise der 
handschrift angeht, so bemcrhe ich noch, dass inY dasz vom z, unter- 
schieden ist, doch sind beide tviUcürlich gebraucht, wie das auch ein 
blich in Diemers Deutsche gedichte des XI. und XII. jhs , Wien 1849 
lehrt. Ich habe daher, wie auch schon Diemer in Sb, dieselben im 
drucke nicht unterscheiden lassen. Auffällig sind die grossen lüclcen, 
welche in W stell emoeise gelassen sind. Dieselben können nicht für 
nachträglich einzuschaltende bilder bestirnt gewesen sein, denn oft ist 
ein stück auf der unteren hälfte der einen und der oberen der folgenden 
Seite freigelassen. Es iväre möglich , dass der Schreiber eine handschrift 
andren formates mit bilderlücken vor sich gehabt und geglaubt hätte, 
diese lücken, deren bedeutung er nicht verstand, ebenfals freilassen zu 
müssen. Doch hat er im übrigen Verständnis für seinen tcxt gezeigt. 
Lezteres kann man vom Schreiber des Vorauer texfes nicht behaupten, 
ivclcher nicht nur häufig sinentstellende auslassungcn , sondern auch die 
unsinnigsten vcrschreibungen sich zu schulden kommen Hess. Diemer 
hat ihn sclwn hie und da verschönert, ohne es anzugeben. Der Vorauer 
text ist in zivei spalten zu je 46 Zeilen geschrieben. Er ist von dem 
Schreiber noch einmal mit seiner vorläge eollationiert worden, und wo 
er etwas ausgelassen hat, macht er ein Verweisung szeichen , doch nur 
an tvenigen stellen entsprechen den lezteren auch nachtrage am rande. 
Zum teil tvurden daher die verweisungszeichen auch wider durchstrichen. 
Die eigennamen sind auch in V klein geschrieben. Alles übrige über 
den zustand der handschriften ist bekant und soll hier nicht widcrholt 
werden. Der Wiener text ..lautet (links gebe ich die verszahlen der 
ganzen Genesis, rechts die des Joseph): 
[W73^V78^,b. Sb636] Jacob begunde büwen 

3460 in deme lante cliauaän. 

daz lant waf gut, 
par wuchere guüch. 

fiue fiine 5 

giengen mit dem uihe. 
3465 da wart iofepb innen 

neizwaz mirehtere minnen, 

dere fiue brüdere fpulgten, 

daz man nicht fcol melden. 10 

34G0 indemc V 3462 ohne imnkt V W 



WIENER UND VORAUER JOSEPH 259 

daz täten der diuwe barn, 
3470 daz waf in ane geboru. 

Sinem [W74''] uater er fagete, 
waz er gefehen habete. 
[H53] Sin uater hiez in [V7ft% a] fin ftille, 15 

uermiden folich gechelle. 
3475 da gefuigete er, 

ne redite iz nieht mere. 
' Jöfeph was uile fcone, 

ern üpte ueheiae honde. 20 

durch daz minnote er in 
3480 füre alle brüdere fin. 
einen rocb er ime fcüf, 

der gieng ime an den füz, 
mit phellole beftalt: 25 

des m-üte fich der belt balt. 
[Sb637] 3485 So die brüdere daz gefähen, 
d6 fi heim chomen, 
daz er in einen 

füre fi alle wolte meinen 30 

mit aller flahte minnen, 
3490 des begunden fi ime erbunnen ; 
noh uemahten uore hazze 
in mit gute geruzzen. 
[W74Mv5rDr74]Porlaug iz do neltünt, 35 

e iofeph fach einen troum gut. 
3495 der troum was uile here, 
er ward in allen gefure, 
er chom fin felbe in not, 

er ward därumbe uerchoufföt. 40 

Alfo do chom der tach, 
3500 finen uater und fine brüdere er bat, 
daz mau ime uernäme, 

waz ime in trSme zu chome. 
Der uater hiez in iz fagen, 45 

fprach , er uefcolte iz nieht [W 75 *] uerdagen. 

3470 in an gcborn. V 3476 ^mere. V 3478 hönde. 3479 in 

3480 bruder V 3i81 Sinon V rOch Mf. 3491. uor V 3492 danach 

3^1 i Zeilen leer. 3493 im anfang der seile 10 Zeilen leer. orlang z in 

ez a. ras. v. r V 3494 e troum. gut 3195 bere. 3498 uercbouffct. W 

uir chovfot. V 3504 b in uibt a. ras., uirdagaen. (e aus a corr., a unterpimkt.) V 

17* 



260 PIPER 

3505 Jofeph fprach do 

uil gezogenlicho : 
„Nv tut is gouiiie, 

wie mir cliom iu trume, 50 

(laz wir alle giengeii, 
3510 garbe an deme akchere zefamone trügen, 
do geMnt diu min 

uil herifken, 
die iuweren fi ümbellünten, 55 

zu der minen ficli naigteu." 
PD 91] 3515 Die brüdere fpracben in nide, 
er hübe fich ze chunige, 
er wolte gewis fin, 

er fcolte ire herre fin. 60 

Des troumes er inkalt, 
3520 der nit wart über in manichualt. 
[K 51"] Ime troumte mere 

uone grozzerer ere. 
Den troum ne wolte er uerfuigen, 65 

wand er ne cliund iz uermiden, 
3525 er müfezellen, 

daz ime got ruhte offenen. 
Do ü zesamiue chömen, 

er bat fi ime hören. 70 

ich weiz , fi ime gefuigten, 
3530 unze li den troum gehorten. 

iöfeph fprach do 
[AV 75^] uile gezogenlicho: 
[Dr75 Sb638] „Ich weiz, mich bedühte, 75 

do ich mines fläfes brühte, 
3535 wie funne und mäne 
zu ze nur chome, 
und einlif fternun 

uone himele uerre, 80 

unde buten fich füzze 
3540 zu minen füzzen." 

Den uater wunter nam, 
3505 J in Joseph schwarz V 3506 gutlicho. V gezogenliche. 3508 ze- 
trovme. V 3509 zuuelde V 3511 min. 3512 herifken. V 3515 nide. 

3517 fin. 3519 es troumes 3522 ere. 3523 uirfviget. V 3525 mufez zellen. 
3526 daz ime got. V 3527 o fi 3529 gefuigten. 3532 gezogenliche. Dar- 
nach lO^i Zeilen leer. 3534 fläfes brühte. 3537 vnde V 3540 zu V 



WIENEB UND VOKÄUER JOSEPH 261 

waz daz fcolte bezeclienen. 
doch fpracli er ime zu ,85 

ettewaz rafsliche: 
3545 „wane ich und diu müter 
iöch diue brüdere 
noch hie [V 78 \ b] in erde 

diu [WTß*] dürftig werden?" 90 

Daz müfe fö ergen 
3550 über finer brüdere willen, 
li heteu iu gerue floru, 

newolt iu got bewareu. 
Si gieugen iu uumüte 95 

ire uihes hüten 
fK52"] 3555 und Avären lange ffcunde 
daz fie heim uewanten. 
Do fin den uater belangete 

er bedäht iz in fiueui mute, 100 

waz daz meinen fcolte, 
3560 daz ir nehein widere zu ime wolte. 
iofeph er rufte, 

uile fkiere er ime antwurte. 
[H 54] Do fprach iäcob 105 

zu fineme fune iofeph : 
3565 Dv wench, min chint, 

ich neweiz, wä diue brüdere fiut. 
nu geuch, tu wäre, 

wie ir dinch uare. 110 

mich ift michel wunter, 
3570 üb ir dehein fi gefunter. 
fö du fi uindift, 

uile fkiere du mir chundeit, 
wie fte ir dinch. 115 

nu ile, min trüt chint." 
3575 Jofeph uile balde lief 

zu fichem in daz tal tief, 
wände da was der weide gnüg 

unde [W 76"] was diu felbe gut. 120 

3550 brüdere V 3551 fie V flören V 3552 got V 3553 das erste n 
in gingen überg. V 3554 fiues V 355ü haim V 3561 iolchp irrufte. V 
3565 V wench 3568 wäre V 3569 uuunder. V 3570 fi 3573 wie 3574 trut 
kint. V trüt W 3575 Dofehp kleines i in rotes D geschrieben V lief. 3576 tief. 



2G2 PIPER ;■ 

Do fach in da ein man 
3580 binnen und ennen irre gän, 

der fragete in, üb er ime lagen geruhte, 
waz er füllte. 
[Sb 639] Er fprach, lühte fine brüdere, 125 

wä ü hüten ire chorter. 
3585 Der man chod, er horte 11 fprechen, 
fi weiten zu dothaim. 
Jöfeph ftreich nach in 

unde uant fi in dothaim. 130 

[K 52**] Alfö ü in uerrelt fähen, 

3590 zu einen anderen fi fprächen: 
[D 92] „Nu fehet ze deme troumäre, 
er bringet niumäre. 
f Iahen wir den felben bunt 135 

und werfen in in dirre ziflerneu grünt. 
3595 wir choden, daz den felben uerwäzzenen 
dei wilden tier urazzeu. 
fö wirdet wol fkin, 

waz ime die troume frvme fin." 140 

Do daz uernam rübeu, 
3600 er bat fi die rede läzzen llen. 
[Dr 76] Er fprach: „nie ueflaben in, 
werfen in in die cifternen, 
[W 77*] wir fculem unfere heute 145 

behalten äne funte." 
3605 er wolt in gerne uerigen, 
deme tode erwerigeu, 
üb er inen fö benäme, 

daz er fiuem uater wider chome. 150 

Alfö iöfeph zu in chom, 
3610 uil fkiere fi in aue fpruugeu, 
uufimfte fl ime zu fprächen, 

den roch fi ime abe prächen, 
fi täten ime ubele itozze 155 

ioeh flege grözze, 

3581 gerülitc. V 3587 ofeph 3588 nach unde ist ein :'U'eites unde durch- 
strichen V nach dem verse sind Vj^ Zeilen leer W 3589 nach uerrest V2 ^^^^^ 
leer. 3590 ein V 3592 n"iv niärc. V 3594 in in W diri-Q cisternon V 
3595 uirwazen. V 3597 fidn. 3599 ruboii. ;j()02 in in 3GÜ7 inen benaiue V 
3608 er a, ras. r. d: V 



WIENER UND VOKÄUEß JOSEPH 2G3 

3615 liezzeu [V79'', a] iu iu einem wazzei'gademe fitzen, 
unze fi inbizzen, 
unze fi in ein wurten, 

weder fi in erf lügen oder fi in erwürgten» 160 
Ich weiz, fi in allen gähen 
3620 cliouflüte fuheu, 

fi fürten mislicli guant, 
fi weiten ze egj^pte lande. 
[W??"] Do fpi-acb indas, 165 

der der bezzille was: 
3625 „zewin ifl; uns gut? 

tun wir unferem brüdere den tot, 
fö uorderot got 

zu uns fin blüt. 170 

[K 53 '] Vvelt ir iz an miuen rät läzen, 
3630 ir niuget fin baz geniezzen. 
[Sb 640] gebet in den clioulliuteu, 
lät in iw gelten 

und nebewellet 175 

uieht iuwere heute 
3635 mit mordifkeu funten; 
er ifb unfor lichname, 

des foulen wir tun wäre." 
Der rät dühte fi gut, 180 

fkiere ward er uercho[W 78'']ufföt 
3640 umbe zueinzig phenningo 

die teilten die zelien iungelinge. 
Die in da chouften, 

die hiezzen in mit in gen. 185 

[H 55] dö müfe daz chint Inflam 
3645 eilende werden. 
Er fkiet mit riuwen 

uon den unget riuwen 
mit gebunteneu armen, 190 

daz mähte got erbarmen. 
3650 manigen zäher er lie, 

3615 inin V 3618 irslügen V 3620 cliovflate V chounütc W 3622 
am schhisse 5 Zeilen leer. 3623 am anfang der Seite 9 Zeilen leer. \\ in si)rali 

{sie) a. ras. V 3G24 der dir V 3629 rät nach 3629. 30. 31 je ein ptmkt. 

3630 megit V 3631 luden V 3632 lat 3635 mortlicbeu V 3638 rät 3639 uer- 
chouftet. W uircliovfot. V 3611 darnach 1 zeile leer. 3646 Ikiet 3649 mähte V 



264 PIPER 

(16 er uon in gie. 
I)ö rübeu zu der grübe chom 
und iu iiieiie malitcu iiiiiden, 195 

^ rill gewäte er zarte, 

3655 uil lüte er harte: 
„we, brüder min, 

wä fcolt du fin? 
waz mag ich weniger man 200 

diffes leides tun !" 
[D 03] 3660 Ein chitze fi flügen, 

uil gare fi iz benügen. 
den iofebes roch 

dunkteu fi in daz plüt, 205 

ir uater fi in lauten, 
3665 üb er in erehante, 
daz er fähe, 

üb er fines fuues wäre, 
fi fprächen, daz fi in uvnten, 210 

därane getan wunten, 
[W78*'] 3670 fam in ein tier bete uerflunten. 
Als in der uater gefach, 
uil riuweklichen er fprach : 
[Dr 77] „der roch ifi; mines chiudes. 215 

fo wcmmir fines tödes, 
3675 daz min got fo hat uergezzen, 

daz in ie deheiu [K53''] tier fcolte urezzen!" 
Sin gewäte er zarte, 

uile barmikliche er harte: 220 

„nu müz ich iemer weinen 
3680 den miuen lieben weifen!" 
Do die fune chomen, 

zu zime giengen. 
fo fi iu trofteu ie mer, ' 225 

fo ime ie wirs tet daz fer, 
3685 fprach, daz weinente 

3651 after wegegi. V 3652 zu V 3654^gewäte. erzarte. V 3655 luto V 
3660 Din (klein e a. r.; oder d?) 3661 benügen. V 3662 o in roch, aus c 

corr. V 3665 ir chante. V 3G66 fäbe. V 3667 ober V 3668 uvnten. 

beten W 3669 dar anc getan wunten. W 3670 tier hete uerllunten. W 

3675 bat 3676 ie W de hein V tier W 3G82 zu V 3683 mer. 3684 ie wirs 
tet daz for. W ivvis V 



WIENER UND VORAIKU JOSEPH 265 

niüfe chiefeu den eiite. 
[WTQ" Sb641] Die iofebeu chouften, 

do Q in zu egypte lande brähten, 230 

fi uerchouften in färe 
3690 zu eineme herreu, hiez putifär. 
der was ein geweitig man, 

deme was daz liero [V79'', b] undertän. 
durch fine luffame 235 

naui er in ze dieneftnian. 
3695 Jüfeph got ane rüt'to, 

uile wole er in beruhte, 
wole ime fpüte 

fuä er dienote. 240 

ein chint was er erlich, 
3700 al fin gebäre was tugentlich. 
in elliu diu und er tete, 

fo hete er gute fite, 
got gab im franffpüt 245 

in elliu diu und er beftimt. 
3705 ünlaugez zit hine chom, 

e in fin herre fazte ze ambtman. 
al daz er hSte, 

daz peualh er zu finor geweite, 250 

daz ime al daz wäre undertän, 
3710 dazter ime fcolte dienen; 
uieht er üz [K 54 *] nam, 
wane fin wib luffam. 
Do er daz arabahte gewan, 255 

[W79''] do ward er, fö er gote gezam, 
3715 gut und gnädich, 

des wart er fälich. 
deme Hute er rihte 

mit getriulichem ernifte. 260 

Er gebot daz niweht bellünte 
3720 deh einem armen finer phrvnte. 

3686 darnach 7^^ Zeilen leer. 3687 ie 3688 zegypte lande V 3689 

färe. 3690 ie in hie? aus o eorr. putifär. 3693 luflarae. V 3694 in 

3695 Dofeph klein i in blauem D V oleph W 3696 hörte. V 3702 hete 

3704 nach bestirnt, eine lücJce , darnach ist er rad. V 3705 ulangez zit W uile 

zites V 3706 e 3707 hete. 3709 undertän, 3711 uznam. V 3713 o er 
3717 errihte F 



266 piPEE 

abe (lerne püman 

or uiweht iiinani 
mit uurelitemc godiuge 265 

null mit neJieiiicm gedueuge, 
3725 ue war fiu reht dieueft, 

ioucli daz dühte in daz aller furfte, 
[H 56] der ime daz gab, 

deme uergab er i(5ch des fö er iu fin bat. 270 
[D 94] Voü diu gie der gotes fegen 
3730 über al des er fcolte [»biegen, 
die liuto wären fälich, 
erde i5cb uihe uil bäricb. 
[Sb 642] da got felbe was pümau, 275 

waz mähte da ubele wucheren? 
3735 Vnder allem deme gute 

gab got iofebe daz ze mute, 
daz er an deme gewalte, 

ime mere mazzes nebeualgte, 280 

newaue [W 80 *] daz turre prot. 
3740 dazu tranch er wazzer gut, 
unde was doch fö fcoue, 

fame die wunnefame plüme, 
daz ß alle wunter nam, 285 

wannen er wäre fo avoI getan. 
3745 Vnder dere menige 

gebärote er gelich einemo helde. 
fö er was gefuäle, 

fö hete er mit gote fin gechofe. 290 

16 beualh er elliu finiii diuch 
3750 an unferen trohtin, 
[Dr 78] daz er in behüte 

in aller finer note, 
noh in fineme ellente 295 

über in ne Itätte deheineui finem uiante. 

3721 vor deme ist be racl. V pünian. 3722 innam. V 3725 iuvvan V 
diiieft. "T 3726 daz dulitin (daz am rande mit einem seichen (/\) nach(jetrugen) V 
3729 gie 3733 piunan. 3735 T in Yiider a. ras. v. A V 3736 zemüte. V 
3737 andeme V 3738 me raezzcs (mc ist ausycstrichen , mere am rande mit f\ 
nachgetragen) V nego ualchte. V 3739 piöfc. 3741 idol) V 3745 nder W 
Under kleines v am rande V 3748 höte gecböfe. 3749 dcv diu lin. V 3751 
behüte. 3754 iunegortatte V 



WIENER UND VORADER JOSEPH 2G7 

3755 Grot werte in des 

und anderes mauigcs, 
newäre daz er inie doch tete, 

fo ie was fin fite, 300 

daz er in befühte, 
3760 üb er an ime ieht zuivelöte. 
[K 54*"] Do iz iofeph alfö wolo ane nie, 
und inie an niebte miTfegie, 
de begunde er finer nr5weu [V79\a] lieben, 305 
fi wolte in befuicben. 
3765 n begun[W 80''jde getougeu 
an in werfen dei ougen, 
fi tet wider in dei gebäre 

dei ime wären ummäre, 310 

fi begund in fpenen 
3770 und unrehtes wenen, 
wenen daz netohte, 

üb fi uore gote mähte. 
Do fi iz längere nemahte uerhelen, 315 

do begunde fi zu ime fpileu, 
3775 diu felbe uerwäzzeue 

bat in mit ire fläffen. 
Sin antwurte was zulitlich, 

diu rede dübt in umpillich. 320 

Er fprach: „uröwe, wie mähte ich iemmer fö 

ubele getiin, 
3780 oder mines gotes fö uergezzeu, 
daz ich deme untriuwe täte, 
der mich gechouffet bäte, 
und fuie ich wäre fin fcalk, 325 

daz er mir al fin gut beualech, 
3785 und des iil al uugewizzen, 
des er hat befezzen, 
[Sb 643] newäre fö uile, ' 

fo ich ime fin geben wile, 330 

3755 Dot, klein g in D V 3758 fin 3760 vber V 3761 o iz W 

oz V beide lassen räum für D nie. 3762 miffegie. W 3763 n in 

liehen, aus m rad. 3767 tet gebäre. 3771 fine V 3773 o fi 3774 fizo V 

3776 in llätlen. 3777 Sin antwrtc W zuhtlieli. V 3778 in V 

8779 r Ipracli W er a. runde mit /\ nachgetragen V 3781 täte. ;!785 def V 
3786 del'ezzen, V 3788 Hn 



268 PU'ER 

ich walte flu alles. 
3790 got erläzze mich folihes fal[W Sl^Jlss!" 
uile mähte fi fih es gemün, 
er newolte fin iiielit tüu. 
iiil mähte fi fih es pelgen, 335 

er newolte ir uolgen. 
3795 daz hur er uermeit, 

des chom er in arbeit. 
Eines tages daz gefcach, 

daz fi in einen gefach, 340 

er [D 95] tet neizwaz werche, 
3800 da er niemannes zu bedorfte. 

fi wänte iz wtire ir wole ergangen, 

daz fi da nefach niemannen. 
Si hiez in daz uverh läzen fi;än, 345 

hiez in mit ire gän, 
3805 fi chod: „fläf mit mir, 

wole löne [K 55"] ich dir." 
Er weigerote, 

fi pat in gnöte. 350 

do fi in neheiuen ente 
3810 mähte uberwinten, 

bi deme lachene fi in nie, 
uile fkiere er iz uerlie, 
[H 57] üz deme hüs er floh, 355 

sinen weg uon ire zoch. 
[W81''Dr79]3815 AKö er ire intran 

unt ir lie daz lachen 
unde fi wart innen 

daz er fi newolte minnen, 360 

fi begunde wüffen, 
3820 den liuten rüfl:en. 
Do fi chomen, 

fi bat daz fi ire uernämen. 
fi chod: „iuwer herre hat wol getan, 365 

3791 gemün 3792 erne F 37dlldein e am rande. 3798 eineneuant.F 3799 
tet 3801 wänte 3805 fläf 3808 in 3809 do am rande. mit /\ nachgetragen V 
3811 bi und uio, 3812 fldero mid uerlie. W uir li. V 3813 hüs er fluch. 

3814 darnach 3 Zeilen leer. 3815 im anfung der seite 9 Zeilen leer. 3816 lic 
3817 li mit hülcchen iiberg. V 3820 zerüfen. F 3822 si bat mit /\ am rande 
nachgetr. V 3823 hat 



WIENER UND VORAÜKR JOSEPH 269 

daz er gewan einen hebreifken ambtman, 
3825 der ime ano mir wolte Ionen, 
daz er mich wolto liOueu. 
Er zogete mich 

uil umpillicli. 370 

nehäto ich geharet, 
3830 er häte [W82''] mich inparet 
unde häte mich gehönet. 

nufehet, wie er ime denne hete [K 55"] gelonet! 
als ich rief, 375 

daz lachen er hie liez. 
3835 däbi maget ir fehen, 

waz hie wäre gefcehen, 
üb ich gefuigete, 

do er mich zogite." 380 

[Sb G44] Do der herre chom 

3840 und fi iz ime al [V 79 ", b] begunden zellen 
und li ime gezeigte daz lachen, 

waz mähte iofeph dävvidere fprächen? 
wante er geloupte fineme wibe 385 

fame fin felbes libe. 
[Dr 80] 3845 er hiez in in charcbäre werfen 
unter die uerworhten. 
äne fine fculde 

hete er uerlorn fine hulde. 390 

Do begunde iz got erbarmen, 
3850 daz fi fö uerriet den armen, 
er gab deme ze mute, 

der des charchäres hiite, 
daz er iOfebe wart gnädich, 395 

des ward er uile fälich. 
3855 er begunde in minnen, 
er newolte in duiugen, 
er beualech ime alle die, 

die in noten wären, 400 

daz er fi begi [W 82 ''] enge 
3860 fuie iz ime geuiele. 

3830 in part. V 3832 hete 3833 rief. 3834. 3886 hie. 8842 da 

widere V 3843 fine me V 3845 in in charchare 3846 diuir worliten. V 

3848 hete 3849 ir barmen. V 3850 uerriet 3852 charchäres 3857 diirh V 
3859 fi 3860 fuie 7ind geuiele. 



270 PIPER 

want er was innen worten, 

daz er mit werchen iöch mit worten 
alzaue got meinte, 405 

daz er hie wol befceinto. 
[KÖG'] 3865 Do in allen gäben 

zutMie wider den cliunich milTetaten, 
ein philler und ein fcenche, 

fi müfen in daz gebende. 410 

in den charcliäre man fi warf, 
3870 in daz gebeute uile Itarcb. 
Jofebe warten fi beuoleben, 
er nelie fi nieht fuellen, 
[D 96] er gab in maz uude traucb, 415 

er die[W 83']n6te in gotes dancb, 
3875 er begie fi guote 

mit fuiu er bete. 
Do die felbeu berren 

wol Hunte da wären, 420 

eines nahtes daz gefcach, 
3880 daz ir iew^ederer einen troum gefacb, 
wi flu dincb fcolte ergen, 

der chunich bete fi unfanfte befl;en. 
fi wären in forgen, 425 

' waz ir fcolte werden, 
3885 fi wären unuro. 

iofepb fpracb in zu : 
„Ja ir guten cbuebte, 

iz neuert umb iucb niebt rebte. 430 

[Sb 645] ir gebabet iucb biute ubile, 
3890 iz uezäme niebt adale. 
faget, waz iu fi, 

und wefit piderbe." 
Ü fpräcben 435 

etwaz trüricb liehe : 

38G2 woreten. V 3864 darnach 9 Zeilen leer. 3865 Uo in V 3866 miTfe 
taten. V 3869 chaicharc 3871 Uolebe V 3873 g in gab a. ras. V 3874 di note V 
3875 begie li 3876 bete. 3880 vor einen ist daz ausyestriclien V 3881 wi 
fin W n in dinc ans e corr. V 3882 clumic V bete li W unfafte V 3885 
unurO. 3887 es steht a iar, doch ist vor dein ersten a eine lücke für einen ini- 

tial gelassen W guten V 3888 uert V 3890 zäme 3892 l'e in welet 

aus u rad. V 3893 Iprucben. Nach dem verse sind PJi Zeilen leer. 



■WIENER UND VORAUER JOSEPH 



[H 58] 3895 Zuilre ift uns getroumet, 

leider uiemen uns iz fkeidet." 
iofeph antwurt in: 

„got fcol iuch troften. 440 

waz üb ir mir fagetet, 
3900 waz iuwe wäre gefcümet; 

mach fkelieu, daz ich iz iu fkeide, 

als [W 83 ''] iz iw ergienge." 
Do fprach der fkenche 445 

(mislih wären fine gedanche): 
3905 „Do ich hinecht was intfuebe 
in micheler un[K 56 ""Ihabe, 
du fach ich dri winrebe 
prozzen unde plün, 450 

zu zitigen perigen fich machen. 
3910 do chom mir fkiere 
[Dr 81] des chuniges pechäre; 

den nam ich in mtne haut, 

dei pere ich darin [V80"', a] duang, 455 

deme chuuigo ich iz trüg, 
3915 ueheines arges er wider mich gewüg." 
Jöfeph ime autwurte 

nach rehtem geuerte: 
„fo wol dich des troumes! 460 

über dri tage du gedingeft, 
3920 der chunig diu gedenchet, 

uile fkiere er nach dir fandet, 
er uerchiufet dine fculde 

und git dir fine hulde, • 465 

leides er dich ergezzet, 
3925 wider an din arabahte dich fetzet, 
den pechäre du im biuteft, 

alfö du e woueteft. 
fich, daz du min nieht uergezzeft, 470 

fo du an dinen gewalt widere gefizzeft, 
3895 nare W getrovraot. V 3898 ingot. der V 3900 ev wäre gefhchen. V 
gefcümet. W 8908 fprab V Ibenche. V 3905 i in ich aus n rad. V int- 
febe. W in fvebet. V 8907 dri winrebe. W driwin rebe. V nach allen drei 

Versen ein imnkt W 8911 pecbäre. 8913 dar induang. 3915 ber zu mir V 
3916 ant warte. V 8919 dri 8920 r in der aus f rad. V din W 8921 fhire V 
3922 uircbüfet V 3923 git 3925 fet zet. V 3926 pecbäre 3927 e 

3929 dinen 



272 PIPER 

[W84'J 3930 und dir wole fi; 

ficli, wie mir hie fi! 
Ich wart iiizukchet, 

• in ditze lant uerchoufet. 475 

{Ine fculde 
3935 flüs ich mines hcrren liulde. 
[Sb (UG] dö warf man mich färe 
in difen charchäre, 
in dife uinitere grübe. 480 

nu tu du iz gote ze liebe, 
3940 du rat deme chunige, 
daz er mir gnade, 
daz er mich hinnen lofe, 

e ich den lip fliefe." 485 

Dö der philler uernam, 
3945 wie er die troume chunde fkeiden, 
dö fprach er, wie el- fähe 

dö er infuebe wäre, 
obe fineme [D 97] houbte dri zeinen 490 

[K 57"] melewes folle, 

3950 unt in der oberilten wäre 
aller brote gebäre, 
dei dehein phifter chunde machen, 

dei man üz melewe fcolte bachen, 495 

unt daz die uogile fo gare fräzzen, 
3955 daz fi is nicht uerliezzen. 
Jofeph autwurte ime des : 

„ach ach di[W 84''Jnes troumes! 
der driere zeinen 500 

müft du wol weinen. 
3960 uernim, waz ich dir Tage: 

die dri zeinen fint dife dri tage, 
der chunig denne geblutet, 

daz man dir abe flehet daz houbet. 505 

er heizzet dich au den galgen hälien, 

3930 fi. W fifo I gedeuche V 3981 wie mir hie 3932 Uch , in das ü 
ist ein Meines i geschrieben V 3936 do V 3937 cliarchdre. 3940 rät 3943 e 
rnid lip; am ende des verses eine halbe seile leer. 3944 nach der 74 ■^^^c leer! 

3945 wie W chunder fheiden. V 3940 wie er fähe. 3947 wäre. 3948 dri 
Züiuen. 3954 fräzzen. 3955 is W uerlizen. V 395G olcph 3958 driere 
3961 dri {zweimal) 39U2 gehiutet. 3963 hovbet. V 3964 erhaizzet V 



WIENER UND VORAUER JOSEPH 273 

3965 da beginueiit dich die uogele äfen, 
nieht fi din leibent, 
gare (\ dicli urezzeut." 
[Dr 82] Vber dri tage gelach 510 

des chuuiges geburt tag. 
3970 michel Avirtfcaft er [WSS"] hete 
mit [K 57 ""J aller f iuer diete. 
da begunde er gedeucheu 

des finen fceucheu. 515 

Er bedähte fiue uöt, 
3975 daz er ime iiile hete gedienot. 
er hiez in ime bringen, 
do mvfe er wole gedingen. 
[H 59] er chod, daz er ime alle fine fculde uergäbe, 520 
■wolte daz er fines ambahtes phläge. 
3980 Den phifter hiez er fähen, 

houbeten [YBO', b] unde haben. 
[Sb 647] da müfen in die uogele äfen, 

als ime was gefkeiden. 525 

So der fcenche au daz ambahte gefaz, 
3985 fines troumfkeiden er uergaz, 
er irgaz triuwen 

iouch maniger riuwen, 
die er in dem charcbäre leid, 530 

e ime iofeph den troum fkiet, 
3990 der in azte uude tranchte, 
pettote ime fanfte: 
der fcenche des alles ergaz, 

do fin dinch begunde Aen baz. 535 

[W 85 " Dr 83] Danen über zuei iär 

3995 gefach der chunig uile her 
einen troum fuären, 
den faget er den [K 58*] herren. 

3965 begunnent V 3966 din V nach 3967 sind 10 Zeilen leer. 3968 
der dri tage V dri W 3970 wirt fcaft V hete. W 3971 aller. V diete. 

3973 l'cecben. 3975 hete 3976 Er ehiez V 3978 fg. fculde er ime uirgabe. 
linde I er wolte daz er fmes ampahtes phla- | ge. V 3978 uergäbe 3979 fine 
3980 Deu V 3984 e in befaz. aus a rud. V 3985 e in er a. ras. V 3987 vor 
riwe. ist t rad. V 3988 deme V chaichäre 3989 e 3991 peitote V 

3993 darnach i'/j seilen leer. 3994 am anfang der seile 9 Zeilen leer. anen W 
kleines d am rande V zuei W zvei V 3996 trovn V fuären. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 18 



274 PIPER 

den uechunde neheiu mau 540 

rehte gefceiden, 
4000 noh niemen unter deme liute, 
waz der troum diutte. 
Do begunde der fcenche 

fines troumfceidäres gedenchen, 545 

er fprach zu deme chimige: 
4005 „herre, uernira mine ubele, 
wie mir ift gefcehen, 

des müz ich dir gehen. 
Ich [W 86 *1 unde din philler 550 

lägen in charchäres uinller. 
4010 da beualech man unüch inne 
einem hebreifken iungelinge, 
der tet uns al daz gut, 

daz ime got gebot. 555 

[D 98] Do zeinem male 
4015 troumte uns beiden fuare. 
des begunden wir trüren, 
er begunde uns trollen. 
Vuir fageten ime die troume, 560 

die feiet er uns fliume. 
4020 er fprach, ich gewunue dine hulde, 
daz mau auer den phifter hienge. 
der iewederiz wart, 

fö fin nie uerwandelot wart ein wort. 565 

Mich pat er gnöto, 
4025 daz ich fin wider dich gedähte, 
daz ich dir chunte, 

daz er wäre ellente, 
ime beten lugenäre 570 

gemachot, daz er wäre 
[Sb G48] 4030 geworfen in charchäre 
[Dr 84] daz du durch dine gute 

nämell in üz der note." 
[W 86 •> KÖS"] Der chunig gebot, 575 

3998 den nechunde (ne rad.) V 4002 kleines d am ranäe V 4004 zu V 4006 wie 
4008 M. i a. rcle. 4011 ebreifhcn V 4012 aldaz V 4014 male. 4015 fuäre. 
4019 irfhitF 4:QQ2 kleines d am randeV iewederiz 4023 (7as ersfe d m nie uerdwan- 
delot rad. 4028 ime beten gemahchct lugenäre. daz er wäre geworfen V 4080 
charcliäre. 4032 darnach 1 seile leer. 4033 im anfang der seite 10 Zeilen leer. 



WIENER UND VORAÜER JOSEPH 275 

man brähte ime den mau gut, 
4035 daz man in padote und fcäre, 
watete inen ziere. 
Als er iu gefach, 

ich weiz , er ime zu fprach : 580 

.„Ich mach wole iehen, 
4040 daz ich ftarche troume habe gefehen, 
die newolt ich moklen, 

newäre minen holden, 
uüder den neuant ich neheinen man, 585 

der mir li chuude gefkeiden, 
4045 Do fagete man mir, 

üb [WS?"] ich fi zalte dir, 
daz da uore nicht newäre, 

du nefagetell mir fuaz da üz gefkähe." 590 

Do fprach iofeph: 
4050 „des uermizze ich mich nieht. 

got antwurte deme chuni[Y80'', a]ge 

franfpüt äne mine fkeiden. 
gerne wil ich doch uernemen, 595 

waz ime iu troume fi chomen." 
4055 Er ne redete nieht mere. 

do fprach der chunig here: 
Ich weiz, mih pedühte, 

do ich mines fläffes brühte, 600 

[Dr85] wie ich Ilünte eine 

4060 an eines itades reine. 
[H 60] do giengen üz der ahe 
fiben chü rade, 
feizte unte fcone. 605 

fi giengen an daz cras grüne, 
4065 an dere weide 

giengen fi mit uroude. 
[K 59 '] Daz Hunt unlenge, 

e andere fibene giengen ennen, 610 

magare und unfcone, 
4070 ich negefach nie wirs getane. 

4035 fhäre V 4038 zufprah. V 4041 dino wolte V dio 4048 dune V 
uz V 4052 franf mute V ane 4053 Derne V 4056 herre. V 4057 Ich V 
4058 riauis V bi-ühte. 4059 eine, ftunde an V 4062 chu V 4065 ander V 
4067 inlange. V 4068 e TF an dere V 4070 nie W wirsgetane. V 

18* 



276 riPER 

die feizten fi fräzzeu, 

den hunger doch negebüzten, 
an in nien erfkein, 615 

üb fi inbizzen der [W 87 ''J feizten dehein. 
4075 Des troumes ich intfpranch. 
do nellünt iz porlang, 
e mir was, fam ich fähe. 

da üzze an der fäte 620 

in dem tualme 
4080 wahfen an einem halme 
fiben eher fconiu 
unde uolliv. 
[Sb 649J Dänäh fach ich fibiniu 625 

flachiu iouch durriu, 
4085 dei uollen fi ane fcrichten, 
uil fkiere fi uerflickteu." 
[ü 99] 1)6 fprach iofeph: 

„ditze ueift trugeheit nicht, 630 

der chuuig fah eine 
4090 die gotes getougine, 
er geruhte ime offenen, 

daz er wil Aiften. 
des inift zuiuel nehein, 635 

die troume fint pede ein. 
4095 Dei fiben rinder feiztiu 

und dei fiben eher uolliu 
daz fint fiben iär gütiu 

alles rätes uolliu, 640 

fo nie bi mannes geburte 
4100 neheiniu bezzeriu wurden, 
niene wart der geborn, 

bi dem baz wurde fleisk unde chorn, 
ole noh win, 645 

wie mahtin fi bezzere fiu? 
4105 Da [W 88"] näh choment fibiniu 
fö freiffam, 
daz lutzel liutes heftet, 
4072 n in deu aus r corr. 4073 ni^'dor V 4075 kleines d am runde V 4077 e 
4078 ander V Täte. 4079 tvalmc wahfen. an V 4081 Hiouev V 4083 kleines 
d am runde. 4084 llabcliev. unde V 4092 fti fen. V 4094 beide in ein. V 
4095 kleines d am rande V W 4097 iar 4099 nie 4101 nine V 4102 dem 
aiif ras. von baz 410ü fleiflichev. V 4107 lut zel V 



WIENER UND VOEADER JOSEPH 277 

iz ne lige Innigeres tot. 650 

So daz choru zerinnet, 
4110 fo iffc daz fihe fkiere wirt furebräht, 
fo müzzen fi fuelleu, 

uore hungere chuellea. 
wie mähte iu wirs fin? 655 

[K 59 ""J fö müzzeu fi irfterben 
4115 Vvil du raines rätes rüchen, 

du fcolt dir einen wifen man füchen, 
der näh dir daz lant 

habe in finer gowalt, 660 

deme daz liut fi undertän. 
4120 der fetze finen ambtman 
über iegelich gou, 

über chorn iöch hou. 
den iu difen fibeu iären 665 

daz nieht uerfmähe, 
4125 fi neheizzen mannegelich fazzen an fin feil 
fines ehernes daz finfte teil 
trage iz zu froneme ftadile 

oder für iz üf fineme wagene. 670 

Man fcul dir iz fruuen, 
[V 80'', b] 4130 den chuuftigeu hunger dämite honen. 
[Dr86 Sb650] fö iz fö tiureu beginnet, 

daz niemen [W 88*"] nieht uindet, 
fö fcolt du in dämite helfen, 675 

beden geben iuch uerchouflfen, 
4135 fo geuifit dir daz liut, 
daz wirt dir uil liep, 
fö mag man dir gefän: 

fö dunchet iz mich wole getan." 680 

Bö fprach der chunig über lüt, 
4140 daz hörte [K60*] manig fin trüt: 
„wä magen wir deheinen man finden 
des gotes geiftes fo feilen, 

4113 wie und wrs 4115 kleines v am rande V 4116 o in folt aus u corr. V 
ge wüTen V 4119 under tan. V 4120 ambet man. V 4121 iegelich 4125 an 
4128 üf ir üf V wage. 4130 honen. 4132 in uindet. V 4136 dir dar nah V 
4137 gefän. W gefam. V 4138 darnach 10 Zeilen leer. 4139 über lüt. W 
über lut. V 4140 trat. 4141 ane mege {im anfang lilcke für einen buchsta- 
bcii) V wä 4142 gail'tes fo uoUeu. V 



278 PIPER 

fo mich dunchet dirre man, 685 

der minen troum fo wol hat [W 89 '] gefkeiden ? 
4145 Ich ueweiz in miner gewalt 
neweder iunge noh alt, 
[H GIJ der dir fi gelich. 

uon diu "wil ich, 690 

daz du nah mir fift 
4150 der aller herifte, 
Hutes unde lantes 

daz du fin alles waltes, 
noh niemau fi fö riche, 695 

er nefcule dir intutchen, 
4155 tun al daz du gebietes, 

oder an fuaz tu fi leites. 
Et ich heizze der herre, 

ich uiger fin uieht mere 700 

des [DlOO] ftüles unt des namen 
4160 fculen fi mich dir fore haben." 
der chunig here 

fprach iöch mere: 
„Nv hän ich dich giweltich gitän 705 

über al, daz ich hän/' 
4165 Daz gifingir er nam 

abe finer haut wolgitän, 
inen er iz ane legite, 

zi deme giwalt inen ftabite. 710 

Ich weiz, er in ane watet 
4170 einen faben gut, 

umbe finen hals einen pouch, 

der was [ W 89 "] aller rot golt, 
hiez in fetzen üf fin gereite, 715 

after der bürg bileiten, 
4175 daz fin böte foregienge, 

gibute, daz mau in inphienge, 
[Sb 651] daz fimi alle chnüitin ingagini, 

alfö deme chunige. 720 

4144 wol fehlt V 4149 tu V 4150 aller herifte. V 4152 fin 4153 fi 
4155 alflaz V 4157 otich V herre. V 41.58 ich neg-ore. V 4161 here. 4162 zu 
iofepe V am ende des verses 1 zeilc IcerW 41 (U aldaz F 41 G7 iiierz 4168rta|te. F 
4171 halas das zweite a rad. und Unterpunkt. V einen, pouch. 4172 rot 4173 üf 
4174 burcleiten. F 4176 in W inphingen. F 4177 chmten ingegene F 



WIENER UND VORAUER JOSEPH 279 

Der chunig fprach mere 
[KGO"] 4180 durcli iofebes ere: 
„Ich pin iz, pharao, 

da höret iu alle zu, 
niemeu ni wegi fiuen füz noh hant 725 

über allez ditze lant 
4185 uut fi uile ftilli, 

iz nifi iofebes willi. 
Ich ni wil euch nicht; 

daz er heizzi iofeph, 730 

[Dr 87] er heizzit pillichere 

4190 der werlt beiläre." 
[WOO"] Dv tet er in gihit: 

er gab ime ein riebe wib, 
eines pifkofes tohter, 735 

diu was äne lafter. 
4195 drizzig iäre was er alt, 

du im der chunig gab den giwalt. 
du für er fcowen, 

wie daz lant wäre gibüwen. 740 

uil wol er birihte 
4200 ein [V 81 "■, a] iegelich ambahte. 
al daz dehein man 

zi büwe fcolte habeu, 
des ni heiz er nicht über heuen, 745 

man müf im ez geben. 
4205 In iegelicheme ambahte 
rine rtadile er rihte, 
dar inne gihielte 

daz chorn, daz er fparite. 750 

Siben iär chomen 
4210 al näh ein ander, 

16 die [KGl"] altiftin iahen, 
daz fi nie bezzeriu gifähen 
in aller flahte ginuhte, 755 

deiz niemen giftetinin mähte. 

4180 durh V ere. 4182 iu 4188 iofcp. V 4190 darnach 8 Zeilen 
leer. 4191 gihit. 4195 Drizec V 4200 iegelich W ambahte V 4201 aldaz V 
4202 zepuwe V 4203 über heuen. V 4204 a in man aus u corr. 4205 In W 
amphahate. V 4207 gihielte W gehilte. V 4208 daz chorn. W V al | daz 
er fparte. (al rad.) V 4209 iär 4212 nie 



280 PIPER 

4215 Chora wart über mäze, 
fame wart obeze, 
fihis niwefTe nieraen zale, 

oles unte wines beten fi wale. 760 

Jofeph nieni tuelite, 
4220 e er fini ftadele giladite. 
er faminet iz gnöte 

ze (lere cbunftigen [W 90 ''J note. 
er weffe wole wiez irgienge, 765 

fö dere iäre wurt eilte, 
4225 daz er fö uil ni giburte, 
fo ers bidorfte. 
[Dr 88] Diu fiii fcone cbone 

guan ime zuene funi. 770 

den fi guan [D 101] e, 
4230 den nant er manaffe, 
[Sb 652] cbod, nu ime got bäte gigeben chint, 
er wäre alles leides irgetzit. 
Den anderen fiin hiez er effraim, 775 

daz er fach fö uili finer wucbere. 
[H 62] 4235 chod, wolte fin mendente, 

daz ime fi got bete gigeben in ellente. 
Ich fage iu in war: 
[W91''] du furewurtin dei [Köl"] guten iär, 780 

du bifaz diu erde, 
4240 da newolte niebt ane werden, 
michil wart diu not : 

daz fibi lag meiftig tot, 
der hungir gie über al, 785 

des liutes wart grözzer ual. 
4245 Die aue ginärin, 

zu deme chunige chömen, 
fi bäten iu helfin, 

daz fi nieni fuvvllen. 790 

Er hiez fi zi iofebe faren, 

4220 e 4221 famenote zi genote. Bie beiden Uzten tcorte sind a)n rande 
mit rerweisungszeiclien (/\) nacJujctrafjen V 4222 nöte. 4223 wole am rande 
mit Verweisungszeichen {/\) nachgetragen V 4225. 26 daz ers fo negehurte. so uil 
ers bedorfte. V nach v. 4226 sind 8 seilen leer W 4227 iu lin W chone. n. rde. 
mit A V 4229 e. 4231 hinter got kein punlct V 4236 licte 4237 iu 4238 iär. 
4241 not. W not V 4242 tot. 4243 gie 4245 ginärin. 4249 zeiofebe V 



WIENEB UND VORAOER JOSEPH 281 

4250 chod, er fcolt fi biwärin, 

Jofeph hiez daz chorn dresken, 

liitzil machin zu efchin. 
er hiez iz guarlicheu hantelon, 795 

diez fcolteu wantilon, 
4255 den armen dirmite belfin, 
zi den richin tirchöffiu. 
er forhte, daz ime zerimne, 
durch daz was er därobe fo enge. 800 

[Dr 89] ime wärin micbel forgen 

4260 ze den fibin iärin for geborgen. 
Der bunger fich breite 

in die werlt wite, 
er gie über al, 805 

daz liut ftarb unde gefual. 
4265 nieman nedorfte fän, 

der iz ouch mähte geleiften, 
want ime negab daz [Wgi"] feit 

noh fä fines fämen gelt. 810 

Do daz iäcöbe chom ze märe, 
[K62'] 4270 daz daz chorn in [V 81"", b] egypto feile were, 
ze finen funen er chod: 

„wie tut ir fo, werigot, 
daz irs hungeres fulet chuelen, 815 

noh daz chorn zegipte newelt holen? 
4275 iä ift iz da feile, 
faret guter heile. 
[Sb 653] iä habe wir fcaz gnügen, 

zuiu fule wir däbi fterben?" 820 

Si hüben fich al infament 
4280 unte füren in egipte lant. 
beniamin beftünt heime 

fineme uater ze gömele, 
er forhte, ime etwaz gefcähe, 825 

üb er föne ime chome. 
4285 zu zime ern fazte, 

daz ern iofebes irgatzte. 

4251 drefkcn luzel V 4252 ze | zzen V 4263 gie W über al V 4265 fän. 
4266 der zioh V 4268 danach 3 Zeilen leer. 4269 iacobe tmd märe. 4271 kin- 
den V 4272 wie 4275 z in ez aus h corr. V 4277 genüge. V 4278 zewev V 
derbe fterben. V 4281 beniamin V 4284 ober V 4285 fazcte. V 



282 piPEB 

Du fi ze houe chomen, 

zehen ire wären, 830 

da iofeph uiito herren j^zzen, 
4290 da buteii fi ficb ime ze füzzen. 
Vile fkier erf irchante 

pi ire fpräcli iöch [W 92 "] pi ir gewante, 
er fragte, wer fi wären, . 835 

oder wannen fi füren? 
4295 Si fprächen, fi füren fon chanaän, 
wären fune eines mau. 
[D 102] Er nam es göme. 

du däbt er an die troume. 840 

wie funue unt mäne 
4300 fon himile füren fcone 
ioucli einlif fternen 

ze finen füzzen ficli uaigten. 
Du mäht er in Ionen, 845 

des fi ime täten. 
4305 du begund er fi befücben, 

üb iz fi iebt wolte riuwen. 
Er cbot, in düht in ir gebäre, 

fi wären fpehäre, 850 

fi wolten daz lant ferräten, 
4310 er müfe daz bebüten. 
Des puten fi ir unfculde 

näb finer hulde: 
fi cbömen [K 62"] in daz lant 855 

durh bungers geduancb, 
4315 fi cbömen fridelicben, 
nieht wicblicben. 
Jofepb fpracb du: 

„des nift niebt fo, 860 

ir weit bie fcowen, 
4320 wä ir dem lant muget gedrSwen." 
^ Si fübten fine gnä[W92"]de, 

daz er in fernäme, 
[H 63 Dr 90] er gefwiget in 865 

alfo fin gebäten. 

4287 Vofi V zchoue. V 4290 zefüzcn. V 4295 uon V 4290 manc V 
4303 inlönen V 4311 es buten {keine lücke für D) V 4317 fprah V W 4319 hieir 
fhowen. V 4321 fuhten V 4323 gefwiget. in W Nach in auch Icein punkt V 



WIENER UND VOBA.ÜEE JOSEPH 283 

4325 Der eine fpracli du, 

die andern horten zu: . 
„Vnfer fint zuelife, 

fon einem nater geborne, 870 

[Sb 654] üz deme lante chanaän, 

4330 mach fcehen, du horteft iz nennen, 
der fint zehene 

in difme gademe. 
Einer ift heime 875 

nimet fines uater göme. 
4335 er was ime uile liep, 

ern lien mit uns nieht. 
unfer ift nieht mere, 

daz gelube mir, herre." 880 

Jöfeph in antwurte: 
4340 „irrichlich ift iur geuerte, 
ich wil pewäreu, 

üb ir fit fpehäre. 
bi des chnniges gefunte, 885 

ir nechomet üz deme laute, 
4345 e iur brüder der minnift 
[V 81'', a] in difme lante ift. 
Sentet einen dare, 

daz er chome here. 890 

ir fit in gebeoten 
4350 unze wir daz irfenden, 
übe daz war fi, 

daz ter zuelfte da heime fi. 
Ni weit [W93"] ir des nieht tun, 895 

fo pirt ir üz durh fpehen chomen. 
4355 Bi des chuniges gefunte, 

ir müzzet in daz gebente. 
[K 63 *] Si beten micliele chlage 

in der uefte zuene tage. 900 

4327 zveleue V 4328 uon V 4329 chanaan. V 4330 etewenne. V 
nennen. V 4334 r in uater a. ras. 4336 erne liz V lien, durch einen knick 
im pergament ist das n etwas entstelt W 4337 mere. V 4338 daz gelovb du 
mir herre. ist mit verioeisungszeichen am runde nachgetragen V 4340 iur W 

Y in ever aus n rad. V 4341 pewären. V 4342 fpehäre. V 4343 bides V 
4345 e 4348 here. 4349 ingehenden. V 4352 da heime V 4353 cwelt V 
4356 darnach SV2 ■s^ciYe» leer. 4358 inder V 



284 piPEB 

Des dritten tages man fi üz lie, 
4360 iofeph zu ziu gie, 

chod, er forhte fimtone, 

want fi wären in ellentüme. 
übe fi fride[D 103] liehen wären dare chomen, 905 
fcolt in ieht ubeles da fkehen. 
4365 er fpracli: „äae gewarilieit 

nechomet ir föne mir nielit. 
[W93''] Einen wil ich pinten 

in den charchäre finfteren. 910 

ir andere uart heim, 
4370 got gebe iw gut heil. 
füret heim iwer chorn 

unte nilat iw nieht fin zorn. 
Ift daz war 915 

umbe iwueren minniften brüder, 
4375 chumet er mir, 

fkiere gedinget ir." 
Si täten, als er gebot, 

unte chlageten ire not: 920 

fi müfen wole iehen, 
4380 daz in rehte wäre gefkehen, 
[Sb 655] fi heten an ir brüdere garnet 

fuaz [W94''] in wäre begagenet, 
du fi fin augeft fähen 925 

unt ime newolteu gnaden, 
4385 daz in nieht gie ze herzen 
fines ellentes fmerze. 
Du fprach riiben, 

der in e wolte nerigen: 930 

[K63''] „Ditze faget ich iw, brüder, 
4390 du daz chint chom müder 
[Dr91] mit guten triuwen, 

du garuotet ir dife riuwe. 
fehet, nu gät durh not 935 

über uns daz fin unfculdige blüt." 

4359 drittes V lie. 4360 ingi. V 4361 funtöne. 4363 waren V 

4364 gefchehen. V 4367 inen (es ist eine kleine lücke für E gelassen) willich V 
4370 iw und heil. 4372 iw 4373 war. daz [ ir einen wenigen brüder habet. V 
4375 ir mir. V 4376 darnach S^/^ zeilen leer. 4378 n in clageten aus t 

corr. V not. 4383 lin 4385 zeherzen. V 4387 rub6n. 4388 in e] mö F e 
4389 iw 4392 ir] io V 4393 not. 4394 uufoltdigez blud. V 



WIENER UND VORÄUER JOSEPH 285 

4395 Dil iofeph ire rede feruam, 
er cherte ficli hine dane, 
der ämer inen duanch, 

daz ime der zäher üzfpranch. 940 

Er cherte fich wider zu ziu 
4400 unte hiez ir einen pinten, 
finen brüder fimeon 

hiez er in die not tun, • 
ze ir aller gefihte 945 

tet ern in die uefte. 
[W94''J 4405 Er hiez die fecche alle 
tun weizes foUe, 
hiez iegliches fcatz 

legen wider in finen fach, 950 

[H 64] hiez in ouch geben, 
4410 daz fi unter wegen fcolten leben. 
Du fi unter wegen chomen 

unt den roffen wolten füteren, 
als einer üf tet den fach 955 

unte gefah, daz fin fcatz da lach, 
4415 den anderen er fagete, 

daz er finen fcatz habetc. 
Du fiz gefähen, 
[V 81", bj uile harte fi erchomen. 960 

michel wunter fi ginam, 
[W95"] 4420 wie daz fcolte fin getan. 
[K 64 "] Heim chomen fi zire uater, 
er was chlage ablager. 
nieht fi netualten, 965 

e fim ez allez gezalten. 
4425 ouh fprächen fi, der herre, 
ders lautes phläge, 
er zige fi zewäre, 

fi wären fpehäre. 970 

„Wir fprächen, fride brähten, 
4430 neheines ubiles gedähten. 

4397 dvanc. V 4398 üzfpranch. W uz fpranc. Darnach r durch- 

strichen V 4402 not 4404 darnach 37» zeüen leer 4405 im anfang 

9 seilen leer. Er 4407 iegliches 4413 üf 4414 unde V 4419 n 

in nam. aus m rad. V 4420 wie 4421 nach fi eine halbe seile leer. 

4423 fme V 4424 e 4427 zeware. V 4429 Meines w am rande V brahte. V 



286 PIPER 

unfer waren zuelfe 

geboren fon eineme adele. 
[Sb 656] wir wären eines mannes fune, 975 

der minuifte wäre mit ime. 
[D 104] 4435 Als er daz gehörte, 

ze ftet er uns dröte, 
wir nechömen üz deme lante, 

e wir den minnillen befanten. 980 

Ich neweiz, weder er fih es bedähte, 
4440 oder er iz tet nach rate: 
er liez uns faren, 

habite da limeön din barn. 
In unfer antwurte man ime baut 985 

uile uaft iewedere hant. 
4445 dei ros man uns fazzote 

mit weiz iouch [W95''] mit prote, 
hiez uns mite geben, 

fö diu ros meifte mähten getragen. 990 

Daz urloub man uns gab, 
4450 hiez uns niemer chomen in die Hat 
an unferen brüder, 

der hie wäre mit dir, 
übe wir den gefunt weiten gehalten 995 

i5ch fimeon lofen üz den panten, 
[Dr 92] 4455 uut übe beniamin mit uns füre, 

er welTe denne, daz wir newären fpehäre, 
wir mähten daz lant denne fuchen 

mit fride iSch mit gnaden." 1000 

Du fi die rede feranten, 
4460 ire fecche finbunten. 

raanniglich faut finen chöf, 

als ern fach [K 64"] intl5ch, 
zefamine fi fahen, 1005 

4432 nach eine adele, venveisungszeiclien , aber die einsclialtung am runde 
fehlt {im texte fehlen wir bis minnifte). V 4433 füiie. 4435 Alfer V 4436 
dröte. 4437 ne chOmen W nechomeu V länte. 4438 e 4439 für das 

fehlende I ist vor ch eine lüeke gelassen V neweiz V 4440 rate. 4443 n 

unfer W nach bant. ist ein durchstriehenes verweisungszeichen , doch steht nichts 
am rande; es fehlt v. 4444 V 4446 prote. 4450 indi V 4451 an 

4454 fymou V 4455. 50 er chot übe auer beu- 1 yamin mit uns date uüre er we£fe 
dan I ne daz wir newaren Ipehare. V fpehäre. 4457 daune fuchen. V 4463 
rähen. 



WIENER UND VORAUER JOSEPH 287 

uile hart fi irchomen. 
4465 raichel wunter fi nam, 

wazter got üz wolte meinen. 
Der uater fprach du 

uile parmichliclio : 1010 

„ir habet mich der chinde äne getan, 
4470 daz müzze got irbarmen. 
iöfeph neweiz ich wäre chom, 

fimeon [W96*] lit gebunten: 
nu fol ich Tanten minen weifen 1015 

ze des ellentes freifeu. 
4475 Ja, wench, got der gute, 

du bedenche dife min note!" 
Du fprach rüben: 

„du fcolt mirn beuelhen, 1020 

zuene mine fune 
4480 gib ich dir wider ime 

ze flahenne oder zehahenne, 

üb ich in dir widere nebringe." 
Du fprach iacöb: 1025 

„ditze irbarme dem almahtigem got! 
4485 nu ilt iöfeph tot, 

difer einer mir biitünt: 
[Sb 657] gefchihet im iuweht unter wegen, 

fo müz ich den lip irgeben, 1030 

fo müz ich iemer cholen, 
4490 unze ich fo uare ze der helle." 
[H 65] Du in uile näh zeran, 
des 11 e prähten, 
[V82', a] der uater fprach zin, 1035 

ziu fi nefüren, 
4495 chöften daz chorn, 

e fi des hungeres wurten florn. 
Du fprach iüdas, 

als ime note was: 1040 

„wir nedurfen dar chomen 

4466 uzwolte V liz 4468 parmichliche. 4469 chinde, anegetan. W 

nach habet ist e rad.V 4472 lit 4475 wench deutlich 4476 note. V 

4481 hahene. deutlich W 4484 almahttigen V 4485 tot, 4486 nach eine 
ist t rad. V 4487 iuweht 4488 lip 4489 iemer W quellen. V 4492 e 
4493 fprah zin. V 4494 ziu 4496 e 4498 alTez ime V nöte V 4499 chomen. V W 



288 



4500 äne beniamiu 

du newelleft [WOG"] dich uufer aller darben 
umbe in einen. 
[D 105j IVil du in mit uns fenten, 1045 

fo mege wir wider heim wenten, 
4505 er nefare, 

wir nechomen [K 05*] dare. 
Der des lautes ift geweltich, 

der fprach zu uns ze leite: 1050 

„niemer mere gefehet ir mich 
4510 an iuren brüder den miuniTteu." 
Der uater weiz in, 

daz fi fermeldoten beniamin. 
Si fprächen, waz fi inahten tun, 1055 

du er fi hiez fragen, 
4515 welihes chunnes fi wären, 
übe fi uater baten, 
oder übe fi mer 

bäten debeinen briider. 1060 

„Wie mähten wir wizzen, 
4520 üb er imen hieze bringen?" 
Judas nnen uater bat, 
er täte iz durch got, 
[Dr 93] er beuulhe imez chint ze triuwen, 1065 

chod, daz iz in niemer fcolte geriuwen, 
4525 übe ern ime widere nebrähte, 
daz imez got züfühte, 
üb er ime uu[W97'']femftiz wort gefpräche, 

deiz got über in räche. 1070 

„La in mit uns faren, 
4530 lä uns in uUe wole bewaren. 
Häteft du in uns e gegeben, 

wir wären nu zwire chomen. 
waz ift daz gut, 1075 

ligent uns wib unde chint tot?" 



^ö^ 



4500 beniamin. W beniamyn. V 4501 darben W irbarmen. V 4502 in 
4507 Der V 4508 zelezzeft. V 4509. 10 niner mere gefehet mich, ane eweren 
brudir {das erste r aus n rad.) der minniften. V 4513 tun. V 4515 welches V 
4517 obe V mer W 4519 Wie 4520 ober innen V 4522 täte W durh V 
4523 beuilhe W chint. ze triuwen 4526 zuluhtc 4529 Lain kleines 1 am rande V 
4531 ateft e 4534 wib und tot. Darnach Pji Zeilen leer. 



WIENER UND VORAÜER JOSEPH 289 

|Sb 658] 4535 Du fpracli iäcob : 

„niiis alfö ift not, 
nu tut, als ir wellet, 

fuie harte ir mich chuelet. 1080 

Ir fculet pringen 
4540 deme herren ze miiinen, 
des hie wirt gnüge, 

makfeu, daz ift ime feltfäae, 
wirouch, honich [KG5''] mite würze 1085 

iuch uul'er obeze. 
4545 Nemet zuifken fcatz, 

fo getriiiwet man iu defte baz, 
üb ir den widere bringet, 

den ir danuen fürtet, 1090 

fo nezihet man iuch 
4550 untriuwe noh irricheite. 
Beniamiu den wenigen 

befil [W 97 ^] he ich ziuren gnaden, 
got gerüche den herren 1095 

mit gnaden zu ziu cheren, 
4555 daz er mir läze wider heim 

fimeon uut beniamin. 
Nu faret ir iuren l'int. 

uu pin ich ane chint, 1100 

• nu fcol ich mich lutzel gefröwen. 
4560 e ich iuh alle müz pefkSwen." 
IVeinent er chufte 

beul [¥82", b]amin loch fine brüdere. 
er beualch fi gote 1105 

mit innerem gebete. 

4536 not. 4537 tut. 4538 fuie 4541 hie 4542 raakfen. 

4543 wirouch. W m roh V honich. unte würze. 4545 i*^az. V 454ü iu 

4547 ubir V 4549 iuch. 4550 untriuwe W evh untriwe. noh irre tümesi V 
4553 geruche. den herren. 4557 kleines n «w rande V u faret ir iuren 

4öG0 6 ich iuh 4561 Weinente er chullc. V 

(Schluss folgt.) 
ALTONÄ. P. PIPER. 



ZEITSCHKLFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 



19 



290 



CHRISTIAN REUTER UND SEINE KOMÖDIEN. 

C h r i s t i a n R e u t e r , r e d i V i V u s von Fr. Zariiekc. Separatabdruck 

aus den Berichten der philol. -histor. Klasse der Königl. 

Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften. 1887. 

Durch den glücklichen fund des buchhändlers Kirchhoff" und die 
vortrefliche arbeit Zarnckes: „Christian Reuter, der Verfasser des Schel- 
muffskv, sein Leben und seine Werke" (Leipzig, 1884) war uns eine 
der merkwürdigsten dichterischen persönlichkeiten des 17. Jahrhun- 
derts widergewonnen, eine reichbegabte, durchaus individuelle natur 
voll der interessantesten züge. Wir konteu auf grund der sorg- 
samen forschuugen Zarnckes verfolgen, wie Reuter auf der Universität, wo 
er einem recht toll - burschikosen und ungebundenen leben gefröhnt zu 
haben scheint, seine persönlichen feinde, zunächst seine ehemalige 
hauswirtin und deren farailie im lustspiel dem algem einen gelächter 
preisgibt, wie er dann aus diesen persönlichkeiten die figur des sohues 
der Wirtin, des landstreichers Schelmuflfsk}- herausnimt und sie zum 
mittelpunkt einer ausgezeichneten dichtuug macht, wie er durch die 
persönlichen beziehuugen seiner dichtungen mit der Universitätsbehörde 
in kouflikt komt , mehrfach bestraft und schliesslich relegiert wird , wie 
er aber dann als sekretär des einflussreichen kammerherrn von Seyfer- 
ditz wider in eine bessere läge komt, so dass alle Wühlereien eines 
persönlichen feindes, den er soeben erst in einer komödie verspottet, 
erfolglos bleiben. An diesem punkte Hessen uns plötzlich die nacb- 
richten über Reuter im stich, was aus ihm geworden, liess sich nur 
mutmassen; am nächsten lag die Vermutung, dass er bald nachher 
gestorben sei. 

Zarncke ist es nun gelungen, das weitere Schicksal Reuters 
wenigstens zum teil aufzuhellen und seine fernere Produktion im ein- 
zelnen zu verfolgen. Er hat die resultate seiner neuen nachforschungeu 
in der oben erwähnten schrift niedergelegt, die mir durch die freund- 
lichkeit des Verfassers, für welche ihm auch an dieser stelle mein 
wärmster dank ausgesprochen sei, unmittelbar nach der Vollendung des 
drucks zugänglich wurde. 

Im jähre 1703 finden wir Christian Reuter in Berlin. Weshalb 
er die Stellung bei dem kammerherrn von Sej^ferditz aufgegeben, wis- 
sen wir nicht. Aber was ihn nach Berlin getrieben haben mag, lässt 
sich leicht erraten. Der glänzende hofhalt Friedrichs L, die verliebe 
seiner gemahlin Sophie Charlotte für theater und Singspiele mochten 
dem diclit(U" eines jlotten oporntextes genügende veranlassung geben, 



ELLINGER, CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 291 

hier einmal sein glück 7a\ versuchen. So debütierte denn Reuter am 
18. Jan. 1703 mit einem Singspiel: „Die frohlockende Spree." Seine 
bemühungen scheinen zuerst einen sehr günstigen erfolg geliabt zu 
haben. Die abfassnug des festspiols zur feier des nächsten geburtstages 
des königs am 12. juli 1703 wurde auf ausdrücklichen befehl der köni- 
gin Christian Eeuter übertragen; er lieferte ein allegorisches drama: 
„Mars und Irene." Weitere beziehuugen Reuters zum hofe lassen sich 
aber nicht nachweisen. Die zu vermutenden gründe für das verschwin- 
den Reuters von diesem Schauplatz hat Zarncke s. 51 angedeutet. „Ge- 
fiel das stück nicht? Schien es mit seinen populären weisen hinter 
jenem feierlich -pompösen ausstattungsspiel, das man ein jähr vorher 
auf derselben bühne gesehen hatte, zurückzustehen? Machten sich 
iutriguen gegen den neuen dichter, der emporzukommen drohte, geltend, 
etwa von Besser selbst?" Genug, wir können nicht darüber entscheiden, 
da wir keinerlei nachricht weiter besitzen. Spätere Schriften Reuters 
hat Zarncke noch aus den jähren 1705, 1708 und 1710 nachgewiesen. 
Aus dem jähr 1705 haben wir einmal ein ganz gewöhnliches bettelgedicht 
an den könig, dann ein trauergedicht über den tod der köuigin; schliess- 
lich noch einige, nur handschriftlich erhaltene verse zum geburts- 
tage des königs, die widerum im wesentlichen betteleien enthal- 
ten. Zum einzug der dritten gemahlin des königs 1708 hat er dann 
wider ein langes gedieht geliefert.^ Aus dem jähre 1710 existiert dann 
noch ein kurzes Singspiel von ihm: „Das frohlockende Charlotteuburg." 
Spätere Schriften Reuters sind bis jezt noch nicht aufgedeckt, dagegen 
hat Zarncke eine nachricht aus dem tauf buch der schlossgemeinde bei- 
gebracht, die mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Reuter zu deuten ist. 
„Den 11. August 1712 Hessen Christian Reuter und seine Ehefrau Ma- 
ria Ansdorffin ihr Söhnlein, welches Johann Friedrich genannt ward, 
in der Kirche durch Gen. D. E. Jablonski taufen. Die Pathen se3'nd: 
1. Herr Elias Richter, Materialist; 2. Herr Wendt, Königl. Guarde du 
Corps; 3. Herr Friedrich Witte ; 4. Frau Maria Engelhartin." Zarncke 
weist mit recht darauf hin , dass , wenn man die Identität der person 
festhält, die allerdings in hohem grade wahrscheinlich ist, diese nach- 

1) Zarncke, a. a. o. .,Dcr titel nimt die miene an, als ob das gedieht im 
namcn der „sämtlichen cinwohner der ganzen stadt Berlin" abgefasst sei. Masste 
sich Kcuter selber diesen titel an, oder war er wirklich von einer autorität des 
städtischen gemeinwesens zur abfassimg dieses gedichtes veranlasst worden? Wäre 
das der fall, so dürfte man daraus schliessen, dass er ein bekanter und gosucliter 
dichter gewesen, und weiter, dass er dann aucli wol zu privatfeierlichkeiten, hoch- 
zeiten, kindtaufen, leichenbegängnissen usw. als gelegenheitsdichter herbeigezogen 
worden sei, vielleicht davon seinen lebonsunterhalt bestritten habe." 

19* 



292 ELLINGER 

rieht beweist, dass Keuter sich uur in medren kreisen bewegte. „Kei- 
ner der pathen findet sich in den Berliner adresskalender aufgenom- 
men, auch die familic der Irau erscheint niclit in demselben. Man 
könte sich aus dem allen ein reclit gedrücktes kleinleben entwerfen, 
das nur durch den guarde du corps in eine weitere perspective deutet; 
denn der war vielleicht ein verkommener student, ein flotter, begabter, 
munterer bursche, der, wie Reuter, im leben schilbruch gelitten hatte." 
Die dichtungen Reuters aus dieser periode seines lebens hat 
Zarncke s. 88 — 97 behandelt, nachdem er, um den richtigen massstab 
zur beurteilung derselben zu finden, s. 53 — 87 die Ovationspoesie jener 
zeit sehr eingehend untersucht hat. Die ersten arbeiten Reuters aus 
dieser zeit haben noch die frische und flotte art, welche seine oper 
und die nachspiele auszeichnet; wenn das von Zarncke s. 98 — 100 
besprochene schäferspiel Miramis von Reuter verfasst ist,* so wäre 
auch 1708 diese kraft lebendiger und ungezwungener darstellung noch 
nicht ganz bei ihm verloren. Von dieser zeit an aber scheint seine 
dichterische kraft immer mehr und mehr zu sinken; die gelegenheits- 
gedichte, die wir von ihm besitzen, überragen weder an Inhalt noch 
an form die übrigen produkte der damaligen gelegenheitspoesie ; selbst 
das lezte stück, das uns überliefert ist, die cantate „das frohlockende 
Charlottenburg", wo Reuter im gegensatz zu dem Alexandriner -schritt 
der gelegenheitsgedichte , seine kunst, sich in versen von ungleicher 
länge und mannigfachen rhythmen zu bewegen, zeigen konte, weist 
nicht mehr die glückliche freiheit auf, mit welcher Reuter diese for- 
men in den früheren dichtungen handhabte. — Es ist ein trauriges 
Schauspiel, welches uns das spätere leben und dichten Christian Reu- 
ters bietet: ein reichbegabter dichter, der schon vortrefliches geleistet 
und noch vortreflicheres versprochen, dem es aber an innerer festigung 
und moralischem halt gefehlt zu haben scheint, geht schliesslich unter 
in dem kläglichen treiben der dutzendreimer und bettelpoeten. 



An diesen kurzen bericht über die ergebnisse der neuen Publi- 
kation Zarnckes mögen sich einige bemerkungen über Reuters frühere 

1) Das schäferspiel — ebenfals ein festspiel zum geburtstag des königs — 
trägt allerdings nicht Reuters namen , aber die von Zarncke a. a. o. mitgeteilten 
proben ähneln sehr der weise Eeuters. Dazu komt, dass die in dem stück vorkom- 
menden possenhaften scenen eine auffällige ähnlichkeit mit den Situationen im 
riochzeitsschmaus haben; auch wörtliche anklänge an Reuters dichtungen finden 
sich. Allerdings wird Reuters autoi'schaft damit niclit völlig bewiesen, da das stück 
ja auch von einem durcli Reuter bceinflussten dichter herrühren könte; doch liegt 
es allerdings näher, Reuter selbst als Verfasser anzunehmen. 



CHR. BEUTER UND SEINE KOMÖDIEN 293 

dramatische produktion anschliessen. Die nachfolgenden betrachtungen 
erheben nicht den anspruch , die dramatischen werke Keuters erschöpfend 
zu würdigen, sondern sie beabsichtigen nur genaueres über den litte- 
rarhistorischen Zusammenhang sowie die nachwirkuug der dramen Keu- 
ters zu erforschen als dies bis jezt geschehen ist. 

Da Reuter bei dem ersten verhör ausgesagt hat, er habe seine 
komödie (die ehrliche Frau) meistens „aus dem Meliere genommen" 
(Zarnckes erste schrift, s. 508), so ist man gewiss berechtigt, die lust- 
spiele daraufhin anzusehen , inwieweit der einfluss Molieres bei ihnen 
sich geltend macht. Zarncke hat selbst (Litt. Centralbl.,, 1884, sp. 1171) 
darauf hingewiesen, dass Molieres prccieuses ridicules offenbar das Vor- 
bild für die Ehrliche Frau gewesen sind und in der tat lässt sich hier 
eine direkte eiuwirkung nicht in abrede stellen. Sie zeigt sich nicht 
allein in der ähnlichkeit der intrigue , sondern auch sonst noch in einer 
reihe von einzelheiten. Zu den bereits bemerkten auffallenden Überein- 
stimmungen sei hier noch folgende nachgetragen. Die musikanten, die 
bei Moliere dem vicomte von Mascarille und dem marquis von Jodelet, 
bei Reuter den edelleuten Lepsch und Fleck mit ihren schönen zum 
tanze aufgespielt haben, verlangen, nachdem die edelleute als dieuer, 
bezw. hupeljungen entlarvt sind, ihre bezahlung. 

Moliere, les procieuses ridicules. Sc. XV und XVII: 

Violons (au Marquis). Qu'est-ce donc que ceci? Qui nous 
payera, nous autres? 

Mascarille. Demandez a Monsieur le Vicomte. 

Violons {au Vicomte). Qui est-ce qui nous donucra de l'ar- 
gent? 

Jodelet. Demandez ä Monsieur le Marquis. 

XVII. Violons (ä Gorgihus). Monsieur, nous entendons que 
vous nous contentiez ä leur dofaut pour ce que nous avons joue ici. 

Gorgibus {les hattant). Oui, oui, je vous vais contenter, et 
voici la monnoie dont je vous veux payer. 

Reuter, Ehrliche Frau, III. 13: 

Musander. Wir werden doch hier nichts mehr nütze seyn, 
können wir nicht unsere Abfertigung bekommen? 

Schlampampe. Ihr möget sehen, wo ihr bezahlet werdet, 
ich gebe euch nichts. 

Fidel e (zu Musanderu). Der Herr muss sich au den Herrn 
Baron halten. 

Lepsch. Ey da würde er feine Pfennige bekommen. 

Mus au der, Ey man muss ehrliche Leute nicht vexiren. 



294 ELLINGEE 

Fidele. Da liat der Herr einen Dukaten , und wann ich ihn mit 
seinen leuten werde wieder vounöthen haben , wird er mir schon wieder 
aufwarten.^ 

Auch in dem zweiten stück können wir den einfluss Molieres 
weisen. Er äussert sich nicht allein darin, dass Keuter in dem stück 
einen arzt und einen advokaten einführt, sondern er lässt sich aucli 
im einzelnen verfolgen. Wenn der hausknecht Lorentz (Der Ehrlichen 
Frau Schlampampe Kranckheit und Tod III, 6) der schwatzhaften 
Camille erklärt: „Ey genug, dass ihrs zu welchen gesagt habet, und 
die saugen mirs nicht aus den Fingern. Hättet ihr nun fein reinen 
Mund gehalten, so sagte ich euch auch ietzunder, dass unser Schel- 
muffsky wäre von 50 Soldaten ausgezogen Avorden, und dass er im 
blossen Hemde wäre wider zur Mutter gekommen , so aber sollet ihr 
nicht eine alte Esels - deute mehr von mir erfahren", so erinnert das an 
die art und weise , in der Lupin dem George Dandin erklärt , dieser solle 
ihn nicht zum zweiten male zum plaudern verlocken und schliesslich 
hinzufügt (U, 5): Vous voudriez que je vous disse que Monsieur le Vi- 
comte vient de donner de l'argent ä Claudine, et qu'elle l'a meuc chez 
sa maitresse. Mais je ne suis si bete. 

Neben der eiuwirkung Molieres kann mau den einfluss des volks- 
dramas auf Keuters komödien , zum wenigsten auf der Ehrlichen Frau 
Schlampampe Krankheit und Tod verfolgen, worauf, soviel ich weiss, 
bis jezt noch niemand hingewiesen hat. Derselbe äussert sich vor- 
nehmlich in den schmutzigen streichen des hausknechts Lorentz, der 
das harlekinselenient in dem stück vertritt. Lorentz soll das wasser 
der frau Schlampampe in einem glase zum arzt tragen; er lässt das 
glas fallen und beschliesst, ein anderes glas mit seinem eigenen wasser 
zu füllen und dies dem arzt zu bringen. III, 2: Lorentz mit einem 
urin- glase. Dachte ichs nicht, sie würden alle be^^de im Bette anzu- 
treffen seyn und wenn die Kranckheit mit meiner Frau Schlampampe 
sich nicht ändern wird, siebet es sehr schlimm vor sie aus, der arme 
Däfftle thut auch so kläglich über ihre Unpässlicbkeit, dass einer, wer 
den Zustand mit auslebet , sich des Weine[n]s unmöglich enthalten kan, 
die Jungfern sitzen um das Bette herum, und hängen die Köpfte, als 
wenn sie nicht drey zehlen könten, da doch ihre unnützen Mäuler das 
meiste zu ihrer Kranckheit geholffen ; Ich muss gestehen, dass die 

1) lu der oper ist es Schlampampe, die scWiesslicli bezahlen muss: V, 15: 
Musand. Was hab ich von den Tbalen, 

Ich halte mich an sie Frau Wirtliin hier. 
Schlamp. Schickt morgen nur zu mir, 
Ich will euch conteutiren. 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 295 

ehrliche Frau ihre Kinder recht lieb hat , wenn sie sich gleich vielmahl 
mit ihnen biss auf das Schlagen gezanckt, Schelmuffsky, der ihr doch 
so viel Hertzeleid angethan , nach demselben sehnt sie sich abscheulich 
auch, und spricht: Wenn er docli nur wieder zurücke käme, damit sie 
ihn vor ihrem Ende doch noch einmal sehen solte. Die ehrliche Frau 
solte mich fürwahr dauern, wenn sie vor die Hunde gienge. Aber 
wo zum Henker werde ich nun den Herrn Doctor antreffen, 
da soll ich ihm meiner kranken Frau ihre geläuterte Tinctur 
zu besehen bringen, und hören, wovon doch ihre Kranckheit 
herrühren möchte, ob sie die Wassersucht oder die Schwind- 
sucht hat. (lasset das Glass fallen.) 

Ey, ey, ey, was mach ich, ach schade, schade,- dass da ein 
Tröpffgen umkommen soll, was nun anzufangen? ich soll dem Doctor 
gleichwohl die Tinctur zeigen, uud da liegt der Quarck im Drecke. 
Lorentz, Lorentz, was wirst du deiner Frau wegen ihrer Krankheit 
doch immer und ewig vor Antwort von dem Doctor bringen. 

Quid Cousilibus? Ich werde her seyn, und sehen wo ich ein 
ander Glass bekomme, und meine Jüngferliche Tinctur an statt der 
krancken Schlampampen ihrer hinein zapffen, solche dem Herrn Doctor 
hintragen und hören, was meiner Frau doch ihre Krankheit sei. 

Dazu vergleiche man nun folgende stelle. Sie findet sich in der 
zweiten samlung der dramen der englischen komödianten (Liebeskarapff | 
Oder I Ander Theil | der Engelischen | Comadien vnd Tra- | gcedien | 
eto. 1630.) und zwar iu einer Übersetzung des Aminta von Tasso,^ 

1) Um einen begriff von dieser bearbeituug zu geben, wo sie sich genauer 
an das original hält, sei der anfang des prologes (der iu der Übersetzung frcilicli 
in den dritten akt [IIT, 3] gerückt ist) in original und Übersetzung mitgeteilt: 

Chi crederia, che sotto uniane forme, 

E sotto queste pastorali spoglie, 

Fosse nascosto uü Dio ? non mica uu Dio 

Selvaggio, o della plebe degli Dei; 

Ma tra' grandi e celesti il piü potente, 

Che fa spesso cader di mano a Marte 

La sanguinosa spada, ed a Nettuno, 

Scotitor della terra, il gran tridente, 

E le folgori eterne al sommo Giove. 

In questo aspetto certo, e in questi panni, 

Non riconoscerä si di leggiero 

Venera madre me suo figlio Amore. 

lo da lei son costretto di fuggirc, 

E celarmi da lei, perch' ella vuole, 

Ch'io di. mcstesso, e doUe mie saettc 

Faccia a suo senno; e quäl femiua, e quäle 



296 ELLINGER 

wenn man diese kaum glaubliche verballhornung des zarten und anmu- 
tigen Schäferspiels noch eine Übersetzung nennen kann. Von dem bear- 
beiter ist eine komische figur, namens Schrämgen eingefügt worden, 
der im wesentlichen dem Hans Wurst oder Schambitasche entspricht. 

V, 3. Schrämgen. Mit einem harn-glass. 

Ich bin nun schon zum dritten mahl nach dem Pißkucker gewe- 
sen, kau ihn aber nirgend antreffen; mein lierr Aminta ist sehr 
krauck , er pfeifft auf dem letzten Loch. das er doch nicht gar abstünde, 
sonsten nocl^ ein halb Jahr kranck zu sein, möcht ich jhm wol wün- 
schen, denn ich habe alle mein Tag nicht besser Leben gehabt als biss- 
hero, da mein Herr kranck gewesen. Alle, alle gute Bißgen, die er 
nicht fressen kau und wil, giebt er mir; er frist lauter Pillen vnd 
seufl't lauter Apothekers Träncke, ich aber esse alle die uüdlichen 
Patienten Bißgen , die jhm sonst zugerichtet werden. das ich doch 
wüste, wo der Medicum an zu treffen were, ich wolt ihm 

Vana, ed ambiziosa, nii rispinge 

Pur tra le corti, e tra corone, e scettri 

E quivi vuol cHe impieghi ogni luia prova: 

E solo al volgo de' ministri miei, 

Miei miüori fratelli, ella consente 

L'albergar tra le selve, ed oprar rarmi 

Ne'rozzi petti. lo, che non son fanciuUo 

(se ben ho volto fanciullesco , ed atti) 

Voglio dispor di me, come a me piace; 

Ch'a me fu, non a lei, concessa in sorte 

La face onnipotente, e l'arco d'oro. 

Perö spesso celandomi, e fuggendo, 

L'imperio no, che in me non ha, ma i preghi, 

C han forza, porti da importuna madre, 

Eicovero ne' bosci, e nelle case 

Della gente minuta. Ella mi segne .... 
Wer solte wol glauben, dass unter menschlicher Gestalt vnd diesen Hirten- 
kloidern solte Cupido verborgen seyn? In diesem Habit und Kleidung wird meine 
Mutter, Fraw Venus, mich jhren Sohn der Liebe so leicht nit erkennen. Ich bin 
gezwungen von jhr zu fliehen vnd mich vor jhr zu verbergen, denn sie wil dass 
ich mich vnd meine Pfeile nach jhrem Willen richte , vnd was für ein stoltze ruhra- 
retige und chrgeitzige Weibsperson sie mir vorschlagen thut, dieselbe nur allein 
zu Hoff unter Krön und Scepter bringen. Aber meine geringen Diener lasset sie 
in Wäldern sitzen und allda in jhren unpolitischen groben Herzen der Liebe sich 
gebrauchen. Ich, der ich kein Kind, ob ich schon ein kindisch ansehen habe, wil 
es machen wie mir es gefällt. Denn mir und nicht ihr ist die allmächtige fackcl 
und der güldene Bogen und Pfeil durch das Glück vergönnet worden. Darumb 
hab ich bisshero meiner ungestümen Mutter Gebott verachtet uud meine Zuflucht 
zu den Wäldern und der geringen Leute Häuser genommen, ob mir zwar nicht 
uuwisscnt, dass sie mich an allen Orten suchet. 



Cllß. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 2'J7 

meines Herrn Jungfraw-Wasser weisen vnd bitten, dass er ihn 
noch ein sechs Monat kranck macheu wolte , auch von jni erfah- 
ren, ob er sonst noch lang zu leben habe, wo nicht müsse ich 
zuvor mein new Kleidt von jhm fordern, so er mir vor dessen hat 
zugesagt. 

(Hat seine Possen mit dem Glas , lessets fallen , das es zubricht.) 
das dich der Teufel hol, was fange ich nun an, mein Herr wird mir 
von dem Diebeshencker predigen, und wo er nit kranck were, Gott 
lob vnd Danck, würde er mich reverendissime abschlagen; aber ich 
wil sagen, ich sey bey dem Pisskucker gewesen, der hat das Glass 
mit dem Urin bey sich behalten vnd befohlen, das ich morgen solt 
wiederkommen; wann ich denn morgen solt wiederkommen, wann ich 
denn morgen wieder hingehe, wil ich ein ander Glass daheim mit mir 
uemen, vnd dasselbige biss oben vol machen, das ist mir gar eine 
schlechte Kunst, ich wolte wol 6 solcher Gläser vf einmal vol machen, 
sonderlich wenn ich gesoffen habe, so fleust alles mir auss der mas- 
sen wol. 

Es wird wol niemand in abrede stellen wollen, dass wir hier 
tatsächlich eine beeinfiussung Reuters durch das stück der englischen 
komödianten anzunehmen haben. Nicht allein die Situation ist in bei- 
den stücken durchaus gleich, sondern auch einzelne werte des älteren 
Stückes — sie sind oben gespert gedruckt — kehren bei Reuter wider. 
Über die art, in der die beeinfiussung Reuters statfand, kann man 
allerdings verschiedener meinung sein. Es ist sehr wol möglich, dass 
diese scene, wie so vieles aus dem drama der englischen komödianten ^ 
in das repertoire des volksdramas übergegangen und auf diesem wege 
Reuter zugekommen ist. Es ist andrerseits ebenso möglich , dass Reu- 
ter von diesem stück direkt beeinflusst worden ist.^ In der Schau - 

1) Es genügt an dcii Faust zu erinnern; weiter vgl. man die volksdranion 
von Esther und vom verlornen söhn (vgl. Engel, Puppenspiele, II. 1 — 37. VI. 7 — 
47), ferner das stück: Glückssäckel und Wunschhut (Engel, VII. s. 7 — 48), wo 
sich der Zusammenhang ebenfals ganz evident zeigt. Über die Esther vgl. noch 
Scherer in der Ztschr. f. d. A., bd. XXIII. 197 fg. Ob das stück: Haus Wurst als 
Teufelsbanner, Engel IV. s. 39 — 51 nicht ebenfals erst durch die vermitlung der 
englischen komödianten (vgl. das Singspiel Fraw. Pickelhering. Magd. Magister. 
Studiosus, in der samlung von 1620) in das repertoire des volksdramas gekommen 
ist, bliebe noch zu untersuchen; ich gedenke diesen interessanten stoff monogra- 
jihisch zu behandeln und werde dann auf diese frage zurückkommen. 

2) Für diese tatsache würde sprechen, dass auch in anderen einzelheiten die 
gestalt des Lorentz von der des Schrämgen beeinflusst zu sein scheint, man vgl. 
der Ehrlichen Frau Schlampampe Kranckheit und Tod III, 14: Schnür tzgen. 
Ich wils ja nicht hoffen, dass sie schon gestorben ist. Lorentz. So wahr ich 



298 ELLINGER 

Bühne Eaglisclier viul Frauzüsischer Comödianten von 1670 bd. III, 
in welcher wie bekaut auch eine reihe Molierescher stücke übersezt 
sind, findet sich auch ein Amiuta. Mir war im augeublick die sam- 
luug nicht zugänglich und ich konte beide stücke nicht miteinander 
vergleichen; indessen sind sie offenbar identisch, da die in der Schau- 
bühne von 1670 neben dem Arainta stehenden stücke: „Mantalor" und 
„Macht Cupidiuis" sich auch in dem Liebeskampff von 1630 finden. 
In diesem falle liegt die annähme am nächsten, dass Reuter dies stück 
aus der samlung von 1670 kennen gelernt hat. 

Inwieweit Reuter neben den persönlichen Vorbildern noch typi- 
sche Züge der Leipziger satire benuzte, wie sie dann bei Neukirch 
und noch später bei Geliert, Rabener und Zachariä vyiderkehren, bliebe 
noch im einzelnen zu untersuchen. Wenn die töchter der vSchlampampe 
für kleine geschenke, die ihnen die Studenten machen, zu allen mög- 
lichen gegendiensten bereit sind,^ so wird man unwilkürlich an die 
Satire Neukirchs: „Wieder die Faulen" erinnert, in welcher auch Leip- 
ziger Studenten- und bürgerleben satirisch beleuchtet wird. In dieser 
Satire lässt sich der student Muffel bei einer jungen dame einführen, 
die mit Charlotte und Ciarille eine entschiedene familienähnlichkeit hat, 
während die allerdings nicht sehr individuell gezeichnete mutter allenfals 
mit der Schlampampe verglichen werden kann. Muffel schenkt der 
jungen schönen ein goldgesticktes tuch, wofür sie ihm ohne weiteres 
mehrere küsse gibt.^ 

ein ehrlicher Kerl bin, tot ist sie. Ob sie nun aber auch mag gestorben sein, 
davon kann ich nun nicht sagen, aber das weiss ich gewiss, dass sie mause todt 
ist, — und Aminta V, 4: Silvia. Ist er denn todt? Schrämgen. Ich kan 
zwar nicht eigentlich wissen, ob er tod ist, sondern dass weiss ich wol, dass jetzo 
bald die Schulknaben kommen werden und singen: Et erlt in pace memoria eius, 
vnd bald darauif : Si bona. • Alsdann werden sie jhm vor dem Thor begraben , ob 
er nun gantz gestorben soy, kan ich euch fürwar nicht berichten. 

1) Summarisch wird in der oper diese tatsache folgcndermassen zusammen- 
gefasst: Vor zwey süsse Mandel -Nüsse 

Geben sie gleich funffzehn Küsse, 
Vor ein Mässgen Spanschen Wein 
Darif man Tag und Nacht da seyn. 

2) VI. satiro Drum jagte Muffel gleich den müden Diener fort 

Und dieser kam auch bald mit vollen Sprüngen wieder 
Warff einen gantzen Kram von Band und Fächern nieder, 
Zog aus dem Busen noch gantz neu -geblümten Flor, 
Und ein mit Gold und Kunst gcwürcktes Tuch hervor. 
Nimm diese Kleinigkeit, sprach Mufl'el voller Freuden, 
Bald will ich, Schönste, dich in Gold und Silber kleiden. 
Die junge Dorilis sprang wie ein kleines Pferd, 
Ach! sprach sie: dieses ist ja hundert Küsse werth. 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 299 

Fast alle lustspielfiguren Keuters tragen den Stempel des war- 
men, frisch pulsirenden lebens; überall erkent man, dass die gestalten 
aus dem wirklichen leben gegriffen und mit einer reihe höchst ergötz- 
licher Züge versehen sind. Nirgends findet sich bei den hauptpersouen 
etwas gemachtes und gekünsteltes; zu näherer Charakterisierung der 
nebenpersonen , der Studenten und Melindens in der Ehrlichen Frau 
sind allerdings kaum ausätze gemacht. Vortreflich ist, wie einzelnen 
figuren eine redensart in den mund gelegt wird, die sie immer wider 
anwenden; ganz wie beschränkte menschen ein und dieselbe redensart 
fortwährend gebrauchen. Man vergleiche das stereotype : „So wahr ich 
eine ehrliche Frau bin" der Schlampampe, Schelmuft'skys : „Der Tebel 
hohl mer" und der ausruf der köchin Ursille : „Ihr Leute." ^ Bei den 
töchteru wird diese art der Charakteristik indessen wolweislich nicht 
angewendet; zu ihrem ganzen wesen würde dieser zug nicht passen. — 
Die dramatische technik lässt allerdings viel zu wünschen übrig. Be- 
sonders starke widerholungen schwächen die Wirkung unangenehm ab. 
Der zank Edwards mit Charlotte (Ehrliche Frau I, 4) wird uns nach- 
her (II, 11) mit den nämlichen worten widererzählt. Dass in der Ehr- 
lichen Frau erst die köchin, und nachher die Schlampampe selbst den 
• Schelmuffsky für einen betler ansehen (III , 4. 5) , köute man sich allen- 
fals noch gefallen lassen; wenn aber in dem zweiten stück (III, 1. 2) 
erst Lorentz und dann Schuürtzgen den aus der fremde zurückkehren- 
den Schelmuffsky für einen geist ansehen, so wird die Wirkung des 
witzigen einfals entschieden beeinträchtigt. 

Vortreflich versteht es Keuter, die nebenfiguren zur abspiegelung 
der hauptpersouen zu benutzen. Die Ursille in der „Ehrlichen Frau" 
ist im wesentlichen ein abbild der Schlampampe; dagegen Schnürtzgen 

Sie gab ihm einen Kuss, der immer junge heckte, 
Und wieder neue Lust zum Schencken auch erweckte. 
Zu dem gespräch zwischen Charlotte und Ciarille mit den Hüpeljungen vgl. 
mau noch folgende stellen bei Neukirch. Muffel wird zu der jungen Dorilis gebracht, 
Ach! sprach er gantz entzückt: Nun will ich nicht mehr klagen, 
Dass man in Leipzig sich muss mit dem Tage plagen, 
Nun treff ich alles hier in meiner Göttin an, 
Was mir die Zeit verkürtzt, und mich ergötzen kann. 



Ach! war ihr (Dorilis) kluges Wort: wo Cavaliero seyn, 
Da ist doch alles schön. Die Stadt weicht doch dem Lande, 
Und was ein Edler thut, das schmeckt auch nach Verstände. 

1) Derselbe ausruf wird dann im Schelmuffsky, zweite fassung s. 05 (s. 40 
des neudrucks) den mägden in Stockholm in den mund gelegt: „Ach, Ihr Leute! 
denkt doch, wie Jungfer Damigen so wohl ankömmt." 



300 ELLINGER 

in „ ilcr Ehrlichen Frau Schlampampe Kranklieit und Tod" hat mehr 
von Charlotte und Clarille. Ebenso wie die lezteren ihre mutter anfah- 
ren, antwortet Schuürtzgen der frau Camille auf ihre frage (I, 2): 
„Ich wills ja nimmennehr hoifen , dass es ihr (der töchter) Ernst ist, 
und wollen nach dem Adelstande reisen." „Was gelits ihr aber nun 
an , Frau Camille , giebt sie ihnen doch nichts darzu." — Den durch- 
gängigen parallolismus zwischen den beiden komödien hat man schon 
beobachtet; nicht allein, dass in beiden dieselbe Situation widerkehrt: 
Schelmuffsky, zerlumpt aus der fremde widerkehrend; er tritt auch 
beide male fast mit den gleichen werten auf.^ 

Den gleichen stoff wie die beiden komödien behandelt nun auch 
die oper: „der anmutige Jüngling Schelmuffsky und die ehrliche frau 
Schlampampe." An der autorschaft Reuters hat hier bisher wol nur 
B. Seuffert gezweifelt, der die meinung ausspricht (AfdA. XII, 60), 
irgend ein litterarischer freibeuter möge den stoff ergriffen und daraus 
eine oper verfertigt haben. Dieser zweifei wird indessen durch die 
offenbare verwantschaft der oper mit der neuerdings aufgefundenen, 
von Zarncke, zweite schrift s. 88 — 90 analysierten cantate Reuters: „die 
Frolockende Spree" widerlegt,^ ganz abgesehen davon, dass man doch 
über das zeugnis in den akten nicht so ohne weiteres hinweggehen kann. • 

Betrachtet man den bestand der Hamburger opern in den lezteu 
Jahrzehnten des siebzehnten Jahrhunderts, so nimt Reuters oper aller- 
dings eine ganz eigentümliche Stellung ein. Die behandlung solcher 

1) Ehrl. Frau III, 3: Es ist mir auf meiner Keise, der Tebel holilmer, 
selir unglücklich gegangen. Schlamp. Krankheit u. Tod III, 1: Es geht mir 
auch der Tebel hohUner recht unglücklich mit meinem Reisen. 

2) Man vgl. z. b. den anfang beider stücke: 

Oper I, 1. Chor der zu Schiffe fahrenden. 

Lustig ! lustig auf der See ! 
Weil der Himmel uns geneiget 
Und kein üngewitter zeiget, 

Sind wir ohne Noth und Web. 

Lustig! Lustig auf der See. 
Die frolockende Spree, Zarncke, zw. sehr. s. 88. 

Lustig! lustig auff der S])ree! 
Heute müssen wir uns freuen, 
Und zu Schiffe Vivat schrej^en! 

Spielt der Himmel gleich mit Schnee, 

Lustig, lustig auff der Spree! 

Lustig , lustig auff der Spree ! 
Unsre Arbeit, unsre Sorgen 
Sparen wir bis auff den Morgen, 

Heute sind wir ohne Weh. 

Lustig, lustig aulf der Sprte! 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 301 

frisch aus dem leben gegriffeuer stoft'e war in der Hamburger oper uiclit 
üblich; und wenn auch meist das volkstümlich - komische element in 
den opern nicht fehlte , so waren es doch im wesentlichen mythologisch - 
heroische, allenfals noch pastorale stoft'e, welche das repertoire behersch- 
ten. Nur sehr selten wurden moderne stoflfe behandelt. Wenn Zarncke, 
^erste schrift s. 552, anm. 2 sagt: „Auch die 1679 in Hamburg auf- 
geführte oper „Don Pedro oder die abgestrafte Eifersucht" hat doch 
wol schon einen mehr modernen Charakter getragen", so will ich doch 
hervorheben, was, soviel ich weiss, bis jezt noch nicht bemerkt wor- 
den ist , dass diese oper eine ziemlich wörtliche Übersetzung von Mo- 
lieres: „Le Sicilien ou Famour peintre" ist, nur dass der Verfasser die 
(allerdings rhythmische) prosa Molieres in verse gebracht, die erforder- 
lichen arien hinzugesezt und das einaktige stück in drei akte abgeteilt 
hat.^ — Beiläufig sei bemerkt, dass neben Meliere auch Calderon auf 

1) Da diese tatsaclie doch für die geschichte der Moliereschen stücke in 
Deutschland nicht ohne Wichtigkeit ist, so lasse ich hier die schlussscene in origi- 
nal und Übersetzung folgen; ich würde zur vergleichung gern die sechzehn jähre 
später entstandene Übersetzung des Histrio-Gallicus daneben stellen; doch ist mir 
dieselbe im augenblick nicht zugänglich. 

Moliere, Sicilien, sc. XIX. 

Le Senaten r. Serviteur Seigneur Dom Pedre. Que vous venez ä propos. 

Dom Pödre. Je viens me plaindre ä vous d'un affront qu'on m'a fait. 

Le Senat eur. J'ai fait une mascarade la plus belle du monde. 

Dom Pedre. Un traitre de Fran^ois m"a joue une piece. 

Le Senaten r. Vous n'avez, dans votre vie, Jamals rien vu de si beau. 

Dom Pedre. II m'a enleve une fiUe, que j'avois affranchie. 

Le Senateur. Ce sont gens vetus en Maures, qui dansent admirablement. 

Dom Pedre. Vous voyez si c'est une injure qui se doive soufFrir. 

Le Senateur. Les habits merveilleux, et qui sont faits expres. 

Dom Pedre. Je vous demande l'appui de la justice contre cette action. 

Le Senateur. Je veux que vous voyiez cela. On la va repeter, pour en 
donner le divertissement au peuple. 

Dom Pedre. Comment? de quoi parlez vous lä? 

Le Senateur. Je parle de ma mascarade. 

Dom Pedre. Je vous parle de mon affaire. 

Le Senateur. Je ne veux poiut aujourdhui d'autres affaires que de plaisir. 
AUons , Mossieurs , venez : voyons si cela ira bien. 

Dom Pedre. La peste soit du fou, avec sa mascarade! 

Le Senateur. Diantre soit le fächeux, avec son affaire! 

Don Pedro | Oder | Die ] abgestraffte | EyiFersucht | in einem | Singe -Spiel | 
vorgestellet. III, 6. Don Pedro und ein Gerichts - Herr. 
6er.-H. Sieh kommt er auch? es ist mir Lieb! 
Don P e d. Mein Hochgeehrter Herr ein Schelm ein Dieb 
Ein Frantzmann hat Ger. -H. Sie werden gleich itzt kommen. 
Don Ped. Hat meine Liebste mir mit List genommen! 
Ger.-H. Ich weiss gewiss ihr habts nie so gesehen! 



302 ELLINGER 

der Hamburger Mihne erschienen ist; 1693 wurde in Hamburg Posteis 
oper aufgeführt: „Der | Königliche Printz | Aus | Pohleu | Sigismundus | 
Oder I Das Menschliche Leben j wie ein Traum", welche eine freie bear- 
beitung von Calderons Leben ein Traum enthält.^ 

So entschieden lleuter nun auch mit seiner oper aus dem stoff- 
kreise der Hamburger oper heraustritt, so gab er sicli doch alle mög- 
liche mühe, sich in der ausführung der technik der Hamburger oper 
im wesentlichen zu nähern. Sieht man von der weiteren ausführung 
des liebesverhältuisses zwischen Edward und Melinde sowie von der 
breiteren behandlung der dieustbotenscenen ab, wovon wenigstens die 
leztere ebenfals entschieden im geschmack der Hamburger oper war, 
in denen kneeht und zofe regelmässig ihre nicht immer sehr sauberen 
spässe einmischen — so kann man sagen, dass alle änderungen, die 
Eeuter an dem stoff vorgenommen, mit rücksicht auf die technik der 
Hamburger oper getroffen sind. Gleich der eingang der oper, in wel- 
chem Schelmuffsky auf seinen reisen vorgeführt wird , woran dann das 
grosse seetrefien mit dem räuber Hans Barth sich auschliesst, erinnert 
lebhaft an ähnliche scenen in den Hamburger opern. So wird z. b. in 
der 1690 aufgeführten oper „Thalestris" von Postel ebenfals ein See- 
gefecht dargestelt.^ — Wenn dem Schelmuffsky im gefängnis der geist 

Don Ped. Und Herr kan es denn nicht fein bald geschehen. 

Ger. -H. Sie kommen bald, die Tracht lässt trefflich schön. 

Don Ped. Dass einer darf von Dienern mit mir gehen! 

Ger. -H. Sie sind recht guth und können trefflich tantzen! 

Don Ped, Ey nicht doch nicht, ich rede von den Frantzen, 

Der mir mein Herr Ger. -H. Was denn? Don Ped Mein Hertz entführt. 

Gcr.-H. So trett denn auff! sind sie nicht wohl geziert? 

Don Ped. Was acht ich die, ich suche meine Sachen! 

Ger.-H. Seht nur ob sie sich nicht recht lustig machen? 

Don Ped. Ich bitte sehr die That doch abznstraffen 

Wenn sonst das Recht niclit gäntzlich ist entschlaffen. 

Mein Herr Er wolle doch mich Kläger hören ! 
Ger.-H. Ich thues diessmahl deni Yolcke noch zu ehren! 

So fangt den an! Don Ped. Hoisst das wohl schützen. 

Was soll mir wohl die Masquerado nützen? 
Ger.-H. Wenn Sitz -Tag ist so kommt mit euren Sachen, 

Heut ists nicht Zeit ! ich wil mich lustig machen ! 
Don Ped. Der Henckcr hohl euch auch mit euren Tantzen! 
Gcr.-H. Und dich mit deinen Frantzen. 
Hierauf folgt ein frei erfundenes schlusslied. 

1) Allerdinga hat Postel nicht direkt aus dem original, sondern nach Weih- 
manns Zeugnis (vorrede zu Posteis Wittekind) aus einer holländischen bearbeitung 
geschöpft; vgl. auch Koberstein, Grundriss IP, 267. 

2) Die [ Gross - Müthige | Tlialestris | Oder | Letzte Königin | der ! Amazonen | 
In einem | Sing- Spiel | vorgestcllct. | Anno 1G90. II, 15, Das Theatrum verändert 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 303 

der Charmante erscheint und ihm baldige befreiung verheisst — (11, 3) 
so ist daran zu erinnern, dass aucli in den Hamburger opern geister- 
erscheinungen ungemein beliebt waren.* — Ganz deutlich zeigt sich 
der einfluss der übrigen Hamburger opernlitteratur darin, dass zulezt 
eine allegorische figur, die Humilitas auftritt (V, 16), die beschimpfung 
der töchter durch die Studenten als gerechte strafe ihres liochmutes 
bezeichnet und sie zur demut ermahnt. Allegorische figuren wurden 
nun in den Hamburger opern fortwährend verwendet. So treten, 
um nur einige beispiele anzuführen, in der 1680 aufgeführten Esther 

sich in den See auff welcher (so!) die Bataille sol gehalten werden, man siehet von 
beiden Seiten die Schiffs - Flotten gegen einander liegen , die Amazonen werden von 
der Thalestris und die Cilicier von dem General Mardus angeführt. 

Aria. 
Thalestr. Tapfre Geister auf zum Streiten, 
Dass den Feind auf allen Seiten 

übereile 
Dicker Hagel unsrer Pfeile. 
Chor der Amazonen. 
Chor der Cilicier. 

Aria. 
Amaz. KämplTct und streitet ihr "Weiblichen Krieger. 
Cilic. Siege du tapffrer Cilicischer Muth! 
Amaz. Lasset ihr Himmel den Vorsatz gelingen. 
Cilic. Ferbt euch ihr Wellen mit Weiblichem Blut. 
... , , jSclilagct, ermordet die Feindlichen Hauffen, 
\Dass sie in Bluth und in Wellen ersauifen. 
(Darauff gehet die Schlacht an, in welcher die Amazonen den Sieg behal- 
ten und die Cilicier zurücktreiben , die Thalestris auch den Tissaphernes mit eig- 
ner band erlegt.) 

1) Nur einige beispiele sollen hier angeführt werden. In der oper: „Der | 
unglücklig I fallende | Sejanus. | vorgestellet | In einem | Sing -Spiel" (1678) tritt der 
geist des Drusus auf. In der oper Hannibal von 1G81 tritt I, 13 des Hamilcaris 
Hannibals vaters geist auf und redet seinen schlafenden söhn an: 
So schläffstu Hannibal: und ist dein Hertz besessen 
Von Phantasey, dass es auch schlaff end raast? 
weibisches Gemüht das du gefasset hast, 
Und dass du deine Ehr und Ruhmes -Macht vergessen. 
Aria. Ein Geist gefangen durch der Schönheit Blicke, 
Wird träge, eh ers spührt. 
Weil Amor durch die angenehmen Stricke 
Zum Untergange führt, 
Zu viel, zu viel, hemt Amor deinen Lauff. 
Wache doch, 
Flieh sein Joch. 
Rieht dich auf. 
Hannibal. Welch ungestümer Geist, 

Der meine Göttin mir entreist. 



304 ELLINGER 

(Die I Liebreiche | durcli | Tugend und Schönheit i Erhöhete Esther ] In 
einem | Singe -Si)iel | vorgestellet) im prolog zunächst die Schönheit, 
die Ungestalt, die Tugend, später die Höffligkeit, die Unruhe, die 
Demuth, der Hochniuth, der Fall auf. Ähnlich der Neid in der ebeu- 
fals 1680 aufgeführten oper: „Die drey Töchter Cecrops." Speciell die 
form, welche in Reuters oper vorliegt, dass die allegorische figur am 
Schlüsse auftritt und etwa das urteil der gottheit oder deren ratschluss 
ausspricht, begegnet uns in der Hamburger opernlitteratur mehrfach. 
So tritt am schluss der 1G79 aufgeführten oper: „Die | Macchabäische | 
Mutter I Mit Ihren | Sieben Söhnen | In einem | Singe -Spiel | vorgestel- 
let", die Constantia auf, um die Salome mit ihren kiudern, die allen 
martern trotz geboten haben, zu krönen. Ähnlich wird in dem 1688 
aufgeführten „Alexander in Sidon" Alexander zulezt von Fortuna und 
Gloria bekränzt.^ 

1) Der Grosse | Alexander | in Sidon. — Eusonia, die gemahliu des Eumenes, 
sagt am schluss (III,- 20) zu Alexander: 

Nun wirstu grosser Tlerrsclier sehen, 
Wie sich die Ehr' aus jener Woickcn sencket, 
Und deiner Tugend -Zier mit einem Krantz beschencket, 
worauf man dann Ehre und Glück „in einer artigen Machine" herniederfahren sieht, 
die dann in dem lezten auftritt (III, 21) den helden folgendermassen apostrophieren: 
Fortuna. Ich, die bald durch süsses Lachen 
Kan die Menschen frölich machen. 
Bald durch ernstliches Gesicht 
Alle Freud und Lust zernicbt. 

2. 
Ich wil dir die Haare reichen, 
"Weil die Schickung selbst muss weichen, 
Ja dein Muth und tapffrer Sinn 
Hat das Glück zur Dienerin. 

3. 
Wie mein Kad sich sonst muss drehen, 
Also sols jetzt feste stehen. 
Fürchte keinen sauren Blick 
Von dem dir getreuen Glück. 
Gloria. Du grosser Fürst der Helden Glantz, 
Du Zier der Ewigkeit, 
Umwind dein Haupt mit diesem Krantz, 
Den dir die Ehre selbst bereit. 
Dein grosser Nahm, der Wachsthum deiner Ehren 
Soll mit dem Himmel doch noch in die AVette währen. 
Hier bringt ein Page dem Alexander einen Lorber- Krantz. 
Alex. Die Ehre macht mich ganz bestürtzt, o Königin, 
Den Krantz will ich Eumenes schencken. 
Und seiner Bürger Hertz heut wieder zu ihm lencken. 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 305 

Vielleicht, dass wir durch diese spuren des eiuflusses der Ham- 
burgischen opernlitteratur noch nähere chronologische bestimmuugen 
für Reuters oper gewinnen können. Die erscheiuung der Cliarmante 
und die worte des kerkermeisters, die in der zweiten fassuug der reise- 
beschreibung ganz ähnlich lauten wie in der oper,^ fehlen in der ersten 
fassung. Man könte nun vielleicht sagen, dass die oper nach der zwei- 
ten fassung entstanden und so dieser zug aus der reisebeschreibung 
erst in die oper übergegangen sei. Allein ich glaube, dass es bei 
genauerer betrachtuug nicht zweifelhaft bleiben kann, dass der umge- 
kehrte fall statgefunden hat. Schon die geistererscheinung steht zu 
Schelmuffskvs sonstigen erzählungen in einem argen kontrast. Vollends 
seltsam ist es aber, wenn der kerkermeister, nachdem SchelmuflFsky 
ihm versprochen, seine mutter um das lösegeld zu bitten, in der zwei- 

Der Himmel geh, dass beyder Sinn 
In stetigem Vergnügen schwebe. 
Euin. Der über-taptfre Muth, die grosse Gütigkeit 
Erschall in aller Zeit, 
Und alles ruff mit mir, 
Alle. Leb, Alexander, lebe! 
Man vgl. auch eine oper von 1689: „Cain ] und | Abel | Oder | Der verzweifelnde | 
Bruder -Mörder", wo, nachdem während des stückes alle möglichen allegorischen 
gestalten aufgetreten sind, z. b. Hellen - Hochmuth , List, Zorn, Missgunst, scldiess- 
lich nach Abels tode die Göttliche Liebe den verzweifelten Adam tröstet und im 
lezten auftritt (III, IG) auch noch die Gottesfurcht erscheint und dem Adam trost 
verheisst: 

Adam, Adam se}' getrost! 
Freue dich, du Kreiss der Erden, 
Got wil dein Erlöser werden, 
Der Gott, der auf dich erbost; 
Adam, Adam sey getrost. 
Adam. So sey die Himmels Gütlio, 
Die uns mit Trost erfreut, 
Mit dankbahrem Gemüthe 
Gepriesen alle Zeit. 

1) Oper II, 3: Geist. Glück zu anmuthger Jüngling .... 

Du wirst zu deiner Freiheit bald gelangen. 
Reisebeschreibung, s. 127 (Neudr. 79): Anmuthiger Jüngling, du wirst 
zu deiner Freiheit bald wiedeV gelangen . gedulde dich nur noch ein klein Bissgen. 
Oper, a. a. o. : Geist. Ich bin Charmantens Geist, 

AVenn du dich der Person noch zu entsinnen weist. 
Die dorten bey Bornholm das Ungelück betroffen. 
Als mit sechstausenden zu Schiffe sie ersoffen, etc. 
Reisebeschreibung a. a. o. : So gab es mir sehr artig wieder zur Ant- 
wort und sagte: Es wäre der Charmante als meiner gewesenen Liebsten ihr Geist, 
welche dort bey Bornholm zu Schiffe mit 6000 ersauffen müssen etc. 

8EITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIK. ED. XX. 20 



306 FXLINGER 

ten fassung ausruft (s. 128, neudruck s. 80): „Eröffnet euch ihr Bau- 
den und Ketten , und lasset den Gefangenen passireu." (Man vgl. die 
oper II. 4: Der Kerkermeister. 

Springt ihr Bande springt entzwey, 

Machet den Gefangenen frey; 
Er soll hier nicht länger liegen 
Und sich schmiegen 

In elender Sclaverey. 

Springt ihr Bande springt entzwey.) 
In der oper ist dieser ausruf des kerkermeisters durchaus am 
platz, da nachher ein theatralischer effekt beabsichtigt ist und die 
anweisung gegeben ist : „Es springt das Gefängnüss von sich selbst ent- 
zwey, dass Schelmuffsky gantz frey da liegt." Im roman aber sind die 
werte des kerkermeisters ganz unvermittelt. Es würde ganz unerklär- 
lich sein , wie Reuter in der reisebeschreibung auf einen solchen gedan- 
ken gekommen sein solte. Viel wahrscheinlicher gestaltet sich dagegen 
das ganze Verhältnis, wenn man annimt, dass die oper vor der 
zweiten fassung des Schelmuffsky entstanden ist, und dass 
Reuter, um die etwas dürftige Schilderung der gefangenschaft in der 
ersten fassung reicher auszustatten, die effektvollen züge aus der eben 
entstandeneu oper herübernahm und dafür den in der ersten fassung 
(s. 126 fgg., s. 54 fgg. des neudrucks) berichteten fluchtversuch mit 
der tochter des kerkermeisters wegliess. Wenn man daran denkt, dass 
Reuter zu der erscheinung des geistes der Charmante wahrscheinlich 
durch ähnliche Situationen in der Hamburger opernlitteratur angeregt 
worden ist, so wäre hier eine direkte einwirkung der Hamburger oper 
auf eines der bedeutendsten dichterischen produkte Deutschlands im 
17. Jahrhundert zu constatieren. 

Zarncke meint (erste schrift s. 552), Reuters stück habe eine 
erkenbare bedeutung in der entwicklung der oper nicht erlangt. Das 
ist bis zu einem gewissen grade richtig. Denn wenn auch nicht alzu- 
lange nach Reuters oper in einer Hamburger oper von 1710 (Le Bon | 
Vivant | Oder die | Leipziger Messe | In einem Singe- und Lust- 
Spiel I Auff dem Hamburgischen | Schau -Platz vorgestellet) das Leip- 
ziger leben und namentlich das studentische treiben abgeschildert wird, 
so kann man docli eine direkte beeinflussung durch Reuter nicht nach- 
weisen. Dagegen könte eine solche in einem späteren Mle statgefun- 
den haben. In einer oper vom jähre 1727 „die Araours der Vespetta", 
vorfasst von C. W. Haken, wird eine persönlichkeit namens Bracca- 
mente eingeführt, die unwilkürlich an SchelmulTsky erinnert. Bracca- 
meiite bat wie Sckolmuff'sky grosse taten getan und weite reisen 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 307 

gemaclit; .alter bei der erzühlung dieser reisen lässt er sicli wie Schel- 
muffsky die tolsten geographischen absonderlichkeiten zu schulden 
kommen.^ 

1) Die Amours | der | Vespotta | Oder | Der Galau in der Kiste. | In oinoni 
Comiquen | Nacli- Spiel | Auf dein | Hamburgischen Schau -Platz | vorgestellet. | Im 
Jahr 1727. Siebcnrler Auftritt. 

Braccamente. Es sollte mir doch schwerlich fehlen, 

Ich habe schon die Welt zu viel geseh'n, 
Und weiss daher in solchen Fällen 
Gar leichte Kaht zu stellen. 
Ja sollt' icli eins von grössren Dingen, 
Die meine kühne Faust verriebt' erzehlen, 
Und was durch meine Tapferkeit geschohn. 
Ich weiss, du würdest Nass und Maul aufsperren ..... 
In was Verwunderung würdst du noch mekr gerahten, 
"Wenn dir die Tour der Welt bekannt: 
Durch was vor Stadt und manches Land 
Ich bin gezogen : 
Ich reiste ungelogen, 

In zwantzig Stunden Zeit durch Moscau nach Aegypten, 
Von dort nahm ich ein gläsern Schilf, 
Und lieff 

Auf der sehr langsam gehenden Loire 
(Nachdem ich schon i)assirt die Blankeneser Fehre,) 
Hinunterwerts 
Nach Meaeico : 
Und sah also 

Wie der Feurspeyende Vesuvius, 
Fast noch an diesem Fluss, 
Die annoch glüende erhitzte Kohlen warf. 
Doch es bedarff 
Nicht weiteren Beschreibens, 
Dort war nicht meines bleibens, 
Ich zog durchs Pyrenaeische Gebirge, 
Woselbst ich schon vorher die Flotte conimandirt, 
Und mich so tapfer aufgeführt, 
Dass alle Hügel samnit den Gründen 
Nicht wissen meines Ruhms ein Ziol zu finden, 
Ich musste mit der Zeit noch weiter dran 
Und reisete durch Hamburg nach Japan. 
Pierrot. Das war der nächste Weg. 
Brac. Da ging ich über einen Steg, 
Und sähe sonder Perspectiv, 
Wie schnell der Rhein bei Greiffswald lief, 
Drauf ritt ich Extra -Post nach Pensilvanien 
Und auf dem Pic dort in Canarien 
Sah ich die ganze Welt als einen Spiel -Schutt an, 
Die Menschen aber waren wie die Fhegen. 

20* 



308 ELLINr.ER 

Etwas schwieriger als bei der opcr liegt die autorfrage bei der 
ersten der beiden Harlekinspossen , welche in dem ältesten druck (unter 
den bis jezt bekant gewordeneu, vgl. Zarucke, erste schrift s, 589) 

Man vgl. dazu die reiseroutc Schelmuffskys , als er sich von Italien nach 
Deutschland zurückbegibt, Keiseboschrcibung, 2. fassg. II, 5. (s. 78 ; neudr. s. 129). 
Ich nahm meinen Weg durch Pohlen und ritte auf Nürnberg zu . . . Von dar so 
weite ich meinen Weg durch den Schwartzwald durch nehmen, welches 2 Meile 
"Weges von Nürrenberg liegt. 

Merkwürdig, dass in derselben scene der „Amours derVespetta" eine grössere 
stelle sich findet, die offenbar der scene zwischen Mascarille und den Sänftenträgern 
in den Precieuses ridicules nachgebildet ist; man vgl. 

Les Precieuses ridicules, sc. VII. 
2. Porteur. Payez-nous donc, s'il vous plait, Monsieur. 
Mascarille. Hem? 

2. Porteur. Je dis, Monsieur, que vous nous donniez de Targent, s'il 
vous plait. 

Mascarille (lui donnant un souffiet). Commeut, coquin , demander de Tar- 
gent ä une personne de ma qualite! 

2. Porteur. Est-ce aiusi, quon paye les pauvres gens? et votre qualite 
nous donne-t-elle ä diner? 

Mascarille. Ah! ah! ah! je vous apprendrai ä vous connoitre! Ccs 
canailles-lä s'osent jouer ä moi. 

1. Porteur (prenant un des batons de sa chaise). ^ä jiayez nous vitement. 
Mascarille. Quoi? 

1. Porteur. Je dis que je veux avoir de l'argeut tout u l'hcure, 
Mascarille. II est raisonnable. 
1. Porteur. Vite donc. 

Mascarille. Oui da. Tu parles comme 11 faut, toi; mais l'autre est un 
coquin qui ne sait ce qu'il dit. Tiens: es -tu content? 

Amours der Vespetta; anfang des siebenten auftritts. Braccamente in einer 
Sänfte, Mary, Pierrot, 2 Sänftenträger. 

Der eine der Sänftenträger, der Braccamente bei dem Ermel hält. Myn 
HeiT, bethalt uns hier! 

Brac. Wass? packt euch gleich! 
Wir Officier, 
Und Cavalier, 
Bezahlen nichts dafür, 
Es ist schon Ehre genug für euch, 
Wenn wir vergönnen wollen, 
Dass ihr ims habt anhero tragen sollen. 
Sänften -Träger. Man fret nich sehr vehl van de Ehr', 

Et wart uck myne Katt davon nich fet; 

Wo nu de Heer man so vehl Geld als Ehre het, 

So bid ik selir, 

Dat he ahn vehl to prahlen 

j\Iy mag bctahlen. 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 309 

der Ehrlichen Frau dem lustspiel beigefügt und die später auch 
selbständig- mehrfach herausgekommen sind (vgl. Reinhold Köhler, 
Z. f. d. A. XX, s. 121 fg. und Zarucke, a. a. o. s. 590 fg.). Bei dem 
zweiten nachspiele: „Des Harlcquins Kindbetterin - Schmauss" istKeuters 
autorschaft durch den namen Hilarius gesichert; dagegen fehlt der 
name auf dem titelblatt des ersten nachspiels : „des Harlequins Hoch- 
zeit -Schmauss", welches sich auf der bühne nach Gottscheds zeugnis 
grosser gunst erfreut und noch Goethe die anregung zu seinem mikro- 
kosmischen drama : „Hanswursts Hochzeit" gegeben hat. Indessen stimme 
icli Zarncke volständig darin bei, dass durch das zufällige fehlen des 
namens Reuters autorschaft nicht ernstlich erschüttert wird, zumal 
Reuter selbst in der oper einige Situationen aus dem ersten nachspiele 
nachgebildet zu haben scheint. Wenn Harlequin im gefäugnis steckt 
und der Ursel auf ihre fragen nach seinem betindeu antwortet: 

Viel Mäuse 

Und Läuse 
Mich plagen allzumahl, 
so erinnert das unwilkürlich an Schelmuftsky, der in der oper dem 
kerkermeister und Claudittgen, die ihn fragen, wie es ihm geht, be- 
ständig klagt, dass ihn die lause nicht in ruhe Hessen (II, 2. 4). 
Auf eine andre entlehnuug aus dem Hochzeitschmauss in der oper soll 
noch unten hingewiesen werden. 

Der Hochzeitschmauss ist in entrees , der Kindbetterin - schmauss 
in actus und scenen abgeteilt. Die bezifferung der entrees in dem 

Brac. Bärnhäuter! jetzo wil ich dir 

Den KopfF vom Eumpfc reisseu, 
Und dich von hier 

Zwölff Klafter tief ins Erdreich schmeissen. 
Sänften-Träger. Wat? Kerl ick glöw dat ju de Guckguck plagt, 
Un dat de föft Haass by ju den sössten jagt. 
Geft my hier ogenblicklich mynen Lohn, 
Wo nich, wil ick ju so den Lenden kiehlen, 
Dat jy schähln es eu Kater hülen 
Un ju för Angst bedohn. 
(Er stosst sich den Hut zurecht, und zieht den Bauin aus der Sänfte) 
Brac. Parbleu! ich muss dem Dieb 
Mit einem Hieb 

Die Ohren alle zwey zugleich in Stücken hauen. 
(Er tut als wenn er den Degen ausziehen will.) 
Doch wird es wohl der Frauen 
Gefällig sein 

Acht Schilling mir zu leihen. (Sie gibt das geld.) 

Ich trage nie klein Geld bei mir. 
Pierrot. Dass ist ein reicher Cavalier. 



310 KLLINGER 

excmplar der Ehrlichen Frau scheint falsch, weil auf entree II unmit- 
telbar entree IV folgt. Die späteren drucke haben die beziüerung zu 
verbessern gesucht und entr6e IV mit III bezeichnet. Tatsächlich aber 
ist die beziiforung in dem druck der Ehrlichen Frau richtig, wie Zarncke 
in seiner zweiten schrift s. 101 nacligewiesen hat. Es ist nämlich ein 
entree, und zwar III ausgefallen, welches sich in einem zu Berlin 
im Privatbesitz sich befindenden druck der beiden schmause und aucli 
in der Wiener handschrift 13287 findet. In diesem entree belauscht 
Harlequin ein liebesgespräch zwischen der von ihm geliebten Lisette 
und Laventin. Zarncke weist mit recht darauf hin, dass die echtheit 
und ursprünglichkeit dieser scene schon daraus hervorgeht, dass am 
schluss des II. entrees die bühnenanweisuug steht: (Harlequin) „tritt 
bei Seite", während das IV. (in den späteren drucken III.) entree wider 
Harlequin und Ursel zusammen zeigt. Es muss aber weiter hervor- 
gehoben werden, dass die anfangsworte des Harlequius in entroe 
IV (III) nur dann verständlich sind, wenn die scene zwischen Lisette 
und Laventin vorausgegangen ist. 

Harlequin. 



Ich wette, 
Lisette, 
Kriegt Laventin zum Mann. 
Jetzt bin ich ganz vexirt, von hinten und von forn, 
Ich bin gantz rasend, toll, und berste schier vor Zorn. 
Diese werte würden ganz sinlos sein (da in entröe II noch Lisette dem 
Harlequin versichert, dass sie ihn liebe), wenn man nicht annähme, 
dass Harlequin das gespräch zwischen Lisette und Laventin belauscht 
habe. 

Die beiden nachspiele erinnern ebenso wie die komödien einerseits 
an Moliere, andrerseits an das volksdrama. Wenn Harlequin der Lisette 
ein Ständchen bringt und dabei mit den häschern in konllikt komt, so 
gemahnt das an die Situation im ersten Zwischenspiel des Malade ima- 
ginaire, wo Polichiuelle ebenfals seiner geliebten ein Ständchen bringt 
und dann mit den häschern in zwistigkeiten gerät. — Noch deutlicher 
als der einfluss Molieres zeigt sich die einwirkuug des volksdramas. 
Ich habe in dieser Zeitschrift XIX, 119 fg. schon auf einen der fälle 
hingewiesen, in welchen dieser einfluss deutlich hervortritt.^ Auf eine 

1) Dass das Puppenspiel Alcesto , welclics ich in dieser ztschr. XVIII, s. 256 fg. 
vcröffentliclit habe, in seinen wesentlichen grundziigen auf die zeit des ausgehen- 
den 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts zurückgeht, muss ich gegen R. M. Wer- 
ner Anz, f. d. A. XIII, 74 aufrecht erhalten. Die beeiuflussung durch Aureli wäre 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 311 

andre merkwürdige analogie möge noch hingewiesen werden. Ursel 
macht dem Harlequin liebesanträge , er aber will nichts von ihr wissen 
und weist sie grob ab; Claus, Ursels vater, konit dazu, nimt sich sei- 
ner tochter an und zum schluss gibt es eine algemeine prügelei. Ganz 
dieselbe Situation finden wir nun in dem Puppenspiel: „Almanda, die 
woltätige fee" (Engel, IV s. 53 — 91). III, 4 verlangt Treuschel von 
Hans Wurst, dass er sie zur ehe nehmen solle; Hans Wurst will sie 
nicht haben, beide schimpfen sich wie bei Keuter weidlich herum. 
Schliesslich kommen in der nächsten scene vater und mutter der Treu- 
schel und liauen gewaltig auf Hans Wurst ein. 

Auch in andren einzolheiten lässt sich der einfluss des volks- 
dramas in den beiden spielen erkennen. Wenn Harlequin auf die frage 
des richtors nach seinem namen erwidert , er heisse wie sein vater und 
sein vater heisse wie sein ahnherr,^ so finden sich dieselben schwanke 
auch in den Puppenspielen wider. Da sie sich auch schon in den dra- 
men der englischen komödianten nachweisen lassen , so ist man berech- 
tigt, sie auch für das volksdrama in anspruch zu nehmen.^ Man vgl. 
z. b. den oben besprochenen Aminta IV, 2: 

Aminta. Was bistu dann vor einer? 

Schrämgeu. Ich bin ein Manspersohn. 

Aminta. Das sehe ich ohn diss wol, ich frage was du vor 
ein Landsmann seyest? 

Schrämgen. 0, was ich vor ein Landsmann bin, ich bin 
daher wo mein kleiner Bruder her ist. 

Aminta. Wo ist er dann her? 

Schrämgen. Wo ich her bin. 

ganz unerklärlich, wenn es jüngeren Ursprungs wäre. Dass es nicht aus littera- 
rischen kreisen stamt, wie "Werner a. a. o. anninit, geht meiner ansieht nach aus 
der art der litterarischen anspielungen genügend hervor. Dass es uns nicht in 
der ursprünglichen gestalt, sondern überarbeitet und durch vielfache Zusätze auf- 
geschwellt vorliegt, habe ich selbst nie bestritten. 

1) Diese scherze hat Reuter dann auch in die oper herübergenommen und 
dort noch etwas weiter ausgeführt. Dort fragt Lerian den Laux nach seinem namen ; 
dieser erwidert: ich heisse wie mein Vater. 

Lerian. Wie nennt sich denn der alte Kater? 

Laux. Mein Vater heisst wie ich. 

Lerian. Das ist ja lächerlich. Wie heissct denn ihr Narren alle bcyde! — 
Man vgl. dazu übrigens noch Wickram, Eollwagenbüchlein, s. 125 fg. der ausgäbe 
von Kurz. 

2) Auch bei Stranitzky findet sich ähnliches, man vgl. 011a Potrida des 
durchgetriebenen Fiichsmundi, s. 6 des neudrucks von R. M. Werner. Barthel. 
Wo wohnet er? Nickel. Apud sunra vicinum. Barthel. Wie heisset sein Nach- 
bar? Nickel. Nescio. 



312 ELLINGER 

Aminta. Wo seit jlir dann alle beyde her? 

Sehr am gen. Herr wir sind alle beyde aus einem Vaterlandt. 

Wie die beiden spiele jezt auf einander folgen, haben sie 
keinen richtigen Zusammenhang. Harleqiiiu, dem in dem Hochzeit- 
schmauss die Ursel aufgedrungen wird, hat doch kein arg, als sie 
im Kindbetterinschmauss nach einem mouat in die wochen komt. Die 
schon erwähnte Wiener handschrift 13287 enthält nun, wie Zarncke, 
zweite schrift s. 102 mitteilt, ausser dem handschriftlichen Hochzeit- 
schmauss, der mit den drucken übereinstimt (mit ausnähme des einen 
entrces, das sich aber ebeufals in einem der drucke findet, s. o.) auch 
einen Kindbetterinschmauss, der von dem gedruckten wesentlich ver- 
schieden ist. Denn während in diesem Harlequin an dem frühzeitigen 
niederkommen seiner frau keinen anstoss nimt, ist in jenem alles auf 
Harlekin als hahnrei herausgearbeitet. Daher heisst das stück hier : 
„Harlequins | frühzeitiger und unverhoffter | Kind -Tauffen- Schmaus." 
Es ist wie der Hochzeitschmauss in entrees und nicht in akte und scenen 
geteilt. Die fragen, die sich hieraus ergeben, hat Zarncke^ richtig 

1) Chr. R. redivivus s. 102 fg. „Ward einfach der handschriftliche Kind- 
taufenschmaus durch den witzigeren aber keinen ansohhiss bietenden verdrängt? 
oder war etwa der gedruckte Kindbetterinschmaus das zuerst gedruckte stück, zu 
dem dann der Hochzeitsschmaus als vorstück gedichtet w'urde, wobei man sich der 
reichen fülle des witzes wegen über den mangelnden anschluss hinwegsezte, und 
wurde dann zwecks dieses anschlusses das handschriftlich erhaltene stück hinzu- 
gedichtet, von dessen abdruck mau aber absah, da es sich mit dem bereits gedruckt 
vorhandenen nicht messen konte? Man beachte auch, dass anfangs nur von einem 
nachspiei die rede gewesen war und von Eeuter gesagt ward, er hätte gedacht 
dass er diese koraödie „vermehren" wolle." Harlekin als hahnrei scheint sonst 
auch ein beliebter stoff für derartige possenspiele gewesen zu sein. Wir besitzen 
ein derartiges nachspiei aus viel späterer zeit. Dasselbe ist einem lustspiel ange- 
fügt, zu dem es auch inhaltlich einige beziehungen hat (Die | Franzosen | in 
Böhmen | als eine Theatralische Comödie | mit allen zu der Zeit geschehenen Be- 
gebenheiten I lächerlich dargestellet | von einem dabey gewesenen Deutschen. Nebst 
einem lustigen Sing -Spiel 1 zu einer Nach - Comödie , genaunt: Harlequin, der 
ungedultig, hernach aber mit] Gewalt gedultig gemachte Hahnrey. 1743.). Nach 
Goedeke HS 553 (der aus Gottscheds Nöthigem Vorrath schöpft) müsste indes- 
sen auch ein cinzeldruck des Stückes existieren. — Der Inhalt ist in der kürze 
dieser: Harlequin beschuldigt seine frau Columbina der untreue, sie beteuert 
ihre Unschuld, erhält aber nichtsdestoweniger von ilmi schlage. Monsieur Par- 
tout, „ein Französischer Domestike, der bey der verkehrten Regierung als 
Richter zu 'befehlen hat, und der Columbinae Liebhaber ist", komt dazu, nimt 
sich der Columbina an und zwingt den Harlequin, mit seiner frau frieden zu 
machen. Sobald Harlequin indessen abgegangen, lässt Columbina einen andren 
französischen liebhabcr, den nionsicur Charle herein. Harlequin bemerkt das und 
ruft die beiden häscher Krips und Kraps, um die Übeltäterin auf frischer tat zu 
ertappen. Aber Columbina wird von der nachbarin Liese gewarnt und lässt mon- 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 313 

präcisiert , ohne dass sich vorläufig auf gruud des vorliegenden uiate- 
lials eiuc sichere antwort geben Hesse. 

Das lezte der grösseren stücke Reuters : „Graf Ehrenfried", ist mir 
nicht zugänglich gewesen; was ich davon weiss, beruht auf Zarnckes 
aualyse in seiner ersten schrift s. 567 fgg. Auch in diesem stück kön- 
nen wir die beiden hauptsächlichsten demente seiner Produktion beob- 
achten , deren Verbindung seinen dichtungcn noch jezt einen so eigen- 
tümlichen reiz vorleiht: der frische, freie humor und die übermütige 
satirische lust. Jener zeigt sich in der behaglichen ausmalung des 
lebens und treibens eines bettelarmen grafen, der sich aber mit guter 
laune über seine klägliche läge hinwegsezt und mit seiner Umgebung den 
schein einer gräflichen haushaltuug durch allerhand phantastische mit- 
tel aufrecht zu erhalten sucht. Diese äussert sich in der komödie mit 
ungemeiner külinheit, indem graf Ehrenfried, um seine läge zu ver- 
bessern, zum katholicismus übertritt, womit offenbar eine anspielung 
auf deu religionswechsel des sächsischen herscherhauses beabsichtigt 
war. Hatte Reuter in seinen ersten komödien seine persönlichen feinde 
auf die bühne gebracht und sich dadurch an ihnen gerächt, dass er 
sie zum algemeinen gespött gemacht hatte, so fehlt es an solchen zügen 
auch in dem vorliegenden stück nicht. Der advokat Mauricius Volk- 
mar Götze, mit dem Reuter in heftigen streit geraten war, erscheint 
in der komödie als fieckschreiber Injurius und wird als böswilliger, 
ränkehafter und unredlicher rechtsverdreher gebrandmarkt. 

Reuters dramen haben eine ziemlich bedeutende Wirkung aus- 
geübt; Zarncke hat selbst erste (schrift s. 582) auf einige stücke hin- 
gewiesen, die vielleicht mit Reuters Produktion in einem bestimten 
zusammenhange stehen. Um bei der zulezt erwähnten komödie Reuters 
zu beginnen, so ist das stück; „Der schlimme Causenmacher" (Leipzig. 
1701) wahrscheinlich durch den grafen Ehrenfried angeregt und die figur 
des bösen advokaten Nigritius ist offenbar dem advokaten Injurius im 
grafen Ehrenfried nachgebildet. Aber auch Reuters frühere komödien 
scheinen, worauf Zarncke nicht hingewiesen hat, den Verfasser des 
Causenmachers beeinflusst zu haben. Pimpelona, die frau des schenk- 
wirths Potambulus ist ein ziemlich getreues abbild der Schlampampe 
und ihre tochter Verouina ähnelt Charlotte und Clarille. Und ganz 

siem* Charle au einem strick zum fenster hinaus. Als Harlequin mit deu bäscbern 
komt, findet er das nest leer; die häscher zwingen ihn, der Columbina Untertänig- 
keit zu geloben; zum zeichen, dass er das erfüllen will, küsst er ihr band und 
pautoffel. Schliesslich komt Partout der richter und geht mit Columbina zum 
schmaus, während Harlequin die kinder wiegen muss. — Die posse ist in den 
weseutliclien zügen von Molieres George Dandin beeinflusst worden. 



314 ELLlNGEll 

an Tieutor erinnert die art, in welcher das bestreben dieser leute, die 
vornehmen zu sjiielen,, weiter die piitzsuclit der tochter u. a. m. geschil- 
dert wird.^ 

Eine andre nachwirkung des grafen Ehrenfried ist Zarncke ent- 
gangen und auch sonst nicht beo])achtet worden, Sie ist merkwürdig 
genug, um hier ausführlich besprochen zu Averden. Stranitzky näm- 
lich hat in seiner „011a Potrida des durchgetriebenen Fuchsmundi" den 
grafen Ehrenfried sehr stark benuzt. Über die art der benutzung kann ich 
nur bei den stellen urteilen, die Zarncke ausgezogen hat; hier schreibt 
Stranitzky Keuter wörtlich aus. Am anfang scheint Stranitzky einige 
änderungen vorgenommen zu haben. Die von Zarncke wörtlich mit- 
geteilten stellen werde ich zur vergleichung direkt neben Stranitzky 
stellen; wo ich blos auf seine Inhaltsangabe angewiesen bin, teile ich 
dieselbe in der anmerkung mit. 

Stranitzky, 011a Potrida des durchgetriebenen Fuchsmundi (1711) 
herausg. v. K. M. Werner. (Wiener neudrucke, herausg. v. Sauer, 
Bd. X), das XXVI. kapitel, s. 154 fgg. (im original 208 fgg.), vgl. 
s. 157 fgg. 2 

Urschel Höre doch, Lucia! hast du des Grafens seine 

Jungfer Köchin nicht gesehen? 
Lucia. Nein! 

Urschel. Ich habe ihn gesehen. 
Lucia. Wo dann? 



1) Man vgl. Causenmacher II, 6 s. 63: Pimpeion a .... Icli habe ihr 
(der Veronina) etwa diesen Sommer ein neu Taffend-Fäbngen mit einem Aufstecke- 
Kleidgen geschafft, da wollen die Leute immer darüber zu Narren werden, sie 
sprechen, es käme meiner Tochter nicht zu. Aber warum käme es ihr nicht zu? 
wir schenken ja Bier: also treiben wir Gastung, und sind aus dem Hn. Stande; Es 
nennen auch alle Gäste meinen Mann Hr. Potambulus oder Hr. Wirth und mich 
Frau Pimpelona, oder Frau Wirthin. Heisset das nun nicht aus dem Herrn Stande 
seyn? Nun, nun, es bleibet dabey, wir wollen jetzo den Leuten weisen, dass sie 
das Maul über solchen Personen zerrissen haben, welche sich nichts nehmen lassen, 
und auf Ehre und Respect halten , auch was an Processe zu setzen haben. Was 
gilts, man wird ins künfttige nicht mehr Bedenken tragen, uns bei Leichen und 
Hochzeiten unter denen Leuten vom Herrn Stande zu verlesen. 

2) Ob das gespräch s. 154 — 56 ebenfals aus dem grafen Ehrenfried entlehnt 
ist, vermag ich nicht festzustellen. Wenn Urschel s. 156 sagt: „Wann du mir 
eine Haarnadel geben Avürdest, so würde ich dir das und das sagen" und nun das 
was sie sagen wolte, gleich folgen lässt, so erinnert das an die oben s. 294 erwähn- 
ten werte des Lupin im George Dandin, welche, wie dort gezeigt, auch von Reu- 
ter nachgebildet worden sind. 



CHR. REUTER ÜNi» SEINE KOMÖDIEN 315 

Urse bei. Er Hesse sich nur vor kiirtzem auf einer Zober- 
Stange von seinen Bedienten nach Hofe tragen.^ 

Lucia. Du närrische Hur! es wird eine Carosse gewesen sein, 
worauf er ist nach Hofe gefahren. 

Urschel. Ey lerne du mich doch einen Hasen für eine Kuh 
ansehen, icli werde ja wissen, was eine Zober -Stange, oder was eine 
Carosse ist. 

Lucia. Er wird ja solch närrisch Ding nicht vornehmen. 

Urschel. Ey! er nimmt wol närrischeren Zeug vor, ist 
er doch einmal mit dem König im Schlaff-Beltze, und einem 
Feder-Busch auf dem Kopffe, gar auf die Jagd geritten, und 
hat, wo mir recht ist, weder Schuh noch Strimpfe angeliabt. 

Lucia. Er hat eine schöne Carosse, warum fährt er denn nicht 
auf derselben. 

Urschel. Er kann nicht immer fahren, etc. Ein grosser Herr, 
als wie der Herr Graf ist, rauss ja eine Abwechselung haben. 

Lucia. Weist du nicht, ob er bald wird wieder nach Haus 
kommen ? 

Urschel. Ja, das kann ich dir sagen, vor Abends kommt er 
wol schwerlich wieder, denn es ist ein Glücks - Töpffer bey Hofe ankom- 
men, da ist er mit denen Dauies zu dem Glücks -Hafen gegangen.^ 

Lucia. Ja, so wird er wol schwerlich vor Nachts wieder 
kommen. 

Urschel. Ich zweiflfele wol selbst, dass er vor Mitternacht 
wieder kommt. 

Lucia. Ich muss ihn sprechen, ich treff ihn auch an, wo 
ich will. 

Urschel. Nur frühe zu ihm gegangen [ da trifft man ihn am 
allerersten an. 

Lucia. Das werde ich auch wohl thun. 

Urschel. Wie steht ihr dann beide mit dem Laquey? Ist 
denn eure Sache bald richtig? 

Lucia. Ey was soll sie richtig seyn , etc. Drum wollte ich 
gern mit dem Grafen draus reden, und wenn der Laquey nicht will, 

1) Vgl. Zarncke, erste Schrift s. 569. „Als er (der graf) keine Karosse 
und keine Sänfte mehr zur Verfügung hat, lässt er sich auf einer „Zoberstange" 
nach Hofe tragen. Erzählt wird, dass er einmal mit dem Könige im 
Schlafpelze und mit einer Federmütze auf dem Kopfe, und ohne 
Schuh und Strümpfe auf die .Jagd geritten sei." 

2) Auch dieser zug stamt aus Eeuter, vgl. Zarncke s. 572. Die einrichtung 
des glückstopfes bei hofe gefält dem grafen so sehr, dass er sie nachher auch auf 
seinem schlösse nachahmt. 



31ü ELLINGEK 

■wie ich will , so will iclis an dem König gelangen lassen , denn er hat 
mir meine Ehre recht ahgestohlen.^ 

Urschel. Wenn ich als wie du wäre, Lucia! und er wollt mir 
nicht geben, Avas ich verlangte, so wollt ich ihn knall und fall auf die 
Ehe anklagen. 

Lucia. Ey, das will ich ohnedem schon thun. Ich bin jetzo 
bey einem Advokaten gewesen, der hat mir eine Supplic gemacht, die 
soll ich, wenn er in Güte nicht will, dem König selbst übergeben. 

Urschel. Ey, wo wohnt denn der Advocat? 

Lucia. Ich habe nicht gefragt, avo er wohnt, so viel ich aber 
von der Wirthin im Wein -Keller vernehmen kunte, so soll er gar 
vielem Frauenzimmer bedient seyu, die Ehren -Kräntze verloren haben. ^ 

Urschel. Das Avird mir gar der rechte seyn , allein wie muss 
er heissen? 

Lucia. Die Leute tituliren ihn nur Herr Fleck - Schreiber, 

Urschel. Wo trift't man ihn aber an? 

Lucia. Er sitzet dort bei Herrn Johanusen im Wein- Keller, 
und hat ein Gläslein Wein vor sich stehen.^ 

Urschel. Ich will doch hernach auch hingehen , und den Herrn 
Fleck - Schreiber in einer Sache um Rath fragen. 

Lucia, Du hast gCAviss auch mit einem zu thun? 

Urschel. Ach nein! es ist sonst Avas. 

Lucia. Darflf mans aber nicht Avissen? 

Urschel. Warum nicht, das kau ich dir Avohl sagen, ist es 
doch kein Schelmen - Stuck. 

Lucia. So sage mirs doch. 

Urschel. Die gantze Affaire ist diese: Ich habe mich mit des 
Grafen seinem Koch verlobt, und mein Herr der wills nicht zugeben, 
dass ich den Menschen nehmen soll, etc. Drum möchte ich gerne mit 
einem rechten Krumm - Macher reden, Avas er mir hier immer für einen 
Rath giebet, denn ich habe gar Willens, ich Avill ihn bey dem König 
verklagen, Avenn ers nicht zugeben Avill, 

1) Bei Reuter ist das Verhältnis etwas anders, trotzdem Stranitzky auch 
hier den grafen Ehrenfried wörtlich bcnuzt hat. Der graf selbst nämlich hat einer 
gewissen Leonore die ehre „recht abgestohlen"; sie will dafür entschädigt werden, 
lind wenn er ihr nicht geben will, was sie verlangt, so will sic"s an den könig 
gelangen lassen und will ihn „knall und fall auf die Ehe anklagen." 

2) Auch Leonore im Gr. Ehrenfried lässt sich von dem advokaten eine Sup- 
plik machen und von dem advokaten heisst es, dass er besonders auch frauenzim- 
mern bedient ist, die ihre ehren -kränze verloren haben, Zarncke s. 574. 

3) Auch bei Keutcr sizt Injurius in der weinstubo des „lustigen Johannes", 
Zarncke s, 575. 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 



817 



Lucia. Du hertzige Urschel, du, dieser Fleck -Schreiber wird 
dir bald sagen, wie du es macheu sollst, denn das soll ein Mann seyn, 
der auf lauter Quinten und Practiquen abgerichtet ist.^ 

Urschel. Das muss mir gar der rechte seyn. 

Lucia. Die Wirthin hat mir Dinge von dem Fleck -Schreiber 
erzehlt, dass man sich hätte putzig drüber lachen mögen. 

Urschel. Wie so denn? 



Reuter, Gr. Ehrenfried, 
s. 54 u. 55. Zarncke s. 654. 
Leonore. Sie erzehlte mir, wie 
dass derselbe Mann so ein vor- 
trefflicher Liebhaber von Frauen- 
zimmer wäre. Courage. Ist er 
denn noch jung? Leon. Ey, es 
ist ein Stein - alter Mann , der 
schon auf der Grube gehet. Cour. 
Was hat er denn nun mit dem 
Frauenzimmer gemacht? Leon. 
Er soll sich mög' in ein artiges 
Mädchen verschammeriret gehabt 
haben , und dasselbe hätte er auch, 
weil er so hefftig in sie verliebt 
gewesen, in gelben Damast klei- 
den lassen, und hernachmahls 
nur das Rübsen- Stücke geheissen. 
Cour. Ey warum nicht gar das 
Schoten - Stücke ? Hat aber das- 
selbe Frauen - Zimmer den alten 
Courtisan auch Gegen - Liebe be- 
wiesen? Leon. So viel ich von 
der Wirthin vernahm , so hätte sie 
ihm nicht einmahl eine charmante 
Mine gemacht, viel weniger, dass 
sie ihm für das geschenckte Da- 
mastene Kleid sonsten seinen Wil- 
len erfüllen sollen. Cour. Ja, es 
geht bissweilen so , wenn alte Män- 
ner mit jungen Mädgeu löffeln 



Stranitzky. 

Lucia. Sie erzehlt mir, wie 
dass derselbe Mann so ein fürtreff- 
licher Liebhaber vom Frauenzim- 
mer wäre. Urschel. Ist er denn 
noch jung? Lucia. Ey! er ist 
ein Stein -alter Mann, der schon 
mit einem Fuss auf dem Grab ste- 
het. Urschel. Was hat er denn 
nun mit dem Frauenzimmer ge- 
macht? Lucia. Er soll sich in 
ein artliches Mägdlein verscham- 
merirt gehabt haben , und dasselbe 
hätte er auch, weil er so hefftig 
in sie verliebt gewesen, in gelben 
Damast kleiden lassen , und her- 
nachmahls nur das Rüben -Stücke 
geheissen. Urschel. Ey! warum 
nicht gar die Citroneu- Goschen? 
Hat aber dasselbe Frauen -Zim- 
mer dem alten Courtisan auch Ge- 
genliebe bewiesen? Lucia. So 
viel ich von der Wirthin vernahm, 
so hätte sie ihm nicht einmal eine 
charmante Mine gemacht, viel we- 
niger, dass sie ihm für das ge- 
schenkte Damastene Kleid hätte 
seinen Willen erfüllen sollen. Ur- 
schel. Ja, es gehet bissweilen 
so , wenn alte Männer mit jungen 



1) Reuters Injurius ist „auf lauter Cäussgen und Practiquen" abgerichtet. 



318 



wollen, allein es geschieht ihnen 
gar recht, wenn sie hernachmahls 
für ihre Spendageu in's Fäustgen 
'nein ausgelacht werden. Leon. 
Ein artiges Histörgen erzehlte mir 
die Wirthin von diesem so ge- 
nandten Fleck -Schreiber. Er hätte 
einsmahls auf einer Hochzeit nach 
einer Bären -Music mit Frauen- 
zimmer nackend um einen Ban- 
nen -Baum herumgetantzet, welches 
ihm diese Stunde noch übel aus- 
geleget würde. Cour. Ey, das 
kann ich mir leicht einbilden. 
Nackend zu tantzen! es kömmt 
gar zu ärgerlich heraus. Wenns 
doch noch im Hemde gewesen wäre. 



Mägdlein löffeln wollen, geschieht 
es ihnen gar recht, wenn sie her- 
nachmals für ihre Spendageu in 
die Faust hinein ausgelacht Aver- 
den. Lucia. Eine artige Histori 
erzehlte mir die Wirthin von die- 
sem sogenannten Fleck -Schreiber: 
Er hätte einsmals auf einer Hoch- 
zeit nach einer Bären -Music mit 
Frauenzimmer nackend um einen 
Daunen - Baum herum getantzet, 
welches ihm diese Stunde noch 
übel ausgelegt wird. Urschel. 
Ej! das kau ich mir leicht ein- 
bilden, nackend zu tantzen, es 
kommt gar zu ärgerlich heraus, 
wenns doch noch im Hembde ge- 
wesen wäre. 



Stranitzky. 

Lucia. Hernach, so sagte mir die Wirthin auch, wie dass 
dieser Fleck -Schreiber allen Leuten dienete, sie möchten recht oder 
unrecht haben, wer ihm nur Geld brächte, das wäre ihm angenehm. 

Urschel. Das muss mir gar einer von den rechten sejm. 

Lucia. über eines muste ich recht hertzlich lachen. 

Urschel. Über was denn? 



Gr. Ehrenfried, s. 56. 
Zarncke 652. 
Leon. Die Wirthin sagte mir, 
wie dass er einmahl ein paar Par- 
theyen in einander gehetzt, über 
welches Unrecht dieser Fleck - 
Schreiber wäre ein alter Rock- 
Seicher geheissen worden. Cour. 
Was hätte er denn darzu gesaget? 
Leon. Was soll er gesaget haben? 
Er hatte solches zu registriren ge- 
bethen, allein wegen anderer Af- 
fairen hattens die Gerichten nicht 
gehöret, und war also dieses Frauen- 
zimmer noch so mit einem blauen 



Stranitzky. 

Lucia. Die Wirthin sagte mir, 
wie dass er einmal ein paar Par- 
they en ineinander gehetzet, über 
welches Unrecht dieser Fleck - 
Schreiber von einem Frauenzim- 
mer, in öffentlicher Gerichtsstube, 
wäre ein alter Rock -Seicher ge- 
heissen worden. Urschel. Was 
hatte er denn darzu gesaget? Lu- 
cia. Was solle er gesagt haben? 
etc. Er hatte solches zu registri- 
ren gebetten, alleine, wegen ande- 
rer Afliiiren, hattens die Gerichten 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 



310 



Auge davon gekommen , sonst 
hätte er ihr unstreitig einen Inju- 
rien Process an den Hals greworffeu. 



Zarncke s. 574. 
Courage. Könte man doch von 
diesem Fleck - Schreiber eine per- 
fecte Comödie machen. 

Gr. Ehrenfried s. 56. 
Zarucke s. 65.3. 
Ach wenn ichs nur nicht ver- 
gessen hätte , was mir die Wirthin 
alles von den süssen Näcliten, uud 
noch andern Streichen, so dieser 
Fleck -Schreiber soll vorgenommen 
haben, erzehlet hat. 



nicht gehöret, und wäre also die- 
ses Frauenzimmer noch so mit 
einem blauen Auge davon kom- 
men, sonst hätte er ihr unstrittig 
einen Injurien -Process an den Hals 
geworifen. 

ürschel. Je, könnte man doch 
von diesem Fleck -Schreiber ein 
perfecte Comödie machen. 

Lucie. Ach! wenn ichs nur 
nicht vergessen hätte , was mir die 
Wirthin alles von den süssen Näch- 
ten, und noch andern Streichen, 
so dieser Fleck -Schreiber soll vor- 
genommen haben, erzehlet hat, 
würde ich euch, wer weiss wie- 
viel, noch haben erzehlen können. 
Ich muss geschwind nach Haus 
eilen, denn meine Frau ist wie 
der lebendige Teuffei über mich, 
wenn ich ihr ein wenig zu lang 
ausbleibe. Adieu ! 
Auch das zweite von Zarncke angeführte stück: „die Alchymi- 
stengesellschaft" (1699), im stoffe sich mit Holbergs Arabischem Pul- 
ver berührend , zeigt mehrfach deutlich den einfluss Reuters. Dieser 
tritt zunächst darin hervor, dass episodische figuren zur abspiegelung 
des lebens und treibens der hauptpersonen benuzt werden : so wird z. b. 
der bauer Klump von einem goldmacher betrogen und dasselbe Schick- 
sal trift nachher den baron Aurandus selbst, dem Klump sein unglück 
I, 8 erzählt. Von Reuter hat der Verfasser wol auch den kunstgriff 
gelernt, einen beschränkten menschen ein und dieselbe redensart immer 
wider gebrauchen zu lassen ; das geschieht hier allerdings nur bei einer 
nebenfigur, dem soeben genanten Klump , welcher beständig sagt: „Ich 
meyne so." * Wenn die töchter der frau Schlampampe „ nach dem 
Adelsstande" reisen, so findet sich etwas ähnliches auch in diesem 
stück. 2 Schliesslich sind offenbar die unsaubren schwanke des Lorenz 

1) Auch bei Stranitzky findet sich etwas ähnhches, B. XXX s. 179 des ncu- 
drucks, "WO der bauer fortwährend sagt: mit Züchten zu reden. 

2) Die durch seltsame Einbildung und Betriegerey Schaden bringende Alchy- 
misten - Gesellschaft II, 1: Hyginus. Ich wil die neue unbekante Welt aufsuchen, 
die in diesem Seculo noch vielen sei bekant werden: Ich meyne die Chymische 



320 ETJ.1NGER 

in Scblamiiampens krankbeit und tod von dem Verfasser der Alchy- 
misten - Gesellschaft nachgebildet worden.^ — So viel derselbe nun aber 
auch im einzelnen von Keuter gelernt liaben mag, so entschieden ist 
er im ganzen hinter ihm zurückgeblieben. Man braucht dieses stück 
nur durchzulesen , um zu erkennen , wie hoch Reuter durch seine flotte 
und frische art sowie durch den trcfliclien aufbau seiner stücke sich 
über die draraatiker seiner zeit erhebt. Das stück befriedigt auch nicht 
die bescheidensten ansprüche, die techuik ist unglaublich mangelhaft; 
es besteht lediglich aus einer reihe schlecht aneinandergeknüpfter dia- 
loge ohne jeden inneren Zusammenhang. 

Das dritte von Zarncke angeführte lustspiel: „Das Bärtigte Frauen- 
zimmer" (1696) hat mehr einen äusserlichen Zusammenhang mit Reuter, 
sofern nämlich nach den akten ein exemplar des Schelmuffsky (und 
zwar die erste fassung) an dieses stück angebunden war. Irgend welche 
beeinflussung durch Reuter habe ich in dem stück nicht entdecken kön- 
nen. Es behandelt die bekante episode aus dem Don Quixote (VII, 36), 
wie Don Quixote und Sancho Pansa auf dem hölzernen pferde auszie- 

Real - Künste , welche nach der Hoffnung der immer hoffenden völlig sollen gefun- 
den werden. Nomophilus. Ich wünsche denn Glück zu dieser Eeise, und bitte, 
nach glücklicher Expedition mich auch zum Gouverneur in einer Provinz zu machen. 
1) Schlamp. Kranlcheit und Tod III, 4: Der doktor Cratippo hat erfahren, 
dass Lorentz ihm sein und nicht der frau Schlampampe wasser gebracht hat. 
Cratippo. Warum habt ihr mirs aber nicht gesagt, dass solches der Patientin 
ihres nicht sei? Lorentz. Ich vermeinte, ihr solltet aus meinem können wahr- 
sagen, was meiner Frauen ihre Kranckhcit wäre, deswegen seyt ihr ja ein Doctor. 
Cratippo. Wenn ich der Doctor wäre, welcher aus einem oder aus eines anderen 
Menschen seinem Urin judiciren künte, was der Tertius oder Secundus vor eine 
Eranckheit hätte, so wäre ich ein kluger Mann. Dazu vgl. man die Alchjmisten- 
gesollschaft II, 3: Argyrander. Aber, was ist euer Patient vor eine Person? 
Klump. Das wird der Herr Doctor, ich meyne so, aus dem Arrein schon sehen 
können. Argyr. Ihr guter Freund! da habt ihr eine falsche Opinion : Wir Medici 
sehen nicht mehr aus dem Urin, als was die Kranckheit angehet; das übrige lässt 
sich nicht daraus ersehen. Wie alt ist denn euer Patient? Klump. Das wird 
wohl im Wasser stehen. Argyr. Ich habe euch schon gesagt, dass auch dies nicht 
zur Besichtigung des Urins gehört. Klump. Ihr lieber Herr Doctor, ich meyne 
so, das stund alle mit einander drinne; ich wils euch nur (sagen): Ich bin selber 
der Patiente. Allein ihr werdet doch sehen können, was meine Handthierung ist, 
wie meine Frau heisset, und ob sie böse oder fromm ist. — Man vgl. übrigens zu 
dieser stelle noch Kirchhof, Wendunmuth 1 , 109: Von einem doctor und bauworen 
(Bd. I s. 138 fgg. der ausgäbe von Ocsterley). Der doctor fraget, wannen er, oder 
wie sein namm wer. Antwort der bauwcr: herr gott, diß ist schon das erst, 
daß ich erfahr, wie mich das gemein gerücht bewegt hat, ich meinet ir wüßt alle 
ding und wisset solches nicht im härm zu ersehen ? Ist doch kein kindt in unserni 
dorfF, daß nicht weiß, daß ich mit Urlaub Knorren Cüntzgen heiß. — Auch liier 
gebraucht der bauer beständig ein und dieselbe rcdensart, nämlich: mit urlaub. 



CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 321 

heu, um die gräfin Trifaldin und ihre dameu von den härten zu befreien, 
die ihnen der riese Malaubrun angezaubert. Der Verfasser hält sich 
ziemlich genau an das original; die dramatische technik ist etwas bes- 
ser als in dem soeben besprochenen stück, doch zeigen sich in dem 
lustspiel nirgends spuren einer wirklichen dichterischen begabung. — 
Der stoff muss damals ziemlich beliebt gewesen sein. Wir besitzen 
nämlich auch eine Hamburger oper von 1690, die denselben gegen- 
ständ behandelt: Der irrende Ritter | D. Quixotte | de la Mancia ] Lust- 
spiel.^ Hinzugenommen ist hier nur noch der unglückliche Zweikampf 
Don Quixotes mit dem als ritter mit den monden verkleideten Samuel 
Curasco. Wenn dann in einem dem „Bärtigten Frauenzimmer" ange- 
hängten uachspiel ein alter verliebter verspottet wird, so findet sich 
ein ähnlicher zug auch in der Hamburger oper, aber hier ist er dem 
stück selbst eingefügt.^ Roderigo „ein alter Hoff- Meister des Her- 
zogs", der immer daran anstoss nimt , dass man bei hofe Don Quixotes 
torheit noch fördert, indem mau zur belustigung des herzogs und der 
herzogin auf seine torheiten eingeht, ist verliebt in Altesidore , „der 
Hertzogin Kammerjungfer." Da diese nun den Don Quixote mit lie- 
besanträgen bestürmt, um ihn zu veranlassen, seine treue der Dulcinea 
gegenüber herauszukehren, so steckt sich Roderigo in eine rüstung, 
um auf diese weise ihrer liebe teilhaftig zu werden. Als er sie aber 
umarmen will, sträubt sie sich und ruft um hilfe, Don Quixote komt 
dazu; im Zweikampf mit ihm wird Roderigo besiegt, der herzog 
erscheint und Roderigo wird gefangen. Man redet ihm ein, durchsein 
„ungezeumtes Rasen" sei Altesidore selbst umgekommen und er müsse 
diese tat mit seinem blute sühnen. Unterdessen hat man Altesidore, 
nachdem sie sich lange geweigert, dazu gebracht, den alten zu heira- 
ten ; dieser wird um Mitternacht an ihr angebliches grabmal geführt. 
Hier erscheint Minos und verkündet, Altesidore dürfe wider nach der 
erde zurückkehren , solle aber Don Quixote ihre band reichen. Schliess- 
lich aber wird Altesidore dem Roderigo zuerkant, nachdem der herzog 
dem lezteren noch dargetan hat, wie er, der beständig gegen die 

1) Die im jähre 1722 in Hamburg aufgeführte, von einem gewissen Müller 
verfasste oper: Don Quixote (Don \ Quixotte | in | dem Mohren Gebirge) behandelt 
eine andre episode. 

2) Für die einfülirung dieser figureu beruft sich der Verfasser in der vorrede 
auf den jüngeren Corneille, den er schon vorher einmal angezogen (s. u. s. 322, 
anm. 1); auch dieser habe „in seinem Berger Extravagant einige personen mit ein- 
ander verbunden , deren doch das original nicht gedenket." Die anregung zu dieser 
figur ist übrigens schon im original durch die gestalt des priesters gegeben , wel- 
cher VI. 31 den herzog wegen der begünstigung der narrheit des Don Quixote 
tadelt. 

ZKITSCIIU. F. nKUT.SCUE PHILOLOGIE. Jil). XX. *1 



322 teLLINGER 

begünstigimg clor narheit Don Qiiixotes durch den liof geeifert habe, 
nun durch die liebe selbst zum toren geworden sei. 

Mehr als die oper selbst interessieren uns die vorrede und das 
verspiel , die derselben vorausgehen. In der vorrede spricht sich der 
Verfasser über den nutzen des komischen und der satire zur bekämpfung 
der laster und Unsitten aus und er beruft sich dabei nicht nur auf 
Moscherosch, sondern auch auf Geilers predigten über Brants Narren- 
schiflf.^ Wir beobachten hier ganz deutlich, wie die populäre Strömung 
im 17. Jahrhundert — und wir finden dieselbe in der Hamburger oper 
stark vertreten — mit bewustsein auf das 16. Jahrhundert zurückgreift. 
Auch bei Reuter können wir ähnliches beobachten; der Schelmuffsky 
schliesst sich nicht nur im litterarhistorischen Zusammenhang an die 
litteratur des 16. Jahrhunderts an, sondern er scheint auch durch den 
Finkenritter beeinflusst; wenigstens die geburtsgeschichte Schelmuffskj'S 
könte durch die erzählung von der geburt des Finkenritters beeinflusst 
sein.- — Der Verfasser des Don Quixote hat nun auch, wie erwähnt, 

1) Vorrede. An den unpartheiischen Leser .... Daliero haben sich 
jederzeit artige Geister gefunden, welche diese Fehler der irrenden Menschen auf- 
gedecket, dieselbe in allerhand Stellungen entworffen, und mit ihren Erfindungen, 
als lebendige Formen ausgeschmücket, um dieselbe in einem frerabden Kleyde den 
Leuten desto leichter bej^zubringen , und die sonst so verhasste Wahrheit unter die- 
sem Schertze lachend zu sagen: da mit: wie die Aertzte unter den vergüldteu Pil- 
len den bittersten Rhebarbara verbergen, und dadurch ohne Eckel ihre Patienten 
curiren, sie auch unter einem verzuckerten Überzuge die unangenehme Bestraffungen 
dem Leser beybrüchten, um wo möglich, seine Gemüths- Krankheiten auch unver- 
merkt zu heilen. 

Dieses war des vortrefflichen Philanders von Sittenwalds Zweck, als er seine 
Gesichter beschriebe, darinnen er als in einem Spiegel, fast jeden hineinsehenden 
sein wahrhaftes Antlitz ohne alle Schmincke zeiget. Dieses war auch des Kaysers- 
bergers Absehen, wie er sein Narren -Schiff erbauete, in welchem wie in den 
Schiffen Hirams sich tausenderley Affen in unterschiedener Stellung finden lassen. 
Und weil die stetige Lesung der Ritter -Bücher oder Romanen, wie eine Pest 
unvermerckt viele Gemüther angestecket, dass sie ihr gantzes Leben nach der 
Riclitschnur eines gewissen Ritters angestellet, und dadurch in Nachahmung einer 
erdichteten Geschichte sich zu einer warhafften Fabel der gantzen Welt gemachet: 
So wurde dadurch ein Frantzos die falsche Clelie und ein anderer Johannes de la 
Lande den Berger extravagant zu schreiben angereitzet, welches letztere auch der 
berühmte Corneille zusammen gezogen, mit einigen Einfällen versetzet, und auff 
dem Schauplatz seinen Landsleuten dargestellet, deme hernach der vortreffliche 
Gryphius gefolget, und auff einer durchlauchtigen Person Zureden, in die Teutsche 
Muttersprache endlich übersetzet. 

Hierauf folgt eine lobprcisung des Don Quixote und eine längere auseinander- 
setzung über denselben. 

2) Zu dieser Vermutung ist man insofern berechtigt, als graf Ehrenfried aus- 
drücklich den Finkeurittor als sein lieblingsbuch nent. 



CHR. REÜTEK UND SEINE KOMÖDIEN 323 

ein Vorspiel entworfen, das sicli im stoft" widerum an das 16. Jahrhun- 
dert anschliesst. Die torheit sizt in ihrem palast auf einem throne und 
wird von den vornehmsten narren bedient. Die torheit fordert die 
verschiedenen narren zu einem wettkanipf auf: der sieger soll eine 
kröne erhalten. Hierauf treten die einzelnen narren vor, der Kleider - 
Narr, der Sauflf-Narr, Heuchel-Narr, Komancn-Narr, und jeder cha- 
rakterisiert kurz sein wesen mit einigen Strophen.^ Zulezt lässt sich 
der Romanen- Narr hören: 

1. 
Wann mein überzuckert Gifft 

Das aus diesen Blättern quillet, 

Und stets reitzet, nimmer stillet. 
Einmahl ein Gemüthe trifft: 

Kan es aus der Thorheit Ketten, 

Selbst die Stärcke nicht erretten. 

2. 
Raasste nicht die Clelie, 
Wie sie diese Schrifften läse? 
Schiäfft nicht Lysis auft" dem Grase, 

1) Der Venus -Narr z. b. folgendermassen : 

1. 
Härtester Stahl uud kältestes Eisen, 

Weichet der Flamme und feuriger Gluth ; 
Hitzige Liebe kan sich erweisen, 

Dass sie bezwinget ein frostiges Bluth. 
Müssen die klügsten Füsse nicht gleiten, 

Wann uns ein schönes Frauen - Gesicht, 

Wann uns der Augen reitzendes Licht, 
Suchet die Bahn von Eyss zu bereiten. 

2. 
Leben und Lieben bleibet zusammen, 

Mehr als mit Gordus Knoten verknüpft. 
Alles was lebet, fühlet die Flammen, 

Welche die feinsten Geister berückt. 
Ich kan mit Tantzen, Spielen und Singen, 
Eeitzenden Worten, gleissenden Schein, 
Schmeichelnden Eedcn, scheinender Pein, 
Alle zur süssen Dienstbarkeit bringen. 
Zu den ersten Zeilen der zweiten strophe vergleiche man die folgende stelle aus 
Geilers predigten (Des hochwirdigcn Doctor Keisei-pergs narrenschiff, bl. XLHI): 
Von bulnarren. so ist das der eigen nam der büler das man sie narren heisset 
wan alle menschen heissen die büler naiTen , sie seicnt was geschlechts , was stantz, 
waz alters sie wollen vnd liillich heisset man si(; narren. 

21* 



324 ELLINGER, CHR. REUTER UND SEINE KOMÖDIEN 

Und dem neu beperltem Klee? 
Wer hat Don Quixott verwirret, 
Dass er als ein Ritter irret. 

Diesem narren erkent die torheit den preis zu und sezt ihm die 
kröne auf. 

Wenn das „Bärtigte Frauenzimmer", um wider zu diesem zu- 
rückzukehren, selbst keine beeinflussung durch Reuter aufweist, so 
nähert sich das angehängte nachspiel : „Possenspiel | der | alte verliebte 
und verachte | Freier | Jean Henn" wider mehr der weise Reuters. Der 
inhalt des stückes ist kurz dieser: Jean Henn, ein reicher alter wirbt 
um Columbiue, die tochter des alten kaufmanns Adrian. Columbiue 
aber unterhält bereits ein liebesverhältnis mit dem jungen Snaphan. 
Da der vater die Werbung des Jean Henn begünstigt , so wird von den 
dienstboten Jurian und der magd folgendes spiel in scene gesezt: 
Columbiue muss eine krankheit fingieren, Snaphan, als doktor verklei- 
det , wird von Jurian herbeigeholt und auf Columbinens kamraer geführt ; 
Columbiue lässt sich hier so tief mit ihm ein, dass der vater die 
Zustimmung zu der ehe geben und Jean Henn , von allen verspottet 
und verlacht, abziehen muss. — Die hauptintrigue — einführung des 
liebhabers als arzt bei der geliebten — ist Molieres L'amour medecin 
entlehnt; eine Übersetzung dieses stückes: Amor der arzt eröfuet die 
Schaubühne englischer und französischer komödianten von 1670. Auch 
im einzelnen lässt sich dieser einfluss erkennen; die scene, in welcher 
dem vater die augebliche erkrankung der tochter mitgeteilt wird, ist 
offenbar der entsprechenden scene des L'amour medecin nachgebildet; 
in beiden fällen ist es die magd, welche dem betrogeneu alten die 
nachricht übermittelt.^ 

So sind die dramen Christian Reuters nicht nur um ihrer selbst 
willen bemerkenswert, sondern sie haben auch auf die dramatische 
Produktion der Zeitgenossen eine bedeutsame Wirkung ausgeübt. 

1) Man vergleiche den anfang der betreffenden scene L'amour medecin, I. G. 
Lisotte. Ah! malheur! ah! disgräce! Ah pauvre seigneur Sganarelle, oü pourrai- 
je te recuntrer. Jean Henn, sc. XII. Magd. Ach! wir sind in einem Jammer und 
Elend begriffen das nicht zu beschreiben. 

BERLIN. GEORG ELLINGER. 



325 



DAS MÄRCHEN VON HANS PFRIEM. 

I. Ein text des 16. jahrlniiidcrts. 

Die nachstehende er Zählung ist aus dem Mscr. germ. oct. 60 
der königlichen hihliothch zu Berlin entnommen, welches eine reihe von 
erbaidichen erzählungen uud betrachtungen teils iti hochdeutscher, teils 
iib- niederdeutscher niundart vereinigt und in der zweiten hälfte des 
16. Jahrhunderts im protestantischen Norddeutschland entstanden sein 
nmss. Der solide gepresste lederband und die zahlreichen, wenn auch 
geringwertigen tuschzeichnungen tveisen auf ivolhahenheit des einstigen 
besitzcrs hin, in welchem wir ivol einen angeschenen bürger einer nord- 
deutschen handelsstadt vermuten dürfen. Die handschrift umfast 341 
octavblätter und enthält: 1) bl. la — 190b „Legenda oder Historia von 
Jhesv Christo Gottes vnde 3Iarien Sohn unserem einigen Heilande." — 
2) bl. 191a — 214b Legenden der einzelnen apostel. — 3) bl.215a — 
230a „Von der herlichen Hiohumpst Jhesv Christi am Jungesten 
dage." — 4) bl. 231a — 341a „Wende vmmoeth Bin Ich genandt. 
Den Vmmoeth Ich Bald tuenden han. Darumb mich liß mit fleiß, 
was gilt? Dein Vmmoeth soll bald tverd gestilt." Es sind hochdeut- 
sche reime und Sprüche über die passion , dann biblische erzählungen 
(263 a vom verlorenen söhn) und legenden aus Äugustin , S. Bernhard, 
aus „den olden Mönnichs Postillen" u. a. (282b St. Georg, 286b 
St. Michael, 294b vom Ritter Tondalo, 298b Mann im brunnen — vgl. 
Gesta Romanorum 168 — , 311 a Hans Pfriem , 323 a Miles Christianus 
die himmelsleiter trotz verschiedener hemnisse emporsteigend , 339a — 
341a gebete. — bl.295a wird dr. Lutherus citiert, 326 a der Anti- 
christ in papstkleidung abgebildet. 

[Bl. 311a] Folget ein schön Geticht von Hans Pfriemen. 

Gott will sein Regiment also fureu, das Im niemandt soll ein- 
reden , Die weit aber kan es nicht laßen , sie muß dawider reden , was 
Godt redet vnd thut. Darumb hat man diß Getichte gemacht von Hans 
Pfriemen. 

[311b Bild: Gott vater und Christus thronen im königlichen 
ornat nebeneinander in den wölken, über ihnen schwebt der heilige 
geist, auf der erde kniet Hans Pfriem in bäurischer tracht mit gefal- 
teten händen.] , 

[312 a] Es war ein armer Furman gehießen Hans Pfriemen, 
Dem ward von Godt zugelaßen , das er mocht im Paradiß sein, vnd 
mit genießen aller freud vnde lust, so im Paradiß ist. Doch mit dem 



326 BOLTE 

bedinge, das er kein Einrede thun solte in irgend einer Sachen, Son- 
dern stillschweigen, vund jm gefallen laßen, was er im Paradiß hören 
vnd sehen wurde. 

[312 b ßild: Hans Pfriem Icomt su einem zielibrunnen , aus 
dem zivei männcr mit einem eimer ohne hoden schöpfen.] Da er nü 
im Paradiß war, vnd sich darinne vmbsahe, fand er etliche, die sclieff- 
ten waßer mit eim Vaß, welches keinen Bodem hatte. Als er solches 
sähe , ward er vnwillig , vnd dachte bej sich selbs , Wie seltzam vnd 
[313a] nerrisch gehets hie zu? Warumb machen sie diese müde mit 
vergeblicher Erbeit, Denn er wolte das Kegiment im Paradiß meßen, 
nach dem Regiment auff Erden, wie sich Furieute Knecht vnd Megde 
zum Waßerschepften stellen, vnd stellen mußen bej dem Pferdstall vnd 
Kuestall, vnd bette gern dawider geredt, gedachte doch daran, mit 
was bedinge er ins Paradiß komen were, gieng für vber, vnd schweig 
stille. 

[313b Bild: Hans Pfriem deutet auf zwei zimmerleute, die 
einen ehen hehauenen halken quer gegen eine reihe von Räumen drän- 
gend] Er kam furbas, vnd ward gewar das zwen Zimmermenner einen 
großen langen Balcken trugen, [314a] Denselben hatten sie auff die 
Schulteren gefaßet vber zwericht, vnnde stießen damit an, an allen 
selten vnd künden nicht fortkomen. Denen sähe er zu, dachte in sei- 
nem hertzen, Welche vngeschickte Tölpel sind das? Sie selten den 
Balcken in die Lenge faßen, so künden sie damit fortkomen , vnd kundt 
sich schwerlich enthalten, das er Ihnen nicht einredet. Doch enthielt 
er sich , gieng fort, vnd schweig stille. 

[314b Bild: Ein mit packen heladener wagen, an dem hinten 
und vorn je zivei pferde angespant sind; dahinter ein f uhrmann und 
Hans Pfriem auf ihn einredend.] Da er furbas gieng , fand er einen 
Furman, Der hadde vier Pferde vor einem wagen, vnd war besteckt 
blieben im Kott, Da er nhu auß dem Kott nicht kundt nam er zwey 
Pferde, so vor dem Wagen gingen, vnd spannet sie hiuden an den 
Wagen, vnd treib [315a] die hindersten Pferde eben so sehr als die 
fordersten. Als solchs Hans Pfriemen sähe, das es seines Handtwercks 
war, kundt er sich nicht mehr enthalten, schalt den Furman vnd 
sprach: Ey du großer Narr was machstu da? Wiltu den Wagen auff 
stucken reißen, vnd die Pferde mutwillig on alle not verderben ? Spanne 
die Pferde alle vier vor den wagen, vnd treib sie mit gewalt an, so 
bringestu den Wagen aus dem Kott. Vnd meinte der Thor, er bette 
es woll getroffen vnd recht außgerichtet, vnd mit seiner Klugheit sei- 
nem Gespan auß dem Kott gehulften. Aber er hatte gehandelt als ein 
Narr, da er am klugesten [315b Bild: Petrus und Hans Pfriem, in 



DAS MÄRCUEN VON HANS PFRIEM 327 

den wölken Gott vatcr mit kröne und reicJisapfel. 316 aj sein wolt, 
vnde wider das bedinge gethan, vnd verdienet, das er aiiß dem Para- 
diß solt gestoßen werden. 

Darumb wardt zu Ihm erstlich Petrus von Gott gesandt, das 
er Ihm den Befehl bringen solte. Derselb kam, vnd sprach: Horestn 
Hans Pfriem, Der HEKR leßet dir sagen, weil du das bedinge nicht 
gehalten, Sondern Gottes Gebodt vbertretten hast, So soltu das Para- 
diß reumen. Hans Pfriem antwortet: Wie? Soll Ich das Paradiß ren- 
men? Vnd hab es doch vmb Gott nicht so sehr verschuldet als du? 
Wie kan das recht sein? Hastu doch vnseru HErn Gott verleugnet 
vnd bleibest dennoch im Paradiß, vnd Ich [316 b Bihl: Hans Pfriem 
und Paulus, in den wölken Gott vater. 317 a] soll umb eines wordes 
willen draus gestoßen werden, Nein, nicht also. Petrus schemet sich 
vnd zoch ab. 

DO sandte Gott Paulum, der kam vnd sprach: Hans Pfriem 
Du solt das Paradiß reumen. Aber Hans Pfriem weiset Paulum auch 
gröblich äff vnd sprach: Du hast die Gemeine Gottes verfolget, vnd 
den Sohn Gottes gelestert vnd geschmehet, vnd bleibest gleichwoU im 
Paradiß, vnd Ich hab ein Wort oder Zwei geredt vnd soll herauß. 
Paulus schemet sich auch vnd ließ von Ihm ab. 

[317 b Bild: Hans Pfriem tmd Maria Magdalena in der hür- 
gerlichen tracht des 16. Jahrhunderts, in den wölken Gott vater. 318a] 
Da wardt gesandt Maria Magdalena, derselben andtwortet Hans Pfrie- 
men gleicher weise, vnd sprach: Du bist ein öffentliche Sünderin gewe- 
sen, vnde heissest mich das Paradiß reumen. 

[318b Bild: Hans Pfriem und Moses, in den ivolken Gott 
vater. 319 a] Es wardt gesandt der Heilige Man Moses als den er bil- 
lich furchten solte, weil Ihn die Feinde furchten musten. Aber Hans 
Pfriem blieb auff seiner meinung , vnd sprach zu Mosj : Wiltu mich auß 
dem Paradiß treiben? Weissestu nicht, das du vnsern HERRN Godt 
durch vnglauben vnd Zweiffei geunheiliget hast für den Kiudereu Israel, 
da du den Felß soltest schlahen mit dem Stabe das er waßer gebe? 

[319b Bild: Hans Pfriem auf einem, apfelljaum, unten lesen 
kinder die von ihm heruntergeschüttelten äpfcl auf 320 a] Als nhu 
Hans Pfriem keinen Gesandten hören wolt, vnd sie alle zu taddelen 
wüste, Sandte Godt zu Ihm die vnschuldigen Kindlin. Da dachte Hans 
Pfriem: Awe, das will arg werden. Wie soll Ich mich nu aufhalten, 
das Ich im Paradiß bleibe? Die unschuldigen Kindlin kan Ich nicht 
taddelen. Were Ich nur auff dis mal loß , Ich wolte hinfurt woll still- 
schweigen, vnd wider das Regiment im Paradiß keine Einrede mehr 
den. Dachte by sich suluest: Ich weiß, waß Ich thun will, Ich will 



328 BOLTE 

mit den Kindliu spielen, [320b] vnd versuchen, wie Ich sie mit gute 
von mir bringe. Vnd ehe die vnschuldigen Kiudlein nahe zu Ihm 
kamen, stieg er auff einen Bawm, vnd schüttelte viel Epffel erab, riefi" 
den Kindlin zu vnd sprach: Konipt her, lieben Kindlin, kompt her, 
Leset getrost auff; Wen Ihr die Epffel vnter diesem Baum auffgelesen 
habt, so will Ich auff einen anderen steigen, vnd mehr herab schut- 
tein. Solches gefiel den Kindlein woll , vnd gerieten also an die Epffel, 
vnd vergaßen des Befhels, [321a] vmb welches willen sie außgesandt 
waren, vnd laß ein igliches Kindlin seinen Geren voll, giengen dauon 
vnd ließen Hans Pfrimen bleiben. 

Also blieft" Hans Pfriem im Paradiß, vnd schweig hernach stille 
vnd ließ Ihm alles gefallen, was im Paradiß durch Gottes regierung 
geschach. 

Diß ist ein kindisch, aber doch fein Gedichte, vnd leret. Das 
Gottes regierung im Himelreich vnd in der Kirchen Christi weit vnder- 
schieden ist von der Menschen regierung in Weltlichen [321b] Regi- 
meuten auff Erden. Darumb wer in Gottes Reich vnd Kirche sein 
vnd bleiben will. Der muß zu Gottes Regierung Wort und Wercken 
stillschweigen, vnd im gefallen laßen was Godt redet vnd thut, ob es 
schon nerrisch scheinet für der Vernunfft. Will er aber Godt in sei- 
nem Regiment einreden , So werde er auß dem Paradiß vnd Himelreich 
gestoßen. 

Die Ander Lehr. 

Es wirt auch dar kein großer Sunde sein, denn Godt [322a] 
einreden in seinem Wort und Wercken. Andere Sunde kan Godt ehe 
dulden, vnd will sie vergeben. Wie Petrus, Moses, Paulus, Maria 
Magdalena vnder Godtlicher Gedult erhalten vnd im Paradiß blieben 
sind. Aber diese Sund wen man Ihn will meistern, vnd Ihm in sei- 
nem Regiment einreden, will Godt nicht dulden noch leiden. Wie der 
Kirchen Historia zeugen und wir heutiges tages erfaren , das viel durch 
Ihre vnzeitige Klugheit, zu Ketzeren, Rottengei-[322 b]stern vnd Schwer- 
mern werden, vnd auß der Christenheit gefalleun sindt, vnd noch für 
vnd für zu Ketzern vnd Rottengeistern werden, vnd auß der Christen- 
heit fallen. 

Dagegen aber viel armer Sunder so sich von Gott haben leren 
vnd regieren laßen, sind zu großen Heiligen worden, vnd in der Chri- 
stenheit blieben durch Gödtliche Gedult vnd Vergebung der Sunde, wer- 
den auch noch heutiges tags zu Heiligen Gottes, vnd bleiben in der 
Christenheit. 



DAS MÄRCHEN VON HANS PFRIEM 329 

II. Zur gcschichte des märcheiis. 

Das märcheu von Haus Pfriem ist in mehreren aufzeiclinuugen 
aus dem 16. und aus dem 19. Jahrhundert erhalten; von jenen ist die 
dramatische bearbeitung des Hayneccius am bekantesten, unter diesen 
die erzählung in den kinder- und haXismärchen der brüder Grimm. 
Beginnen wir mit der lezteren! Wilhehn Grimm veröffentlichte die- 
selbe zuerst im Berliner taschenbuch herausgegeben von H. Kletke, 
A. Duncker und E. Hänel 1843, 168 — 173, um sie später als nr. li"8 
in die märcheusamlung aufzunehmen. Nicht aus dem volksmuude wie 
die meisten früheren stücke des unvergänglichen buches hatte er sie 
geschöpft, sondern, wie er 1856 in den anmerkungen des 3. bandes 
s. 249 angab, aus einer aufzeichnung in der Neusten kinderbibliothek 
(Hildburghausen 1827) 2, 143 fg. Da mir diese samlung nicht zugäng- 
lich ist, vermag ich nicht zu sagen, ob die Verwandlung des fuhr- 
manns Hans Pfriem in einen schuster von Grimm oder, was wahr- 
scheinlicher ist, von seinem gewährsmann herrührt. Grimm aber hat 
nicht bemerkt, dass dieser eine litterarische quelle benuzte, nämlich 
die im selben jähre 1827 erschienene samlung des Müuchener Profes- 
sors Ludwig Aurbacher (1784 — 1847), „Ein volksbüchlein" betitelt.* 
Ein zweifei darüber ist kaum möglich , wenn man die Übereinstimmung 
der beiden jüngeren fassungen gegenüber den älteren erwägt; auch 
bezeichnet Aurbacher noch richtig den beiden als fuhrmann, und sein 
Vortrag ist knapper als die breite ausmalung der von Grimm beuuzten 
Hildburghausener kinderbibliothek. Eine metrische bearbeitung in L.Wie- 
ses Märchenwald ^ geht direkt auf Aurbacher zurück. Woher nun Aur- 
bacher sein märchen entlehnte, ist mir unbekant; sicherlich excerpierte 
er auch hier ein buch des 16. oder 17. Jahrhunderts, wie er es nach 
seiner eigenen , von Massmann in einer eingehenden besprechung ^ des 
Yolksbüchleins bestätigten Versicherung bei den übrigen stücken tat. 
Nach seinem sonstigen verfahren ist es wol möglich, dass die abwei- 
chungen von der älteren gestalt des märchens nicht seiner vorläge 
angehören , sondern auf sein konto zu setzen sind. Bei ihm fehlt näm- 
lich der ganze zweite teil , in welchem Hans Pfriem durch Unverschämt- 
heit und list seinen platz im himmel behauptet, und die vorhergehende 
scene spielt nicht nach seinem tode, sondern wird von ihm im träume 
erlebt. 

1) 2. aufl. München 1835 s. 74. 3. aufl. in Eeclams Universalbibliothek. 
Leipzig 0. j. (1879) 1 , 60 fg. 

2) Bannen 1841. 2. aufl. unter dem titel „Kindermärchen." Elberfeld o. j. 
(1867) s. 211 — 217. 

3) Heidelberger Jahrbücher 1827, 364. 



330 BOLTE 

Die drei mir bekant gewordenen aufzeichnungen aus dem 16. 
Jahrhundert stimmen inhaltlich unter sich fast völlig übereiu. An den 
oben abgedruckten chronologisch leider nicht genauer zu fixierenden 
text (B) schliesst sich ein aus derselben periode 1570 — 1600 stam- 
mendes gedieht (A) an, in welchem der anonyme Verfasser, ein streit- 
barer lutherischer theologe , den weltlichen klüglern und sectiereru, den 
vergotteten Schwärmern und fleischlichen antinomern, 
Beyde alt vnd new Papisten 
Die Geistlosen Jesuwider 
Vnd stenckerischen Schwenckfelder, 
Auch die Widertäuflferisch Eott .... 
Caluinisch ou End, Lutheromastiges, 
einen warnenden Spiegel vorhalten will. Der titel lautet: „Hans 
Pfriem. | Ein gar lustig | mercklich Geticht, wi- | der den vnzevttigen 
Fürwitz, Göt- | liehe Geheymnussen zuer- ] forschen. | Judicium cxplo- 
rare Dei, dementifa] summa est, \ Maior ab hoc rede cuncta negasse 
regi."- (o. o. und j. 1^/^ bogen 8'').^ Einzelne sprachliche besonder- 
heiten scheinen auf Sachsen oder Thüringen hinzuweisen. Roh und 
ungeschickt im ausdruck unterbricht der autor häufig die erzählung 
durch ausfälle und Schmähungen auf seine gegner. Wie in der Ber- 
liner handschrift sieht Hans Pfriem drei verkehrte dinge , welche die 
angelobte geduld auf die probe stellen : die leute , die mit einem boden- 
losen fass wasser schöpfen, die beiden zimmergesellen und die vier an 
beide enden des wagens gespanten rosse ; in derselben zahl und reihen- 
folge wie in B erscheinen heilige, um den eigensinnigen aus dem para- 
diese zu weisen: Petrus, Paulus, Magdalena, Moses. Wörtliche Über- 
einstimmung tritt einmal am Schlüsse hervor: „Diß ist ein gedieht fast 
kindisch, Aber im verstand ein christisch"; vgl. oben s. 328, bl. 321a. 
Alles dies beweist, dass der Verfasser von B entweder das gedieht A 
vor sich hatte oder eine gemeinsame quelle mit diesem benuzte; diese 
könte der ältere druck gewesen sein , auf welchen sich der anfang von 
A zu beziehen scheint: 

Solchs zeygt eygentlich vnd klar an 

Hans Pfriem der vngelenck Furman, 

Von dem list man ein solch geschieht 

Zur Lehr vnd Warnung fein geticht. 
Die dritte fassung unseres märchens liegt in der komödie vor, 
welche der Grimmaer Schulmeister Martin Hayneccius (1544: — 1611) 
1581 lateinisch als llansoframea sivc Momoscopus und ein jähr später 

1) Exemplar auf der Berliner bibliotbck Yh 236G. 



DAS MÄRCHEN VON HANS PFRIEM 331 

in deutscher bearbeitung ii. d. t. „Hans Pfriem oder meister Kecks" 
herausgab.* Widerholte auflagen und schulaufführuugen ^ zu Annaberg 
1587, zu Lochau 1594, zu Brieg 1G18, bezeugen, dass dieselbe dem 
geschmacke der zeit entsprach; und noch 1675 nent der kentuisreiche 
Verfasser des Alaniodisch- Technologiseben Interims^ s. 425 das lust- 
spiel des Hayneccius rühmend neben dem Peter Squenz des Andreas 
Gryphius. Ein wenig hat Hayneccius allerdings das „alte schöne mehr- 
lin" für seinen zweck zurechtgestuzt und erweitert: dem beiden stelt 
er seine frau Sostrata zur seite, welche sich im paradiese mit Maria 
Magdalena unterhält und von ihm ihrer plauderhaftigkeit wegen gehö- 
rig gescholten wird; auch der himlische pförtner Petrus hat eine gat- 
tin Petrona,* die er recht derb die „schandgeheite thorwerterin" titu- 
liert, weil sie den fuhrpech habe einschlüpfen lassen. Die seltsamen 
dinge, an denen dieser sein „blaues wunder" sieht, sind um einige 
gemehrt; er erblickt auch, wie wasser durch spiuneweben geseiht und 
kleingestossen , wie netze aus sand geflochten werden. Breit ausgespon- 
nen sind endlich die scenen , in denen Hans Pfriem die heiligen , die 
ihn aus dem paradiese weisen, — ausser den oben genanten treten 
auch der Schacher und Zacbäus auf — abtrumpft, indem er ihnen ihre 
Sünden vorhält und mit echt lutherischer geringschätzung von der hei- 
ligenverehrung redet. Allein trotz dieser erweiterungen ist der kern 
des märchens, wie es in den ursprünglicheren und einfacheren, wenn 
auch vielleicht später aufgezeichneten Versionen A und B vorliegt, 
unversehrt geblieben. Aus den werten der vorrede lässt sich nicht mit 

1) Vgl. Goedeke, Grundriss 2^ 141 und 368 und 0. Günther, Plautus- 
erneuerungen in der deutschen litteratur des 15. — 17. jahrh. Diss. Leipzig 1886 
s. 39 — 45. 64 — 70. Im somruersemester 1588 wurde sein gleichnamiger söhn „Mar- 
tinus Hayneccius Grimmensis" mit der bemerkung „non iuravit" (er war höchstens 
zwölfjährig) in das albura der Leipziger Universität eingetragen. Exemplare der 
Ilansoframea (Lipsiae 1581) befinden sich auf der Breslaucr Universitätsbibliothek, 
in Bremen, Dresden, Göttingen, Gotha, Grimma, Hamburg, Kopenhagen, Leipzig 
univ. bibl. , London, Stuttgart, Weimar, Wernigerode, Wolfenbüttel, Zürich. Die 
deutsche bearbeitung (Leipzig 1582) in Berlin, Breslau univ. bibl., Danzig, Prag, 
Strassburg, Wernigerode, Zwickau; die ausgäbe Leipzig 1603 in Celle, Danzig, 
Hannover, Leipzig stadtbibl., Weimar, Wolfenbüttel, Zwickau. Die ausgaben Mag- 
deburg 1606 und Colin 1609 habe ich nicht gesehen. Einen sorgfältigen neudruck 
besorgte Th. Kähse, Halle 1882. 

2) Gottscheds Beyträge zur crit. historic der deutschen spräche 8, 479 (1744). 
• Heiland , Die dramat. aufführuugen im gymnasium zu Weimar. Progr. Weimar 

1858 s. 12"-. Schönwälder und Guttraann , Geschichte des k. gymnasiums zu Brieg 
1869 s. 115. 

3) Vgl. IJ. Köhler in seiner ausgäbe der Kunst über alle künsto 1864 s. XXVII. 

4) In der Legende ist Petronilla die tochter des apostels Petrus, Für seine 
frau finde ich sonst nur den namen Perpetua angegeben. 



332 BOLTE 

Sicherheit entnehmen, ob die quelle, aus der Hayneccius schöpfte, eine 
ältere gedruckte fassung, die wir für A und B voraussetzen zu müssen 
glaubten, oder mündliche traditiou war. Nachdrücklich weist er darauf 
hin, dass schon Luther in einer 1544 zu Wittenberg gehaltenen, aber 
erst 1563 von Andreas Poach in druck gegebenen predigt* den fuhr- 
mann Hans Pfriem als beispiel für einen eingebildeten toren angeführt 
und sein wolge fallen an dem märlein bezeugt habe. Die stelle lautet: 
„Solchen sameu wollen wir entgegensetzen einem groben tölpel und 
unverständigen narren, der doch trefflich klug sein will und wohl gott 
im himmel reformieren und meistt-rn darf, Avie man von dem fuhr- 
raann Hans Pfriemen saget, dass er im paradies alles habe wollen 
überklügeln und meistern." Die älteste erwähnung aber unsres mär- 
chens stamt aus dem jähre 1524, und zwar heisst er hier Niclas statt 
Hans Pfriem ; eine von 0. Schade ^ abgedruckte flugschrift „Klag und 
antwort von Lutherischen vnd Bebstischenn pfaffen vber die Reforma- 
cion so neulich zu Eegenspurg der priester halben außgangen ist im 
Jahr MDXXnil" enthält die stelle: „Welche leer euerm gewalt, eer 
und herligkait mer dienet und füglicher ist, gott geh sie sei auß gott 
oder auß dem teufel, es habs Claus Narr oder Niclas Pfriem 
geredt, die nempt ir an." Haben wir etwa hier an eine historische 
person gleich Claus Narr zu denken? 

Dass diese figur noch lange in der erinuerung des Volkes fort- 
lebte, lehrt eine 1666 zu Jena in 2. aufläge erschienene weihnachts- 
komödie, welche Gottsched 1757 im Nötigen Vorrat z. gesch. d. d. 
dramat. dichtkunst 1, 220—222 kurz besprochen und dadurch der Ver- 
gessenheit entrissen hat; denn das von ihm benuzte exemplar ist spurlos 
verschwunden. Hier fährt Hans Pfriem den heiligen Christ, der im 
geleit seiner engel und heiligen die kinder examiniert und beschenkt, 
zu wagen oder schütten von haus zu haus , in mancher beziehung mit 
knecht Ruprecht vergleichbar. Des gleichen amtes waltet er noch in 
dem 1793 aufgezeichneten und von Klopfleisch^ veröffentlichten Gross- 

1) Luther, Vier predigton von der toten aufersteliung und letzten posaunen 
gottes aus 1. Cor. 15 geprediget . . . neulich aus M. Rörers geschriebenen büchern 
zusammengebracht. Erfurt 1563. 8". Hayneccius nent den herausgeber fälschlich 
M. Job. Boha statt M. Andreas Poach. Die Zwickauer kopien der Rörcrschen nach- 
schriften gibt jezt G. Buchwald neu heraus. In der Erlanger ausgäbe von Luthers 
werken steht die stelle 19, 128 (1829). Abgedruckt ist sie auch bei Leon h. Meister, 
Beiträge zur geschichte der deutschon spräche 2, 159 — 16G (1777). Ein irtum ist 
es, wenn K. Hase, Das geistliche Schauspiel 1858 s. 121 meint, Hans Pfriem sei 
schon aus Luthers tischreden wol bekant. 

2) Satiren und pasquille aus der reformationszeit 3, 139, 3 (1858). 

3) Ztschr. d. Vereins f. thüring. gesch. u. altertumskunde 6, 272 u. 283 (1865). 



DAS MÄRCHEN VON HANS PFRIEM 333 

löbichauer weihnaclitsspiele. Uud wenn Lessing ein singedicht, in 
welchem er einen anuiassenden uud eigennützigen freund scliildert,^ 
überschreibt „Auf den Pfriem", so hat er wol ebenfals den beiden 
unsres schwankes im sinne, den auch Gottsched als eine bestirnte Cha- 
rakterfigur des Volkes kante. 

Wenn wir nun schliesslich das märchen, das wir bis zum beginne 
des 16. Jahrhunderts hinauf verfolgt haben, auf seineu Ursprung bin 
ansehen, so gewahren wir unschwer, dass es aus zwei verschiedenar- 
tigen bestandteileu zusammengewachsen ist. Die erste hälfte begegnet 
uns schon 700 jähre früher in der mittelalterlichen legendenlitteratur. 
Vom heiligen Arsenius , dem erzieher des Arcadius uud Honorius , wird 
.erzählt, dass ihm einst die Verkehrtheit des menschlichen tuns uud 
treibens in einem gesiebte offenbart wurde; er erblickte einen mohren, 
der sich abmühte eine schwere last holz aufzuheben uud immer noch 
mehr holz dazulegte , ferner einen manu , der mit einem löchrigen 
gefässe wasser schöpfte, und endlich zwei reiter, welche einen balken 
quer vor sich haltend in ein tor zu kommen suchten. Auf seine frage 
wurde ihm die deutung offenbart: dies seien drei arten von menschen, 
die unbussfertigen sünder, die bekehrten, welche durch neue sünden 
das verdienst ihrer besseruug zu schänden machen, und die eitlen und 
hoffärtigen. Die älteste gestalt dieser legende ist in der von Pape- 
broch 2 veröffentlichten griechischen biographie des Arsenius von Theo- 
dorus Studita (geb. 759, f 826) enthalten und lautet: 

KaO^tjl-iavov ovv aircov elg tb y-eXIiov t]ld^e (fiovt) liyovaa avrd^- 
/JevQO, dsi^co 001 rd Igya zßv dvd^qiojuov. '/.al dvaordg i^fjld^ev ymI 
aTt^eyKev avxbv elg tönov zivä xat l'dei^ev avrio ald^lo/ra /.o/iTOvra 
^Xa '/.al 7COioCvTa cpoQtiov f.ieya, ensigaU de ßaaraaai avrö y.al oüx 
^dvvazo , vmI dvxl tov dqai i^ avvov d/ceXd^iov Ttdliv t'xo/rre ^vla ymI 
nqooETii}!] t(Tj cpoqxuo. xal /cgoßdg öXiyov l'öei^ev avT<p ziva lOTdfievov 
hrl Xär/'KOv 'Aal dvxXoivTa vdiOQ t^ avzov yial fxezaßdXXoyra elg de^a- 
{.levrjv TeTQV7ti]i.ievrjv "/.al tö avrö tdcog e%yiiovGav . '/al rtdXiv Xiyei avrt^' 
deÜQO, öel^ti) oof '/al d-ecogel legöv '/al dto apögag ~/ad^)j(.dvovg 'irtrcoLg 
'/al ßaaraLovrag ^vXov yrXayiiog tva /azd tov evog' tjd^eXov did r^g 
7cvXrjg rov \eQOv tlaeX&elv /al od'/ rjövvarto did xb eivaL xb ^vXov avxßv 
TtXdyiov ov/ ixaireivcoGe ds avxbv 6 ug Öjcloio xov aXXov evey/ac xb 
^Xov Irt et&eiag '/al öid xovto e'fueivav e^io xfjg nvXrjg. 

Diese legende ist im laufe des mittelalters ausserordentlich häufig, 
doch ohne wesentliche abweichungen widererzählt worden, wobei oft 

1) Lessing, Werke (Hempelsche ausgäbe) 1, 144: Sinngedichte 1, 138. 

2) Acta sanctoruiii. Julii toiiuis IV (Paris u. Rom 1868) p. 626 E. cap. 3, § lU. 



334 HOLTE 

der iianie des Arseiiius in einen qm'dam sandus oder quidam patrum 
verwandelt wurde. Da Oesterley zu den Gesta Romanoruni c. 165 
schon verschiedene nachweise gegx'ben hat, begnüge ich mich hier mit 
einigen nachtragen: Honorius Augustodunensis Speculum ecclesiae, 
dorn. XI post. Pentec. = Migne, Patrologia latina 172 p. 1058 c. Ja- 
cobus a Voragine, Legenda aurea c. 178 ed. Graesse 1846 p. 809. 
J. Passavauti, Lo specchio deUa vera penitenza dist. 2 cap. 5, ed. Poli- 
dori 1856 p, 25. Yiolier des histoires romaines c. 134 ed. Brunet 1858. 
Der veter buoch ed. H. Palm 1863 p. 30. Elsässisches predigtmärlein 
bei Pfeiffer, Germania 3, 412 nr. 1. Eigentümlich ist die ciukleidung 
in einem bispel des Strickers:^ „E^ was ein riebe sündec man, den 
sere riuwen began." Ein büsser, der ein jähr lang bei einem einsiedler 
gelebt, wird an der göttlichen weltregierung irre; aber der einsiedler 
heisst ihn auf seinen rechten fuss treten, und nun sieht er die drei 
seltsamen dinge, welche ihm jener erklärt. 

Auch einzeln kommen diese züge als abbilder fruchtloser mühe 
vor. Den mann mit der übergrossen bürde holz , welcher im deutscheu 
märchen durch den fuhrmann mit den vier pferden ersezt ist , finde ich 
in einer Pariser hs.^ aus dem 15. Jahrhundert abgebildet mit der Unter- 
schrift : 

Je ne puis venir ä mes fins, 

De prcndre mon faix suis contraint. 

Aürapez y sont les plus fins: 

Qui trop embrasse mal estraint. 
Das schöpfen mit dem eimer ohne boden ist ans der antiken 
sage von den Danaiden entlehnt und begegnet auch in einem franzö- 
sischen märchen;^ einer ähnlichen Vorstellung entsprungen ist die redens- 
art, „wasser in den brunnen, in den Rhein oder ins meer schütten", 
welche schon Murner in seiner Schelmenzunft c. 28 illustriert;* und 

1) Gedruckt nach der Donaueschinger lis. 104 in J. v. Lassbergs Liedersaal 
1, 591 — 5i;*5 nr. 79, nach einer Freiburger hs. des Schwabenspiegels bei H. Amann, 
Praestantium aliquot codicum mscr. , qui FriFjurgi servantur, historia. fasc. 1 (1836) 
access. p. 4 — 7 vgl. fasc. 2 (1837) p. 66 fg., nach einer Wiener hs. (2705 bl. 71a 
oder 2779 bl. 89b oder 2884 bl. 143a) bei Scholl, Deutsche litteraturgeschichte P, 
340 nr. 4. Ferner vorhanden in der Heidelberger hs. 341 bl. 193 (Wilken s. 422), 
in der Mölker hs. R 18 nr. 37 (Graff, Diutisca 3, 275) u. a. 

2) Bibl. nat. 4316 Lavalliere 44, vgl. Lacroix et Sere, Le moycn äge et la 
renaissance 2 (1849) proverbes p. Vb. 

3) Sebillot, Contes des provinccs de France 1884 p. 227 fg. nach G. Meyer, 
Essays und studien zur Sprachgeschichte und Volkskunde 1885 s. 281. Hayneccius 
iient statt der männcr „Jungfrewlin." 

4) Vgl. ferner Wander, Deutsches sprichwörterlexikon 4, 1826 nr. 634 fg. 
1833 nr. 798. Auch die oben s. 331 erwähnten zusätze bei Hayneccius „wasser im 



DAS MÄRCHEN VON HANS PFRIEM 335 

das bild von den unverständigen trägern des balkens kehrt in mehre- 
ren erzählungen von Schildbürgerstreichen z. b. im Oldenburgischen 
wider und klingt noch nach in der redensart: „He will dwas mit'n bal- 
ken int hus." ^ 

Wenn nun das märchen von Hans Pfriem seine abstammung aus 
der Arseniuslegende nicht verleugnen kann, so inuss man doch hervor- 
heben, dass es sich nicht um eine blosse widerholung handelt. Die 
unbegreiflichen dinge sind in beziehung zu dem eigenwilligen , ungedul- 
digen beiden, der sie ruhig mit ansehen muss , gesezt, indem das 
lezte in sein eignes handwerk schlägt und seinen ärger aufs höchste 
steigert. 

Die andre hälfte ist nicht auf dem boden der frommen legende 
erwachsen, sondern eine frucht des naiven, auch mit dem heiligen sein 
spiel treibenden volkshumors. Es charakterisiert den unterschied der 
Zeiten, dass die drei autoren des 16. Jahrhunderts, zwei lutherische 
theologen und ein Schulmeister, welche unsern stoff mit entschieden 
erbaulicher oder wenigstens moralisierender teudenz behandelten, die- 
sen teil ungeändert beibehielten, während 250 jähre später der katho- 
lik Aurbacher (oder schon seine quelle?) ihn als ungehörig ausmerzte. 
Bebel erzählt 1506 im ersten buche seiner Facetiae ^ von den Lands- 
knechten, sie hätten, nachdem sie vor der hölle abgewiesen worden, 
im himmel einlass begehrt, den ihnen aber Petrus ihrer Schandtaten 
wegen verweigerte. „J.rf quod lancearius indignabundus et summo 
clamore aü: Quid lupus vidpeni de praeda accusat? nescis, quid tu 
feceris? qui Dominum et praeceptorem tuum falso et perfide ter dene- 
gasti, quod nemo nostrum unquam fecit. Unde Petrus pudore perfit- 
sus afque timens, ne coelicolae audirent, Tacete, inquit, hont amici, 
nfque ingr edimini; nunquam posthac durus et diffieilis ero xjcccatori- 
hus.'"'' Dieser oft nacherzählte schwank hat auch das märchen von 
Hans Pfriem beeiuflusst. Ein merkwürdiger ausläufer des lezteren ist 
eine erzählung in Ch. Deulius Coutes d'uu buveur de biere, 6. ed. 
Paris 1873 p. 189, auf welche mich herr dr. R. Köhler mit gewohnter 

mörser stampfen, wasser im siebe schöpfen, netze aus sand flechten" sind dem 
volksmiinde entnommen: Wander 4, 1825 nr. 591 und 738. 1833 nr. 799. Müller - 
Fraureuth, Die deutschen lügendichtungen 1881 s. 7 und 87. 

1) Wander 1 , 224 nr. 19. 

2) P. 24 b ed. Tubingae 1570. Über die nacliahmungen vgl. Oesterley zu 
Kirchhofs Wendunmut 1, 108; ferner Büttner, Claus Narr, Eisleben 1572. 5, 56. 
B. Hertzog, Schiltwacht, Magdeburg o. j. bl. Fvb. Ayrer, Dramen hrsg. von Kel- 
ler 1865 5, 2947 — 74. Brentano, Geschichte und Ursprung des ersten bärnhäuters 
in A. V. Arnims Trüsteinsamkoit 1808, auch in Schoiblcs Schaltjalir 2, 104 (184G). 



336 BOLTE, DAS MÄRCHEN VON HANS PFRIEM 

gute aufmerksam machte : liier beschämt ein mfiller auf gleiche weise 
die ihn vom hinimelstore zurückweisenden heiligen und dringt schliess- 
lich ein, indem er den unschuldigen kiudern, denen er nichts vorzu- 
werfen vermag, kuchen schenkt. Die englische ballade Tlic ivanton 
wife of Bath,^ durch welche Bürger 1782 zu seinem noch etwas fri- 
voler gehaltenen gedieht „Frau Schnips" angeregt wurde, hat schon 
Raehse a. a. o. s. YII im zusammenhange mit Hayneccius genant.- 
Durch den ton, der hier angeschlagen wird, mag man ja an Lucian 
erinnert werden ; doch an einen wirklichen Zusammenhang der schul- 
komödie des Hayneccius oder des ihr zu gründe liegenden Volksmär- 
chens mit den dialogen des spötters von Samosata, wie ihn Herman 
Grimm 3 einmal flüchtig andeutet, zu glauben fält schwer. Ebenso 
muss ich es dahiugestelt sein lassen , ob in dem märchen die alte sage 
vom kämpfe Thors mit den himmelstürmenden riesen widerzuerkennen 
ist, wie Wilhelm Grimm '^ meinte. 

Aus zwei verschiedenen bestandteilen also, der Arseniuslegende 
und dem schwanke von den landskuechten am himmelstore oder einem 
ähnlichen, ist unser märchen, das wir bis zum anfange des 16. Jahr- 
hunderts zurückverfolgen konten, zusammengewachsen. Da der name 
Pfriem nun weder auf den Charakter des beiden noch auf sein fuhr- 
maunsgewerbe ^ bezug zu haben scheint , so könte eine wirkliche person 
dieses namens im volke bekant gewesen sein und anlass zur entstehung 
des märchens gegeben haben. 

BERLIN. JOHANNES BOLTE. 



SCHILLER- STUDIEN. 



1. Das l)erglie(l. 

Das gedieht, zuerst in dem briefe an Koerner vom 4. Januar 1804 
erwähnt, wurde am 26. an Goethe als „eine kleine poetische aufgäbe 
zum dechiffrieren" gesant; dieser erwiderte noch an demselben tage: 
„Ihr gedieht ist ein recht artiger stieg auf den Gotthardt, dem man 

1) Percy, Eeliques of ancient english poetry 3, 145. 

[2) Zu vergleiclien ist auch noch das dänische märchen: „Hvordan Stef- 
fens sjael kora i himmerig-', bei Jens Kamp, Danske folkec-Bveutyr (Kjbhvn 1879) 
s. 111 fg. Ked.] 

3) Fünfzehn essays. Neue folge 1875 s. 127. 

4) Zeitschrift für deutsche mythologie 2, 2-7 (1855): Die himmelsstürnicr. 
(Kl. Schriften IV, 342.) 

5) Zum Schuster machte ihn, wie wir sahen, erst Grimms gewährsmann, und 
zwar wegen des auf ein schusterwerkzeug liindeutonilen namens. 



G. KETTNEB, SCHILLERSTDDIEN 337 

sonst noch Jillerlei deutiingen zufügen kann." Die frage : wonach hat 
sich Schiller die in diesem gedieht hervortretende eigentümliche an- 
schauung jener alpenstrasse gehildet? wodurch wurde er angeregt, das 
bild derselben so märchenhaft auszugestalten ? ist bisher noch nicht 
ausreichend beantwortet. Die quellen, welche Goedeke und Düntzer * 
nachgewiesen haben, boten fast nur äussere angaben über die lokali- 
tät; wo eine tiefere naturauffassung sich hinzugeselt, wie bei Goethe, 
ist dieselbe durchaus von derjenigen Schillers verschieden. 

Die auffallendste verwantschaft mit Schillers darstellung zeigt 
dagegen die Schilderung der Gotthardstrasse in dem „Tagebuch einer 
Keise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz. Ausgear- 
beitet in den Jahren 1798 und 1799 von Friederike Brun geb. Mun- 
ter. Kopenhagen bey Friedr. Brummer 1800." — Dass Schiller, als 
er bei den vorarbeiten zum Teil ein klares bild der Schweizernatur zu 
gewinnen suchte, dies buch einer beliebten dichterin, welche ibm spe- 
ziell durch beitrage zu seinem Musenalmanach näher getreten war, 
nicht uuberücksichtigt gelassen haben wird, liegt auf der band. Für 
den Teil koute er die Schilderungen dieses tagebuches, da sie zwar 
durchweg lebendig sind, aber doch mehr die empfindungen der reisen- 
den ausmalen, als die eigenart von laud und leuten scharf hervor- 
heben, wenig A'erwerten ; das drama verlangte kurze, bestirnte, anschau- 
liche angaben. Wol aber mochte er sich versucht fühlen, die durch 
die lektüre in ihm geweckte Stimmung in einem lyrischen gedichte 
festzuhalten. 

Ich stelle zunächst die stellen zusammen, in denen eine abhängig- 
keit Schillers von Fr. Brun im einzelnen zu constatiereu ist, um dann 
noch die gesamtauffassung der natur bei beiden zu vergleichen. 

Den eintritt in die felsenweit, welchen str. 1 schildert, erzählt 
das tagebuch s. 348: „Hier begint der grausenerregende Schlund, die 
Schoellenen genant. Am jähen absturz nackter, durchaus von aller 
Vegetation entblöster klippenreihen ist ein weg kühn hindurchgesprengt, 
der immer rechts von klippenwänden begränzt, links die schäumende, 
in einem Wasserfall herunter tobende Keuss zur begleiterin hat. Diese 
felsen . . . sind so schroff auseinander gerissen , . . . dass man immer 
ahndet, es bedürfe nur eines winkes des Schöpfers, um sie wider zu- 
sammen zu fügen und den wanderer in den schooss des urgebirges zu 

1) Ersterer (in der bist. krit. ausg, XI, 460) meint, Schiller sei Fäsis 
beschreibung gefolgt; Düntzer (erläuteruugen zu Schillers ged. II 2, 59) nent als 
quellen ausserdem noch Goethe, Job. v. Müller, Ebel, Scheuchzer und Meiners; 
Viohoff (Schillers ged. XII«, 241) widerholt Düntzers angaben etwas unbe.stimter 
und vergi.'Sst den Fäsi. 

ZKITSCHRLFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XX. 22 



338 0. KETTXER 

versenken. Immer höher, kühner, enger und majestätischer treten 
diese ernsten gestalten zusammen." Diese lezte Vorstellung ist nur 
wenig verändert in den versen 

es sperren die riesen den einsamen weg 
und drohen dir ewig verderben, 
und docli — wie gewint sie erst durch diese Veränderung poetisches 
leben ! 

Die in den folgenden versen angedeutete gefahr durch die lavi- 
nen fand Schiller u. a. bei Fäsi, das bild „die schlafende löwin wecken" 
lehnte er an einen ausdruck Scheuchzers an „es kann eine lauwin 
erwecket werden." ^ 

Die in str. 2 geschilderte teufelsbrücke berührt Fr. Bruu nur kurz 
s. 349 ; wie andere reisende fand sie ihre erwartungen betrogen. Schiller 
nent keinen bestirnten naraen, die specielle beziehung auf die teufels- 
brücke ist ihm oft'enbar nebensache, er hat an sie augeknüpft der im 
uamen sich verratenden traditiou wegen, die Vorstellung derselben aber 
idealisiert zu dem bilde eines wunderbaues inmitten einer wunderbaren, 
wilden natur. Es scheint, dass ihm bei der ausführung dieses bildes die 
Schilderung einer anderen, kurz vorher erwähnten Gotthard- brücke 
vorschwebte, des Pfaffensprungs vor Wasen (s. 345). „Wir sind immer 
steigend unter drohendem gestein, über der weitenden, zagenden, 
versinkenden Keuss, an schwebenden pfaden, bis über einen tiefen 

t'elsschlund gekommen Eine brücke klebt auf zwei felsblöcken, 

unter uns tobt und stöhnt der fluss!" Dazu nehme man die 
beschreibung des falles der Reuss bei der teufelsbrücke (s. 349). Lez- 
tere selbst liat, wie schon erwähnt, die Verfasserin enttäuscht: „aber 
entsetzlich ist der stürz der donnernden, vollen, mächtigen Reuss! 
unaufiialtsam die wut ihrer reinen, grün in schnee dahinstürmen- 
den fluten! und wie von einem lebendigen geist fühlte ich mich 
angeweht und durchdrungen vom winde, der vom fall her die luft 
erschüttert und auf der höhe der brücke einen ewigen stürm her- 
vorbringt." 

Am schlagendsten aber tritt die beziehung unseres gedichtes 
zum tagebuche der Brun liervor in str. 3, — Dasselbe beschreibt das 
Urseren-loch s. 351 : „In dieses trümmergebirge reitet man durch eine 
enge öfnung, die mündung einer langen finsteren höhle; dumpf hallen 
die tritte des pferdes, hohl tönen die menschenstimmen wider, wie 
in ferne wüsten verhalt das donnern des stromfals, und kalte schauer 
fliessen mit feuchten dünsten von der klippenwölbung herab. Etwa 

1) Vgl. Deutsches würtcrb. VI, 395. 



SCHILLERSTUDIEN 339 

130 — 200 schritte gelits durcli die finsternis in dämmerung über — 
plötzlich erblicke ich, wie durch ein magisches sebrohr ein fernes land, 
fernscbeinend durch den schnellen Übergang aus finstrer nacht zu hel- 
lem mittag. Zarter aliDenmatten erquickendes grün hebt sich aus der 
kleinen elysischen ebene an den bergsäumen hinan; besänftigt rolt 
ein klarer ström milde wellen! Alles ist heitre sc hatte nr üb nach 
wildem stürm des lebens."^ Auch Schiller erscheint dieser durch- 
gang wie eine Wanderung durch das reich der schatten zu einem 
lachenden gelände, und wenn er mit dem wünsche schliesst 
aus des lebens mühen und ewiger quäl 
möcht' ich fliehen in dieses glückselige tal, 
so klingt dies fast wörtlich au die scblussworte jener Schilderung an. 

Str. 4 führt im wesentlichen eine bemerkung am schluss von 
Goethes briefen aus der Schweiz (XVI, 290 H.) poetisch aus; dagegen 
erkent man in der folgenden wider eine geniale umdichtung der Schil- 
derung Fr. Bruns s. 354 „Wir erreichten diese höhe [des hospitiums], 
als eben die lezten blassen Sonnenstrahlen aus einer schneewolke . . . 
über den spitzen der Stella, Sorescia und Prosa hinglitten, der Fieudo 
aber, die höchste felsenkrone des Gotthards, schwarzgrau im westen 

emporstarte [Andern tags] war ich frühe auf, um die hohe ein- 

samkeit einer frühstunde auf dem Gotthard recht zu geniessen. . . . 
Wie ruhig und vollendet lagen die hohen häupter im morgenstrahl, 
die grauen klüfte mit schnee gefült , die runden höhen mit moos beklei- 
det, die hohen zacken mit wölken umrauscht! Wer vermag diese Werk- 
statt der elemente, diese erhabene scheide der klimaten, diese gränz- 
mauer der läuder und sitten, ohne ehrfurcht anzuschauen? Alles war 
mir heilig, und ich trat leise auf den felsen, über den Jahrtausende 
dahingerolt sind." Man erkent hier unschwer die keime, welche die 
dichtuug Schillers in str. 5 und 6 lebendig entwickelte. Wie bei Frie- 
derike Brun treten wir auch bei Schiller, indem wir den gipfel des 
berges erreichen, gleichsam in das alle rh eiligste dieser wunderweit 
ein. Aber was hat Schiller aus dieser Vorstellung gemacht! Die phan- 
tasie des dichters hat hier instinktiv — denn zu seiner zeit gab es 
noch keine mythologische Wissenschaft — dieselben bilder geschaffen, 
mit denen einst die mythenbildende phantasie der urvölker die natur 
umkleidete. Wo die Brun „hohe zacken, von wölken umrauscht" 
erwähnt, da sieht er 

zwei zinken ragen ins blaue der luft, 

hoch über der menschen geschlechter, 



1) Tiozteros auch im original gespert. 



22 



340 - G. kettNEE 

drauf tanzen, iinischleiert mit goldenem duft, 

die wölken, die himmlischen töchter. 
Und wenn jene den Fieudo die höchste felsenkiono des Gotthard 
nent, so gestaltet er diese Vorstellung aus zu dem bilde der einsam 
auf unvergänglichem trone sitzenden gebirgskönigiu! ^ 

Wie in der zulezt angeführten stelle so bewundert Fr. Brun 
auch sonst in der einsamen unberührten felsenwelt die ursprüngliche 
natur in ihrer gigantischen kraft und wildheit. Es genüge zur Cha- 
rakteristik ilirer auffassung noch den au fang der beschreibung ihrer 
Gotthard- Wanderung hierher zu setzen: (s. 341) „Gleich hinter Steg 
geht die uns umgebende natur aus sanftem gefälligem reiz, von grosse 
umschirmt, zu einem herschenden style erhabener wildheit über .... 
Ruinen von gebirgeu liegen an den steilen bergfelsen in wilder pracht 
umher. Diese granitmassen von erstauneuswürdiger grosse sind wie 
denkmalile einer urschöpfung, die unsere Zeitrechnung übersteigt, in 
unzerstörbarer kraft umhergebreitet." Auch wenn man alle einzelnen 
einflüsse ihrer Schilderung auf die Schillersche dichtung gering anschlägt, 
in dieser auffassung der natur hat sie die algemeinste und tiefste Wir- 
kung auf dieselbe ausgeübt; dieser auffassung lieh Schiller poetischen 
ausdruck, indem er jene felseuöde als das geheimnisvolle, wunderbare, 
den menschen verschlossene reich furchtbar erhabener dämonischer 
gewalten darstelte. Wo die dilettantische dichterin breite landschafts- 
gemälde gab, welche durch die überall sich hervordrängende emplin- 
dung etwas zerflossen erscheinen, fasste er die grossen züge jener Schil- 
derungen scharf und klar in knappen und doch so lebensvollen Widern 
zusammen. 

3. Thekla. Eine geisterstimine. 

Eine stimme aus dem jenseits — eine erklärung der rätsei des 
lebens durch den hiuweis auf ein leben nach dem tode, in dem die 
schuldigen erlöst, die sich hassten versöhnt, die liebenden vereinigt 
sind — gewiss ein thema, das unter den Schillerschen gedieh ten zu- 
nächst etwas befremdendes für uns haben muss! Wenn irgendwo, so 
liegt es hier nahe, nach einer äusseren anregung zu suchen, durch 
welche Schiller sowol auf den stoif als besonders auf die eigentümliche 
behandlung desselben geführt wurde. 

1) Unter derselben ist also weder das Mutthorn (Düntzer) noch die Jungfrau 
(Goedeke) zu denken; wie käme übrigens leztere auch in diesen Zusammenhang? 
Die zwei zinken sind danacli ferner wol unter den neben dem Fieudo vorher gonan- 
tt'ii nindrigeren giprolii, der Stella, Sorrscia und Prosa, zu suchen. 



SCHILLEKSTUDIEN 341 

Wie der ausgang Theklas, so hatte einst aucli das Schicksal 
Werthers das grosse piiblikum unbefriedigt gelassen und in manchem 
leser, der vor der tragik desselben zurücksclireckte, fragen und zweifei 
geweckt. — Goethe selbst gab bekantlich der zweiten aufläge seines 
romans 1775 eine mahnuug an den leser mit auf den weg, Wertliers 
schatten^ selbst lässt er aus dem grabe den „guten seelen" zuru- 
fen : „Sei ein mann und folge mir nicht nach !'' — Gewiss mehr im 
sinne der empfindsamen leser waren die tröstungen über Werthers her- 
bes loos , welche zwei larmoyante gedichte im Teutschen Merkur von 
1775 brachten. Das eine, im juniheft (2, 193 — 94) „Lotte bei Wer- 
thers Grabe" ^ lässt Lotte in ihrem schmerz um den toten , dessen bild 
sie tag und nacht verfolgt, trost finden in dem gedanken an den tag, 

wenn der richter unsre tage wiegt, 
und nun offen auf der furchtbarn wage 
deine schuld und deine liebe liegt: 
dann, wo Lotte jenen süssen trieben 
gern begegnet, die sie hier verwarf, 
vor den engein ihren Werther lieben, 
und ihr Albert nicht mehr zürnen darf: 
dann, o! dräng ich zu des thrones stufen 
mich an meines Alberts seite zu, 
rufen wird er selbst, versöhnet rufen: 
Ich vergeh ihm : o , verschone du ! 
Und der richter wird verschonung winken; 
ruh' empfängst du nach der langen pein, 
und in einer myrten-laube trinken 
wir die Seligkeit des himmels ein. 

Ein pendant zu diesem liede folgte schon im augustheft (3, 97. 
98) „Werther an Lotten. — Von einem ungenauten." Anknüpfend 
an den lezten teil des vorigen gedichts lässt der Verfasser Werther aus . 
dem jenseits die geliebte trösten mit dem hinweis auf den frieden, den 
er gefunden, und die stete nähe, in der sein geist sie auf erden 
umschwebe. — Für uns kommen namentlich folgende verse in betracht: 

1) In demselben jähre erschienen zwei heftige tralctätchen gegen den mora- 
lischen Standpunkt des romans „Des jungen Werthers zuruf aus der ewig- 
keit an die noch lebende menschheit auf der erde " von Schlettwein, und „Wer- 
ther an seinen freund AVilhelm aus dem reich der toten" von Dilthey 
(Appell, Werther und seine zeit, s. 99 und 102 der 1. auf!.). 

2) Verfasser war v. Reitzenstein (Goedeke, Grun'driss § 236, 2). Über die 
ausserordentliche Verbreitung und bcliebtheit des liedes vgl. Appell s. 174, 13. 



342 G- KliTTNER 

Weine nicht! — es ist der sieg erkämpfet, 

(lieser sieg, errungen durch ein grab, 

und das innre toben ist gedänopfet, 

das mein scliöpfer meinem herzen gab. 

Weine nicht ! — ich habe sie gefunden, 

diese ruhe nach dem langen streit, 

und geheilet hat der tod die wunden, 

und geleitet mich zur Seligkeit. 

Ja, der richter hat in seiner rechten 

schon gewogen liebe mit vergehn; 

und da rief die stimme des gerechten 

mir verschonung auf der liebe flehn ! 

Jener nebel, der vor menschenblicken 

in dem dunkeln erdeutale hängt, 

sinket hier, wo ewiges entzücken 

seiger zukunft meine blicke lenkt. 
Man sieht aus den angeführten stellen, dass die empfindungen 
und vor allem die poetische Situation in diesen liedern des Merkur in 
dem Schillerschen gedichte sich auf das auffallendste widerspiegeln. 
Dazu komt noch die genaue Übereinstimmung in der äusseren 
form. Wir haben hier wie dort, wenn wir dieselbe — wie üblich — 
nach dem antiken schema bestimmen , vierzeilige Strophen , gebildet 
aus trochäisohen pentapodieu,^ die abwechselnd katalektisch und akata- 
lektisch ausgehen und dem entsprechend durch gekreuzte männliche 
und weibliche reime gebunden sind.'-^ 

So eng sich aber auch Schillers gedieht in seinen grundzügen 
an jene Vorbilder im Merkur anlehnt, so dient doch auch hier, ebenso 
wie beim Berglied , der vergleich viel mehr dazu , die eigenartige grosse 
seiner dichtung als die abhängigkeit derselben uns zum bewusstsein zu 
bringen. — Die hofnung auf das jenseits als eine entsehädigung für 
das diesseits , die Vorstellung einer fortsetzung der irdischen existenz 
ohne die mängel derselben, diese volkstümlichen anschauungen, welche 
in jenen dilettantischen versuchen ihren gefühlsseligen ausdruck gefun- 
den hatten, konte Schiller nicht aussprechen, der einst (im 24. briefe 
über die aesthetische erziehung) eine grenzenlose dauer des daseins 

1) E. Belliiig, die raetrik Schillers, Breslau 1883, s. 100. Richtiger wird 
man darin viermal gehobene vcrse mit meist zweisilbigem auftakt und gelegent- 
lichen zweisilbigen Senkungen sehen. 

2) In den gedichten des Merkur sind zwar die strophen äusscrlich nicht 
abgeteilt, indessen durch das eintreten der neuen rcimpaare, satzabschnitte und 
mitunter auch durch die anaphora deutlich geinig geschieden. 



SCHILLEESTUDIEN 343 

und Wohlseins ein blosses ideal der begierde, eine forderiing, die nur 
von einer ins absolute strebenden tierheit aufgeworfen werden könne, 
genant hatte. AVenn er hier, wie in einigen anderen dichtungen der 
späteren jähre ^ doch an der hofnung auf Unsterblichkeit festhält, so 
hat er dieselbe vertieft und vergeistigt. — Er geht im gegensatzo zu 
jenen liedern von dem gedanken aus, dass Theklas leben in ihrer liebe 
an sich, ohne riicksicht auf das äussere Schicksal, seinen gehalt und 
seinen abschluss gefunden liabe; das jenseitige leben fasst er wesentlich 
ethisch, als eine erfüllung des glaubeus au die macht und Wirksamkeit 
der ideale. Der schluss: 

AVage du, zu irren und zu träumen, 
hoher sinn liegt oft in kind'schem spiel, 
hebt das ganze gedieht in die Sphäre der von jeher von Schiller ver- 
tretenen anschauung, dass wir für die (transcendenten) ideale so leben 
sollen , als ob sie Avirklich dereinst ilire erfüllung fänden. 

So lässt auch dieses gedieht trotz der fremdartigen einkleidung 
echt Schillerschen gehalt erkennen , und so mag es uns nicht wundern, 
wenn wir in der ungefähr gleichzeitigen ^ Braut von Messina einen 
bedeutsamen nachhall desselben finden. Akt lY sc. 9 tröstet Don Cesar 
die Isabella: 

Wir zogen ein 

mit friedenshoifnungen in diese tore, 

und friedlich werden Avir zusammen ruhn, 

versöhnt auf ewig, in dem haus des todes. 

Wenn alle weit dich herzlos kalt verhöhnt, 

so flüchte du dich hin zu unserm grabe 

und rufe deiner söhne gottheit an; 

denn götter sind wir dann, wir hören dich; 

und wie des himmels Zwillinge dem schiffer 

ein leuchtend sternbild, wollen wir mit trost 

dir nahe sein und deine seele stärken. 
Zu den lezten versen vergleiche man noch den schluss von „Werther 
an Lotten": 

1) Vgl. G. Hauff, SchUlerstudien, Stuttgart 1880 s. 205 fg. — P. W. Scliniidt, 
Fr. Schiller, aus eines dichters religiöser gedaiikenwelt. Berlin 1872, s. 75 — 71). — 
Hoffmeister, Schillers leben, geistesentwicklung und werke V, 403 — 6. 

2) Tliekla wurde am 9. September 1S02 an Koerner gesant; am 11. Oktober 
drückte Schiller seine freude über den bcifall des freundes (im brief vom 19. sept.) 
aus und sezte hinzu: „Ich habe das liedchen niit liebe gemacht." Die braut von 
Messina hatte im märz begonnen, in jenem brief vom 9. sept. meldete er zugleich 
das rasche fortschreiten des dramas, am 15. novcmber waren bereits 1500 vcrse 
fertig. 



344 G. KETTNER 

Und mein geist folgt deinou frommen schritten 
au das grab, wohin dein schmerz dich führt. 
Schiller knüpft , wie es die voraussetzmigen des Stückes bedingten, an den 
antiken heroenglauben an, um in ganz analoger weise wie in „Thekla" 
auf eine über die lysis der tragoedie hinausliegende volle Versöhnung 
und erhebung hinzudeuten. — Ansätze hierzu finden sich schon in der 
Maria Stuart und Jungfrau von Orleans: auch hier wird die Unsterb- 
lichkeit gleichsam als die lezte perspective der tragoedie gezeigt, 
doch hängt hier diese Vorstellung auf das engste mit dem tragischen 
problem zusammen und schliesst sich unauffällig an die dramatische 
handlung an; man kann sagen, dass sie geradezu den für den Charak- 
ter der handelnden personen natürlichen abschluss der inneren läuteruug 
bildet. 

3. Tallbots sterlbemoiiolog. 

(Jungfrau von Orleans III, 6.) 

Dass Schiller einzelne bedeutungsvolle Situationen seiner dramen 
im engsten anschluss an verwante ereiguisse seiner zeit, welche sich 
seiner seele tief eingeprägt hatten, ausgemalt hat, ist bekant. So hat 
er für die Schilderung der Max Piccoloraini erwiesenen todesehren die 
nachrichten über die bestattung Ewalds von Kleist verwendet,^ so fer- 
ner die ergreifende erzählung Don Cesars von der leichenfeier seines 
Vaters nach dem bericht über die beisetzung des herzogs Karl Eugen 
von Württemberg gedichtet.^ 

Noch nicht beachtet ist , dass die lezten worte des sterbenden 
Talbot, in denen er kurz sein glaubensbekeutuis zusammenfasst , ein 
ziemlich genaues citat aus dem testamente Friedrichs des Grossen ent- 
halten, in welchem der könig auch die summe seines lebens zieht. 
Dies testament'^ war im Oktober 1791 in Schlözers Staatsanzeiger abge- 
druckt. Die Zeitgenossen mussten durch Talbots wort 
bald ists vorüber, und der erde geh' ich, 
der ew'gen sonne die atome wieder, 
die sich zu schmerz und lust in mir gefügt — 

1) E. Boxberger, Ewald v. Kleist und Max Piccolomini, Archiv für littera- 
turgesch. IX, 1880, 563 — 67. 

2) E. Keller, Schillers besuch in Sehwaben und das gedieht „die ideale": in 
der fcstschrift der Badischen gymnasien zum jubiLäum der Universität Heidelberg, 
Karlsruhe 1886 , s. 80 fg. 

3) Vgl. Preuss, Friedrich der grosse als Schriftsteller. Berlin 1837, s. 220. 
Oeuvres de Frederic Ic grand (ed. de luxe) vol. VI p. VI. 253 fg. 



SCIIILLEBSTÜDIEN 345 

an die charakteristischen, oft citierten eingangsworte erinnert werden: 
„Je rends de bougre et sans regret ce souffle de vie qui m' aninie ä 
la nature bienfaisante qui a daignö me le preter, et mon corps aux 
elements dont il a ete compose." 

Es ist leicht zu verstehen , wie sich Schiller bei dem ende seines 
heldeu die erinnerung an das testament des grossen königs aufdrängen 
konte. In dem bilde des grössten heeresfürsteu und eroberers seiner 
zeit, der frei von allen glaubensvorstelluugen, von jeder hofnung auf 
eine überirdische weit nur die vernuuft zum leitstern seines handelns 
genommen , in dem rastlosen wirken auf dieser erde das ziel seines 
lebens gefunden und noch in seinem abschiede vom leben seiner Über- 
zeugung ruhig und klar ausdruck geliehen hatte, in diesem bilde mus- 
ten ihm dieselben grundzüge entgegentreten, von denen er bei der 
Schöpfung von Talbots Charakter ausgieug; ja mau kann vielleicht be- 
haupten, dass für die Charakteristik dieses grössten und würdigsten 
Vertreters einer nur im diesseits wurzelnden Weltanschauung überhaupt 
das Vorbild Friedrichs des grossen nicht ohne einfluss geblieben ist. — 
Vor Jahren hatte sich Schiller mit dem gedanken einer „Fridericiade" 
getragen, „Deine idee, ein episches gedieht aus einer merkwürdigen 
action Friedrichs des zweiten zu machen, fängt au sich bei mir zu 
verklären und füllt manche heitere stunden bei mir aus. Ich glaube 
dass es noch dahin kommen wird , sie zu realisieren .... Ein schönes 
denkmal würde auch Voltaire darin erhalten. Was es mir auch kosten 
möchte, ich würde den freien denker vorzüglich darin in glo- 
rie stellen, und das ganze gedieht müste dieses gepräge 
tragen. Lass uns manchmal über diese Fridericiade mit einander 
plaudern." So hatte er am 19. märz 1789 an Koerner geschrieben. 
Am 28. november 1791 — so lange hatte ihn der gedanke beschäftigt 
— hat er gefunden: „Friedrich II ist kein stoflf für mich, und zwar aus 
einem gründe, den Du vielleicht nicht für wichtig genug hältst. Ich 
kann diesen Charakter nicht liebgewinnen; er begeistert mich nicht 
genug, die riesenarbeit der Idealisierung an ihm vorzunehmen." Es 
ist also dieselbe Stimmung, die er dem „realisten" Wallenstein gegen- 
über empfand. — Erscheint bei diesen Voraussetzungen die Vermutung 
noch gewagt, dass er später im Talbot die tj'pischen züge jenes Cha- 
rakters ganz frei und selbständig zu verwenden und zu einem Idealbild 
zu gestalten unternahm ? 

SCHULPFOETE. GUSTAV KETTNER. 

(Fortsetzung folgt.) 



346 

EIN UNBEKANTES DRAMA VON LEONIIARD CüLMANN. 

Den von Goedeke Grundriss IP, 381 aufgeführten dramen des 
Nih'iihevgor predigers Leonliard Culinanii bin ich im stände ein neues 
noch unbekautes hinzuzufügen. 

Von der Hochzeyt | Isaacs vnd Rebecce, ein spil nützlich vn j 
tröstlich den ehelewten, auch jungen gesellen, vnnd | Junckfrawen , so 
ehelich wollen werden, züge- | rieht durch Leonhardum Culmann. j 
[Bild.] Wilt das die ehe geraten sol | So liß mit fleyß dises spil wol | 

Am ende : Anno salutis. M. D. XL VII. | Gedruckt zu Nürnberg 
durch Georg Wächter. 36 bl. 8**. (Universitätsbibliothek zu Würz- 
burg.) 

Das Spil ist der ehrbaren und tugendhaften frau Sibylla Oelhel- 
fin geb. Baumgartnerin zu Nürnberg gewidmet. Er habe, sagt er, 
dasselbe der Jugend zu gut und zu einer Übung „nach unserem gepraucli" 
zur fastnacht verfasst, aber auch in der absiclit, damit dem teufel, der 
nicht nur krieg und allerlei unrat in der weit, sondern auch im ehe- 
lichen stände Uneinigkeit, trennung und Unwillen anrichte, durch gute 
lehr und beispiel gesteuert werden möge. Das spiel wurde bei der 
hochzeit der Sibylla Baumgartner von den schülern der spitalschule 
aufgeführt; da aber die brautleute der aufführung nicht bis zu ende 
l)eiwobuten , so entschloss sich Culmann auf bitte vieler frommen ehe- 
leute das spiel in druck zu geben. 

Durch fünf akte verteilt sich der an sich einfache und trockne stoff. 

1, 1. Isaak erwartet die rückkehr des von seinem vater nach 
Nahor in Mesopotamien gesanten knechtes. Ein uachbar erfährt von 
ihm seine absieht. 

2. Der nachbar lobt Isaaks frommen sinn. 
II, 1. Isaaks gebet. 

2. Ankunft der Rebecca mit dem knechte und der amme. 

3. Der knecht fordert Isaak auf, die gaste zu empfangen. 

4. Isaak begrüsst Rebecca und ihre dieuerinnen. 

Gott grüss euch zarte Junckfraw schon 
Hertzallerliebste die ich hau 
Von hertzen begert in reyner lieb 
Seyt getrost euch nichts betrüb 
Got vnser Gott der euch hat glayd 
Vnd mir beschert solch grosse freyd 
Die ich heut hab, das ich euch sich 
Damit er hat begäbet «lich 
Der wirdt vns trösten mit seym wort. 



HOLSTEIN, EIN DRAMA VON LEONII. CULMANN 347 

Der knecht wird von Isaak aufgefordert dem Abraham die ankunft 
der Eebecca zu melden. 

5. Isaak reicht der Rebecca den ring: 

Der sol ein band vnd zeugnus sein 
Trew, lieb, vnter vns gar feyn 
Er soll die lieb zusammen binden. 
Beide begeben sich unter dem gesang der dieneriunen zu Abraham. 

III, 1. Sathan überredet durch geld ein altes weib, die Rebecca 
zum ungehorsam gegen Isaak zu verführen. 

Vberred die Rebeccam zart vnd schon 
Das sie iren man nit wöll giit thon 
Yngehorsam sein, murren vnd zanneu 
Zerbrechen häfelein und pfannen 
Kein güts freundtlichs wort sie im geh 
Was er will, gar darwider streb 
Ja auch nichts güts sie im thü kochen 
Ynd wan er dan schildt vnd wil pochen 
Das sie widr schelt biet im den trutz 
Vnd lauff im auß dem hauß in kurtz 
Zu irer freundtschaift wider heym. 

2. Marus und Polybius haben von Sathans vorhaben kentnis 
erhalten und wollen die ausführuug desselben verhindern. 

3. Beide suchen das alte weib von dem besuche bei der Rebecca 
abzuhalten. 

4. Sie werden vom knecht zur hochzeit geladen. 

5. Der knecht weist das alte weib ab. 

IV, 1. Der knecht preist das glück einer frommen ehe. 

2. Abraham dankt gott für seine weise führung und ladet das 
brautpaar und die gaste zum mahle ein. 

3. Die eingeladenen erklären sich bereit der einladung zu fol- 
gen. Auch Polybius und Marus haben sich eingefunden. Marus sagt 
zu dem erstereu: 

Secht zu euch herr, die banck hat kracht 
Ir seyt villeycht darauff zu schwer 
Doch ich trag auch die gm ein gefehr. 

4. Abraham ermahnt das brautpaar zu gottseligem wandel in 



der ehe. 



Der Ehlich stand wie man denn list 
Von Got selbst gstiflft vnd eingsetzt ist 
Vor der sünd vnd straff im Paradeyß 
Da Got selbst zammen gab mit fleyß 



348 nOLSTKIN, EIN DRAMA VON LEONII. CCLMANN 

Adam vnd Ena segnet die 

Dali solten leben in zucht alliio 

In einhelliger lieb trew vnd wil 

Züsafn sich halten in der still 

p]iu hertz , ein gmüt , vuter in beyden 

Die nyemand dann der todt sol scheyden. 

In not und trübsal möchten die eheleute den glauben und das gebet 
als eine feste stütze betrachten ; in einigkeit und frieden möchten sie 
zusammenleben. Endlich segnet er ihren bund. 

Vnser Got der vns name an 

Der vns versprach sein hilft' zu than 

Vns hie auft' erd sein gab zu geben 

Der geb euch glück vnd seynen segcn 

Der allmechtig warhaftig ist 

Wie ir zu beiden theylen v^^ist 

In des vnd seynes Heylands namen 

Gib ich euch hie Ehlich zusammen 

Was Got züsam fügt nyemand scheyd. 

5. Der kuecht ladet zum hochzeitsmahl ein. Der britscher oder 
narr wünscht auch dabei zu sein. 

V, 1. Sathan wirft dem alten weihe vor, dass sie ihr verspre- 
chen, das brautpaar zu streit und Unfrieden zu verführen, nicht aus- 
geführt habe. Jene will einen neuen versuch machen. 

2. Die gaste unterreden sich über das gastmahl und bemerken 
das alte weih. 

3. Der knecht und der narr beschliessen sich des alten weibes 
zu bemächtigen. 

4. Der narr führt den beschluss aus und unter gesang wird 
das alte weih verhöhnt und verspottet. 

Wol her wol her ein altes weyb 
Wir wollen zerbritschen iren leyb 
Sie wolt wol auö" die bulschaff't gan 
Vnd wolt ein zwitracht richten an 
Ein gi'ite ehe zertrennen wolt 
Vom teuffel nams silber vnd goldt 
Was der für sich nicht richtet auB 
Da schickt er alte weyber ins hauß usw. 

Der epilogus enthält ermahnungeu und anweisungen, wie man 
den ehestand zu einem göttlichen akte machen könne. 



BIBLINGEß, LEXIKOGRAPHISCHES 349 

Der Verfasser zeigt nicht hervorragende dichterische Vorzüge; er 
behandelt aber seinen stoff in einfacher und ausprecheuder weise. 

Culmanns spiel ist in die dranien von Isaak und Rebecca, in 
denen man einen typischen stoff für christliche brautbewerbung und 
christliche hochzeit erkante, einzureihen und der von Job. Bolte, Mär- 
kische Forschungen 18, 202 fg. und von mir (Die Reformation im Spie- 
gelbilde der dramat. Litteratur des 16. Jahrb. Halle 1886 s. 83 fg.) 
gemachten Zusammenstellung hinzuzufügen. 

WILHELMSHAVEN. HUGO HOLSTEIN. 



MISCELLEN UND LITTERATUR. 

LEXIKOGRAPHISCHES. 
Schlesisch. 

(Fortsetzung.) 

Hofewage: das gespinste, welches die Untertanen jährlich ihren dorainien zu hofe- 
dienst spinnen und liefern müssen. Klein II, 222. 

Hofgrewitter bildlich : andere (in kaufmannsgeschäfteu) sollen durch anderwältige 
überhäuffung der geschäften und die hofgewitter verhindert, allzuverdrossen 
dazu sein. 23. 

Hocke-: Mens. Nov. undDec. pflegt man eine grosse anzahl rind- und scliweinevieh 
und absonderlich um Martini eine unzehlbare menge schaafe und schöpse auf den 
sogenandten hocke- und schöpseschlage abzuthun usw. A 1718 Aprilis 944. 

Höckeln, Höckelei, Höckenvogt, kleinhaudel treiben usw.: es gibt leute, die 
dennoch bein andern leuten und auf dem markte milchspeise, butter und obst 
kauffeu und neben dem ihrigen durch alte weiber über das ganze jähr damit 
höckeln lassen; wann solche unchristliche höckelei zu beschwerung des armen 
nechsten gereicht. — Und nochmals den frembden zum besten aushöckeln und 
verkaufiFen. — Sich solcher höckelei nicht unterstehen. — Als haben wir unsern 
verordneten glockenläutern und höckenvogt im ernst auferlegt — dass sie 
marktzieher — gestatten. Bressl. Kaufs- und Verkaufs -o. v. 1608. Die erklä- 
rung im DWB. 

Hollotzen stark schreyen, grosses getöse machen. Klein 201. 

-holz: in der bau-, zimmerleut-, maurer-o. v. 1605: Das stossholz aussetzen. 
Jedem 7 stösse (holz) für bader, mälzer usw. Schürholz ebenda. Solte lez- 
teres zu schirr ^ wagnerholz stehen? Knieholz siehe „Weltberufen" u. Wein- 
hold Wb. 36 «^ (Holz). 

Honigklössel in Luzin: A 1726 Junius 705. 

Hördler m.: sollen die geschösser tieissige anfacht haben, dass die Hördler die 
wasserfass — so sie wegen fewrsuot auff die wagen (vor den türen der bürger) 
nit fallen lassen, so sie dem bofeldichshaber einzufordern anzeigen sollen. Bau-, 
zimmerleut- u. maurer-o. 1605. Weinhold 37"'. Sielie DWB s. v. Hürdler; spe- 
zilisch schlesisch - Broslauisch. Heinsiiis WB I, 772. 



350 BIRLINGER 

HUbel, kleiner berg, hügel, sclilosisch - mitteldeutsch : beim kniramen hübel am 
riesengebirge; Zeissgenhübel bei Schmiedeberg. Im alem. gebiete unbekant, 
und wo es vorkomt geht' es auf huwil eule zurück. 

HiiiulesrüC'keu: örtlichkeit b. Greifenborg V 225. 

Huudsliuif ist eine von laugen brettern zusammengeschlagene Vorrichtung, welche 
eine schii'tliegcndc ebene bildet, auf der ein kleiner wagen (hund) mit 4 kleinen 
soliden rädern läuft, worin das erz von unten heraufgerolt wird. (Malapano) 
ZI, 218. Zum DWB und Veit. 

Ilundstagriges eis: A 1718 Jul. 1331. 

Huiigarische pflaumen: A 1725 Aug. 162. 

Jäscht m. : lasst der klugen Würmer ja seht 

noch mit Tj'rus purpur röten. Tralles 10. 
Mit sprudelndem getön schäum und jäscht und blasen menget 89. 
Jäscht ist, wiewol ursprünglich eins, doch in der bedeutung zwischen schle- 
sischem und alemannischem abweichend: bei ersterem ist das sichtbare zeichen 
des Schäumens, geiferns zu betonen; bei lezterem bedarfs dessen nicht. Alle wbb. 
übersehen das, blos der alte Berndt hat das richtige, er citiert auch Lohen- 
steins Kleopatra s. 64. Lohenstein gebraucht es in der bedeutung von Schillers 
,.gischt." 

Jauchen: diese blättern vertrockneten langsamer uud jauchten starck. A 1717. 
Aug. 180. 

Jesclike vulgo, Jaspis. V 31. 

Igel m. : es wird alles hier in schön geformten gläsern, so sie igel nennen, den 
gasten gereicht. Dieser keller wird der Schweinische keller genant uud so einer 
einen igel oder glas zerbricht usw. Dac. Simpl. 30 fg. nach Schröer beitrag zu 
e. wb. der d. mundartcn des Ungrischeu berglandes 1858 s. 35 ''. gläser die wie 
rheinweinrömer aussehen und hier ygel heissen. Z. I 162. Ein pokal mit einem 
fuss gedrehet, wie ein Bresslauer Schweidnitzischer keller-igel Kundmann 664. 

ludelte, bettübcrzüge, wie man hier spricht. Z. II 77. Dazu: weissgegitterte, 
weiss, rot und blau gestreifte leinwand. Weinhold s. v. zieche: inletleinwaud. 

Job: und sey es ihm endlich, wie es will, eine freundschaft die am ende nur unsere 
beutel zu fegen angesehen, die hole der, so hinder dem Job stehet. 
193. 

Juclitenwürstleiii oder in zarte leinwand eiugenäliete wachslichtlein soulagiren den 
appetit der kinder. A 1718. Febr. 653. 

Kad n. , gefäss für melil usw.: 

und glaubt, das wenige kann gottes segen mehren 
so wird das cad nicht leer. 
Scheibel Witt. 199. DWB V, 16. 

Kahl: so ist mit solchen kahlen schuften — kein mitleiden zu haben. 173. 
Algemein. 

Kalkkratze f., krücke zum kalkanrühren in der Bau-0. 1605: kalkkratzen, 
bereisen, dachhocken, rüstbeile, klobenseile, schrotwagen. 

Kämmelung f.: indem die seiden -wolle — durch die kämmelung sehr kurtz- 

harig worden. Kundmann 504. 
Kanone f. , schwere stiefel , schon in den Privil. 1653 s. 166 : insonderheit wird hic- 
mit ernstlich verbothen, dass kein knecht stiefeln mit absätzen von holtz oder 
sohlen und korckstückon uud knnonon, mützon mit mardern usw. tragen soll. 



liEXlKOGEAPHISCHES 351 

Karanzen: Do wird geblosa un getanzt 

do Avird an warst gebrota 
do wird halt tüchtig druf ka ranzt 
bä viela lusfga zota. Sal. Zobel 8G. 

Keutel oder nodos bekommen. A 1717 Sept. G9. Zog sich in einen keutel zu- 
sammen. A 1718 Mart. 783. 
Kiudelu, gebären. Kloin I 231. 

Kirchkiud n., pfarrkind, nicht hochdeutsch: anvcrtrawete kirchkinder. — Christ- 
liche kirchkinder allhie zu Hermannsdorf. Leichenrede II. Zobel, Vorwort: 

zum besuche des trostes bedürftiger kirchkinder. Hildebrand im DWB führt 

es auch au. 
Kirmessbrateu : nächst diesem gaben auch die eichein den bauren grosse hofnung 

zu fetten kirmess-b raten. A 1725 Majus 497. 
Klaff er, fistularia lutea, pedicularis, unkraut das dem körne sein Wachstum und 

ansehen räuberischerweise benimt. A 1718 Jul. 1385. 
Klaustern pl. hochzeitkleider: 

Der broitgum hot vo uba rua 
spunnfunkel noie klaustern ua 

optietlich is a uagezoin. Saloraon Zobel 47. 

Kleiber, ra. argillator: bey den kleibern soll der unterschied gehalten und einem 

frembden, als meistern zum tagelohne — 7 groscheu , 6 hei. Privil. 1652 s. 142. 
Kleindiug n. Grossding und kleinding, gastrecht, elendrecht, notrecht. — In 

das kleinding gehören die wörtliche schmehungen, eide. Bressl. Gerichts-0. 

DWB. hat diese stelle aus Haltaus , eclit Bresslauisch alt. 
Kleiuhaus: es sei Gross- oder Kleinhans. 158. 
Kleinziemer und Grossziemer. A 1725. Mart. 265. 
Klippeu, die, werden kaum 15 — 16 eilen in der höhe halten. (Versteinerungeines 

vermeintlichen menschen.) A 1718. Jun. 1235. 
Klopferfamilien (in Landshut) machen einen ansehnlichen teil der einwohner aus. 

Z. 11, 152. 
Klügeln: mancher aber wird klügeln und sagen, der pfennig den der einheimische 

kaufniann usw. 207, Ist das etwas seltzames wird vielleicht jemand seiner 

einbildung nachklügeln, dass usw. 77. 
Klüppel, hölzerner cylinder zwischen die herabhängenden leinwandlängen gelegt, 

damit sie nicht zusammenkleben usw. Z. II, 139. 
Knie: Red. A. Er hat nicht einen schlechten oder geringen kummer, der bald zu 

vergessen, oder den man unter den knien zubindet, wie man im Sprichwort 

redet. Leichenrede II. Vgl. Weinhold s. v. Krumm, u. DWB. Echt schlesisch. 
Knickerbein, Knickerliengst, ein gar geringes taschenmesser mit hölzerner schale 

zum zusammenlegen. Klein I, 241. 
Köcherei, schlesische: A 1718. Aprilis 944. 
Kolassen: von Polen, die geflügel, wildprät auf jhreu wägelin und ko lassen zu 

feilem kauf mit sich bringen. Kaufs- u. Verkaufs 0. 1608. 
Korn: besser gewiss körn als ungewissen haber, sagt der baner. A 1725. 

October 403. 
KSrneln: mit dergleichen klein gekörne Iten rötlichen crystallen. — Mit einer 

gleiclifals gokörnleten crystallimn rinde überzogen. V 19, 



352 BIBLINGER 

Kräuzlei'in f.: insonderheit sollen die alten weiber und krän zierin, welche nicht 
die wenij^ste Ursache des hohen tewren kauffs vnd steigenini,^ sind — sich fortan 
des einkaufi's vnd fiirkaufts des wildpräts enthalten. Würde aber jerj^end eine 
darwidor mit käutfen vnd verkäuffen thun vnd handeln, die soll ernstlich gestratft 
vnd von dem hünermarkt mit jhren kräntzlen gentzlich abgeschaffet werden. 
Kauf- und Verkaufs -0. 1608. Wahrscheinlich von den reif bogen, an denen das 
geflügel ausgehangen ward, so genant. 

Kratze: komt ein stolln in eine grübe, so übt er in üirem felde über und unter 
seiner sohle den stoUnhieb, soweit als man mit einer kratze (ferrum mcdiocre) 
reichen mag. Iglauer Bergrecht, Steinbeck I, 64. Bedeutung Veit BWb. 297. 

Krätzer m., rohrkrätzer, rohrlöffel: drehet er 'einen eiserneu nagel 1 fuss lang 
und daumen breit, gleich einem Hintenzieher oder krätzer. A 1718. Mart, 823. 
Bedeutung Veit BWb. 2i)8. 

Kraut: teure pflanzen wohlfeil kraut, bauerusprüchw. A 1725. Sept. 289. Kräu- 
tig echt schles. mitteld. Kundmann 492: kr<äutig v. reben; 549: faules heu 
oder k. 806 fgg. Weinhold wb. 47 \ 

Kräuter, die sich hier (Breslau) von allen übrigen einwohuern durch anzug, spräche, 
sitte, lebensart auszeichnen. Sie wohnen in der Nicolai-, Schweidnitzer und Ohlauer 
Vorstadt und auf einigen nahen dörferu. Erzeugen niedrige gartenfrüchte , rüthe 
und etwas getreide. Zum teil versorgen sie die stadt mit milch. Z. 1 , 170. 

Kräutergärten: was in Sachsen die kohlgärten, sind hier in Bresslau die kräuter- 
gärten. Der k. holde zier b. Scheibel Witt. 126. 

Kraytsclimayr: gleich hinüber (schlesischer ort) stehet ein offner k. (Müuchs 
Evangelium Ecformatum , lustiges gespräch zwischen dem teufel und den drey 
ketzern. Münster in Westf. 1617). Das wort also niisverstanden. 

Krebssaft m.: die gewöhnlichen tentatiunculas von anschmieren der gingivarum 
mit frischem krebssafte, hasenhirn, hauen- und taubenkammblut usw. haben 
wir ganz unkräftig befunden. A 1718. Febr. 652. 

Krechzen und reuspern: A 1725. Oct. 394. 

Kreckeu: brechen und krecken. A 1717. Sept. 33. 

Kreuzberg: ob wir unterdessen gleich manchen schweren creutzberg steigen 
müssen? Leichenr. II (1638). 

Kreuz- in Kreuzbrüder, bildlich: 

Wann kaum in mutterleib ein mensch bereitet worden 
geht bald sein trübsaal an, kombt in er eutzb rüder orden. 
Trauercarmeu zu Leichenrede I. 

Krimmern: jucken und kr immern am köpfe. A 1726. Aprilis 544. 675. Ein 
penetrantes krimmeru an armen, rücken, brüst, schenkein. 1717. Oct. 176. 
Röte so am meisten von krimmern erregt wird. 176. 

Christbeere: ja man sähe an denen sonst früh hervordringenden Christ-beeren 
noch wenig oder gar kein grünes. A 1725. Martins 263. S. Johannes- und 
Christbeersträuche. A 1718. Apr. 955. 

Krötensteine auch im schlcsischen aberglauben : lapides Bufonini ; viele vom gemei- 
nen Volke haben den aberglauben, sie kommen aus dem gehirne einer alten gekrön- 
ten kröte; der stein wird erlangt, wenn auf den könig der kröten im frühling 
gespien, alsdann, auf ein rotes tuch gesetzet, der stein aus dem köpfe von ihm 
ausgeworfen werde; hat die ki-aft alles gift zu elicieren. Andere halten sie für 
wcttor- oder dounersteine, weil sie aus der luft kämen. V. 178 fgg. 



LEXIKOGBAPHISCHES 353 

Kaffe f. oder Euffel, ein trinkglas von 'o auch 1 quart, mit einem benkel. Klein 
I, 265. Weinhold wb. 

Kurric'hter: eine sach auf kurrichter stellen. Wo die sache zuvor auff kur- 
richter bekommen were. Bressl. Gerichts -0. 1591. Sieh „Kurgericht.'* DWB, 

Lager, bodensatz, mutter, hefe, Weinstein: fehlt alsdenn dem weine noch die 
stärcke, so müssen ihm solche die feces oder das lag er geben, aus denen man 
den spiritum ziehet und hiermit den schwachen wein stählt. Oder — wird der 
schlimme wein auf das lager eines guten gezogen, wodurch sich jener um ein 
gutes bessert. Und dieses ist die Ursache , dass man anitzo von denen Wein- 
schenken gar schwer etwas lager erhalten kann, welches doch vor zeiten häufig 
zu bekommen war; wie denn auch vor zeiten die destillatores ihre aqoas vitae 
aus lauter weinlager präparierten, daher sie auch zu dato weinbrenner heissen 
usw. A 1718. S935. DWB VI, 67. 20. 

Liimmelbier : c. 1705 fieng man an das sog. lämmelbier zu verfertigen. Kund- 
mann 617. öiSi. Ein angenehmeres lämmel- oder luftbier. A 1717. S 95. 

Landdragoner, wie bei Hebel die „ strickreiter" = strichreiter; anderwärts über- 
reiter. sieh unten das wort, welches auch schlesisch gewesen zu sein scheint im 
sinne von acciswächter , steueraufseher, grenzsteueraufseher. — Sanctiones 1700 
s. 297. Ihr hauptberuf die verjagnng bösen gesindleins, grenzbewachung usw. 
Bei Kundmann 1122 sind postdragoner genant. 

Landeisen: im Buntzlauischen ein grauer eisenstein zum Greulich, ein rot und gielb- 
lichter zu Modlau und Neu-Hammer, daraus viel landeisen gemacht wird. V. 233. 

Landerblich adj.: den ausgesezten kayserlichen, sächsischen und landerblichen 
rechten gemäss. Sanct. 1577 s. 99. Feit DWB. 

Landleute hiessen ehedem die rittermässigen grundherm. „Die landleute so berg- 
vrerk bauen, Wasserführung auf der landleute gründen usw." 16 saec. Stein- 
beck I, 187. 

Latschig adj.: es gab auch etliche helle und kalte tage, doch war es mehrenteils 
latschig. A 1725. Decbr. 603. 

Lehnkutsche, -in öfter bei Kundmann 1177. 

Leichte f.: soviel als sie des eisen-steins (Dietersdorf, Ober- und Nieder -Leschen, 
Primkenau) brauchen, führen sie vor die esse, und tragen ihn nach und nach, 
wenn vorhero kalk darunter gemenget, um damit es ein leichte und recht gut 
leich gebe und das eisen seine gehörige schmeidigkeit erhalte, zu schraeltzen ein. 
Kundmann 268. 

Leichte, Xachleichte f., das kastrieren und die zeit desselben: ingleichen soll 
der Schäfer verpflichtet sein , die schafe oder lämmer , wann und oft es die herr- 
schaft begehret regulariter aber nach der leichte und abgenommener wolle zeh- 
len zu lassen; der nach-leichte soll er sich gänzlich enthalten bei vermey- 
dung hoher strafe, so zu der herrschaft befindung stehen soU. 

Kayser- und königl. das erb - hertzogtum Schlesien concemierende privilegia, 
statuta und sanctiones pragmaticae usw. Bresslau 1713. Christ. Brachvogel s. 135 
ad 1652. 

Heyne im DWB YI , 139 : das kastrieren ; 640 : das zeitwort davon ; ebenda der 
leichter. Mhd. lihten, glätten und aus dem Frankfurter baumeisterbuch = 
kastrieren. Diefenbach gloss. 104^ castrare lichten, lichtin. Nov. gloss. Lychten 
Voc. 1420 s. 78 *'. Dieser Yoc. v. Schröer 1859 (Prag) herausgegeben „ berührt 
sich näher mit dem schlesischen Voc. vrat. 8*''. 9 usw." Bei Schmeller I^ 1429 

EKIT8CHR. F. DEUTSCHK PHILOLOGIE. ED. XX. 23 



354 EIRLINGER 

aus Passau? Das wort ist nicht bairisch nachweisbar, ebensowenig' als schwä- 
bisch, wol aber ist es schlesisch und mitteldeutsch. Weinhold keut es nicht. 

Leiclizeicheii : sollen och vor der — frawcn K. selc Got den alinechtigen beten und 
alle Quatuortempova yni jare eyno vigilie mit sampt einem 1 eichzeichen und 
einer gesungener selemesse singen usw. 1449. Cod. Dipl. Sil. IV, 270. 

Leimet f. Leinwand mhd. linwät: des leimet- und garnkcuffens. — Leimet- 
reisser (wie altreisser?). Bressl. kaufs - und verkaufs-o. 1608. Gelige ley- 
met, von Seliger leymet (d. h. 8 viertel breit). 1G15. Cod. Dipl. Siles. IV, 231. 
Vgl. Weinhold, dialekt. 15. 

Lermstaiigre f. eine lange hagere frauensperson. Brieg. 

Lid u. leichte türe, laden; die liede, fensterliede usw. algem. bau-o. 1605. 
Berndt SO: liod. 

Lindelg'eld, geld für leinwand zu hemden. Cod. Dipl. Sil. IV, 335. Lindchen, 
kragen- und ärmelbändchen am hemd, wozu feinere leinwand gebraucht ward. 

Loinper: bei Salomon Zobel 74 sagt ein bauer ob einer reiraerei der niamsell: 
Gevotter, mir sein uagefuhrt; duas hebst ma ock getomper. 
Mir duhta wuU, sie war geluhrt, unds thuat uns au schuun lomper. 
Vgl. 5: Sie wissa's alle beede gutt Doss su a spossla lomper thutt. 

Lumpeuposseu , pl. Dann dergleichen lumpenpossen etlicher albern leut welche 
gemeiniglich auf ein monopolium, erpressung unbillichen wehrts und druckung 
der Verleger — angesehen seyend usw. 237. 

Lumpengüter: alle französisch genante lumpeugüter 115. Der französ. lum- 
pengüter könten wir entbähren 153. 

Lusche f. pfütze, lache, dorfteicb Cod. Dipl. Sil. IV, 123. Zusammensetz, mist- 
lusche, regen 1 US che Klein 248. Weinhold wb. 55°- (slavischen Ursprunges). 

Lutsche, eine hündin, wenn sie läufig ist. Klein I, 291. 

Mägdeschickerin, in der newen gesinde-o. 1608. 

Malteuer: Von Jauer. Weil es gar nicht schneyen will so bleibet es bey uns 
biss dahero ziemlich mahltheuer; solte der schnee noch ferner aussenbleiben, 
so möchte es auch wol mehl-theuer werden 1725. Febr. A. Weinhold 59". 

Mandel: Sogleich merkt man die reih von aufgetürmten höhen 

Der m and ein überall den bügeln ähnlich stehen. Scheibel 116. 

Mannefasnacht , sonntag Invoc. Aller leute fasnacht: auf negst kommendt man- 
nefastnacht, — allewege auff mannefastnacht usw. 1615. Cod. Dipl. Sil. 
IV, 231. 234. 

Marunke f., eierpflaume, nach Colerus im DWB. schlesischer terminus: das prunum 
Ibericum Tragi als eine blaue maruncke gestalt. V. 62. Dabei: einen braun- 
gelben, der dem pruno dulci amygdalino s. cerco nostrati, Germ. „ Spillerchen " 
gleichet. 

Massnehmung: dann auch hierinnen die masnehm ung (den verschiedenen erb- 
ländern bestirnte mauufakturzweige zuzuteilen) nachdem sie wol getroffen oder 
nicht, dem gemeinen handel mehr oder weniger beitragen kann. 253. 

Matätschen, eine art von flössen, auf denen das holz nach der Oder geschwemt 
wird von der Bartsch aus. Z I, 39. 

Matten im höhern stile auch bei Scheibel: 

Den abgemähten matten 
Kömmt so ein weiter oft besonders wohl zu statten. 88. 

Ort, dessen matten pracht 
Sich meilen weit erstreckt und einen teppicht macht. 103. 



LEXIKOGRAPHISCHBS 355 

MehlpJippe: abschaifung grober und klössiger niehl-päppe (f. kinder). A 1718. 
April 926. 

Mend, ein, geschrey, lärm, hader. Klein 11, 13. Weinhold 62" Es ist abkürzung 
von sacrament, fluch, schrei. IVIit mettc, wie Weinhold vermutet, hat es nichts 
zu tun. 

Mengeschäfer m. Meugeschafn. Einmengen swv. Bey den schäfern befindet 
sich dieser unterscheid, dass dieselbe entweder ums gern enge oder vorschafe 
gedinget oder wie andere dienstbothen um ein gewisses lohn gemietet werden — 
einem menge -schäf er aber sollen aufs hundert schafe passieren lOstück; doch 
auf gewisse mass und denen grossen schäfereyen, wo das gemeng um das 12te 
gehalten wird, ohne schaden. Sauet. 1652 s. 133. Mengoschaf s. 134. Vgl. ein- 
mengen: wann ein schäfer einmenget, so soll es geschehen mit gutem vieh und 
eintreffenden sorten. 1652 s. 135. Ich ziehe hierzu „mang" zwischen, unter; es 
sind zwischeuschafe , die nicht der herschaft gehören. Vgl. Weinhold 39''. „Ge- 
menge, aufs gemenge dingen heisst, wenn ein dienst- schäfer eine gewisse anzahl 
eigener schaafe unter seiner herrschaft-heerde schlägt und dagegen statt des 
lohns das 5. oder 6. schaaf bey der heerde , nachdem nemlich solche gross ist, 
vor sein eigen zu gebrauchen und solchem nach auch den 5. teil von dem aus 
der verkauften wolle, mertz-vieh und feilen gelöseten gelde zu geniesseu hat; 
hingegen aber auch pro rata s. anteil an denen Unkosten, so auf die woll- schüre 
und dem verkauf der wolle gehen, ingleichen zu denen schaaf -horden und der 
extra -fütterung, was nemlich über das deputat-futter angeschaft wird, beytragen, 
auch wenn eine seuche und sterben unter die schaafe kommt, gleichfalls den 
5. teil einbüssen muss." Hermanns Jurist. Lexikon 1741 fol. 11, 585. 

Messerstützgen: die können es behencken mit spiegeln, uhren , corallen, m es s er- 
st ützgen, bänderu, büchern usw. 121. 

J^listkasten m.: so wol auch die mistkasten, welche wider die alte Ordnung auf- 
gerichtet und gemacht sein, abgeschafft usw. Maurer- usw. ordn. 1605. 

Molkenteller: an den radisgen sähe man auch viel marquen vom erd-floh, mol- 
ckenteller aber gabs wenig. A 1726. Aprilis 440. Molkendieb ebenda, oft, 
(z. b. A 1718 s. 1600). Raupen, molkenteller, käfer, heydexen usw. Kund- 
mann 103. Weinhold wb. 62''. 

Mosanczern, zum, name eines bergwerks zu Niclasdorf. 1404. Steiubeck I, 107. 
(andere: zum sperling, zum cranichgrunde, zu den jungen und alten müsen, zum 
rysecht, zum rotenberg, zum knekniczern und zu molatschern.) Ob mosauczer 
deutsch? Es gibt ein solches wort für judenmatzen usw. 

Mostdampf m., dunsterstickung : kohlen- und mostdampf. A 1717. Oct. 220. 

Motwolf talpa. A 1718. Jul. 1387. 

Mummellocli, beim , sog. bei Landeshut. V. 

Nabelselinecke , Versteinerung, die Cochlea minor umbilicata levis — kleine glatte 
nabelschnec ke. V 175. 

Nachbier n.: da es (das fähnlein - ausstecken) doch zeichen allhier ist, wenn die 
krätschmer oder bierbräuer langwel oder nachbier zu vcrkauffen haben. Kund- 
mann 1146. 

Nachbleiben stv. Nachbleibung f.: auf den nachbleibenden fall (bei dienst- 
boten) aber schuldig sein , das folgende jähr im vorigen lohn weiter zu dienen. 
Sanct. 1652 s. 129. Nachbleibung: des schäfers auf- und abzug soll seyn 
auf Michaelis alle jähr, die ab- und aufkündigung usw. in nachbleibung des- 

23* 



356 BIRMNGER 

seil soll er verpflichtet sein usw. 1652 s. 136. In nachbleibung dessen (Unter- 
lassungsfall) mit gefängnis über nacht gestraft usw. Sanct. Contin. 39G. 
XaclikUnstelii: oder kijnte die natiir dergleichen dinge nachkün stlen, in steine 

reissen und ziehen. V 188. 
Nachlass: doch so (die Witterung in kälte) dass sie dann und wann noch immer 

nachlass bekam. A 1718. Jan. 520. 
Nachsiunung' f.: legte Schlesien nur gleichmässigen fleiss und nachsinnung auf 

die seiden -zeug, so würde gewisslich weder Frankreich noch Italien uns damit 

zu versehen, die mühe einzuwenden haben. 88. 
Nachsiegeln: dieser sich aber nicht leicht ein gewissen gemacht, vielfältig die 

Terras sigillatas otftmals ziemlich unförmlich nachzusiegeln. Kundraann 254. 
Nachzotteln: falsch sei der zobtenberg vom schlesischen worte zotteln abzuleiten, 

weil er weit und breit zu sehen und den reisenden gleichsam nachzottele oder 

sachte nachfolge. V 208. 
Nagen v. tode: die sehr besteubet sind (voll sünden) und der tod sie nagen wird. 

Leiclienrede IL 
Nahrhaft: es ist in der weit noch manch gesegnetes land, dessen einwohner nichts 

desto minder embsige, nahrhafte und reiche leute seiud. 78. So stecken her- 

entgcgen die gebürg (Deutsch -Böhmen) voll nahrhafter grundarbeitsamer leut 89. 
Naturgelehrter: ich habe mich oft gewundert, warum itzt in Deutschland unsere 

natur gelehrten nach art der Engelländer und Franzosen wenig oder gar keine 

anmcrkungon über Witterungen machen. Scheibel, Witt. 52 anmerk., DWB. hat 

ein part. aus Logau belegt. 
Nebelgifte A 1717. Oct. 178. 186. 
Neheluässe A 1717. Oct. 200. 
Nebelzug 207. 

Nehenast: die blut- uud pulsadern mit denen neben -ästen. Kundmaun 862. 
Nehenpfeuning: ein solcher pfeuning (der hereinkomt) ist wie adlersfedern , so die 

nobenpfonning aufzehret. 207. 
Nehensparren: über den nebensparr eii gegen ost vorbei in den dritten sparren 

— am kappfenster. A 1725. Aug. 167. 
Neege , f. ein häuflein: 

die huxtgäste ziehn a geldwatschker raus 

uu theern an' neege bihraa aus. Salomon Zobel 50. 

Mau sieht — au' ganze neege bücher stihn; — neege bihm = häufen böhm 

d. h. groschen. Zobel. 
Neinhruch, eine Vertiefung in die felsen. Z I, 301. 
Nieckscli, das hochspissige gras, dessen blättcr gegen die stengel rinnenweise bei 

einander liegen „so von den bauern niecksch genennet wird." A 1717. Oct. 186. 

Das sterbe -gras — wird sonst von den gemeinen leuten auf den dörfern auch 

niecksch oder mincksch genandt. A 1718. Sept. 1621. 
Norderseite: wenn deines gartens bau von kalter norderseiten 
wo ihn die rauhsten wind im blühen oft bestreiten. 

Scheibel Witt. 124. 
Notreif adj. : der Überrest von ähren 

der notreif worden war, schien stroh nur zu gewähren. 

Scheibel Witt. 16 mit anmerkung: ist von den feldern zu verstehen, welche hoch 

lagen. Weil der regen in der blute des kornes kam , so konte es unmöglich die 

rechte reifung erlangen. 



LEXIKOGRAPHISCHES 357 

Notreifen: eines habe ich und andere observieret, warum das koru an vielen ortlien 
genothreiffet hat und verdorben ist? A 1717. Oct. 204. 

Notsachen: die brüst zu vielen keichen und schlägebäuched g enothsachct. A 1718. 
Aprilis 922. 

Ohrenkrawer m. : daneben war er auch kein placentiner (zu allem ja sagend, 
augendiener) oder ohrenkrawer. Leichenrede II. 

Orber, ertrag, gewinn: des marktziehor orbers. Bressl. kaufs- u. vcrkaufs-o. 
1608. Den weitzen und was sie zu ihrem orber bedorft. — Bissweilen aber 
auch etliche kretschmer aus begicr unziemlichen gewinns von dem orber abge- 
standen und ihre heuser dermasscn vortelhafftigen von viirichtigen leuten jres 
müssiggangs halben — vormittet. Bau-, zimmerleut-, maurer-o. 1605. Zu 
Weinhold wb. 1022. Bergwerks - abgaben. Steinbeck I, 120. 

Örteru swv. , bestimmen, deutlicher machen, eine rechtliche Streitigkeit enden in 
der Breslauer gerichts-o. art. 25 (Wiesand jur. handwb. 1762 s. 795): excoptiones 
werden zweyerley weise vorgewandt und aufgebracht, entweder zu Vorschub und 
auffzug des kriegs oder aber die hauptsache zu örtern und enden, derwegen die 
ersten vorzügliche und dilatoriae exceptiones, die andern aber endtliche und 
peremptoriae exceptiones genant werden. Lexer II, 172. 

Ortzig, ortscheit, hauptstück der wage am wagen. Cod. Dipl. Sil. IV, 233. 

Päperle: mehr nicht als sparsam rapuntze und päperle zu markte brachten, 
A 1726. Martius 327. 

PUplein: von dem in Ober-Burgheira im Elsass gefundenen raehlmergel hätte man 
den jungen kindem päplein und müser bereitet. V, 285. Mehlpäppe: bei 
den kindern selbst injungierten wir die abschaffung grober und klössiger meel- 
päppe und an deren statt viel mehr dünne, suppen- förmige müsser. A 1718 
s. 916. 

PUpplerin f : sie ist nicht eine näscheriu und päpple r in, nicht ein durchlass 
und ausschlepferin , sondern eine vermehreriu derer hab und guter, eine gute 
wirtin. Leichenrede I. 

Parche swm. , pallisade, zäun: soll auch ein ieder haus-wirt seine hofereite, 
zäune, graben, parchen und was sonst zum dorf-frieden gehöret, bauständig 
und richtig halten usw. Sanct. U, 399. Cod. Dipl. Sil. IV, 117. Weinhold 68». 

Pascher, contrebandier; Z. II, 323: eine in Oberdeutschland gewöhnliche benen- 
nung der contrebandiers, von paschen, passare. 

Paschkaleru, aus Scheffer belegt, hat mit pokulieren, wie Weinhold wb. 68* meint 
nichts zu tun; es ist das bairische, also auch österreichische pakschieren, beig- 
schirer, sich geberden wie ein nebulo , nebulo selbst. Bluraauer gebraucht es; 
Denis in s. lesefrüchten weist schon auf -geschirr hin. 

Pedetschen: mau sah mit frieselflecken nebst der pedet sehen gift den ganzen 
leib bedecken. Scheibel Witt. 20. 

Petschel oder Petschleh, ein kalb. Klein II, 48. 

Pfiindner: landschreiber und pfändtner. Exekut.-o. Bressl. 1628. 

Pfudel: haben sich wegen des vielen regenwetters grosse pfützen und ])fudel 
gesammelt. Kundmann 412. Weinhold wb. 69. („Budelnass" ebenda gehört zu 
pudel, urspr. langhaariger wasserhund.) 

Plente f.; un olle leite rimm und nimm 

die honn die schinnsta plenta um. Salomon Zobel 47. 



358 BIRLINGER 

Plüntscliig adj.: von aussehen ist sie (altes weib) noch völlig und plüntschig 
(hiesiger rcdensart nach) i. c. eusarca, carnosa gewesen. A 1725 s. 317. Wein- 
hold wb. 72". 

Pommer: Und muntre pommer sich durch bellen hören lassen. 

Scheibel Witt. 13, dazu unten: diese art von hunden ist besonders sehr wachsam 
und munter, ja unsere schäfer haben sie lieber, als die stärksten boUbeisser. Ob 
sie ihren Ursprung aus Pommern haben, ist mir unbewusst. Bei Weinh. wb. 73": 
Pümmer kleiner hund. 

Pommerisoher schluck A 1725. Aug. 227. 

PUpel ra.: und bald darauf wird eines weibes oder mannes gedacht, so den aus- 
getrockneten rotz oder die pöpel aus der nase genommen. Kundmann 1073. 
Wcinhold wb. 72". 

Popke, der, zu Briese, hat die stäupe eingeschleppt und vergrössert. A 1726. 
Junius 691. 

Pörschel: einige heissen ihn auch den pörschelberg — weil man einen pör- 
schel von stroh auf eine lange stange gestecket. V 20. Es ist der buchberg bei 
Landeshut. B